Wenn ich arm bin, hab‘ ich nur meine Träume…?

Das Gedicht He Wishes for the Cloths of Heaven des irischen Dichters und Dramatikers William Butler Yeats (1865 – 1939) las ich u.a. auf dem besuchenswerten Blog von Johanna Schall, zusammen mit einem Yeats-Portrait von Augustus John, das ich nicht ‚klauen‘ wollte. (Auf Wikipedia findet sich diese Bleistiftzeichnung von John Singer Sargent:

William Butler Yeats (1908)

He wishes for the Cloths of Heaven
Had I the heavens‘ embroidered cloths,
Enwrought with golden and silver light,
The blue and the dim and the dark cloths
Of night and light and the half light,
I would spread the cloths under your feet:
But I, being poor, have only my dreams;
I have spread my dreams under your feet;
Tread softly because you tread on my dreams.

Hätt‘ ich des Himmels reichbestickte Tücher,
bestickt aus Golden- und aus Silberlicht,
die dunklen, die blauen und die hellen Tücher,
aus Nacht, aus Tag und aus der Dämmerung,
legt ich die Tücher dir zu Füßen.
Doch ich bin arm und habe nichts als Träume,
so leg ich meine Träume dir zu Füßen.
Tritt leise, denn du trittst auf meine Träume.

Was damit gesagt werden will, glaube ich zu verstehen, doch in mir regt sich leiser Widerspruch: Wie kann jemand arm sein, dessen Geist erfüllt ist von Träumen und von künstlerisch-schöpferischer Kraft? Kein Künstler, Musiker, Lyriker, oder Autor, der seinem Publikum auch nur ein be- und verzauberndes Werk hinterlässt, ist in meinen Augen arm zu nennen.
Auch wenn ein Mensch nur insgeheim träumt, musiziert, dichtet, malt, konstruiert, baut, spielt …, ist ihr innerer Reichtum gleichwohl vorhanden.

Und dann ist da noch die Zugewandtheit, die Bereitschaft des ‚lyrischen Ichs‘, das mit einem gewissen Unterstatement einem ‚lyrischen Du‘ etwas überaus Wertvolles zu Füßen legt: seine persönlichen Träume.
Warum Understatement? Na, das kommt auf die eigene Werteskala an… in meinen Augen besitzen das gezeigte Vertrauen wie auch die eigenen Träume weit größeren Wert als irgend ein glitzernder Tand aus der nächstbesten Geschenkboutique. Unter „des Himmels reichbestickten Tüchern“ kann ich mir nicht so viel vorstellen, außer eben einer Metapher für wundervolle Naturerscheinungen – die jedoch ‚leider nicht verschenken sind, wohl aber miteinander geteilt werden könnten.

Arm (in diesem Sinne) sind womöglich jene eher zu nennen, die – steinreich oder verarmt – in nüchterner Bitterkeit erstarren – so sehr, dass sich in ihnen nichts dergleichen mehr regt.

Sicher, bittere materielle Armut ist nicht klein zu reden. Auch mag sie Menschen davon abhalten, sich jemals ihren Neigungen und Potenzialen entsprechend zu entfalten. Doch wer ist eher zu beneiden: der Vermögende, der bis an sein Lebensende vielleicht nie genug an Immobilien-, Wertpapierbesitz etc. hat (ja, das Bild vom raffgierigen, innerlich leeren Geldsack ist reichlich stereotyp) oder eine unscheinbare, ‚durchschnittliche‘ Person, die innerlich voller Leben ist?
Wobei sich materieller und geistiger Reichtum/Kreativität keinesfalls ausschließen (müssen)…

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