Möglicher bundesweiter Lockdown, aber Fußball im Stadion gucken geht klar?

Ja, Rummeckern kann jeder und in so einer chaotischen Zeit sollte man eher den Ball flach halten. Aber genau darum geht es – gerade in einer Phase, wo die emotionalen Belastungen tendenziell noch zunehmen.

Schlagzeilen mit Corona-Bezug, in denen nicht das Panik-Vokabular – ›Schrecken/Angst/Furcht‹, ›dramatische Zuspitzung‹ oder ›drohender Kontrollverlust‹ – zum Einsatz kommt, sind seltener geworden. Leider scheint ein regelrechter Wettbewerb im überspitzten Formulieren stattzufinden. Hingegen sind ernste, eindringliche Worte (wie sie zuletzt von der Kanzlerin ans Volk gerichtet wurden) ausdrücklich zu begrüßen.
Auch Medienverantwortliche sollten sich vielleicht mit der Frage auseinandersetzen, weshalb sogar die Appelle von Frau Merkel zu manchen Landsleuten kaum durchdringen: der momentane Anstieg der Infektions- und Erkrankungszahlen zum Teil hausgemacht und hätte sich durch ein Mehr an eigenverantwortlichem Verhalten abmildern lassen. Flatten the Curve war schon im Frühjahr das maßgebliche Stichwort.

Doch viele Mitbürger haben schlichtweg ›kein Bock mehr auf Corona‹ und bagatellisieren (oder ignorieren) die Gefahren von Zusammenkünften in Gruppen. Trotzreaktion statt Vernunft?

Die Ursachen dafür sind vielschichtig – ein Aspekt: seit März wurden und werden wir alle mit Hiobsbotschaften in Nachrichten und Medienbeiträgen bombardiert, die weitaus mehr bewirken als den jeweiligen Ernst der Lage zu vermitteln. Hauptsache, die Message löst Emotionen aus, denn nur so lassen sich Klicks generieren. Der allmählich einsetzende Abstumpfungseffekt war vielleicht nicht zu vermeiden – doch dem lässt sich nicht dadurch abhelfen, dass immer härter auf die Tasten der medialen Klaviatur gehämmert wird.
Klar, auch für die Redaktionen ist diese Dauerkrise nicht leicht zu handhaben. Bloß was nützt am Ende ein kurzfristiger Vermarktungserfolg, wenn die entscheidenden Botschaften kaum gehört oder nicht länger beachtet werden?

Mir muss auch niemand erläutern, wovor ich mich fürchten solle – das schaffe ich schon alleine. Und wenn tagtäglich ein mediales Corona-Drama erzeugt wird, hören und schauen immer weniger Menschen richtig hin und übersehen ggf. das wirklich Wichtige.-

Auch von der Politik würde ich mir Achtsamkeit bei der Wortwahl wünschen. Sicher, eine Mitteilung wie diese lässt sich kaum in Watte packen: Wenn es in den kommenden zwei bis drei Wochen nicht gelinge, die persönlichen Kontakte zu beschränken, könne der nochmalige Lockdon unausweichlich werden1. Gemeint ist wohl eine bundesweite Ausgangs- und Kontaktbeschränkung, denn einzelne Landkreise haben sich bereits dazu durchgerungen.
Wünschenswert ist hier aus meiner Sicht eine Konkretisierung von Konditionen und Zielsetzung: unter welchen Voraussetzungen (Kennzahlen, Prognosen etc.) kommt ein bundesweiter Lockdown in Betracht? Was spricht genau gegen eine regionale, differenzierte Handhabung – Beschränkungen dort, wo (und nur solange wie) das Infektionsgeschehen sich nicht anders beherrschen lässt?

  • Und weshalb können einerseits freizeitmäßige Großveranstaltungen mit deutlich mehr als 1000 Personen stattfinden, während Bundespolitiker nahezu zeitgleich solche Worst-Case-Szenarien thematisieren?
    (Noch am 24.10.2020 schauten sich im ›Corona-Hotspot Berlin‹ 4500 Zuschauer das Fußballspiel Union gegen den SC Freiburg im Stadion an. Das Hygienekonzept im Stadion selbst mag vortrefflich sein, doch »Gedränge an der S-Bahn-Station, dicht bevölkerte Wege zum Stadion, voll besetzte Züge und Zusammenkünfte größerer Gruppen ohne Masken an Bierständen« werden eben nicht unterbunden – wie auch, außer alle Teilnehmer würden mitdenken?).
    War da was mit ›Transparenz und Plausibilität‹ von Beschränkungen? Die Wertigkeit auch in der behördlichen Abwägung ist kaum mehr zu vermitteln, denkt man z.B. an die Konsequenzen eines möglichen Lockdowns für Familien mit Kindern.

SPON erklärte vor einigen Tagen: »Noch unterstützt eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung Einschränkungen des Lebens, um die Pandemie zu bekämpfen. Doch die Politik setzt mit ihrem intransparenten und uneinheitlichen Vorgehen diese Unterstützung aufs Spiel.« (Bezug & Quelle: »Kaltgestellter Bundestag in Coronakrise – Warum Abgeordnete jetzt aufbegehren«)

Die Nachvollziehbarkeit von Regelungen ist notwendig, klar. Die Bedeutsamkeit zeigt sich derzeit in Rom und weiteren italienischen Städten, wo Proteste gegen verschärfte Corona-Regeln in gewaltsame Ausschreitungen umgeschlagen sind. Ebenso wesentlich ist meiner Ansicht nach eine Behutsamkeit bei der Vermittlung von Informationen über die Pandemie und ihre Folgen.
Nicht Schönfärberei und Zweckoptimismus sind gefragt, wohl aber ein maximales Maß an Sachlichkeit.

Siehe auch

  1. »Für Lauterbach steuert Deutschland auf Lockdown zu«, Tagesspiegel v. 25.10.2020 
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