„Wenn die Furcht für mich denkt…“

Wer das gar nicht von sich kennt, ist zu beneiden: jene schillernden Szenarien eines (vermeintlich drohenden) Schreckens, die zuerst in der eigenen Gedankenwelt munter wuchern und dann die Gefühlslage bestimmen – sich bei ‚optimalen‘ Bedingungen steigernd zur Angst vor Kontrollverlust: eine auf konkreten Auslösern beruhende Lage nicht länger beherrschen zu können.
Bezug sind hier also nicht irreale Ängste und Phobien, sondern die (Vorwegnahme von) Situationen, die eine Person in wachsende Unruhe versetzen.
Vielfach maßgeblich dafür sind vorhergehende, oft Jahre oder Jahrzehnte zurückliegende, schmerzhafte Erfahrungen, welche das assoziative Denken in unguter Weise prägen: dass ‚gebranntes Kind das Feuer scheut‘, weiß jeder.

„Ich bin durchaus nicht zynisch, ich habe nur meine Erfahrungen, was allerdings ungefähr auf dasselbe hinauskommt.“ (Oscar Wilde)

Mitunter werden Ursache und späte Auswirkung nicht so offensichtlich – auch ohne negative Erinnerung kann Furcht aufkommen. Ein Beispiel, das mir selber erhebliches Unbehagen bereitet: Die „Röhre“, also das MRT (Kernspin- oder Magnetresonanztomographie) – eng, sehr eng. Und zudem noch sehr laut – am schlimmsten aber:
‚Man käme da aus eigener Kraft nie heraus… wenn nun ein Feuer ausbräche…wenn dadurch der Strom ausfiele und der in klammen Fingern gehaltene Alarmknopf nutzlos würde…und wenn das anwesende Personal vor Rauch und Feuer fliehen würde… wenn der eingepferchte Patient allein zurück bliebe.‘
Man kann diese Vorstellung noch weiter treiben, doch die Anzahl der ins Absurde abgleitenden Und-wenn’s ist schon groß genug.

Huh…nicht schon wieder…

So ein Szenario ist äußerst unwahrscheinlich, aber es ist nicht völlig ‚unmöglich‘ – also kein Festhalten an Geistern, Flüchen oder sonstigen atavistischen Furchtobjekten, deren Auftreten aus naturwissenschaftlicher Sicht niemals zu erwarten ist.

Verständnis hinsichtlich der eigenen Befürchtungen durch Dritte sollte nicht vorausgesetzt werden – nicht weil es diesen an Empathie und Interesse mangelt, sondern weil sie die subjektiven Gegenstände und Ausmaße einer Furcht weder kennen noch nachvollziehen können. Mein gelegentlich zum Ausdruck gebrachtes Unbehagen vor der MRT-Röhre löst zumeist ein abfälliges Grinsen aus, anstelle eines geknurrten ‚Ach, jetzt stell‘ dich mal nicht so an, da passiert doch nichts‘.
Andere schauen wissend auf und nicken mitfühlend – jene Personen, denen es selber nicht geheuer ist, wenn sie in diese kreischende, dröhnende Maschine geschoben werden.

Eine Angst vor Kontrollverlust ist dabei nicht zwangsläufig, doch sie kann sich einschleichen – wenn man nicht aufpasst und beizeiten ‚etwas unternimmt‘. (Gegen meinen MRT-Termin kann ich nun wenig unternehmen (außer Valium, aber das wirkt viel zu lange nach); da muss ich ‚durch‘ – und ein Fluchtversuch würde das Spektakel nur unnötig verlängern). Nutzen und Risiken rational abzuwägen, verhilft durchaus zu der nötigen Einsicht: Diese Untersuchung ist nun einmal notwendig und sinnvoll.

Eine andere Form von Kontrollverlust kann jedoch auch befürchten, wer sich einer Bedrohung ausgesetzt glaubt, die in der subjektiven Wahrnehmung ‚immer näher kommt‘. Gegenstand der Furcht ist dann nicht ein ‚Ausflippen‘ (Toben, mit den Händen fuchteln, Rumkreischen, in den Teppich beißen – what ever), also der Verlust eigener Contenance – vielmehr entsteht die Vision einer zukünftigen Konstellation, welche sich womöglich nicht mehr aktiv steuern und gestalten lässt: Autonomieverlust.
Beispiel: der Tod als Zustand schreckt mich wenig, wohl aber der Gedanke an Siechtum, unerträglichen Schmerz und Hilflosigkeit – nicht mal den eigenen Willen noch ausdrücken zu können. Auch dies ist kein Hirngespinst, gerade am Lebensende könnte diese entsetzliche Lage eintreten.

Nur schaffe ich wiederum keine Abhilfe, indem ich mir solche Zustände endlos ausmale – damit würde ich mir bloß selber schaden. Eine sorgfältig erarbeitete Patientenverfügung ist da schon hilfreicher.

Der Autor des verlinkten Artikels spricht von Emotionen, die sich verselbständigen, „die dann das Ruder übernehmen, während aufdringliche Gedanken ein bedrohliches Szenario für uns heraufbeschwören, vor dem wir uns verteidigen müssen.“
Naja, Verteidigung ergibt sich im Angesicht von Konflikten – andere Situationen lassen nur zweierlei Vorgehensweisen zu: Aushalten oder Flucht.

„Auch wenn es in unserem täglichen Leben …der Faktor „Angst“ …präsent ist, dürfen wir ihm nicht die volle Macht geben.“

Gelingt dieses Bewachen und Eindämmen von Gedanken (die Emotionen erst auslösen bzw. verstärken) nicht, sind unsere Schlussfolgerungen und Urteile sind „nicht mehr rational und wir geben dem instinktiveren, weniger nachdenklichen und nicht logischen Autopiloten das Kommando“.

Die Folge davon ist permanenter Stress: ein „Zustand ständiger Hypervigilanz, immer in der Defensive, [wir] reagieren überproportional auf die unbedeutendsten Dinge, …und rechnen mit Dingen, die noch nicht geschehen sind“.
Ständiges Antizipieren von dem, was kommen könnte, ist Segen und Fluch zugleich. Strategisches Vorgehen, z.B. im Schachspiel erfordert solches Vorausdenken um mehrere Züge, andererseits ist ein Leben im Hier und Jetzt schwer möglich, wenn man andauernd mit dem Vorausahnenwollen befasst ist.

Die Kontrolle behalten – aber wie?

Die treffend beschriebene, fast schon paranoide Ausprägung kenne ich persönlich (noch) nicht, doch mir ist schon bewusst: ich sollte achtsam bleiben, damit ich mich auch nicht auf diesen abschüssigen Pfad begebe.
Das bedeutet freilich auch: in der Gestaltung von Lebensumständen und sozialer Kontakte erst gar keine Lage eintreten zu lassen, in der ich mich als Folge mangelnder Grenzsetzung über längere Zeit unterlegen, bedrängt oder gar ausgeliefert fühlen könnte.
Im Job ist das nicht immer möglich, doch selbst da kann das Gebot zur Selbsterhaltung lauten: Change it – or leave it.

Hinsichtlich konkreter Ratschläge empfehle ich die Lektüre des verlinkten Artikels. Zwei grundsätzliche Überlegungen daraus:

  • Gute Absichten zu haben, ist löblich – das bloße Wollen & Können reicht aber bei weitem nicht aus, sofern „in uns ein Knoten ist, der uns daran hindert, durchzuatmen und nachzudenken“.

„Die Wahrheit einer Absicht ist die Tat.“ (Hegel)

  • „In jeder Situation haben wir alle die Möglichkeit, auf die eine oder andere Weise zu reagieren. Die Wahl des besten Weges liegt in unserer Verantwortung.“
    Es kommt also drauf an, die innere Ruhe wieder zu finden (→ Entspannungsübungen, z.B. nach Jacobson), die eigene Situation so nüchtern und klar wie möglich zu definieren und dann geeignete Korrekturen vorzunehmen.

⇒ „etwas Kathartisches und Befreiendes tun, um einen Anfang zu machen.„⇐

Abschließend sei vermerkt: Man kann es mit der Kontrolle auch übertreiben. Es kann, jedenfalls für mein Empfinden, auch wohltuend und befreiend sein, die Kontrolle für eine Weile abzugeben… sich vertrauensvoll fallen zu lassen. In sicherer Umgebung, versteht sich.
Ein Übermaß an gewollter Kontrolle führt zu zwangsläufig zu Disharmonie.
Sobald das Kontrollieren jedoch zum (krankhaften) Zwang wird – zum unwiderstehlichen Drang, jeden Lebensaspekt und jede sich anbahnende Veränderung genau zu überwachen und so viele Aspekten wie möglich zu steuern – ist echte Lebensfreude nur noch ganz dünn gesät.

Quellenangaben

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