»Gott ja, Kirche nein« – ist es immer so einfach?

Streitgespräch zwischen Hanna-Renate Laurien und Eugen Drewermann (1992)


»Der Mensch wird von der Kirche zum Glauben gerufen und nicht zum Denken.« …schrieb Uta Ranke-Heinemann in der Einleitung ihres Buches Nein und Amen. Der Mensch sei, »wenn es ihn nach Wahrheit verlangt und wenn er damit nicht nur die von den kirchlichen Vorgesetzten vorgesetzten Wahrheiten meint, auf sich selbst verwiesen«. Von Ranke-Heinemann ist es nicht sehr weit zu Eugen Drewermann, beide waren der innerkirchlichen Hierarchie ein Dorn im Auge und ihnen wurde die Lehrerlaubnis in katholischer Theologie entzogen.

Auf den ersten Blick wurde die Unvereinbarkeit der Haltungen sichtbar: »Dogmen sind Lichter auf unserem Glaubensweg, sie erhellen und sichern ihn«, hatte Papst Johannes Paul II verkündet.
Drewermanns Antwort: »Die Dogmen sind Hindernisse auf dem Weg zu Gott«.

Mit einer Reihe von pointierten Aussagen fordert Drewermann zur Entscheidung auf:

»Gott ja, Kirche nein.«
Bereits mit diesen vier Worten liegt der ehemalige Priester einerseits ganz und gar auf meiner Linie…oder eher ich auf der seinigen. Schon bevor Johannes Paul II. den Apostel Paulus in lodernder Zustimmung zitierte – »Unzüchtige, Götzendiener, Ehebrecher, Lustknaben, Knabenschänder, Diebe, Habgierige, Trinker, Lästerer und Räuber«1,2 hätten im Reich Gottes nichts zu suchen – war mir klar geworden: in dieses ›katholische Reich‹ gehöre ich nicht, denn das Kleingedruckte wurde auch von mir laufend verstoßen und die Zweifel nahmen überhand.
Gleichwohl bedurfte es zum formalen Austritt sowie meiner inneren Verabschiedung von der RKK einer mehr als 20 Jahre andauernden Entwicklung, deren Konturen sich kaum auf zeitlebens aktive, praktizierende Katholiken anwenden lassen.

In deren Interesse dürfte weder das von Drewermann formulierte Entweder-Oder noch die harsche ›Ganz oder gar nicht‹-Haltung der Päpste Wojtyla und Ratzinger liegen.
Wer in dieser Katholischen Kirche seinen Lebensmittelpunkt gefunden hat und daher einen Austritt nicht einmal in Erwägung zieht, hat im Einzelfall vermutlich weit mehr zu erleiden uns seelische Nöte durchzustehen als jene, die ebenfalls den radikalen Schnitt vollzogen und diese Kirche verlassen haben.

Etwa unter einer Moraldoktrin, welche Drewermann als unmenschlich charakterisiert, »weil sie die Menschen mit starren Geboten und Verboten überfordert, statt ihnen zu helfen, sich von ihren Ängsten und aus ihren Nöten zu befreien«. 
Damit sind Symptom und Auswirkungen verkürzend und dennoch treffend erfasst, doch worin besteht das ›Rezept‹ für jene weiterhin Betroffenen, die sich »aus Gründen« nicht von diesem und zahllosen weiteren Zwängen und Druckpunkten ›befreien‹ wollen/können?

»In der Kirche gibt es Angst, Schuld und Opfer, gebraucht werden Vertrauen, Selbstwerdung und Befreiung.«

»Die kirchliche Lehre hat sich um seine Botschaft gelegt wie die Schale um eine Walnuss. Wir müssen sie zerbrechen, um an ihren Inhalt heranzukommen.«

Wer behaupte, Gott habe damals mit Wundern in den Naturverlauf eingegriffen und tue dies bis heute, fördere sogar den Unglauben: »Ein Gott, der alles kann, aber nichts tut, ist nicht glaubwürdig – angesichts von unendlich viel Leid auf Erden.«

(→ Vgl. »Von der Parkbank in die Hölle«, Spiegel, 1993)

Fairerweise müsste nun geprüft werden, inwieweit die RKK sich seit 1992/93 von den seinerzeit kritisierten Positionen hat lösen können. Soweit mir bekannt, ist zumindest die Wortwahl freundlicher geworden.-

Anscheinend wende ich meine Aufmerksamkeit zunehmend ›historischen‹ Disputen zu, vielleicht weil ich in gegenwärtigen Formaten die wünschenswerte Tiefe mitunter vermisse. Wahr ist aber auch: vor 25 Jahren, also 1992, fehlten mir persönliche bei weitem die Tiefe und die Geduld, mich auf einen zweistündigen theologischen Disput hörend einzulassen. Es ist also ein Glücksfall in einer Zeit zu leben, in der solche Gespräche aufgezeichnet werden und Jahrzehnte später verfolgt werden können.

Am 19. Juni 1992 übertrug das ZDF ein Streitgespräch zwischen Hanna-Renate Laurien und Eugen Drewermann, das im Rahmen des 91. Deutschen Katholikentages in Karlsruhe.

Zur Erinnerung:
Hanna-Renate Laurien (1928 – 2010) war als CDU-Politikerin von 1976 bis 1981 Kultusministerin in Rheinland-Pfalz, von 1981 bis 1989 Schulsenatorin von Berlin und von 1991 bis 1995 Präsidentin des Abgeordnetenhauses von Berlin. Sie war damals Vorsitzende des Zentralkommittees der deutschen Katholiken, der größten katholischen Laienorganisation in Deutschland. Laurien zeigte sich durchaus mutig: »Für mich ist Ratzinger nicht die Kirche.«

Den Ausgangspunkt des Disputs bildete Drewermanns zu diesem Zeitpunkt noch zentrales Anliegen, die katholische Kirche menschenbezogener und -freundlicher zu gestalten und das Ziel des Heilen weit mehr in den Vordergrund zu stellen als jedes Festhalten an Dogmen, mit denen sich nicht erst seit kurzem nur noch sehr wenige Mitglieder vollständig identifizieren können, wenn sie selbst-kritisch über deren Gegenstand nachdenken.


Anmerkungen

1 Das ursprüngliche Zitat entstammt dem 1. Korintherbrief:
»Wisst ihr denn nicht, dass Ungerechte das Reich Gottes nicht erben werden? Irrt euch nicht: Weder Unzüchtige noch Götzendiener, weder Ehebrecher noch Weichlinge, noch Knabenschänder, 10 weder Diebe noch Habsüchtige, noch Trunkenbolde, noch Lästerer, noch Räuber werden das Reich Gottes erben.« (1 Kor 6, 9-10)

2 In der Generalaudienz am 6. Dezember 2000 (»Am Kommen des Reiches Gottes in die Welt mitwirken«) erklärte JPII:
»In das Reich gehen die Personen ein, die den Weg der Seligpreisungen des Evangeliums eingeschlagen haben und als »Arme vor Gott« von materiellen Gütern losgelöst leben, um die Letzten der Erde aus dem Staub ihrer Demütigung zu erheben. […] In das Reich treten diejenigen ein, die die Leiden des Lebens in Liebe ertragen: »Durch viele Drangsale müssen wir in das Reich Gottes gelangen« (Apg 14,22).
[…]In das Reich gehen die Menschen mit einem reinen Herzen ein, die den Weg der Gerechtigkeit wählen, das heißt den Weg der Befolgung des Willens Gottes, wie der hl. Paulus mahnt: »Wisst ihr denn nicht, dass Ungerechte das Reich Gottes nicht erben werden? Täuscht euch nicht! Weder Unzüchtige noch Götzendiener, weder Ehebrecher noch […] Habgierige, keine Trinker, keine Lästerer, keine Räuber werden das Reich Gottes erben« (1 Kor 6,9–10).«

Von Barmherzigkeit und Liebe lese ich da wenig, aber viel von Leid und auch Unterwerfung. Klar, auch bei JPII finden sich Aussagen, die ich sogleich unterschreiben kann, zB »Jesus lädt uns ein, aktiv nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit zu suchen und diese Suche zu unserer hauptsächlichen Beschäftigung zu machen«. Stimmt, doch diese Suche werde ich nicht durch eine religiös-kommerzielle Organisation reglementieren und beschränken lassen.

Dieser Beitrag wurde unter Christentum, Diskussionsrunde, Filmdokument, Glaube, Jesus, Katholizismus, Kirche, Religionen abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar