Wahlempfehlungen via Youtube?

Das ist hier kein politischer Blog und wird auch nie einer werden. Bestimmte Vorgänge in den sozialen Netzen lassen gleichwohl aufhorchen: ein junger Youtuber namens Rezo nimmt sehr gezielt Einfluss auf die Wahl-Entscheidungen seiner Altersgenossen …oder, genauer, er versucht dies.

Das betreffende Video geht über 55 Minuten und hat den Titel »Die Zerstörung der CDU«.

Da es aktuell um die Europa-Wahl am 26. Mai geht, hatte ich erwartet: ‚Na, darin wird doch sicherlich die EU-Politik der großen Parteien besprochen und ausgewertet werden‘ – nur darum habe ich es mir angesehen …mein Fehler, denn über Europa spricht Rezo so gut wie gar nicht. Onwohl es reichlich Stoff für Kritik gäbe – z.B. der Einfluss von Lobbyverbänden auf die EU-Gremien und Entscheidungen. Ausgehend von Fakten hätte man da prima analysieren können, wie CDU, SPD und Grüne mit den >25.000 Lobbyisten in Brüssel umgehen …und daraus hätte sich dann ggf. ein ähnlich vernichtendes Urteil ableiten lassen – ohne sich die Kritik „Thema verfehlt“ einzuhandeln.

Aber zugegeben, 1. ist solch ein Recherchevorhaben ermüdend und aufwendig und 2. würde wohl auch ich als aufstrebender Youtuber zögern, mir jene bestens vernetzten und budgetierten Wirtschaftsverbände zum Feind zu machen. Ein falsches Wort → Zack, Abmahnung oder Klage.
Da ist es schon bequemer, auf die alte Tante CDU einzudreschen…

Und am Schluss kommt Rezo ja doch auf die Europawahl: »Wählt bitte nicht die SPD, wählt bitte nicht die CDU, wählt bitte nicht die CSU und schon gar nicht die AfD.«

Macht man das heute so? Einerseits befindet Rezo die ganze Europapolitik für „“f***ing langweilig“ und kommentiert darum im Grunde lediglich einzelne Schwerpunkte der Bundespolitik, u.a. die Klima-Rettung und die Haltung der deutschen Regierungsparteien zu möglichen Völkerrechtsverstößen des Imperiums (Drohnenmorde auch an unbewaffneten Zivilpersonen, für die die imperiale Militärbasis Ramstein offenbar als Relaisstation genutzt wird – für mich noch der beste Teil des o.a. Videos, weil konkret und faktenbasiert. Und ja, mit  waffenstarrenden Klingonen habe auch ich nichts am Hut).

Kann es sein, dass man als Kanalbetreiber mit Millionen Zuschauern auch eine Verantwortung hat? Fürs Klima – ja, auch. Allerdings denke ich zudem an eine ‚publizistische‘ Verantwortlichkeit – zumal dann, wenn man sich von dem plumpen Populismus der blau-braunen Typen mit Recht inhaltlich und stilistisch abgrenzen möchte.

Mein insgeheimer Wunsch: Wähler, gleich welchen Alters, machen es sich hoffentlich nicht so einfach, ihre Entscheidung vorwiegend von solchem Input bestimmen zu lassen.

Da finde ich den Wahl-O-Mat der Bundeszentrale für politische Bildung viel geeigneter, denn – bis er für die Europawahl am 20.5. einstweilen verboten wurde2 – vermittelte er einen Überblick, wie sich die antretenden Parteien zu wichtigen europapolitischen Fragen positionieren – ein guter Ausgangspunkt um Parteiprogamme und -versprechungen dann vertiefend zu recherchieren und so zu einer möglichst fundierten Wahlentscheidung zu gelangen. Natürlich gibt es auch andere Wege, doch man kommt meiner Ansicht nach nicht daran vorbei, wenigstens die Vorhaben ’seiner‘ Partei für Europa in groben Zügen zu kennen.

Wer dazu weder Zeit noch Lust hat? Nun, das muss jeder für sich ausknobeln. Nur würde man in diesem Fall auch kein langatmiges Statement zu dieser Wahl verfassen und erst recht keine Empfehlung abgeben…

Siehe auch:

  1. »Wie ein YouTuber den Zorn der Union auf sich zieht«,
    Welt online
  2. Wahl-O-Mat zur Europawahl – Bundeszentrale für politische Bildung geht gegen Verbot vor, nachdem die Kleinpartei Volt vor Gericht ein Verbot erwirkt hat.
    (Tagesspiegel)

Nachtrag

Als Alternative zum Wahl-O-Mat steht das Portal WahlSwiper zur Verfügung. Ähnlich aufgebaut, werden dem Nutzer deutliche Fragen zur Gewichtung der Kompetenzen zwischen der EU und ihren Mitgliedsländern vorgelegt, z.B.

  • Sollen die Nationalstaaten mehr Kompetenzen an die EU abgeben?
  • Soll der Euro als gemeinsame Währung abgeschafft werden?
  • Sollen direktdemokratische Instrumente auf EU-Ebene ausgebaut werden?

Die vom Benutzer gegebenen Ja-/Nein-Antworten auf 38 solcher Fragen werden wiederum der jeweiligen Position der zur Wahl stehenden Parteien gegenübergestellt. So lässt sich mittels tabellarischer Auswertung eine Orientierung gewinnen, welche Partei mit den eigenen Ansichten weitgehend übereinstimmt.
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