„Das ist gar nich‘ mehr muckelig jetzt…“ – Ablenkung früher & heute

Derzeit fehlen mir ziemlich die Worte in dieser Coronakrise …einer Pandemie mit der vermutlich kaum einer von uns gerechnet hat, obwohl damit zu rechnen war. Viele Themen, die derzeit laufend hin- und hergewälzt werden, erscheinen mir so wohlfeil:

  • Politikerschelte geht eigentlich immer – doch bis das Gröbste überstanden ist, nützt das Meckern herzlich wenig.
  • Statistiken über infizierte Personen je Staat/Bundesland finde ich nicht sehr hilfreich, solange nicht auch die Gesamtzahl getesteter Personen gegenübergestellt wird.
  • Dass sich unter meinen Landsleuten gefühlt 20 Millionen Virologen befinden, hätte ich auch nicht vermutet. Als Nichtmediziner halte ich mich bei fachlichen und zudem sensiblen Fragen komplett zurück.
  • Über rücksichtsloses Hamstern rege auch ich mich auf. Doch was erreiche ich denn damit, wenn ich nun ebenfalls das leere Brotregal im einzigen zu Fuß erreichbaren Supermarkt fotografiere und in den sozialen Medien verteile?
    ⇒ Mit dieser Momentaufnahme (am nächsten Tag habe ich eigentlich alles Benötigte einkaufen können) vergrößere lediglich ich noch die Beklemmungen anderer Menschen, die dann erst recht unreflektierte Panikkäufe starten. Diesbezüglich würde ich mir etwas mehr Mitdenken und dafür weniger Drang zur Selbstdarstellung bei meinen Zeitgenossen wünschen.

Sich unablässig mit Hiobsbotschaften berieseln lassen, ist mehr bedrückend als informativ. Darum höre ich mir das werktägliche Corona-Update (→ NDR-Podcast mit Prof. Drosten) an und anschließend vielleicht noch eine Pressekonferenz, aber dann ist es auch gut.

Ansonsten: Wer wie ich nicht zum systemrelevanten Teil der Bevölkerung zählt, bleibt am besten mit seinem Hintern daheim (kurze Spaziergänge alleine oder mit Hund sind ja noch erlaubt und eigentlich auch sinnvoll) und lenkt sich so gut es geht ab.
Das ist gar nicht immer einfach… für Ablenkung zu sorgen, wo die Lage und die beständige Ungewissheit doch ziemlich bedrückend und angstauslösend ist.

Strafe Gottes??

Ach ja, die Prepper haben es schon immer gewusst und auch Endzeitpropheten wittern nun Morgenluft, auf eine mitunter schäbige Weise:
Wer verkündet, die Pandemie mit womöglich vielen Todesopfern sei als Strafe von Gott gesandt, meint damit doch: ‚Ihr anderen werdet nun gestraft, weil ihr nicht so gottesfürchtig, fromm (und randvoll mit moralischer Überheblichkeit) gelebt habt wie ich‘.
Was solche Tiraden, die dieser Tage immer schriller und aufdringlicher werden, über den Charakter des jeweiligen Verkünders besagen? Nun, dazu möchte ich mich nicht auslassen.

Wer sich laut oder nur insgeheim fragt, ob Gott nicht (wieder einmal) genug von der Menschheit habe – oder warum Er denn solches Leid zulasse – steht damit vor einem grundsätzlichen (theologischen) Problem. Jene Theodizee lässt sich nicht sinnvoll in wenigen Worten abhandeln. Dieser Blog geht an anderer Stelle auf diese Fragestellung ein:

Das Prinzip von Ursache und Wirkung mag Unverständnis und Bitterkeit auslösen: ‚Was habe ich denn falsch gemacht …weshalb werde ich gewissermaßen in Mithaftung genommen?‘ Nun, es handelt sich dabei eben nicht um eine Sanktion, die willentlich über uns verhängt wird. Vielmehr zeigen sich die Folgen von Handlungen und Versäumnissen der Menschheit insgesamt sowie einzelner Staaten (in den jeweiligen Ausprägungen dieser Krise).
Für die kausalen Zusammenhänge (warum ist dieses Virus so ansteckend und so tödlich und warum verbreitet es sich dermaßen rasch?) lassen sich medizinische und epidemiologische Gründe finden, ganz ohne Theologie.

(→ Vgl. „Corona-Pandemie zeigt die Kehrseite der Globalisierung“ auf tagesspiegel.de)

Und die Endzeit? Nun ja, bereits die Apostel und Jünger Jesu waren überzeugt, viele von ihnen würden noch das Ende der Welt und das Zweite Kommen Christi miterleben. Zur ersten Jahrtausendwende waren sich viele Kleriker und Theologen sicher, das Ende stehe unmittelbar bevor.
Und im Grunde gab es in jeder schweren Zeit eine wachsende Zahl endzeitlicher Visionen – dass solche auch jetzt im Zuge der Corona-Pandemie laut werden, ist also nicht verwunderlich.
Nur, derzeit bestehen für einen ‚biblischen Weltuntergang‘ (also das Ende der gesamten Schöpfung) kaum sichtbare Anzeichen – diese Pandemie stellt eher einen harschen Stresstest für die menschliche Zivilisation dar.

Wer dennoch allen Ernstes die in der Johannes-Apokalypse beschriebenen Zustände verwirklicht oder unmittelbar bevorstehend sieht, sollte dies auch durch einen Vergleich Bibel – Realität der Genwart belegen können. Ein  solcher Beleg wurde meines Erachtens bislang noch nirgends glaubhaft erbracht – die in der Offenbarung skizzierten Naturkatastrophen weisen völlig andere Charakteristika auf.

Gebete?
Persönlich bin ich der Ansicht, der Vorgang des Betens entfaltet eine positive, stärkende und nicht selten auch beruhigende Wirkung. Ähnliches dürfte auf mediale Gottesdienste zutreffen, die nun (zum Beispiel → hier) angeboten werden. Was man sich konkret davon erhofft – etwa im Hinblick auf die Infektionsrate, die Suche nach einem Wirkstoff oder die ökonomischen Folgen der Coronakrise – obliegt dem persönlichen Hintergrund.

Früher war alles besser??

Frage mich gelegentlich, wie die Generationen vor uns damit in Kriegs- und Hungerzeiten umgegangen sind, welche sich über Jahre hinzogen. Meine Großeltern besaßen in den 1940er Jahren kaum Bücher und waren auch nicht musikalisch. Tagsüber arbeiteten sie im eigenen Gemüsegarten, der zum Überleben der Familie einen essenziellen Beitrag leistete. Laut meinem Opa war „im Garten immer etwas zu tun“, solange keine Minusgrade herrschten. Zusätzlich gab es noch einen kleinen Stall mit Kaninchen und etwa 15 Hühner, die auch versorgt werden mussten.
Entsprechend waren sie viel an der frischen Luft und am Abend von der körperlichen Arbeit beizeiten müde. Auch das mag als Ablenkung gewirkt haben und so war die Familie tagsüber beschäftigt, die Kids halfen fleißig mit.  Doch irgendwann, spätestens mit Einbruch der Dämmerung waren die anstehenden Arbeiten auch fertig und bis zum Schlafengehen blieben noch mindestens fünf Stunden.

TV gab es damals noch nicht und der Volksempfänger war, nun ja, eben begrenzt. Also wurden Brettspiele wieder und wieder gespielt – Mühle, Dame, wohl auch Mensch-ärgere-dich …die Kinder (in diesem Falle mein Alter Herr) wollten ja auch noch bespaßt werden. Richtig schwierig wurde es am Abend. Ich erinnere mich nicht, ab wann es im Haus meiner Großeltern elektrischen Strom gab, doch der war erstens begrenzt und zudem herrschte in Kriegszeiten ein striktes Verdunkelungsgebot (wg. Luftschutz).

In einer Großstadt existierten auch damals schon weitreichende Freizeitangebote wie Kinos, Gastronomie, Tanzveranstaltungen und sogar Fußballspiele in prall gefüllten Stadien (erstaunlich, mitten im Krieg, aber wohl zutreffend). Doch dazu musste erst mal das nötige Budget vorhanden sein und auf dem Lande gab es bestenfalls eine Dorfkneipe, die auch nicht ewig lange geöffnet hatte. Sofern also kein Luftalarm herrschte, saßen Oma und Opa am Abend bei spärlichem Kerzenlicht zusammen – und konnten genau was tun, um die Zeit bis zur Nachtruhe totzuschlagen?

Ganz ehrlich, im einzelnen weiß ich es nicht. Über ‚die schlimmen Jahre‘ wurde mit uns Enkeln nicht sehr gerne gesprochen. Und meine Eltern waren noch zu jung, um viele Erinnerungen berichten zu können. Doch wenn ich dieser Tage Sprüche wie „das ist ja wie im Krieg“ höre, beschleicht mich ein ganz ungutes Gefühl: kann es sein, dass wir ‚Jüngeren‘ völlig falsche Vorstellungen besitzen, auch wenn wir nun erstmalig mit einer echten Ausnahmesituation konfrontiert sind?

Jedenfalls haben wir (jedenfalls die meisten von uns) heute doch erheblich mehr Möglichkeiten, für unsere Ablenkung und Unterhaltung zu sorgen: 50 – 100 TV-Programme, vor allem aber das Internet und einstweilen auch noch Streamingdienste. Im Web finden sich zahllose Angebote zum kostenlosen Download von Literatur (nicht Schund-, sondern klassische Literatur;).

    • Projekt Gutenberg DE mit weit mehr als 10.000 online lesbaren Büchern
    • Linkliste für Gratis-Sachbücher auf chip.de
    • Auf YT und weiteren Videoportalen findet man Musik für jeden Geschmack,
    • Besonders geschätzt von mir wird das „Kaminzimmer des alten Poeten„, dem größten deutschsprachigen Klassik-Hörbuch-Archiv auf YouTube: „täglich neue Geschichten, Gedichte, Krimis, Detektivromane, Balladen aus der klassischen Literatur und Selbstgeschriebenes aus meiner eigenen Feder und der von Freunden“.
      Gerade entdecke ich dort alte Sagen und Geschichten, welche eher regional bekannt und für mich daher Neuland sind. Zum Beispiel die Wiener Sage vom Dämon Wind:
  • Kommunikation (Email, Telefon, VoIP-Telefonie mit Screen-Sharing-Funktion) ist weiterhin erlaubt …und wird so intensiv genutzt, dass Internet-Provider schon mal an Grenzen kommen können.
  • Bewegung ist weiterhin wichtig.

⇒ Heute sollte es uns etwas leichter fallen, uns ‚auf andere Gedanken zu bringen‘ – auch und gerade in einer Zeit, die wir als wahrlich niederdrückend erleben.
Damit möchte ich dieses Bedrückende, all die Angstauslöser keinesfalls relativieren oder kleinreden …sondern ggf. den Blick auf das Positive lenken, auf das weiterhin zugegriffen werden kann.

Ihnen, liebe Leser, wünsche ich viel Kraft für die vor uns liegenden Tage.
Bleiben Sie gesund!


PS: Was Freizeit-Philosoph Ditsche (weltbekannt durch seine Aussage „das muss perlen“) über die momentane Lage denkt und wie er die komische, bedrückende Stimmung beschreibt, kommt meinen eigenen Eindrücken recht nahe.

Siehe auch

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