A. Die Katharer-Bewegung – Ursprünge, Lehre und Weltbild

„Ketzer werden gemacht. Das Hochmittelalter hat die Ketzer als ein Mittel erfunden, um Gegner zu religiösen Abweichlern zu stempeln. Sie gehen nicht nur des eigenen Heils verlustig, sondern bedrohen als eine ansteckende Krankheit auch alle übrigen Gläubigen.“

Zu dieser Feststellung gelangt Christoph Auffarth im Vorwort zu seinem Buch „Ketzer“1. Seine pragmatische Definition: „Ketzer sind diejenigen, die von der katholischen Kirche als „Ketzer“ verurteilt worden sind. Dabei gehe es nicht um exakte inhaltlichen Maßstäbe gibt, mit denen Rechtgläubige von Falschgläubigen unterschieden wurden. Das entscheidende Kriterium war vielmehr Gehorsam: Zum Ketzer wurde gemacht, wer sich nicht der Autorität der römisch-katholischen Kirche unterwerfen wollte. Es sei zudem falsch, sich die mittelalterlichen Ketzer als soziale Randgruppen vorzustellen.-

Die Aussagen von Historikern zur Entstehungsgeschichte des Katharismus als einer dieser sog. Ketzergruppen widersprechen einander, nicht bloß in Detailfragen. Nachfolgend ist das Jeweilsbild skizziert, wie es sich mir 2012/2013 darstellte.

Ursprünge und Vorläufer

Schon im 4. Jahrhundert n. Chr. waren die flachen Regionen Okzitaniens (das südliche, romanisch geprägte Drittel Frankreichs) christianisiert. In der unzugänglichen Bergwelt der Pyrenäen jedoch verehrten noch keltische Druiden – Priester eines Kultes, in dem Wissenschaft, Philosophie und Religion verschmolzen war – den Lichtgott Abellio. Die christlichen Missionare, welche auch in die Pyrenäen gelangten, gehörten zu der verfolgten Sekte der Priscillianer. Sie galten seit dem Konzil von Saragossa (341 n. Chr.) als Häretiker. Bereits die Priscillianer hingen einem dualistischen Glauben an, der sich im Ursprung wohl auf die Lehren der persischen Feueranbeter Ahura-Mazdas zurückführen lässt.

Im Mazdaismus oder Zoroastrismus bekämpfen sich zwei Prinzipien von Ewigkeit zu Ewigkeit – das Prinzip des Lebens, der Fruchtbarkeit und das Prinzip von Tod und Zerstörung. Ahura-Mazda (Gott des Lichtes und des Feuers) war die Verkörperung von Sonne, geistigem Licht und somit von Wärme, Güte und Wahrheit. Das gegensätzliche Prinzip, die nächtliche Finsternis, Irrtum, Lüge und Verrat (das Übel schlechthin) wird symbolisiert durch die zerstörerische Gottheit Ahriman.
In der Glaubensvorstellung der Priscillianer war Jesus an die Stelle Ahura-Mazdas getreten – und Luzifer ersetzte den bösen Ahriman des Mazdaismus. Die Priscillianer bekehrten die Druiden der Pyrenäen zu ihrer Auffassung des Christentum. So entwickelten fortan die christlich gewordenen Nachkommen der Kelten eine dualistische Lehre weiter, die ursprünglich in Persien begründet worden war. Desweiteren wird der Manichäismus zu den (außerchristlichen) Vorläufern der katharischen Lehre gezählt.

Der Bogomilismus als Vorläufer der Katharer

Die Bogomilen (andere Schreibeise: Bogumilen) waren eine christliche Bewegung, die einen religiösen Dualismus verkündete. Ihr Name geht vermutlich bulgarischen Dorfpriester namens Bogomil oder Bogumil zurückgeführt. Die Bogomilen fassten vom 10. bis 15. Jahrhundert von Bulgarien aus im byzantinischen Kaiserreich Fuß und gelangten auch in andere Balkanländer und bis nach Russland.

Inhaltlich weist ihre Lehre über den persönlichen Anteil Bogomils hinaus auf den Ursprung aus dem älteren Dualismus der Manichäer und Paulikianer hin. Daneben sind anschauliche Mythen des bulgarisch-slawischen Volksglaubens und Inhalte von apokryphen Texten zu finden.
Der Bogomilismus entwickelte sich in radikalen und gemäßigten Richtungen. Die dualistische Grundposition führte zur Dämonisierung der materiellen Welt, zur Ablehnung von Teilen des Alten Testaments sowie der Bilderverehrung, des üblichen Gottesdienstes, der meisten Sakramente und religiösen Symbole sowie der Hierarchie in der Kirche. Dies brachte die Bogomilen in Konflikte sowohl mit den Großkirchen als auch mit Staat und Gesellschaft.

Der Einfluss der balkanischen Bogomilen auf den Katharismus galt lange Zeit als nachgewiesen (noch bei A. Borst): Die Interrogatio Johannis, eine apokryphe Schrift, sollte dem italienischen Katharerbischof Nazarius von Bogomilen aus Bulgarien überbracht worden sein.
Gerhard Podskalsky bezeichnet diesen Vorgang dagegen in seinem Werk „Theologische Literatur des Mittelalters in Bulgarien und Serbien: 865-1459“ als kaum beweisbar – womit auch die Frage der Ost-West-Verbindung zwischen Bogumilen und Katharern als schwierig einzustufen sei.

Nachdem die ‚bogomilische Häresie‘ bereits ab 950 in Bulgarien aufkam, darf angesichts der inhaltlichen Nähe beider Bewegungen von Berührungspunkten ausgegangen werden, nicht aber von deren ausschließlicher Bedeutung für den Katharismus der Langue d’Oc.

Auch Rottenwöhrer stellt klar, dass bei gründlichem Quellenstudium keine eindeutigen Beweise für die Wurzeln des keineswegs homogenen Katharismus existieren. Er sieht einen Bezug zu den Bogomilen dennoch als wahrscheinlich an. Er kritisiert ferner die unbewiesenen Behauptungen in vielen Büchern von selbsternannten ‚Katharer-Exprten‘, von denen der eine beim anderen abschreibe und so die Verbreitung eines verfälschten Geschichtsbildes begünstige.

Siehe auch:

Beeinflusst von dualistischen Glaubensüberzeugungen, Traditionen und frühchristlichen Idealen entwickelten sich im 12. und 13. Jahrhundert die Katharer als eine religiöse Erneuerungsbewegung, die von der katholischen Kirche als ebenso wie ihre Vorläufer als Irrlehre mit Nachdruck verurteilt wurde. (Die eigentlich spöttisch gemeinte Bezeichnung „Katharer“ wurde wahrscheinlich abgeleitet vom griechischen „katharoi“, was soviel wie „rein“ bedeutet. Eine andere Herleitung von ‚cattus‘ (lat. für Katze) soll durch das Propaganda-Märchen entstanden sein, laut dem die Katharer in kultischen Handlungen zur Teufelsverehrung den Anus einer Katze küssten…ohne Worte…)

Arno Borst charakterisiert die Besonderheit dieser Bewegung so:

“Für Ketzer und Mönche wurde zum Muster aller Sekten die einzige häretische Bewegung, die sich eine Organisation mit Bischöfen, Sakramenten und Dogmen schuf, die der Katharer, die von den balkanischen Bogomilen angeregt im 12. und 13. Jahrhundert bei Laien Begeisterung, bei Geistlichen Entsetzen auslöste. Den einen galt sie als Verwirklichung einer christlichen Lebensform, den anderen als satanische Gegenkirche schlechthin.

Tatsächlich erlangten die Katharer mit ihrer der katholischen Kirche ähnelnden Organisation weit mehr sozialen und politischen Einfluss als beispielsweise die Waldenser und widerstanden fast zweihundert Jahre lang den päpstlichen Bekehrungs- und später Ausrottungsbemühungen.

Cathars songs – Consolament Ens

Lehre und Weltbild

„Gott ist reiner Geist und Liebe – doch diese Erde ist die Hölle.“

“Unsere Erde erschien ihnen als Schöpfung des Teufels, das Leben als Kerkerstrafe, der leibliche Tod als Befreiung der reinen Seele.”

Theologisch ist der Katharismus insbesondere in der Tradition des Gnostizismus zu verorten. So gingen auch die Katharer zum Teil davon aus, Jesus habe keinen Körper ‘aus Fleisch und Blut’ besessen, sondern er sei eine geistige Erscheinung gewesen (vgl. Doketismus). Eine direkte Verbindung lässt sich allerdings nicht nachweisen, obwohl theologische Parallelen augenscheinlich sind.

Die Katharer sahen sich selbst als veri christiani (‚wahre Christen‘) und bezeichneten sich selbst meist als die boni homines (‚die guten Leute‘); mit zunehmender Verkirchlichung traten sie in eine lebensgefährliche Konkurrenz zu den ‚Römischen‘:

Jesus Christus war die zentrale Person ihres Glaubens – wenngleich sie Jesus als einen Gott sehr nahe stehenden Heilsbringer sahen, nicht aber als Gott in Person.
Der radikale Dualismus ihrer Vorläufer bildet auch ein zentrales Element der katharischen Theologie: Gott wird nicht ein als allem übergeordnetes, gutes Prinzip betrachtet, sondern Gott und Teufel stehen sich als Kontrahenten gegenüber. Die materielle Welt wird als böse angesehen, das Gute ist lediglich bei Gott im Himmel zu finden. Das Leben des Katharers war deshalb darauf ausgelegt, das Gute im Menschen (die Seele) aus der bösen Welt in den Himmel zu bringen, d.h. er lebte ‚jenseits-orientiert‘.

Auf der Webseite ‘Hieronymus Bosch – Suche nach den Hintergründen’ wird das dualistische Weltbild etwa so skizziert:

Der Gute Gott war der wahre, lebendige und wirklich allmächtige Gott, von dem Gerechtigkeit und Wahrheit ausgingen. Er verkörperte unendliche, bedingungslose Liebe – und nur wer Liebe lebte, konnte Gott nahe sein und mit ihm eins werden. Sein ewiges Reich, die Himmel, blieb für den Menschen während ihrer Zeit im ‚Tal der Tränen‘ unsichtbar. Doch war Jesus, dessen Werke und Lehre, nicht aber seine Gottessohnschaft die Katharer anerkannten, auf die Erde gekommen, um den Menschen den Weg zu weisen.

Für die Katharer schien undenkbar, dass Gutes und Böses von ein und demselben Schöpfer stammte: der Gott des Bösen war Satan, der Herrscher über die irdische, diesseitige Welt der Schmerzen, der Krankheit und des Todes. Ist Satan aber ein von Gott unabhängiges Schöpfungsprinzip, so musste es zwei gegensätzliche Schöpfungen mit zwei gegensätzlichen Schöpfern geben.

Satan ist ebenso wie die von ihm erschaffene Welt unvollkommen, er steht geistig-moralisch nicht auf der gleichen Stufe wie der Gute Gott: Die Verkörperung des Guten vermag auch ohne die Welt des Bösen zu existieren, nicht aber umgekehrt. Anders als die frühen Christen und die katholische Lehre sehen die Katharer eine unüberwindbare Feindschaft zwischen Satan und Gott. Denn Satan imitiert fortwährend die gute Schöpfung und versucht sie ins Böse zu verkehren: nachdem Gott die geistige Welt erschaffen hat, erschafft Satan das materielle Gegenstück und versucht, beide Welten zu vermischen und so die geistige Welt zu verderben.

Diese Dualität zeigt sich auch im Menschen: sein Körper ist von Satan erschaffen, der für alle menschlichen Leiden verantwortlich ist. Sexualität außer zur Zeugung neuen Lebens wurde im Katharismus ebenso abgelehnt wie körperliche Strafen. Der menschliche Körper ist gleichsam ein Gefängnis, worin die „Seele eines Engels“ eingeschlossen ist – der Mensch erlebt sich als von Gott getrennt. Gott aber ist vollkommen.

„Wie hatten die eigentlich in den Himmel gehörigen Seelen in die materielle Hölle stürzt werden können?
„Der Böse, der den Seelen das Glück … neidete, sagten sie etwa, hatte es verstanden, sich Zugang zum Himmel zu verschaffen und durch ein mitgebrachtes Weib die mit weiblichen Reizen durchaus unvertrauten Seelen – die man sich demnach also als ursprünglich rein männlich zu denken hatte – zur Lüsternheit zu reizen; massenhaft waren die Verblendeten aus dem Himmel gestürzt. Unten in seinem Reich hatte der Böse die Verführten dann … in Gewänder aus Fleisch gesteckt, Zwangsjacken gewissermaßen, die ihnen die Bewegungsfreiheit raubten und sie in der Hölle festhielten.
Um sicherzustellen, dass alle ewig in seiner Gesellschaft blieben, obwohl ihnen die Zwangsjacken, in die er sie zunächst gesteckt, eines Tages abgetragen und zerlumpt vom Leibe fallen würden, wie ja alles, was zu schaffen er imstande war, endlich in Fetzen gehen musste, reizte er die unselige Lüsternheit, bei der er die armen Seelen schon anfänglich zu fassen gekriegt hatte, derart, dass sie bei der Fortpflanzung ihrer … erneuerungs-bedürftigen Zwangsjacken selbst mitwirkten. Da die Katharer den Geschlechtstrieb als Aufforderung des Teufels an die armen Seelen, ihre Knechtschaft in der Hölle immer von neuem und so ad infinitum zu verlängern, verabscheuten, interpretierten sie auch die biblische Geschichte vom Sündenfall im Lichte dieser Abscheu.
(„Montaillou“, Emmanuel Le Roy Ladurie)

Weshalb Katharer (nicht die Frauen, sondern) die eigene Sexualität so sehr verabscheuten, wird nur in diesem Kontext nachvollziehbar: „Unzucht“ bildete den Keim des Menschseins innerhalb dieser bösen, widernatürlichen materiellen Welt, die sie als ‚teuflisches Exil‘ ihrer Seelen prinzipiell ablehnten. Alles Körperliche, ob männlich oder weiblich, tierisch oder menschlich, galt ihnen des Teufels und den Seelen unangemessen war.
So glaubten die Katharer eben nicht, dass mit jedem Neugeborenen eine neue Seele zur Welt käme. Vielmehr hielten sie am Prinzip der Reinkarnation fest, allerdings im Sinne einer sich endlos wiederholenden Haftverlängerung (für die unsterblichen Seelen). Wer in den Himmel zurückkehren wollte, musste sich zunächst einmal den Reizen der materiellen Welt gänzlich versagen (was nicht allein Keuschheit bedeutete, sondern auch den Verzicht auf jeglichen Fleisch- und Geflügelverzehr.

Der dualistische Ansatz bot Katharern und ihren Vorläufern eine elegante Lösung für jene Kernfragen jedweder Religion, welche der etablierte Katholizismus nur unzureichend beantwortet hatte: Wenn Gott allmächtig und gütig war, warum sollte er dann eine gänzlich unvollkommene Welt voller Leid, Krankheit und Tod erschaffen haben und fortwährend weiteres Leid zulassen? (Vgl. Theodizee – Gott und das Leid vieler Menschen)

Nur wenn es dem Menschen gelingt, vollkommen (‚perfekt‘ bzw rein) zu werden und alles Irdische abzustreifen, bis er nur noch aus dem reinen Geist der Liebe besteht, dann kann er in das Reich Gottes eingehen. Die Seele konnte im menschlichen Leib ebenso gefangen sein wie im Körper von Tieren, weshalb es ihnen verboten war, Tiere zu töten. Ihre Vollkommenheit hatten ‚Getröstete‘ selbst unter Beweis zu stellen: Empfangene Gnaden wie insbesondere die katholischen Sakramente) blieben ohne jede Wirkung,  insoweit der nach Erlösung Suchende später Fleisch aß oder sich der Fleischeslust hingab.

Ein äußerst schwerer, steiniger Weg also – von dem man nur allzu leicht abkommen konnte, zumal ja die vielfältigen Versuchungen des Teufels an jeder Wegbiegung lauerten. Dennoch bestand für Katharer am letztendlichen Ausgang kein Zweifel:
„Alles Seiende – und wahres Sein hatten hinnieden ihrer Lehre zufolge nur die hier gefangenen Seelen – mußte am Ende in den Himmel, zu Gott, zurückkehren, versicherten sie. Früher oder später, in der oder jener Inkarnation, würde unvermeidlich jede Seele zur Erkenntnis des Guten erwachen und von der bösen Welt Abschied nehmen.“ (Ladurie2)
Erstaunlich: Dem Pessimismus, mit dem sie die Verhältnisse der diesseitigen Welt („Hölle“) beurteilten, setzten die Katharer also eine äußerst optimistische Glaubens-gewissheit hinsichtlich der Rückkehr sämtlicher(!) aus dem Himmel gestürzten Seelen entgegen. Vielleicht erklärt sich daraus, weshalb ihre strenge Lehre und restriktiven Verhaltensnormen so großen Zulauf erhielten? Auf (sehr) lange Sicht hatte niemand etwas zu fürchten – ein deutlicher Gegensatz zur düsteren und beängstigenden Androhung ewiger Verdammnis seitens katholischer Geistlicher.

Aus dem Kern ihrer Lehre, der Unvereinbarkeit von Materie (Fleisch) und Seele, erwächst ihr oberstes Ziel: die Befreiung der Seele über die Erlangung des Consolamentum (‚Geisttaufe‘, ein besonderer Initiationsritus). Deggau umschreibt das Consolamentum als wichtigsten Ritus und zugleich als „Kristallisation, in der sich die Glaubensvorstellungen der Katharer kondensierten.”

Diese Ritualhandlung sollte gerade in Zeiten schwerster Verfolgung die Angst der Gläubigen reduzieren, indem es ihnen größtmögliche Heilsgewissheit im Jenseits sicherte. Im Diesseits bewirkte diese besondere Form der ‘Geist- und Feuertaufe in Christus’ eine fundamentale Änderung im Leben des Empfangenden.

Denn bei der großen Mehrzahl der ‚Credentes‘ kam es in Übung, um das Consolamentum erst auf dem Sterbebett zu bitten. Die Endura (okzitanischer Begriff für Fastenzeit), welche die der Glaubende eigentlich schon lange vor der bestätigenden Zeremonie hätte beginnen sollen, war gewissermaßen am Lebensende nachzuholen: Nach Empfang des Consolamentum konnte der Sterbende dessen erlösender Wirkung sicher sein, indem er bis zu seinem letzten Atemzug keinen Bissen mehr aß. Im Extremfall bedeute dies, sich zu Tode zu fasten, was viele Tage dauern konnte, denn Flüssigkeit war weiterhin gestattet. Ladurie meint dazu: „Aber wenn einer einmal mit dem Leben abgeschlossen hatte, lohnte sich diese Ausdauer“ – gemessen am in Aussicht gestellten Lohn, d.h. der endgültigen Erlösung aus dem verteufelten Rad der Wiedergeburt: „…denn auf diese Weise war ihm das Seelenheil in der anderen Welt gewiss, ganz gleich was er sich in dieser vielleicht hatte zuschulden kommen lassen.“

Es galten also für die Credentes nur wenige ‚lebensbegleitende‘ Verhaltensgebote (ganz im Gegensatz zur strengen Lebensführung der Parfaits). Dieses ‚Aufschieben‘ der spirituellen Umkehr bis ans Lebensende war einerseits nicht ohne Risiko: wer plötzlich verstarb, ohne zuvor das Consolamentum zu empfangen, blieb weiterhin in den Fängen Satans. Andererseits wurde den Katharern vorgehalten, ihre Anhänger zur sorglosen Missachtung von Recht und Gesetz, Sitte und Anstand, bis hin zu einem völlig zügellosem Lebenswandel zu ermuntern. Tatsächlich finden sich kaum Hinweise auf eine Zügellosigkeit der katharischen Credentes.

Dem o.a. Risiko suchten die Credentes durch ein weiteres Ritual zu entgehen – die sog. Convenientia (Vertrag, Übereinkunft): die Aufnahme (receptio) wurde vorläufig vereinbart, die aber erst in der letzten Stunde rechtswirksam. Die Gläubigen verpflichteten sich damit, später unter die Parfaits aufgenommen zu werden;  die Parfaits verpflichteten sich, ihnen das Consolamentum zu spenden. Falls in der Todesstunde das Ritual nicht rechtzeitig zustande kam, galt es dennoch als gegeben.

Das Consolamentum ist mit der römischen Taufe als Initiationsristus vergleichbar; alle übrigen Sakramente werden als überflüssig abgelehnt – im Mittelpunkt steht allein die Erlösung von der schlechten materiellen Welt durch konsequente Hinwendung zum Geistlichen. Die Katharer konnten sich darauf berufen, daß bereits im Neuen Testament Kritik an den Sakramenten geübt wird: Das Johannesevangelium kennt offenbar Taufe, Buße und Abendmahl der anderen Evangelien; doch es erzählt sie nicht und widerspricht ihnen entschieden: Die Aussage „Ich bin das Brot des Lebens“ sowie  die Taufe mit Feuer und Geist (anstatt mit Wasser) lassen sich durchaus als Kritik an der sakramentalen Auffassung des Christentums zu verstehen. (vgl. Auffarth).

  • Die Eucharistie wurde als irdische und somit unreine Symbolhandlung verworfen; genauso weigerten Katharer sich, das Kreuz mit dem Bildnis des Gekreuzigten anzubeten. Sie verneinten im Gegensatz zur katholischen und orthodoxen Kirche das A.T., in welchem sie den Schöpfergott einer bösen Welt (den jüdischen Gott Jahwe) beschrieben sahen. Zudem erschie die katholische Begründung für den Vorgang der Transsubstantiation als fragwürdig: wie wurde denn das Brot in den Körper Christi und und der Wein in sein Blut verwandelt? Und ließ sich Gott Ort und Zeit gewissermaßen vorschreiben, um ein solches Wunder zu wirken?
  • Auch das Ehesakrament verwarfen die Katharer, aus mehreren Gründen: Für sich selbst lehnten die Ehe ab, insoweit in Askese lebten. Zudem betrachteten sie das Ehesakrament als Instrument der Machtkontrolle über die Laienfamilien: durch Annullierung oder Bestätigung wurden sie der Willkür des zuständigen Klerikers ausgeliefert.-

Dem Bild des ‚Demiurgen‘ (einer unvollkommenen, u.U. unwissenden Gottheit, die nur zu Erschaffung einer gleichfalls unzulänglichen Welt imstande sei – konkret identifiziert mit dem Jahwe des A.T.) begegnen wir schon bei Gruppierungen der ‘alten’ Gnosis, die in der nachapostolischen Zeit breiten Zulauf erhielt. Auch nach katharischer Überzeugung konnte diese materielle, ungerechte Welt voller Schlechtigkeit nur von einem unvollkommenen Gott geschaffen worden sein. Allein dem N.T. maßen sie Bedeutung bei – insbesondere dem Evangelium des Johannes, welches den größten Wert auf persönliche, individuelle Erkenntnis durch Wissen (=Gnosis) legt.

„Der Himmel liegt nicht in weiter Ferne. Wenn du nicht ein Stück von ihm in dir trägst, wirst du ihn im ganzen Universum nicht finden.“

Die ordinierten Parfaits verlangten weder einen Kirchenzehnten noch Gebühren für ihren Dienst an Gläubigen wie Eheschließungen und die Erwachsenentaufe; sie verdienten ihren Lebensunterhalt durch handwerkliche oder landwirtschaftliche Arbeiten.
Prunkbauten und goldene Ritualgegenstände hatten die Katharer nicht zu bieten – für sie war allein der innere Glaube von Bedeutung. Eine Glaubensentscheidung in Freiheit zogen sie dem demütigem Gehorsam vor, welchen der hochkorrupte Katholizismus kompromisslos einforderte. Langatmige Rituale brachten ihrer Auffassung nach die ‚einfachen‘ Menschen nicht Gott, sondern dienten allein dazu, Gläubige auf klerikale Autoritäten zu fixieren.

Frauen waren bei ihnen nahezu gleichberechtigt (auch wenn sie nicht das Bischofsamt ausüben konnten) – zu einer Zeit, in der Frauen normalerweise als männliches Eigentum behandelt wurden. So übten die Katharer eine starke Anziehungskraft auf jene Menschen aus, die ihre klar umrissene, bildhafte Botschaft für glaubhafter erachteten als das Vorbild der primär auf den irdischen Papst ausgerichteten Amtskirche.
Die Katharer verkündeten nach eigener Auffassung statt dessen die einzig wahre, unverfälschte und liebevolle Heilslehre Jesu.

Kate Mosse:
„…sie brauchten nur Bücher und Gebete, das gesprochene und vorgelesene Wort. Erlösung hatte nichts mit Almosen oder mit Sabbatgebeten zu tun, gesprochen in einer Sprache, die nur die Priester verstanden.

(Alle) standen gleichermaßen in der Gnade des Heiligen Vaters – Juden oder Sarazenen, Mann und Frau, die Tiere auf der Erde und die Vögel in der Luft. Es würde keine Hölle geben, keinen Tag des Jüngsten Gerichts, weil alle durch Gottes Gnade errettet werden würden, wenngleich auch manche dazu bestimmt waren, das Leben viele Male zu durchleben, ehe sie Gottes Königreich erlangten.“

Thesen, die bis heute nachdenklich stimmen

Den radikale Dualismus der Katharer sowie die kategorische Ablehnung der materiellen Schöpfung, sogar der eigenen Körperlichkeit vermag ich selbst kaum nachzuvollziehen.
Andere Glaubenselemente dagegen erscheinen mir bedenkens-, wenn nicht erstrebenswert:

  • Katharische Prediger und Missionare zitierten stets nur bestimmte Fragmente der Bibel welche nach ihrer Intuition und Logik in ihrer ursprünglichen Bedeutung vorlagen.Die Bibel als Gesamtwerk lehnten sie ab, insbesondere das Alte Testament. Das AT stand für sie in offensichtlichem Widerspruch zu ihrem Guten Gott, der reines Licht und Liebe war.Gerade in Bezug auf die Bibel als insgesamt unfehlbares ‘Wort Gottes’ ist der u.a. von den Katharern vertretene Ansatz aus meiner Sicht richtungweisend.
  • Prüfet Alles, das Gute behaltet
    so lautet eine zeitlos gültige Empfehlung, ‚heilige Schriften‘ kritisch zu hinterfragen,
    Überliefertes differenziert zu betrachten und nicht unreflektiert als eigene Überzeugung zu übernehmen.
    1 Thess 5,21 kann insoweit auch auf den Kanon der Bibel angewendet werden. Dessen Bücher mögen in Teilen durchaus von Gott inspiriert sein. Doch ist beispielsweise die Idealisierung der Landnahme durch die Israeliten im Pentateuch in seiner grausamen und menschenverachtenden Darstellung unvereinbar mit dem (ur)christlichen Bild eines Gottes, der alle Menschen in gleicher Weise liebt.
  • Pierre Authié, der um 1299 nochmals an die tausend Anhänger in 125 Ortschaften gewann und erneut Parfaits weihte, äußerte sich in einer Predigt über den ‘Unsinn der Wassertaufe’ (wörtlich „Mummenschanz“) an unmündigen Kindern, sogar Säuglingen. Dabei gaben und geben die Eltern “im Namen eines ohnmächtigen Kindes” an seiner statt Antwort auf priesterliche Fragen. Authié berichtet ferner, wie sich der Teufel, nachdem er tausend Jahre vor der Tür gewartet hatte, ins Paradies schlich und dort die Seelen verführte:
    Die Taufe als Sakrament ist nicht besser oder schlechter als andere religiöse Rituale – viele Menschen versprechen sich davon emotionale Sicherheit und bedürfen dieser Form spiritueller Unterstützung. Heute erscheint es (nicht nur im agnostischen Umfeld) mehr fragwürdig, Säuglinge und kleine Kinder zugunsten einer Glaubensrichtung zu vereinnahmen und so ‘Fakten zu schaffen’. (Was sagt es über das so oft geforderte ‚Gottvertrauen‘ aus, wenn man der Gottheit mittelbar unterstellt, sie schütze Kleinstkinder nur unter der Voraussetzung einer frühen Ritualhandlung
    vor dem ‚Bösen‘?)
  • Die Katharer lehrten eine Form der Allversöhnung, welche besagt, dass letztlich alle Seelen zurück zu Gott finden. Damit spenden sie Menschen aller Schichten weitaus mehr glaubhafte Zuversicht als die damalige römisch-katholische Geistlichkeit mit ihren Drohgebärden über eine mögliche, ewig währende Verdammnis.

→ B. Erneuerungsbewegungen im Mittelalter – weshalb waren sie so erfolgreich?

 Quellenangaben

  1. „Ketzer – Katharer, Waldenser und andere religiöse Bewegungen“, Christoph Auffarth (Verlag Ch.Beck)
  2. „Montaillou – Ein Dorf vor dem Inquisitor 1294 bis 1324“, Emmanuel LeRoy Ladurie

Siehe auch:

 Se Canto