Prooemion (Goethe)

Wenn ich nicht mehr weiterweiß, gründe ich keinen Arbeitskreis, sondern werfe einen Blick auf die Gedanken kluger, herausragender Köpfe – ihnen sollte doch eher gelungen seinen, was mir mangels kognitiver Begabung und, wenn ich ehrlich bin, auch Bildung zwangsläufig versagt bleibt: ein wenig von dem zu erhaschen, was den Kern von Allem-was-ist ausmacht. Da konkrete, greifbare Antworten auf mein ständiges Fragen und Räsonieren nach dem Warum und Wozu (und ob wir tatsächlich in der besten aller möglichen Welten leben) ausbleiben, erhoffe ich mir von diesem Blick auf fremde ‚Notizen‘ neue Denkanstöße.

Prooemion, ein 1816 verfasstes Gedicht von Johann Wolfgang von Goethe, vermag solche Impulse zu geben, denke ich. Es „gehört es zu seiner weltanschaulichen Lyrik, in der er bestimmte Ansichten bündig-belehrend formulierte und symbolische Motive verwendete, die in vielen Alterswerken zu finden sind“.

Prooemion

Im Namen dessen, der sich selbst erschuf!
Im Namen dessen, der Sich selbst erschuf
Von Ewigkeit in schaffendem Beruf;
In Seinem Namen, der den Glauben schafft,
Vertrauen, Liebe, Tätigkeit und Kraft;
In Jenes Namen, der, so oft genannt,
Dem Wesen nach blieb immer unbekannt:

So weit das Ohr, so weit das Auge reicht,
Du findest nur Bekanntes, das Ihm gleicht,
Und deines Geistes höchster Feuerflug
Hat schon am Gleichnis, hat am Bild genug;
Es zieht dich an, es reißt dich heiter fort,
Und wo du wandelst, schmückt sich Weg und Ort;
Du zählst nicht mehr, berechnest keine Zeit,
Und jeder Schritt ist Unermesslichkeit.

Was wär‘ ein Gott, der nur von außen stieße,
Im Kreis das All am Finger laufen ließe!
Ihm ziemt’s, die Welt im Innern zu bewegen,
Natur in Sich, Sich in Natur zu hegen,
So daß, was in Ihm lebt und webt und ist,
Nie Seine Kraft, nie Seinen Geist vermisst.

Im Innern ist ein Universum auch;
Daher der Völker löblicher Gebrauch,
Dass jeglicher das Beste, was er kennt,
Er Gott, ja seinen Gott benennt,
Ihm Himmel und Erden übergibt,
Ihn fürchtet und wo möglich liebt.-
(Quelle: textlog.de)

Goethe beschreibt irdische Phänomene „als Zeichen einer höheren Wirklichkeit, die immer nur angedeutet und nicht in Gänze erkannt werden kann. So sieht das „sonnenhafte“ Auge immer nur die Farbe, nicht aber das Urlicht selbst“.

Diese Sichtweise impliziert einen beträchtlichen Vorteil: sie verlangt nicht danach, das Ganze zu (be-)greifen, verstehend zu erfassen – stattdessen gibt sie mit dem „Abglanz“ des Erfahrbarem zufrieden, welcher immerhin auf ein transzendentes Element verweisen kann (sofern der Betrachter offen dafür ist).

Als Stadtbewohner finde ich seltener hinaus in die Natur, als mir lieb ist. Gerade die Natur vermittelt mir aber einen Eindruck von dem, was Goethe hiermit gemeint haben könnte.

Übrigens hat sich sogar Joseph Ratzinger bisweilen einen schmunzelnden Ausflug ins pantheistische Denken gestattet ;).

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