Exosoziologie. Eine ernsthafte Diskussionsgrundlage

→ Huh, was mit Aliens? Nun ja, es geht um ernsthafte Szenarien, die einstweilen noch theoretischer Natur sind. Bezug ist eine Abhandlung der Bundeszentrale f. politische Bildung aus 07/2019:Exosoziologie. Szenarien für den Erstkontakt mit außerirdischer Intelligenz“, Autoren: Dr. Andreas Anton, Prof. Michael Schetsche


Es ist schon erstaunlich: was zu meiner Abiturzeit (Mitte der 80er Jahre) als pure Science Fiction galt, wird heute als real denkbar diskutiert. Andernfalls käme die Bundeszentrale für Politische Bildung wohl niemals auf die Idee, das Thema Exozoziologie1) ausführlich aufzugreifen.
Buchautoren wie Daniel Gerritzen (→ „Erstkontakt – Warum wir uns auf Ausserirdische vorbereiten müssen“) sind an dem Thema schon etwas länger dran – wohlgemerkt auch nicht als Science Fiction, sondern als Beitrag zu realitätsnaher Zukunftsforschung. Doch vermutlich werden deren Bücher und Traktate vorwiegend von Personen gelesen, die sich ohnehin mit der Thematik befassen.
Die breite Öffentlichkeit verteilt sich, wie so oft, auf die beiden Extrempole Ignoranz und Hysterie.

Ausgangspunkt

  • Irdisches Leben hat die unwirtlichsten Zonen unseres Planeten besiedelt – einmal entstandenes Leben ist extrem robust und anpassungsfähig.
  • Unsere Erde ist keine Ausnahme-Erscheinung, sondern gewöhnlicher Planet, der eine relativ langlebige Sonne innerhalb einer durchschnittlichen Galaxie umkreist – in einer Entfernung, welche die Temperaturen zur Entstehung und Weiterentwickelung von Leben in wässriger Umgebung zulässt (habitable Zone).

    Bislang wurden um die 4.160 Exoplaneten entdeckt, von denen zumindest einige vergleichbar lebensfreundliche Eigenschaften aufweisen dürften wie die Erde3). Unsere Suche umfasst bislang einen kleinen Ausschnitt des schier unendlichen Universums, nämlich unsere Heimatgalaxie. Von daher darf als sicher angenommen werden, auch auf weiteren geeigneten Planeten hat sich Leben entwickelt. Auch intelligentes Leben?

  • Die irdische Evolution brachte mehrfach unabhängig voneinander Intelligenz hervor – in so unterschiedlichen Lebewesen wie Oktopoden, Krähen, Delfinen und Menschenaffen.
    Vor diesem Hintergrund ist es heute so gut wie sicher, dass wir nicht die einzige Lebensform im Universum sind.

Mit der Frage nach einem Kontakt der Menschheit mit einer außerirdischen Intelligenz endet die alleinige Zuständigkeit der Naturwissenschaften. Zusätzlich sind sozial- und kulturwissenschaftliche Disziplinen gefragt: schließlich geht es, hat man die bloße Möglichkeit eines solchen Zusammentreffens erst einmal akzeptiert, um die Kommunikation zwischen unterschiedlichen Spezies und dem Gelingen/Misslingen von Kontakten zwischen völlig verschiedenen Kulturen.

Allerdings: Ob und wann die Entdeckung von Aliens oder sogar die Begegnung mit Aliens bevorsteht, kann niemand mit Bestimmtheit sagen. Wozu sich dann heute mit dieser theoretischen Möglichkeit beschäftigen…und sogar Szenarien dafür entwickeln? Schließlich kostet so etwas ja Ressourcen und Geld.

⇒ Im Rahmen der Zukunftsforschung werden sog Wild-card-Ereignisse untersucht. Dabei handelt es sich um Vorkommnisse, die eine geringe Eintritts-Wahrscheinlichkeit haben. Falls sie jedoch eintreten, werden sie drastische und potenziell bedrohliche Veränderungen nach sich ziehen und dürften massive Auswirkungen auf unser aller Leben haben.
Beispiele sind die Terroranschläge vom 11.September 2002. Oder, als eher lokales Ereignis von nationaler Relevanz, ein Wieder-Aufflammen des Vulkanismus in der Eifel. (Unter dem Laacher See steigt offenbar Magma auf.  Der Vulkan sei nicht erloschen – man müsse ihn noch genauer beobachten, heißt es inzwischen – aber weil Vulkane unter den landschaftlich reizvollen Maaren seit etwa 13.000 Jahren ’schlafen‘, hält die Politik einen neuerlichen Ausbruch für unwahrscheinlich und lehnt aufwendige Vorbereitungen für den Katastrophenfall ab.)

Methodisch lassen derartige Ereignisse sich in Form einer Szenarioanalyse betrachten und auswerten, bei der verschiedene mögliche Zukünfte vergleichend untersucht werden. Auch für das Wild-card-Ereignis des Erstkontakts der Menschheit mit einer außerirdischen Zivilisation wurde nun eine solche Szenarioanalyse erstellt. Dabei werden drei Basisszenarien betrachtet, abhängig davon, wie dieser Kontakt zustande kommt:

I. Signalszenario

Radioteleskope könnten Signale aus dem Weltall auffangen, die künstlichen Ursprungs sind. Aus deren technischen Parametern ässt sich die ungefähre Distanz des Senders errechnen. Sofern die Beschaffenheit des Signals auf eine inhaltliche Botschaft schließen lässt, würden wir den Versuch unternehmen, diese Nachricht zu entschlüsseln – mit ungewissen Erfolgsaussichten.

Eine größere Entfernung des Senders würde das Ereignis „weit aus dem menschlichen Relevanzsystem herausrücken“ – mit anderen Worten: in diesem Fall werde sich die öffentliche Erregung in Grenzen halten und den Alltag wenig beeinflussen.

Sicher? Man sollte die heutigen Medien nichthinsichtlich ihrer Fähigkeit  unterschätzen, Sensationen zu schüren. Zunächst würde ein wilder Streit um die Echtheit des Signals ausbrechen, praktisch jeder ‚Experte‘ würde sich vor laufenden Kameras darüber verbreiten.
So stelle ich stelle mir – mit einem wohlwollenden Schmunzeln – einen 90 Jahre alten Erich von Däniken vor, wie er fröhlich kräht: „Habe ich es nicht schon immer gesagt?!“ – und vielleicht noch nachschiebt: „Sie kommen…!

Ein unwiderlegbar echtes, also von intelligenten Lebewesen stammendes Signal aus zB 5.000 Lichtjahren Entfernung würde „die wissenschaftlichen, philosophischen und religiösen Subsysteme der Erde tangieren [und] die vorherrschenden Annahmen über die Stellung der Menschheit im Kosmos erschüttern“.
Dennoch gehen die Autoren davon aus, das allgemeine Interesse an dem Thema werde schnell wieder nachlassen. Als einen Grund dafür geben sie die Unmöglichkeit eines unmittelbaren Dialogs an: jedes Signal, also auch jede Antwort von der Erde bräuchte wiederum 5.000 Jahre, um sein Ziel zu erreichen. Eher werde sich die wissenschaftliche Fachwelt intensiv mit dem Signal befassen und nun, befeuert durch den neuen Erknenntnisschub, auch die weitere Suche nach außerirdischen Lebensformen weitaus stärker betreiben als bisher.

Sobald ich mir die Bereitschaft vieler Menschen zu religiösem und ideologischen Fanatismus vergegenwärtige, gelange ich zu einer etwas anderen Einschätzung: Sicherlich würde nicht jeder von uns in Rage versetzt und an manchen geht ja auch sonst alles spurlos (und oftmals unbemerkt) vorbei.
Der ewige Kampf um die Deutungshoheit, diese tödliche Rechthaberei in Bezug auf Gottheiten, Dogmen und religiöse Normen, würde meiner Ansicht nach noch verbissener ausgefochten als bisher. Womöglich müssten die Entdecker des Signals und mit dessen Erforschung befasste Fachleute um Leib und Leben fürchten – weil aus Sicht einzelner Fanatiker nicht sein kann, was nicht sein darf…

Allerdings: Ein Signal aus geringer Entfernung „würde der individuellen wie kollektiven, also politischen und ökonomischen, Zukunftsplanung ein schwerwiegendes Element der Unsicherheit hinzufügen“. Zudem dürften sowohl Hoffnungen als auch Befürchtungen zunehmen, welche Folgen aus dem Kontakts erwachsen könnten.
Ein weiterer Relevanz-Faktor ergibt sich aus der Frage, ob die Entschlüsselung der ‚Botschaft‘ relativ zeitnah gelänge oder eben nicht.

II. Artefakt-Szenario

Eines Tages könnten wir in unserem Sonnensystem oder auf der Erde selbst die materiellen Hinterlassenschaften einer außerirdischen Zivilisation vorfinden – etwa eine Raumsonde.

„Vorstellbar sind Objekte einer solchen Fremdartigkeit, dass bei ihnen nicht nur jede heute bekannte Methode der technischen Untersuchung versagt, sondern bereits die Einordnung „künstlich“ oder „natürlich“ lange Zeit zweifelhaft bleiben könnte.“ Als anschauliches ‚Beispiel‘ wird „Oumuamua“ angeführt, jenes im Oktober 2017 entdeckten Himmelsobjekt ‚von außerhalb‘ unseres Sonnensystems. Aufgrund seiner eigentümlichen Eigenschaften entstand auch unter als ’seriös‘ bekannten Wissenschaftlern eine lebhafte Debatte darüber, ob dieser Asteroid möglicherweise künstlichen Ursprungs sei.

Der momentane Stand dieser Diskussion scheint zu sein:
„Die genaue Herkunft des interstellaren Objekts kann bisher nicht bestimmt werden, zumal seine Flugbahn nicht-gravitative Einflüsse zeigt.“ (vgl. Wikipedia)

Das Ausmaß der Reaktionen unter den Erdlingen auf ein außerirdisches Artefakt hängt als maßgeblich davon ab, ob selbiges überhaupt mit Sicherheit identifiziert werden kann – und was ggf. bei einer Altersbestimmung herauskäme. Das mögliche Alter würde «ein gefundenes Objekt in den menschlichen Zeithorizont hinein- oder im Gegenteil aus ihm hinausrücken.»

  • Im Falle eines geschätzten Alter von nur 100 Jahren wären wir «mit unmittelbaren ‹zeitlichen Nachbarn› konfrontiert, die möglicherweise von der Existenz einer Zivilisation auf der Erde wüssten.»
    Neben Spekulationen über seine Funktion(en) entstünden schwerwiegende praktischen Fragen: «Soll das Objekt möglichst unberührt bleiben oder sollte es systematisch wissenschaftlich untersucht werden? Kann es ggf. sogar aus dem Weltraum auf die Erde gebracht werden? […]
    All dies sind Fragen, für die es keinerlei internationale Regelungen gibt.»

Mehr noch: wem ‚gehört‘ das Objekt, abhängig vom Ort seiner Auffindung. Mit ‚etwas‘ Phantasie kann ich mir einen Streit zwischen den USA, Russland, China und weiteren Nationen um das Laserschwert von Enakin Skywalker schon ausmalen 😉
Aber im Ernst, würde sich eine international besetzte Expertengruppe mit dem Artefakt befassen und auch Entscheidungen zu seiner weiteren ‚Handhabung‘ vorbereiten dürfen? Es bleiben Zweifel, ob nicht nationale Egoismen im Vordergrund stünden – wie bislang ja auch meistens.

Die mediale Aufgeregtheit wäre noch heftiger und anhaltender als im Signalszenario (s.o.), auch in der allgemeinen Öffentlichkeit wäre das Interesse gewaltig. Zudem würde der Fund eines oder mehrerer außerirdischer Artefakte das Weltbild der Bevölkerung nachhaltig beeinflussen – immer vorausgesetzt, eine Zensur (etwa aus Furcht vor Unruhen) fände nicht statt.

«Eine gegenüber dem Signalszenario stärkere kulturelle Brisanz ergäbe sich hierbei daraus, dass die „Es gibt uns“-Botschaft durch eine „Wir waren hier“-Botschaft …dominiert würde.»
Außerdem wäre bewiesen, dass sich auch interstellare Entfernungen mit einer fortgeschrittenen Raumfahrt-Technologie überbrücken lassen.

Erich v. Däniken wäre nun ganz außer sich. Denn ein derartiges Artefakt, versehen mit einem Bestätigungs- und Echtheitsvermerk von NASA und MIT, wäre allerdings die Krönung seines Lebenswerks. (Auch wenn ich selten einer Meinung mit ihm bin – vor allem darüber, was alles als „Beweis“ gelten darf – bewundere ich die Energie, mit welcher der 84-Jährige unermüdlich für seine Sichtweise eintritt..)

Raumfahrtnationen und Raumfahrtkonzerne unternähmen große Anstrengungen, weitere außerirdische Artefakte im Sonnensystem zu entdecken – dabei läge der Ressourcen-Einsatz auf einem völlig neuen Niveau und würde, so die Autoren, Erforschung des Sonnensystems generell revolutionieren.

Brisant ist die politische Relevanz: Als feststehende Tatsache dürften früheren Besuche außerirdischer Intelligenzen in unserem Sonnensystem die weltpolitische Agenda stark beeinflussen: die Möglichkeit der Rückkehr eines technologisch weit fortgeschrittenen außerirdischen Akteurs mit unbekannten Motiven wäre nunmehr eine reale Möglichkeit, und nicht länger bloße Spekulation von Military SF -Autoren wie John Ringo und David Weber. (Deren Romane behandeln zwar fiktionale Ereignisse, doch in ihren Vorworten wird mit spürbarem Ernst vor dieser Möglichkeit gewarnt – zumal keine Nation der Erde auf so etwas wirklich vorbereitet ist.)

⇒ Die bisherige Machtverteilung auf der Erde wäre infrage gestellt. Der neue Akteur könne im worst case aufgrund seiner überlegenen Technologie «ein Machtmonopol beanspruchen, dem die irdischen Nationalstaaten nichts entgegenzusetzen hätten. Konstituierende Elemente des politischen Weltsystems der Erde wie die nationalstaatliche Souveränität stünden dann zur Disposition.»

Sorry, das ist die politische Dimension, aber bei weitem nicht der schlimmste erdenkliche Ausgang.
Nun, falls es beim einmaligen Auffinden eines Artefaktes bliebe, würden Euphorie und neuerlicher Endzeitwahn (wie vor dem 21.12.2012, nur heftiger) vermutlich mit der Zeit abebben. Sofern sich, auch als Folge der nun zielgerichteter und mit mehr Aufwand betriebenen Forschung, die eindeutigen Anzeichen für Besuche von Außerirdischen mehren, stelle ich mir eine konfliktreichen Neuorientierung der Menschheit vor.

III. Begegnungs-Szenario

→ Im ‚erdnahen‘ Weltraum erschiene ein außerirdischer Raumflugkörper, der mutmaßlich von einer biologischen oder künstlichen Intelligenz gesteuert wird.

Ein gewisser Erich v.D., soeben muntere 103 Jahre alt geworden, quietscht vor Freude und stellt mit seiner Fangemeinde rasch einen Kornkreis her. Noch aus großer Höhe ist zu lesen: „Ich will mit! Kommt schon, dem Henoch habt ihr doch auch einen Mitflug gestattet„…

Wie weit das fremde Objekt sich der Erde nähert, hätte erhebliche Auswirkungen: Je näher es der Erde käme, als desto bedrohlicher würde es wahrscheinlich wahrgenommen.

Im Begegnungsszenario nimmt eine höchst komplexen Situation an, in der es neben den Menschen einen weiteren handelnden Akteur gibt: eine außerirdische Intelligenz, über die wir zunächst nichts wissen und deren Motivecwir auch nicht ohne Weiteres zu erschließen vermögen.. Aus diesem Grund sind keine Vorhersagen über das Handeln der Fremden möglich.

«Wir können einfach nicht wissen, was bei einem solchen Zusammentreffen konkret geschehen würde.»

Vorstellbare Kontaktszenarien sind uns bereits aus der Science-Fiction mehr oder weniger gut bekannt. «Der Erstkontakt als fiktionales Ereignis wurde kulturell schon vielfach durchgespielt und hat seine Spuren im kollektiven Denken hinterlassen…» – und zwar im positiven wie im negativen Sinne.
Dadurch wären wir‘ bei einem Erstkontakt nicht mit einer gänzlich „unvorstellbaren“ Situation konfrontiert. Die Tendenz, die Deutungsmuster aus dem fiktionalen Kontext auf die wirklichen Geschehnisse zu übertragen, könne sich indes als fatal erweisen.
Beispiel: politische und Entscheidungsträger und Militärs deuten das Erscheinen einer außerirdischen Raumsonde vorschnell als „Invasionsabsicht“ leiten und militärische Abwehrmaßnahmen ein.

Soziologisch lasse sich Senario III als radikale Form eines asymmetrischen Kulturkontakts beschreiben. Solche Kontakte kennen wir aus der Geschichte: Beim Zusammentreffen gehen beide Seiten von einem erheblichen Machtgefälle zwischen den Beteiligten aus.  «Für die „Entdecker“ bewies die Entdeckung fern ihrer eigenen Heimat ihre eigene Überlegenheit, für die „Entdeckten“ entsprechend die Tatsache, im eigenen Lebensraum mit Fremden konfrontiert zu werden, ihre Unterlegenheit.»

  • Begegnungen dieser Art bedrohen die kulturelle Identität, oftmals auch die physische Existenz der so entdeckten Zivilisationen in erheblicher Weise.

Platt ausgedrückt, solche Begegnungen nahmen für die Entdeckten oftmals einen fatalen Verlauf. Im vorliegenden Szenario wären wir Menschen wären die „Entdeckten“, die Außerirdischen hingegen die in jeder Hinsicht überlegenen „Entdecker“. Allein die offensichtlichen Diskrepanz zwischen den technischen Möglichkeiten beider Zivilisationen (nach gegenwärtigem Stand) lässt dieses Gefälle unangenehm deutlich werden.

Im Vergleich mit den Szenarien I und II ergeben sich mehrere Besonderheiten:

  • Schwerwiegende kulturelle (und nicht zuletzt religiöse) Folgen, welche sehr schnell eintreten und eine ganze Reihe gesellschaftlicher Stabilitätsfaktoren beträfen,
  • der zentrale Akteur bleibt hinsichtlich seiner Handlungsweise eine unkalkulierbare Größe.

Sollten wir uns vorbereiten?

⇒ «Das Auftauchen eines von ETs gesteuerten Flugkörpers in der Nähe der Erde dürfte unmittelbar, nachdem diese Entdeckung öffentlich wird, zu schwerwiegenden massenpsychologischen, ökonomischen, religiösen und politischen Auswirkungen führen, von denen …viele eher negativer Natur sein dürften.»

⇒ Neben einer möglichen Verschiebung der politischen Machtverhältnisse auf der Erde sähen sich Unternehmen womöglich mit der Wertlosigkeit ihrer jüngsten Technologien konfrontiert. Religiöse Vorstellungen von einer einzigartigen Bedeutung der Menschheit in einer göttlichen Schöpfungsordnung wären radikal infrage gestellt.

Auch hier erhebe ich einen zaghaften Einwand: Die mediale Öffentlichkeit ist kein einheitlicher Block. Auch bislang wurden UFO-Landungen, Begegnungen mit sowie Entführungen durch Außerirdische berichtet. Dramatische Umwälzungen blieben jedoch aus, lediglich die ‚Betroffenen‘ zeigten sich je nach Sachverhalt unterschiedlich beeinträchtigt.
Auch die in ’seriösen‘ Medien berichteten Mutmaßungen in Bezug auf ‚Oumuamua‘ (s.o.) erzeugten zwar ein gewisses Echo, doch von Unruhe oder gar Panik kann absolut keine Rede sein. Die religiösen und sonstigen Fanatiker haben kaum gezuckt.
Von welchen Faktoren würde die hier von den Autoren als wahrscheinlich skizzierte Reaktion ‚der Massen‘ abhängen?

Nun, der entscheidende ‚Katalysator‘ scheint zu sein: das sichere, unwiderlegbare Wissen um die Existenz außerirdischer Intelligenz findet unmittelbar Eingang in unser alltägliches Denken und Handeln – und tangiert somit Politik, Ökonomie, Religion. Man kann sich kaum mehr wegducken vor den Fakten.
Wann und wodurch genau würde dies bewirkt werden? Bereits durch die erste Nachricht von der Entdeckung? Kaum. Deutliche TV-Großaufnahmen in 4K, welche selbst für durchschnittlich Gebildete nur diese und keine andere Interpretation zulassen? Eine auf allen Sendern zeitgleich ausgestrahlte Ansprache der Regierungschefs aller G8-Staaten?

So viel scheint klar: die Reaktion ‚der Massen‘ auf eine brisante, ja einzigartige Nachricht hängt wesentlichen von der Art und Weise ihrer Übermittlung ab. Insoweit nehme ich an, sie würden ‚es‘ uns schonend und in verdaulichen Happen beibringen, soweit dies möglich ist…

Dennoch, selbst wenn die im Szenario III dargelegten Auswirkungen lediglich Möglichkeiten von ungewisser Eintrittswahrscheinlichkeit darstellen, angesichts deren potenzieller Tragweite liegt doch die Notwendigkeit auf der Hand: Konkrete Maßnahmen vorzuschlagen, um ungünstige Auswirkungen eines Erstkontakts zu verringern und mögliche günstige Folgen wahrscheinlicher zu machen → zentrale Aufgabe der Exosoziologie.

Sofern im Kontakt mit einer außerirdischen Intelligenz verheerende kulturelle Auswirkungen und im Falle einer militärische Eskalation die Auslöschung der Menschheit nicht auszuschließen sind – wäre es unverantwortlich, nicht für solche Fälle zu planen. «Dabei kann die (ohnehin kaum verlässlich errechenbare) Wahrscheinlichkeit für das Erstkontakt-Ereignis fast beliebig klein werden, ohne dass das Gesamtrisiko vernachlässigbar wird.»

Die bislang an den Tag gelegte Ignoranz hinsichtlich der ‚Alien-Frage‘ funktioniert jedenfalls nur so lange, wie es keine offensichtlichen Indizien für die Existenz außerirdischer Intelligenzen gibt bzw. solche nicht einer breiten Öffentlichkeit vorliegen. Diese Kopf-in-den-Sand-Strategie wird in dem Moment prekär, sobald sich Indizien für intelligentes Leben außerhalb der Erde häufen oder eines der Szenarien I – III unübersehbar eintritt.

Die Autoren Anton und Schetsche raten nachdrücklich zu einer systematischen Vorbereitung, die von fünf Leitsätzen ausgehen sollte:

  1. Die Suche nach außerirdischen Intelligenzen sollte als High-Risk-Forschung betrachtet werden, deren Nutzen und Risiken offen diskutiert werden müssen.
  2. Diese Debatte ist nicht allein der Wissenschaftsgemeinde zu überlassen. Denn falls insbesondere Szenario III einträte, wäre die Menschheit insgesamt betroffen.
  3. Öffentlichkeit und politische Entscheidungsträger sind über die (bisherigen und künftigen) Forschungen und ihre möglichen Konsequenzen so weit informiert werden, dass rationale Entscheidungen möglich sind.
  4. Die Zuständigkeit wird bei internationalen Institutionen gesehen. Rechtliche Regelungen (wohl eher Übereinkünfte mit freiwilligem Charakter, wie auch beim Klima…) und politische Maßnahmen sollten vorzugsweise auf UN-Ebene implementiert werden.
  5. Alle Varianten/wahrscheinliche Szenarien des Erstkontakts sollten Gegenstand der Sicherheitsforschung und in Plänen des Zivil- und Katastrophenschutzes berücksichtigt werden.

Aus meiner Sicht sind diese Leitsätze vernünftig und richtungweisend, doch wie groß ist aus heutiger Sicht (= keine Aliens, keine Artefakte und nicht mal Signale zu sehen) die Chance ihrer Verwirklichung??
Die Auswirkungen des Klimawandels sind deutlich sichtbar, doch die individuelle wie kollektive Bereitschaft zu Verhaltenskorrekturen ist, hm, bestenfalls heterogen.

Im verlinkten Interview warnt Dr. Anton zusätzlich vor sog. METI-Projekten (Messaging Extraterrestrial Intelligence), welche große Anstrengungen unternehmen, mögliche ET-Zivilisationen durch gerichtete Signale auf ‚uns‘ aufmerksam werden zu lassen. Zum einen bestehe diesbezüglich keinerlei Regelungs-Übereinkunft. Ferner ist es fragwürdig bis unklug, einen in seinen Auswirkungen unkalkulierbaren Erstkontakt zu forcieren, auf den man sich selber (als Spezies) überhaupt nicht vorbereitet hat.

Zu negativ gedacht?

Mit der ‚UFOlogen-Gemeinde‘ und deren esoterischen Abspaltungen habe ich keine Berührungspunkte. Gleichwohl ist mir bekannt, nicht wenige Menschen betrachten ‚die Aliens‘ mit einer quasi-religiösen Faszination und erhoffen sich von deren Ankunft lauter segensreiche Wirkungen: spiritueller und technologischer KnowHow-Transfer, innovative Energiekonzepte, medizinischer Fortschritt und deutlich höheres Alter, – sowie, natürlich, Frieden für alle.

Bloße Träumerein von einem ‚intergalaktischen Freibiersaufen‘ nach MiB-Manier? Nein, nein, für den Fall einer Mensch-ET-Begegnung sind auch erfreuliche Effekte keineswegs auszuschließen. Gleichwohl ist anzunehmen, dass eine Billiarden Kilometer währende Reise nicht ausschließlich zu altruistischen Zwecken unternommen wird. Zudem, gerade jene ‚UFOlogen‘ gehen doch von der Existenz mehrerer intelligenter ET-Spezies in unserer ‚Nähe‘ aus …es reicht ja völlig, wenn nur eine Sorte von denen ’nicht nett‘ ist, sondern so ähnlich drauf wie der Mensch und zudem ausgesprochen hungrig nach der langen Überfahrt.

Wer bereit ist, die alle drei o.a. Szenarien als theoretisch möglich zuzulassen, sollte man auch für die vollständige Bandbreite der beschriebenen Auswirkungen in Betracht ziehen. Nicht panischer Aktionismus ist gefragt, auch nicht halbherzige Heimlichtuerei, sondern ein strategisches Vorgehen.
Nachdem die Szenarien I und II als deutlich wahrscheinlicher anzusehen sind, sollte den möglichen Umwälzungen und Verwerfungen vorrangig Rechnung getragen werden, zu denen wir Menschen ‚ganz ohne außerirdisches Zutun‘ alleine imstande sind.

Mit anderen Worten, zuallererst braucht es eine globale Kommunikations- (aber nicht Zensur-)Strategie für den Fall, dass SETI Erfolg hat oder erwiesenermaßen echte Alien-Artefakte auftauchen.–


Anmerkungen

  1. Exosoziologie bezeichnet soziologischer Forschungsrichtungen, die sich  – unter der Annahme, dass es außerirdisches Leben mit wissenschaftlich-technischer Organisation gibt – mit den Entstehungsbedingungen und möglichen Eigenschaften solcher unbekannten extraterrestrischen Zivilisationen, möglichen Kontaktszenarien und deren Konsequenzen befassen.
  2. Beim 2016 entdeckten Trappist-1-System wurden mittlerweile 7 terrestrische Planeten gefunden, wovon mehrere in der habitablen Zone liegen.
  3. Es wird davon ausgegangen, dass sich Planeten auch in anderen Galaxien geformt haben. Jedoch sind Planeten außerhalb der Milchstraße sind mit heutigen Mitteln deutlich schwerer nachzuweisen. → Vgl. Extragalaktischer Planet

Quellenangabe

Siehe auch

Interview mit Dr. Andreas Anton, einem der Autoren der o.a. BpP-Textes: „Exosoziologie: Vorbereitung auf den Erstkontakt mit Außerirdischen

 

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