F. Die Entwicklung in den folgenden Jahrhunderten

Arnulf Zitelmann beschreibt im ersten Teil seines Buches “Geschichte der ersten Christen”, wie sich die ersten Christen ziemlich rasch von der Lehre Jesu entfernen und statt dessen zu einem sozialen Faktor werden.

Anstatt hier einen ärmlichen Abriss der Kirchengeschichte zu skizzieren, möchte ich anhand markanter Stationen aufzeigen, wie die sich das institutionalisierte Christentum zunehmend von der Lehre seiner einstigen Leitfigur entfernte, nach der es benannt war.
In den folgenden 1700 Jahre lässt sich die Christenheit meiner Meinung nach mit dem Wort ‘ambivalent’ beschreiben. Es kommt zur Aufspaltung in mehrere christliche Kirchen, die wiederum in Konfessionen und Sondergruppen zerteilen. Nachfolgend seien nur einzelne Beispiele erwähnt:

  • Der Arianismus
    Als der alexandrinische Presbyter Arius im 4. Jahrhundert behauptete, dass allein Gott ‘ursprungslos’ sei, Jesus dagegen nicht ewig (nicht ohne Anfang und auch nicht ungezeugt) sei, löste er damit einen breiten Konflikt um die Lehre von der Trinität (Dreieinigkeit Gottes, bestehend aus Vater, Sohn und heiligem Geist) aus. Das 1. Konzil von Nicäa (325) verwarf dies als Ketzerei. Der seitdem verfolgte Arianismus überlebte in einigen Regionen, etwa in Nordafrika. Unter anderem übernahmen Goten und Vandalen den Glauben, der den polytheistischen Vorstellungen der Germanen näher kam als der Katholizismus (Ortag, S. 34)
  • Der Monotheletismus
    lehrte, dass Jesus durchaus eine göttliche und eine menschliche Natur hatte – jedoch nur einen göttlichen Willen. Repräsentiert wurde diese Glaubensrichtung durch die Maroniten (der syrische Mönch Johannes Maro  war ab 680 Patriarch des Libanons). Das 6. ökumenische Konzil von Konstantinopel ein Jahr später verdammte den Monotheletismus. Die Maroniten näherten sich im Laufe der Zeit immer mehr dem Katholizismus und seit 1445 ist die Maronitische Kirche mit der Römisch-katholischen Kirche uniert; allein die Liturgie ist syrisch geblieben. Übrigens spielte ein prominenter Anhänger dieses Glaubens, Papst Honorius I., den Gegnern des im 19. Jahrhundert verabschiedeten Unfehlbarkeitsdogmas (auch so ein Reizthema … wie kann ein Mensch zu Lebzeiten unfehlbar sein) in die Hände: Diese führten die ‘causa Honorii’ gern als Beispiel dafür an, dass auch ein Papst durchaus irren könne.
  • Katholiken contra Orthodoxe – Ost- und Westkirche
    Der bereits erwähnte Anspruch der römischen Bischöfe, Päpste und damit Führer der gesamten Christenheit zu sein, bewirkte eine zunehmende Distanz zu den Patriarchen von Konstantinopel.
    Die Teilung des Römischen Reiches im Jahr 395 leitete zugleich die schleichende Spaltung der Kirche ein: Im rasch zerfallenden Weströmischen Reich konnte sich die Kirche zu einer über der staatlichen Autorität stehenden Macht entwickeln, im östlichen, dem Byzantinischen Reich, blieb sie ein Instrument der kaiserlichen Herrscher. Beide Kirchen verstehen sich bis heute als legitime Erben der christlichen Tradition. Der Begriff ‘katholisch’ impliziert den universalen, die gesamte Welt umspannenden Anspruch, während ‘orthodox’ sich auf die ‘einzig richtige’ Verehrung des dreifaltigen Gottes bezieht.

1045 kommt es zum Morgenländischen Schisma: Die endgültige Spaltung der Christenheit in eine westliche römisch-katholische und eine östliche orthodoxe Kirche nach einem über Jahrhunderte schwelenden Konflikt entzündete sich 1054 an der strittigen Frage, ob beim Abendmahl gesäuertes oder ungesäuertes Brot verwendet werden sollte…

Innerkirchliche Erneuerungsbewegungen

In der Geschichte der Christenheit kam es immer wieder zu breiten Bemühungen, zu den Wurzeln Jesu zurück zu kehren. So zielten auch die Erneuerungsbewegungen des Mittelalters auf eine Wiederherstellung der ursprünglichen Identität dieser Religion ab, die neben den theologischen Aspekten einstmals auch durch ein Leben in Demut und Bescheidenheit gekennzeichnet war.

Neben außerkirchlichen Strömungen wie den Bogumilen und den Katharern traten innerhalb der katholischen Kirche ab dem 13. Jahrhundert beispielsweise die Franziskaner als regelrechte Sozialrevolutionäre auf.
„Die Mystik der Armut”, die Franziskus (der spätere Franz von Assisi)entwickelte, bricht einerseits mit den Werten der Bürgerwelt, sie impliziert andererseits auch eine Kritik am Gebaren des eigenen Klerus. 

“Er brachte die radikale Differenz einer patriarchalen und auf Macht fixierten Gesellschaft mit der ursprünglichen Liebesbotschaft Jesu zum Ausdruck – die Botschaft einer anderen … Welt, die damals unter dem Schutt einer tausendjährigen Kirchengeschichte fast unsichtbar geworden war”.

Auch Franziskus’ radikale Haltung zugunsten von Armut und konsequenter Askese wurde bald schon von der Kirche zum Schweigen gebracht – allerdings ‘anders’, geschickte und nicht ohne den Nutzen aus den Sympathien zu ziehen, den er in Teilen der christlichen Bevölkerung besaß.

„Im Laufe der Geschichte haben die Kirchen zwei verschiedene Arten entwickelt, wie sie ihren Radikalen umgegangen sind: Entweder haben sie ausgestoßen oder zu domestizieren versucht”:

  • So wurden die Katharer, die Waldenser und auch die Fratrizellen (radikale Nachfolger von Franziskus) nach geltendem Reichsrecht verfolgt, getötet, ihres Eigentums beraubt.
  • Franziskus dagegen wurde ‘domestiziert’ wurde – “seines Stachels beraubt, kirchlich geglättet, in seinen Träumen zerstückelt”. Alle radikalen Geschichten über ihn, wie Thomas von Celano sie überliefert hat, durften nicht weitererzählt werden und seine seine Biografie wurde den Gläubigen vorenthalten. Lediglich eine gereinigte Fassung  zur offiziellen Vita des Franziskus erklärt. Von dem Mann, der versucht hatte wie Christus und die Apostel zu leben, der zugleich klerikale Autoritäten und weltliche Herrschaft aufs heftigste kritisiert hatte, blieb die Erinnerung an einen sanftmütigen Tier- und Naturfreund, der die Armut mochte.

Auch in der Folgezeit mochte sich der katholische Klerus nicht von seinen teilweise auf höchst zweifelhafte Weise (z.B. die Beschlagnahme des Eigentums von Ketzern’) nicht trennen:
1923 erklärte der damalige Papst die These der Armutsbewegung, Christus und die Apostel hätten kein privates Eigentum gehabt, für häretisch. 

Die symbolische Bedeutung der Besitzverhältnisse von Religionsgründern, Aposteln und Weisheitslehrern ist nicht zu unterschätzen: Lebten sie im Wohlstand oder gar im Luxus, dann legitimieren sie damit das auch Besitzstreben und die damit einhergehende Weltanschauung ihrer Nachfolger und Anhänger. Galten sie als arm, entstand daraus ein moralischer Anspruch und der Zwang für ihre Anhängerschaft, einen großen Teil ihres Reichtums für wohltätige und gemeinnützige Zwecke zu stiften und so die Gegensätze zwischen Arm und Reich abzubauen.

Auch in dieser Fragestellung führt eine zweiwertige Betrachtungsweise (richtig oder falsch) nicht zu einer tragfähigen Einordnung. Es kommt auf das Selbstverständnis einer religiösen Gemeinschaft an:
Will sie Menschen ‘nur’ einen Weg zu Gott aufzeigen, benötigt sie dazu kaum wirtschaftliche Mittel und politischen Einfluss. Verfolgt sie aber zusätzlich soziale Absichten (‘den Gläubigen auch im Diesseits ein gutes Leben zu ermöglichen’), dann erklärt dies die Auffassung, dazu brauche man ebenso Geld und Macht. Offensichtlich birgt diese Anschauung die unangenehme Tendenz zu Verselbständigung und Instrumentalisierung der gesamten Religion und ihrer Institutionen für eigennützige, abwegige Zwecke.

→ G. Mord und Totschlag im Namen der Religionen

Siehe auch