E. Kirchlicher Dogmatismus

‘Das Weib schweige’ – ‘Der Priester lebe in Keuschheit’

Das Christentum übernahm die Sexualfeindschaft mancher antiker Philosophen ‘in Bausch und Bogen’ (Zitelmann). Laut Philon von Alexandria („de vita contemplativa“) gab es im 1. Jahrhundert n. Chr. eine weltanschauliche Gemeinschaften, bei der Männer und Frauen in Kommunen lebten – jedoch allem Körperlichen entsagten, um sich ungestört der Philosophie zu widmen.

Die Ehe wollte man nicht abschaffen; die Menschheit musste sich ja fortpflanzen und um eine globale Bewegung zu werden braucht es eine großen Zahl Gläubige. Doch sollten die Ehepartner keusch miteinander leben und nur ja keine Lust beim Sex empfinden.
Frauen waren das Problem der Kirche, weil sie verführerisch waren und deshalb schon den Verlust des Paradieses mitverschuldet hatten.
Deswegen auch mussten sie von kirchlichen Ämtern ausgeschlossen werden. Und um die Eucharistie – den ‘jungfräulichen Leib’ des Herrn – berühren zu dürfen, mussten Priester sich von diesen schuldigen Geschöpfen fernhalten, d.h. jungfräulich oder wenigstens keusch leben. So verordnete die lateinische Kirche ihrem Klerus das Zölibat.

Unter Zölibat versteht man die Verpflichtung nicht zu heiraten (die heutige Handhabung) – oder die Pflicht, von einer bereits geschlossenen Ehe keinen Gebrauch mehr zu machen, also enthaltsam zu leben.
So definiert es Huguccio von Pisa 1190 in seiner “Summa in Decretum Gratiani”. Im 12. Jahrhundert gab es also noch Kleriker gegeben haben, die vor ihrer Weihe bereits verheiratet waren (“viri probati”)

Befürworter dieser Regel erkennen auch in der Person von Jesus ein Vorbild der Ehelosigkeit. An dem lebensbejahenden Charakter der Lehre Jesu besteht für mich indessen kein Zweifel. Dass Jesus nicht heiratete, kann insoweit kaum als grundsätzliches Eintreten für die Ehelosigkeit gewertet werden. Die Verpflichtung der oberen drei Weihestufen – Diakone, Priester, Bischöfe – zur vollständigen Enthaltsamkeit gehe vor allem auf die Apostel zurück, schreibt Dörner. Hier scheinen zumindest Zweifel angebracht: Petrus war offenbar verheiratet und Paulus stellte klar, dass diejenigen, die die Ehe verbieten, unter dem Einfluss böser Geister stehen.

Sowohl das Konzil von Elvira ( 310 n. Chr.) als auch das Zweite Afrikanische Konzil von Karthago (390 n.Chr.) behandeln die Verpflichtung zum Zölibat – angestrebt war die Erneuerung der kirchlichen Disziplin, die während der Verfolgungen im römischen Reich Schaden genommen hatte.
Die Mehrheit auch der höheren Kleriker war verheiratet – hatte aber mit Beginn der priesterlichen Amtsausübung in Keuschheit zu leben (Dörner).
Auf der Bischofsversammlung in Karthago am 25.Mai 419, an der auch Augustinus von Hippo teilnahm, wurden Beschlüsse zur Klerikerenthaltsamkeit nochmals wiederholt und bestätigt – sicher nicht ohne Notwendigkeit.

Übertretungen wurden nun schwer bestraft, doch wurde auf dem Konzil von Tours (461) die Exkommunikation auf Lebenszeit im Falle des Zuwiderhandelns in dauernden Ausschluß vom kirchlichen Dienst umgewandelt.
Allmählich wurden bevorzugt unverheiratete Kandidaten für die höheren Weihen ausgebildet, um die Zahl der Verheirateten zu senken.

Bis heute hat sich an dieser Praxis kaum etwas geändert: In der Gemeindeamt, mit ihren ehrenamtlicher Tätigkeiten und seit einigen Jahrzehnten als Ministrantinnen bilden Frauen eine nicht wegzudenkende Stütze der heutigen Kirche. Doch mitbestimmen und an entscheidender Stelle mitgestalten dürfen sie nach wie vor nicht.
Im byzantinischen Christentum und später in evangelischen ging man einen anderen Weg – ein zwingender Zusammenhang zwischen Glaube und Kleriker-Enthaltsamkeit lässt schon deswegen nicht aufzeigen.
Im Gegenteil, Geistliche haben zu allen Zeiten auch seelsorgerische und sozialtherapeutische Aufgaben wahrgenommen – beides dürfte durch einen Background an persönlicher Lebenserfahrung gefördert werden und an Glaubwürdigkeit gewinnen. Eine ggf. notwendige Vorbildfunktion von Klerikern wird durch das Leben mit einer Familie jedenfalls nicht nachteilig tangiert.

Es wäre anmaßend und falsch, das Verhalten von Menschen zu früheren Zeiten (in die wir uns kaum hinein versetzen können) aus der heutigen Sichtweise in Kategorien von Richtig und Falsch einzuteilen. Doch um aus der Vergangenheit Lehren und Einsichten zu ziehen, ist es unerlässlich, die Zusammenhänge und Auswirkungen von Fehlentwicklungen zu identifizieren.

War nicht Liebe zu Gott, den Nächsten und sich selbst der Ausgangspunkt des Christentums? Will man den Werdegang der Christenheit würdigen, sollte dies unter dem Fokus dieses Ausgangspunktes geschehen!
Gleichzeitig erinnere ich mich aber an eine ebenfalls gültige Mahnung: Mann kann (und sollte) die christliche Religion bzw. ihren Glauben nicht am Verhalten der Christen messen!

→ F. Die Entwicklung in den folgenden Jahrhunderten