Im Anfang · Ludwig Hirsch

»„Niemand kann deine Schönheit bewundern“, sprach der Teufel zu Gott in der Höh‘. Und ich hab mich selbst an die Wand gemalt, auch das kann niemand sehen! Wozu diese ewige Finsternis? Entschuldige, du Gott, ich verstehe das nicht!“ — „Du hast recht!“ rief der Herr zum Teufel und er sprach: „Es werde Licht!“

„Gut“, sprach der Teufel zum Herrn, „du hast Tag und Nacht geschaffen, doch wenn es Tag ist, wo wirst du spielen, wenn es Nacht ist, wo wirst du schlafen?“ — „Du hast recht!“ rief der liebe Gott, „du weißt, der Herr baut nie auf Sand!“ Und er nahm sich sogleich den Himmel und besetzte ihn instand.
„Gut gemacht“, sprach der Teufel“, du wohnst jetzt wie sich’s gehört. Nur der Ausblick, den du hast, der ist deiner noch nicht wert! — „Ja, bunte Blumen sollen blühen auf der Erde, ich will Farben sehen“, rief der Herr, und er schuf auch die grünen Wälder, und er schuf das blaue Meer.

„Sei gepriesen!“ rief der Teufel“, du hast ein Wunder vollbracht! Du hast die Erde da unten schöner als deinen eigenen Himmel gemacht!“ — Schöner als den eigenen Himmel? Das hörte der Herr nicht gerne, und er schmückte ihn schnell mit Juwelen, das waren Sonne, Mond und Sterne.
„Welch eine Pracht!“ jubilierte der Teufel“, Psalmen sollen erklingen, doch das Problem ist, edler Herr, es ist niemand da, sie zu singen!“ — „Dann müssen Sänger her!“ rief Gott, „die zu mir schnattern, miauen, tirilieren, die zu mir bellen, die zu mir röhren!“ Und der Herr schuf die Tiere.

„Geliebter Herr“, schleimte der Teufel“, fünf Wunder hast du vollbracht, aber fehlt nicht noch ein Wesen, nach deinem Ebenbild gemacht?“ — „Das mach‘ dir selbst!“ sprach der liebe Gott, „ich bin müde, ich will schlafen!“

Und so hat am sechsten Tag der Teufel den Menschen erschaffen.«

Der Schöpfer braucht ausgerechnet den Satan als Ideengeber?

Dies würde voraussetzen, dass Satan bereits existierte, bevor die Erschaffung des Sonnensystems begonnen wurde  – und außerdem, dass er (damals noch) ein entspanntes Verhältnis zum Schöpfer hatte…

Manchmal, etwa nach den Oster-Anschlägen auf Sri Lanka, könnte man meinen: Tjaha, so ist es – wir Menschen sind vom Charakter her ein dermaßen unzulängliches ‚Produkt‘, dass wir nicht von einem in jeder Hinsicht vollkommenen Schöpfer erschaffen worden sein können.

Manche Gnostiker wie auch die späteren Katharer vertraten eine ganz ähnliche Ansicht: Als Geistwesen wurden wir zwar von dem Guten Gott geschaffen. Doch unsere Einkörperung ins Fleisch, also unser Erscheinen hier auf der Erde, gehe auf einen unvollkommenen Möchtegern-Gott mit einer ganz eigenen Agenda zurück, den Demiurgen.

Als Machthaber der materiellen Welt betrachteten die Gnostiker mächtige, tyrannische Dämonen, die sie „Archonten“ (Herrscher) nannten. Sie hielten entweder die ganze Gruppe für die Weltschöpfer oder wiesen diese Rolle nur dem Anführer der Archonten zu, den sie dann als Demiurgen bezeichneten. Die Seelen der Menschen  seien mit ihren Körpern verbunden worden und so in Gefangenschaft geraten. Dieses Unheil habe der Demiurg verschuldet, indem er die Seelen in die Materie gelockt und in Körper eingeschlossen habe.
Dieser Demiurg wurde nicht selten mit Luzifer/Satan gleichgesetzt – bisweilen jedoch auch mit dem rachsüchtigen, Tieropfer fordernden Gott des AT.

Persönlich glaube ich: Was am Anfang noch gut war, kann – aus eigenem (Un-)Willen oder durch geschickte, manipulative Beeinflussung – in eine ungute Richtung geschoben werden.

Auch wir Menschen.

Als Ganzes besehen, ist die Menschheit zudem nicht per se teuflisch oder böse, nicht (nur) ‚Ausfluss der Hölle‘ – sondern zutiefst widersprüchlich, förmlich hin- und hergerissen zwischen zwei Polen:
⇒ „Intelligenz und Schläue, eine Hässlichkeit, die jedoch einer gewissen
Schönheit nicht entbehrt, Bosheit und zugleich Milde“ …Furchtsamkeit und auch Freude, Lust und Selbstgefälligkeit, aber auch Beharrlichkeit und den Willen, die Welt zu verbessern…

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