G. Mord und Totschlag im Namen der Religionen

Die Zeit der Kreuzzüge

Neunhundert Jahre nach dem erstaunlichen Wandel der katholischen Christenheit zur Staatsreligion blieb nicht mehr viel sichtbar von urchristlichen Idealen. Im Konflikt mit dem Islam waren beide Seiten – Christen und Muslime – bereit, einander zu erschlagen und im Namen ihres liebenden bzw. barmherzigen Gottes grausam zu quälen.


Insbesondere die Päpste initiierten solche bewaffneten Konflikte, aus einer Gemengelage von Glaubens- und Machtinteressen. Motivation, Zustandekommen und Verlauf der Kreuzzüge ist in Büchern und im Web (z.B. hier) vielfach dargelegt – eine Auswahl:

Mitunter werden die ‚Einzelschicksale und Kollateralschäden‘ der Kreuzzüge in verstörender Sachlichkeit übergangen oder als Randnotiz erwähnt.Ein „glücklicher Augenzeuge schildert die Stunden nach der Eroberung Jerusalems (1096-1099) durch die deutsche und französische Ritterheere:

„Beim Fall Jerusalems und seiner Türme sah man wundervolle Dinge. Einige Heiden wurden gnädigerweise enthauptet, andere, durchbohrt von Pfeilen…stürzten von Türmen und wieder andere, die man lange Zeit gefoltert hatte, gingen in lodernden Flammen zugrunde. Haufen abgeschlagener Köpfe, Hände und Füße lagen in den Häusern und Straßen; Mannschaften und Ritter eilten auf den Leichen hin und her.“
(…) Sogar sechs Monate danach berichtete ein lateinischer Besucher, der zum ersten Mal in Palästina war, dass die Heilige Stadt noch immer nach Tod und Verwesung stank.“
[zitiert nach Asbridge, Die Kreuzzüge]

Nach Schätzungen wurden weit bis zu 10.0000 Frauen, Kinder und Männer wahllos getötet – Muslime, Juden und sogar christliche Einwohner, denen man vorwarf, mit den Muslimen paktiert zu haben. Die in Jerusalem verübten Greueltaten schürten den Hass auf muslimischer Seite, die Forderung nach Vergeltung wurde bald laut. Bereits im Jahr 1105 entstand das dem „Buch vom heiligen Krieg“ (Kitab al-Dschihad).
Die „echte Überzeugung, Gottes Werk auszuführen“ kann – zumindest aus heutiger Sicht, keinesfalls als Rechfertigung angeführt werden. Asbridge spricht angesichts tagelanger, tränenreicher Dankgottesdienste von einer „uns paradox anmutenden Vermischung von Gewalt und Glauben.“

Mönche wie Robert von Reims und Guibert von Nogent verwendeten vergleichsweise realistischen Chroniken des 1.Kreuzzuges (→ Gesta Francorum et aliorum hierosolimitanorum, lat. für „Die Taten der Franken und anderer, die nach Jerusalem gingen“) als Grundlage für eigene ‚Entwürfe‘. Dabei stellten sie insbesondere das „Wirken Gottes“ als ursächlich für den Sieg der Christenheit heraus. Sie erreichten eine viel höhere Rezeption als die Gesta Francorum, wodurch dass das Verständnis des Kreuuzugs-gedankens im christlichen Kontext – einer „imaginierten Realität der Ereignisse“ (Asbridge) stark beeinflusst wurde.

Bis heute endet jeder Versuch einer einvernehmlichen Beurteilung der politischen und religiösen Beweggründe innerhalb der Kreuzfahrerbewegung in heftigen Kontroversen – sowohl zwischen Muslimen und Christen als auch im christlich geprägten Westen.

Altstadt von Jerusalem

Die Kreuzzüge basierten anfänglich auf einem m.E. pervertierten Idealismus, der neben der ‚Befreiung des Heiligen Landes Palästina ‚ auch die Vernichtung von ‚Ungläubigen und Häretikern‘ anstrebte. Islam und Christentum unterscheiden sich bezüglich der Resultate ihrer Befreiungsideale kaum.

Dass nicht ausschließlich Eroberungswille und materielle Zielsetzungen im Vordergrund standen, zeigen der Volkskreuzzug (1096) und der Albigenserkreuzzug in Südfrankreich (wo allein die Ausrottung der Katharer im Mittelpunkt ‚religiöser‘ Bemühungen stand) auf unterschiedliche Weise.

Verlauf und Ergebnis

Es macht wenig Sinn, die Kreuzzugsbewegung losgelöst von den Ereignissen der vorhergehenden Jahrhunderte zu betrachten. Auch die Islamische Expansion wurde nicht mit Samthandschuhen bewerkstelligt.

Den formalen Anlass für den ersten Kreuzzug lieferte die seldschukische Eroberung des byzantinischen Kleinasiens. Der oströmische Kaiser Alexios I. ersuchte den Westen um Hilfe.
Urban II. rief als erster Papst im Jahr 1095 auf dem Konzil von Clermont-Ferrand angesichts der Bedrohung von Christen in Palästina durch die Seldschuken zum Kreuzzug auf. Seine Predigt war ein leidenschaftlicher Appell, Jerusalem und die östliche Christenheit in einem ‘Befreiungskrieg’ von der Herrschaft Muslimen zu befreien.
[In Bezug auf Jerusalem kommt die ‘Befreiungsabsicht’ reichlich spät, denn die Stadt stand seit 638 unter islamischer Herrschaft – und hatte nie unter christlicher Herrschaft gestanden.]

Der ‘Kreuzzug der Armen’

Der Papstaufruf und der noch neue Kreuzzugsgedanke setzte eine Massenbewegung in Gang. Zwar bildeten ein organisiertes und gut ausgerüstetes Ritterheer unter Gottfried v. Bouillon und Raimund IV v. Toulouse den Kern des christlichen Aufgebots, doch folgten auch ca. 20.000 einfache Leute (“Nichtkämpfer, Männer, Frauen und Kinder von Nordwesteuropa”) den Appellen von Priestern und umherziehenden Laienpredigern. Unbewaffnet und denkbar schlecht vorbereitet machten sie sie sich auf den mehr als 7000 km weiten Weg – doch kaum einer von ihnen erreichte das ferne Ziel.

Dagegen trafen die gut vorbereiteten Kreuzfahrerfürsten im Sommer 1097 in Byzanz ein. Sie mussten dem dem Kaiser einen Treueeid für die zu erobernden byzantinischen Gebiete, damit dieser sie überhaupt den Bosporus überqueren ließ.

Im Januar 1099 brach ein Heer aus flämischen und lothringischen Rittern von Syrien auf und nahm Jerusalem am 15. Juli ein. Das Königreich Jerusalem entstand, dem Antiochia, Edessa,Tripolis sowie Tiberias (das spätere Fürstentum Galiläa) unterstanden. Eine neue kirchliche und staatliche Ordnung wurde errichtet, bestimmt vom fränkischen Adel.

Die ersten europäischen Generationen, die nun im “Königreich der Himmel” aufwuchsen, begriffen sich bald eher als Orientalen denn als Europäer zu begreifen. Sie lernten Griechisch und nahöstliche Sprachen, heirateten Griechinnen oder Armenierinnen, selten auch getaufte Muslimas.
Die Bevölkerung, die aus diesen Beziehungen hervorging, stellte im Wesentlichen die Streitkräfte des Königreiches, denn die muslimischen Einwohner wurden nicht zum Militärdienst herangezogen. Um Konflikte wegen der Religionszugehörigkeit zu vermeiden, lebte man auch oft im Konkubinat zusammen, was besonders unter den katholischen Klerikern beliebt war. (vgl. Leben im Königreich Jerusalem)

Auf Dauer waren die Folgen der Niederlage von 1097 für die islamischen Nationen unannehmbar. Doch die einzelnen Stämme und Strömungen – u.a. Sunniten, Schiiten und Ismaeliten – waren untereinander zerstritten.

In ihrem Roman “Ich Saladin – Das Schwert der Gerechten” schildert Geneve de Chauvel ausführlich den Aufstieg des Kurden Salah ad-Din Yusuf ibn Ayyub zum Sultan von Syrien und Ägypten und Mobilisierung der gesamten arabischen Welt zum ‘Heiligen Krieg’ gegen die Christen.

Bis dahin erlebten die Kreuzfahrerstaaten wechselvolle Jahre mit verschiedenen militärischen Interventionen beider Seiten. Knapp 100 Jahre nach der Eroberung Jerusalems unterlagen die zeitweilig auf sich selbst gestellten Kreuzfahrerstaaten im Kampf gegen Saladin. Dieser hatte Ägypten und Syrien unter seiner Herrschaft vereinigt und brachte den Christen eine Reihe von Niederlagen bei, die mit der Rückeroberung Jerusalems 1187 endeten. Nach dem Fall Jerusalems schrumpfte das christliche Territorium im auf Tripolis, Antiochia und wenige palästinensische Küstenstädte.

Klerus und Adel in Europa hatten die erneute Unterstützung der Kreuzfahrerstaaten lange hinaus gezögert – erst der Verlust des geistigen Zentrums im ‘heiligen Land’ bildete 1189 den Anlass der Kreuzfahrt von Kaiser Friedrich I. Barbarossa, Richard Löwenherz sowie König Philipp II. von Frankreich. Allerdings ertrank Barbarossa nach einem Sieg bei Ikonion. Philipp kehrte wenig später nach Frankreich zurück, und der englische König Richard Löwenherz versuchte bis Oktober 1192 vergeblich, Jerusalem zurück zu erobern.

Doch schon 1198 forderte Papst Innozenz III. insbesondere den französischen Adel sowie die italienischen Seestädte auf, erneut ‘das Kreuz zu nehmen’. 1202 segelten die Kreuzfahrer von Venedig aus nach Ägypten ab und belagerten auf Bitten von Alexios IV. die Stadt Konstantinopel (gegen den Willen des Papstes).

Hier zeigt sich die Motivation der meisten Kreuzritter: Als Alexios IV. die siegreichen Kreuzfahrer nicht vereinbarungsgemäß entlohnen konnte, wurde Konstantinopel im Jahr 1204 wurde kurzerhand geplündert.

[Eine Tragödie war der Kinderkreuzzug, der 1212 ausgehend vom Rheinland und von Frankreich ohne päpstlichen Segen nach Palästina aufbrach. Tausende unbewaffnete Halbwüchsige versammelten sich, um allein durch ihren Glauben das Heilige Grab Jesu zu befreien. Sie erreichten ihr Ziel nie, sondern fielen spätestens in den Häfen des Mittelmeers Vergewaltigung,Sklaverei und Mord zum Opfer]

Wie Saladin auf der muslimischen Seite war auch Kaiser Friedrich II. eine Ausnahmeerscheinung in der Zeit der Kreuzzüge – beide waren hochgebildet und erwiesen sich als pragmatische Führungspersönlichkeiten. Nachdem er sich mehrere Jahre gezögert hatte, sich an einem weiteren Kreuzzug zu beteiligen, schloss Friedrich 1229 mit dem ägyptischen Sultan El-Kamil in Jaffa einen einen 10-jährigen Waffenstillstand. So gewann er Jerusalem, Bethlehem und Nazareth diplomatisch zurück – verzichtete aber klugerweise darauf, den Felsendom und El-Aksa-Moschee in christlichen Besitz zu nehmen.

Es ist bezeichnend, dass diese sinnvolle, auf Ausgleich bedachte Vereinbarung auf christlicher und muslimischer Seite auf heftige Ablehnung stieß. Der lateinische Patriarch verhängte das Interdikt über ganz Jerusalem für den Fall, dass Friedrich II. die Stadt betreten würde.

Dennoch setzte Friedrich sich selbst am 18. März 1229 in der Grabeskirche die Krone des Königreichs Jerusalem auf und verzichtete unerhörter Weise auf den damals ansonsten üblichen klerikalen Beistand. Weil er dort keinerlei Rückhalt mehr hatte und auch von den ansässigen Baronen nicht anerkannt wurde, verließ der Kaiser gleich nach der Krönung das Heilige Land in Richtung Brindisi, wurde allerdings erst 1245 durch den Papst für abgesetzt erklärt.

1244 ging Jerusalem erneut für die Christen verloren, doch gelang es dem französischen König Ludwig IX. (“der Heilige”), von Akkon aus bis 1254 die faktische Herrschaft über Palästina auszuüben.

Danach näherte sich die europäische Präsenz in Palästina unaufhaltsam ihrem Ende:

Sultan Baibars I. von Ägypten unternahm von 1261 bis 1272 mehrere erfolgreiche Feldzüge gegen die Kreuzfahrerstaaten. Seine Politik der verbrannten Erde an den Küsten Syriens, Libanons und Palästinas hatte zur Folge. Er ließ die eroberten Städte der Kreuzfahrer – u.a. Jaffa und Antiochia – völlig zerstören, die Befestigungen schleifen, die Bevölkerung massakrieren, vergewaltigen und versklaven und trat so erneut den Beweis für die rücksichtslose Härte, mit der die Glaubenskriege von beiden Seiten geführt wurden.

Zwar hatte Prinz Eduard von England mit Mühe einen elfjährigen Frieden mit Baibars geschlossen. Doch am 28.Mai 1291 wurde nach der Belagerung von Akkon die letzte bedeutsame Bastion des Königreiches Jerusalem von den Mameluken eingenommen – bald danach räumten die Christen sämtliche verbliebenen Städte in Palästina. Lediglich die befestigte Insel Aruad vor der Küste von Tartus wurde noch bis 1302 von Templern gehalten.

Aruad – was nach 200 Jahren Kreuzzugsbewegung übrig blieb…

Wie ist die Kreuzzugsbewegung rückblickend einzuordnen?

Vom Resultat her erweist sie sich wohl als schrecklicher Fehlschlag, der das Leben unzähliger Unschuldiger auf allen Seiten forderte. Zwar existierte für fast zwei Jahrhunderte ein christliches Reich im Nahen Osten, das bis heute sichtbare Spuren hinterlassen hat:

Neue Handelsverbindungen und –wege wurden erschlossen und nicht zu unterschätzen ist die “Konfrontation des Abendlandes mit der Philosophie und der Geisteswelt der griechischen Antike und Spätantike durch Byzanz und die Araber” (Bruners)“.

Kreuzfahrerburg Kerak

Die einstmals auf soziale und geistige Erneuerung angelegte christliche Religion war irreversibel in einer Realität angekommen, in welcher der Zweck jedes noch so grausame Mittel buchstäblich heiligt. Nicht allein der Glaube und die Handlungen entscheiden über das Seelenheil des Individuums, sondern ein absolutistisch herrschender ‘Stellvertreter Christi’.

Im Bewusstsein seiner Macht über ewiges Seelenheil oder Verdammnis als Folge der Exkommunikation versprechen Päpste in dieser Zeit für jede noch so abstruse militärische Aktion einen Sündenablass verspricht, soweit dadurch die Interessen von weltlichen Herrschen des höheren Klerus gefördert werden.

Beweggründe und Motivation

Erst in unserer Zeit scheinen liberale Theologen auf christlicher und islamischer Seite zu der Einsicht gelangt zu sein, dass keine ‘Heiligen Kriege’ geben kann.

Zur damaligen Zeit sahen sahen die Kreuzfahrer – mit wenigen Ausnahme wie z.B. Friedrich II. – ihr Hauptziel darin, alle ‘Ungläubigen’ gewaltsam zu bekehren oder am Weiterleben zu hindern. Damit begannen die sie schon in ihrer Heimat – in vielen Städten wurde sozusagen als Auftakt wehrlose Angehörige der jüdischen Minderheit getötet.

Allerdings sind die Beweggründe insgesamt sehr komplex, offensichtlich bestand die Motivation der Initiatoren selbst keineswegs nur aus religiösem Eifer (“Gott will es”) und dem Wunsch, die heiligen Stätten zu verteidigen:

  • Das Papsttum erhoffte sich von der Kontrolle über das Heilige Land die Festigung seiner Machtposition. Mit Beginn des Vierten Kreuzzuges dominierten auch wirtschaftliche Interessen, was sich beispielsweise in der Plünderung von Konstantinopel durch das Kreuzfahrerheer zeigte.
  • Der abendländische Adel erhoffte sich neue Besitztümer – gerade traf das auf die nicht erbberechtigten Söhne des Adels sahen nun die Chance, doch noch über ein eigenes Gebiet herrschen zu können. Auch boten die Kreuzzüge eine Beschäftigung für die Teile des mittelalterlichen Rittertums, die sich bis dahin mangels eines eigenen Lehens primär durch illegale Machenschaften betätigt hatte. Wer im Abendland keine wirkliche Zukunft hatte, wollte sich im Orient auf Dauer niederlassen.
  • Thomas Asbridge (‚Die Kreuzzüe‘) schildert am Beispiel des brutalen, raubgierigen Kriegsherrn und Grafen Fulko III. von Anjou (987 – 1040) , nach seinem Tod Nerra (‚Der Schwarze‘) genannt, wie der versprochene Ablass von allen Sünden deren Entscheidung mitbestimmte, ‚das Kreuz zu nehmen‘1):

Diese Chance des Sündenerlasses, die Rettung des eigenen Seelenheils durch kirchlich sanktionierte Gewalthandlungen, ist für die Zeit der Kreuzzüge nicht zu unterschätzen.-

Auch wenn für uns eine derartige Motivationslage nicht leicht nachzuvollziehen ist, gebe ich eines zu bedenken: Heute werden gänzlich un-spirituelle Angriffskriege für Bodenressourcen geführt. Freilich werden solche Überfälle teilweise immer noch als Erfüllung eines göttlichen Auftrages getarnt. Damit steht den heutigen Genrationen ein leichtfertiges Urteil über die Menschen vor 800 – 1000 Jahren kaum zu.

Geschichte und Gegenwart verweisen auf die Instrumentalisierung ganzer Völker durch eine kleine Elite – werfen allerdings auch die Frage auf, ob die Beweggründe der schweigenden und oft genug wegschauenden Mehrheit als moralisch höher stehend zu bewerten ist als die Taten der ‚frommen‘ Kreuzzügler. Insoweit steht uns Zurückhaltung besser an als vorschnelles Verurteilen.

Reaktion auf die islamische Expansion?

Der Islam, der sich seit der Mitte des 7. Jahrhundert gewaltsam in Richtung Westen ausdehnte und zunächst das Byzantinische Reich angriff, war ein Problem für die christliche Welt. Im geschichtlichen Kontext zeigt sich: der sich gewaltsam ausbreitende Islam wurde von christlichen Nationen und der Kirche als existenzielle Bedrohung empfunden:

  • Ab 710 kam zur Invasion in Spanien durch zwölftausend Berber – da Westgotenkönig Roderich in seinen Abwehrbemühungen scheiterte, wurden bis 715 alle wichtigen Städte Spaniens durch Muslime besetzt. Spanien wurde Provinz des arabischen Kalifats und erhielt einen Statthalter. Macht und Wohlstand des islamischen Spanien erreichten ihren allgemein anerkannten Höhepunkt in der Regierungszeit Abd ar-Rahmans III., die von 912 bis 961 währte.
    Den besiegten Einwohnern hatte man vertraglich die Wahl eingeräumt, sich entweder dem Islam anzuschließen oder ihre ursprüngliche Religion beizubehalten. Christen und Juden durften ihre eigene „Religion des Buches“ weiterhin ausüben und ein normales Zivilleben führen. Wirklich ‘frei’ waren sie dennoch nicht – so trugen sie eine erhebliche Steuerlast, durften keine Waffen tragen, nicht reiten, und sie durften nicht höher bauen als ihre moslemischen Nachbarn.Erst Jahrhunderte später sahen sich die christlichen Königreiche in der Lage, in Spanien wieder an Boden zu gewinnen. 1236 wird Cordoba, 1248 Sevilla eingenommen.
  • Auch Sizilien hatte seit Mitte des 7. Jahrhunderts muslimische Raubüberfälle zu verzeichnen. Der erste Überfall auf die Insel geschah 652, als die Stadt Syrakus geplündert wurde – die eigentliche Eroberung der Insel durch die Muslime fand ab 827 statt.

Die Einwanderung der Muslime hatte die betroffenen Regionen in ihrem ethnischen und kulturellen Charakter verändert – das Christentum verschwand dort zwar nicht, aber Papst und Klerus übten keinen nennenswerten Einfluss mehr auf Politik und Gesellschaft aus.

Die christliche Welt sah allein den Islam als Religion des Feuers und des Schwertes und man nahm an, der Islam sei allein mit Waffengewalt verbreitet worden. Tatsächlich wurde den Angehörigen ‘anerkannter Religionen’ sich zu dieser Zeit (d.h. vor den Kreuzzügen) noch nicht die Entscheidung zwischen dem Übertritt zum Islam und dem Tod aufgezwungen.
Sich selbst sah das Christentum stets als eine Religion des Friedens und des Lichtes.

Ignoriert wurde, wie sehr Europa durch die Berührung mit der arabischen Welt profitiert hatte: Nicht nur viele materielle Erzeugnisse, medizinische Kenntnisse, technische Erfindungen sowie Gewürze (und Zucker) gelangten so nach Europa, sondern auch wertvolle Anregungen auf dem Gebiet der Naturwissenschaften und der Philosophie.

→ H. Gegenwartsbild

Siehe auch:

Dokumentationen über die Kreuzzüge:

Anmerkungen/Ergänzungen

  1. Jener Fulko hatte fünf Jahrzehnte lang an allen Fronten gekämpft und intrigiert, um die Herrschaft über seine Grafschaft Anjou nicht zu verlieren. Dies war nicht ohne Verrat, Plünderungen und gewaltsame Angliederung von Landstrichen abgegangen. Auch im Privatleben war Fulko jedes Mittel zur Durchsetzung recht – seine Ehefrau landete wg. Ehebruch auf dem Scheiterhaufen und einen königlichen Hofbeamten ließ er ohne Skrupel ermorden.Als bekennender Christ war ihm zugleich bewusst, dass sein gewalterfülltes Leben gemessen an den Grundsätzen seines Glaubens voller Sünde war – nach damaliger Vorstellung drohte ihm die ewige Verdammnis. Weil ihn „die Angst vor der Hölle quälte“ und zutiefst verunsicherte, hatte er drei Pilgerreisen nach Jerusalem unternommen, um seine Seele von allen Sünden reinzuwaschen. Auch im 11. Jahrhundert war so viel Sadismus in Kombination mit sporadischen Akten tiefer Demut ungewöhnlich.Asbridge:“
    …doch seine Erfahrungen und seine geistige Haltung veranschaulichen die Kräfte, die diese Epoche prägten und den Nährboden für die Kreuzzüge bildeten. Es sollten Männer wie Fulko seien, die in diesen heiligen Kriegen an vorderster Front kämpften.
    Die Hölle war zu Fulkos Zeit besonders präsent, denn eine apokalyptische Panik erreichte um 1030 (eintausend Jahre nach Jesu Tod und Auferstehung) ihren Höhepunkt. Viele waren überzeugt, dass sie die letzten Tage der Menschheit auf Erden miterlebten…bis zur erwarteten Wiederkunft Christi und seines letzten Gerichts.