Streitgespräch: Kardinal Walter Kasper – Eugen Drewermann

Am 6. Feb. 1992 kam es im ZDF zu einem Disput zwischen dem Kirchenreformen fordernden Theologen und Psychoanalytiker Dr. Eugen Drewermann und dem damaligen Rottenburger Bischof Walter Kasper, der später zum Kardinal ernannt wurde und jetzt im Ruhestand ist. Das Publikum wurde weitreichend einbezogen.

Zum Image der RKK stellt Drewermann in Bezug auf das zwanghaft-dogmatische Festhalten an offensichtlichen Mythen wie der Jungfrauengeburt mit Wehmut fest:

„Wir stehen einfach lachhaft dar, wie wenn’s die Aufklärung nie gegben hätte!“

Jesus habe nicht ein einziges Sakrament gestiftet (wie ist das Abendmahl hier einzuordnen?) – sein Verdienst liege vielmehr darin, er habe „Ängste vom Menschen genommen, die immer wieder hinderlich sind, zueinander zu finden„.
Diese Aussage lohnt intensives Nach-denken, meine ich – sowie einer Ergänzung: Jesus hat den Menschen auf Grundlage der alttestamentlichen Zehn Gebote ein moralisches Leitbild gegeben, dessen Befolgung jenes Zueinanderfinden begünstigt, wenn nicht sogar erst ermöglicht.

Der seinerzeit für der Kongregation für die Glaubenslehre vorsitzende Kurienkardinal Joseph Ratzinger hatte in einem 1986 verfassten Schreiben an den Paderborner Erzbischof J. Degenhardt „große Besorgnis“ über Drewermanns öffentliche Äußerungen ausgedrückt und den Erzbischof angewiesen, Maßnahmen gegen Drewermann einzuleiten. Als Drewermann 1991 in einem Interview mit dem Spiegel die Jungfrauengeburt als biologische Tatsache angezweifelt hatte, wurde ihm von Degenhardt am 8. Oktober 1991 die Lehrerlaubnis für Dogmatik entzogen. Bald darauf wurde er mit einem Predigtverbot belegt und ein kirchliches Verfahren gegen ihn eingeleitet.

Der Entzug der Lehrerlaubnis und die spätere Suspendierung Drewermanns als Priester wurde von Befürwortern beider Seiten sehr emotional diskutiert – der Staatsrechtler J.Isensee sah in Drewermann den „Prototyp des selbsternannten Kirchenkritikers, der sich in und auf Kosten der Institution Kirche durch radikale Thesen und Veröffentlichungen zu profilieren suche“.

Kritiker der kirchlichen Vorgehensweise empfanden das Prinzip der „Bestrafung, Aussonderung und Zensur“ als nicht mehr zeitgemäß. Diese Kritik ist aus der Innenansicht der RKK schwerlich anwendbar – es handelt sich bei ihr nicht um ein demokratisches Gebilde, sondern von ihrer Führungs- und Willensbildungsstruktur um eine absolutistische Wahlmonarchie – ohne Gewaltenteilung, Papst übt gleichzeitig Regierung, Gesetzgebung und Rechtsprechung aus (auch wenn er diese Funktionen in Teilen delegiert). Wer seinen Lebensentwurf und berufliche Perspektive auf diese Institution festlegt, konnte die damit verbundenen Beschränkungen seiner kommunikativen Freiheiten im Vorfeld kennen und beurteilen.

Die Sicht von außen kommt freilich zu einer völlig anderen Einschätzung: um die Kirche, die sich nun einmal in der Person Jesu zentralisiert, fair zu beurteilen, sollte gefragt werden: Wie hätte sich Jesus verhalten? Eugen Drewermann sagt dazu: „An jeder Stelle, wo ein Menschen leidet, hätte Jesus jede beliebige Theorie über den Haufen geworfen.“ Ebenso würden die alttestamentlichen Propheten, so Drewermann weiter, scheitern am kirchlichen Lehramt.


Teil 1:

Teil 2:

Abseits der inhaltlichen Streitfragen regiere ich aus einem weiteren Grund mit einiger Betroffenheit: Das Niveau des vor 25 Jahren geführten Disputs, auch seitens der anwesenden Zuschauer, wird im gegenwärtigen TV kaum mehr erreicht – jedenfalls nicht in Talkrunden o.ä., die vor 22:00h ausgestrahlt werden. Ähm, Moment! Ich lese gerade, auch damals wurde diese erste Sendung der Reihe „Streitfall“ von 22:15-23:15 Uhr ausgestrahlt…

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