„Sieht nice aus, Bro!“

Menschen allein wegen ihrer Klamotten zu beurteilen – und nicht mal, ob man diese schick, elegant oder örrrks findet, sondern allein anhand ihres Kaufpreises – hat sich mal wieder eingebürgert.

Übrigens betrifft dies nicht ‚diese‘ Jugend, nein, diese verkehrte Sicht kam auch in früheren Generationen vor, zB in meiner: Damals hatten wir auffällig frisierte Popper – und Popper-Wannabe’s, die äußerlich weniger auffielen, aber (mit 14) einen Kaschmir-Schal demonstrativ spazieren trugen. Das Teil kostete wohl 200 Mark (für die 80er schon nicht schlecht) und sollte seinen Träger ‚über die Masse erheben‘.
Ich? – „Neeiiin, so bekloppt bin iiiiich nie gewesen“… da ich mir die Kaschmir-Stola von den erteilten Nachilfe-Stunden nicht leisten konnte. Gleichwohl sparte auch ich Monate auf neue Statussymbole, auf die ich Monate sparte: den Vogel schoss ein ‚Original-‚ ab, schweineteuer und ständig sah man einen neuen Fleck. (‚Schau mir in die Augen, Kleines‘ … 😉

Später dann, mit mehr Kohle und immer noch zu wenig Selbstwert, wertete ich ‚mich‘ mit Uhrenmarken auf: „voll Understatement“, sahen zwar „boah, ist die aber flach!“ und elegant aus, wurden aber selten ‚erkannt’…und rangierten preislich auch nicht auf Rolex- und Breitling-Level.
Wie so oft gilt: da sitze ich im Glashaus und habe keinen Grund, verbale Steine auf jene zu schleudern, die heute genauso drauf sind wie ich vor ca. 35 Jahren.
(Ganz ehrlich? Diesen Superflache-Uhren-Tick habe ich bis heute nicht vollständig abgelegt… nur gehen die zu schnell kaputt. Heute zählt Originalität statt Kaufpreis; und ich bilde mir nicht länger ein, mein Handgelenk-Schmuck sei imstande, mich in den Augen anderer Leute in irgendeiner Weise aufzuwerten.)

Um so mehr gefallen mir heute Songs und Meinungen, die sich von der Tendenz absetzen, Menschen nach ihrem Geldbeutel oder ihrer Fassade aus vorgezeigten Statussymbolen zu beurteilen.

„Wieviel ist dein Outfit wert?“ – Kummer

Diese Welt ist eingeteilt in Gewinner und Verlierer
Zwischen abgetragene Klamotten der Geschwister rocken
Und siebzig Euro für paar Gucci Socken
Solidarität hat Grenzen, du würdest armen Menschen ja zur Seite steh’n
Wenn sie es schaffen würden einfach bisschen geiler auszuseh’n.

„Ja, was hab‘ ich bezahlt, oder was? “
„Ja?“
„Ja, so 7.000 Euro!“
„Moncler, 3.700.“
„Gucci-Hemd, 900.“
„Ähm, Louis Vuitton Ankle Boots, 1.500.“
„Sieht nice aus, Bro!“

Yeah, du hast immer viel gelacht
Über Kinder aus dem Plattenbaugebiet am Rand der Stadt
Was tragen die für Sachen? Haben die keinen Geschmack?
Warum komm’n die mit der Straßenbahn und werden nicht gebracht?
Falscher Rucksack, falsche Jeans, alle seh’n den Unterschied
Hundert Euro liegen zwischen angeseh’n und unbeliebt

Hm, woran erkennt man einen Gewinner?

Dazu müsste erst mal abgeklärt werden, was einen Gewinner auszeichnet. Die Antwort auf diese Frage sieht mit 15 anders aus als mit 30 und erst recht gewinnt man als Ü50er eine veränderte Sichtweise: Bereits heute ist mir überdeutlich bewusst, allen Besitz und das ganze Prestige-Zeug kann ich nicht ‚mitnehmen‘. 

Zudem impliziert Gewinnen eine Gegnerschaft ⇒ muss es auch Verlierer geben? Dieser vergleichende Blick verliert auf der Zielgeraden komplett an Bedeutung. Manch einer verspürt nun den Wunsch, ein Vermächtnis zu hinterlassen und nicht alsbald in Vergessenheit zu geraten. Das Prädikat ‚war immer mit Markenklamotten ausgestattet‚ entbehrt diesbezüglich jeglicher Relevanz.
Statt dessen richtet sich der Blick vielleicht auf Leistungen, welche die eigene Lebensspanne überdauern mögen – doch wie vielen von uns gelingt dies?

Eine zentrale Frage lautet nun: Wie ist das Leben, welches ich geführt habe, zu beurteilen? Nach welchen Kriterien?

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