Was wohl im Kopf führender Satanisten vorgeht?

Keine Leseempfehlung wird in diesem Beitrag, so viel ist mal sicher. In meinem gelegentlich etwas unkoordinierten Stöbern stolperte ich unlängst über längere Zitate aus der sog. „Satanischen Bibel“ von A.S. LaVey. Wer unbedingt will, findet mit einer Suchmaschine mehr als genug über Autor und Werk.

Deren Verfasser folgt ziemlich genau dem, was die allgemein üblichen Klischees dem Satanismus unterstellen (abgesehen von ‚düsteren, blutigen Ritualen‘, mit so etwas befasse ich mich nicht): er vermischt clevere Halbwahrheiten mit Vernebelung. Zwei zentrale Aussagen reichen mir, um solche Texte auch weiterhin mit größtmöglicher Skepsis und Vorsicht zu betrachten:

  1. Die explizite Befürwortung von Rache (wann erwuchs daraus jemals etwas Gutes?)
  2. Die Aufforderung: „Sage deinem Herzen Ich bin mein eigener Erlöser“.
    Nein! Das kann und werde ich nicht sagen, weder in meinem Herzen noch mit meinem Verstand. Denn so viel ist klar: nur aus mir allein heraus werde ich wohl niemals das erlangen, was ich mir vage unter Erlösung vorstelle. Wie unerreichbar es mir derzeit scheint, konsequent die andere Wange hinzuhalten und Gegner zu lieben (ein Punkt, für den LaVey nur Häme und Verachtung zu erübrigen weiß), dies offenbart doch meine eigenen ‚Chancen, in moralischer und persönlicher Hinsicht noch zu wachsen’…
    Hier könnte ich mich zwar mit dem Umstand trösten, wie überaus wenige Personen dauerhaft die Kraft zu einer wahrhaft gütigen Haltung gegenüber ihren Mitmenschen aufbringen…doch was nützt mir die Schwäche der anderen, falls jeder von uns irgendwann einmal persönliche Rechenschaft abzulegen hat?
    ‚Seines Glückes Schmied sein‘ meint etwas anderes als eine rücksichtslose, notfalls auch brutale Dursetzungsmentalität.

Die ferner in diesem Text forcierte Haltung „Segen den Starken – Fluch über die Schwachen“ dürfte ein paar radikalen Neo-Darwinisten vermutlich zusagen. Doch wie definiert sich Stärke, wenn nicht situativ? Wie sähe die Welt aus, wenn nur noch wutschnaubende Gewalthaber unter sich wären? Fände deren fortgesetzter Kampf um die Spitze überhaupt jemals ein Ende?
Ein Blick auf die politische Spitze der USA im Jahr 2017 zeigt mir sehr deutlich, was ich mich sicher nicht unter Stärke vorstelle. Zugegeben, ein positives Beispiel zu benennen fällt mir nicht minder schwer…vielleicht weil ‚Stärke‘ im Sinne von Überlegenheit nicht zu den charakterlichen Kategorien zählt, über die ich mir viele Gedanken mache.

Ferner fällt auf, wie dieser Satanist LaVey den unbedingten Erfolg im Hier und Jetzt betont, aber die jenseitige Welt beiseite zu lassen scheint – ist das die alte Falle? Die Verführten wird allerlei Tand für die diesseitige Gegenwart in Aussicht gestellt (nur, sofern sie sich als hinreichend stark und rücksichtslos erweisen), damit sie möglichst wenig wenig über das Jenseits nachdenken? Klingt folgerichtig, sofern es stimmt, dass ihr ‚Fürst‘ im Jenseits letztendlich nichts zu melden haben wird.
Vor allem aber: falls der Mensch nicht nur die Religionen erfunden hätte, sondern auch alles Göttliche – woher stammt dann Luzifer/Satan? Wäre er in diesem Fall nicht gleichfalls nur eine Projektion von Wünschen, Rollenbildern und einer verdrehten Variante des Über-Ichs? Anscheinend hat LaVey etwas von Feuerbach gelesen, doch wer die Existenz eines übernatürlichen Satans als gegeben voraussetzt, kommt auch an Gott nicht vorbei.

Wie in den meisten Texten und Büchern findet sich auch diesem die eine oder andere Passage, die nachdenklich werden lässt:

„Satan als anthropomorphes Wesen mit gespaltenen Hufen, Schwanz mit Widerhacken und Hörnern, (…) als Gott, Halbgott, persönlicher Heiland oder wie auch immer man ihn nennen will, wurde von den Gründern aller Religionen der Welt nur zu einem Zweck erfunden – um über die sogenannten bösen Handlungen und Situationen der Menschen hier auf Erden zu wachen. Daraus folgte, dass alles, was zu körperlicher oder geistiger Befriedigung führt, als „böse“ bezeichnet wurde – und somit wurde jedem ein Leben in ungerechtfertigter Schuld garantiert…“

Hierüber ließe sich durchaus kontrovers diskutieren: Existieren überhaupt (Gesinnungen und) Handlungen, die ‚absolut böse‘ sind – ganz gleich aus welcher Perspektive und unter welchem weltanschaulichen Paradigma sie betrachtet werden? Möglicherweise würde ich in einem Disput mit einem geschulten Philosophen (oder Satanisten) unterliegen, doch mindestens auf der gefühlsmäßig-intuitiven Ebene beantworte ich diese Frage mit einem klaren Ja. Als Beispiel nenne ich schädigende Handlungen, die in die körperliche und/oder seelische Unversehrtheit eines Individuums, insbesondere eines Kindes, unverhältnismäßig eingreifen: Menschenopfer. Jede vorsätzliche Tötung eines Menschen außer in Notwehr/Nothilfe, einschließlich der Todesstrafe. Vergewaltigung. Sexueller Missbrauch von Kindern und Schutzbefohlenen.

„Die sieben Todsünden der christlichen Kirche sind: Gier, Eitelkeit, Neid, Zorn, Gefräßigkeit, Wollust und Faulheit. Der Satanismus befürwortet jede dieser „Sünden“, da sie alle zu körperlicher, geistiger oder emotionaler Befriedigung führen.“

Das Vorhandensein menschlicher Grundbedürfnisse – nach Nahrung, einem Dach über dem Kopf, nach Sicherheit auch in materieller Hinsicht und sogar der bisweilen immer noch verteufelten Sexualität – keinesfalls als ‚böse‘ einzuordnen. Entscheidend für die Beurteilung menschlichen Verhaltens nach ethisch-moralischen Kriterien (ohne die eine Gesellschaft nun einmal nicht auskommt) ist, wie der Einzelne vorgeht, um diese Bedürfnisse zu befriedigen. Tja, und hier scheiden sich nun die Geister: das Recht des Stärkeren auf Kosten der sog. Schwachen eignet sich m.E. nicht im mindesten, um eine funktionierende Gemeinschaft zu errichten und zu bewahren. Das sieht LaVey anders, soweit ich ihn verstanden habe.
Gefräßigkeit und Faulheit vermag ich ebenfalls nicht als „böse“ einzuordnen, aber genauso wenig als erstrebenswerte Tugend – ein Drittel der erwachsenen Deutschen hat eine sog. Fettleber, was sollte daran positiv oder günstig sein?

„Satan ist mit Sicherheit der beste Freund, den die Kirche jemals gehabt hat, denn er hat sie die ganzen Jahre über am Leben erhalten!“
Diese Aussage ist schwer zu widerlegen (vgl. die Erzählung „Samaan und der Satan“, s.u.), doch was hat der Vatikan noch mit Gott und dem Inhalt der Bibel zu tun?
Aber mal ehrlich, Satan als Opfer von übler Nachrede klerikaler Kreise, echt jetzt? Mein Mitleid hält sich in Grenzen.

Siehe auch

Dieser Beitrag wurde unter Mythen abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar