Theodizee – naturwissenschaftliche und theologische Deutung (2 Vorträge)

Theodizee (‹Gerechtigkeit Gottes› oder ‹Rechtfertigung Gottes›) bezeichnet  Antwortversuche auf die Frage: Wie ist das subjektive Leiden in der Welt vor dem Hintergrund zu erklären, dass Gott einerseits allmächtig, andererseits gut sei? Im christlichen Kontext: Im Christentum lautet die Frage also: Weshalb lässt Gott oder/und Jesus Christus all das Leiden zu, wenn er es doch verhindern könnte?


A. Vortrag von Prof. Gerhard Haszprunar: Naturwissenschaftliche Grundlagen zur Theodizee

Wirklich sehenswerter Vortrag und auch die anschließende Diskussion ist erhellend.

Haszprunar erläutert die Idee eines eines christlichen Panentheismus («Gott durchdringt die gesamte Schöpfung und ihre Gesetze, ist aber selbst mehr als alles»). In gewisser Weise wird dabei der/ein Glaube vorausgesetzt – einleuchtend: für einen Atheisten stellt sich die Frage erst gar nicht, weil ‚ein Gott ja ohnehin nicht existiert‘.

In einer Liebestat habe Gottes der geliebten Schöpfung einschließlich des Menschen unverbrüchliche Freiheit zugestanden. In diesem Konzept (→ vgl. Thesenpapier zum Vortrag1) erscheine Leid als eine unausweichliche Folge jener gewährten Freiheit:
Kein Mensch entscheidet sich immer für das vernunftgemäß Richtige, obgleich sich dadurch leidvolle Folgen absehbar vermeiden oder mindestens minimieren ließen. Gott habe uns das Geschenk der Freiheit gemacht – den einzigen wirklichen Liebesbeweis, zu dem Allmacht fähig sei. Freiheit impliziere zwangsläufig auch die Gelegenheit, sich wieder und wieder unvernünftig, ‚kontraproduktiv‘ zu entscheiden und dadurch Leid für sich und andere zu verursachen oder in Kauf zu nehmen.

Wie es wirklich um diese Freiheit bestellt ist, wenn jüngste Ergebnissen neurobiologische und neuropsychologische Forschungen2) mit bedacht werden, berücksichtigt dieser Vortrag nicht.
→ Lassen die Naturgesetze und damit die Beschaffenheit des Menschen einen freien Willen zu, wenn die Vorbereitung einer Handlung bereits durch bestimmte Gehirnaktivitäten nachweisbar ist1), bevor uns die Handlungsabsicht bewusst wird?
Und wie verhalten sich dazu bestimmte theologische Lehrmeinungen, wonach Gott durch uns wirke – sowohl zum Guten als auch, indem er ‹das Herz des Pharao verhärtete›?

Nun, letztlich machen wir von unserer subjektiven Freiheit tagtäglich Gebrauch – die entscheidende Frage laute daher: „Wie sollte ich in Freiheit leben, damit mein Leben einen Sinn bekommt?“

  • Einwand während der nachfolgenden Diskussion: Okay, Freiheit muss immer auch die Option des Scheiterns (der Fehlentscheidung) implizieren – doch wie verhält es sich mit der Freiheit im Jenseits (entsprechend der christlichen Vorstellung), wo ein Scheitern offenkundig nicht mehr vorgesehen ist?

Indes geht Leid zwar häufig, aber keineswegs immer auf menschliches Verhalten zurück. Die Freiheitsgarantie an die gesamte Schöpfung bedinge auch Naturkatastrophen etc. und verbiete auch ein direktes Eingreifen Gottes in das Weltgeschehen.

Diesen Punkt verstehe ich nicht ganz: ein gewaltiger Asteroid macht von seiner ‚Freiheit‘ Gebrauch, indem er nicht knapp an der Erde vorbei fliegt, sondern auf ihr einschlägt und damit das Aussterben der meisten Dinosaurier einleitet?
Nein, so ist es sicherlich nicht gemeint, denn Himmelskörper folgen allein naturgesetzlichen Wechselwirkungen (Gravitation und all das) – entscheidend ist hier die naturwissenschaftlich begründbare Annahme, dass Gott nicht korrigierend eingreife, sondern den einmal gestarteten ‚Uhrwerk Schöpfung‘ ihren Lauf lasse:

Quantenphysik und Evolutionsbiologie belegen einen zufälligen und indeterminierten Ablauf des Weltgeschehens.
⇒ innerhalb des naturgesetzlichen Rahmens ist prinzipiell nichts vorherbestimmt.
⇒ Wir leben in einer sinnoffenen Welt, d.h. Sinnfindung sei zwar nicht garantiert, aber möglich.

Ergänzend sei ein etwas älterer Vortag von Prof. Haszprunar empfohlen: → «Evolution oder Schöpfung? Versuch einer Synthese».  


B. Übel und Leid – theistische vs. naturalistische Deutung

Vortrag von Prof. Holm Tetens

Beide Vorträge weisen zwar keine Redundanzen auf, sind aber inhaltlich recht nahe beieinander. Von daher bietet es sich an, sie nicht gleich nacheinander zu ‚verschlingen‘.

Quellenangaben/Literaturhinweise

  1. Thesenpapier zum Vortrag von Prof. Haszprunar, auf forum-grenzfragen.de
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  2. «Willensfreiheit aus neurowissenschaftlicher und theologiegeschichtlicher Perspektive – ein erkenntniskritischer Vergleich», Alfred Gierer
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