Ich schreibe, also bin ich? / …also bleibe ich?

Zu Beginn des Buches ›Dialog der Seele‹ (→ Pdf) denkt die Autorin Jane Roberts darüber nach, was das Empfangen von Inspiration (auch, aber nicht allein von ›Seth›) sowie das anschließende Niederschreiben für sie bedeutet:

»Diese Botschaften zu hören, sie zu übersetzen, sie niederzuschreiben bedeutet Leben für mich.«

Oh, wie gut ich Jane darin verstehe. Obgleich ich mehr im eigenen Saft schmore, ist das schreibende Erarbeiten für mich mit zum wichtigsten Lebensinhalt geworden – wobei mir auch am Herzen liegt, diesen Prozess nicht nur zum eigenen Nutzen zu fortzuführen.

Hannes Scheucher, „Jane Roberts“, 2010

Jane formuliert eine Einladung:

»Ach, dieses liebe störrische irdische Selbst,
das wieder einmal Kontakt mit seiner Seele sucht
und sich an einem herbstlichen Nachmittag fragt,
wie es sie herbeilocken könnte aus ihrem hohen Reich.
(…)
»Zunächst würde ich gerne wissen, ob du etwas vernommen hast
von dem,
was ich bislang sagte.
Würdest du also, bevor ich wirklich beginne,
mir freundlichst ein Zeichen geben,
daß du zuhörst?
«

Damit erhebt sich das irdische Selbst,
macht sich Kaffee, kehrt zurück,
setzt sich wieder und wartet.
Es fragt sich: Wer kennt der Seele Welt
außer dem Selbst, das gewiß nicht genügend weiß,
und falls die Seele spräche, wer wüsste es,
wenn nicht ihr irdisches Ebenbild?«

Jane’s Hauptanliegen: »Ich wollte wieder in Verbindung sein, und ich wollte wieder die Inspiration und Energie ausbrechen spüren.«

»…eine Weile dachte ich, dass meine Schriftstellerei möglicherweise zur Rechtfertigung meines Lebens diente. Erst nach einiger Zeit begriff ich, dass Schreiben für mich Sein ist

Sobald sie nicht mit dem Schreiben zugange sei, berichtet Jane, »fühlte ich mich von meinem Sein abgeschnitten. Ich versuchte, mit den tieferen Schichten meines Bewusstseins in Berührung zu kommen.«

Wollte ich nun fröhlich drauflos quaken »Ja genau, für mich ist es auch so«, so wäre dies reichlich unangemessen – der Qualitätsunterschied, jene gewaltige Distanz von Jane zu mir ist mir überdeutlich bewusst. Gleichwohl glaube ich sie zu verstehen, wenn sie hinzufügt:
»Ziemlich nörgelig lässt dann das irdische Selbst – ich, natürlich verlauten, dass es nur allzu bereit wäre zu tun, was immer ihm aufgetragen würde, wenn die Seele doch nur die Güte hätte, es über sein nächstes »Projekt« zu informieren.(…)
Jeden Morgen saß ich wenigstens kurz an meinem Schreibtisch und wartete.«

Indes sehe ich auch diesen großen Unterschied: im Gegensatz zu Jane erwarte ich nicht eine Inspiration, einen Impuls von ›außen‹ (bzw. von ›oben‹); dergleichen habe ich auch noch nicht bewusst registriert (was ja nichts heißen muss;). Andererseits kommt es schon zu neuen oder ergänzenden Einsichten, bisweilen angeregt durch einen Text oder einen Film…dieser Input löst einen …[kreativen? – nein,  doch immerhin] produktiven Verarbeitungsprozess in mir aus, den ich nur schreibend (in den allermeisten Fällen für mich privat) zu einem befriedigenden Abschluss bringen kann.

Eine liebe Freundin schilderte mir einmal, sie fühle sich »voll in ihrem Element«, sobald sie im Allgäu ihre Ski unterschnalle und eine steile Abfahrt herunter rasen dürfe.
Nun, auch ich bin ›ganz in meinem Element‹, sobald ich mich lesend-denkend-rätselnd-schreibend mit den für mich relevanten Fragen beschäftigen darf. Eine Beurteilung und Bewertung durch Dritte ist dafür ohne Belang, ebenso wie die o.a. Freundin mit ihren winterlichen Abfahrten nicht auf Applaus, Kritik, persönliche Bestzeiten oder einen Preis aus ist.

Die Frage nach dem Kern meines (irdischen) Lebens ist damit in gewisser Weise beantwortet, womit nicht gesagt sein soll, dieses denkende Schreiben/schreibende Denken berge in sich schon die Erfüllung seines Zwecks. In diesem Fall wären die (oft nur unzureichend von mir erfassten und verstandenen) Inhalte beliebig und austauschbar. Nein, dieser Vorgang bildet das für mich optimal geeignete Vehikel zur Annäherung an die jeweiligen Fragen und Themen – so wie Autofahrten zwar ›an sich‹ viel Freude bereiten können, doch zumeist auf ein konkretes Ziel gerichtet sind.

Es sei wohl ihre Bestimmung ist, erklärt Roberts, »diese unsichtbaren Bücher« zu übertragen, sie durch ihre Psyche zu filtern, zu übersetzen und dadurch mit neuem Leben zu erfüllen.
Jane spricht von einem »Gefühl absoluter Richtigkeit« als etwas, wonach sie jahrelang gesucht hatte. »Es ist ein Gefühl, das seine eigene Gewissheit und psychische Angemessenheit vermittelt; es ist, als hätte ich mein Bewusstsein in alle Richtungen ausgeworfen, suchend, tastend, und müsste früher oder später diesen klaren Bogen oder Pfad zu einer bestimmten Quelle finden.«

Ihrem Lebenswerk glaube ich entnehmen zu dürfen: Jane Roberts hat diese Wahrheit, dieses für sie in ihrem Lebenskontext unabdingbar Richtige sicherlich gefunden.

Für mich ist es so, dass dieses Suchen noch andauert, womöglich noch weit über dieses momentane Leben hinaus. Daraus entsteht kaum Unzufriedenheit, eher der vage Eindruck: ›Gut, ich habe mich auf diesen Weg begeben. Wohin er mich noch führt, welche Umwege und Sackgassen ich noch befahren werde? Keine Ahnung. Doch was könnte aufregender und viel-versprechender sein als dieses tastende Erkunden als solches?‹


›Immer schön objektiv bleiben?‹

Das ist, mit Verlaub, realitätsferner Mumpitz.
Der in Kirchenkreisen nicht ganz grundlos gemiedene Karl-Heinz Deschner (›Kriminalgeschichte des Christentums‹) – er legt sich offenbar von vorne herein auf eine einseitige, bewusst selektive Herangehensweise  fest – erklärt dazu:

»Geben wir doch zu: wir alle sind ›einseitig‹! Wer es bestreitet, lügt von vornherein.
Nicht unsere Einseitigkeit ist wichtig. Wichtig ist, dass wir sie eingestehen…!«
Entscheidend sei vielmehr, »wie viele und wie gute Gründe unsere Einseitigkeit untermauern« und welche Relevanz etwa der Quellenbasis sowie den gewählten Methoden Methoden zukomme und auf welchem Niveau letztendlich argumentiert werde. 

Tja, den erworbenen, subjektiven Erfahrungen und Prägungen entkommt keiner von uns leicht und wohl niemand vollständig oder dauerhaft. Um es kurz zu machen: eine Abwesenheit persönlich gefärbter Betrachtungen ist überhaupt nicht meine Intention für diesen Blog. Wichtiger wäre mir da schon Vollständigkeit (d.h. keine relevanten Aspekte unter den Tisch fallen zu lassen), doch selbst diese werde ich allenfalls punktuell herstellen können – oft fehlt es schlicht an umfassendem Quellen- und Hintergrundwissen.

Hier wäre mir entgehen zu halten, weshalb ich dann im Wissen um diese Defizite überhaupt eigene Texte ins Netz stelle… eine Frage, die wohl 60-80 Prozent sämtlicher VerfasserInnen von Online-Publikationen zu richten wäre.
Nun, es handelt sich ja nicht um fachlich versierte, insoweit unangreifbare Betrachtungen und meine Zielgruppe setzt sich auch nicht aus ausgebildeten Theologen und Religionswissenschaftlern zusammen. Eher aus interessierten Laien.
Zudem beschränke ich mich zumeist darauf, auf die Positionen und Ausarbeitungen von ›Experten‹ zu verweisen – wo dies möglich ist, als Pro & Contra-Darstellung – und am Schluss gebe ich noch meinen eigenen Senf dazu, der auch als solcher gekennzeichnet wird.

Mein wirklicher Anspruch an mich selbst: dabei stets um Fairness zu bemühen, nicht wissentlich Unwahres zu schreiben sowie, allgemein gesprochen, niemandem zu schaden (also auch keinem Leser meiner Texte).-


Und nun das …der Wunsch, ›wenigstens einen Gedanken zu hinterlassen, der mich als Person überdauern möge‹, spielte dabei bis vor kurzem überhaupt keine Rolle. Doch mit den Jahren – die 60 mittlerweile fest im Blick – kommt diese Frage schon hoch: Was bleibt einmal von mir? Und was davon wäre von einer Bedeutung, die ein klein wenig über mich hinaus weist? Eine Antwort darauf zu finden, ist nicht einfach.

Was bleibt? Was zählt?

(Gedachtes atmosphärisches Intro: Wäre das hier ein Video auf YT, so erklänge nun leise-untermalend der Song von Peter Licht: „Wenn ich nicht hier bin, bin ich auf‘m Sonnendeck“…)

Was bleibt von mir, sobald ich mal weg bin?
Nicht wirklich viel.
Bisschen Gerede, wohlmeinend und auch bös‘,
beides verklingt mit der Zeit.
Paar Urkunden verstaubend in Registern von Standesämtern,
auf Festplatten und Clouds …am Ende bleibt es gleich.

Ein Vermächtnis? Das ist was für Große,
wir Ottos begnügen uns mit einem Tagebuch:
…5 Prozent Glück, etwa 0,1 Prozent Sex sowie all die ganzen Klagen,
kaum mehr als in Worte gefasstes Umhertasten im grauen Tal,
während die Zeit so unfassbar dahin raste.
(Halt, Stopp. Mitunter schien auch die Sonne.:)

Tugend? Ähm, wenig davon – mich im Tagebuch noch selber zu belügen,
wäre einfach nur dämlich.
Manches ›geheim‹, anderes peinlich oder halt verquer
…und darum zur Sicherheit nicht publiziert.
Oh, es macht schon Freude,
mein Geschreibsel nach Jahren wieder zu lesen,
Halbvergessenes zu erinnern,
…brummelndes Schmunzeln in der Abendsonne
auf dem ausgedachten Sonnendeck:)

Spür‘ ich auch den Drang,
Einzigartig-Bleibendes von mir zu hinterlassen
…mit Worten zu malen, Freude zu schenken?
Zuweilen durchaus – das ‚Gegentum‘ schmeckt etwas schal:
Zeitnahes Vergessenwerden, sobald ich einst entschwunden bin
…macht geringfügig traurig, wieder diese Mäh-lancholie.
Bloß, was hätte ich davon,
würden »Milliarden treuer Leser« bisweilen an mich denken
…ohne mich jedoch zu kennen?
Da, wo ich dann bin – falls ich dann noch ›bin‹ –
ist Gedachtzuwerden womöglich so was von egal.

Aber vielleicht auch nicht:
Gelänge es,
nur einer Person ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern,
so hätte sich das ›Malen‹ wohl gelohnt…
Gelänge es,
nur einer Person ein Verstehen zu ermöglichen,
das zuvor noch ›klemmte‹,
so hätte sich das Schreiben wohl gelohnt.

Was zählt, was macht einen Unterschied?
Worte bleiben Worte.
Was wirklich bleibt, sind meine Taten.
Und deine.