„Silentium!“ von Fjodor I. Tjuttschew

Silentium!

Schweige, verbirg dich und halte
deine Gefühle und Träume geheim,
lass sie in der Tiefe deiner Seele
lautlos auf- und untergehen
wie Sterne in der Nacht;
erfreue dich an ihnen – und schweige.

Wie soll das Herz sich offenbaren?
Wie soll ein anderer dich verstehen?
Begreift er, wodurch du lebst?
Ein ausgesprochener Gedanke ist eine Lüge.
Wenn du die Quellen aufwühlst, trübst du sie;
zehre von ihnen – und schweige.

Verstehe, nur in dir selbst zu leben:
es gibt in deiner Seele eine ganze Welt
geheimnisvoll-zauberhafter Gedanken;
sie betäubt der äußere Lärm,
die Strahlen des Tages vertreiben sie;
lausche ihrem Gesang – und schweige…

Über den Verfasser Fёdor Ivanovič Tjutčev, obgleich ein bedeutender russischer Lyriker der Romantik, weiß ich fast nichts. Auf sein Gedicht stieß ich indirekt durch den Film von Wim Wenders: ‚In weiter Ferne so nah‘ (1993).-

Fraglos erinnern wir Situationen und Momente, in denen wir besser geschwiegen hätten …also mir fallen jedenfalls ungezählte Augenblicke ein, wo Klappe halten die hilfreichere Option dargestellt hätte.

Mitunter bedeutet Schweigen die einzige verbliebene Chance, Beruhigung und Neubesinnung einkehren zu lassen. Die Erwartung, jede Spannung, jedes zwischenmenschliche Unbehagen lasse sich durch Reden, Reden und noch mehr (Zer-)Reden auflösen, erweist sich dann als unzutreffend.
⇒ Nicht Sprachlosigkeit
als Dauerzustand voller Trotz und Verbitterung, eher ein Atemholen und Nachdenken. Erlebtes erst einmal auskosten, es auf mich wirken lassen, bevor ich gleich wieder kommentiere, reagiere, voranschreite.

Silentium zeige „die völlige Impotenz des Wortes“, welches nicht in der Lage sei zu vermitteln, was in der Seele des Menschen, seinen inneren Erfahrungen und seinen Zögern vorgehe:
Jede Person – individuell und einzigartig in ihren Urteilen, Gedanken und Annahmen – existiere in ihrer ganz eigenen Vorstellungswelt und reagiere in der ihr eigenen Weise auf bestimmte Ereignisse. Folglich so dass er nicht ganz versteht, wie seine Gefühle von anderen Menschen interpretiert werden. Jeder von uns hatte Momente, in denen Zweifel aufkamen, ob sie verstehen würden, was sie denken oder sagen würden.“2).

Das Gedicht richtet sich an ein Gegenüber, es sagt eben nicht „ich schweige“, sondern vielmehr „Schweige Du„!
Daran störe ich mich ein wenig. ⇒ Es ist völlig in Ordnung, sich selber auf die Vorzüge des Schweigens zu besinnen – hingegen einer anderen Person nahe zu legen, nun einmal den Mund zu halten?
Gleichwohl sollte beredtem Schweigen nicht ein übermäßig großer Rang im eigenen Dasein eingeräumt werden – wie H. Grönemeyer richtig textete: „Wer ewig schluckt (und schweigt), stirbt von innen.“

Ach, bedächtiges Schweigen ist so überaus ‚erwachsen‘. Die eigenen Gefühle und Gedanken dauerhaft ‚geheim zu halten‘, entspricht eher nicht meinem Naturell. Freude kommt erst in vollem Umfang zur Entfaltung, sobald ich sie mit lieben Menschen teilen darf.

Quellenangaben:

  1. aphorismen.de
  2. Analyse des Gedichts auf  erch2014.com

 

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