‚Neue‘ christliche Werte?

Der Theologe Joachim Elschner-Sedivy hat seinen (nach wie vor lesenswerten) Blog umgestaltet: Aus «Offenkatholisch» wurde nun «Neue Christliche Werte», wobei viele frühere Blogartikel mit Bezug zur RKK nicht mehr abrufbar sind.

„Die römisch-katholische Kirche ist jetzt endgültig nicht mehr mein Thema. Sondern mein Thema ist ab jetzt das gesellschaftliche Überleben des Christentums ohne die kirchlichen Institutionen, die wir bisher kannten. Für diese Kehrtwende scheint es mir jetzt Zeit zu sein.“

Hingegen konnte ich selber als einfacher Laie bislang nicht mit dem Katholizismus abschließen. Die formale Vereinszugehörigkeit ist lange beendet, nur die emotionale Loslösung gelingt allenfalls schleppend – einer während der gesamten Kindheit und Jugend anerzogenen Prägung entkommt man nicht so leicht. Was geblieben ist, ließe sich als tief empfundene Abneigung umschreiben – ausdrücklich nicht gegen alles Katholische, wohl aber gegenüber jenen, die Religiosität primär als Macht- und Drohmittel gegenüber Schwächeren missbrauchen:

«Wenn du den Rosenkohl nicht isst, müssen die Engelchen weinen.» Darüber grinse ich heute… und esse noch immer keinen Rosenkohl. Doch als Junge zitterte ich buchstäblich vor dem Teufel und der Hölle, bevor ich heuchlerische Verlogenheit in der Familie durchschauen lernte: Frömmlerischer Anschein wurde gegenüber dem jungen Nachwuchs (‚Finger auf die Bettdecke!! Auf Onanisten wartet der Satan!‘) und am Sonntag erweckt, während Ältere keinem Alkoholexzess, keinem Seitensprung aus dem Weg gingen und ihre eigene Verkommenheit regelrecht auskosteten.
Bis heute spüre ich meine Verblüffung, gefolgt von bitterer Enttäuschung über jene Bigotterie: Verhielt es sich etwa überall so?
Dabei erwartete ich weder Heilige noch perfekte Menschen, sondern den ernstlichen Versuch, die elementaren Gebote einzuhalten…auch wenn keiner zuschaute.
Klar, Generalisierung ist immer falsch – und ungerecht, das ist mir heute auch klar.

Wäre ein kategorisches „Schluss damit!“ nicht auch für mich gesünder? Gut möglich, doch ich kenne mich ja: Sobald eine provokante „Ihr seid alle verdorben und werdet dafür ewiglich leiden müssen!“-These (sinngemäß…so explizit drücken sich inzwischen nur noch wenige aus) in den Medien anklingt, zack, bin ich wieder im Thema.
Zwar nicht länger mit Schaum vor dem Mund, aber schon noch emotionsgeladen. Alptraum-erfüllte Nächte voller Höllen- und Satans-Phantasien der Kinderzeit wird man als Erwachsener zwar relativieren; ganz aus dem Gedächtnis verbannen lassen sie sich bedauerlicherweise nicht.

Neue christliche Werte?

Okay, das AIDA-Prinzip aus dem Marketing dürfte auch weiterhin funktionieren: zunächst Aufmerksamkeit wecken, dann konkretes Interesse steigern. Abseits davon habe ich mich gefragt, worin denn das Neue bestehen könnte.

Gemeint hat der Autor des o.a. Blogs folgendes: «die „Erneuerung“ einer christlichen Ausrichtung der Gesellschaft… das ist es, worum es mir geht. In meiner Vorstellung ist diese Erneuerung aber keine „Restauration“; man kann nicht einfach „zu etwas Altbewährtem zurückkehren.“ […] Das Alte, das wirklich erneuert wird, bleibt nicht das Alte, es wird in gewissem Sinne etwas ganz Neues, das an etwas Altes erinnert. Anders geht es nicht.»

Doch was genau ist ggf. zu erneuern, hinsichtlich der grundlegenden Werte, also einer ethisch-moralischen Orientierungshilfe? Der Kern der Lehre Jesu, so wie ich ihn aus den Evangelien kenne, bedarf in meinen Augen keiner Optimierung:

Liebe Gott und liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

Knapp, präzise und bei näherem Hinsehen eben nicht leicht zu erfüllen. Als Konkretisierung können bei Bedarf die 10 Gebote dienen, die in vergleichbar knapper Form eine vollständige Sozialethik umfassen. (Wobei ich mich immer noch frage: was wurde aus dem an sich doch sinnvollen Bildnisverbot, wie es bei Mose zu lesen ist?)
Alles weitere an Erläuterungen und vertiefenden Kommentaren ist bestenfalls „nice to have“. Ein hunderte Seiten langer Katechismus wird heutzutage von immer weniger Menschen zur Hand genommen – und falls doch, so geschieht dies eher zwecks erstaunter Befassung mit einer altmodischen Kuriosität denn in der Absicht, die zahllosen Vorschriften ernstlich zu studieren und anschließend zu befolgen.

Ob lebendiger Glaube auf Institutionen angewiesen ist und falls ja, in welchem Umfang? Aus eigener Anschauung meine ich, eine lokale Gemeinde ‚Gleichgesinnter‘ (d.h. Menschen, die prinzipiell dasselbe Anliegen verfolgen, ohne in allem immer übereinstimmen zu müssen) kann ungemein hilfreich sein, gerade auch in schwierigen Lebensmomenten und Phasen hartnäckiger, nicht selten quälender Zweifel. Die frühe Christenheit hat dies recht gut vorgelebt – jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt, da sie gewaltsam gegen Abweichler und ‚Häretiker‘ vorging.
Wozu wäre eine weltumspannende, nicht zuletzt auf unternehmerische Tätigkeit (monetäre Gewinnerzielung) ausgerichtete Organisation angesichts fortschreitender Individualisierung notwendig? Ein weites Feld, diese Frage, und viel zu komplex, als dass sie sich in einem kurzen Blogartikel von einem nunmehr Außenstehenden erschöpfend beantworten ließe.

Erneuerung und Rückbesinnung auf christliche Werte stellen meines Erachtens zuallererst einen inneren, ganz persönlichen Prozess dar, welchen ein jeder von uns in sich selbst auslösen kann …und möglicherweise auch anstreben sollte.
Kein riesiges Projekt, eher denke ich an eine allabendliche Bestandsaufnahme: beispielsweise ein Tagebucheintrag, welcher u.a. der Frage nachgeht: Wie war mein Verhalten heute, gegenüber meinen Mitmenschen und auch zu mir selbst? War ich wieder einmal lieblos unterwegs…wen habe ich unbedacht (oder mit voller Absicht) verletzt, mit wem möchte ich mich versöhnen…wen um Vergebung bitten? Wie ist es um mein Verhältnis zu Gott bestellt?

Denn wo und wie könnte christliches, ethisch-bewusstes Denken überleben, wenn nicht vor allem in uns selbst?

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