Über Käfige und das Warten auf Chancen

»Tausend Chancen, doch nur theoretisch.
Denn niemand kommt und öffnet diesen Käfig.«
Es müsste ein Ruck durch die gesamte Menschheit gehen…


Der Song »Andere Welt« berührt mich, obwohl er nicht wirklich viel mit meiner Person zu tun hat – da sind keine Drogen- und Milieuprobleme, vorhandene Schwierigkeiten (wie sie in jedem Leben auftreten) sind weitgehend selbst gemacht und begründen keinerlei Opferstatus.

Was mich an diesem Song ›triggert‹, sobald ich ihn aus seinem Kontext löse, ist eine kollektive Dimension – wieder einmal gestatte ich mir einen Eindruck zu äußern, ohne einen umfassenden Lösungsvorschlag präsentieren zu können…:
Mehr und mehr kommt es mir so vor, als befinde sich die gesamte Menschheit in so einem unsichtbaren und doch eisenharten Käfig. Theoretisch haben ›wir‹ jede Menge Chancen und auch das Potenzial, um diese Welt zu einem stabilen, sicheren Ort zu machen. Tatsache ist: etliche Probleme kriegen ›wir‹ nicht geregelt, bleiben entweder auf halber Strecke stehen oder fallen in alte, schädliche Verhaltensmuster zurück.
Wie der österreichische Tiefenpsychologe Alfred Adler erkannte, sind Neurosen eine Ausdrucksform entmutigter Menschen. Vereinfacht ausgedrückt:
Wir machen immer wieder das gleiche; und dann erwarten wir andere Resultate.
Das ist Wahnsinn.

Es kommt (soweit absehbar) niemand, der diesen Käfig von außen öffnet und die Menschheit zu größerer Lösungskompetenz anleitet.
Wer sollte das auch sein?

  • Die Aliens?
    Ach, die hat kaum einer gesehen und zudem sind sie weit, sehr weit weg. 
  • Gott/die Götter?
    Nun, ich denke so funktioniert das nicht: letztlich haben ›wir‹ einen großen Teil der bestehenden Probleme (also jene, die eine existenzielle Bedrohung darstellen) selbst verursacht. Oder wir haben sie zumindest kommen sehen und uns nicht beizeiten darum gekümmert. Falls Gott als eine Art übernatürlicher Pädagoge gesehen werden kann, so wird er vermutlich wünschen, dass wir endlich aus den oft genug wiederholten Fehlern lernen.

Andere Welt (Capital Bra & KC Rebell ft. Clueso)

Eine andere Welt – aber wie?

»Aber ich gebe mir doch Mühe und versuche, vieles richtig zu machen.«
Tjaha, dies nehme ich gelegentlich auch für mich in Anspruch. Nur, leider reicht Selbstbezogenheit nicht aus: was Bundespräsident Roman Herzog seinerzeit den Deutschen ins Stammbuch schrieb, lässt sich längst auf uns alle anwenden, egal wo: es müsste »ein Ruck« durch die Menschheit gehen:

»Was sehe ich dagegen…? Hier herrscht ganz überwiegend Mutlosigkeit, Krisenszenarien werden gepflegt. Ein Gefühl der Lähmung liegt über unserer Gesellschaft. […]
Lassen wir uns nicht täuschen: Wer immer noch glaubt, das alles gehe ihn nichts an, weil es ihm selbst noch relativ gut geht, der steckt den Kopf in den Sand.«
(Seine berühmteste Rede als Bundespräsident hielt Roman Herzog 1997. Es lohnt sich wirklich, die Rede erneut zu lesen und auf die heutige Zeit anzuwenden.

Vollständige Rede im Wortlaut auf SPON)

Wenngleich er im Jahr 1997 vor allem die Modernisierung der Wirtschaft im Blick hatte, konstatierte Herzog schon damals »die Erstarrung der Gesellschaft, eine unglaubliche mentale Depression«. Doch er erkannte auch:

»Wer heute in unsere Medien schaut, der gewinnt den Eindruck, dass Pessimismus das allgemeine Lebensgefühl bei uns geworden ist. Das ist ungeheuer gefährlich; denn nur zu leicht verführt Angst zu dem Reflex, alles Bestehende erhalten zu wollen, koste es was es wolle.
Eine von Ängsten erfüllte Gesellschaft wird unfähig zu Reformen und damit zur Gestaltung der Zukunft.«

Eben darauf beziehe ich das Bild vom Käfig, der sich anscheinend nur mir äußerster Anstrengung von innen aufbrechen ließe.

Das allabendliche ›Was soll nur werden?‹

So ergeht es mir auch heute: Nahezu jede Ausgabe der Abendnachrichten erzeugt negative Emotionen, gerade seit Beginn der Corona-Zeit. Sind es nicht erschreckende Infektionszahlen, dann eben Hiobsbotschaften und düsterste Visionen: die Wirtschaft am Boden und die Klimakatastrophe rast anscheinend ungebremst auf uns zu…

Auch hierauf sind weitere Einwände möglich: ›Nun ja, aber für die Pandemie können wir schließlich nix.‹
Das ist richtig, doch es liegt in unserer Verantwortung, in geeigneter Weise zu reagieren… und die Gesundheitsgefahren nicht durch rücksichtsloses Verhalten noch zu vergrößern.
Zudem ist die hier allenfalls erahnte Problematik viel älter als die Covid19-Pandemie – diesen Eindruck ›wir kriegen das nicht (mehr) geregelt‹ habe ich deutlich länger; so richtig bewusst wurde er mir mit der nie wirklich beigelegten Finanzkrise ab 2007: Politik und Gesellschaft scheinen zunehmend ratlos, es werden mehr Workarounds gefunden als echte, dauerhaft tragfähige Lösungen.

Beispiel für ein Workaround (dieses hier funktioniert bei Tageslicht, aber nachts?)

Ja, Verallgemeinerungen sind stets kritisierbar und Schuldzuweisungen bewirken selten Positives. Doch ist es so falsch zu mutmaßen, viele von uns flüchten in einen ge- oder übersteigerten Individualismus und blenden die zunehmend bedrohliche (globale) Außenwelt zunehmend aus?
Bei mir selbst nehme ich diese Tendenz in erschreckendem Ausmaß wahr: Zuweilen wird es zu viel… ich mag ‚das alles‘ nicht mehr hören und ziehe angenehm ruhige Musik den News und Dokumentationen vor.

Eine andere, bessere Welt?

Nochmalige ‚Ausleihe‘ bei Roman Herzog:

  • »Innovationsfähigkeit fängt im Kopf an… 20 Jahre haben wir gebraucht, um den Ladenschluss zu reformieren. Die zentralen Herausforderungen unserer Zeit werden wir mit diesem Tempo ganz gewiss nicht bewältigen
  • »Die Jungen beobachten uns Alte sehr genau. Wirklich überzeugen werden wir sie nur, wenn wir ihnen unsere eigene Verantwortung glaubhaft vorleben

Kurzum, in diesem unsichtbaren Käfig wird es zunehmend ungemütlich. Weiterhin darauf hoffen, die bestehenden Herausforderungen könnten sich mit der Zeit in Wohlgefallen auflösen?
Eine andere, bessere Welt herbeizuführen, würde aus meiner Sicht einen globalen Aufbruch in ungewohnter Einmütigkeit erfordern:
Anstatt sich auf linke/rechte/grüne/religiöse/… Ideologie zu fokussieren (und ausschließlich deren Vertreter zu mobilisieren), sollte ein solcher Aufbruch so pragmatisch wie nie zuvor ausfallen: die Herausforderungen – Klima, Umwelt, geopolitische Konflikte, Wachstumswahn, Migration als Folge drastisch divergierender Lebensqualität – sind hinreichend bekannt, dokumentiert und analysiert.
Zumeist ist uns
auch klar, wie ein persönlicher Beitrag aussehen könnte…

Wer etwas will, findet Wege.
Wer etwas nicht will, findet Gründe.

Quellenangabe

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