B. Paulus von Tarsus

Zum Schöpfer der christlichen Theologie aber wurde Paulus von Tarsus, indem er ein alternatives Programm zur jüdischen Religionsphilosophie entwarf und darin radikale Wendung von Moses zu Jesus vollzog: “Judentum ja, aber gesetzesfrei.”
Paulus, um das Jahr 5 in Tarsus (Kilikien) geboren, besaß das erbliche römische Bürgerrecht. Er spricht Aramäisch sowie den griechischen Dialekt der Koine und schließt sich der der Partei der Pharisäer an. In Jerusalem nimmt er Unterricht. Besonders seit der Steinigung des Stephanus um 36 verfolgt Paulus die Christen mit Leidenschaft.

Doch auf dem Weg nach Damaskus hat er eine Christuserscheinung (“…warum verfolgst du mich?”); er nimmt nicht nur Abstand von der Verfolgung, sondern tritt sogar zum Christentum über. Um 42 bricht Paulus zu seiner ersten Reise auf; ausgehend von Antiochien bereist er u.a. Zypern, Pisidien und Lykaonien.
Zitelmann bestätigt die Auffassung, dass gerade dieser Paulus eine völlig unverständliche und m.E. bedauerliche Distanzierung von den Inhalten vornahm, an denen Jesus sehr gelegen war:

“Die Worte, die Lehre von Jesus, interessieren Paulus eigentlich nicht. Er zitiert ihn nicht, erzählt keins seiner großen Gleichnisse.
Er … macht seine ganze Philosophie an einem einzigen Fakt fest, am Kreuzestod des Messias. Hier liegt für ihn der Beweis: Gott glaubt so fest an den Menschen, dass er sich für ihn opfert. … Und wer sich auf diesen Glauben einlässt, der ist gerettet und frei.”

Mit dieser Botschaft traf Paulus den Nerv nichtjüdischer Zuhörer – vermutlich konnte seine christliche Interpretation der Tora – ohne Opferritual, die Religion Abrahams befreit von Gesetzesdienst und verdienstlicher Moral – nur bei Nichtjuden Erfolg haben.
Den Heidenchristen wird ein ‘Judentum light’ vermittelt: sie brauchen sich nach Paulus weder beschneiden lassen und noch müssen sie die jüdischen Esstabus und Ritualvorschriften einhalten – denn nicht Gesetzeserfüllung sondern allein der Glaube bringe das Heil.

Das Apostelkonzil (um 50 in Jerusalem) festigt die Distanzierung vom Judentum: Man einigt sich auf die Position des Paulus und erkennt das gesetzesfreie Evangelium an.
Mit gestärkter Autorität setzt Paulus seine Missionstätigkeit nun fort: er reist nach Thessalonike, Athen, Korinth, Ephesos und Palästina. In Korinth wird er von Juden erfolglos angeklagt.
54 gelangt er nach Kleinasien, Phrygien, Galatien und Ephesos. Seine brieflichen Unterweisungen, mit denen er während seiner Reisen den Kontakt zu den einzelnen Gemeinden hält werden bis heute als Bestandteil des N.T. überliefert.

Nach mehrmaliger römischer Gefangenschaft wird Paulus im Jahr 63 unter Nero hingerichtet; sein Status als römischer Bürger erspart ihm die Kreuzigung.
Missbrauchte Paulus ‘seinen’ Jesus als eine metaphysische Figur, welcher er eigene Vorstellungen andichtete? Eine kritische Erörterung seiner Rolle findet sich hier.
Ganz eindeutig lässt sich auch diese Frage nicht entscheiden. So nimmt Paulus in seinem Galaterbrief deutlich Bezug auf die Lehre Jesu und dessen Freiheitsbegriff:

„Denn das ganze Gesetz wird in einem einzigen Wort erfüllt: ,Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.’ Wandelt im Geiste, und ihr werdet das Begehren des Fleisches nicht erfüllen. Die Frucht des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Milde, Enthaltsamkeit; dagegen richtet sich kein Gesetz.“

Denkbar ist auch, dass wir ohne den Einfluss des reisefreudigen Paulus heute nicht mehr über Jesus wüssten als das Wenige, das römische Archive hergeben1).

Im Auftreten des Paulus zeigen sich jedenfalls erste Divergenzen zwischen dem Anliegen Jesu und einem späteren Konstrukt, das erkennbar auf die Errichtung und Verbreitung einer neuen Religion abzielte.
30 Jahre nach der Kreuzigung von Jesus waren Christen in der Hauptstadt des römischen Reiches bereits zahlreich vertreten. Unter dem ‘vergöttlichten’ Nero kommt es erstmals zu Christenverfolgungen – die Juden in Rom grenzten sich Mal offiziell vom Christentum ab. Etwa zeitgleich verließen die Christen fluchtartig Jerusalem, wo sie keinen Fuß mehr auf den Boden bekamen.

Ihres spirituellen Zentrums beraubt, hatten die Christen nichts mehr, woran sie sich halten konnten. Waren die Glaubensinhalte, vor allem in der Prägung durch Paulus, bis dahin mündlich und in Briefen weitergegeben worden, entstanden nun die ersten Jesus-Biografien – darunter die vier Evangelien von Markus, Lukas, Matthäus und Johannes.
Für eine intakte Gesellschaft ist vor allem ein Merkmal der urchristlichen Gesinnung von elementarer Bedeutung – eine zuvor so kaum jemals praktizierte Solidarität2):

Sie beweist, dass ein liebevolles, respektvolles  Miteinander nicht nur in Familien und Kleingruppen dauerhaft möglich ist – sondern auch in einem zahlenmäßig größeren Verbund. Wie sollte Religion auch anders funktionieren: Ein Konzept, das die Menschen im Diesseits spaltet, unterschiedlich behandelt und Zwang auf sie ausübt, kann kaum für das Jenseits besondere Tauglichkeit besitzen.
In dieser Zeit kennen die ersten Christen noch keinen Zwang zu einheitlichen Glaubensgrundsätzen, kein normiertes Glaubensbekenntnis. Und doch besteht ein verbindendes Element3):

“Liebe, und tue was du willst.” 

Wie war es möglich, dass sich diese kompromisslos richtige und deshalb einzig zukunftsfähige Haltung kaum nachhaltig durchsetzte? Offensichtlich begünstigte neben der beschriebenen Solidarität auch der Wegfall von sozialen, rassischen und intellektuellen Schranken (innerhalb der Gemeinden) eine Zuversicht, welche zugleich die ideale Basis für eine friedvolle Spiritualität bildete.
Unter solchen Voraussetzungen wird der ansonsten berechtigten Religionskritik von Marx oder Feuerbach weitgehend die Grundlage entzogen.
Als Jesus Selbstlosigkeit und Nächstenliebe predigte sowie den Ratschlag erteilte “An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen”, meint er damit sicherlich nicht nur die Orientierung auf eine ferne Ewigkeit!

Vom richtigen Weg abgekommen?

Zitelmann beschreibt die anschließende Entwicklung: “Doch diese religiöse Vielfalt weckt irgendwann ein Unbehagen, erzeugt mit der Zeit ein Bedürfnis nach mehr Orientierung und Führung. Ämter entstehen.
Gemeindeaufseher, Diakone und Älteste, wurden gewählt – was sicherlich noch keine negative Veränderung implizieren musste. Immerhin bestand ein Wahlrecht.
Doch war dies noch lange nicht das Ende eines Weges, an dessen Ende ein absolutistisches, in Glaubensfragen (nach Ansage) vermeintlich ‘unfehlbares’ Papsttum stehen sollte.

Wie entsteht diese Tendenz, Institutionen und straffe Organisation an die Stelle freiheitlicher Vielfalt zu setzen? Braucht der Mensch das greifbare Gegenstück einer spirituellen, also rein geistigen Rechtleitung?
Auch die Basisdemokratie scheiterte: lähmende Streitigkeiten über die Ämterbesetzung in der Christengemeinde von Korinth führte zu dem Entschluss, die römischen Christen um Rat zu fragen. Denn Jerusalem gab es nicht mehr; die römischen Legionen hatten die Stadt und den Tempel zerstört und natürlich den Tempelschatz vereinnahmt.

Die Antwort des Clemens v. Rom, der Erste Clemensbrief, zeugt von Belesenheit und Ordnungsliebe, weniger aber von (ur)christlicher Gesinnung. Clemens’ Gemeinde in Rom beansprucht für sich einen besonderen Rechts- oder Autoritätstitel, denn Clemens soll noch vom Apostel Petrus in Rom getauft worden sein und versteht sich als dessen Nachfolger4).

Eigentlich ist es schon bemerkenswert, dass das Christentum, wie Mircea Eliade es charakterisiert(s.o.), zu einer solchen Organisations- bzw. Regierungsform kommt. Was dann in den folgenden Jahrhunderten daraus wurde, ist unvorstellbar – wenn man an die Botschaft und Persönlichkeit Jesu und die ersten Anfänge zurück denkt. Zitelmann:

“Was ohne Papsttum aus dem Christentum geworden wäre, wage ich mir nicht auszumalen…”

Der Autor geht etwas detaillierter auf die nachteiligen Ereignisse und Auswirkungen in der Geschichte des Christentums ein, die in einem Zusammenhang mit dem Papsttum stehen. Mit genügt die Feststellung, dass eine solche Zentralisierung und Dominanz nicht mit der Lehre Jesu vereinbar sein kann, so wie ich sie verstehe.
Doch verlief die Geschichte der Christen von da an nicht linear;  durchaus boten manche Entwicklungen und Selbsterkenntnisse die Chance, zu den Wurzeln zurück zu kehren (wenn auch auf Umwegen).
Eine dieser Chancen war die Bewegung der Gnostiker.

→ C. Die Auseinandersetzungen mit dem Gnostizismus

Siehe auch:

Anmerkung

  1. Mösgen schildert das Leben in den der paulinischen Gemeinden, in deren religiösen Mittelpunkt des stehen der Wortgottesdienst und das Abendmahl stehen:
    ”Die Einheit der Gemeinde ist sakramental begründet. Die Mitglieder sind zu Frieden und Eintracht verpflichtet. Man wird durch die Taufe in die Gemeinde aufgenommen. Im täglichen Leben muß sich die Taufe immer wieder neu bewähren…
    Im Wortgottesdienst werden Gebete und Psalmen gesprochen, Prophetie und … Zungenrede spielen eine Rolle. Tauffeier, Predigt und katechetische Unterweisung sind gesonderte Veranstaltungen.”
  2. Der rumänische Religionshistoriker Mircea Eliade bezeichnet die Solidarität der frühchristlichen Gemeinden als beispiellos – weder vorher noch nachher habe eine Gesellschaft eine gleich große Egalität, Caritas und Bruderliebe gekannt:
    “… die Gemeinde sorgte für die Witwen, Waisen und Greise und kaufte Gefangene von Piraten frei. Bei Epidemien und Belagerung von Städten waren die Christen die Einzigen, die Verwundete versorgten und Tote begruben. Für alle Entwurzelten des Reiches, für die Massen, die an Einsamkeit litten, für die Opfer kultureller und sozialer Entfremdung war die Kirche die einzige Hoffnung, Identität zu erlangen und einen Sinn in der Existenz zu finden oder wiederzufinden.”
  3. Verbal wurde diese Haltung wurde erst später von Augustinus v. Hippo zum Ausdruck gebracht.
  4. Die Petrus-Überlieferung – die Jesus zugeschriebene Worte “Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche gründen” – hatte zu Beginn des 2. Jahrhunderts bereits so viel Gewicht, dass sich alle Gemeinden der Mittelmeer-Region zunehmend an der Reichshauptstadt Rom orientierten. So begann die Geschichte des Papsttums.Dem jeweiligen Papst untersteht die gesamte Rechtsprechung der Kirche, sowohl in Glaubens- als auch ethischen Fragen; er ist für die Ordnung wie für die Leitung der christlichen Kirche uneingeschränkt zuständig. Gegen sein Verhalten und seine Entscheidungen gibt es keine Rechtsmittel.
    Der Titel ‘Papst’ (griech. ‘pappas’ – Vater) lautet offiziell: ‘Bischof von Rom, Stellvertreter von Jesus Christus, Amtsnachfolger des Apostelfürsten, Hohepriester aller Christen, Patriarch des Westens, Vorsitzender der Bischöfe Italiens, Erzbischof von Rom, Souverän des vatikanischen Staates’.