(K)ein bisschen Wärme?

Lesenswerter Beitrag der Kolumnistin Christina Pohl auf SPON, die sich mit der Situation von ›gealterten Singles in Zeiten der Berührungsprohibition› auseinandersetzt: »Schwinden mit der Verödung auch meine Emotionen?«

»Was passiert, wenn Menschen kaum noch Körperkontakt haben und sich isolieren? Sie drehen durch. Abseits jedes Klopapierhamster-Index und der pandemischen Panik hat die Welt sich viel zu wenig darum gekümmert.«

Stimmt. Auch mein Augenmerk liegt darauf, einerseits keine Viren bei Familie und Freunden einzuschleppen und zugleich mich selbst zu schützen
⇒ sämtliche Besuchs- und Veranstaltungspläne liegen erstmal auf Eis. Arztbesuche nur, ›wenn wirklich was anliegt‹.
Mögliche Spätfolgen? Kommen später in den Fokus… wohl erst dann, wenn sie spür- und unübersehbar werden.

Frau Pohl ist im selben Alter wie ich; auch meine Gefahrenbewertung geht in die Richtung ›Lieber No Fun statt vermeidbare Risks‹; auch ich ziehe den defizitären Kuschelfaktor einem möglicherweise schweren Covid19-Verlauf vor. Sie spricht von emotionaler Verödung als Folge ausbleibender sozialer (und körperlicher) Kontakte – also Schwund …ähnlich einem Muskel, der nicht länger trainiert wird?
»Die Abwesenheit körperlicher Zuneigung scheint beim Menschen verheerende Auswirkungen zu haben.»
Vermutlich, ja. Wobei die furchtbaren Hospitalismus-Experimente von René Spitz nahe legen1, dass erwachsene Personen eine diesbezügliche ›Durststrecke‹ deutlich anders verkraften als Kleinkinder und Säuglinge.

Den beschriebenen Effekt nehme ich als Tendenz schon auch bei mir wahr: »Bei banalen Serienszenen schießen mir Tränen in die Augen« – tjaja, auf vieles reagiere auch ich weitaus sentimentaler als in früheren Jahren; die Corona-Krise hat dies noch deutlicher sichtbar werden lassen.
Andererseits werden die sich anbietenden Möglichkeiten zur (teilweisen) Kompensation und Ablenkung genutzt: Kommuniziert wird telefonisch und online und in meiner Freizeit vertiefe ich mich vorwiegend in Bücher, nicht selten begleitet von harmonischer Musik.
Für dieses vielfältige Angebot
bin ich überaus dankbar – was hätte ich bei einer vergleichbaren Pandemielage in den 1990er Jahren gemacht… oder noch früher, ganz ohne Internet samt Online-Beschaffung von Romanen und Hörbüchern sowie mit maximal 3-7 TV-Programmen? (Womöglich wäre ein partnerschaftliches Verhältnis mit einem Gummibaum zumindest in Betracht gezogen worden…;)

Allerdings sehe ich nicht, dass die Emotionen infolge erzwungener Verödung wirklich schwinden – jedenfalls nicht schon nach 6 – 9 Monaten. Eher werden sie zurückgestellt und einstweilen vom veränderten Alltagsgeschehen überlagert …nicht wenige von uns dürfte auch der medial konsequent begleitete »Zustand ständiger Hypervigilanz« vorrangig in Beschlag nehmen: stets wachsam, »reagieren wir überproportional auf die unbedeutendsten Dinge, …und rechnen mit Dingen, die noch nicht geschehen sind«. (Anders verhält es sich mit sozialer Kompetenz…die schwindet tatsächlich, wenn sie über Jahre nicht genutzt und geübt wird.)

Und wie mag sich Social Distance auf das allgemeine Balz- und Partnersuche-Verhalten auswirken? Für einen ergiebigen Flirt mit Mund-Nasenschutz können Sie auf YT eine Fülle von Ratschlägen und sogar Coachings finden. Der Erstkontakt mag ja klappen: ›Gnädigste, würden Sie mir zuliebe für einen gesegneten Moment Ihre Maske abnehmen? Ein wundervolles Design übrigens… ich halte so lange gebührenden Abstand, ja?‹ oder im zeitgemäßeren Sprachcode: ›Ey Püppi, mach‘ mal kurz den bunten Lappen runter‹. Doch wie soll’s nach erfolgreichem Telefonnummerntausch weitergehen – Verabredung zum gemeinsamen Entenfüttern? Früher oder später würden die maskiert Flirtenden sich vermutlich etwas näher kommen wollen.
Ganz offensichtlich mangelt es mir in dieser Hinsicht an Phantasie; so gesehen finde ich es gerade im Interesse der Jüngeren gut, dass Coach Marko Mitrovic auf diese Thematik eingeht. Wie er im verlinkten Video andeutungsweise einräumt, fehlt vielen Frauen (und sicherlich auch Männern) schlicht die Offenheit, sich derzeit auf neue Kontakte überhaupt einzulassen – außer halt dort, wo die Vorsichtsregeln ohnehin stumpf ignoriert werden.

Diesbezüglich spricht Frau Pohl mir aus der Seele:
»Ich bin auch wütend. Auf alle, die auf die AHA-Plus-Irgendwas-Regeln scheißen und das ganze Land in den nächsten Lockdown feiern.«
(Tatsächlich erklärte RKI-Chf Wieler in der heutigen PK [22.10.2020], dass solche gewollt engen und intensiven Begegnungen zahlreicher Personen mit eine Hauptursache für die massenhaft steigenden Infektionszahlen bilden.)

Aus eigenem Erleben kann ich eine weit, sehr weit verbreitete Halbherzigkeit hinsichtlich der allgemein bekannten Regeln bestätigen: zumeist wird zwar eine Maske getragen – doch damit sei jeglicher Sicherheitsabstand komplett überflüssig, scheinen viele Leute (jeden Alters) beim Einkaufen zu denken.

Nächste Frage: »wie müssen sich erst die wirklich alten Menschen in den Heimen fühlen?«
Den Betrieb in Altenheimen kenne ich nur von länger zurückliegenden Besuchen bei der Urgroßmutter einer Partnerin, darum kann ich mich in die dortigen Empfindungswelten kaum hinein versetzen.
Doch schon für jene Uroma stellten die Besuche aus dem Familienkreis damals das ultimative Highlight dar – insofern habe ich eine vage Ahnung, was das erzwungene Ausbleiben von Besuchen für viele Heimbewohner bedeutet.-


Anmerkung

  1. Der Begriff Hospitalismus fasst man alle negativen körperlichen und psychischen Begleitfolgen eines Entzuges sozialer Interaktionen zusammen.
    Zu den schlimmsten Ursachen gehören mangelnde Umsorgung und lieblose Behandlung von Säuglingen und Kindern durch ihre primären Bezugspersonen (Eltern), da die hierdurch verursachten Störungen ein Leben lang fortbestehen und nur sehr eingeschränkt behandelbar sind. 
    Im Erwachsenenalter kann z.B. Isolationshaft ebenfalls gravierende Folgen nach sich ziehen. Im Vordergrund steht hier allerdings der Entzug  optischer und akustischer Reize – zusätzlich zur  sozialen Isolation.
  2. Damit will ich – als totaler Laie – keinesfalls die Behauptung aufstellen, das Covid19-Virus könne komplett zum Verschwinden gebracht erden. Gemeint ist eine Zeit nach diesem Krisenzustand, in der das Infektionsgeschehen deutlich besser beherrscht werden kann.
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