Vor 30 Jahren: Kölner Erklärung „Wider die Entmündigung – für eine offene Katholizität“

Bisweilen schüttet ‚man‘ (also, eigentlich meine ich jetzt speziell mich selbst) das Kind mit dem Bade aus und steckt alles, wo „katholisch“ draufsteht, in einen großen Sack, auf den man dann eindrischt. Dabei kommt die Differenzierung zu kurz – etwa der Umstand, dass meine Kritik (an der ich inhaltlich festhalte) sich wesentlich auf den Vatikan bezieht, während sich sowohl deutsche Bischöfe als auch katholische Theologen in Deutschland und Österreich mutig gegen das als repressiv wahrzunehmende Papsttum zur Wehr setzten.

Die „Kölner Erklärung: Wider die Entmündigung – für eine offene Katholizität“ (→ PDF) wurde 1989 aus Anlass der Ausdehnung der päpstlichen Unfehlbarkeit auf umstrittene moralische Fragen formuliert und von über 220 katholischen TheologieprofessorInnen unterzeichnet.

Ein wesentlicher Schwerpunkt: Auf der ganzen Welt wurde insbesondere unter Papst Johannes Paul II. zahlreichen qualifizierten TheologInnen die kirchliche Lehrerlaubnis in vielen Fällen verweigert – „…ein bedeutender und gefährlicher Eingriff in die Freiheit von Forschung und Lehre (…). Die Erteilung der kirchlichen Lehrerlaubnis wird als Instrument der Disziplinierung missbraucht“.

Beklagt wird u.a. bedrückende Tendenzen zur „fortschreitenden Entmündigung der Teilkirchen“, zur Verweigerung der theologischen Argumentation und zur Zurücksetzung der Laien in der Kirche – sowie ein Antagonismus von oben, der die Konflikte in der Kirche durch Disziplinierung verschärfe.
Die Professoren erklärten ihre Solidarität mit allen Christinnen und Christen, die an den jüngsten Entwicklungen in unserer Kirche Anstoß nehmen oder gar an ihr verzweifeln. Die Kirche müsse der permanenten Versuchung widerstehen, sein Evangelium von Gottes Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue durch Inanspruchnahme fragwürdiger Herrschaftsformen für die eigene Macht zu missbrauchen.

Die Theologen, obgleich im Dienst der Kirche stehend, sähen sich in der „Pflicht, öffentlich Kritik zu üben, wenn das kirchliche Amt seine Macht falsch gebraucht, so dass es in Widerspruch zu seinen Zielen gerät, die Schritte zur Ökumene gefährdet und die Öffnung des Konzils zurücknimmt“.

Vor fast genau 10 Jahren erschien der Artikel: „Kölner Erklärung“ heute leider so aktuell wie vor 20 Jahren“ auf der Webseite der Organisation ‚Wir sind Kirche‘. Darin heißt es: „Seit der heftig umstrittenen Enzyklika „Humanae vitae“ (1968) hat das römische Lehramt versucht, den Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils durch immer neue Verordnungen und Erlasse einzugrenzen und einzuengen und den Glauben der Kirche gegen vermeintliche Irrtümer von innen und von außen zu verteidigen. Doch statt sich hinter fixierten Formeln und unabänderlichen Sätzen zu verschanzen, sollte die Leitung [der RKK] das wachsende Verlangen nach Glaubenstiefe ernst nehmen“.
Nach Ansicht der katholischen Reformbewegung beschleunige von Furcht getragener, allein auf konservatives Bewahren gerichteter, höchst defensiver Kurs die „Verdunstung des Christentums in unseren modernen Gesellschaften“.

Was hat sich in den letzten 10 Jahren, also seit 2009 geändert?

Nun, mit Franziskus ist seit 2013 ein Papst am Ruder, der im Gegensatz zu seinen beiden letzten Vorgängern die Bereitschaft zu weitreichenden Reformen mitzubringen scheint. Freilich sind Kirche und Papst spätestens seit 2010 Getriebene der nicht enden wollenden Missbrauchskandale – zugleich zeigt sich ein kaum aufzulösender Konflikt zwischen konservativen ‚Bewahrern‘ und Reformwilligen innerhalb der RKK: Das Tempo der Veränderungen geht den einen viel zu rasch, den anderen immer noch zu langsam.

Franziskus hat es nicht leicht (vgl. „Fünf Jahre Papst Franziskus – Der gebremste Reformer„), doch auch er scheint seine Linie nicht immer nur mit feinen Mitteln durchsetzen zu wollen und sich bevorzugt mit Ja-Sagern zu umgeben.
Mehr als sechzig
Theologen werfen dem amtierenden Papst sogar Häresie vor, als er mit dem Schreiben „Amoris Laetitia“ u.a. einen offeneren Umgang der katholischen Kirche mit wiederverheirateten Geschiedenen thematisierte.

Vor einem halben Jahr war sogar von einem „Bürgerkrieg(es besteht eine Pay- bzw. Registrierungswall z.d. Artikel) inmitten der Kirche die Rede…
Wie dieser Konflikt am Ende ausgehen wird, ist jedenfalls für mich nicht absehbar. Zu befürchten ist: die Kardinäle, verschreckt vom nicht zu bremsenden Reformpapst Franziskus könnten im Anschluss an dessen Amtszeit im nächsten Konklave einen erzkonservativen „Benedikt XVII“ oder, noch schlimmer: einen herrisch-autoritären „Johannes Paul III.“ auf den päpstlichen Thron heben, der dann jegliche von Franz initiierte Öffnung und Erleichterung zurückdreht.
Die Konsequenz daraus – die tiefen Gegensätze und verhärtete Fronten lassen sich ja nicht per Anordnung eliminieren – wäre unter Umständen sogar ein Schisma, d.h. eine Abspaltung der Traditionalisten von den Reformern.

Derweil fragen sich Journalisten in Deutschland, von denen nicht immer alle auch die global agierende Weltkirche im Blick haben: „Die franziskanische Revolution ist zur franziskanischen Kapitulation geworden.“ (siehe „Ist Franziskus noch der Reformpapst?“ auf Zeit.de)

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