›Wer stirbt, ist immer schuldig‹? – Gedanken zu Erbsünde und Karma

Vor drei Jahren kam es zu einiger Aufregung um Fernsehprediger und Pastor Wolfgang Wegert: Zwei Tage nach dem Trauergottesdienst und staatlichem Trauerakt für 150 Opfer des Germanwings-Flugzeugabsturzes in den französischen Alpen hatte Wolfgang Wegert in seiner Sonntagspredigt am 19. April 2015 erklärt:

»Denn wenn Menschen sterben, ob im Altersheim oder bei einem Flugzeugabsturz, sterben sie, weil sie schuldig sind.

[…] Denn auf Grund unserer Sünde haben wir alle den Tod verdient. Ohne Aufschub. Unsere Frage sollte nicht lauten ›Warum mussten diese sterben?‹, sondern sie müsste lauten ›Warum dürfen wir noch leben?‹«

(Was Wegert hier meinte: der Tod sei immer die Folge der (Ur-)Sünde …zwar sehr unglücklich formuliert mit dem Bezug auf ein Flugzeugunglück, aber Bestandteil des Glaubensfundus christlicher Theologie.)

Sehr viel muss man dazu gar nicht bedenken oder formulieren: die Kernfrage lautet:

Wie kann ein Säugling oder kleines Kind schuldig sein?

Lässt sich Sünde definieren als Es geht also um ein »Standard, den wir verfehlen oder eine Regel, die wir missachten«, so wird üblicherweise die Einsichtfähigkeit von Richtig und Falsch vorausgesetzt, damit aus einem regelwidrigen Verhalten eine Schuld, eine unausgeglichene Bilanz folgen kann. Ein Kleinkind mag wohl Regeln übertreten, doch es erkennt noch nicht die Auswirkungen seines Tuns und erst recht nicht, was daran möglicherweise falsch sein sollte.

Wer an der Erbsünde festhält, müsste diese Aussage im Grunde dennoch bejahen. Erbsünde bzw. Ursünde ist ein Begriff der christlichen Theologie für einen Unheilszustand, der durch den (seit der Aufklärung häufig auch nur symbolisch verstandenen) Sündenfall Adams und Evas herbeigeführt worden sei und an dem seither jeder Mensch als Nachfahre des ersten Menschenpaares teilhabe. (Wer Erbsünde glaubt, ›muss‹ auch der biblischen Schöpfungserzählung

Der katholische Pfarrer und Autor Dr. Jörg Sieger erklärt dazu:
»Die Neugeborenen konnten für diese Unheilszusammenhänge nichts, der Beginn dieses heillosen Zustandes lag weit in der Vergangenheit. Man erbte ihn ganz einfach, ohne eigenes Zutun, von den Vorfahren, von den ersten Menschen.

Das meint die Theologie mit Erbschuld. Wir sind in eine Welt hineingeboren, die – ohne dass wir etwas dafür könnten – in Unheils- und Schuldzusammenhänge verstrickt ist. Und weil wir in eine solche Welt hineingeboren werden – in der der Frömmste eben nicht in Frieden leben kann, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt -, können wir der Schuld gar nicht ausweichen. Wir sind von vorneherein in Schuld verstrickt, ohne dass wir sie selbst verursacht hätten1)

Gut erklärt, und dennoch mag ich mich damit nicht abfinden. Schuld erfordert nach meinem Verständnis eine persönlich begangene Regelverletzung. Hingegen ist der tragische Mechanismus klar: Wir werden in eine Welt hineingeboren, die ganz und gar nicht vollständig in Ordnung ist, das ist mehr als offensichtlich.
Diese Lehre von der Erbschuld löst bis heute eine emotionale Reaktion bei mir aus, ich fände es (nicht zuletzt als Deutscher vor dem geschichtlichen Hintergrund des 20. Jahrhunderts) ›einfach unfair‹, falls sich ein Lebewesen quasi mit Schuld unausweichlich infiziert, ohne eigenes Zutun. (Im weiteren Verlauf des Textes geht Dr. Sieger auch auf seine eigenen Bedenken zu dieser Lehre ein: Gott erscheine wie ein kleinlicher Buchhalter menschlicher Sünden:

»Was wäre das denn für ein Gott, der das Blutopfer seines Sohnes braucht, um nicht mehr beleidigt zu sein? Was wäre das für ein Gott, […] der wie eine Krämerseele daranginge, die einzelnen Sünden der Menschen genau aufzurechnen, um das entsprechende Bußopfer dafür zu verlangen?
So denkt kein guter Vater, und so rechnet keine liebende Mutter.«

Mir ist bewusst, viele christliche Theologen sehen eine direkte, zwingende Linie von der Erbsünde zu Kreuzigung und Auferstehung (vgl. → War die Kreuzigung Jesu notwendig?). Mit der Kreuzigung wird ein erlittenes Unrecht (die Folter Jesu durch Geißelung und Dornenkrone sowie die furchtbare, quälend langsame Hinrichtung am Kreuz) als etwas Positives gedeutet – der durch die ‚Erbsünde‘ von Geburt an belastete Mensch sei durch das Opfer Jesu in die Lage versetzt worden, den Tod zu überwinden.

Paulus erklärt im 1. Korintherbrief:

  • »Denn ich habe euch zuallererst das überliefert, was ich auch empfangen habe, nämlich dass Christus für unsere Sünden gestorben ist, nach den Schriften« [1 Kor 15, 3]
  • »Denn wie in Adam alle sterben, so werden auch in Christus alle lebendig gemacht werden.« [1 Kor 15, 22]
  • »Als letzter Feind wird der Tod beseitigt.« [1 Kor 15, 22]

Karmische Verstrickung als Alternative zur ›geerbten Schuld‹

Bloß, lässt sich mit subjektiver Anschauung und einer Menge Emotionalität so einfach die Kernaussage beiseite wischen, wonach der mit ›Erbschuld‹ bezeichnete Unheilszustand die Notwendigkeit der Erlösung durch Gott begründet?

Falls die Seele erst mit der Zeugung von Gott neu geschaffen würde (→ Kreatianismus), ergeben sich mehrere Plausibilitätsfragen:

  • Das Elternpaar ›zwingt‹ Gott gewissermaßen seinen Willen durch den Zeugungsakt auf?
  • Weshalb sollte etwas von Gott neu Erschaffenes, d.h. die Seele des im Werden begriffenen Menschen, bereits mit einem Makel behaftet sein?

Im Gegensatz hierzu steht der Generatianismus als eine christliche Lehre, wonach nicht nur der Körper, sondern auch die Seele im Zeugungsvorgang vom Vater über den Samen an das Kind vermittelt wird. Damit ließ sich die Vererbung mentaler Eigenschaften erklären.
Damit würde die gesamte Menschheit auch in seelischer Hinsicht von Adam abstammen, was die Vererbung der Sündhaftigkeit von Adam an alle seine Nachkommen begründen soll.
Hier entsteht nun die Frage nach dem Zutun Gottes bei der Entstehung eines neuen menschlichen Individuums. Ferner wird die Seele inzwischen kaum mehr als Teil des Körpers verstanden.

Hingegen geht die Präexistenzlehre davon aus, dass die Seele eines Menschen schon vor der Entstehung seines Körpers existierte. Hier liegt Vorstellung einer Seele zugrunde, die nicht fest an den Leib gebunden ist (›Körperseele‹), sondern nur vorübergehend im sterblichen Leib verkörpert (inkarniert) ist. Eine solche Freiseele benötigt den Körper nicht zwingend, sie kann bereits zuvor existiert haben und auch nach dem Tod des Körpers weiter existieren. Reinkarnation bedeutet also, die Seele die Seele mehrmalige Inkarnationen in verschiedenen Körpern durchlaufen kann.

Denkt man die Vorstellungen von Präexistenz und Reinkarnation weiter, kommt unweigerlich die Frage auf: Wie verhält es sich mich der Verantwortung? Wird die persönliche ›Handelsbilanz‹ jeweils nach dem biologischen Tod auf Null gesetzt, einfach so? Oder bleibt eine Schuld – hier verstanden als Notwendigkeit zur Herbeiführung eines Ausgleichs – über viele einzelne Inkarnationen so lange bestehen, bis eine Aussöhnung endlich zustande kommt?

Mit dieser Herangehensweise kann ich persönlich weitaus mehr anfangen, denn sie geht zwar ebenfalls von einer schuldhaften Verstrickung aus, welche aber in der Verantwortung des Individuums liegt und diese nicht einem fernen Stammvater namens Adam anlastet. Sondern: Mit dem Durchlaufen mehrerer Inkarnationen geht ein Prozess der ›Vervollkommnung der Seele‹ einher – wobei erfahrenes Leid nicht als zufallsblindes Schicksal und auch nicht als Kollektivstrafe eines rächenden Gottes aufzufassen sind:
Nach dem Prinzip von Ursache und Wirkung erfahren wir nur dann Leid durch andere, wenn wir es selbst schon verursacht und meist genau diesen Seelen angetan haben (Karma-Prinzip, d.h. Saat und Ernte).

Sich von Gott abgeschnitten zu fühlen, die schmerzliche Entferntsein von dem in der Bibel als Paradies beschriebenen Ausgangs- und Idealzustand ist demnach immer und ausschließlich das Resultat der selbst getroffenen Wahl …auch wenn gegenwärtig keine Erinnerung hieran besteht.

Ausführlich wird hierauf in folgenden Beiträgen eingegangen:

Quellenangabe

  1.  Unser Glaube: das Sprechen von der Erbschuld – Dr. Jörg Sieger

Zitierte Wikipedia-Artikel sind jeweils direkt verlinkt.

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