»Wenn die Furcht für mich denkt…« – Corona und die Angst

Nun ist unversehens ein sehr realer Anlass für Furcht entstanden: Die Corona-Pandemie ist längst nicht mehr nur ein Thema in Asien, sie hat auch Europa fest im Griff. Den gesundheitlichen Aspekt betrachte ich mit einem Mix aus Zuversicht und Fatalismus: einerseits verhalte ich mich so umsichtig wie möglich – social distancing bereitet mir weniger Probleme als den meisten Mitmenschen. Sollte mich das Virus trotz Einhaltung aller empfohlenen Vorsichtsmaßnahmen erwischen – naja, dass ist das eben so und ewiges Leben hatte ich mir ohnehin nie erhofft. Damit will ich die möglichen Krankheitsfolgen nicht etwa relativieren – Lungenentzündung ist kein Spaß. Aber mehr als mich vorsehen (wozu auch gesunde, abwechslungsreiche Ernährung zählt) kann ich eben nicht machen.

Was mir persönlich mehr Sorge und inzwischen auch Angst macht: wie wirken sich die idiotischen, weil nicht am Bedarf orientierten Panikkäufe auf die Versorgungslage aus? Und was mag einzelnen Mitbürgern in ihrer Panik noch an Verrücktheiten einfallen, sobald das Horten von Küchenrolle, Tempo und (natürlich) Bergen von Klopapier als Kompensationshandlung nicht mehr ausreicht?

Irreale Ängste erkennen und analysieren

Bereits ohne konkrete, sichtbare Veranlassung kann Furcht aufkommen. Vielfach maßgeblich dafür sind

  • Befürchtungen, die zwar einen realen Ausgangspunkt haben, der zu unguten Szenarien ‚weitergesponnen‘ wird: was ist, wenn das Klopapier alle ist?
    (Dies scheint ja für viele eine Horrorvorstellung zu sein. Für mich selbst nur, wenn auch noch Wasser abgestellt würde und die Flüssigseife alle ist.)
  • Zurückliegende, schmerzhafte Erfahrungen, welche das assoziative Denken in unguter Weise prägen: dass ‚gebranntes Kind das Feuer scheut‘, weiß jeder.
    Ein Beispiel, das : Die ›Röhre‹, also das MRT (Magnetresonanztomographie) bereitet mir immer wieder mächtiges Unbehagen – so eng so laut. Das geht schon Tage vorher los: ‹Wenn nun ein Feuer ausbräche…wenn dadurch der Strom ausfiele und der Alarmknopf nutzlos würde…und wenn das anwesende Personal vor Rauch und Feuer fliehen würde… wenn der eingepferchte Patient allein in dem Inferno zurück bliebe.‹
    Man kann diese Vorstellung noch weiter treiben, doch die Anzahl der ins Absurde abgleitenden Und-wenn’s ist schon groß genug. Fakt ist: So ein Szenario ist äußerst unwahrscheinlich.

Verständnis hinsichtlich eigener Befürchtungen sollte bei anderen sogar in der akuten Lage nicht vorausgesetzt werden – weil die Verarbeitungsmechanismen eben sehr verschieden sind. Die subjektiven Gegenstände und Ausmaße meiner Furcht sind dem Gegenüber weder bekannt noch wären sie in jedem Falle nachvollziehbar. Auch in diesem Zusammenhang hilft es, das eigene ‚Angstprofil‘ selbstkritisch zu durchleuchten:

  • Was ist es genau, wodurch ich im Augenblick beunruhigt bin – die Gesundheitsfolgen im Falle einer Ansteckung? Die drastischen Schilderungen schwerster Verläufe (»wie Ertrinken, nur langsamer«)? Die vielen Nachrichten aus aller Welt, etwa der tägliche Anstieg infizierter und verstorbener Personen?
    Oder womöglich die gedankliche Vorwegnahme einer späteren Entwicklung, welche zwar eintreten kann, aber nicht muss – Arbeitslosigkeit, Geldmangel, eine drastische Veränderung der bisherigen Lebensumstände bis hin zu bitterer Not?

Mitunter wird die Antwort lauten: »Ja genau, von alledem etwas.« Selbstbeobachtung ist ein erster, wichtiger Schritt – dabei kann es helfen, eine Art ‚Corona-Tagebuch‘ oder ‚Krisenjournal‘ anzulegen, worin die täglichen Befindlichkeiten und Furchtmomente notiert werden. Der Vorgang des Schreibens ermöglicht mitunter schon ein Loslassen, eine innere Distanzierung von dem, was Angst macht.

Was kann man tun im Angesicht der Angst?

Wer das gar nicht von sich kennt, ist zu beneiden: jene schillernden Szenarien eines (vermeintlich oder real heraufziehenden) Schreckens, die zuerst in der eigenen Gedankenwelt wuchern und zunehmend die Gefühlslage bestimmen – sich bei ‚optimalen‘ Bedingungen steigernd bis zum Kontrollverlust – oder der tiefen Angst, einen inneren Zustand nicht länger beherrschen zu können.
Bezug sind hier nicht irreale Ängste und Phobien, sondern die (Vorwegnahme von nicht so unwahrscheinlichen) Situationen, die einen in wachsende Unruhe versetzen.

Angst vor Kontrollverlust ist dabei nicht zwangsläufig, doch sie kann sich einschleichen – wenn man nicht aufpasst und beizeiten ‚etwas unternimmt‘. Eine andere Form von Kontrollverlust kann jedoch auch befürchten, wer sich einer Bedrohung ausgesetzt glaubt, die in der subjektiven Wahrnehmung −immer näher kommt‹. Gegenstand der Furcht ist dann nicht Verlust eigener Contenance (nervöses Umherlaufen, mit den Händen fuchteln, Weinen – what ever) – vielmehr entsteht die Vision einer zukünftigen Konstellation, welche sich womöglich nicht mehr aktiv steuern und gestalten lässt: Hilflosigkeit und Autonomieverlust.

Der Autor des verlinkten Artikels2) spricht von Emotionen, die sich verselbständigen und »dann das Ruder übernehmen, während aufdringliche Gedanken ein bedrohliches Szenario für uns heraufbeschwören, vor dem wir uns verteidigen müssen.«

»Auch wenn es in unserem täglichen Leben …der Faktor ›Angst‹ …präsent ist, dürfen wir ihm nicht die volle Macht geben.«

Gelingt dieses Bewachen und Eindämmen von Gedanken (die Emotionen erst auslösen bzw. verstärken) nicht, sind unsere Schlussfolgerungen und Urteile sind »nicht mehr rational und wir geben dem instinktiveren, weniger nachdenklichen und nicht logischen Autopiloten das Kommando«.

Die Folge davon ist permanenter Stress: ein »Zustand ständiger Hypervigilanz, immer in der Defensive, [wir] reagieren überproportional auf die unbedeutendsten Dinge, …und rechnen mit Dingen, die noch nicht geschehen sind«.

Derartige Anspannung macht sich nun auch im Zeichen von Covid-19 bemerkbar: wir sind uns ständig angespannt der neuen Gefahr bewusst (spätestens beim Verlassen des häusliche Umfelds): warum ließ diese Frau zu, dass ihr Kind mit rasselndem Husten und Schnupfnase auf mich zu rennt und prustend direkt vor mir stehen bleibt? Muss der Mann in der Kassenschlange mir spürbar auf die Pelle rücken?
Trotz eigener Vorsicht lassen sich solche Momente eben nicht immer vermeiden …diese immer wieder anzutreffende Unbesonnenheit (oder bewusste Ignoranz?) ist ein Punkt, der mich gerade in den letzten Tagen ziemlich irritiert hat… inzwischen müsste doch eigentlich jede/r begriffen haben, wie ernst diese Lungenkrankheit ist.

Und dann sind da auch noch die längerfristigen Gedanken und Furchtauslöser: Was soll nur werden? Was wird mit der Wirtschaft, wenn nun über Wochen (oder Monate?) das Land praktisch stillsteht und der Konsum auf ein Minimum reduziert ist?
Vom Typ her bin ich einer, der beängstigende Sachverhalte rationalisiert und äußerlich ruhig bleibt …nur, mit ‚Coolness‘ hat das nicht das geringste zu tun. Auch ich nehme wahr, wie ich von Tag zu Tag dünnhäutiger werde.

Nicht lähmen lassen – aber wie geht das?

Vorab: Dass diese ungewohnte Situation Furcht auslöst – ist völlig normal. Einigen wird ›ein bisschen mulmig zumute‹, während es anderen zunehmend schwer fällt, überhaupt noch einen klaren Gedanken zu fassen.

Mich selbst sehe ich da eher im Mittelfeld: Eine paranoide, sich verselbständigende Ausprägung der Corona-Angst hat sich meiner (noch) nicht bemächtigt, doch mir ist schon bewusst: ich sollte achtsam bleiben, damit ich mich auch künftig nicht auf diesen abschüssigen Pfad begebe.
Denn in normalen, ruhigen Zeiten klappte es recht gut mit der vorausschauenden Gestaltung von Lebensumständen …erst gar keine Lage eintreten zu lassen, in welcher ich mich über längere Zeit unterlegen, bedroht oder gar ausgeliefert fühlen könnte. Aber jetzt?

Der kurze Beitrag »Nicht lähmen lassen: Vom richtigen Umgang mit der Corona-Angst« gibt wichtige Hinweise:

  • Bevor die Angst einen so richtig packt, wird ein Realitätscheck empfohlen: ›Wie ist meine Gefahrenlage, wie sieht mein Alltag aus, mit wem habe ich Kontakt?‹
  • Die Flut der Bilder und Meldungen kann einen schon übermannen. Als zum ersten Mal über Hamsterkäufe berichtet wurde, kam ich an meinen persönlichen Tiefpunkt in dieser Krise, denn das war gänzlich neu und traf mich darum unerwartet.
    Alles was ich tun konnte: mir eigenen Überblick über die Lage verschaffen, die Passivität ablegen. Also suchte ich den nahe gelegenen Supermarkt auf und stellte fest: fast alle Artikel waren noch vorhanden.
  • Im o.a. Beitrag wird zudem empfohlen, sich anhand offizieller Quellen zu informieren, beim Robert-Koch-Institut oder der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (→ BZgA).
    Das sind dann weder Fakenews noch Verharmlosungen, sondern »gesicherte Erkenntnisse und klare Empfehlungen, darauf kann man sich verlassen – und das gibt dann auch wieder Sicherheit.«

Hinsichtlich konkreter Ratschläge empfehle ich auch die Lektüre des Artikels ›Angst vor Kontrollverlust: wenn die Furcht für mich denkt‹. Zwei grundsätzliche Überlegungen daraus:

  • Gute Absichten zu haben, ist löblich – das bloße Wollen & Können reicht aber bei weitem nicht aus, sofern „in uns ein Knoten ist, der uns daran hindert, durchzuatmen und nachzudenken“.

»Die Wahrheit einer Absicht ist die Tat.« (Hegel)

  • »In jeder Situation haben wir alle die Möglichkeit, auf die eine oder andere Weise zu reagieren. Die Wahl des besten Weges liegt in unserer Verantwortung.«
    Es kommt also drauf an, die innere Ruhe wieder zu finden (→ Entspannungsübungen, z.B. nach Jacobson), die eigene Situation so nüchtern und klar wie möglich zu definieren und dann geeignete Korrekturen vorzunehmen.

⇒ »etwas Kathartisches und Befreiendes tun, um einen Anfang zu machen.«⇐

Abschließend sei vermerkt: Einerseits führt ein Übermaß an gewollter Kontrolle über jede Lebenssituation zwangsläufig zu Disharmonie. Andererseits zeigt sich in dieser Krise: Es ist eine pure Illusion, vollständig und immer die Kontrolle behalten zu können.
Selbst wenn ich mich ‚richtig‘ verhalte, bleibt unweigerlich ein Restrisiko an Covid-19 zu erkranken (oder beim nächsten Sturm von einem herabfallenden Dachziegel getroffen zu werden).


›Litanei gegen die Furcht‹ und Meditation zur Angstbewältigung

Apropos Furcht… als begeisterter Leser von Science-Fiction-Literatur kam ich recht frühzeitig mit dieser auto-suggestiven Methode in Berührung, durch die sich ein lähmendes Aufkeimen von Angst bewältigen lassen soll. Jedenfalls sind die fiktiven Ordensfrauen der Bene Gesserit aus Frank Herbert’s Dune-Zyklus (auch ‚Der Wüstenplanet‘ gibt es als Hörbuch – für lau) überzeugt, dass sie funktioniert:

Ich darf mich nicht fürchten.
Die Furcht tötet das Bewusstsein.
Die Furcht führt zu völliger Zerstörung.
Ich werde ihr ins Gesicht sehen.
Sie soll mich völlig durchdringen.
Und wenn sie von mir gegangen ist,
wird nichts zurückbleiben.

Nichts außer mir.

Und warum auch nicht …jedenfalls in Situationen akuter Furcht? Indem man sich auf die Bedeutung der Worte konzentriert, während diese lautlos rezitiert werden, lässt sich die ggf. ungut beschleunigte Atmung leichter kontrollieren – um damit auch die übrigen Regungen abzumildern.
In der Zeit mündlicher Prüfungen, denen ich mehr mit Nervosität als mit echter Angst entgegensah, probierte ich dies (mit einem Schmunzeln von wegen Science Fiction) aus: jedenfalls gelang es mir, mich abzulenken und mir nicht länger die Folgen eines möglichen Misserfolges auszumalen. Von daher: Problem so gut wie gelöst.

Der Grundgedanke – Meditation zur inneren Festigung und Stärkung – ist nicht verkehrt, soweit man sich darauf einlassen kann. Warum nicht versuchsweise eine ›Traumreise Waldspaziergang‹ unternehmen? …erinnert mich ein wenig an autogenes Training. Jeder von uns wird selbst herausfinden, welche Methoden individuell er/sie als hilfreich befunden werden.
Ein wenig damit zu experimentieren ist ebenfalls ein Weg, um vom Gelähmtsein und ständig wiederkehrenden Gedanken ins Tun zu kommen.


Quellenangaben

  1. »Nicht lähmen lassen: Vom richtigen Umgang mit der Corona-Angst«
  2. »Angst vor Kontrollverlust: wenn die Furcht für mich denkt«
    auf gedankenwelt.de
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