H. Gegenwartsbild

Ich habe versucht, in mehreren Stationen eine Entwicklung aufzuzeigen, welcher die Kreuzzüge und die erst recht die Zeit der Inquisition eine traurige Krone aufsetzt. Dabei sind sämtliche Kommentierungen subjektiv gefärbt, doch die Darstellung geschichtlicher Ereignisse entspricht dem allgemeinen Wissensstand.

Bekanntlich setzte die Geschichte des Christentums über die Kreuzzüge und die Zurückdrängung des Islam in Europa hinaus fort. Doch der Wandel des offiziellen Christentums von einer religös-idealistischen Gemeinschaft zu einem politisch-pragmatischen Gesellschaftsfaktor (der sich weit über seine eigentliche Aufgabenstellung hinaus betätigte) war längst vollzogen.

Was danach folgte, besaß in gewisser Weise einen Wiederholungscharakter: Festhalten an Macht und Exklusivität, gewaltsame Unterdrückung von Abweichlern (etwa in der Zeit der Inquisition) sowie weitere Kirchenspaltungen (u.a. durch den Reformationsansatz von Martin Luther). Immer wieder waren allerdings auch selbstkritische Einsichten von Einzelpersonen bzw. kleineren Gruppierungen zu vernehmen.

Die Eingangsfrage nach der vertanen Chance lässt sich nicht eindeutig mit Ja oder Nein beantworten – dazu waren die Ereignisverläufe und Strömungen innerhalb der Christenheit zu facettenreich. Eine endgültige Beurteilung wäre sowieso vermessen; schließlich ist der Werdegang des Christentums wie auch anderer Religionen keineswegs abgeschlossen.

Das Gegenwartsbild der Christenheit wird längst nicht mehr allein durch das seiner einstigen Dominanz nachtrauernde Papsttum bestimmt, insoweit besteht eine gewisse Unübersichtlichkeit und vor allem Uneinheitlichkeit:

  • Selbst innerhalb der katholischen Kirche bestehen Strömungen mit sehr verschiedenen Zielsetzungen: während (z.B. die Pius-Bruderschaft) die einen das II. vatikanische Konzil am liebsten ungeschehen machen würde, fordern vor allem Laien-Organisationen, endlich Ernst zu machen mit den Beschlüssen von 1965. Teilweise gehen sie noch weit darüber hinaus, z.B. in der Frage der Frauenordination und besonders im Hinblick auf den Ausschluss von Geschiedenen, die ein weiteres Mal geheiratet haben.
  • Eine erstarkende evangelikale Bewegung teilt sich heute in „Fundamentalisten“ und „Neo-Evangelikale“: Bibeltreue Fundamentalisten halten kompromißlos an der  Unfehlbarkeit der Bibel fest distanzieren sich kategorisch von allen Liberalen. Diese wiederum wollen vor allem Hoffnung vermitteln; insoweit tolerieren sie u.a. auch Lehren wie die Allversöhnung und ein historisch-kritsches Bibelverständnis
  • Ferner entstanden in den letzten Jahrzehnten neue synkretistische Strömungen, welche durch die esoterischen NewAge-Bewegungen beinflusst wurden und z.T. in klarem Widerspruch zu christlichem Glaubesgut stehen. Sich hier durchzufinden und die ‚Spreu‘ vom ‚Weizen‘ zu trennen, erfordert einigen Aufwand.
  • Zugleich findet eine Rückbesinnung auf frühchristliche Ideale statt. Hoffnungsvoll stimmen hier Ansätze mit christlicher Prägung, welche den Tellerrand konventioneller Dogmatik aber sinnvoll relativieren – beispielsweise das von Claus Speer verfasste ’neue, ur-christliche Weltbild‘.
    Hier wurde, jedenfalls nach meinem laienhaften Verständnis der in diesem Beitrag thematisierten Ablösung des kirchlichen Christentums von ursprünglichen Idealen Rechnung getragen.

Ein Fazit im Sinne einer abschließenden Einordnung ist insoweit kaum möglich, weil die ‚Dinge noch im Fluss sind‘ – mit einer Ausnahme:

Erschreckend und in hohem Maße bedauerlich ist die Abkehr der christlichen Großkirchen von eben den pazifistischen Idealen, die unzweifelhaft große Bedeutung in den Lehren Jesu besitzen. In diesem Kontext ergibt sich für mich ein widersprüchliches Bild:
Einerseits fordern der Papst und hierzulande die evangelischen Landesbischöfe die Weltgemeinschaft zur friedlichen (=nichtmilitärischen) Beilegung von Konflikten auf. Doch auf der anderen Seite werden die sozialen und politischen Ursachen dieser Konflikte von ihnen nicht ausdrücklich thematisiert, geschweige denn verurteilt. Insoweit scheint festzustehen, dass die großen Kirchen sich aus ihrer seit der Konstantinischen Wende bestehenden Abhängigkeit von Staat(en) und Politik bis heute nicht lösen konnten. Ob dies überhaupt gewollt ist, sei dahingestellt.

Dennoch existieren Ansätze, religiös motivierte Gewalt zu verhindern: Im Juli 2014 hat der Nürnberger Religionspädagoge Prof. Johannes Lähnemann einen gemeinsamen Aufruf des jordanischen Prinzen El Hassan Bin Talal mit muslimischen, christlichen und jüdischen Religionsgelehrten gegen Gewalt im Namen der Religion und besonders gegen die Vertreibung religiöser Minderheiten aus der Region ins Deutsche übersetzt
(→ „Gemeinsamer Appell religiöser Führer gegen Gewaltakte im Namen der Religion
„).

  • Der Aufruf stellt heraus, dass der Name der Religion(en) herangezogen werde, um den Mord an unschuldigen Menschen zu rechtfertigen.
  • Wo das Töten unschuldigen Lebens als „Gebot Gottes“ gerechtfertigt werde, zeige sich, wie ein Leben unter der Bedrohung von Gewalt die Gedanken und die moralischen Leitvorstellungen militärischen Führen und Ideologen, sondern auch bei normalen Zivilisten verschwinden lassen.
    (Leider wird das Morden der terroristischen ISIS in sozialen Medien auch durch Menschen befürwortet, die selbst gemütlich mitten in Europa leben und teilweiseüberhaupt nicht wissen, wovon sie da eigentlich reden.)
  • „Wir sollten alles in unserer Macht stehende tun, der Gewalt ein Ende zu setzen gerade dann, wenn die Anlässe dazu täglich auftauchen.“

Es ist wahr, religiöse Führer und deren Anhänger sollten ihr Denken und Handeln auf die  ethischen Grundsätze stützen, welche den Aufbau unserer Zivilisation ermöglicht haben. Doch die Realität sieht bis auf weiteres anders aus.

Talkrunde ‚Anne Will – Hat die Kirche noch Antworten?‘

Was die Menschen unserer Zeit in Bezug auf die christlichen Kirchen bewegt, wird in dieser Gesprächsrunde recht deutlich. Erkennbar wird dabei allerdings auch, wie wenige Menschen noch bereit sind, sich dauerhaft und vollständig auf ‚die Kirche‘ einzulassen. Deutlich beliebter sind ’spirituelle Auszeiten‘, um für eine Weile etwas Abstand vom globalisierten Stress zu gewinnen.

Sogar gläubige Katholiken (in Deutschland bzw. Westeuropa) stimmen der Ethik ihrer Kirche ‚im wesentlichen‘ zu, doch sie behalten sich im Einzelfall, d.h. in Bezug auf ihre persönliche Lebensführung die Freiheit zur eigenen, selbstbestimmten Gewissensentscheidung vor. Ist dies inkonsequent oder ein Ausdruck persönlicher Reife?

Ich tendiere zu letzterem, denn diese Handhabung gesteht der religiösen Gemeinschaft zwar zu, dass sie eine ethisch-moralische Orientierungshilfe gibt. Doch wird die Eigenverantwortung nicht der Einfachheit halber beim Klerus abgeladen, sondern persönlich geschultert.