Der größte Irrtum der Menschheit? – Die Entstehung von Glaube und Religionen

Über die tatsächlichen Zusammenhänge bei der Entstehung von Glaube und Religionen wissen wir nur wenig – diese Entwicklung begann lange vor der Erfindung der Schrift. Folglich haben wir heute keine Aufzeichnungen darüber.

Auf Gesellschaftsevolution.de arbeitet Dieter Brandt seine zentrale These umfangreich auf:
Das genetisch festgelegte Grundverhalten habe zu Fehlinterpretationen und Fiktionen der damaligen Hominiden geführt. Jenen Vorfahren des heutigen Menschen deren Bewusstsein sich gerade mal entwickelt hatte, habe jedes Naturverständnis gefehlt – was Fehlannahmen auslöste, die stufenweise zum „größten Irrtum der Menschheit“ anwuchsen – über den den Glauben an Übernatürliches bis hin zu Religionen.

Bevor man dem vorschnell begeistert zustimmt oder sich kopfschüttelnd abwendet, sollten die Grundlagen und das Zustandekommen dieser ‚Erkenntnis‘ eingehend studiert werden. Brandt steht stehen offenbar der Giordano-Bruno-Stiftung nahe, die eine Position des „Evolutionären Humanismus“ vertritt, der die Welt und ihre Entstehung ohne übernatürliche Eingriffe erklärt.

Seine Sichtweise fasst Brandt in der Broschüre Der größte Irrtum der Menschheit oder Die wahren Wurzeln der Religionen oder Evolution und Religionen“ zusammen:

Der Glaube an Übernatürliches und Religionen setzten die vorherige Herausbildung menschlichen Bewusstseins voraus. Drei Komponenten seien erforderlich gewesen:

  • Selbstwahrnehmung / erstes Bewusstsein
    Älteste Funde von Bestattungen mit Grabbeilagen stammen aus einer Zeit von etwa 120 000 Jahren vor unserer Zeit. Doch schon unsere menschlichen Urahnen hätten den Spiegeltest1) vor 2-3 Millionen Jahren wohl bestanden. Im Zeitraum dazwischen soll eine hinreichende Bewusstseinsentwicklung stattgefunden haben.
  • Genetisch verankertes Grundverhalten
    Der Glaube an übernatürliche Mächte tauchte weltweit und etwa zeitgleich auf, in einer Vielzahl unabhängiger Varianten, wobei ein kultureller Austausch über Kontinente hinweg auszuschließen sei.
    Folglich lasse sich die These aufstellen, dass die Entstehung von Religionen mit einem grundsätzlichen menschlichen Verhalten zu tun hat: Eine artspezifische, genetisch determinierte Veranlagung im Grundverhalten trage zum Glauben an Übernatürliches bei. Die Existenz eines genetischen Bedürfnisses, welches durch durch Glaube und Religionen befriedigt wird, impliziert nach den Prinzipien der biologischen Evolution einen erheblichen dauerhaften Überlebensvorteil. Hässlich und gemein wäre es wohl zu hinterfragen, ob dieses Gen bei Atheisten verkümmert sei (was ihnen einen Überlebens-Nachteil bescheren müsste)…oder, inwieweit gänzlich Ungläubige noch zur selben Spezies zählten 😉

Brandt erklärt, mit einem bislang ungenutzten logischen Ansatz ließe sich genetisch verankertes Grundverhalten ab dem Beginn der gesamten Evolution präzise ableiten. Der Grundantrieb zur Fortpflanzung fördere die Ausbildung weiterer Verhaltens-Komponenten:

  • Streben nach Stärke und Dominanz,
  • das Erobern schwächerer Wesen und Lebensräume,
  • Sicherheitsstreben gegen die eigene Eroberung,
  • Neugier, das Rangordnungsverhalten,
  • ein ‚pragmatisches Hier-und-jetzt-Verhalten
  • und weitere.

Sie [die genetisch verankerten Grundverhaltens-Komponenten, GVK] sind fundamental und unterstützen das Streben nach Nahrung und eigener Lebensqualität einerseits und andererseits das Streben nach Sicherheit vor den gleichen Interessen anderer, stärkerer Lebewesen, für die man selbst die Nahrung ist.

  • Das Weltbild unserer Urahnen
    bildet die dritte Komponente, um die Erklärung der Entstehung von Glauben und Religionen zu erklären. Es habe ‚praktisch nur aus Lebewesen‘ bestanden, welche man selber jagen und verzehren konnte oder die Stärkeren, für die man selbst potenziell als Nahrung diente. Hinzu kamen Artgenossen als Geschlechtspartner, Nachkommen, Rivalen. Alle weitere war ‚passiv‘ und zählte zur irrelevanten Umgebung, diente der Unterscheidung von Lebewesen und war nicht weiter bedrohlich.

Diese Prioritäten im damaligen Weltbild hängen direkt von den Bedürfnissen des Grundverhaltens ab, von „Grundverhaltenskomponenten“.

Die GVK als Ursache von Glaube und Religion?

Im Zuge der Weiterentwicklung von Selbstwahrnehmung und Bewusstsein erlangten die bis dahin irrelevanten, passiven Eigenschaften der Umgebung eine völlig neue Bedeutung: Wie groß der Einfluss von „Tag / Nacht, Sonne / Mond / Sterne, Dürre / Regen sowie insbesondere Geburt / Tod“ für das eigene Dasein war, wurde erst allmählich bewusst: Phänomene wie Regen, Geburt, Blitz, Donner und Tod wurden als ausgesprochen ‚aktiv und lebendig‘ wahrgenommen:

„Weil das Weltbild der Hominiden im Kern nur aus „Wesen“ bestand, musste das ja JEMAND machen“

Es mussten so mächtige und unbeeinflussbare ‚Wesen‘ sein wie Sonne und Mond, die Regen oder Trockenheit schickten, die Blitz und Donner hervorriefen oder Menschen den endgültigen Tod bringen. Das eigene Streben nach Sicherheit schützte nicht vor diesem endgültigen Ende, so groß war die Überlegenheit dieser außerhalb der eigenen Umgebung existierenden (= übernatürlichen) Wesen.

Sicherheitsbedürfnis und wachsende Angst aus empfundener Hilflosigkeit veranlassten unsere Urahnen, sich aktiv mit dieser größten Bedrohung auseinander zu setzen: Nach welchen Kriterien, wann und warum schlugen diese Überwesen zu? Lange Zeit hatten sie keine Chance, die Bedrohung soweit aufzuklären, dass sie die von ihnen ausgehende Gefahr umgehen konnten.

„Das damalige Weltbild erlaubte nur diese (Fehl-) Einschätzung ganz normaler Naturvorgänge.“

Die potentiellen Bedrohungen bzw. ihre Urheber wurden mit Namen versehen, die auf ihren übernatürlichen Charakter hinwiesen: Zwischen dem Regengeist, dem Sonnengott, und der Fruchtbarkeitsgöttin müssen sich die frühen Menschen unglaublich klein vorgekommen sein.

Das Konzept der Hack- und Rangordnung, welches bei Strafe die Unterordnung Schwächerer gegenüber dem Stärkeren verlangte, fand als Denk- und Verhaltensmuster auch Anwendung in Bezug auf die mächtigen Natur-Gottheiten: Winseln, Huldigen, Opfer bringen und ihnen unaufhörlich versichern, wie groß sie waren und wie klein und nichtswürdig sie, die Menschen, waren. War es nicht das, was die Götter erwarteten (und in der Vorstellungswelt vieler Religionen noch heute einfordern?

Ritualisierung setzte ein: Mit ihrem ausgeprägteren Bewusstsein und verbesserte Denk- und Kombinationsfähigkeit brachten die Menschen vor Tausenden Jahren typische Religionsmerkmale wie Kulte und Rituale hervor. Besonders Tabus sollten dabei helfen, den Göttern Unterwerfung zu zeigen und sie ja nicht zu erzürnen. Hinzu kamen Strafen für diejenigen, die gegen solche Mächten lästerten.
Dabei sei es bis heute geblieben, deutet Brandt an:

Und wohin gehen die Menschen und ihr eigener Geist nach dem Tod, wenn nicht zu einem der mächtigen Geister? Sofern sie würdig genug sind?

Auch die Entstehung des Polytheismus sei im Kontext dieser Entwicklung erklärbar:

Die Menschen wandten sich schließlich der Frage, wer der Verursacher der gesamten Natur sei, einschließlich der vielen Gottheiten und Naturgeister. Auch das musste ja ein Wesen bewirkt haben, wie auch immer.

„… die Einzelgeister konnten das Gesamte doch höchstens gemeinsam erzeugen: Wer führt sie an?“

So habe man die eigene Sozialstruktur, an deren Spitze ein Häuptling oder die Stammesälteste standen, auf die Götter übertragen – das Pantheon – etwa mit ‚Göttervater‘ Zeus und seinen vielen göttlichen und halb-göttlichen Nachkommen, die erkennbar menschliche Eigenschaften und Schwächen besaßen.

Uralte Tabus haben den Übergang vom Polytheismus zum Monotheismus deutlich erschwert. Diesbezüglichen Ambitionen von Pharao Echnaton aus widersetzten sich sowohl die Priester als auch das Volk . Wie sich dieser Übergang dann vollzog, erläutert Dieter Brandt an dieser Stelle nicht.

Evolutionsvorteil durch Glaube und Religionen?

Für einen direkten Evolutionsvorteil (für Fortpflanzung und Nahrungsbeschaffung etwa) sieht Brandt kaum Indizien.
Eher seien Glaube und Religionen als Nebeneffekt des Bedürfnisses nach Sicherheit entstanden, ohne sich direkt auf die Replikationsbilanz auszuwirken.

„Es ist, als ob für vermeintliche Bedrohungen Erklärungen gefunden werden mussten, ohne dass Bedrohungen tatsächlich existierten.“

Tatsächlich existierten Naturerscheinungen mit all ihren Schrecken und Gefahren schon, als unsere Vorfahren noch nicht so weit waren, um über deren möglichen Ursprung nachzudenken. Was neu entstand, waren lediglich Wahrnehmungen und Fragen, die nur durch Konstrukte wie Geister und Gottheiten verstehbar wurden. zu lösen waren. Deshalb betraf dieser Entwicklungsschritt auch die gesamte Menschheit.

Richard Dawkins erfand den Begriff des Mem, ein Informationspaket, das sich durch Kommunikation vervielfältigt und festigt. Verstärkend ist, dass Menschen bevorzugt das kommunizieren, zu dem ihr genetisch verankertes Grundverhalten Resonanz zeigt.

Religiosität könne insoweit als Mem2) – verursacht durch genetisches Verhalten – verstanden werden. Doch es bleibt eine auf einem Nebeneffekt aufgebaute Fiktion.

Ethik, könne vor diesem Hintergrund nur ein untergeordneter Aspekt frühester Religionen gewesen sein – die Befriedigung des Sicherheitsbedürfnisses sei weitaus wichtiger gewesen: Durch Rituale und Frömmigkeit mussten die Götter und Geister gütig gestimmt werden. Erst mit wachsender Erkenntnis, dass archaische Verhaltensweisen (Mord, Diebstahl, ’schädliches‘ Sexualverhalten usw.) innerhalb sozialer Gemeinschaft nicht tolerierbar waren, sondern verboten und bestraft werden mussten, kam es auch zur Tabuisierung solcher Verhaltensweisen im religiösen Kontext: Die Götter hatten größere Autorität, also wurden ihnen Gesetze zugeschrieben.

Mit einem Übergang zum Monotheismus, wo ein einzelner Gott die ganze Welt mit der Natur und allen Lebewesen geschaffen haben soll, scheint es völlig natürlich und selbst-verständlich, diesem Gott das Gute zuzuschreiben.

Als Gegenpol diente ein abgefallener Satan, die Personifizierung des Bösen, das ab diesen Zeiten Sünde genannt wurde. Nicht ungeschickt: die Religionen adoptierten das Gute und besaßen von da an ein „hervorragendes Druckmittel“: Wer gegen die Gebote Gottes/der Götter verstößt, wandert für immer in der Hölle; oder er verstrickt sich infolge schlechten Karmas immer tiefer in neue Inkarnationen, ohne jemals das Nirwana zu erreichen.

„Die Wurzel des Bösen, damit auch der Sünde sind aber nur die negativen Auswirkungen der Grundverhaltenskomponenten GVK in einer Gesellschaft, die im Kern aus Egozentrikern besteht, deren Programmierung evolutionär so entstehen musste.“

D. Brandts Schlussfolgerung

Das genetisch vererbte Grundverhalten aller Lebewesen – Sicherheitsbedürfnis, Neugier zur Aufklärung von Unbekanntem und Rangordnungsverhalten – werde biologisch sowie durch die moderne Verhaltenswissenschaft zweifelsfrei bestätigt.

Dies bedeute „mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit“, dass Glaube an Übernatürlichkeit und Religionen gleich welcher Version vollständig auf Fiktion beruhe – schlichte Irrtümer aufgrund unbewusster Antriebe aus einer Zeit, als Bewusstsein erst entstand, hätten sich bis heute zu den uns bekannten Religionen weiterentwickelt. Und dann, nur ein klein wenig plakativ:

Alle Religionen (sind) Irrtum und Fiktion!
Vermeintliche Bedrohungen wegen fehlenden Wissens über ganz natürliche Zusammenhänge!

Die Evolutionsbiologie lege nahe, dass es niemals eine Schöpfung nach religiösen Vorstellungen gab, wohl aber eine Entwicklungsautomatik, die mit einfachsten Gesetzmäßigkeiten eine unbewusste Evolution bis heute zur Folge hat.

Zwei alternative Entstehungsgeschichten seien vorstellbar:

  • Universum und Evolution existieren aufgrund „schon immer existierender“ physikalischer Vorgänge3) und Eigenschaften des leeren Raums, die niemand jemals erschaffen hat,
  • Universum und Evolution existieren, weil ein ‚Überwesen‘ physikalische Vorgänge und Gesetzmäßigkeiten ausgedacht, installiert und ab Urknall in Gang gesetzt hat. Zur Entstehung von Leben wurde eine „Evolutionsautomatik gezündet“.

Naja. Mit der Aussage „schon immer existierend“ macht D. Brandt es sich in Bezug auf die Naturgesetze und -konstanten ein wenig zu einfach. Falls dieses Universum nicht ‚ewig‘ existiert – die Erforschung des Urknalls deutet auf ein Alter von knapp 14 Mrd. Jahren – werden auch die für dieses Universum gültigen physikalischen Prinzipien nicht „schon immer“ existiert haben.

Trifft die zweite Alternative zu, werde ein weiser, allmächtiger, allwissender, ewiger und vor allem gerechter Gott nach Zündung dieser Evolutionsautomatik nicht mehr in der Weise eingreifen, um einzelne Individuen oder Lebensformen zu bevorzugen. (Die menschliche Vorstellung von einer göttlichen) Gerechtigkeit verbiete solche Eingriffe zu Gunsten oder zu Lasten von Individuen, wenn sie nicht gleichzeitig auch allen anderen zukomme.

„Denn schließlich sind das alles „seine“ Geschöpfe, von denen er vor Milliarden Jahren bereits wusste, wie sie sich eines Tages verhalten werden.“

Ein interessanter Aspekt, der zwar die m.E. fast zwangsläufige Existenz eines Schöpfers konzediert, aber jede Form von Anbetung und Religion ad absurdum führt. Denn ein solcher Schöpfer werde nicht in die laufende Evolution eingreifen.

„Es [eine übernatürliches Entität] wird viel eher wollen, wenn es existieren würde, dass wir seine eventuelle Existenz für irrelevant für unsere Existenz halten. Die Automatik muss und wird alles erledigen.“

Die Intention eines Überwesens in Bezug auf uns Menschen liegt jedenfalls nicht darin,  eine Vielzahl von konkurrierenden Religionen entstehen zu lassen, deren Anhänger sich (im Namen des Überwesens) anfeinden, bekriegen und ermorden! Selbiges deutet Brandt auch in einer Reihe rhetorischer Fragen an.
Das klingt einleuchtend, doch leider tickt der Mensch bislang anders – er will dominieren, Recht haben und Recht behalten – und anderen seine Sichtweise aufzwingen. Brandt fügt hinzu:

„Da sich alle Gläubigen in jeweils ihrem Glauben, in Ihrer Religion wohl fühlen, gleich, welche Merkmale diese spezifische Religion hat, muss es etwas anderes als diese Merkmale sein, was sie zufrieden stellt.
Es ist das
genetisch verankerte Bedürfnis nach Sicherheit in jedem Menschen, das durch Religionen befriedigt wird. Zusammen mit weiteren Grundverhaltenskomponenten.“

Einen wesentlichen Aspekt bilden Brandt’s Überlegungen zu den Gefahren ausgehend von jeder Religion, welche sich als Inhaber ‚absoluter‘ Wahrheiten wähnt, demzufolge universal und exklusiv zu sein glaubt und Andersdenkende als ‚Ungläubige‘ diffamiert bzw. ihnen das eigene Glaubenssystem aufzwingen will.
Ob der Glaube an Überwesen, die steuernd und gebietend eingreifen, sich als größter Irrtum der Menschheit erweist, weiß ich nicht. Der Irrtum und das Verhängnis entsteht da, wo dieses Überwesen von Menschen instrumentalisiert werden – was so weit geht, dass sie ihm (z.B. vor 1978 mit Waffensegnungen) ihren Willen aufzwingen wollen.

Hinsichtlich Brandt’s Beschreibung der Entstehung von Glaube und Religion lässt Feuerbach grüßen: Dessen Projektionsthese erscheint hier in einem neuen Gewand, versehen mit dem heutigen Wissen aus Genetik und Anthropologie. Doch die Skepsis ist die selbe: Dass wir natürliche Vorgänge und Gefahrenmomente heute rational erklären können, während unsere Urahnen ihre Ängste auf übernatürliche, transzendente Wesenheiten projizierten, trifft sicherlich zu. So lassen sich Naturreligionen (und eventuell die Entstehung personaler Gottesbilder) gut verstehen.

Doch liegt darin der kleinste Beweis, dass nicht tatsächlich ein schöpferischer Geist existiert, etwa als Urheber der Naturgesetze sowie der unglaublich fein abgestimmten Grundkonstanten des Universums gestaltet? Die Unwahrscheinlichkeit einer Zufallskette von ein paar Kohlenstoff-Molekülen bis zur Entstehung komplexer Lebensformen und bewusster Individuen lässt sich bis heute nicht weg-diskutieren.
Eigentlich hatte ich erwartet, Brandt werde in dieser Ausarbeitung „Der größte Irrtum der Menschheit“ die Existenz des ‚Göttlichen‘ kategorisch verneinen. Aber die Existenz einer ersten Ursache bzw. eines ersten Verursachers wird von ihm als eine Möglichkeit ausdrücklich konzediert.

Damit bleiben alle Fragen offen, die über unsere Realität in ihren räumlichen und zeitlichen grenzen hinausreichen: Existiert ein Jenseits? Leben wir nach dem Tode weiter – in welcher Form auch immer? Wir wissen es nicht.-

Und die (teilweise berechtigt) gescholtenen Religionen? Wird man ihrer Rolle und Historie gerecht, indem man sie ausschließlich als Manipulationswerkzeug und Ursache für Streit, Hass, und Kriege betrachtet?
Bei aller Skepsis mag ich positive Aspekte z.B. in den Lehren Jesu, einen gewissen sozialethischen Einfluss sowie die Unterstützung von Schwachen nicht übersehen. Vielleicht waren religiöse Strukturen in der menschlichen Gesellschaft unausweichlich für einen bestimmten Entwicklungsschritt, der in absehbarer Zeit zu seinem Abschluss kommen könnte.

Bleibt zu wünschen, dass Religionen und Glaubensgemeinschaften ebenfalls eine Reifung vollziehen werden – und sich als in Freiwilligkeit zugängliche Orte spiritueller Zusammenkunft begreifen. (Man darf ja mal träumen;).

Nachtrag

Zum Abschluss noch ein Zitat – über dass sich nachzudenken lohnt:

„Meiner Meinung nach ist es unfassbar traurig, wie viele Menschen sich heutzutage auf die Fehlinterpretationen unserer Vorfahren von vor 100.000 Jahren stützen, die damals aufgrund fehlender Fortschritte ihr Umfeld auch gar nicht anders deuten konnten (nur eben so, dass ein “Überwesen” für alles verantwortlich sei), und die heutigen (…) Menschen die gleiche Denkweise haben, obwohl wir heute (…) viel mehr Möglichkeiten als unsere Jahrtausende alte Ahnen haben.“
(Quelle: hirnnahrung.wordpress.com)

Obgleich ich mich persönlich weigere, jegliche Spiritualität als tradiierten „Irrtum unserer Vorfahren“ abzutun, würde ich mir einen Fortschritt im Denken der Menschen wünschen:
Niemand ist aufgerufen, ‚alle zu retten‘ und vom vermeintlich wahren Glauben zu überzeugen. Würden immer mehr Menschen bei sich selbst anfangen, um dann ein tätiges Vorbild zu geben ohne zu missionieren – das wäre in meinen Augen ein gewaltiger Fortschritt.

Siehe auch:

Anmerkungen / Ergänzungen

1) Spiegeltest
…ein Experiment mit höheren Lebewesen, bei dem ein Spiegel ins Sichtfeld gehalten wird und die Reaktion beobachtet wird.

Spiegeltest mit einem Hund

Dieser Versuch dient insbesondere als Nachweis für die Existenz eines Selbstbewusstseins; sein Bestehen wird als notwendiges Kriterium akzeptiert, um einer Spezies die notwendigen kognitiven Fähigkeiten zuzuschreiben, das eigene Selbst erkennen zu können.
Das Nichtbestehen des Spiegeltests zeigt sich bei den meisten Spezies darin, dass sie das Spiegelbild wie ein fremdes Individuum begrüßen.Regelmäßig bestanden wird der Test von den Großen Menschenaffen (insbesondere Schimpansen) sowie Delfinen und weiterer Zahnwale.

Ziemlich menschen- oder wirbeltier-fixiert, würde ich meinen. Wie will man diesen Test bei Lebensformen durchführen, die weder mit einem Spiegel interagieren können noch in einer für uns wahrnehmbaren Weise reagieren. Ich behaupte nicht, dass ein Tiefseeschwamm selbstbewusst ist, sondern dass sich das Gegenteil mit diesem Test jedenfalls nicht belegen lässt;)

2) Nach dem heutigen Stand von Kosmologie und Astrophysik kommt diese Alternative eher nicht in Betracht: sämtliche Naturgesetze sollen erst im Anschluß an den ‚Urknall‘ entstanden sein. Ein ‚Davor‘ habe es nicht gegeben, sodass die Schöpfung samt ihrer Prinzipien einen Anfang gehabt haben muss.

3) Ein Mem bezeichnet einen einzelnen Bewusstseinsinhalt (zum Beispiel einen Gedanken), der durch Kommunikation weitergegeben und damit vervielfältigt werden kann. Diese Weitergabe trägt zur soziokulturellen Evolution bei. Im Unterschied Dieser Vorgang ist analog zur Theorie des Lamarckismus, der zufolge erworbene Eigenschaften an die Nachkommen weitergegeben werden können.  hierzu werden durch Gene körperliche Eigenschaften von Individuen durch Fortpflanzung weitergegeben; dies trägt zur biologischen Evolution bei.

In beiden Fällen sind bei der Weitergabe Veränderungen möglich und der Einfluss der Umwelt kann eine Verstärkung oder Unterdrückung der weiteren Verbreitung bewirken. Richard Dawkins nannte als Beispiele „Ideen, Überzeugungen, Verhaltensmuster“. Mit diesem kulturellen Pendant zum biologischen Gen (englisch gene) veranschaulichte er das Prinzip der natürlichen Selektion, deren Grundeinheit Replikatoren von Informationen sind.
Als Memetik wird das daraus abgeleitete Prinzip der Informationsweitergabe bezeichnet.

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