D. Heutige Sicht / Die Spuren der Katharer

Das Spannungsfeld von empörter Verurteilung und bemühter Verteidigung;  Stellungnahmen der Gegenwart zur Inquisition

Wenn Hans Conrad Zander („Kurzgefasste Verteidigung der Heiligen Inquisition“, 2007, →Rezension auf SPON) in einer Art religiöser Satire Bezug nimmt auf Romane, welche die Inquisition angeblich beschrieben als Ansammlung „opulenter Frauenleiber, die sich unter perversen Pieksereien lüsterner Inquisitoren qualvoll winden“…naja, dann handelt es sich um eine Form von Humor, für die mir jegliche Antenne fehlt. Zander hat da wohl etwas verwechselt – zu viel de Sade gelesen?

Die Kirchenhierarchie ihrerseits verstand sich als göttlich – was Selbstkritik und jede substanzielle Veränderung verbot. Noch im Jahr 1832 erklärte Papst Gregor XVI., der die Religions- und Gewissensfreiheit als „absurde Wahnidee“ betrachtete, in seiner Enzyklika Mirari vos: „Es ist völlig absurd und in höchstem Maße eine Verleumdung zu sagen, die Kirche bedürfe einer (…) Erneuerung – als ob man glauben könne, die Kirche wäre Fehlern, Unwissenheit oder irgend einer anderen menschlichen Unvollkommenheit ausgesetzt.“

Blicken Kirchenvertreter der Gegenwart auf Inquisition und den Glaubenskrieg gegen die Katharer-Bewegung zurück, ist eine zweigeteilte Reaktion zu bemerken – In ihr Bedauern mischt sich nicht selten der Impuls, die Unterdrückung Andersgläubiger doch irgendwie zu rechtfertigen („Also ganz so schlecht war die Inquisition auch wieder nicht.“, befand Kardinal J. Ratzinger im Jahr 1998. Zugleich räumte er ein: “ Vieles waren Fehlurteile, vieles ist schief gelaufen.“) Zumindest werben Vertreter der Kirche um Verständnis für die damals Verantwortlichen: Im Kontext der damaligen Umstände hätten die Verzweifelten keine andere Möglichkeit gesehen, als so zu handeln.

Mitunter wird auch argumentiert, die Päpste und ihre Beauftragten hätten es doch zunächst ‚im Guten versucht‘. Nur die Uneinsichtigkeit der ‚Ketzer‘ gegenüber mahnenden Worten der Umkehr habe den Klerus gezwungen, mit Hilfe der Staatsmacht zur Gewalt zu greifen („So wird Gewalt herrschen, wo Sanftmut fruchtlos blieb“).
Schaut man sich die Beweggründe der Konfliktparteien an, wird eine Tatsache deutlich: Es ging der Allianz aus kirchlichen Amtsträgern und weltlichen Eroberern eben nicht primär um eine ‚Umerziehung‘ und Rettung der Seelen, sondern um eigennützige Interessen, um Land, Einkünfte, Macht sowie die Durchsetzung ihres auf Dogmen (anstatt auf die Bibel) gegründeten Alleinvertretungsanspruchs. Wenigstens heute sollte man dies auch zugeben können.

Papst Johannes Paul II. leistete am 13. März 2000 öffentlich Abbitte:

Lass jeden von uns zur Einsicht gelangen, dass auch Menschen der Kirche im Namen des Glaubens und der Moral in ihrem notwendigen Einsatz zum Schutz der Wahrheit mitunter auf Methoden zurückgegriffen haben, die dem Evangelium nicht entsprechen.

Ein erster Schritt in die richtige Richtung. Den priesterlichen Einsatz ‚zum Schutz der Wahrheit‘ und zur Wahrung der Einheit des katholischen Glaubens betrachtet man im Vatikan und andernorts nun mal als notwendig – das Laienvolk ist halt auf gut sichtbare, eindeutigen Rechtleitung durch die RKK angewiesen, die ihre exklusive Vermittlerrolle zwischen Gott und den in ihrer Erkenntnisfähigkeit so begrenzten Laien für unabdingbar erachtet.

In der angebrachten Deutlichkeit prangerte jetzt Papst Franziskus die kirchliche Mitwirkung Ketzerverbrennungen  und an Hexenverfolgungen als Unrecht an. Oft seien in der Geschichte Menschen getötet und verurteilt worden, „obwohl sie unschuldig waren: verurteilt mit dem Wort Gottes gegen das Wort Gottes“, sagte er am 11. April 2016 im Vatikan. Die Beschuldigten seien verbrannt worden, weil sie sich nach Meinung der Richter nicht dem Wort Gottes anpassten.

Bedeutsam ist in diesem Kontext freilich auch, dass die RKK bis heute weder die Menschenrechtserklärung des Europarates noch die Menschenrechtscharta der UNO unterzeichnet hat. Den Hintergrund der Ablehnung bilde die Überzeugung der Päpste, dass sich eine menschliche Gesellschaft nach den Prinzipien Gottes und nicht der Menschen zu organisieren habe.(Vgl. ‚Kirche und Menschenrecht – ein Gegensatz?‚)

Aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen, bedeutet ein striktes Bekenntnis zur Gewaltfreiheit in Religions- und Glaubensfragen. Das ist für mich eine Conditio sine qua non: Seelen dürfen weder mit Feuer und Schwert noch mit massiven Drohungen ‚gerettet‘ werden (was m.E. auch nicht möglich ist, weil die spirituelle ‚Errettung‘ die Einsicht und den Willen des mutmaßlichen Abweichlers erfordert).

Begeisterte Katholiken erweisen ihrer Kirche einen schlechten Dienst, wenn sie immer noch versuchen, gewaltsame Bekehrung sowie Bestrafung mit Zitaten aus der Bibel zu rechtfertigen:
„Du sollst die Zauberin nicht am Leben lassen“ [2Mose 22,17] und ähnliche Gebote aus dem A.T. stehen in einem krassen Gegensatz zu der von Jesus geforderten Feindesliebe und Barmherzigkeit gegenüber Sündern. Wenn ‚Verschärfungskatholiken‘ also heute noch mit dem mosaischen Gesetz argumentieren, um die im Namen Gottes begangenen Verbrechen der mittelalterlichen Kirche ins ‚rechte‘ Licht zu rücken, sollten sie m.E. ernsthaft über ihren eigenen Bezug zum ‚christlichen‘ Glauben nachdenken. Dieser stellt bekanntlich weder alttestamentliche Todesdrohungen noch den Papsttum und Klerus in den Vordergrund.


Was ist von den Katharern geblieben?

Daß alles Schöne muß vergehen,
Und auch das Herrlichste verwehen,
Die Klage stets auf Erden klingt;
Doch Todtes noch lebendig wähnen,
Verwirrt das Weltgeschick und bringt
Das tiefste Leid, die herbsten Thränen.
(aus: Die Albigenser – Nicolaus Lenau)

Quellen berichten von der letzten Verhaftung eines Katharers im Jahre 1342 (in Florenz). Was konnten uns die Katharer ungeachtet ihrer gnadenlosen Beseitigung hinterlassen? Sollte von ihnen mehr geblieben sein als bruchstückhafte Erinnerungen – gepaart mit Sehnsucht und Verwirrungen der Seelen und Herzen?

Sicherlich ruft der zwar christliche, in seiner radikal-dualistischen Ausprägung dennoch eigenwillige Glaube der Katharer Zweifel und Skepsis hervor. Und doch hier hatte sich sich ein großartiges Gedankengut entwickelt, als gläubige Christen den Ballast von mehr als tausend Jahren abstreiften und sich wieder auf den spirituelle Essenz ihrer Überzeugungen und Lehre besannen. Getrenntes wurde zusammen gefügt und wer weiß, ob daraus nicht eine wirkliche Heilslehre hervor gegangen wäre, wenn nicht…
So aber blieben über Jahrhunderte eine machtversessene, materialistsche und in der Vergangenheit verhaftete Institution, eine große Schar frustrierter, teils verfeindeter Glaubensanhänger sowie ein durch die Erinnerung zunehmend verklärtes Häuflein der ‚Märtyrer reiner christlichen Liebe’… Ansonsten finden sich unterschiedlichste Verflachungen und Durchmischungen spekulativer Mythen wie der sagenumwobenen Gralssuche.–

„Padre nostre“ cancion de los cataros.

 

Nachträge, Ergänzungen und Links

Und der Gral?

Das Wort Gral lässt sich wahrscheinlich herleiten aus dem okzitanischen grazal (Gefäß, Schüssel), das wohl aus dem lateinischen ‘gradalis’ entstand. Dahinter verbirgt sich ein bunter Strauß alter und moderner Mythen und Mysterien, die ein gemeinsames Motiv aufweisen – den “Glauben an einen rätselhaften, ‘heiligen’ Gegenstand, in dem kultische Mysterien und Geheimnisse symbolisiert seien und der sich dem profanen Zugriff der Ungläubigen entziehe…”

Nun, die Mythen um einen prunkvollen Kelch oder Schatz mit dieser Bezeichnung interessieren mich nicht sonderlich. Es gibt allerlei Versuche, eine Verbindung herzustellen zwischen dem Reichtum  des Templer-Ordens und den Katharern – so wird auch spekuliert, letztere hätten den von den Templern im Hl. Land beschafften Gral auf Montségur versteckt und kurz vor der Kapitulation verbuddelt oder auf geheimen Wegen in ein anderes Versteck verbracht.

Falls es sich bei dem Gral (so er denn wirklich existierte) um einen materiell wertvollen Gegenstand handelt, dann ist es eher abwegig, dass die alles Materielle kategorisch ablehnenden Katharer etwas damit zu tun hatten.
Denn im Gegensatz zu den meisten Katholischen ihrer Zeit hatten die Katharer eines verinnerlicht: ‘wie der Teufel die Seelen verführt’:

„Wenn ihr mir in meine Welt folgt, dann werde ich euch jedoch Besitz geben in Form von Feldern und Weingärten, Gold und Silber, Ehefrauen und anderen Gütern jener sichtbaren Welt“.

Mit derlei Versprechungen seien viele Geister schon aus dem Paradies gelockt worden.- Aus historischen Texten kann jedenfalls keine unmittelbare Beziehung zwischen Katharern und den Tempelrittern oder dem ‚Heiligen Gral‘ erwiesen werden. Wilfried Augustin fasst einen Teil der Gralsmythen und –theorien in dem Artikel “Das Geheimnis von Rennes-le-Château” zusammen und liefert für Interessierte Ausgangspunkte für eigene Recherchen.

Hoffentlich wird er nie gefunden…

Neben einer bedauerlichen Tendenz zur Plünderung alter Grab- und Denkmäler auf der Suche nach einem sagenumwobenen Schatz existieren allerdings alternative Interpretationen. Dieser Darstellung zufolge umfasst der Gral mehrere Bedeutungsebenen:

Während er profan als ein Gefäß interpretiert werden kann, könne er im übertragenen Sinne auch für einen besonderen Stammbaum oder für bestimmte Abkömmlinge dieses Stammbaums stehen. In jedem Fall dürfte er jedoch das Potenzial besitzen, eine einzigartige Erfahrung zu vermitteln – etwa jene gnostische Erleuchtung, wie sie von den Katharern und anderen Gnostikern angestrebt wurde.

In diesem Zusammenhang wird anstelle von alten Klunkern eine Sammlung ‘geheimer Katharerschriften’ vermutet, welche vor den Kreuzfahrern und Inquisitoren verborgen worden sei.

Literatur zu Katharern/Katharismus:

Links

Bücher

  • Kleine Geschichte der Katharer – Hans-Georg Deggau
  • ‘Die Katharer: Was sie glaubten, wie sie lebten’ – Gerhard Rottenwöhrer
  • Die Katharer – Arno Borst
  • ‚Ketzergeschichte des Mittelalters‘ – H. Grundman (Auszug online – Die Katharer, ab S. 22)
  • Die Geschichte der Katharer: Häresie, Kreuzzug und Inquisition im Languedoc‘ – M.Roquebert
  • Domus und Religion in Montaillou – Mathias Benad
  • ‚Die Kontroverse um die Inquisitionsakten zu Montaillou im Spätmittelalter‘ – Saskia Bommert

Dokumentationen zur Geschichte der Katharer

Vermutlich werden die Katharer seit Januar 2013 durch die Buchverfilmung ‚Das verlorene Labyrinth‘ etwas mehr ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit rücken. Leider geschieht dies meist im Stil von Mystery-Serien; theologische/spirituelle Aussagen der Katharer kommen viel zu kurz.

Doku-Drama „Die Katharer“ (ARTE, 2008)

ARTE zeichnet hier die Geschichte der Katharer nach und stützt sich in dieser Dokumentation auf die Forschungsergebnisse von Michel Roquebert und Anne Brenon.

 

 

Siehe auch:

Das Wappen der Grafen von Toulouse ist heute das Wappen der franz. Region Midi-Pyrénées
und ist im Wappen der Region Languedoc-Roussillon enthalten.