A. Wie sah Jesus sich selbst?

Im Spannungsfeld zwischen überzogener Idealisierung und kategorischer Ablehnung der Person Jesu gehen überlieferte Aussagen von ihm etwas unter, welche ein ambivalentes Bild zeichnen. Im Rückblick erscheint bspw. Mt 10,34-26 in erschreckender Weise prophetisch:

„Meint nicht, dass ich gekommen sei, Frieden auf die Erde zu bringen; ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.
Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter;
 und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein.“
[Mt 10,34-36 ELB]

Wohlmeinende Predigten interpretieren diese Aussage als Ausblick auf „die möglichen leidvollen Konsequenzen der Nachfolge“:
„Nicht um das Schwert zu bringen, ist Christus gekommen, sondern durch das Kommen des Christus kommt es zu Scheidungen und Kämpfen.“  (F. Winzer, Göttinger Predigten)

Macht man das so in Predigerkreisen, eine Aussage in exakt ihr Gegenteil zu verkehren? Das hebräische Wort machaíra steht explizit für Dolch, Kurzschwert oder Schlachtmesser. Wie passt dies zu dem versöhnlichen Erlöser, als der Jesus zumeist wahrgenommen wird/werden soll?

Das o.a. Zitat aus dem 10. Kapitel des Matthäusevangeliums stammt aus der Rede Jesu bei der Berufung der Jünger. Ihnen kündigt Jesus, dass für jene die ihm nachfolgen auch Entzweiungen und Leid geben werde. Diese Worte sagen jedoch (auch), dass es durch das (noch ausstehende, Zweite) Kommen des Christus zu Streit gewaltsamen Auseinandersetzungen kommen wird. Manchen Christen dienten sie auch als Anlass, Andersgläubige und sogar konfessionelle Abweichler mit dem Schwert zu bekämpfen (auf die unselige Zeit der Kreuzzüge wird noch ausführlich einzugehen sein; die Verfolgung von sog. Häretikern („Ketzern“) wird hier am Beispiel der Albigenser/Katharer beleuchtet).
Unterlief den ersten Judenchristen ein gravierender Fehler, als sie Jesus nachträglich zum Messias machten, zu einer übermenschlichen Erlöserfigur? Seine Botschaft sollte dadurch ethisch wie theologisch wohl an Bedeutung gewinnen. Dass Jesus sich selbst nicht als Messias sah, legt Zitelmann (→“Geschichte der ersten Christen”) glaubhaft dar:

  • “…nirgends in den Berichten der Jesusbewegung finden wir einen glaubhaften Hinweis, dass Jesus sich selbst in die Reihe jener vermeintlichen Heilsbringer stellte und sich zum Messias erklärte.
  • Einem Bittsteller, der ihn als “guter Meister” anredete, habe Jesus entgegnet “Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als nur einer, Gott!” [Mk 10,18part ELB]. Diese Reaktion passt kaum zu jemandem, der sich selbst für eine Erscheinungsform Gottes hält.

Statt dessen bezeichnet sich Jesus als Menschensohn, was m.E. nicht als Indiz für eine göttliche Abstammung zu interpretieren ist. Die erst Jahrhunderte später als alleinverbindlich festgelegte Trinitätslehre erzeugte eine Distanz zu Jesus – und viel Unverständnis.
Der Begriff Menschensohn bezeichnet in der Hebräischen Bibel zunächst einen Angehörigen der Gattung Mensch im Sinne von „Jemand“ oder „Einer“ – erst nachträglich wird daraus ein ‘transzendenten Heilsmittler der Endzeit’.
Zugegeben, man kann aus der Lektüre des N.T. auch zur gegenteiligen Auffassung gelangen – doch handelt es sich hier um nachträgliche Berichte über Jesus – frühestens 60 Jahre nach seinem Tode schriftlich verfasst von seinen gläubigen Anhängern, und zwar nach deren Interpretationsmustern und mit einer bestimmten Intention.

Lt. Zitelmann teilte Jesus die Hoffnungen seiner Zeitgenossen auf ein Ende der herrschenden Verhältnisse; er verstand sich selbst als Wortführer einer neuen ethisch-religiösen Bewegung. Die von ihm beabsichtigte Umgestaltung der sozialen wie religiösen Klassengesellschaft sollte durch die kleinen Leute ausgelöst werden und ‘von unten her’ in eine geistig-moralische Erneuerung Israels münden.

Die Risiken der Provokation der religiös-politischen Elite Israels klar erkennend, habe Jesus auf ein Wunder gehofft: direkte, unwiderlegbare Unterstützung durch Gott.
Auf seine eigene Person nahm er dabei am wenigsten Rücksicht, darin sind sich alle vier Evangelisten einig: Sie berichten über seine Todesahnungen, die Ängste und Verzweiflung der letzten Tage, bevor wie er sich widerstandslos festnehmen ließ, um ein Blutbad unter seinen Leuten zu vermeiden.
Nach einem undurchsichtigen Prozessverfahren wurde Jesus zum Tode verurteilt und gekreuzigt, worauf sich die Reste seiner Bewegung in alle Winde zerstreut habe.
Das hätte ein Ende sein können, wie es schon so viele Messias-Anwärter erlitten hatten, deren Namen heute nur noch Historiker kennen.

“Es grenzt schon an ein Wunder, dass die Geschichte von Jesus weiterging.”

Zitelmann berichtet kurz von dem Auferstehungswunder, wie wir es durch die Schriften des N.T. kennen – doch er analysiert und bewertet dessen Hintergrund nicht. Nüchtern stellt er lediglich fest:
Für die Anhänger Jesu hatte Gott hatte am Ostermorgen das gegen ihren Führer verhängte Todesurteil für null und nichtig erklärt – indem er Jesus zu sich in den Himmel nahm, hatte Gott dessen Unschuld wunderbar bestätigt.
Damit fand sich nun auch die Jesusbewegung rehabilitiert. Eingeschüchterte Jünger wurden zu enthusiastischen Kurieren des nun himmlischen Messias und seiner Botschaft. Entscheidend dafür waren weniger die Fakten (ein leeres Grab?) als der tiefe Glaube: Jesus hatte bei den Seinen einen unauslöschlichen Eindruck hinterlassen, er konnte nicht vom Tod verschlungen sein.

Bald zeigte sich, die Jünger Jesu waren auch nur Menschen: es begann das Geschacher um seine Nachfolge: Ihnen, den Jüngern, hatte Jesus die Ehrenplätze im Reich Gottes zugesagt, von seiner leiblichen Familie war dabei nie die Rede gewesen. Doch nun zogen die leiblichen ‘Brüder des Herrn’ – allen voran Jakobus, der Jesus zu Lebzeiten für ‘von Sinnen’ gehalten hatte – die Gemeindeleitung an sich und die eigentlichen Apostel standen im zweiten Glied.
Petrus dagegen sei zu danken, dass er das Christentum auch für Nichtjuden zugänglich gemacht habe.

„Die Jünger sind in Jerusalem, gehen aber nicht zur Beerdigung ihres Anführers. Schlimmer noch. Laut Markus, Matthäus und Lukas wissen die Jünger Jesu; er werde am dritten Tag wieder auferstehen. Trotzdem begeben sich ihre Apostel auch am dritten Tag nicht von sich aus zur Grabstätte. Ein Skandal, den die christliche Lehre nicht thematisiert.“

Lediglich Johannes erklärt diesen Umstand: Bis dahin hatten die Jünger die entsprechende Schrift des AT nicht verstanden. Dort hieß es, dass der Messias ‚aus den Toten auferstehen musste‘. Jesus selbst selbst hatte es ihnen zwar angekündigt, doch sie hatten es nicht begriffen. (Vgl. Joh. 20,9)

Auch ist für Milger von Bedeutung, wie der Stein vor dem Grabstätte Jesu entfernt worden sein mag: „…die Krux ist nur: Laut eben diesem Mathäus liegt der Stein noch vor dem Grab, als die Frauen ankommen, während der Engel noch im Anflug ist.“

Sicher, man kann sich endlos an den alten, zu erheblichen Teilen auf Hörensagen beruhenden Texten des NT abarbeiten. Nur, zu welchem Zweck – und vor allem, für wen? Die Zweifler zweifeln ohnehin, während überzeugten Christen schon die Überschrift ‚Wunder, Betrug oder schlecht erfunden‘ ausreichen dürfte, um nicht weiter zu lesen. Eine Zunahme von Wissen (um die Fakten der Auferstehung) entsteht durch diese Lektüre jedenfalls nicht. Außerdem: Wer will denn wissen, ob sich der Engel tatsächlich noch ‚im Anflug‘ befand oder einstweilen Zuflucht zur Unsichtbarkeit genommen hatte (man sieht sie ja auch sonst nicht ständig am Himmel umher schwirren), um die Anwesenden nicht gleich zu verschrecken?
Bei Matthäus heißt es dazu klipp und klar: „Und siehe, da geschah ein großes Erdbeben; denn ein Engel des Herrn kam aus dem Himmel herab, trat hinzu, wälzte den Stein weg und setzte sich darauf. Sein Ansehen aber war wie der Blitz und sein Gewand weiß wie Schnee. Aber aus Furcht vor ihm bebten die Wächter und wurden wie Tote.“ [Mt 28,2-4 ELB]

Im Grunde handelt es sich doch um eine präzise und recht detaillierte Aussage (wir wissen nun sogar, der weiß gewandete Engel saß auf dem Stein). Als Zeugen kommen allein „Maria Magdalena und die andere Maria“ (Mt 28,1) in Betracht, denn die römischen Wächter waren in Ohnmacht gefallen.

B. Paulus von Tarsus