Wissen sie bis heute nicht, was sie tun?

Ausgangspunkt: Selbstgefällige Blindheit

Die gesamte Menschheitsgeschichte stellt sich mir dar als eine Abfolge von Grausamkeiten – Morde, Kriege, Raubzüge sowie Neid, Hass und ‚ideologischer Absolutismus‘ – gelegentlich unterbrochen durch viel zu kurze Atempausen. Angenommen, wir – die Menschheit als Spezies – brächten in naher Zukunft beträchtliche technologische und medizinische Fortschritt sowie eine verbesserte, effiziente Nahrungsmittelherstellung zuwege. Weiter angenommen, uns gelänge die Kolonialisierung des Weltraums, wir würden uns sogar über die Milchstraße hinaus ausbreiten.

Würden wir uns bis dahin nicht zugleich ethisch und sozial weiterentwickeln, käme es auf den neu besiedelten Planeten zur Fortsetzung der von Missgunst und Dominanzgebaren geprägten Konflikte, die wir uns seit Jahrtausenden auf Erden glauben leisten zu können. Eine noch fehlerhafte ‚Produktlinie‘ wird nicht allein dadurch besser, dass Absatzmärkte ausgeweitet und Wettbewerber eliminiert werden.

Die Fragestellung, ob wir gegenwärtig immer noch nicht wissen bzw. nicht bedenken, was wir uns gegenseitig antun, ist insoweit von größter Bedeutung. Um einen Konsens über einen Maßstab ethisch akzeptablen Verhaltens zu erzielen, bedarf es eines Orientierungsrahmen. Dieser kann einen religiösen Hintergrund haben, sofern dieser Religionsbezug nicht die Träger divergierender Weltanschauungen daran hindert, sich auf diesen Rahmen und den anzustrebenden Konsens einzulassen.

Gliederung

A. Wie sah Jesus sich selbst?

B. Paulus von Tarsus

C. Die Auseinandersetzungen mit dem Gnostizismus

D. Von einer verfolgten Minderheit zur Staatsreligion

E. Kirchlicher Dogmatismus:
‘Das Weib schweige’ – ‘Der Priester lebe in Keuschheit’

F. Die Entwicklung in den folgenden Jahrhunderten

G. Mord und Totschlag im Namen der Religionen

H. Gegenwartsbild

 

Die Lehre Jesu – eine vertane Chance?

Eines der größten Probleme der Menschheit ist die Religion. Die hat bisher mehr Probleme verursacht als irgendetwas sonst im verdammten Universum.“ SciFi-Regisseur Ridley Scott.

„Weh Euch, ihr Schriftgelehrten, ihr Heuchler! Ihr verschließt den Menschen das Himmelreich. Ihr selbst geht nicht hinein; aber ihr lasst auch die nicht hinein gehen, die hinein gehen wollen.(Mt 23,13).

Konflikte entstehen, sobald wir Menschen dem unseligen Hang nachgeben, uns einen ‚Vereinen‘ zu bündeln und eine subjektive Weltanschauung zu institutionalisieren. Konflikte verschärfen sich, sofern ‚Wahrheiten‘ ihres subjektiven Charakters beraubt und für allgemeinverbindlich und exklusiv erklärt werden. Die Geschichte von Christentum und Islam zeigt in erschreckender Deutlichkeit, ‚wie man es nicht machen darf‘.

Mit den überlieferten Lehren und Geboten Jesu können sich nicht nur gläubige Christen identifizieren – im Sinne einer grundlegenden Sozialethik. Insoweit ließe sich daraus meiner Ansicht nach ein konsensfähiger Verhaltenskodex weit über das ‘westliche Abendland’ hinaus entwickeln – immerhin sind viele Gesetze europäischer Staaten genau so entstanden.

Doch was haben wir mit dieser Lehre Jesu angefangen? Für mich steht nicht das vermeintliche Scheitern der Person Jesu im Vordergrund, sondern die Fragestellung: Hat die Menschheit die aus dem Vorbild und der Lehre des Jesus von Nazareth erwachsende Chance bisher ungenutzt verstreichen lassen?
Lukas, einer seiner vier biblischen Biografen, zitiert den sterbenden Jesus mit den versöhnlichen Worten:

“Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.” 

In diesen Worten liege der zentrale Kern der Jesus-Botschaft, schreibt Arnulf Zitelmann (“Geschichte der ersten Christen”). Ferner beschreiben sie traurigerweise den Werdegang der menschlichen Spezies seit Jahrtausenden. Seit dem Leben und Wirken Jesu hat sich daran aus meiner Sicht nicht das geringste geändert.
In Bescheidenheit und Demut erkannte Sokrates: er wisse nur, dass er nichts wisse. Darin lag freilich ein Erkenntnisfortschritt, der in späterer Zeit vielfach nicht nachvollzogen wurde.

Aus eigener Kraft gelingt es der Menschheit freilich nicht, sich auf einen einheitlichen Verhaltenskodex zu verständigen – wir sind die einzige biologische Gattung, die sich systematisch selbst tötet und krank macht. Jedoch schwelgt der neuzeitliche Mensch in seiner vermeintlichen Wissensfülle scheint sich zu weigern, jegliche Autorität über sich zu akzeptieren. Demut? Nie gehört.
Die Folge von so viel Arroganz: Als Spezies respektieren wir weder uns selbst noch die uns umgebende Schöpfung1). Angesichts zahlloser Widersprüchlichkeiten und Polarisierungen kann ein bleibender (generationsübergreifender) moralischer Fortschritt kaum konstatiert werden kann. Lediglich das Marketing wurde optimiert und die hässlichen Aspekte der modernen Zivilisation möglichst aus dem eigenen Blickfeld geschoben.2

(An welchem Maßstab ich dies festmache? Nun ja, wchter Fortschritt wird m.E. erst verwirklicht, indem eine bestimmte Errungenschaft (oder ein Rechtsgut, z.B. körperliche Unversehrtheitheit oder Religionsfreiheit) allen Angehörigen der Spezies gleichermaßen zur Verfügung gestellt, d.h. angeboten wird. Beispielsweise, wenn niemand mehr auf der Erde hungern oder an verdrecktem Wasser und hygienebedingten Krankheiten zugrunde gehen müsste. Dies zu finanzieren, ist ein Klacks – weniger als 10 Prozent der weltweiten Militärausgaben eines einzigen Jahres.)

Es hätte besser laufen können: Würde die Menschheit die Botschaft Jesu jenseits ihrer theologischen Aussagen verinnerlicht haben, wäre sie heute besser dran: “Jesus durchbricht die teuflische Spirale von Vergeltung und Wiedervergeltung… statt seine Peiniger zu verfluchen, bittet er für sie. Die alte Tora-Regel: ‘Auge um Auge, Zahn um Zahn’ gilt nicht mehr.”

Nur zog Jesus mit eben dieser Botschaft einen derartigen Hass auf sich, dass seine Gegner ihn gewaltsam loswerden wollten! Und wen machte er sich da zum Feind? Seine Gegner waren ‚Eliten‘ – praktisch alle, die in Palästina politische und religiöse Verantwortung trugen. Soziales Versagen der Menschheit zeigt sich insoweit auch, insofern eine elitäre Gruppierung zu wissen glaubt, was für alle das Beste sei – und sich berufen wähnt, ihre Ideologie dem Rest des Volkes (oder der gesamten Menschheit) aufzunötigen.

Während und nach der Regierungszeit des römischen Kaisers Konstantin wurde dieser ‚Systemfehler'(?) laufend wiederholt: Nach dem Motto ‘Verspeise deine Feinde’ wurde die junge und durchaus heterogene Christenheit samt ihrer Botschaft durch das römische Staats- und Kultursystem assimiliert, korrumpiert und brutal zwangs- vereinheitlicht.
Womöglich sah Jesus diese Fehlentwicklung voraus: er wandte sich eben nicht an die Machtinhaber und Eliten, sondern erwählte die ‘Armen im Geiste und soziale Verlierer’ als Zielgruppe:

Selig sind die geistlich Armen, der Himmel auf Erden gehört ihnen. Selig sind die Leidtragenden, sie sollen getröstet werden. Selig sind die Sanftmütigen, sie werden das Erdreich besitzen. Selig sind, die es hungert und dürstet nach Gerechtigkeit, sie sollen satt werden. Selig sind die Barmherzigen, sie werden Barmherzigkeit erlangen.”

Mit dieser Strategie hatte er durchaus Erfolg: Im Denken jener einfachen Leute – Außenseiter, ‚Systemverlierer‘ und ‚bildungsferne‘ Menschen – war kein Platz für die vielen hundert Gebote der Tora, welche die religiösen Autoritäten und teils lebensfeindliche Dogmen für verbindlich erklärten.
Damals wie heute hatte die Mehrheit der Reichen und Mächtigen wenig übrig für eine Botschaft von Liebe, Versöhnung und Barmherzigkeit – warum sollten sie auch? Die so genannten Eliten kommen in Kriegen, Umstürzen und Währungskrisen meist ungeschoren davon, teilweise profitieren sie noch von diesen Ereignissen.

Die Versuchung ist ungebrochen, sich vorschnell mit dem Einwand „Wir sind halt noch nicht so weit“ abzufinden – wie praktisch! Solange „die Gesellschaft“ vermeintlich rückständig und in diffusen Zwängen verhaftet ist, braucht der Einzelne keine Selbstkritik zu üben …die anderen sind ja keinen Deut besser.
Wer so denkt, übersieht einen zentralen Aspekt: „Die Gesellschaft“ setzt sich aus Individuen zusammen. Und sie wird sich kaum zum Positiven verändern, solange der einzelne sich in der Masse versteckt.

Siehe auch:

  • Eine ungewöhnliche, aber beachtenswerte Sichtweise zum Wirken Jesu stellt Stefan Wehmeier auf seiner Webseite vor.

Anmerkungen

  1. Geplante Morde und rücksichtslos einkalkulierte Industrieunfälle runden dieses Profil ab. Dieses pervertierte Verhaltensbild kultivieren wir dann noch mit Pseudosprüchen wie ‘Der Krieg ist der Vater aller Dinge’ – was uns keineswegs davon abhält zu glauben, wir seien die Krone der Schöpfung.
    Der Kinofilm ‘Der Plan’ bringt in einem fiktionalen Szenario die Sichtweise zum Ausdruck, dass die Spezies Mensch es alleine nicht geregelt bekommt.
  2. Ganz so eindimensional sind die Ursachen des Fortbestehens ungezügelter Gewalt und sozialer Mißstände natürlich nicht – weitere Aspekte wie Sozialisation und Tradition (darunter eine Art ‚Manneszucht‘, welche Krieg bis in die Gegenwart als „Kunst“ betrachten will) kommen hinzu …ein weites Feld für Konfliktforscher und Anthropologen. Dennoch kann kein Fortschritt sein, wovon nur jene profitieren, die von Geburt an mehr Glück hatten als andere.