B. Erneuerungsbewegungen im Mittelalter

„Der Schmerz über das Versagen der Kirche brachte das Mönchtum hervor;
auf das Versagen des Mönchtums folgten die Katharer.“

Erfolg und Verbreitung der Katharer-Bewegung lassen sich nur verstehen im Kontext  wachsender Unzufriedenheit und Verärgerung über die röm.-katholische Kirche.

Weshalb waren Erneuerungsimpulse so erfolgreich?

Die Wurzeln inner- und außerkirchlicher Erneuerungsbewegungen scheinen im Kontext zu eines gesellschaftlichen Phänomens zu stehen, das eine große Anzahl von Laien im ausgehenden 12. Jahrhundert erfasste:

Die römisch-katholische Kirche (RKK) stand in einer Legitmitäts- und Autoritätskrise, nicht jedoch das Christentum an sich.

Die Haltung der RKK hatte sich vor mit der Sehnsucht vieler Menschen nach einer ursprünglichen, reinen Lehre Jesu zusehends entfernt: Der Klerus nahm die spirituellen Bedürfnissen der Laien kaum mehr zur Kenntnis. Die Gregorianischen Reformen, zurückgehend auf den 1075 verfassten Dictatus Papae , implizierten grundlegende Veränderungen – insbesondere eine neuen Definition dessen, was Kirche sei: Kirche wurde nun zu einer Körperschaft ausschließlich der Priester und Mönche umgedeutet; diese waren dem Papst in Rom zum Gehorsam verpflichtet. Diese Festlegung sollte für das römische Papsttum eine von den lokalen Herrschern unabhängige Stellung gewinnen werden – und griff zugleich in die Autonomie der lokalen Kirchen ein . Als „die Kirche“ galt zuvor die Kirche eines Bistums und die konkrete Pfarrkirche; Gregor VII wollte daraus eine Organisation schaffen, die hierarchisch von Rom aus dirigiert wurde.

Schließlich habe Christus selbst „dem römischen Schlüsselbewahrer des ewigen Heils das Recht der Herrschaft sowohl auf Erden als auch im Himmel übertragen“ (vgl. Matth. 16,18). Wer sich auch nur diesem Programm entgegenstellte, wurde zum Ketzer erklärt („Häresie des Ungehorsams“ gegenüber der römischen Kirche, vgl. Auffarth1). Der machbewusste (oder -gierige?) Papst Gregor VII lässt keinen Zweifel aufkommen: „Keiner kann als Katholik gelten, der nicht übereinstimmt mit der römischen Kirche“.

Diese Argumentation zugunsten des angeblich in der Bibel festgeschriebenen Papstprimates wird bis heute aufrechterhalten, ein seit dem 3.Jahrhundert auf die Überlieferung der römischen Gemeinde zurückgeführter Anspruch: der Apostel Simon Petrus sei der erste Bischof von Rom gewesen und habe dort das Martyrium erlitten; daraus wurde über eine „ununterbrochene Apostolische Sukzession“ die Autorität des Bischofs von Rom (→ römische Cathedra) abgeleitet. Übersehen wird dabei gerne, dass Jesus eben nicht von einer weltumspannenden Institution mit weltlicher Machtausübung spricht. Der Kodex des Kanonischen Rechts (CIC 331 von 1983), legt fest:
Der Bischof der Kirche von Rom, in dem das vom Herrn einzig dem Petrus, dem Ersten der Apostel, übertragene und seinen Nachfolgern zu vermittelnde Amt fortdauert, ist Haupt des Bischofskollegiums, Stellvertreter Christi und Hirte der Gesamtkirche hier auf Erden, deshalb verfügt er kraft seines Amtes in der Kirche über höchste, volle, unmittelbare und universale ordentliche Gewalt, die er immer frei ausüben kann.

Angesichts der immer offen zutage tretenden Gegensätze zwischen biblischer Lehre und sichtbarem Handeln der RKK mit ihrer Macht- und Prunkentfaltung, oftmals bestechlicher Amtsführung sowie überkommenen Strukturen versuchte eine zunehmende Zahl an Christen in Europa, sich selbst aktiv religiös zu betätigen. „Überall liefen Wanderprediger herum, die christliches Leben attraktiver darstellen konnten. Wozu ortsfeste Kirchen und fest angestellte Heilsmittler?“ Zudem verbanden die lokal verehrten Heiligen Laien und Kleriker zu einer Gemeinschaft.1

Sie wollten „leben wie Jesus und seine Jünger“: in freiwilliger Armut folgten sie dem Vorbild der Apostel und verkündeten eigene Auslegungen der Evangelien. (Vita apostolica). Aus diesem großen Kreis von Laien gingen nicht nur die als ketzerisch gebrandmarkten Gemeinschaften der Waldenser, der Katharer und der Humiliaten hervor, sondern auch kirchennahe, anerkannte Orden wie die Franziskaner.

In seinem marxistischen Traktat schreibt Max Beer: „Die Massen waren an der Kirche irre geworden und suchten, ihr religiöses, ethisches und soziales Leben auf urchristlicher Grundlage neu aufzubauen.“3
Beer führt die Entstehung der Katharer bzw. ihrer „bulgarischen Vorläufer“ nicht zuletzt auf eine bäuerliche Opposition gegen den entstehenden Feudalismus zurück. Ein interessanter, aber m.E. zweitrangiger Aspekt: Obgleich soziale Gegensätze und Ungerechtigkeiten zweifellos eine Protesthaltung begünstigte und „revolutionäres Potenzial“ gefördert haben mag, waren die Katharer in ihrer Weltgabgewandtheit kaum daran interessiert, die sozialen und politischen Verhältnisse in dem von ihnen als Ganzes abgelehnten Diesseits zu verbessern. Ihnen ein „Leben im Kommunismus“ anzudichten, erscheint mir persönlich als ziemlich plumper Etikettenschwindel.

Allerdings bestätigen J. Fourniers Untersuchungen im Pyrenäendorf Montaillou sehr wohl: Es bestanden materiellen Ursachen der Unzufriedenheit und die als unberechtigt empfundene Forderung des Klerus nach der Abgabe des Zehnten (z.T. zuzüglich einer weiteren Getreidesteuer) stand da an erster Stelle. Insoweit sei „die ketzerische Einstellung zum Zehnten von der ketzerischen Abweichung von der Orthodoxie kaum zu unterscheiden“ gewesen.2
Etliche der Anklageschriften, die dieser Bischof Fournier aufsetzte und die jeden Verstoß gegen die Macht und Rechte der RKK betrafen, bezogen sich auf die Verweigerung des Zehnten…welche offenbar eine historische Kontinuität darstellt. Die Orthodoxie schrieb der Landbevölkerung nicht nur vor, was sie zu glauben hatte – sondern auch, was sie für ihre diesbezügliche Unterrichtung zu zahlen hatten.

Diese doppelte Entfremdung bildete (zumindest in Südfrankreich) einen konstante Quelle der Unzufriedenheit, welche als Nährboden für die zwar christlichen, aber kirchenkritischen Lehren der Katharer kaum fruchtbarer hätte ausfallen können.

Was meint der Terminus ‚Versagen des Mönchtums‘ aus dem eingangs zitierten Zweizeiler von Bernd Hercksen ( → Buchauszug/Präsentation)?
Kirchentreue Mönchsorden fanden zwar zu manchen frühchristlichen Idealen zurück. Doch sie waren alles andere als unabhängig, weder theologisch noch in ihrer seelsorgerischen Praxis. Im Gegensatz zu außerkirchlichen Bewegungen standen sie zudem nicht außerhalb der Kirchenhierarchie, folglich mussten sie letztlich der päpstlichen Linie folgen.

Die überraschend schnelle Verbreitung der katharischen Glaubensansicht war insoweit der Ausdruck einer grundlegenden Wandlung der religiösen Gesinnung, die in dieser Zeit stattfand.

„Diese alternative christliche Bewegung nahm aus der Sicht der Kirche immer bedrohlichere Ausmaße an, gab es doch immer mehr Gegenden, wo die Zahl der „Alternativchristen“ schon größer war als die der Kirchenchristen.“ B.Hercksen

Dabei waren die Begleitumstände der persönlichen Umorientierung keineswegs so einfach zu handhaben wie heute (in Mitteleuropa) – ein Kirchenaustritt ist in wenigen Minuten erledigt und bleibt ohne spürbare Konsequenzen. Sämtliche Lebensbereiche waren im Mittelalter einer religiösen Weltordnung untergeordnet. Wer aus der Gemeinschaft der Gläubigen ausgeschlossen wurde bzw. sich selbst durch schlüssiges Handeln von ihr distanzierte, den erwartete nach der damals geltenden Vorstellung eine ewige Verdammnis – niemals endende physische und seelische Qualen.

Indem es den Katharern gelang, diesem Höllenwahn ein glaubhaftes Bild der Vervollkommnung im Zuge mehrerer Seelenwanderungen entgegen zu setzen, ‚erlösten‘ sie viele Christen schon im Diesseits (von ihren Ängsten). Da sie zudem Kongruenz an den Tag legten, d.h. weil ihre theologischen Aussagen sich mit dem Handeln der Parfaits absolut deckte, ist der gewaltige Zulauf, den sie in Europa hatten, nachvollziehbar.

 Anlass zur Idealisierung…

…bietet keine einzelne Glaubensgemeinschaft – dies trifft auch auf den Katharismus zu. Obgleich dessen Wesensmerkmale im Kontrast zum mittelalterlichen Katholizismus durchaus anziehend auf mich wirken, zeigen sich bei näherem Hinsehen auch die Schattenseiten:
Betrachtet man die katharischen Ideale, hätte das Leben in dieser Kirche völlig anders aussehen müssen als in den römisch-katholischen Gemeinden.

    • Tatsächlich schreckten auch katharische Theologen nicht davor zurück, das Neue Testament so zu übersetzen, dass der Text ihre Überzeugung zu bestätigen schien.
      Sogar der Text des Gebetes ‘Vaterunser’ wurde abgeändert: Während die Katholischen beteten ‘Unser tägliches Brot gib uns heute’, lautete diese Gebetszeile bei den Katharern: ‘Unser tägliches über-stoffliches Brot gib uns heute’ (womit das Gesetz Christi oder die Liebe gemeint waren).
    • Ihrem Ideal nach wollten die Katharer keine universelle (=”katholische”) Kirche mittelmäßiger Gläubiger sein, sondern kleine Gruppen begeisterter Heiliger bilden. Eben in diesem hohen, stellenweise weltfremden Anspruch liegt eine Schwäche: das gesellschaftliche Leben wird bekämpft anstatt es zu verändern und nach einer tragfähigen Lebensweise zu suchen.
    • Indem sie sie die Zeugung kommender Geschlechter (Verbot der Heirat bzw. des Vollzugs der Ehe) und die Mitarbeit an der Umwelt aufkündigten, zerstörten die katharischen Ideale potenziell die Zukunft aller Menschen – auch derer, die im Zuge ihrer Seelenwanderungen noch nicht bereit waren für die einstige Rückkehr zum Licht Gottes.
      (Dass es nur wenigen von ihnen überhaupt gelang, diesem Ideal konsequent zu folgen, steht auf einem anderen Blatt.)
    • Es war den einfachen Gläubigen ohne besondere Weihe (Credentes), nicht gestattet, ein direktes Gebet an Gott zu richten oder eine persönliche Anrede Gottes (z.B. ‘Vater’) zu gebrauchen.

Verglichen mit dem bigotten und rücksichtslosen Unterdrückungsgebaren einer militanten Großkirche erscheinen die Katharer auf den ersten Blick als die ‘wahren’ Gläubigen (im Hinblick auf eine untadelige, den erklärten Glaubensgrundsätzen entsprechende Lebensführung dürfte dieser Gesamteindruck zutreffend sein – was sogar katholische Zeitgenossen wie Dominikus widerwillig bestätigten).

Zur einseitigen Idealisierung des Katharismus und seiner Gläubigen besteht dennoch kaum Anlass: Verkirchlichung und Bürokratismus wurden auch für sie zu einem ernsten Problem.
Auch waren nicht alle katholischen Würdenträger so verdorben, wie sie von ihren häretischen Gegnern dargestellt wurden.
Hier sei ab dem 13. Jahrhundert auf die Bettelorden wie z.B die Franziskaner verwiesen. Ihren Statuten zufolge dürfen sie kein Eigentum besitzen, sind nach dem Vorbild der Jünger Jesu der Armut besonders verpflichtet (in diesem Punkt stehen sie den Katharern durchaus nahe) und bestreiten ihren Lebensunterhalt durch Arbeit, Betteln und Schenkungen an ihre Gemeinschaft.-

Weiterlesen: → C. Albigenser-Kreuzzug und Inquisition – Landnahme und Vernichtung

 

Music of the Troubadours: Lanquan li jorn

Quellenangaben

  1. „Ketzer – Katharer, Waldenser und andere religiöse Bewegungen“, Christoph Auffarth (Verlag Ch.Beck)
  2. „Montaillou – Ein Dorf vor dem Inquisitor 1294 bis 1324“, Emmanuel LeRoy Ladurie
    (→ Rezension „Das Reden der Lämmer“, ZEIT 03/2014)

  3. Sozialistisch-marxistische Abhandlung v. Max Beer: „Wesen der ketzerisch-sozialen Bewegung