Ich schreibe, also bin ich?

Zu Beginn des Buches „Dialog der Seele“ (→ Pdf) denkt Jane Roberts darüber nach, was das Empfangen von Inspiration (auch, aber nicht allein von ‚Seth‘) sowie das anschließende Niederschreiben für sie bedeutet:

„Diese Botschaften zu hören, sie zu übersetzen, sie niederzuschreiben bedeutet Leben für mich.“

Oh, wie gut ich Jane darin verstehe. Obgleich ich mehr im eigenen Saft schmore, ist das schreibende Erarbeiten für mich mit zum wichtigsten Lebensinhalt geworden – wobei mir auch am Herzen liegt, diesen Prozess nicht nur zum eigenen Nutzen zu fortzuführen.

Jane formuliert eine Einladung:

Ach, dieses liebe störrische irdische Selbst,
das wieder einmal Kontakt mit seiner Seele sucht
und sich an einem herbstlichen Nachmittag fragt,
wie es sie herbeilocken könnte aus ihrem hohen Reich.
(…)
„Zunächst würde ich gerne wissen,
ob du etwas vernommen hast von dem,
was ich bislang sagte.
Würdest du also, bevor ich wirklich beginne,
mir freundlichst ein Zeichen geben,
dass du zuhörst?“

Damit erhebt sich das irdische Selbst,
macht sich Kaffee, kehrt zurück,
setzt sich wieder und wartet.
Es fragt sich: Wer kennt der Seele Welt
außer dem Selbst, das gewiß nicht genügend weiß,
und falls die Seele spräche, wer wüsste es,
wenn nicht ihr irdisches Ebenbild?

Jane’s Hauptanliegen: „Ich wollte wieder in Verbindung sein, und ich wollte wieder die Inspiration und Energie ausbrechen spüren.“

…eine Weile dachte ich, dass meine Schriftstellerei möglicherweise zur Rechtfertigung meines Lebens diente. Erst nach einiger Zeit begriff ich, dass Schreiben für mich Sein ist.“

Sobald sie nicht mit dem Schreiben zugange sei, berichtet Jane, „fühlte mich von meinem Sein abgeschnitten. Ich versuchte, mit den tieferen Schichten meines Bewusstseins in Berührung zu kommen.“

Würde ich nun fröhlich quaken „Ja genau, für mich ist es auch so“, so wäre dies reichlich unangemessen – der Qualitätsunterschied, jene gewaltige Distanz von Jane zu mir ist mir überdeutlich bewusst. Gleichwohl glaube ich sie zu verstehen, wenn sie hinzufügt:
Ziemlich nörgelig lässt dann das irdische Selbst – ich, natürlich verlauten, dass es nur allzu bereit wäre zu tun, was immer ihm aufgetragen würde, wenn die Seele doch nur die Güte hätte, es über sein nächstes »Projekt« zu informieren.(…)
Jeden Morgen saß ich wenigstens kurz an meinem Schreibtisch und wartete.

Indes sehe ich auch den großen Unterschied: im Gegensatz zu Jane erwarte ich nicht eine Inspiration, einen Impuls von ‚außen‘; dergleichen habe ich auch noch nicht bewusst registriert. Andererseits kommt es schon zu neuen oder ergänzenden Einsichten, meist angeregt durch einen Text oder einen Film…dieser Input löst einen Verarbeitungsprozess in mir aus, den ich nur schreibend (in den allermeisten Fällen für mich privat) zu einem befriedigenden Abschluss bringen kann.

Eine liebe Freundin schilderte mir einmal, sie fühle sich „voll in ihrem Element“, sobald sie im Allgäu ihre Ski unterschnalle und eine steile Abfahrt herunter rasen dürfe.
Nun, ich bin ‚in meinem Element‘, sobald ich mich lesend-denkend-rätselnd-schreibend mit den für mich relevanten Fragen beschäftigen darf. Eine Beurteilung und Bewertung durch Dritte ist dafür ohne Belang, ebenso wie die o.a. Freundin mit ihren winterlichen Abfahrten nicht auf Lob, Kritik, persönliche Bestzeiten oder einen Preis aus ist.

Die Frage nach dem Kern meines (irdischen) Lebens ist damit in gewisser Weise beantwortet, womit nicht gesagt sein soll, dieses denkende Schreiben/schreibende Denken berge in sich schon die Erfüllung seines Zwecks. In diesem Fall wären die (oft nur unzureichend von mir erfassten und verstandenen) Inhalte beliebig und austauschbar. Nein, dieser Vorgang bildet das Vehikel für die Annäherung an die jeweiligen Fragen und Themen – so wie Autofahrten zwar Freude bereiten können, aber doch zumeist auf ein angestrebtes Ziel gerichtet sind.

Es sei wohl ihre Bestimmung ist, „diese unsichtbaren Bücher“ zu übertragen, sie durch ihre Psyche  zu filtern, zu übersetzen und dadurch mit neuem Leben zu erfüllen.
Jane spricht von einem „Gefühl absoluter Richtigkeit“ als etwas, wonach sie jahrelang gesucht hatte. „Es ist ein Gefühl, das seine eigene Gewissheit und psychische Angemessenheit vermittelt; es ist, als hätte ich mein Bewusstsein in alle Richtungen ausgeworfen, suchend, tastend, und müsste früher oder später diesen klaren Bogen oder Pfad zu einer bestimmten Quelle finden.

Ihrem Lebenswerk glaube ich entnehmen zu dürfen: Jane Roberts hat diese Wahrheit, dieses für sie in ihrem Lebenskontext unabdingbar Richtige sicherlich gefunden.

Für mich ist es so, dass dieses Suchen noch andauert, vielleicht noch weit über dieses momentane Leben hinausgehend. Daraus entsteht kaum Unzufriedenheit, eher der vage Eindruck: ‚Gut, ich habe mich auf diesen Weg begeben. Wohin er mich noch führt, welche Umwege und Sackgassen ich noch durchfahren werde? Keine Ahnung. Doch was könnte aufregender und viel-versprechender sein als dieses tastende Erkunden als solches?‘