Heute (21.12.20 um 22.25h) auf 3SAT: ›Verteidiger des Glaubens‹

Papst Benedikt sah es als seine Lebensaufgabe an, das Bild einer glanz- und machtvollen Katholischen Kirche und deren Werte so zu bewahren, wie er sie in jungen Jahren verinnerlicht hatte. »Doch wurde in seinem Pontifikat vor allem durch die Missbrauchsskandale offenbar, dass die katholische Kirche sich in ihrer größten Krise befindet.«

Christoph Röhl zeichnet zunächst Joseph Ratzingers Werdegang zum Kardinal und dann zum Papst nach. Nachdem er in den 1960er-Jahren einige Jahre lang als fortschrittlicher Erneuerer gegolten hatte, habe Ratzinger sich während seiner 30-jährigen Tätigkeit innerhalb des Vatikans maßgeblich für den Erhalt der Autorität der Kirche und des Vatikans eingesetzt.

»Die Interviewpartner im Film […] stellen das offiziell propagierte Bild von Ratzinger als ›bescheidenem Gelehrten‹ infrage. Sie machen deutlich, welche Rolle er beim Aufbau eines Machtsystems im Vatikan unter Papst Johannes Paul II. spielte und inwiefern er damit erheblich zu dem Vertrauensverlust beitrug, unter dem die katholische Kirche bis heute leidet.«

»Ich wollte einfach jenseits jeder Polemik die Wahrheit herausfinden«

…erklärt Röhl in einem unlängst (Dezember 2020) mit dem DLF geführten Gespräch1. Ein wahrhaft hoher Anspruch, über dessen Verwirklichung die Zuschauer für sich befinden sollten.
Persönlich tue ich mich etwas schwer mit der fulminanten, aber zuweilen etwas einseitig anmutenden Kritik an Ratzinger: Sein theologisches und priesterliches Wirken umfasste in etwa 60 Jahren weit mehr als den unglücklichen Umgang mit den nach und nach bekannt werdenden Missbrauchsskandalen. Soll das gesamte Priesterleben Ratzingers fair gewürdigt werden, aber auch hinsichtlich seiner Befassung mit dem Missbrauchsskandalen scheinen positive Aspekte zu kurz zu kommen.

Ein Beispiel: Es war Ratzinger, die in Bezug auf Marcial Maciel nicht locker ließ: Marcial Maciel Degollado (1920 – 2008) war ein mexikanischer katholischer Priester und der Gründer der Kongregation der Legionäre Christi. Wegen zahlreicher Sexualstraftaten musste er (erst) im Jahre 2006 die Leitung des Ordens niederlegen (vgl. ORF-Dokumentation über Maciel). Bereits 1999 hatte Kardinal Ratzinger als Präfekt der Glaubenskongregation eine kanonische Untersuchung eingeleitet, die allerdings nicht zu Ende geführt werden konnte.
Im Film heißt es sinngemäß: »Ratzinger wusste längst Bescheid über die Verbrechen Maciels. Aber er konnte (noch) nichts sagen, weil er nicht die Erlaubnis von Papst Johannes Paul II besaß«.

Kurz vor dem Tod Johannes Pauls II. eröffnete Ratzinger im Januar 2005 eine erneute Untersuchung, nachdem dem Vatikan weitere Vorwürfe bekannt geworden waren. Am 16. Mai 2006 erfolgte immerhin die Aufforderung der Glaubenskongregation an Pater Maciel, sich zu einem Leben in Buße und Gebet zurückzuziehen – wenngleich in Anbetracht seines gesundheitlichen Zustands auf ein langjähriges kirchenrechtliches Strafverfahren verzichtet wurde. Er musste die Leitung ›seines‹ Ordens abgeben und auf jeden weiteren öffentlichen Auftritt verzichten. Diese Entscheidung wurde von Papst Benedikt XVI. am 26. Mai 2005 (fünf Wochen nach seiner Wahl zum Papst) approbiert.-


(So gelangt eine andere Dokumentation (→ ›Hinter dem Altar: Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche‹, ARTE) ebenfalls im Jahr 2018 zu einer abweichenden Einschätzung: Benedikt XVI wird darin sogar als »der eigentliche Reformer in dieser Sache« bezeichnet, denn er habe als erster Papst überhaupt das wahre Ausmaß des Missbrauchsskandals im katholischen Klerus realisiert und erste konsequente Schritte eingeleitet:

  • Noch als Kardinal machte er die Glaubenskongregation zur zentralen Gerichtsinstanz für innerkirchliche Pädophilie-Fälle.

Als erster Papst

  • verabschiedete Ratzinger eine offizielle Null-Toleranz-Politik gegen klerikale Missbrauchstäter,
  • habe er überführte Täter vom Priesteramt ausgeschlossen,
  • sowie scharfe Richtlinien der nationalen Bischofskonferenzen gegen Kindesmissbrauch gefordert.

Mein rückblickender Eindruck: Ratzinger war mit den Schwierigkeiten eines weltweiten Apparates konfrontiert, der ganz und gar nicht nicht mit seinem persönlichen Sinnes- und Erkenntniswandel in dieser weltweit zu lösenden Problematik Schritt hielt – warum auch immer. Damit wird nicht auf die Frage eingegangen, ob Benedikt denn wirklich ›genug‹ unternommen habe, doch immerhin wird deutlich der Bogen über alle bislang mit den Missbrauchsskandalen konfrontierten Päpste – JP II, Benedikt und nun Franziskus – gespannt …diese Sichtweise erscheint mir eher fair, denn sie rückt auch, aber nicht primär Benedikt in diesen Fokus.-)


Als Papst habe Benedikt erkennen müssen: seine größten Feinde befanden sich in Wahrheit nicht außerhalb, sondern innerhalb der Kirche, sogar im Kreis seiner engsten Vertrauten. Eindrücklich klingt an, wie Benedikt sich wohl damit gefühlt haben mag:

»Was hat Ratzinger in diesen Jahren (ab 2010) wohl durchgemacht?
Ihm wurde schrittweise klar, dass die gesamte Institution,
der er sein Leben gewidmet hatte,
völlig von Korruption durchsetzt
und dysfunktional war.«

Die Frage, inwieweit sich die Person Ratzinger als »eine tragische Figur im Sinne von Sophokles oder im Sinne von Shakespeare«1 auffassen lässt, lässt sich nur schwer beantworten: Diese Zuordnung würde ja implizieren, dass er unverschuldet, also ohne bewusstes, sehen Zutun in eine mit Schuld und tiefer Scham behaftete Lage geraten sei.

Um hierzu auch eine Einschätzung abgeben zu können, sind auch die Geschehnisse während Ratzingers Zeit als Erzbischof von München und Freising von Bedeutung. Falls es zuträfe, dass er um 1980 persönlich-wissentlich in die absichtliche Versetzung eines priesterlichen Missbraustäters2 zum Zwecke der Weiterbeschäftigung und damit der Vertuschung des Sachverhaltes involviert war, dürfte die moralische Schuldfrage vermutlich beantwortet sein.


Die Kernfrage über die Person Ratzinger hinaus, also die RKK insgesamt betreffend, scheint mir zu sein:

»Wie kann sich eine autoritäre Institution in eine Institution verwandeln,
welche den Menschen auf Augenhöhe begegnet
und lernt zuzuhören, anstatt nur zu befehlen?«

Nur, ist ein so tiefgreifender Wandel denn (seitens der Kirchenhierarchie, insbesondere im Vatikan) überhaupt gewollt? Damit wäre halt nicht allein eine Veränderung der Umgangsformen verbunden, Augenhöhe impliziert nach meinem Verständnis auch ein weit reichendes Mitspracherecht (vielleicht weniger bei den Glaubensinhalten als in der Ausrichtung und Organisation)?

Mein (möglicherweise veralteter) Eindruck: Nichts fürchten die Erzbischöfe und Kardinäle mehr, als dass ›ihnen Laien ins Handwerk pfuschen‹. Hierbei ist auch zu beachten, wie sehr sich die Weltkirche vom ›Mikrokosmos deutschsprachiger Raum‹ mit all seiner Aufmüpfigkeit unterscheidet. Was hierzulande in Kirchenbelangen gedacht und gefordert wird, besitzt für die weltumspannende Organisation mit mehr als einer 1,17 Milliarden Mitgliedern (Stand 2009) eher überschaubare Relevanz.

Sehenswert ist die die Dokumentation ›Verteidiger des Glaubens‹ in jedem Falle, meine ich. Röhl gelangt zu der Einschätzung, dass »jene Krisen, die während Benedikts Pontifikats zum Vorschein kamen, systemischen Ursprungs sind und bis heute fortbestehen«.
Dabei wird nicht allein der Vatikan selbst betrachtet, sondern auch Vorgänge in Landeskirchen in den USA, in Irland, den Ländern Lateinamerikas sowie die Rolle von Laienorganisationen wie Legionäre Christi oder Het Werk.

Quellenangabe

  1. »Es kann nicht sein, dass er sich aus der Verantwortung zieht«,
    Christoph Röhl im Gespräch mit Christiane Florin, DLF

Siehe auch

 

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