C. Albigenser-Kreuzzug und Inquisition – Landnahme und Vernichtung

Worin bestand formal das Vergehen der Katharer?

Ausgangspunkt: Die christliche Religion besitzt einen absoluten Wahrheits- und Exklusivitätsanspruch, wodurch der Raum für inhaltliche Kompromisse sowohl im Außen- wie im Innenverhältnis begrenzt ist.

Sämtliche Abweichungen vom ‚wahren‘ (in zahlreichen Dogmen festgelegten) Glauben wurden unter dem stigmatisierenden Terminus „Häresie“ (= ‚Irrlehre‘, vom griech. hairesis: Wahl, Neigung) zusammengefasst. Wer die vorgegebene Lehrmeinung der orthodoxen Kirche ablehnte oder gar verfälschte, erschuf sich sich in verwerflicher Selbstüberschätzung seine eigene Variante des Christentums. Abwegige Gedanken konnten manch einem ‚guten Katholiken‘ unterlaufen; die Grenze vom einfachen Irrtum zur verwerflichen und strafwürdigen Ketzerei wurde erst überschritten, sobald der Abweichler entgegen der ausdrücklichen Belehrung durch Amtsträger an seiner eigenen Anschauung festhielt. Freilich galten den frühen Christen die Häretikern als eine Art notwendiges Übel, um die Rechtschaffenen zu erkennen (1Kor 11,19).-

Zwar kannte das Mittelalter bei weitem nicht so viele Einzelgesetze wie wir heute, indessen trifft die Vorstellung eines Chaos voller Rechtlosigkeit und Selbstjustiz nicht zu.
Jede Sanktionierung setzte auch damals einen justiziablen Rechtsverstoß voraus, worunter seinerzeit säkulare Verstöße wie auch gegen kirchliches Recht gerichtetes Verhalten verstanden wurde. Eine im Stillen gelebte Irrlehre wäre eventuell geduldet worden oder nur vereinzelt sanktioniert worden. Doch die Katharer widersprachen dem Ein-Gott-Dogma und lehrten öffentlich, die röm.-katholische Kirche und ihr Amtspriestertum seien überflüssig. Paradies und spirituelle Erfüllung könnten auch und gerade ohne deren Vermittlung gefunden werden – ein krasser Bruch mit den bisher als unantastbar geltenden Tradition ‚Extra ecclesiam nulla salus. So etwas lässt sich eine Staatsreligion nicht bieten, wie auch heute noch in einzelnen Regionen zu beobachten ist..

Die Argumentation der katharischen Gelehrten sparte nicht mit scharfer, oftmals entwaffnender Kritik an der Simonie, dem Ablasshandel und weiteren ‚katholischen Auswüchsen‘ – sie traf sowohl den Nerv der römischen Kirche als auch ins Herz der freiheitlich gesinnten und eigenständigen Okzitanen, wo der Katharismus am weitesten verbreitet war.
Eine solche „entsetzliche und antichristliche Häresie“ bildete zugleich die Grundlage zur Anklage und Verurteilung, nachdem der Katharismus auf dem Dritten Laterankonzil (1179) und dem Konzil von Verona (1185, unterstützt durch Kaiser Friedrich Barbarossa) offiziell zur häretischen Lehre erklärt worden war.

Der bald mit aller Härte geführte Kampf um das Macht- und Lehrmonopol der römischen Zentralkirche, die das Heil als allein durch die Sakramente möglich erklärte, war ein einmaliger Vorgang in der europäischen Religionsgeschichte.

  •  Das Wormser Konkordat (1122) restrukturierte die Amtskirche um und legte unregelmäßige Konzilien fest, um die kirchliche Regelwerke zu systematisieren.
  • Das erste Lateranische Konzil (1123) verdammte Simonie und Priesterehe sowie jede weltliche Einmischung in die Bischofswahl
  • Innozenz III (von 1198 bis 1216 Papst der RKK) setzte sich sehr für die juristischen Fixierung des Papsttums und die endgültigen Etablierung seiner weltlichen Macht ein. Desweiteren erwies er sich als unerbittlicher Gegner der Häresie.
    Bereits 1199 hatte er ein Verbot der Lektüre der Bibel bei nichtkirchlichen Zusammenkünften erlassen, das direkt gegen Bewegungen wie wie Katharer, Waldenser u.a. gerichtet war.

Anfängliche Versuche waren gescheitert, durch Predigten und Ermahnungen zu überzeugen und die beängstigende Pluralität zur Einheit zurück zu führen. Nun wurde durch die Aufnahme des römischen Rechts die schmachvolle Niederlage der RKK gewaltsam in einen Triumph verwandelt: Der Ungehorsam gegenüber der Kirche und dem Papsttum wurde nun juristisch zum „Verbrechen“ erklärt. Der Zwang unter die römische Form des Christentums vollzog sich schrittweise: Erst wurden die Bischöfe, dann die Priester auf die römische Kirche verpflichtet, zuletzt wurde das Zwangsinstrument auf die Laien übertragen.

Hirnlose Vernichtungstaktik?

Jede Einschätzung, Papst und Kirche hätten sich von Anfang an nur die Vernichtung der ‚katharischen Häresie‘, werden dem tatsächlichen Verlauf der Ereignisse nicht gerecht. Verstorbene gaben ihren Zehnten ebenso wenig ab wie Abtrünnige, die bereits erheblichen wirtschaftlichen Schaden verursacht hatten.

Deggau stellt Mutmaßungen darüber an, ob die vielbeschworene Bedrohung der katholischen Kirche („schlimmer als die Sarazenen“) nur eine ‚willkommene Fiktion war, oder auf einer Fehleinschätzung im fernen Rom beruhte:
„In Rom wurden die Prinzipien gepflegt, während das normale Nebeneinander beider Religionsgemeinschaften vor Ort und im Alltag unproblematisch war.“

Daher wurde zunächst ein Versuch der konsequenten Reintegration unternommen, manchmal mit Erfolg. Die Metapher ‚zuerst Zuckerbrot, dann die Peitsche‘ beschreibt das kirchliche Vorgehen vor den Kreuzzügen nach Südfrankreich wohl treffend.
Dabei setzten sich die katholischen Geistlichen intensiv mit der Lehre des Katharismus auseinander, unterlief aber das Problem der apostolischen Lebensführung…man wusste zu genau um die Defizite in den eigenen Reihen.

Religiöse Impulse der wurden sogar in ‚eigenen Angeboten‘ übernommen – etwa in den Bettelorden der Franziskaner, Dominikaner und anderen. Eine innere Konsolidierung der Amtskirche trat ein.
Der Abt von Citeaux und spätere päpstliche Legat Arnaud Amalric nahm sich den hohen Klerus im Süden Frankreichs vor und enthob sogar die Bischöfe von Narbonne und Beziers ihrer Ämter, nachdem er Klagen über deren Pflichtvergessenheit und Amtsmissbrauch als begründet erkannte.

Öffentliche Debatten fanden statt, u.a. in Servian, Verfeil und Montréal – eine sich wiederholende Inszenierung gegenseitiger Vorwürfe, die teilweise noch durch fragwürdige Gottesurteile gewürzt wurden.

Das Ende der okzitanischen Autonomie

Doch alle verbalen Mittel bis hin zur Exkommunikation erwiesen sich in den folgenden Jahren als wirkungslos – es gelang nicht, die Katharer und den sie unterstützenden Adel zu einem Kurswechsel zu bewegen. Im März 1208 rief Papst Innozenz III. zu einem Kreuzzug gegen die christliche Gemeinschaft der Katharer im Languedoc auf – mit dem Ziel, die Katharer aus dem Midi zu vertreiben und so die Glaubensautorität der katholischen Kirche wiederherzustellen. Unterstützt wurde er von nordfranzösischen Baronen; sie schlossen sich dem Kreuzzug an, um Ländereien und Reichtum durch Unterwerfung der bis dahin weitgehend unabhängigen Grafschaften des Südens zu erlangen.

Erst ihre Interessen machten den Albigenser-Kreuzzug letztlich zu einem Eroberungskrieg, der die Auslöschung von Kultur und Traditionen Okzitaniens und seiner Ideale zur Folge hatte.

„Barone und Damen und kleine Kinder,
Männer und Frauen, alle nackt und tot,
In Stücke zerhauen mit blutigen Schwertern.
Herausgerissne Lebern und Herzen liegen umher,
wie zum Vergnügen verteilt.
Rot glänzt der Boden, als sei blutiger Regen gefallen,
Die Stadt versinkt in Feuer und Asche.“
(Unbekannter zeitgenössischer Troubadour über das Massaker von Marmande,
das im Jahr 1219 Kreuzritter Ludwigs (VIII.) v. Frankreich an 5.000 Bewohnern verübten)

Bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts war die Grafschaft Toulouse zu einem Zentrum der katharischen Bewegung geworden, die auch durch die Grafen materielle Unterstützung erhielt. Nun wurden sie von Simon IV. de Montfort bekämpft, der zwar katholische Ideale hochhielt, sich aber vor allem in Toulouse ein eigenes Lehen sichern wollte. Seine Herrschaft über Toulouse wurde 1215 durch päpstliche Belehnung bestätigt, aber nie von dem rechtmäßigen Grafen akzeptiert.
In den wechselvollen Jahren bis 1224 gelang es den Grafen zwar, die Kreuzfahrer zu vertreiben, doch war ihr Land durch den andauernden Kriegszustand wirtschaftlich und militärisch stark geschwächt.

Einem weiteren Kreuzzug, angeführt durch den französischen König Ludwig VIII. hatten Land und Leute nichts mehr entgegenzusetzen. Schließlich blieb Raimund VII., der rechtmäßige Graf von Toulouse, im Jahr 1229 keine Wahl, als sich König Ludwig IX. zu unterwerfen. Mit dem Vertrag von Meaux trat er an den König von Frankreich die Hälfte der Grafschaft Toulouse ab und beendete damit die Autonomie Okzitaniens gegenüber dem Königreich Frankreich.

Auch der der Rest ging später durch die erzwungene Eheschließung zwischen Johanna und Alfons an die Familie des Königs – und schließlich, mit dem kinderlosen Tod der beiden 1271, unmittelbar an die Krone. Die Markgrafschaft Provence blieb tatsächlich in Alfons’ Besitz bis zu dessen Tod, und auch danach zögerte der König noch bis 1274, bis er das Gebiet entsprechend den Bestimmungen des Vertrags der Kirche übergab.

Ferner wurde eine Reihe okzitanischer Barone zugunsten königstreuer Vasallen enteignet. Diese Chevaliers faydits standen später auf der Seite der Katharer gegen den König und die Inquisition, die zwei Jahre nach dem Vertrag das Licht der Welt erblickte.

  • Das beispielhafte Leben des Faydits und späteren Kreuzfahrers Oliver de Termes wird von von Gabrielle C.J. Couillez in ihrem zweiteiligen Roman ‚Die Frucht des Ölbaums‚ geschildert. Dieser Roman (Teil 1 – Der Ketzer, Teil 2 -Der Kreuzfahrer) bleibt eng an den historischen Ereignissen. Er vermittelt zugleich die bewegende Verlorenheit eines Adeligen, dem sich von Jugend an schrittweise eine schmerzhafte Erkenntnis aufzwingt: Seine gesamte Welt wird vor seinen Augen zur Vergangenheit – und für ihn selbst ist kein Platz in der ’neuen Welt‘.

Verordneter Bürgerkrieg

Christlichen Kreuzrittern bereitete dieser Krieg großes Unbehagen: erstmals wurden Christen durch Christen bekämpft. Die Opfer waren keine Sarazenen, deren ‚Andersartigkeit‘ förmlich ins Auge stach – sondern Landsleute, zu denen oft freundschaftliche und verwandtschaftliche Kontakte bestanden. Selbst für Ritter aus Deutschland musste der Sold verdoppelt und die Weinration erhöht werden.

Nutznießer dieses Elementes der päpstlich veranlassten Genozid-Kampagne waren die Kirche selbst und die französische Krone, der die Ländereien der zuvor viel zu eigenständigen Barone und Grafen Südfrankreich (vgl. die Geschichte der Grafschaften von Toulouse und Foix) nun in den Schoß fielen.

  • Ihr erstes Ziel der war Béziers, das am 22. Juli 1209 eingenommen wurde. Die Stadt wurde in Brand gesteckt nahezu die gesamte Bevölkerung, etwa 20.000 Einwohner und eine unbekannte Anzahl von Flüchtlingen – Alte, Frauen und Kinder – in einem Massaker ermordet, viele von ihnen starben, nachdem sie in die dortige Kirche geflohen waren. In Béziers starben sowohl Katharer wie Katholiken: Der päpstliche Legat Abt Arnaud Amaury soll auf die Frage, wie man denn Ketzer von den normalen Bewohnern unterscheiden sollten, geantwortet haben: „Tötet sie alle! Der Herr wird die Seinen schon erkennen.“ (Heute wird dieser Ausspruch von Historikern bezweifelt; er erscheint allein bei  Cäsarius von Heisterbach, ist ansonsten nicht in der mittelalterlichen Literatur nachzuweisen.)

Vertreibung der Katharer aus Carcassonne (mittelalterliche Miniatur)

Das nächste Ziel war Carcassonne, eine mit Flüchtlingen überfüllte Stadt. Seuchen wie Ruhr und Cholera breiteten sich rasch aus und verliefen zur damaligen Zeit oft tödlich. Der Zugang zu frischem Trinkwasser war blockiert worden. Nach zweiwöchiger Belagerung bot die Stadt im August 1209 ihre Kapitulation an, fast alle Einwohner entkamen durch unterirdische Gänge in die umliegenden Wälder geflohen. Doch auch hier wurden 400 ‚Ketzer‘ verbrannt oder gehängt.

Es bedurfte eines Bürgerkrieges von bald 30 Jahren, um ganz Südfrankreich in den grausamen Griff der katholischen Kirche und der Adeligen Nordfrankreichs zu zwingen.

„Wenn der Gott der Ketzer der richtige Gott wäre, erleiden sie dann solche Verluste?“ Tja, so kann man sich das blutige Gemetzel und die Ermordung Unbewaffnete natürlich auch schönreden.

Inquisition als letztes Mittel der ‘Reinigung’
Zwar hatte der Kreuzzug hatte die „politischen Rahmenbedingungen für die Etablierung einer effizienteren Ketzerverfolgung geschaffen“ (Schwerhoff, s.u.). Doch „den ketzerischen Glauben hatte das Kreuzheer den Okzitaniern nicht ausgetrieben“.  Mit den Mitteln des Krieges, so grausam sie auch waren, ließ sich ein Glaube nicht dauerhaft auslöschen. Die ‚Endlösung der Katharer-Frage‘ gelang erst, nachdem im Jahr 1231 die Inquisition als Institut unter der Leitung der Dominikaner geschaffen wurde.
Die domini canes (‘Hunde des Herrn’) gingen äußerst gewissenhaft vor: sie installierten ein systematisches Inquisitionsverfahren flächendeckend in ganz Okzitanien. Exkommuniziert und verbrannt wurden Lebende und auch längst Verstorbene, wann immer der Anschein des ‘Ketzertums’ oder der Duldung von Ketzern vorlag.

Gezielt wurde ein Klima der Angst erzeugt: Nahm ein geistliches Sondergericht seine Arbeit in einer Stadt oder Gemeinde Südfrankreichs auf, wurde zunächst eine meist 30-tägige ‘Gnadenzeit’ verkündet. Predigten, welche Drohungen und Versprechungen geschickt kombinierten, mahnten die Anwohner zur freiwilligem Umkehr und Selbstbekenntnis.
Glaube und Rituale der Katharer wurde dabei auf äußerste verzerrt dargestellt – bis hin zu Behauptung katholischer Geistlicher über katharische Versammlungen, auf denen im Dunkeln kollektiver Geschlechtsverkehr praktiziert und Okkultismus ausgeübt werde.

Durch eine geheime Beichte konnte ein vollständiger Freispruch erreicht werden – allerdings nur, wenn der ‘Bekehrte’ andere Ketzer oder Ketzerfreunde denunzierte. Von dieser Möglichkeit machten viele der verängstigten und mit der Situation überforderten Einwohner Gebrauch.
Heute mag man diese Verhaltensweise vorschnell als Verrat zu verurteilen. Um ein qualifiziertes moralisches Urteil treffen zu können, wäre die Teilnahme an einer Hinrichtung auf dem Scheiterhaufen als naher Beobachter anzuraten (wozu die Menschen damals gezwungen wurden, wann immer die Gelegenheit sich bot). Nur wer die Schreie und Qualen der lebendig Verbrannten selbst erlebt hatte und diesen Anblick und den ekelhaften Gestank verbrannten Fleisches ertragen musste, erhielt ein Bild von der Gewissensnot derer, die sich selbst und geliebte Angehörige allein durch Denunziation vor solchen Qualen würden schützen können.

Als moralische Hintertür wurde geschickt die Rechtfertigung platziert, die der Ketzerei beschuldigten Männer und Frauen hätten schließlich eine Wahl:
Sie konnten ihrem bisherigen Glauben abschwören und in den Schoß der heiligen Mutter Kirche zurückkehren. In diesem Fall kam es nicht zur Hinrichtung, wohl aber zu langen Haftstrafen und vollständiger Enteignung. Bei der Beweisaufnahme, die an sich ein Novum für religiöse Delikte war, wurden Geständnisse durch Folter erpresst, Verstümmelungen waren an der Tagesordnung – betroffen von den organisierten Befragungen waren “Männer ab 14 und Weibsstücke ab 12”.
‘Bekehrte Häretiker’ mussten zwei gelbe Kreuze erkennbar auf ihrer Kleidung tragen und durften zeitlebens keine öffentlichen Ämter mehr bekleiden. Härter traf sie jedoch die Zerstörung des eigenen Hauses im Zuge der Konfiszierung des Vermögens und damit der Entzug jeglicher Erwerbsgrundlage.

Für das nach und nach formalisierte Verfahren der Inquisitionsprozesse war ein Geständnis notwendig; Indizien oder Zeugenaussagen reichten nicht länger aus. Der Beschuldigte musste sich nach dem Prinzip der Beichte (Bekennen der eigenen Sünden vor Gott) selbst für schuldig erklären. Wenn Apologeten des Katholizismus diese Neuerung als ‚halbwegs faires Verfahren‘ verargumentieren, unterschlagen sie den entscheidenden Aspekt: Wie wurden die Geständnisse gewonnen?

Im römischen Recht (s.u. ‚Rechtfertigung von Folter und Todesstrafe) fand sich die Folter als geeignetes Mittel, das der Papst ausdrücklich empfahl: die Folter.  Nicht als Sanktionierung für überführte und verurteilte „Täter“, sondern zur Wahrheitsfindung! Die Kirche erlaubte sich, „Menschen Verwundungen und ein Leben lang quälende körperliche Beeinträchtigungen, Schmerzen, Behinderungen zuzufügen, ohne dass sie schon dieses Verbrechens überführt waren, also eine Strafe ‚verdient‘ hatten“!

Die Behörde war gehalten, alle ‚Ketzer‘ (schon die Beschuldigten sind ‚Ketzer‘ allein der Beschuldigung zufolge!) zu zwingen, auch bis hin zu körperlicher Beschädigung und der Gefahr, dabei getötet zu werden, ihre Irrtümer ausdrücklich zu bekennen „gewissermaßen als Räuber und Mörder der Seelen und als Diebe der Sakramente Gottes und des christlichen Glaubens“. Außerdem sollte man sie zwingen, andere ihnen bekannte Ketzer anzuklagen. [vgl. Auffarth; in dieser Passage spürt man die persönliche Entrüstung des Autors angesichts dieser infamen Rechtsbeugung durch eine klerikale Institution, die sich doch dem Wort nach der Religion verschrieben hat, welche für Liebe und Barmherzigkeit steht, stehen will.]

Das unter der Folter erpresste Geständnis musste es noch einmal bei klarem Verstand und „aus freiem Willen“ in der Öffentlichkeit wiederholt werden. Nur wenige werden sich dem widersetzt haben: Zwar durfte die Folter (vom Grundsatz her) nicht wiederholt werden, sofern sich nicht neue Verdachtsgründe ergaben. Doch schon die einmalige Folterung dürfte nahezu jeden Willen zum Widerstand gebrochen haben.

Die theologische Einordnung der Inquisition durch Konzilsbeschlüsse und päpstliche Bullen ist nicht leicht nachzuvollziehen, zumal eine katalogisierte Rechtsnorm zur Verurteilung von Ketzern erst nach und nach geschaffen werden musste:
Die Bulle „Ad abolendam“ (1184), eine Art ‚Grundgesetz der Ketzergesetzgebung‘ enthielt u.a. das Verbot des Predigens ohne kirchliche Autorisierung. Die Bulle „Vergentis“ von 1199 stellte jede Unterstützung von Häretikern unter Strafe und die Bulle „Ad Eliminendem“ 1207 regelte die weltliche Unterstützung der Ketzerbekämpfung. Auf diese Grundlagen berief sich Papst Innozenz III. beim VI. Laterankonzil (1215) und brachte die Bestimmungen in eine geschlossene Form, um wirkungsvoller gegen Ketzer vorgehen zu können (Fichtel). Ergänzt wurde im Zuge des Kreuzzugs in Okzitanien die wichtige Bestimmung, dass ‚verketzerte‘ Gebiete denjenigen zufällt, die sie erobern. So gesehen wurde die Eroberung Südfrankreichs auch durch die Katharer zwangsfinanziert.

Unfreiwillig ‚bekehrt‘ wurden in der Regel allein die Credentes, also einfache „Leute, die trotz ihres Glaubens irgendwie an der schlechten Welt hingen und nicht einmal ihre Neigung, sich darin fortzupflanzen, wirklich bedauerten“. Die Parfaits hingegen schritten gefasst, ja glücklich auf den Scheiterhaufen. Indem sie die Ketzer auf den Scheiterhaufen schickten, bestätigten die Inquisitoren nur deren Vorurteil: das die Welt die Hölle sei und die römische Kirche „die Synagoge Satans“2.

Betätigungsfeld für Winkeladvokaten:
Die juristische Rechtfertigung von Folter und Todesstrafe für „Ketzer“

Hierzu griffen die Kirchenrechtler auf ein Gesetz aus der Antike zurück. Mit dem Gesetz Quisquis von 391 legten sich die römischen Kaiser eine geradezu heilige Unberührbarkeit zu. „Wer immer ihnen bedrohlich werden könnte, bedrohte weniger sie als Menschen, sondern ‚verletzte die kaiserliche Würde‘, beging das crimen laesae maiestatis.“ Es handelte sich um eine Art von Notstandsgesetz, das wesentliche Rechte von Angeklagten außer Kraft setzte und teils unter Folter Zeugen befragte. Der Angeklagte musste noch nicht einmal etwas verbrochen haben; schon der von Zeugen bestätigte Verdacht genügte zur Verurteilung. (Parallelen zur modernen Antiterror-Gesetzen in manchen Ländern?)

Mit der Bulle vergentis in senium von 1199 erklärte Innozenz III. die Anwendbarkeit des antiken Kaiser-Gesetzes auf Häretiker; das crimen laesae maiestatis mit seiner außerordentlichen Machtbefugnis wurde den Kirchengerichten als Instrument zur Verfügung gestellt: Die Ketzer verletzten die Majestät Christi! In der Bulle ad abolendam (s.o.) wurde die Strafe für einen Ketzer sogar auf dessen seine Familie ausgeweitet: Sein Besitz solle konfisziert werden, nach eben dem Gesetz zur Majestätsverletzung.

  • → Der Tagungsbericht „Oppositionelle Märtyrer. Konstruktion und Instrumentalisierung von Märtyrern von der Antike bis ins 20. Jahrhundert“ nimmt eine spezielle Perspektive ein. Ausgangspunkt bildete eine These, wonach oppositionelle Gruppen – im politischen wie im religiösen Kontext – ein besonderes Bedürfnis hatten/haben, eigene Märtyrer zu konstruieren, um ihre Gruppenidentität zu betonen. Derartige Überlegungen können aus meiner Sicht in Bezug auf mittelalterliche ‚Ketzer’bewegungen allein deren Führungspersönlichkeiten, d.h die geistig-spirituellen Eliten betreffen . Die vielfach kaum gebildete Masse des Volkes hatte an strategischen Vorhaben dieser Art kaum Anteil – als Mitläufer oder einem Gruppenzwang folgend wohl aber an den kirchlichen Sanktionierungen.

Der Fragestellung „Inquisition – ein Fortschritt?“ wende ich mich in einem gesonderten Beitrag zu, um hier nicht allzu weit vom eigentlichen Thema (dem Schicksal der Katharer) abzuschweifen.

Über die Motive des Papsttums zur der Institutionalisierung der Inquisition mag man ebenfalls streiten: wollte sie den vermeintlich rechten Weg aufzeigen? War den katholischen Klerikern an Machterhalt und Deutungshoheit gelegen? Ein ganzer Strauß zutreffender Absichten wird greifbar. Doch letzten Endes zählen nicht die Absichten, sondern Handlungen und deren Resultate. Das Resultat der Inquisition – an die Stelle systematischer Ketzerjagden trat bekanntlich ein geradezu pathologischer Hexenwahn – weite Teile Europas in Brand zu setzen und Menschen in ihrer Angst gegeneinander auszuspielen. M. Hochgeschwender betrachtet konfessionelle Gegensätze als Ursache insbesondere des Hexenwahns. Stets seien die konfessionellen Konflikte auch dazu genutzt worden, Familien- und Vermögenskonflikte auszutragen sowie Konkurrenten und unliebsame Außenseiter auszuschalten.

Zerstören anstatt zu heilen?

Wann ließ sich ehrlicher, tiefer Glaube bzw. die aus ihm idealerweise erwachsende Gewissheit jemals durch Drohung und Gewalt erzwingen? (Sicherlich sollte bei den ‚Unbelehrbaren‘ unter den sog. Ketzern überhaupt nichts mehr bewirkt werden, außer deren endgültiger Beseitigung. Doch was wurde bei der vor dem ketzerischen Wolf zu schützenden Herde gläubiger Schäflein bewirkt, deren Väter, Mütter, Geschwister sowie Ehepartner und Geliebte man weggesperrt, gequält und verbrannt hatte – bevor sie selbst als mithaftende Sippe ins materielle Nichts geworfen wurden? Glaube an Gott und Verbundenheit mit der römischen Kirche?
Oder könnte das Böse, im christlichen Glauben identifiziert als die Person Satans, kaum einen  größeren Erfolg erzielt haben als diese Entzweiung einer großen Vielzahl von Menschen bis auf Blut, die zuvor alle – auch als Katharer – der Christenheit angehörten, obgleich  nicht der katholischen Konfession folgend?

Siehe auch:


Montségur und das Ende der katharischen Bewegung

Der Montségur („Schutzberg“) ist ein 1216 m hoher Berg am Nordhang der östlichen Pyrenäen. Auf seinem Gipfel erhebt sich die Ruine der wohl bekanntesten Burg der Katharer.


Im Jahr 1232 ließ Raimund de Péreille die im Jahr 1204 erbaute Burg namens Pog zu einer Festung umbauen. Im gleichen Jahr wurde Montségur auf Beschluss des Katharer-Bischofs von Toulouse, Guilhabert de Castres, das Zentrum der katharischen Kirche. Hierhin flüchteten alle jene, die bei der Eroberung der übrigen Städte und Burgen durch das Kreuzfahrerheer entkommen konnten.

Pierre Roger de Mirepoix der Jüngere, Herr der Festung Montségur, tötete 1242 bei einem Vergeltungsangriff auf Avignonet mehrere Mitglieder und das Gefolge eines Inquisitionstribunals. Auch hierbei handelte es sich um ein Massaker an Wehrlosen offenbar von katharischer Seite – es diente als letzter Vorwand für den Sturm auf eine der letzten Katharerburgen instrumentalisiert wurde:

Der Montségur wurde ab 1243 von Soldaten des neuen, königstreuen Seneschalls von Carcassonne und ca. 6.000 Kreuzrittern des Erzbischofs von Narbonne belagert und musste im Frühjahr 1244 nach zehn Monaten wegen Nahrungsmangel, Krankheiten und militärischen Niederlagen in Übergabeverhandlungen eintreten. Die Bewohner der Burg wurden vor die Wahl gestellt, entweder ihrem Glauben abzuschwören oder auf dem Scheiterhaufen verbrannt zu werden.

„Ein einsamer Adlerhorst …in einem Lande, wo
längst keine Vögel mehr singen.“
Die Kinder des Gral – P.Berling

Am Morgen des 16. März 1244 wurde die Burg nach einem Waffenstillstand von zwei Wochen an die Belagerer übergeben. 225 ‚Bons Chrétiens‘ (von denen 63 bis heute namentlich bekannt sind) unter ihrem Bischof Bertrand d’En Marti wurden verbrannt, da sie die geforderte Unterwerfung unter den katholischen Glauben verweigerten.

Unter ihnen waren, der Überlieferung nach, mehrere Angehörige der Söldnertruppe, welche die Festung verteidigt hatte. Sie seien so von dem katharischen Glauben eingenommen gewesen, dass sie um das Südslawentum baten und ebenfalls den Flammentod wählten (obwohl die Feinde ihnen freien Abzug zugesichert hatten). Einige Katharer konnten auf die Burg Puilaurens flüchten, wurden dort aber ermordet. Andere flohen in die Lombardei, wo sich ihre Spur verliert. Noch im selben Jahrhundert wurde eine neue Burg Montségur errichtet, die nach ca. 300 Jahren verfiel.

Gleich nachdem mit dem Fall des Montsegur der bewaffnete Widerstand der Katharer endgültig gebrochen war, begann die Inquisition, die insgeheim in ihrer Religion verbliebenen Ketzer aufzuspüren und zu strafen. Doch das langsame Sterben der katharischen Bewegung sollte noch 80 Jahre weitergehen.

Als letzter größerer Stützpunkt der Katharer wurde im Jahr 1255 die Burg Quéribus eingenommen. Der wohl letzte Katharer-Bischof Guillaume Bélibaste wurde nach einem bewegten Leben 1321 in Villerouge-Termenèste öffentlich verbrannt.  (Vgl.→ „Burg Peyerpetuse – Eine letzte Zuflucht der Katharer“)

Nicht wenige Katharer entgingen der Verfolgung und gelangten nach Bosnien; offenbar war die Verbindung zu den Bogomilen erhalten geblieben und der Katharismus wurde kurzzeitig sogar zur Staatsreligion Bosniens.
Gesichert ist, dass die Katharer und Bogomilen es vorzogen, zum Islam zu konvertieren, anstatt sich wieder dem römischen Katholizismus anzuschließen. Bisweilen werden die heutigen bosnischen Muslime als Nachfahren der Katharer bezeichnet.
Die Quellenlage hierzu ist unübersichtlich; ein kurzer Abriss ist auf wehrgeschichte-salzgurg.at zu finden (‚Bosnien und die Bogomilen‚). Dort heißt es in Bezug auf den Übertritt zum Islam:

„Die Eroberung durch die Osmanen bedeutete für Bosnien eine radikale geschichtliche Zäsur. […]. Mit der neuen Herrschaft kam auch die neue Religion – der Islam. Die Bogomilen, von Orthodoxie und römischem Christentum gleicherweise als Häretiker verfolgt und ausgegrenzt, nahmen die Lehre Mohammeds offensichtlich ohne großen Widerstand an.

Ob sie geschlossen zum Islam übergetreten sind, oder ob es Anhänger der bosnischen Kirche noch jahrzehntelang in Dörfern gegeben hat […], ist zweitrangig angesichts der Tatsache, daß das Bogomilentum in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts vollkommen verschwunden ist.

Was den christlichen Kirchen des Ostens und des Westens trotz jahrhundertelanger Verfolgung und staatlicher Repression nicht gelungen war, schaffte der Islam innerhalb kurzer Zeit und das, obwohl […] dem Islam ‚gewaltsame Bekehrungsversuche wesensfremd waren.‘ Dies läßt eine gewisse Bereitschaft und Freiwilligkeit der bisweilen fanatischen Anhänger dieser asketischen Lehre annehmen…“

Die große (unbestreitbar christliche) Bewegung, von der knapp 100 Jahre zuvor Papst Innozenz III. Schlimmeres befürchtet hatte als von den Sarazenen, war vorbei, der Triumph der Inquisition nun gewiss:
Waren 1225 noch Konzilien der albigensischen Gemeinden abgehalten und zwei neue Diözesen, Rasèz und Agen, begründet worden, hatten um 1275 hatten die letzten katharischen Bischöfe Okzitanien verlassen. Um 1300 gab es im ganzen Land wohl nur noch ein knappes Dutzend ›Vollkommene‹, die einem einzigen Ältesten, unterstanden, das heißt demjenigen aus ihrer Zahl, der schon am längsten zur Kirche gehörte. „In der Grafschaft Foix ging damals die Rede, es sei schlimmer, die Häresie in der Familie zu haben als den Aussatz.“ (Ladurie2)

Ein absehbarer Ausgang des idealistischen Vorhabens, endlich die wahre Kirche Christi zu gründen? Wie Deggau darlegt, lagen weitreichende Reformen in der Luft: längst war eine starke Opposition zur Amtskirche entstanden, der viele Menschen einen Abfall von frühchristlichen Prinzipien und eine doppelte Moral vorwarfen.
Innozenz III und sein Nachfolger Papst Gregor VII erkannten durchaus die Reformnotwendigkeit in ihrer Kirche. Gregor sah es unter anderem als seine Aufgabe, die Simonie (Kauf von Kirchenämtern) und den Einfluss von Laien auf die Kirche zurück zu drängen. Doch jede Veränderung sollte ausschließlich von ‚der Spitze nach unten‘ erfolgen, während jede oppositionelle Haltung innerhalb der christlichen Gläubigen rücksichtslos ausgemerzt wurde.

Speziell dafür war das System der Inquisition geschaffen worden, wenngleich es formal allein die ‚reine Lehre‘ schützen und erhalten sollte. Insoweit waren religiöse Bewegungen bis ins 15. Jahrhundert auf verlorenem Posten, wenn sie zugleich pazifistische Ideale verfolgten. Auch die Katharer hatten sich verpflichtet, niemals eine Waffe zu gebrauchen und damit Unverständnis ausgelöst:

„Als Fremde sind wir in dieser Welt gewesen, doch voll guter Absicht.“

Die letzten Ketzer waren die Katharer freilich nicht. Einh(eitlichk)eit und ‚dogmatische Reinheit‘ einer Weltreligion lassen sich auf die Dauer auch nicht gewaltsam erzwingen, wie der weitere religionsgeschichtliche Verlauf bis in unsere Gegenwart zeigt. In diesem Sinne beginnt N. Lenau 1842 sein episches Gedicht ‚Die Albigenser‘ (→ vollständiger Text auf Projekt Gutenberg)  mit den Worten:

„Das Licht vom Himmel lässt sich nicht versprengen,
Noch lässt der Sonnenaufgang sich verhängen
Mit Purpurmänteln oder dunklen Kutten…“

Weiterlesen: → D. Was geblieben ist – die Spuren der Katharer

 Quellenangaben

  1. „Ketzer – Katharer, Waldenser und andere religiöse Bewegungen“, Christoph Auffarth (Verlag Ch.Beck)
  2. „Montaillou – Ein Dorf vor dem Inquisitor 1294 bis 1324“, Emmanuel LeRoy Ladurie
  3. „Guilhem Bélibaste – ein Verbrecher ist Parfait geworden“
  4. Hinrichtungsrituale: Funktion und Logik öffentlicher Exekutionen„, Jutta Nowosadtko
  5. Vortrag: „Die Inquisition – Terrorregime oder Wendepunkt in einer barbarischen
    Gerichtsbarkeit?„, J.Kämpf, 2014
  6. Das Handbuch der Inquisition„, Ernst Keil (1863)