„Du hast Rolex – isch hab Vagina“

Mein kurzer Ausflug ins Deutsch-Rap-Genre

Eine neue Erfahrung ist das schon – für nicht wenige deutschsprachige Rap-Songs brauche ich ein Wörterbuch oder etwas in der Art: Dass „Bratan“ für Bruder steht, war mir noch gerade geläufig. Aber dann… ist CB6 das Kürzel für einen aufgemotzten Audi? Nee, der heißt RS6. CB6 scheint auch kein Insider-Begriff zu sein, sondern als Kürzel für das sechste Album des Rappers Capital Bra zu stehen.
Und wussten Sie, was „Kuku“ bedeutet? Das kommt auf den Kontext an:  „Achtung!“, „Pass doch auf!“ oder auch „Wow!“ – Kuku Bra, der Titel des Debüt-Albums von CB bedeutet also in etwa „Pass auf, Bruder“.

Wiederkehrende Ideale im Deutsch-Rap dieser Tage – bündelweise Bargeld mit Platinspange in der Hosentasche, überteuerte PKW-/Klamottenmarken und sogar der Konsum bewusstseinsverändernder Substanzen – sind mir so fremd nicht: Statussymbole waren mir vor 10-12 Jahren noch voll wichtig, allerdings stand ich auf mehr auf Movado als auf Rolex – schwarz, superflach, null Schnörkel,’maßlos elegant’… dieses Design vermittelte eher Understatement als die klobigen Glitzeruhren, fand ich. Bei Kleidung war mir Qualität wichtig – meine Lacoste-Pullover wollen auch nach Jahrzehnten nicht verschleißen, die könnte ich heute noch problemlos tragen (wäre da mittlerweile nicht ein klitzekleines Bäuchlein…).

Dennoch, mit der gemieteten S-Klasse-Limo (dunkelblau, mit Überlänge, mein Kumpel als Chauffeur) oder im knallroten Audi-Cabrio durch Köln brettern und mir einbilden, alle drehen sich wegen der Karre (und weil Myrdins Nacht oder ausgerechnet Self Control mit unmöglicher Lautstärke nächtens wummernd erdröhnten) nach mir um…solche ‚Abenteuer‘ fand ich ziemlich lange schick. Auch wenn solche Dinge ihre Bedeutung für mich heute völlig verloren haben, kann ich die Begeisterung dafür schon noch nachvollziehen.

„Guck, jetzt werden Träume wahr“

Rote Augen, schwarze Nacht
Der Himmel sternenklar
Hundert Mille bar
Geld machen liegt in der DNA
Hab’s gesagt, dann getan
Guck, jetzt werden Träume wahr
Neue Uhren, neue Autos
Neue Feinde jeden Tag

Auf den ersten Blick ‚hat der Song was‘, ebenso wie „Rolex„. Bloß, selbst in meiner abgehobensten Phase wäre ich nicht auf den Einfall gekommen, meinen unausgegorenen Mix aus Geltungsdrang und Streben nach neidvoller Bewunderung öffentlich zu idealisieren …na, besingen würde ich überhaupt nichts…
Ja, teure Markennamen aufzählen mag in bestimmten Kreisen zu großer Akzeptanz verhelfen, doch als besonders clever oder originell zeichnet man sich dadurch nicht aus. Sich selbst allein wegen materieller Güter zu feiern, wirkt auf mich armselig – tja nun, heute ist das so, um fair zu sein. Mediale Selbstinszenierung war nie mein Ding – doch aufgepimpt
am Ku’damm sowie vor der Berliner Disco Tolstefanz mit offenem Verdeck und Nebengeräusch rumzucruisen (immer um den Block fahrend, jaja) und letztendlich doch Eindruck schinden (wollen) – dafür war ich mir wiederum nicht zu schade.

„Erst Shem-Shem und dann Tilidin“???

Opiate (ausgerechnet das vielbesungene Tilidin, gegen chronische Schmerzen verordnet, also 100% legal…wie langweilig) können für ganz kurze Zeit durchaus Euphorie bewirken – nur, wenn man nicht aufpasst, rennt man tatsächlich als Zombie durch die Gegend. Eine gesunde Lebensgestaltung rückt dann überraschend schnell in weite Ferne.
Dass durch solche Substanzen jemals ein echtes Glücksgefühl erzeugt würde, deckt sich so gar nicht mit meinen persönlichen Erfahrungen damit.-

Alle Drogen durcheinander
Zwei Glocks in den Händen
Keine Liebe für die andern
Diamanten tanzen um den Arm
Große Träume, Sunset Boulevard
Mein Konto sagt, das wird ein gutes Jahr…
(Auszug: Diamonds, Summer Cem)

Beim Umgang mit Frauen scheiden sich die Geister bereits: Warum sollte ich sie als ‚Bitches‘ oder gar Huren sehen? Rapper würden mir wohl entgegenhalten, in ihrem Genre gehöre eine deftige, zum Teil auch Personen abwertende Sprache eben dazu.
Mag sein, jedoch wird auf diese Weise zugleich ein fragwürdiges Frauenbild transportiert, ob dies nun gewollt ist oder nicht.

Jede Verharmlosung des Konsums von illegalen Suchtmitteln und des Handels damit finde ich ärgerlich und verantwortungslos. Was hat das noch mit „Lebensgefühl“ zu tun?

Ein weiterer Aspekt gibt zu denken:

Der Gebrauch von diskriminierender Sprache in Rap-Texten, die sich vornehmlich junge Menschen als Zielgruppe richten, ist problematisch. Hier sind Fachleute und Pädagogen gefordert, eine fundierte Auswertung vorzunehmen – ohne dabei gleich jeden humorig-flapsigen Text mit an den Online-Pranger zu stellen.

  • So politisch korrekt ist Deutschrap
    Gegen Schwule, gegen Frauen, gegen Behinderte: Kann Deutschrap überhaupt ohne Beleidigung? Wir haben analysiert, wie häufig auf den erfolgreichsten Deutschrap-Alben …diskriminierende Zeilen gerappt wurden.“

Als gänzlich inakzeptabel sehe ich eine Laisser-Faire-Haltung zu Gewaltakten oder sogar deren (jedenfalls in Worten geäußerte) Befürwortung an. Schusswaffen eignen sich absolut gar nicht für unkritischen Singsang. In solchen Fällen vorsätzlicher Sprachentgleisung liegt folgende Überlegung doch nahe:
Bei der primären Zielgruppe dieser Songs handelt es sich um junge Leute – vielleicht von 16 – 30. Wie leicht beeinflussbar manche in diesem Alter sind, weiß ich noch aus eigener Erfahrung. Ein ‚falscher Umgang‘ ist potenziell geeignet, dem gesamten Lebensweg eine unheilvolle Wendung zu geben. Muss man da als angehender Promi oder One-Hit-Wonderboy eine kriminelle Lebensführung verherrlichen und einige der jungen Leute womöglich auf dumme Gedanken bringen?
Was von dem Getue mit Drogen und Handfeuerwaffen bloß Fake ist, kann und will ich gar nicht beurteilen – der o.a. Zielgruppe dürfte es ähnlich ergehen.

Vordergründiges Gemecker eines alten, altmodischen Sacks, der zur ‚Jugend von heute‘ praktisch keinen persönlichen Bezug hat? Kann schon sein.
Viele dieser Songtexte atmen förmlich Kompensation ein und aus: Je nach Lebensweg und sozialem Kontext sind die Chancen junger Menschen nicht sehr erfreulich – oftmals ohne eigenes Verschulden fehlen ihnen die Grundlagen für einen ordentlichen, vielversprechenden Einstieg ins Berufsleben.

Capital Bra beispielsweise wurde 1994 in Sibirien geboren. Die Familie zog bald in die Ukraine, wo er einen Teil seiner Kindheit verbrachte. Mit sieben Jahren zogen er und seine Mutter nach Berlin-Hohenschönhausen um. Anschließend geriet er ins kleinkriminelle Milieu und verbüßte mehrere Jugendstrafen. Wegen Schlägereien musste er öfter die Schule wechseln und brach sie in der neunten Klasse komplett ab. (Vgl. Wpedia-Artikel)
Was bleibt da außer einem NoFuture-Eskapismus mit aggressiven Grundgefühl und der Flucht in ein wenig tiefgründiges Status-und Besitzdenken? Nun, CB begann schon im Alter von 11 Jahren damit, Raptexte zu schreiben. Dass es ihm gelungen ist, auf diesem Weg erfolgreich zu werden, verdient Respekt.

Es geht also nicht darum einen bestimmten Musikstil bzw. seine Interpreten zu verurteilen. Indes wünsche ich mir, die Rapper, Macher und Produzenten würden sich ihrer Verantwortung bewusst werden.

Mir fehlt bei vielen dieser Songs der Impuls zum Hinterfragen, zum Weiterdenken. Nun hätte ich als relativ saturierter alter Knabe leicht reden, doch stellen gerade Musik und die sog. Popkultur einen möglichen Zugang zu jungen Leuten her. Was wäre so falsch daran, diesen auch positiv zu nutzen und ein paar Denkanstöße einzuflechten?

Nachtrag:  Seichtigkeit und Redundanzen [Gucci, Yalla, Bratan, Para, Kohle, Rolex, ‚Bitches‘ und jede Menge Drogen (im Text, meine ich jetzt) reichen augenscheinlich als Rezept für etliche Nummer-1-Songs aus?] im Deutschrap-Genre sind offenbar auch Bürger Lars Dietrich bzw. dessen Songschreiber aufgefallen – vor allem dieses überall anzutreffende Le Le Le:
„Was hat es nur mit diesem Le Le Le auf sich, das man überall hört und dem man nicht aus dem Weg gehen kann?

(zuletzt bearbeitet: 24.10.2019)

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