D. Von einer verfolgten Minderheit zur Staatsreligion

Das Christentum durchlief im dritten und vierten Jahrhundert Veränderungen, die bis heute erstaunen: Ursprünglich gibt keine Sakralbauten, keine öffentlichen Rituale – das Christentum wird in den ersten 200 Jahren nach dem Tode seiner Leitfigur hinter verschlossenen Türen praktiziert. Ihre Anhänger zählen gerade im römischen Reich zu einer Minderheit.

Dennoch breitet sich die Botschaft von Tod und Auferstehung des Erlösers sowie seiner baldigen Wiederkehr wie ein Lauffeuer aus. Das in sich homogene römische Weltreich begünstigt die Ausbreitung des neuen Glaubens viel eher, als dies über viele Nationalstaaten hinweg möglich gewesen wäre.
Die Verweigerungshaltung der Christen gegenüber den römischen Götterkulten fordert die römische Staatsmacht heraus, welche ihnen auch die Ablehnung von Staat und Kaiser unterstellt. Alle Formen von Religion und Kult, die das römische Imperium nicht kontrollieren und für seine Zwecke einspannen kann, sind suspekt.

Weil die Christen sich auch gesellschaftlich in eine Distanz begeben (beispielsweise besuchen sie die Theater nicht), ist auch die Bevölkerung ihnen gegenüber feindselig eingestellt. Bald kommt das Gerücht auf, es handele sich um eine kriminelle religiöse Sekte.

Aus der konsequenten Ablehnung des Staatskultes durch die Christen erwächst die Furcht seitens der Behörden vor einer Destabilisierung  des Staatswesens und seiner gesellschaftlichen Grundlagen.
So wird mit einigem Erfolg das Gerücht genährt, dass die Christen für jedes Unglück verantwortlich; sie dienen der Verwaltung als willkommene Sündenböcke. Zuerst kommt es zu einzelnen Pogromen (wie 177 in Lugundum, dem späteren Lyon), später setzt eine systematische Christenverfolgung im römischen Reich ein. Die unvorstellbaren Grausamkeiten, Ermordungen und Folterqualen erschüttern und empören noch heute – in gleicher Weise wie die Verbrechen, welche später von christlichen Institutionen an sog. Ketzern verübt wurden.

Demütig und unbeirrbar, gewaltfrei und tapfer, so werden in den alten Texten die Märtyrer beschrieben, die ihre blutigen Schicksale wissend in Kauf nahmen, sogar als besondere Gnade Christi herbeisehnten.  Die Berichte über die Verfolgung von Christen zeugen insoweit von einer für mich bis heute kaum nachvollziehbaren Kraft ihres Glaubens – welche in die unbedingten Bereitschaft mündete, für eine unzerstörbare Hoffnung auf Erlösung das eigene Leben und das der eigenen Kinder hinzugeben. Ein beeindruckendes Zeugnis der Christenverfolgung stellt die Schilderung der Perpetua kurz vor ihrer Hinrichtung dar: Absatz 3.

Viele Menschen, verunsichert und von ihren alten Göttern scheinbar verlassen, zeigen sich tief beeindruckt von Märtyrern, die das Diesseits in Erwartung eines weitaus mehr versprechenden Jenseits verlassen.
Für diese Christen ist ihr diesseitiges Leben nur noch eine ungeliebte Übergangsstation vor dem Anbruch des himmlischen Zeitalters. Für sie existieren zwei Welten und sie sind unglücklich, im Diesseits leben zu müssen, obwohl die jenseitige Welt sie mit aller Macht anzieht.

Siehe auch:

Konstantinische Wende, Wachstum und Paradigmenwechsel

Ungeachtet der staatlichen Verfolgung lassen enorme Missionserfolge die Größe und Zahl der Gemeinden anwachsen. Die Ausbreitung wird durch mehrere Faktoren begünstigt:

  • Das Christentum ist eine internationale Religion, weder an Tempel noch Heiligtümer gebunden. Der neue Glaube ist gewissermaßen mobil, seine Autorität bezieht nicht aus einem heiligen Ort, sondern aus seinen Schriften.
    Eine technische Neuerung begünstigt diese Entwicklung: Handbeschriebene Pergamentblätter werden miteinander in Buchform befestigt. Der blätterbare Kodex ist leichter zu handhaben als Schriftrollen; und er kann leichter und unauffälliger transportiert werden.
  • Faktisch stützt die zunehmend gut organisierte Kirche die soziale Stabilität im römischen Reich, was auch die Staatsführer Roms widerstrebend zur Kenntnis nehmen: die Hilfs- und Solidargemeinschaft der Diakonie (= alle Aspekte des Dienstes am Menschen im kirchlichen Rahmen) ist bei weitem effizienter als die römische Verwaltung.

Schon 246 erhebt das kleine Königtum Nisibis an der Ostgrenze des Reiches das Christentum zur Staatsreligion, gefolgt von Armenien. In Kleinasien liegt der christliche Bevölkerungsanteil bei über einem Drittel, in Rom immerhin bei 20%.

Die römischen Machthaber erkennen allmählich, dass sie diese neue Religion nicht mit Gewalt ausschalten können und vollziehen in relativ kurzer Zeit einen Strategiewechsel: Von nun an beabsichtigen sie, diese eine Religion für ihre Zwecke einzubinden – doch letztlich kommt es genau anders herum…

Das Toleranzedikt des heidnischen Kaisers Galerius vom 30. April 311 (eine Duldung des Christentums) markiert einen historischen Wendepunkt. Das Christentum ist auf dem Wege, sich zunächst gleichberechtigt neben den anderen Religionsgemeinschaften zu etablieren. Nur wenige Jahre später wird das katholische Christentum in einer revolutionsartigen Umwälzung zur römischen Staatsreligion über alle anderen Religionen erhoben werden.
Der Legende nach sieht Konstantin (Flavius Valerius Constantinus) – ein skrupelloser, aber pragmatischer Machtpolitiker1) – am 27. Oktober 312 eine Lichterscheinung am Himmel – das Christusmonogramm. Eine Stimme weist ihn an, die Schilder seiner Soldaten mit dem Symbol zu versehen: ‘In diesem Zeichen siege!’

Kopf der Kolossalstatue Konstantins des Großen Kapitolinische Museen, Rom

Konstantin befolgt diese Order und besiegt nur wenig später seinen innenpolitischen Widersacher Maxentius durch eine glückliche Fügung (Sieg an der Milvischen Brücke), obwohl er sich eigentlich auf eine lange Belagerungsschlacht eingestellt hatte.

Später führt Konstantin diesen Sieg auf die Hilfe des ‘Christengottes’ zurück und lehnt heidnische Dankesopfer ab. Vielmehr stiftet er als Zeichen seines Dankes nach seinem triumphalen Einzug in Rom dem Gott der Christen am Lateran eine Kirche.

Konstantin erkennt in der religiösen Vielfalt des spätantiken Roms eine Entsprechung für die Zersplitterung der Machtverhältnisse. Zeitweilig kämpfen neben Konstantin sechs weitere Caesaren um die Vormachtstellung.
Der ‘Christengott’ ist kompromisslos – er duldet keine anderen Götter neben sich. Der Kaiser sieht darin eine Parallele auf dem Wege zu seiner Alleinherrschaft: Ein Gott, ein Kaiser – eine Kirche, ein Reich.
Hinter seiner partnerschaftlichen Politik gegenüber dem Christentum stehen vor allem handfeste politische und administrative Gründe. Das dritte Jahrhundert hatte einen völligen Zerfall des gesellschaftlichen Konsens gebracht.
Die Bauern stellen sich gegen Großgrundbesitzer und Beamte, das städtische Proletariat bekämpft das städtische Bürgertum und jedermann hasst die Armee. Zu Beginn des 4. Jahrhunderts kann nur eine Kraft mit dem Potenzial einer Religion die zerstrittenen Bevölkerungsgruppen zusammenhalten.

Zu diesem Zeitpunkt haben die ehemaligen Weltverweigerer sich bereits zu einer professionell geführten Organisation mit einer klaren Struktur sowie einer festen Hierarchie entwickelt.

Im Jahre 324 zeigt Konstantin nach dem Sieg über seinen letzten Konkurrenten seine Dankbarkeit gegenüber dem, den er als Urheber und Gönner seiner Siege vermutet:

  • Gott zu Ehren erhebt er den Tag der Sonne zum wöchentlichen Feiertag und den 25. Dezember zum höchsten Feiertag der Christenheit.
  • Das Zeichen des Kreuzes wird zur Insignie seiner Herrschaft.
  • Und er wird für Gott eine Stadt erbauen – in der kein einziger heidnischer Tempel stehen wird, sondern nur noch christliche Kirchen – Konstantinopel.

Um endgültig Staatsreligion zu werden, muss die Kirche noch eine entscheidende Voraussetzung bewerkstelligen – sie muss innere Einigkeit besitzen und in den essentiellen Glaubensfragen eine einheitliche Position vertreten!
In den ersten drei Jahrhunderten bestand eine Vielzahl christlicher Glaubensrichtungen. Im Untergrund, während sie alle verfolgt wurden, hatten sie sich gegenseitig toleriert, sogar Solidarität geübt. Doch nun geht es um die Verteilung von Macht und um politischen Einfluss – eine Zeit, in der Differenzen in Glaubensfragen umso heftiger hervortreten.
Zur Beilegung der dogmatischen Streitigkeiten beruft der Kaiser im ersten Jahr seiner Alleinherrschaft (325) alle Bischöfe zu einem ersten allgemeinen Konzil nach Nicäa. Er übt Druck auf die Teilnehmer aus und erzwingt eine Beilegung des Streits und die Festlegung einer einheitlichen christlichen Position. So distanziert sich die Kirche von ihren Anfängen:

  • Die Grundregel lautet ab sofort: Tue nichts ohne das Einverständnis deines Bischofs. Bischöfe verwalten nicht nur die rechtgläubige Tradition, sondern von nun an auch die Offenbarungen des Heiligen Geistes.
    Die Angehörige des Klerus sind Garanten der christlichen Wahrheit und dabei gleichzeitig zuverlässige Ansprechpartner der weltlichen Herrscher.
  • Die Zeit der Propheten ist mit dem Sieg des Christentums unter Konstantin vorbei. Etwa zeitgleich setzt sich die Auffassung durch, Gott habe den Menschen mit dem Kanon der Heiligen Schrift eine nunmehr in sich abgeschlossene Rechtleitung und Offenbarung gegeben. Weitere inspirierte Schriften werden nicht mehr in die Bibel aufgenommen.
  • Radikalchristliche Bewegungen werden als Sektierer verurteilt, verfolgt, ihre Schriften und Kirchen werden verbrannt. Konstantin verhängt auch über Arius und seine Anhänger (Arianer) die Verbannung.
  • Christliche Theologie und kaiserliche Politik gehen fortan eine schicksalhafte Verbindung ein. Die Durchsetzung der Konzilsbeschlüsse wird zur Staatssache. Für viele Menschen, die sich heute noch dem ursprünglichen Christentum verbunden fühlen, hat die christliche Kirche nach 325 ihre Unschuld verloren. Denn von nun an wandte die Kirche gegenüber ‘Häretikern und Sektierern’ (und allen, die angesichts abweichender Meinung als solche bezeichnet wurden) die gleiche Brutalität und Intoleranz an, die sie bei den Verfolgungen selber hatte erdulden müssen…

Dass eine religiöse Bewegung nach anfänglicher Vielfalt eine Vereinheitlichung ihrer theologischen Grundlagen anstrebt, ist für mich rational nachvollziehbar.
So liegt der eigentliche Paradigmenwechsel auch woanders: eine von Idealen geleitete, vom sozialen und kulturellen ‘Mainstream’ distanzierte Gemeinschaft mit Zielen wie Pazifismus, Liebe und tiefem Erlösungsglauben wird korrumpiert und wandelt sich zu einem machtvollen Apparat – unter weitgehender Aufgabe der zuvor essenziellen Prinzipien und Leitsätze.
”Denn sie wissen nicht was sie tun…”: In dem leichtfertig(?) eingegangenen Verzicht auf das ethische Fundament liegt meiner Meinung die zentrale Fehlentwicklung des katholischen Christentums…

Dass die Terminologie von Liebe, Brüderlichkeit und Gleichheit beibehalten wurde, ändert nichts an den ‘Früchten, an denen sie erkannt werden sollten’.–

→ E. Kirchlicher Dogmatismus

Anmerkung/Ergänzung

  1. Wie u.a. Massimo Fini (‚Nero‘) aufzeigt, wird Kaiser Konstantin von der christlich orientierter Geschichtsschreibung verhätschelt – wohl wegen seines ‚großen Verdienstes‘, das Christentum zur Staatsreligion zu erklären. Oft werde wird auch bewusst verschwiegen, dass er seinen Sohn und seine Frau umbringen ließ.