Das Letzte Virus? Der Letzte Sommer?

«Da Weltuntergänge äußerst selten stattfinden, kann man sie so oft herbeireden, wie man will.»1

Erinnern Sie sich noch an die ’spirituelle Unruhe‘ im Jahre 2012, als ein paar Leute unbedingt den Weltuntergang (exakt terminiert für den 21.12.12) herbeireden wollten? Einige zeigten sich überzeugt: der Aufstieg in die 5. Dimension sei ja wohl das Mindeste, das man sich erhoffen dürfe. Andere verschenkten ihr ganzes Vermögen und packten den Rucksack für ihre Entrückung. Die Axe-Werbung 2012 („Final Edition„) war immerhin originell.-

Als dann am Untergangstage buchstäblich nichts passierte, verfielen unermüdlich hellsichtige Propheten darauf, das Datum zu korrigieren. Weltuntergangsapologetik geht nämlich immer.

Und nun? Mit dem Andauern der Coronakrise geht erneut so eine merkwürdige Stimmung einher: „Corona-Apokalypse“ bleibt ungeachtet vorsichtiger Lockerungen ein heißes Thema; inzwischen richtet sich der Blick vermehrt auf die ökonomischen Auswirkungen der Krise: „viele bedeutende Denker sagen voraus, dass, wenn die apokalyptischen Reiter erst einmal vorbeigaloppiert sind, just das passieren wird, was sie sich ohnehin schon immer gewünscht haben:“3

  • Beim ‚Niedergang des Kapitalismus‘ sind sich viele sehr sicher – und verschweigen  zumeist die Kollateralschäden, die eine weitere große Depression oder noch Schlimmeres mit sich brächten. Die Zahl der Corona-Todesfälle (bislang 251.718) nähme sich demgegenüber „verschwindend“ aus.
    Sogar
    von der sofortigen Einführung des Kommunismus wird nun wieder geträumt. 
  • Da geraten die Begrifflichkeiten auch schon mal durcheinander: → „Ein Virus namens Apokalypse“ (dieser DLF-Artikel setzt sich freilich kritisch auseinander mit der „Idee, dass die Veranlagung zur apokalyptischen Deutung von Krisenzeiten zutiefst menschlich sei“.)
  • Wer auf YT oder Facebook berühmt werden will, hat weiterhin gute Chancen: einfach eine These aufstellen, die vielen Menschen (noch mehr) Angst macht. Das klingt dann ungefähr so:
    Eine dunkle Wesenheit von entsetzlicher Macht, die reptiloide Angela M. habe sich mit weiteren bösen Alien-Echsen verbündet, um die Menschheit zu zerstören / uns als Sklaven an einen multinationalen Konzern ausliefern oder sie wolle uns als Fischstäbchen (bzw. Human McNuggets) an die Unterwelt verfüttern – die Erfindung der Corona-Viren Nr. 1 bis Nr. 19 sei dafür erst die Ouvertüre..
    ⇒ Nichts ist so schwurbelig, als dass es nicht von ein paar Uninformierten geglaubt würde. Warum muss es immer was mit Echsen sein?

Und was soll das alles?

Klar, jedem von uns ist es gestattet, so zu tun als sterbe die Menschheit bis spätestens zum Herbst 2020 aus oder die ganze Welt ginge den Bach runter – mit geeigneter Lektüre und schwermütiger Musikbegleitung kann man in sich eine endzeitliche Wehmut wachrufen …das ist nicht schwer.

Gesund ist das Abgleiten ins Morbide sicher nicht in einer Zeit, die ja durchaus als ernst bezeichnet werden kann. Eine sich ausbreitende Weltuntergangsstimmung wirkt fast so lähmend wie ein echter Weltuntergang …besonders dort, wo dieses Gift in hohen Dosen verabreicht und konsumiert wird. Wer davon profitiert? Nun, sicher nicht die gutgläubigen Konsumenten:

  • „Angstmache ist zu einer kulturellen Ressource geworden aus der sich verschiedene Leute und Interessengruppen nähren, um daraus Anerkennung für ihre [eigentlichen] Botschaften oder Argumente zu ziehen.“2
  • Kollektive „Angst… ist sozial konstruiert und wird dann von denen manipuliert, die sich davon Vorteile versprechen.“2
    Es wäre ein spannendes Forschungsthema zu untersuchen, inwieweit die Angstmacher selbst auch in ihren düsteren Zukunftsvisionen und -stimmungen gefangen sind – oder ob sie insgeheim ihre bibbernde Jüngerschar verachten.-

Irgendwas Apokalyptisches ist ja immer

Wirklich neu ist dieses kollektive Warten auf das Ende nicht: Gerhard Henschel präsentierte in seinem Buch „Menetekel: 3000 Jahre Untergang des Abendlandes“ eine schillernde „Parade der Unheilsverkünder“ aus 3 Jahrtausenden. Zumindest in historischer Zeit sei jede Generation davon überzeugt gewesen sei, die Apokalypse stehe unmittelbar bevor.

Ein kurzer Blick auf die letzten 50 – 70 Jahre soll hier genügen:
Im Angesicht des nuklearen Overkills der Atommächte wuchs die Nachkriegsgeneration in dem Bewusstsein auf, dass unablässig das Damoklesschwert eines globalen Atomkrieges über ihr schwebte. Waren Ängste vor der Apokalypse noch bis etwa 1995 auf die nuklearen Bedrohung gerichtet, sind heute der Klimawandel, ein Cyberkrieg sowie derzeit die Gefahr einer weltweiten Pandemie stärker ins Bewusstsein gerückt.

Einrichtungen wie die „Doomsday Clock“ oder „→ Weltuntergangsuhr“ stellen zudem sicher, dass das nahende Ende niemals und niemandem wirklich in Vergessenheit gerät. Allerdings liegt die Intention hier weniger im Angstmachen als in einer ernsten Mahnung an Entscheider und Eliten, endlich „diese bedrohlichen Probleme in Angriff zu nehmen und in den Griff zu bekommen“. Ob die Einschätzungen der zuständigen Wissenschaftler in ihrer vergleichenden Gewichtung immer zutreffen (während der Kubakrise 1962 war es ‚erst 7 vor 12‘, während die Gegenwartslage 2019/2020 mit nur noch ‚100 Sekunden vor 12‘ beurteilt wird…), vermag ich indes nicht zu sagen.

Seit etwa 20 Jahren wurden uns „alljährlich neue apokalyptische Bedrohungen präsentiert, meist, wenn auch nicht immer, sehr vorübergehender Natur“: AIDS, BSE, Vogel- und Schweinegrippe, mögliche Auswirkungen der Gentechnik, das von Umweltzerstörung und Klimawandel, das Y2K-Problem sowie nach dem 11. September 2001 der global agierende Terrorismus…
wem schwirrt da nicht der Kopf?

Merkwürdig: Positive, erfreuliche Nachrichten stoßen eher selten auf Interesse (und finden, so mein Eindruck, auch weitaus weniger Verbreitung). Negative Informationen werden im Alarmareal unseres Gehirns verarbeitet und besitzen „einen höheren Aufmerksamkeitswert als positive Meldungen, da sie archaische Fluchtimpulse steuern“.
Allerdings kann dabei auch eine Reizschwelle überschritten werden: „Es wird uns zu viel“ mit dem ständigen Alarmismus → so etabliert sich ein Zustand bleibender Resignation, der dem Phänomen „Erlernte Hilflosigkeit“A recht nahe kommt: immer mehr Menschen entwickeln die Überzeugung, dem großen Weltgeschehen chancen- und rettungslos ausgeliefert zu sein:

  • „Ich schaue mir keine Nachrichten mehr, das ist zu deprimierend.“
  • „Ja, es sieht schlimm aus in der Welt. Darin ist leider, leider nichts zu ändern.“
  • „Da kannste dich nur noch besaufen.“

Solche Äußerungen hat es schon immer gegeben. Doch sie scheinen in der momentanen Zuspitzung deutlich mehr zu werden. Nun, wem könnte ein erheblicher Anteil der Menschheit, der komplett resigniert hat und in dumpfer Passivität verharrt, prima ins Konzept passen?

„Wir werden alle sterben“ – Der eigene Tod reicht nicht?

Der eigene Tod – jene unvermeidliche persönliche Apokalypse2 – bedürfe des Trostes und der Erklärung. Mit der Suche nach einem geeigneten Erklärungs- und Zukunftsmodell, welches den persönlichen Tod weder ausklammert noch als unausweichliches Ende des Bewusstseins betrachtet, hätte man doch eigentlich auf Jahre, nein auf Jahrzehnte genug zu tun. Zumindest mir ergeht es so – statt endgültiger, zeitloser Wahrheiten tun sich immer wieder neue Fragen (und alte Zweifel) auf.

Nicht ganz unwesentlich: der eigene Tod im biologischen Sinne ist sicher – im Gegensatz zu dem, was der Menschheit als Spezies bevorstehen könnte. Weshalb brauchen wir also zusätzlich zu all den persönlichen Wohin-, Wozu- und Was-kommt-danach-Fragen noch kollektive Dimension des (Aus)Sterbens? Fühlen wir uns weniger alleingelassen, sobald wir uns einreden können: ‚es wird ein furioses Massensterben geben‘?

Die biblisch-christliche Apokalypse (→ Offenbarung des Johannes) kommt zwar in grausam-erschreckender Weise daher; sie bleibt jedoch nicht ohne Hoffnung: auf das das Ende folgt ein Neubeginn (nun, immerhin für die gehorsam Glaubenden).
Diese positive Perspektive sei in zahlreichen Apokalypse-Phantasien der Moderne entfallen: „Sie hat sich reduziert auf die bloße Zerstörung, was diese so verhängnisvoll macht“.

Die eigene Perspektive schärfen

„Nichts ist schwerer zu ertragen als eine Reihe von guten Tagen“? Momentan spricht überhaupt nichts dagegen, unser Augenmerk auf die Lebensaspekte und -momente zu richten, die ‚eigentlich gar nicht so schlimm sind‘ – und sich die Faktenlage (und wirklich nur die Fakten) deutlich bewusst zu machen:

  • Covid-19 ist eine ansteckende, potenziell tödlich verlaufende Erkrankung. Das Ergreifen empfohlener Vorsichtsmaßnahmen (Hygiene, Abstand halten, Mundschutz tragen etc.) bleibt also sinnvoll und wichtig.
  • Das große Ganze?
    →“Irgendwann einmal wird der Weltuntergang, das Ende der Menschheit kommen – genauso unvermeidlich wie unser individueller Tod. Nur: wann das sein wird und auf welche Art und Weise – dies wird niemand vorhersagen können.“ So, wie alle bisherigen Weltuntergangs-Termine verstrichen sind, besteht kein Grund zu der Annahme, dass der ‚echte‘ Untergang in naher Zukunft bevorsteht.
    Folglich muss sich man nicht ausdauernd mit den Untergangsphantasien und Alarmorgien der anderen beschäftigen. „In den eigenen Routinen bleiben, neue Routinen aufbauen und aus der Zeit einfach das Beste machen, scheint die beste Strategie zu sein.“4

Quellenangaben

  1. Der nächste Weltuntergang wird der letzte sein„, Die Welt vom 2.12.2019
  2. Apokalypse aus psychologischer Sicht – Angst und Faszination„,
    Bundeszentrale f. politische Bildung,
  3. Corona-Krise: Die Apokalypse ist nicht der Weltuntergang„,
    Die Welt vom 19.04.2020
  4. Ein Virus namens Apokalypse„, DLF

Anmerkung

A = Erlernte Hilflosigkeit ist die aufgrund negativer Erfahrung entwickelte Überzeugung, die Fähigkeit zur Veränderung der eigenen Lebenssituation verloren zu haben. Der Begriff bezeichnet ein (individual-)psychologisches Konzept zur Erklärung von Depressionen, Diese gedankliche Selbstbeschränkung bzw. Passivität wird auf frühere Erfahrungen der Hilf- und Machtlosigkeit zurückgeführt.

 

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