Offline – No Magenta Love

Dass Abhängigkeiten erst richtig bemerkt werden, sobald ein Verzicht eintritt… längst eine Binsenweisheit. Ebenso: ein erzwungener Verzicht wirkt herber als eine freiwillige ‚Diät‘. Herb war sie durchaus, meine Einsicht: Wie abhängig ich doch von einem funktionierenden Internetzugang bin.

„Ich hab‘ doch alles schön bezahlt, also macht euer’n Job!“

Unser Straße sollte auf Glasfaser umgestellt werden, dazu war der Besuch eines Technikers avisiert worden. Bloß, der Techniker kam nicht im genannten Zeitfenster, vier Stunden umsonst gewartet – keine Ahnung woran‘s gelegen hat. Ein neuer Termin wurde in genau 14 Tage später anberaumt – und in der Zwischenzeit war mein Online-Zugang tot. Offenbar war meine alte Leitung überaus pünktlich abgeschaltet worden…alles Meckern und Bitten half nichts:

Damit werden Sie sich jetzt abfinden müssen!

Rasch eine Beschwerde per Mail versenden? Ging ja nicht, hätte auch wenig gefruchtet – denn mein Provider war weitgehend unschuldig: die Umstellung fiel in den umfänglichen Lebensbereich „Spaß mit der Telekom“. Verärgert war ich über die Behauptung des mir leider unbekannten Magenta-Servicepersonals gegenüber meinem Provider, man habe niemanden in meiner Wohnung angetroffen – eine glatte Unwahrheit.

Also alles per Smartphone? Nee… zwar besitze ich so ein 5 Jahre altes Teil, zum Telefonieren (zum Beispiel in diesen 2 Wochen, da mein Festnetz ja ebenfalls tot war). Als eher konservativer Anwender

Scherzhaftes Smombie-Warnschild

brauche ich einen richtigen Bildschirm, auf dem ich auch etwas erkennen kann – sowie eine ordentliche Tastatur, die nicht dermaßen filigran ausgelegt ist, dass ich andauernd 2-3 Tasten gleichzeitig drücke. Nein, ein Smombie werde ich in diesem Leben wohl nicht werden.

Sicher, ohne Internet, Mail und Festnetz kann man auch überleben; das ist nicht der Punkt. Auch finden sich bereichernde Freizeitbeschäftigungen, die offline bestens funktionieren. Dennoch, viele in Fleisch und Blut übergegangene Gewohnheiten stehen plötzlich nicht mehr zur Verfügung:

  • Keine Mails. SMS und WhatsApp nutze ich ganz selten, abkürzungsfreie Kommunikation in ganzen Sätzen ist mir lieber. Also mache ich das bis heute so, wie bis vor ca. 10 Jahren auch alle anderen verständigten: in Gesprächen, Telefonaten und mit Mails. Zudem empfange ich täglich ein paar Newsletter…man will ja nix wichtiges verpassen…
    All das war nun erstmal weg.
  • Rasch mal was nachlesen…einen aufgeschnappten Bergriff, einen geschichtlichen Hintergrund überfliegen – einstweilen gestrichen.
    Wikipedia und ähnliche Online-Nachschlagewerke stellen für mich bis heute eine überaus wertgeschätzte Bereicherung meines Lebens dar. Noch gut erinnere mich an den klassischen Recherche-Aufwand für ein 15-Minuten-Referat in der Schule, an meine Aufenthalte in Bibliotheken während der Uni-Zeit.Tägliche Nachrichten-Überblick: üblicherweise lese ich Schlagzeilen auf einem News-Überblick im Web und rufe jene Artikel auf, welche mich weitergehend interessieren. Die TV-Nachrichten setzen meist andere Schwerpunkte als ich selbst: sie sind da über-ausführlich, wo mir die Information in einer kurzen Aussage ausreicht, aber vieles für mich Relevante erwähnen sie allenfalls am Rande. Zudem enthalten sie fast immer einen Sportteil, der für mich ganz und gar überflüssig ist… warum sollten mich die körperlichen Bestleistungen anderer Menschen tangieren, für meine Komplexe (weil ich soo unsportlich bin) sorge ich schon selber.
  • Abendliche Filme? Auch Fehlanzeige.
    Dazu muss ich gestehen, für Krimis (jeder noch so kleine Ort und wohl auch jede Nordsee-Insel hat inzwischen wohl ‚ihr‘ eigenes Krimi-Format?), laufende Morde und übermäßig gewaltbetonte Formate hab‘ ich keine Verwendung. Auch lehne ich es ab, mich in 11-minütigen Abständen über rezeptfreie Medikamente, Sex Toys und Rasiercreme zulabern zu lassen.
    In Wahrheit lese lese ich ohnehin weit mehr, als sich ‚TV‘ gucke. Einen guten Film weiß ich zwar zu schätzen, weshalb ich einen On-demand-Streamingdienst nutze ⇒ Ja, genau:ganz ohne enervierend eingestreute Verbraucherinformationen „guck‘ ich Netflix und chille…und gestalte mir die Welt wie ich will“ 😉 ↓

(Apropos, dieser Künstler The Tirow hätte für meinen Geschmack viel, viel mehr Aufmerksamkeit verdient, dazu an anderer Stelle ein wenig mehr…

  • Mit Musik verhält es sich ähnlich: um den ganzen Tag ein und demselben Radiosender Gehör zu schenken, bin ich viel zu sprung- und launenhaft. Lieber nutze ich auch hier einen weiteren Streamingdienst oder lasse das Videoportal einfach machen. Mit der Auswahl von 2,3 Stücken habe ich ja eine ungefähre Richtung vorgegeben, die anschließenden automatischen Vorschläge passen überraschend gut dazu. Auch diese Form des Musikhörens war nun …erstmal weg.

Das Leben geht weiter…

Tja, was soll ich sagen: von jetzt auf gleich hatte ich deutlich mehr unverplante Zeit. Man könnte auch sagen, am Tag 1 ohne Internet war ich ein bisschen ratlos: was sollte ich mit mir anfangen?
Nun bin ich ein eher rastloser Geist und mein Notebook war ja intakt geblieben – für den Fall der Fälle hätte ich noch ein altes Netbook …und falls beide verrecken, einen Ebook-Reader. (Wirklich tödlich wäre nur ein anhaltender Stromausfall, klar, dann ginge gar nichts mehr und der Kühlschrank wäre bald ein Biotop für das Große Krabbeln.)

Auch hatte auf dem Notebook mein persönlicher Ordner „Später Lesen!“ überraschende Ausmaße angenommen, weil ich in meinem abendlichen Überfliegermodus einzelne, nein, überaus zahlreiche Texte und Artikel aus dem dort abgelegt hatte… um sie dann alsbald zu Gemüte zu führen. Seit 2013 hatten sich so an die zweitausend kurze bis mittellange PDFs angesammelt.
Diesen Schatz würde ich nun heben…naja, einen Teil davon, bis Internet wieder geht.

Somit verbrachte ich einen Teil der spontan zurück erlangten Freizeit damit, Kommentare, Rezensionen und Filmkritiken zu studieren, die je nach Liegezeit im o.a. Verzeichnis doch ein klein wenig veraltet waren. Spannend war dies trotzdem und mir wurde erneut das Ausmaß der regelrecht gehetzten Konsumption von Inhalten bewusst, wie ich ihn an normalen Tagen betreibe:
Ein Buch lese ich schon noch von Anfang bis Ende, sofern es mich fesselt. Doch darüber hinaus ist meine bewusste(?) Wahrnehmung in bedenklicher Weise sprunghaft-selektiv geworden – es gibt immer, wirklich immer etwas Neues, was ich gleichfalls erfassen, erfahren, nicht verpassen will… nur kommt dabei der Tiefgang, eine mir an sich doch eigene Gründlichkeit, bei weitem zu kurz.

Mucke & Filme waren auch nicht wirklich ein Problem. Sicher, offline war die Auswahl naturgemäß begrenzt …wann hatte ich zum Letzten Mal eine richtige CD gehört? Das muss so 2015 gewesen sein, nach der Staubschicht auf den CD-Hüllen zu urteilen. Vor meinem Eintritt in die Immer-Online-Lebensphase hatte ich auch eine ganze Reihe DVDs erworben, insofern musste ich auch jetzt nicht ‚darben‘.

Telefonate erledige ich normalerweise über‘s Festnetz, weshalb auf dem klapprigen Smartphone fast nur Notfall- und Ärzte-Nummern gespeichert sind. Auch scheint es, soweit ich als technischer Laie dies den Expertenmeinungen entnehme, wirklich ungesund zu sein, sich diesen Strahlengenerator über lange Zeiträume ans Ohr zu halten. (Bei WLAN ist die Sendeleistung (und -strahlung) in der Regel niedriger als bei den Mobilfunkstandards UMTS, GSM und LTE.)
Weil die Abschaltung der alten Leitung unangekündigt erfolgt war, hatte ich auch niemanden vorher informieren können, weshalb ich die kommenden 14 Tage nicht so zu erreichen wäre wie sonst.

Logisch, auch dieses Problem ließ sich lösen: Nummern raussuchen und eine Sammel-SMS (arrrghh, dieses mikroskopische Eintipfeln) versenden, damit sich keiner unnötig sorgt.

Fazit: An einem echten Mangel habe ich nicht gelitten.

Aber ich war nicht mehr dabei; manches war ‚anders als sonst‘, man könnte auch sagen: ein bisschen weniger bequem.
Ja, und gestern war es dann so weit: der Techniker kam, wurschtelte an meiner Telefondose und anschließend noch im Keller, was keine 10 Minuten beanspruchte – und wenig später war mein Zugang wieder intakt.

Auch interessant: Mein Notebook weist rudimentäre Merkmale von Leben auf…Jedenfalls stürzte es sich schnaufend und vor Freude quietschend auf die ganzen Daten, Updates usw., welche sich in zwei Wochen angesammelt hatten und nun in einem Rutsch abgerufen werden konnten. Damit hatte ‚die Kleine‘ (mein Notebook ist selbstverständlich als Frau mit rauchiger Stimme vermenschlicht 😉 eine ganze Weile zu tun.

Alles nur wegen der Telekom – ExeCute

 

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