Sinn des Leidens? Das Bild Gottes als ‚Kind mit Brennglas‘

Talkrunde mit E. Drewermann, Uta Ranke-Heinemann über den Sinn des Leidens aus dem Jahr 1992


In der ORF-Talk-Show Runde Club 2 diskutierten Eugen Drewermann, Uta Ranke-Heinemann (»Eunuchen für das Himmelreich«), Heinz Zahrnt und Pinchas Lapide u.a. über die Frage, ob Gott uns all das irdische Leid zumute und – falls dem so so sei – welche Entschuldigung sich dafür finden lasse.

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Mich überrascht wiederum, mit welcher Ignoranz aus einem ideologisch begrenzten Sichtfenster heraus die Kausalität glatt wegerklärt wird: die Verantwortung für menschliches Handeln wird auf Gott verlagert, da er ›das alles schließlich zugelassen habe‹.
Freilich geht nicht alles Leid auf menschliches Tun und Lassen zurück – Krankheiten (soweit es sich nicht um Zivilisationskrankheiten handelt) und Naturkatastrophen (soweit nicht Folge des menschengemachten Klimawandels) lassen sich heute hinsichtlich ihrer Entstehung erklären, obwohl sie nicht vom Menschen verursacht sind. Dadurch wird einerseits der sichtbare Leidensdruck kaum gemindert; die Lückenbüßer1)-Variante eines Gottesbildes, jene Verkürzung von Spiritualität auf den Tageswert des Unerklärten erscheint zudem abwegig und absurd.

Gleichwohl bleibt die Kernfrage der Theodizee für den Teil der Menschheit bestehen, welcher weiterhin davon ausgeht, das materielle Universum sei von einer Gottheit (oder Göttern) erschaffen worden bestehen: Wie kann Gott das Leiden und Sterben von Kindern zulassen, sogar von Säuglingen?

Wie weit kann die Barmherzigkeit – oder Allmacht – eines Gottes reichen, dessen ›höchste‹, weil selbstbestimmte Geschöpfe sich damit beschäftigen, die Welt zu zerstören (Umweltschäden gab es schon vor 1000 und mehr Jahren, u.a. auch Smog, z.B. im mittelalterlichen London) und sich gegenseitig umzubringen?
Wenn wir nach Seinem Ebenbild geschaffen sind, sollte dann nicht auch der Respekt vor dem Leben in jedem von uns angelegt sein?

Die Verteidiger des sogenannten freien Willens unter den Gläubigen jeder Religion werden auf eben diesen verweisen: Das ›Geschenk des freien Willens‹ impliziere zugleich das Potenzial, einander zu töten. Ist es wirklich so einfach? Wie kommt es dann, das sich auch unter den Personen, denen von anderen Menschen schwerstes Leid zugefügt wurde, durchaus nicht wenige finden, die nicht zu Vergeltung und Krieg aufrufen, sondern sich gegenteilig engagieren?

Mir fällt hier als ein Beispiel spontan Richard Wurmbrand ein. Es ist möglich, selbst unter dem Eindruck schwerster Repression nicht selbst dem dumpfen Drang nach Hass und rachsüchtiger Vergeltung zu erliegen! Eben dies stellt den Angelpunkt der Problematik heraus: Weshalb verfallen so viele dem Wunsch zu töten, obgleich ihnen niemals jemand etwas zuleide getan hat? Überspitzt formuliert: Welchen Wert besitzt dieser ›freie Wille‹ des Individuums für eine hierarchisch regierte und gesteuerte Gesellschaft – sowie für die Schöpfung als Ganzes?
Sofern das Leben auf der Erde nicht lediglich einen Ausschnitt aus einem weit gewaltigeren, größeren, für uns derzeit aber nicht erkennbaren Gefüge darstellt, geht die (ohnehin stark verkürzte) verkürzte Gleichung
›Gott = Allmacht * Allgüte * Allwissenheit * all das, wovon wir keine Ahnung haben‹ nicht auf. In diesem Falle wäre die heutige Menschheit nicht mehr als eines der letzten Kapitel von einem gescheiterten Experiment.

Muss Gott sich rechtfertigen?

Der Begriff Theodizee (›Rechtfertigung Gottes‹) bezieht sich also auf unser  Unverständnis, wie ein allmächtiger, -wissender und -gütiger Gott das in unserer Welt anzutreffende Übel und Leid bestehen lassen (und ignorieren?) könne.
Heinz Zahrnt legt dar, wie Menschen hätten uns zahlreiche ‚Ideologien‘ (zu denen er auch die Religionen zählt) geschaffen, nur um mit dem Tod fertig zu werden.

E. Drewermann hingegen stellt fest: Menschen können sterben an den sinnlosesten Zufällen. Er kritisiert den »biblischen Vorsehungsglauben« als wahrscheinliches Einfallstor für Atheismus in unserer modernen Zeiten und stellt die Sinnfrage:

»Ich denke, wir müssen die Bilderlosigkeit Gottes [„du sollst dir kein Bildnis machen…“2)] viel, viel radikaler nehmen. Das bedeutet, dass wir sehr viel hilfloser sind.
Wenn ich als Priester jemanden begleite, habe ich die Hoffnung, dass Gott ihm sagen wird, woran er sich halten kann. Ich hab‘ zur Seele des Menschen ein großes Vertrauen…dass sie ein wunderbares Organ ist, in dem sehr viel Hoffnung und Kredit liegt – vielmehr, als ich erzeugen könnte.
«

Hmm, es scheint, nicht wenige von uns sind außerstande, dieses Potenzial unter dem Eindruck von Schicksalsschlägen und unverstandenem, weil unverstehbarem Leid noch in sich freizusetzen. Ab einem bestimmten Grad der Traumatisierung sinken die Chancen auf eine Heilung – und dieses Maß wird tagtäglich überall auf der Erde überschritten.
Dies gesteht auch Drewermann ein: Hinsichtlich der Menschen, die zwischen Geborenwerden und Tod kaum eine Chance hatten, bleibe allein die Hoffnung auf »Etwas über den Tod hinaus«. → Eugen Drewermann bemüht sich um positive, bisweilen euphemistische Wortwahl, dennoch kann er nicht verhehlen, dass in drastischen Fällen schlicht nichts bleibt außer dieser höchst vagen Hoffnung.

»Ich möchte auch glauben, dass die Liebe nicht ganz sinnlos ist. Denn sonst wäre der Tod nur eine Übung, immer mehr abzugeben, bis man so arm wieder ist, wie man zur Welt kam. Ich möchte hoffen, dass es einen Sinn gemacht hat, zusammen zu leben.«

Eine abschließende Antwort darauf lässt auch dieser bald 30 Jahre zurückliegende Dialog erwartungsgemäß vermissen – und soweit ich die die einschlägige Literatur kenne, kamen auch in jüngster Zeit keine bahnbrechenden neuen Erkenntnisse zustande. Deshalb bleibt für mich bleibt als zentrale Aussage aus dieser Sendung haften:

»Ich verstehe Gott nicht.«

Vielleicht lässt sich konstatieren: wenn wir ehrlich sein wollen, sind wir alle außerstande, Gott zu verstehen. Zumindest nicht unter dem überlieferten Anspruch, wonach Gott handelnd in die Geschichte eingreife, um sich einerseits in seiner Güte und Herrlichkeit zu offenbaren und an anderer Stelle als eifersüschtiger, rächender ›Herr der Heerscharen‹ in Erscheinung zu treten (vgl. → Zebaot).

»[…] Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen, aber Barmherzigkeit erweist an vielen Tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten[2 Mose 20, 5.6 , Luther 1984]

Für mein Empfinden tragen die Kinder (Nachkommen) keinerlei Mitschuld an den Vergehen ihrer Väter; wo liegt insoweit der Anlass für ihre Bestrafung?

Leben wir nur, um uns selbst und unsere Lieben beim Sterben zu beobachten?

Möglicherweise sind wir gezwungen, uns mit dieser wenig befriedigenden Erkenntnis – Gott aus unserer heutigen Perspektive nicht verstehen zu können – abzufinden… oder uns dem Atheismus zuzuwenden. Letzteres erschiene mir reichlich inkonsequent: mich gegen eine übergeordnete Entität (es ist gleich, ob man diese ›Gott‹ nennt oder ›Vorsehung‹ oder einen neuen Begriff erfindet) zu empören, impliziert meiner Ansicht nach die Akzeptanz, dass diese Entität existiert.

Welchen Zeck, welche Bedeutung entdecken eingefleischte Atheisten in ihrem Dasein, wenn es kein Danach gibt? Für mich persönlich erschließt sich der Sinn der ganzen Veranstaltung, die wir ›Leben‹ nennen, nur unter der Voraussetzung, selbige als höchst unwägbaren und riskanten Abschnitt in ein übergeordnetes Gefüge einordnen zu dürfen.

Trotz aller Zweifel über seine Beschaffenheit, Wesensart und Gesinnung – bin ich auf das Konzept von Göttlichkeit und jenseitigem Weiterleben zwingend angewiesen, um meine irdische Existenz in ihrer Ungewissheit zu ertragen.
Die konkrete Ausgestaltung (Welches Gottesbild trifft am ehesten zu? Wie sieht das Jenseits aus oder kommt eine unterbrochene Kette von Wiedergeburten zustande? Wie verhält es sich mit der Rechenschaft, die wir dereinst ablegen werden? …) sind dabei keinesfalls ohne Bedeutung, aber zweitrangig gemessen an der alles entscheidenden Frage:
Erschöpft sich der Zweck unseres Daseins allein darin, in jüngeren Jahren den Spaßfaktor zu maximieren und anschließend uns selbst und jene, die wir lieben, beim Sterben zu beobachten?

Oder sind wir hier, um anhand bestimmter Erfahrungen zentrale Lektionen zu lernen und dadurch zu reifen – was nur möglich ist, sofern es nach dem physischen Tod irgendwie weitergeht?

Reicht eine einzelne Religion aus, um Antworten zu finden?

Wer in den vorformulierten Schriften einer einzelnen Religion ›seine‹ Antwort auf diese wohl uralten Fragen findet, mag damit selig werden… das meine ich ohne jede Ironie und abfälligen Unterton. Für jene, denen das konzeptionelle Gerüst einer einzelnen Buchreligion nicht alle zufriedenstellenden Antworten bereithält, hat Uta Ranke Heinemann aufmunternde Worte niedergeschrieben:

»Wenn der Mensch, der nach einer unmittelbareren, eigentlicheren und größeren Wahrheit verlangt, einfach fortgeht aus den vielen Wörtern und den leeren Predigten, kann es sein, dass eine neue und schöne und sanfte Wahrheit in seiner Dunkelheit aufgeht, die Wahrheit der Barmherzigkeit Gottes nämlich, die von den vielen kirchlichen Märchen verdeckt war und die doch die einzige Wahrheit ist und auch die einzige Hoffnung.«
(Nein und Amen, U. Ranke-Heinemann)

Für Ranke-Heinemann begegnet uns diese Wahrheit in der Person Jesu. Darum beneide ich sie und jeden, dem es ähnlich ergeht, der fündig geworden ist – wo auch immer. Persönlich bin ich auch mit über 50 noch immer stark geprägt von erzkatholischen Drohungen und Höllenvisionen. All diese Bedrohlichkeit des Zukünftigen hat auch mein Bild von der Person Jesu leider trotz aller inneren Distanzierung zur Höllenlehre so sehr verzerrt, dass ich dessen eigentliche ›Frohbotschaft‹ bisher zwar rational erfassen, aber kaum auf mich wirken lassen konnte.

Der Einfluss der düsteren Predigten und Erzählungen führte dazu, dass ich mit ›Jesus‹ als allererstes das Heulen und Zähneknirschen3)  assoziiere, wie es von Matthäus in der Rede an den Hauptmann von Kafarnaum (Mt 8,11-12) verwendet wird:

»Ich sage euch: Viele werden von Osten und Westen kommen und mit Abraham, Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen; die aber, für die das Reich bestimmt war, werden hinausgeworfen in die äußerste Finsternis; dort werden sie heulen und mit den Zähnen knirschen.«

Michelangelo lieferte die passende Visualisierung dazu, wenn man Wikipedia Glauben schenkt:

Detail aus Michelangelos Darstellung des Jüngsten Gerichts, Sixtinische Kapelle

Mit den Zähnen knirscht oder klappert man nur in einer Extremsituation, das war mir auch als Kind klar. Also schien es ’nach dem Tod‘ zwei Gruppen zu geben:

  1. die Vollkommenen, Reinen, die einen beinahe heiligmäßigen Lebenswandel vorzuweisen hatten – für sie waren anscheinend die angenehmen und tröstlichen Stellen in der Bibel gedacht, dachte ich mir damals.
  2. der schäbige, verkommene ›Rest‹ (wenngleich die überwältigende Mehrheit), also all die Leute, die es mit der spirituellen Reinheit selten genau nahmen und deren Lebenslauf bedenkliche Episoden enthielt – sie alle würden im Jenseits nicht ›der Himmel‹ erwarten, sondern eine fiese, immerwährendes Straflager namens ›Hölle‹ oder Verdammnis, wo eben jenes Heulen, Weinen und Zähneklappern an der Tagesordnung sei.

Für mich bestand absolut kein Zweifel, innerhalb dieser nur Schwarz und Weiß kennenden Jenseitsbetrachtung würde ich selbst zur zweiten Gruppe der auf ewig Verworfenen gehören – auch wenn Jesus sich auf der Erde noch mit Sündern abgegeben hatte, im Himmel wollten er und sein Vater nur jene Menschen dulden, die sich ernsthaft bekehrt und von da an nicht mehr gesündigt hatten.

Die Integration der Beichte in diese kindliche Sichtweise schmälerte die Furcht vor dem Jenseits freilich kaum: Der insgeheim vorgenommene Soll-/Ist-Abgleich hinsichtlich verinnerlichter Normen und eigenem Verhalten ließ nicht den kleinsten Raum für Illusionen.
→ An jedem Tag hätte ich zweimal zur Beichte rennen müssen, um gegen die Hölle ‚versichert‘ zu sein. Tatsächlich war ich in dieser Zeit ziemlich eifrig, wenn es ums Beichten ging – vermutlich war ich ›a pain in the ass‹ jedes Pfarrers und Religionslehrers, bei dem ich mich einzuschleimen suchte.

Der Segen einer durch seelischen Schmerz und permanente Zukunftsangst aufgezwungene ›Bekehrung‹ erschließt sich mir bis heute nicht: ein Ziel sollte realistisch erreichbar sein, sonst laufe ich erst gar nicht los. Da jedoch auch der hartnäckige Zweifel an der biblischen Überlieferung sowie der ›Heiligen Katholischen Kirche‹ mitsamt ihrer Dogmen zu den fatalen Sünden zählt – und ich dieses Zweifel schlichtweg nicht abstellen kann – ist dieser durch die katholische Lehre vorgezeichnete Erlösungsweg für mich verbaut.

Im Laufe späterer Jahre wurde mir bewusst: es kommt vorrangig auf die innere Einstellung und den Willen zur Integrität an denn auf formalisierte Rituale der Vergebung. Meine altersweise Großmutter machte deutlich: zuallererst müsse man sich selbst vergeben, mit sich im Reinen sein.

Dennoch blieb Jesus bis heute eine der Persönlichkeiten, die für die Drohbotschaft standen.
Unfair? Ja, vermutlich ebenso unfair, wie ein Kind tagtäglich mit finsteren Höllenmärchen zu bombardieren…so ganz bekommt ›man‹ das nie mehr aus dem Kopf raus. Das ist mehr als bedauerlich, denn wenn wir Jesus »nachgehen, spüren wir, dass er Gott gesucht und dass er Gott gefunden hat und dass er diesen Gott als einen jedem Menschen Nahen offenbaren und dass er jeden Menschen zu einem Nahen dieses Gottes und zu einem Nahen jedes Nächsten werden lassen wollte.« (R.-Heinemann).

All dem lässt sich auch Positives abgewinnen: die frühe, kindliche Sorge um mein Seelenheil wandelte sich mit den Jahren in eine mit Eifer betriebene Suche nach Denkanstößen, wie es sich denn wohl tatsächlich verhalte mit der göttlichen Vergebung.

Anmerkungen/Ergänzungen

  1. Ein Gottesbild degradiert die Gottheit zum Lückenbüßer, indem es diese jeweils für die Erscheinungen und Ereignisse verantwortlich und zuständig erklärt, welche bis dato noch nicht naturwissenschaftlich nachvollziehbar sind. Mit jede neu erkannten Zusammenhang in der Natur wird der vermeintliche Aktionsradius jener Gottheit ein wenig kleiner.
  2. Das Bildnis-Verbot lässt sich aus dem Dekalog nicht wegdiskutieren, wird aber von christlichen Gegenwartsreligionen vielfach ignoriert. Sympathisch an E.Drewermann ist insbesondere, wie er das Verbotensein umgeht und statt dessen zum Kern dieses Anliegens vorstößt.
  3. Die Phrase „Dort wird Heulen und Zähneklappern/-knirschen sein“ kommt übrigens sechsmal im Matthäusevangelium und einmal im Lukasevangelium vor: Matthäusevangelium: Mt 8,12; Mt 13,42; Mt 13,50; Mt 22,13; Mt 24,51 und Mt 25,30) Lukasevangelium: Lk 13,28
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