Nicht-öffentliche Prozesse der kath. Kirche in Deutschland

„Die Kirche ist eine Institution, das haben wir auch gelernt in den letzten Jahren, die anders ist als andere Institutionen, die unter anderem eben ein eigenes Rechtssystem hat und eigene Gerichte hat.“[1]

Hierzulande gibt es 22 katholische Straf- und Ehegerichte. Dort finden Zeugenbefragungen und Verhöre statt; es gibt Ermittler, Gutachter, Kirchenanwälte, Vernehmungsrichter. Sämtliche Prozesse finden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

„Nur selten dringt etwas nach außen und das ist gewollt.“

Diese Gerichte befassen sich unter anderem mit den Verfehlungen des eigenen Personals, etwa mit Missbrauchstätern. Ferner werden sog. „Ehenichtigkeitsverfahren“ geführt – die einzige kirchenrechtliche Möglichkeit, eine katholische Ehe aufzuheben, d.h. „eine Chance für hunderttausende Kirchenangestellte die trotz einer zweiten Beziehung ihren Arbeitsplatz nicht verlieren wollen“.

Resultat dieser Kirchengerichtsprozesse sind In-Group-Urteile, d.h. sie besitzen Relevanz (nur) für Personen, welche der betreffenden Gruppe angehören. Für Außenstehende besitzen diese Urteile meist weder eine Bedeutung noch haben sie spürbare Auswirkungen.

Der Film „Richter Gottes“ gibt zum ersten Mal einen Einblick in die Welt der deutschen Kirchengerichte und zeigt, welche Prozesse dort geführt werden:

Die kirchenrechtliche Abklärung des Fortbestehens einer (kirchlich geschlossenen) Ehe – ein durchaus nachvollziehbarer Vorgang. Dagegen fehlt mir für jegliche Formen einer Paralleljustiz im Strafrecht jedes Verständnis – ganz gleich ob nun nach der Scharia oder Prinzipien eines Kirchenrechts gerichtet werden soll. Wir leben Deutschland.

Zudem erweist sich die kircheninterne Aufarbeitung von Straftaten als intransparent. In jedem Falle bleibt ein bitterer Nachgeschmack, wenn Geistliche, die Kinder missbraucht haben, von Kirchengerichten verurteilt und nicht von weltlichen, wie ’normale‘ Personen auch.

Quellenangaben

  1. Sprecher der Opfergruppe bewertet Kirchengerichtsurteil als zu milde: „Für den Täter ist das keine wirkliche Strafe“ (Missbrauch am Berliner Cusanius-Kolleg)
  2. Kirchengerichts-Urteil zu Missbrauch: „Das ist beschämend“ (SPIEGEL)

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Vom Stein zum Leben – Vortrag von Prof. Harald Lesch

Nach einer etwas langatmigen Einführung widmet sich der Erklärbär und Kosmologe Harry Lesch der Frage, wie das Leben aus unbelebter Materie entstanden sein mag. Dabei stellt er durchaus überraschende Thesen auf, z.B. „Heute kann kein Leben mehr entstehen!“ (weil die gegenwärtige Zusammensetzung der Erdatmosphäre dies nicht zulasse). Okay, so wie vor drei Milliarden Jahren würde eine Wiederholung dieses Prozesses nicht ablaufen können.

Wer primär an der Kernfrage – also wie Abiogenese und mikrobiologische Evolution abgelaufen sein könnten – interessiert sich wird sich in Geduld üben (oder vorspulen) müssen, denn Harry Lesch erläutert zunächst die Voraussetzungen zur Entstehung von Leben: Abkühlung der Erde, Vulkanismus, Wasserdampf→ Wasser, etc.

„Leben auf der Erde ist geronnenes Sonnenlicht, ist Manifestation kosmischer Energie. Auch eventuelles Leben anderswo im Universum braucht Sterne als Energiespender…“

Für Leser, de es kurz, knapp und präzise mögen, füge ich an dieser Stelle nochmals mein Lieblingsvideo zur Abiogenese ein, das die entscheidenden Vorgänge (genauer, ein Modell, wie Leben entstanden sein könnte) in nur 9 Minuten und 59 Sekunden skizziert.

Nun aber zurück zum Fabulierenden Harry (dessen ausführliche Art ich eigentlich schätze…nur in diesem Vortrag übertreibt er es für meinen Geschmack):

Dass lebende Materie aus unbelebter Materie hervorgegangen ist, sei mit der Theorie der Selbstorganisation zu erklären:

Der Physiker beschreibe Leben als Prozess der Selbstorganisation in einem dissipativen Nichtgleichgewicht-System, d.h. offenen offene Systemen, die in einem ständigen Materie- und Energieaustausch mit ihrer Umgebung stehen. Für solche Strukturen ist das Anwachsen von Entropie wesentlich: Energie wird der Außenwelt entzogen und gleichzeitig Abfallenergie in die Umwelt dissipiert (=verteilt). Mit anderen Worten, der Materie sei nach Vorliegen der o.a. Ausgangsbedingungen gar nichts anderes übrig geblieben, als sich zu organisieren.

Belebte Materie sei entstanden, weil die Einzelbausteine in diesem symbiotischen System Leben besser zusammenwirkten als vorher. Eingriffe eines Schöpfers (‚Gott‘) seien für diesen Organisationsprozess zu keiner Zeit notwendig gewesen; ein Merkmal selbstorganisierender Systeme, die durch solche Eigenschaften charakterisiert sind, nennt man Es können ohne externe Lenkung spontan neue Ordnungen entstehen.

Vortrag: Vom Stein zum Leben

Ergänzt und erklärt wird Leschs vermeintlich glaubensfeindliche Haltung durch ein etwas älteres Statement über Gott und die Wissenschaft (s.u.)

Die Theologie habe einen strategischen Fehler gemacht, als sie die Naturwissenschaften auf ihre Wissenslücken hinwiesen und dort Gott zu verorten. „Das ist dumm, denn jeden Tag, wo ein bisschen mehr gewusst wird, schrumpft Gott so Stück für Stück auf Bonsaigröße zusammen. Was soll das für eine Religion sein? Nein, beide Wissenschaften behandeln ganz unterschiedliche Probleme.

Ich verstehe seine Aussagen so, dass sowohl Gott als auch das uns nach dem Tod möglicherweise erwartende Jenseits außerhalb von Raum und Zeit, d.h. außerhalb dieser materiellen Welt stattfinden. Innerhalb dieses Universums könne allenfalls die Feinabstimmung von Naturgesetzen und Naturkonstanten Hinweise auf die mögliche Existenz Gottes (gewissermaßen als ‚externe erste Ursache von Allem-was-ist‘) liefern. Das Geschehen innerhalb der materiellen Welt ohne Einwirken Gottes erklären – nicht aber die Sinnfrage („wozu das alles?“).

Naturwissenschaftler sehen sich aufgrund ihrer Kirchenzugehörigkeit bisweilen einem gewissen Rechtfertigungsdruck seitens ihrer atheistisch/agnostisch orientierter Kollegen ausgesetzt. Der gläubige Christ Harald Lesch, der sich als „Protestant vom Scheitel bis zur Sohle“ outet, bestreitet dagegen einen Widerspruch zwischen Naturwissenschaft und Glaube, denn beide haben ihren eigenen, voneinander abgrenzbaren Zuständigkeitsbereich. An der Vereinbarkeit von Wissenschaft und Glauben besteht für ihn deshalb kein Zweifel.

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„Inquisition – ein Fortschritt?“

Ausgehend vom Schicksal der als Ketzer verfolgten Katharer habe ich mich etwas eingehender mit historischen Beurteilung der mittelalterlichen Inquisition in Südfrankreich (welche sich von der Spanischen/Portugiesischen Inquisition sowie den anti-reformatorischen Maßnahmen der RKK durchaus abhebt) wie auch Stellungnahmen seitens der Kirche beschäftigt.

Der häufig vorgetragene Einwand, man dürfe das mittelalterliche Europa nicht mit dem heutige gültigen pluralistischen, messen, hat seine Berechtigung. Welcher Maßstab ist also genehm und der damaligen Zeit gemäß? Wie wäre es mit dem Regelwerk des Christentums? Eignen sich die biblisch-christlichen Ideale wie Nächsten- und Feindesliebe sowie das Gebot „Du sollst nicht morden“ eher, zumal die Ketzerverfolgung schließlich im Dienste christlicher Überzeugungen stehen wollte? Auch nicht passgerecht angesichts der ‚theokratischen‘ Elemente mittelalterlicher Herrschaftsstrukturen? Nein, wohl kaum …zumal, diese Vorgänge lassen sich mit dem frühchristlichen Moralverständnis absolut nicht vereinbaren.
Tja, dann bleibt noch eine mit Wissenschaftsbegriffen aufpolierte Fassung des beliebten Statements „das war damals halt so, das haben alle so gehandhabt“.
Ein Beispiel: „Die Verfolgung Andersgläubiger gehört nicht zu den exklusiven Charakteristika der Papstkirche“. Stimmt, auch führende protestantische Theologen wie Philipp Melanchthon befürworteten die Todesstrafe für sog. Gotteslästerer; und im elisabethanischen England wurden katholische Geistliche zu Hunderten exekutiert. Die Bezeichnung der Vergehen variierte: mal Häresie, mal Blasphemie, dann wiederum Hochverrat. Kann der Hinweis auf ‚die anderen‘
irgendeinen religiös motivierten Mord eher rechtfertigen? Nein, aber wenigstens lässt sich das im Rückblick als peinlich und kompromittierend empfundene Geschehen so relativieren.
Oder wahlweise der statistisch-vergleichende Ansatz: ‚Soo viele Tote und Verstümmelte, wie sonst immer behauptet wird, hat die Inquisition gar nicht hervorgebracht. Die totalitären Regime des 20. Jahrhunderts ermordeten weit mehr Menschen.‘  Was wiederum zutrifft – Whataboutism geht eigentlich immer… Oh, wie lautete noch gleich der anfängliche Einwand – man dürfe doch nicht über Epochengrenzen hinweg unsachliche Vergleiche herstellen? Hmm…

Gerd Schwerhoff bekennt sich zur Notwendigkeit, moralisch falsches Handeln auch als falsch zu benennen: „Auch die Revisionen der neueren Forschung machen klare Werturteile über das Wirken der Inquisition nicht obsolet.

Zutreffend ist: Die Inquisitions-Geschichtsschreibung musste sich zunächst aus dem Sog konfessioneller Auseinandersetzungen befreien, um eine zwar nicht objektive, aber immerhin vorurteilsarme Untersuchung anstrengen zu können. Objektivität bleibt dagegen weiterhin eine Illusion, weil die notwendige persönliche Distanz bestenfalls teilweise hergestellt werden kann.

Die Frage nach dem ‚Fortschritt‘ wird in der Fachwelt durchaus mit Ernsthaftigkeit erörtert – worin könnte ein solcher wohl bestanden haben? Gemeint ist ein Modernisierungsphänomen in Verbindung mit allmählicher Professionalisierung: Aus rechtsgeschichtlicher Sicht lassen sich im Standardverfahren gegen Ketzer mitsamt der der nun eingeführten ausführlichen Dokumentation und Archivierung sämtlicher Ermittlungen und Verhandlungen durchaus Organisations- und verfahrenstechnische Vorteile ausmachen. [Die jüngsten politisch-religiösen Verwerfungen in weiten Teilen Europas lassen erahnen, dass zwei nicht so ganz kleine Minderheiten (einerseits rechtskonservative ‚Christen‘, andererseits dem Salafismus nahestehende Islamisten) ein möglichst effizientes System zur Bekämpfung Andersdenkender/ -gläubiger als notwendig oder gar als wünschenswert erachtet – weshalb sollte ihnen die Inquisition nicht geradezu als vorbildhaftes Ideal zur ‚Reinhaltung des Abendlandes‘ erscheinen… bzw. zur strikten Durchsetzung der Scharia? Okay, Folter geht diesen Leuten eventuell etwas weit, aber Menschen die anders sind/denken/glauben sozial isolieren oder ausweisen, wäre in deren Augen 1.angeraten und 2.machbar…]

Gemäß den römischen Prinzipien eines Prozesses unternahm der Richter eingehende Nachforschungen (inquisitiones), indem Zeugen zu befragten und dem Beschuldigten durch gezielte Fragen aufzeigte, worin sein mögliches Vergehen bestand. Nur dadurch konnte dieser ermessen, ob er sich dessen schuldig gemacht hatte. „Niemand sollte verurteilt werden, ohne dass er der Schuld überführt war.“[1]

Indessen nach zählt zur Beurteilung eines ‚fairen Verfahrens‘ nach unserem heutigen Verständnis von Recht und ethischer Integrität, inwieweit ein Beschuldigter von einem ordentlichen Gericht (bestehend aus Ankläger, Richter und qualifizierter Verteidigung – dergleichen sah der Inquisitionsprozess nicht vor) einer Straftat sicher überführt und anschließend gemäß einem feststehenden Strafkatalog verurteilt und sanktioniert wurde.

Bis zum 13. Jahrhundert stellte der Akkusationsprozeß den Normalfall dar: ‚Wo kein Kläger, da kein Richter‘; ohne Anklage durch eine Streitpartei unterblieb die rechtliche Überprüfung und Sanktionierung eines Sachverhaltes. Ein Richter konnte nicht aus eigenem Antrieb tätig werden, er hatte lediglich die formale Korrektheit des Gerichtsstreits überwachen. Der Inquisitionsprozess basierte auf einer völlig anderen Rechtsphilosophie: Richter konnten, falls eine Person einen schlechten Leumund besaß – von sich aus ein Verfahren in Gang setzen. In dessen Verlauf sollte er einerseits zur Wahrheitsfindung beitragen, d.h. versuchen, für die Schuld eines Angeklagten tatsächliche Beweise zu finden – und anschließend auf der Grundlage seiner selbst gewonnen Erkenntnisse ein Urteil fällen.

Der institutionelle Kern bestand in der Tradierung eines professionellen Know-Hows. Dazu gehörte zum einen das Spezialwissen über Merkmale, Erkennungszeichen und Gegenstrategien der einzelnen häretischen Bewegungen. Dieses Wissen der Inquisition einschließlich expliziter Ziele, Regeln und Praktiken in einer ganzen Reihe von Handbüchern überliefert.
Einen weiteren ‚Fortschritt‘ zur Professionalisierung der Ketzerverfolgung bildete die Einrichtung von Suchtrupps: Bestehend aus einem Priester und drei Laien, hatten diese sorgfältig nach Ketzern forschen und diese den kirchlichen Behörden anzeigen. Eine Art dauerhaft bestehende Spezialpolizei sollte einzig für die Verfolgung von Ketzern zuständig sein.

Die Zulässigkeit bzw. Anordnung der Folter zur Beweiserhebung lässt jede objektive Wahrheitsfindung unwahrscheinlich erscheinen – in Verbindung mit der ausdrücklich von der Inquisition eingeforderten Denunziation sogar im Familienkreis kommt sie einer Vorverurteilung gleich. Folter produziert zudem Schuldige, da Gefolterte alles gestehen werden, nur damit die Schmerzen aufhören.

Die Androhung der Folter, die Angst vor langer Kerkerhaft, vor dem Verlust der Ehre ließ viele etwas bekennen, was sie nie getan hatten.“(1)

Zwar findet sich bis heute zahlreiche Befürworter der Todesstrafe (für schwerste Vergehen wie Mord, Terrorismus und Misshandlung von Kindern), doch die Vorstellung einer absichtlichen Verlängerung der Vollstreckung zur Maximierung der Qualen für den Verurteilten ist uns heute (hoffentlich) gänzlich fremd. Eben darauf zielte die Hinrichtungsmethode der Verbrennung.

Im mittelalterlichen Europa erfolgte die erste bekannte Verbrennung von Ketzern im Jahr 1022 in Orléans. Bereits das von Kaiser Friedrichs II. 1224 für die Lombardei erlassene ‚Antiketzergesetz‘ sah den Feuertod für schwere Fälle von Häresie vor. 1231 übernahm Papst Gregor IX. das Gesetz für den kirchlichen Bereich. Auch die im Inquisitionsverfahren zum Tode verurteilte ‚Ketzer‘ wurden üblicherweise auf dem Scheiterhaufen verbrannt – öffentlich oft genug eine Art Zirkusfest für die ganze Familie (für die Kinder wohl als lehrreiche Erlebnis vorgesehen – Nowosadtko spricht in diesem Kontext von der „karnevalesken Atmosphäre“ öffentlicher Exekutionen). Das Todesurteil besagte zumeist, den verurteilten ‚Ketzer‘ „dem weltlichen Arm“ zu übergeben sei, da die Kirche nach dem Grundsatz ecclesia non sitit sanguinem die Exekution nicht selbst vollziehen durfte.

Vor Beginn der Exekution wurde ein Pfahl in die Erde gegraben. Um diesen herum schlichtete man Holz und Reisig, so dass der Holzstoß leicht entflammbar war. Der Verurteilte wurde dann, eskortiert von bewaffneten Soldaten, auf den Richtplatz gebracht oder geschleift. Nach Verlesung des Urteil fesselten diese ihn mit Eisenketten an den Pfahl. Bei manchen Hinrichtungen wurde das Holz um den Verurteilten herum aufgetürmt, so dass er den Blicken der Zuschauer entzogen war. Die Verbrennung erfolgte bei „lebendigem Leib“ – Ausnahme: Kam der sog. „Gnadenerweis“ zum Tragen, erdrosselte der Henker unbemerkt das Opfer mit einer Schnur. Dies musste aber insgeheim geschehen, „da sonst das Publikum rebellierte, weil sie sich um das Schauspiel einen Menschen bei lebendigem Leib brennen zu sehen, betrogen fühlten.“ Das Feuer wurde solange mit Holz bestückt, bis vom Toten nur noch Knochen und Asche zurückblieben. (vgl. → todesstrafe.de).

Das in der Öffentlichkeit vollzogene Quälen von Verurteilten folgte durchaus einer ‚Logik‘. Während moderne Todesstrafen einzig auf den Schutz der Gemeinschaft vor dem Aggressor abzielen und deshalb oft im Verborgenen und möglichst schmerzfrei vollzogen werden. Ganz anders wurde im Mittelalter und in der frühen Neuzeit „der Körper nicht als Mittler, sondern als Ziel der Strafe angesehen. Die dabei zugefügten Schmerzen wurden an der Schwere der Schuld bemessen. Die Legitimität physischer Gewaltanwendung manifestierte sich gerade in der demonstrativen Öffentlichkeit der Hinrichtungsrituale. Noch früher, etwa bei den Germanen, stellte die Exekution sowohl einen Rechtsakt als auch eine Kulthandlung dar, z.B. in Form eines Menschenopfers.

Die Funktion und der zeitgenössischen ‚Sinngehalt‘ von Exekutions-Ritualen habe sich aus der Perspektive der verantwortlichen Entscheidungsträger mit dem Eintritt in die frühe Neuzeit sukzessive von einem „‚Reinigungsritual’ der Gesellschaft zu einem ‚Abschreckungs- und Vergeltungsritual’“ gewandelt. (vgl. Nowosadtko[4])
Den weltlichen Eliten war demnach daran gelegen, die Zahl von Nachahmungstaten im Wege der Abschreckung im Strafvollzug möglichst gering zu halten – in Bezug auf schwerste Kriminalität mag dies nachvollziehbar erscheinen.

Eine rückblickende Betrachtung und Bewertung des Umgangs der Kirche mit Abweichlern wird freilich nur auf dem Hintergrund der historischen Gegebenheiten zu seriösen Ergebnissen gelangen. Insoweit führt jedes Anlagen moderner, pluralistischer Maßstäbe an die theozentrische Denkweise des Mittelalters in eine Sackgasse. Auch mutwillige Verbindungslinien „zwischen den Scheiterhaufen der mittelalterlichen Inquisition und den Krematorien faschistischer Konzentrationslager“ (Grigulevič [7]) erzeugen ein verzerrtes, ja oberflächliches Bild. Und Schlagworte wie „Gottes willige Vollstrecker“ empfinde ich schlicht als unfair; zu allen Zeiten haben Klerikale unterschiedlichster Provenienz ihre Anstrengungen und Motive auf Gottheiten) projiziert – sollten wir damit nicht aufhören, wo wir uns doch für äußerst modern und aufgeklärt halten?

Auf der anderen Seite gebietet sogar das Neue Testament den Gewaltverzicht gegenüber „falschen Brüdern“: Mt 13, 24-30, das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen, gesteht Gott selbst das letzte Urteil über tatsächliche und vermeintliche Häretiker zu: „Lasst beides wachsen.“ Und 1Kor 13, 4-7 stellt die Liebe in den Vordergrund:

Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig, sie neidet nicht, die Liebe tut nicht groß, sie bläht sich nicht auf, sie benimmt sich nicht unanständig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet Böses nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit; sondern sie freut sich mit der Wahrheit, sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie erduldet alles.“

Im ursprünglichen, ‚reinen‘ Christentum war der Glaube eine Haltung des freien Willens; er durfte nicht erzwungen werden, da er sonst wertlos war. Zulässig war lediglich die Ablehnung (‚Verfluchung‘) einer Häresie, nicht aber des Häretikers. Diese frühchristliche Haltung ging nach der Wandlung des Christentums zur Staatsreligion verloren. Zwar wurden bereits um 385 wurden erstmals Häretiker – Priscillian und sechs Gefährten – hingerichtet, doch dies war im ersten Jahrtausend eher die Ausnahme. Für Häretiker waren Klosterhaft und Verbannung als Sanktionen vorgesehen. Die Todesstrafe bzw. der bewaffnete Kampf gegen die ‚Feinde Gottes‘ wurden ab dem 11.Jahrhundert ausdrücklich gefordert:

Wenn für den irdischen König rechtens gekämpft werden dürfe, dann entschiedener noch für den himmlischen, zumal gegen dessen Feinde, die Barbaren und Häretiker.[5]

Interkonfessionelle Feindesliebe war mit dem mittelalterlichen Gesellschaftsordnung nicht länger kompatibel, welche sich auf die enge Verbindung von staatlicher und kirchlicher Ordnung gründete. Eine exakte Abgrenzung säkularer von kirchlicher Machtausübung lässt sich insoweit kaum vornehmen:

Während das mittelalterliche System päpstlicher Legaten zur Ketzerbekämpfung vom Anspruch her universell war, stellte die Inquisition der Neuzeit eher staatliche Veranstaltungen dar; sie lassen sich als Behörden mit klarer Struktur und Hierarchien beschreiben.
Die oft kritisierte Instrumentalisierung der Religion, d.h. Vermischung von religiösem Dogmatismus mit politischen oder ökonomischen Anliegen –  weltliche Herrscher nutzten die päpstliche Ketzerverfolgung als Werkzug ihrer eigenen Interessen (zB die Beseitigung der Templer in Frankreich) – bezeichnet Schwerhoff als „Normalfall einer Epoche, in der Politik und Religion noch nicht funktional geschieden waren“. (Klingt wie das Statement ‚damals war das halt so‘ –

Die Historikerin Silvana Seidel Menchi hingegen bescheinigt der Inquisition „hohe Kompetenz und Unparteilichkeit“; sie habe „als ein Modell juristischer Präzision und Strenge schon das moderne Verständnis der Kriminaljustiz“ vorweg genommen. Wie sie zu dieser Einschätzung gelangt? Nun, es scheint Frau Seidel Menchi habe sich vorzugsweise mit den theoretischen Grundlagen des Inquisitionsprozesses befasst, weniger mit den konkreten Schicksalen von Verdächtigten…und in der Theorie klingt manches beinahe vernünftig.

In einem Handbuch der römischen Inquisitoren heißt es: „Behandle den Angeklagten
während der Vernehmung mit Rücksicht. Die Glaubensrichter müssen daran denken, dass auch sie Menschen sind, die, wäre nicht Gott ihnen gnädig, dieselben Irrtümer begehen könnten […] gib ihnen die Möglichkeit, Platz zu nehmen, selbst wenn sie von niedriger und gemeiner Herkunft sind […] Kein Inquisitor darf den Versuch machen, ihnen die Worte in den Mund zu legen. Kein Inquisitor darf Versprechungen oder Drohungen äußern in der Hoffnung, damit ein Geständnis zu erhalten. Du darfst nicht nur die Beweismittel aufzählen, die den Angeklagten belasten, sondern musst auch die erwähnen, die für ihn sprechen […] Unterbrich einen Beschuldigten nie, wenn er seine Version der Wahrheit vorträgt […]. Denk daran, dass du irren kannst. Denk an den angstgepeinigten Angeklagten.“ (5) (6)

Theoretisch stand auch die Folter unter strengster Kontrolle; sie durfte erst nach Anhörung sowie nach Begutachtung eines Arztes erfolgen – ebenso wie Vergewaltigungen der weiblichen Beschuldigten durch das Wachpersonal ‚eigentlich untersagt‘ waren (was generell für nicht autorisierte Übergriffe zutraf).

In dem o.a. Handbuch für Inquisitoren steht aber noch einiges mehr, das offensichtlich weniger bereitwillig zitiert wird z.B. in Bezug auf anzuordnende Vermögensstrafen:

„Teilnahme für die Kinder des Schuldigen, die man an den Bettelstab bringt, darf die Strenge des Gerichts nicht mildern, da die Kinder nach göttlichen und menschlichen Gesetzen für die Sünden der Väter gezüchtigt werden. […] Die rechtgläubigen Kinder der Ketzer sind von dieser Strafe nicht ausgenommen, und man darf ihnen nichts lassen, nicht einmal den Pflichtteil, der ihnen von Natur zu gebühren scheint. Das ist durchaus notwendig, um die Väter von dem großen Verbrechen der Ketzerei abzuschrecken. […]
Indessen, können die Inquisitoren aus Gnade für den Unterhalt der Ketzerkinder sorgen“(6)

Auch der Umgang mit Zeugenaussagen lässt am ‚großen Wurf‘ für Rechtsprechung und Wahrheitsfindung maßvolle Zweifel aufkommen:

„Wenn ein Zeuge, einen Meineid geleistet hat, so kann er seine erste Aussage zurücknehmen, und der Richter muss sich an die zweite halten, vorausgesetzt, daß sie den Gefangen neu belastet, denn wenn sie diesem günstig ist, so gilt die erste.“ Eine Gegenüberstellung der Zeugen und der Angeklagten fand ohnehin nicht statt.

Ausgewogenheit ist ein wünschenswertes Merkmal von Historikern – nur, handelt es sich nicht um pure Apologetik, insofern Denunziation und Folter als im zeitgenössischen Kontext unausweichliche „Instrumente der Beweiserhebung“ relativiert und dem Anschein eines ordnungsgemäßen Prozesses untergeordnet werden?
Auch darf der besondere Gegenstand dieser Verfahren keinesfalls unberücksichtigt bleiben: es wurde vorrangig über religiöse Überzeugungen geurteilt, selten über konkrete Verhaltensmängel und so gut wie gar nicht über exakt definierbare Fakten wie Mord oder Vergewaltigung. Ein bestimmter, äußerst eng umrissener Dogmatismus sollte um jeden Preis aufrechterhalten werden, indem man auf einfaches Hörensagen gestützt zahlreiche Existenzen vernichtete, Angst schürte und lebendige Menschen im Zuge einer entsetzlich grausamen Prozedur „wie quiekende Ferkel röstete“ und in verkohlte, schwarze Leiber verwandelte. Dass hierzu nun der Anschein eines geordneten Verfahrens mit Verhören und Protokollen erweckt wurde, leuchtet ein – ändert aber nicht das geringste.

Ferner sah das Verfahren nicht vor, gegebenenfalls die Unschuld eines Beschuldigten zu beweisen. Wer nicht verurteilt worden war, galt anschließend keineswegs als unschuldig: der Verdacht blieb bestehen; nur die Beweise fehlten. Schlimmer noch: Wer den eröffneten ‘Ausweg’ eines Geständnisses verweigerte, bewies je nach Auslegung seine ‘Bußunwilligkeit’ und wurde unbelehrbarer Ketzer der weltlichen Gerichtsbarkeit überstellt.

So drang E.Keil schon 1863 zum Kern des Systems der Inquisition vor:

„Man sieht also, daß die Lebenden wie die Todten durch nichts, weder durch den reinsten Glauben, noch durch die offenbarste Unschuld , vor der Inquisition geschützt wurden. […] Ein Institut dieser Art mußte die bürgerliche Rechtspflege, die politischen Körperschaften und selbst die königliche Gewalt weit überragen.[6]

Vor diesem Hintergrund steht für mich fest, worin ein echter Fortschritt besteht: Heute fehlt der Kirche fehlt heute die rechtliche Grundlage, Abweichler über innerkirchliche Maßnahmen hinausgehend zu sanktionieren: Weder kann eine religiöse Organisation im Deutschland der Gegenwart Menschen inhaftieren, noch töten oder und sich deren Vermögen aneignen.
Weiterhin verhängt werden kann der Entzug kirchlicher Rechte bis hin zur Exkommunikation, zudem können Lehr- und Sprechverbote erteilt werden. Bedienstete der RKK können suspendiert werden.

Ein gegenwartsnahes Beispiel zeigt, diese Sanktionsmöglichkeiten werden sehr wohl ausgeschöpft: Am Rande des ökumenischen Kirchentags 2003 in Berlin feierte der röm.-kath. Priester Gotthold Hasenhüttl einen „Abendmahlsgottesdienst nach katholischem Ritus“, bei dem er explizit auch Protestanten und Nicht-Katholiken zur Kommunion einlud, die sich unter den den etwa 2000 Anwesenden befanden. Wegen dieser Interzelebration wurde er durch den damaligen Trierer Bischof Reinhard Marx am 17. Juli 2003 vom Priesteramt suspendiert.
Am  2. Januar 2006 wurde Hasenhüttl durch Bischof Marx dann auch die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen.
Im Mai 2010  feierte er in München trotz Verbots erneut ein ökumenisches Abendmahl, bevor er am 28. September 2010 aus der römisch-katholischen Kirche austrat.

 

 Quellenangaben/Literaturhinweise

  1. „Ketzer – Katharer, Waldenser und andere religiöse Bewegungen“, Christoph Auffarth (Verlag Ch.Beck)
  2. „Montaillou – Ein Dorf vor dem Inquisitor 1294 bis 1324“, Emmanuel LeRoy Ladurie
  3. „Guilhem Bélibaste – ein Verbrecher ist Parfait geworden“
  4. Hinrichtungsrituale: Funktion und Logik öffentlicher Exekutionen„, Jutta Nowosadtko
  5. Vortrag: „Die Inquisition – Terrorregime oder Wendepunkt in einer barbarischen
    Gerichtsbarkeit?„, J.Kämpf, 2014
  6. Das Handbuch der Inquisition„, Ernst Keil (1863)
  7. Die Inquisition. Ketzerverfolgung in Mittelalter und Neuzeit‚, Gerd Schwerhoff

Siehe auch:

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Wozu Theologie an staatlichen Universitäten?

„Die Wahrheit der christlichen Überlieferung kann in einer wissenschaftlich verfahrenden Theologie nur als Hypothese fungieren.“3

In einem Interview mit BR alpha sprach Prof.Dr. Johanna Rahner (Universität Tübingen) im September 2015 darüber, ob konfessionelle Theologie heutzutage noch an Universitäten gelehrt werden solle. „Angesichts fortschreitender Säkularisierung steht das Fach heute unter Rechtfertigungsdruck. Manche ziehen die Wissenschaftlichkeit der Theologie in Zweifel…“, heißt es im Begleittext zur Sendung.

Bereits die Fragestellung „Warum gehört Theologie an die Universität?“ will die Antwort offenbar vorwegnehmen – dass Theologie in jedem Falle weiter als Universitätsfach gelehrt werden solle. Rahner verweist auf die historische Bedeutung der konfessionellen Theologie für die Entwicklung der universitären Bildung; sie betont zudem, an Universitäten könne die Theologie als Feld mit „festen Überzeugungen“ in den Diskurs mit anderen Disziplinen treten. Alternativ wäre das Unterrichten von Theologie alleine durch die Religionsgemeinschaften zu betreiben (und zu finanzieren), was lt. Rahner ein „Schmoren im eigenen Saft“ zur Folge haben würde. Die Theologin für Dogmatik bemisst die Wissenschaftlichkeit auch einer konfessionsgebundenen Theologie allein an ihrer Arbeitsweise.

Forschungsgegenstand und Wissenschaftlichkeit

Auf dem Blog „Der Goldene Aluhut“ widerspricht Gastautor Robert Wolf dieser Haltung in einem dort publizierten offenen Brief an die Professorin; hierzu zitiert er gleich mal den atheistischen ‚Mann für’s Grobe‘, Richard Dawkins:

Ich warte noch immer auf einen stichhaltigen Grund für die Annahme, dass die Theologie (im Unterschied zu historischer Bibelkunde, Literatur usw.) überhaupt ein Forschungsgegenstand ist.1

Konfessionell gebundene Theologie sei laut Dawkins wegen ihres unumstößlichen Festhaltens an „Überzeugungen“ unwissenschaftlich, da sich Wissenschaft auch dadurch auszeichne, nicht voreingenommen zu denken.

Der evangelische Theologe Karl Barth stellte im ersten Band seiner „Kirchlichen Dogmatik“ fest:

„Wenn die Theologie sich eine Wissenschaft nennen lässt oder selber
nennt, so kann sie damit keinerlei Verpflichtung übernehmen, sich an
den für andere Wissenschaften gültigen Maßstäben messen zu lassen.
Sie kann sich aber auch nicht in der Form vor den anderen Wissenschaften rechtfertigen, daß sie ihrerseits einen eine gute Theologie nicht aus-, sondern einschließenden Wissenschaftsbegriff zur Diskussion stellt.“2

Was sind Kriterien für Wissenschaftlichkeit?
Allgemein kann Wissenschaft definiert werden als „die systematische, methodische, ordnende, erklärende und begründende Untersuchung von allem, was Menschen geistig zugänglich ist, in welcher Form auch immer. Ziel ist Erscheinungen im materiell-natürlichen, geistigen und kulturellen Bereich zu beschreiben und Gesetze, Zusammenhänge etc. aufzudecken.“ (Vgl. Philolex.de)
Nach dieser Definition, obgleich sie sicherlich kritisier- und optimierbar ist, lässt sich Theologie durchaus als Wissenschaft einordnen, auch wenn sie gewissermaßen eine Sonderrolle unter den Disziplinen einnimmt. Schließlich befasst sie sich vermutlich als einzige Wissenschaft mit einem Forschungsgegenstand, über dessen Existenz nach wie vor gestritten wird, der weder in mathematischen Formeln noch in wortreichen Dissertationen umfassend beschreibbar ist: mit Gott bzw. die Gesamtheit ‚der Götter‘ im polytheistischen Sinne. Auch deshalb würde jeder Versuch, so Barth weiter, die Theologie einem allgemeinen Wissenschaftsbegriff auszuliefern ihre Zerstörung zur Folge haben:

Die Theologie hat keine andere Möglichkeit, ihre „Wissenschaftlichkeit“
zu erweisen, als die, in der faktisch stattfindenden, durch ihren
Gegenstand bestimmten Arbeit an ihrer Erkenntnisaufgabe zu zeigen,
was nun eben sie unter „Wissenschaftlichkeit“ versteht.“2

Die Entscheidung darüber, ob jemand oder etwas ist, was er oder es zu sein vorgibt, falle ‚in bewährenden oder nicht bewährenden Ereignissen‘ – weshalb die Theologie hat keinen Anlass habe, sich den Namen einer Wissenschaft verbieten zu lassen.

Klingt beim ersten Lesen verdächtig nach einem Zirkelschluss. Und Haudrauf-Atheisten würden hier wohl einwenden, mit dieser Argumentation lasse sich ebenso die Erforschung von Elfen, Hobbits und Spukschlössern als Wissenschaft etablieren …tatsächlich scheint die Grenzziehung zwischen ‚echten‘ und den sogenannten Parawissenschaften hier etwas unübersichtlich zu werden.

Wirklich schwierig wird es für mich allerdings erst mit der folgenden Aussage Barths:
Eine Begründung dieses Glaubens [konkret: an die Vergebung der Sünden] kommt nicht in Betracht, aber seine Verleugnung noch weniger.“2

Das Untersuchen und Begründen zählt aber zu den ureigensten Aufgaben von Wissenschaft, Sonderrolle hin oder her. Es geht einher mit der Fähigkeit und Bereitschaft zur Revision bisheriger Erkenntnisse und Thesen.

Gott als wissenschaftliche Hypothese?

Eduard Spranger befasste sich in den 1920er Jahren mit der Frage nach dem Verhältnis von Weltanschauung und Wertneutralität in den Geisteswissenschaften.

„ …dass die Wissenschaft, im Gegensatz zur einfach gläubigen Dogmatik, jederzeit bereit ist, diese ihre Voraussetzungen selbst zum Gegenstand der Kritik zu machen und sie somit zu revidieren.“
(Eduard Spranger, „Der Sinn der Voraussetzungslosigkeit in den Geisteswissenschaften“, 19293)

Wenn nun eine konfessionsgebundene Theologie den Kerninhalt eines spezifischen Glaubens apodiktisch zur „Grundvoraussetzung“ erklärt, ist sie mit dieser Forderung nicht vereinbar. Spranger forderte jedoch außerdem, „die irreführende Wendung von der Voraussetzungslosigkeit der Wissenschaften, die unter anderen geistigen Zeichen entstanden ist, bewusst „fallen [zu] lassen“ und die Universitäten zum „eigentliche(n) Boden für die fruchtbare geistige Auseinandersetzung sogar der Weltanschauungen“ werden zu lassen.“4
Na, was denn nun???
Nun ja, formale Kriterien sind nicht der einzige relevante Aspekt – ebenso würde eine exklusive Auswahl des jeweils ‚Zeitgemäßen‘ auf eine inhaltliche Verarmung, wenn nicht Kastration des Universitätsbetriebes hinauslaufen.

Politische Faktoren

Mindestens gleichwertig sind Fragen der Praxis: In einer demokratischen und pluralistischen Gesellschaft muss vor allem daran gelegen sein, Jugendliche sowie auch Studierende vor einer religiösen Indoktrinierung zu schützen und ihnen eine umfassende (also nicht einseitige) Bildung zu vermitteln. Nicht zuletzt aus dieser Motivation heraus wurden in Deutschland in jüngster Zeit Zentren und Lehrstühle für islamische Theologie eingerichtet. Die Ausbildung von Lehrpersonal soll eben nicht potenziell extremistischen Koranschulen etc. überlassen werden.
Vor diesem Hintergrund scheidet sich eine Abschaffung der christlichen Theologie im Universitätsbetrieb nun ganz aus; in einem nach wie vor christlich geprägten Land islamische Theologie zu fördern und gleichzeitig der christlich-konfessionellen Ausbildung die universitäre Grundlage zu entziehen …das ergibt schlichtweg keinen Sinn.

Konkret: Die Beibehaltung theologischer Lehrstühle an staatlichen Universitäten eröffnet dem Staat weiterhin Kontroll- und Eingriffsmöglichkeiten in die Lehrinhalte. Dies ist politisch gewollt und mit Blick auf die Gefahren von Extremismus und Radikalisierung außerdem zweckmäßig, wenngleich keine Garantie dafür, dass WahhabitenA) und Evangelikale ihre Nachwuchskräfte nicht außerhalb staatlicher Lehranstalten ausbilden und erziehen.
Diese Zielsetzung dürfte dennoch einen wesentlichen Anlass für die Beibehaltung des Status Quo darstellen. Die an sich zu begrüßende Haltung „Religion ist Privatsache“ wird davon insoweit nicht berührt, als in die persönliche Autonomie des einzelnen Studierenden – Religionsfreiheit, freie Ausbildungs- und Berufswahl etc. – nicht in einem unverhältnismäßigen Grad eingegriffen wird.

Dass Diskussionen über eine staatliche Finanzierung konfessionsgebundener Studiengänge äußerst emotional geführt werden, kann nicht weiter überraschen – hier prallen nicht zuletzt radikaler Atheismus und erzkonvative Glaubensanschauungen aufeinander …nur die Lebenswirklichkeit hier und heute gerät dabei häufig aus dem Blick: Gerade weil unsere Gesellschaft sich an nicht länger nur ‚an den Rändern‘, sondern insgesamt zunehmend polarisiert, ist jede Schmälerung des bestehenden Bildungsangebotes kontraproduktiv.
Zu hinterfragen ist freilich, ob interreligiöse Fächer dem Lehrauftrag in einem säkularen Staat nicht eher entgegenkommen. Dem „Schmoren im eigenen Saft“ einer einzelnen Glaubensrichtung würde damit in bestmöglicher Weise begegnet.

Quellen/Literatur

  1. Offener Brief von Robert Wolf an Prof. Dr. Rahner
  2. Die Lehre vom Wort Gottes„, Erster Halbband, Karl Barth
    (Band I im Gesamtwerk „Kirchliche Dogmatik“)
  3. Krise der Moderne oder Modernität als Krise?„, Mitchell G. Ash
  4. Warum die Theologie keine Wissenschaft ist„, Giordano-Bruno-Stiftung.

Anmerkung:

A) Als Wahhabismus wird die strenge Version des sunnitischen Islam in Saudi-Arabien bezeichnet. Er sieht sich als einzig rechtgläubigen Islam – dazu berufen, alle übrigen Muslime auf den rechten Weg des Koran zurückzuführen und wendet sich gegen fremdem kulturellen Einfluss, vor allem gegen die säkulare Wissenschaft und westliche Einflüsse. Wahhabismus untersagt Frauen das Autofahren und verwehrt ihnen z.T. sogar Gesang, Parfüm und Blumenschmuck.
Außerdem ist für dem Wahhabismus eine strikte Dschihad-Orientierung kennzeichnend: Er verlangt den aktiven Einsatz für die Verbreitung des einzig ‚wahren‘ Islam. Deshalb ist Saudi-Arabien zu einem der am stärksten missionierenden Länder in der islamischen Welt geworden, nicht zuletzt auch in Deutschland. Die weltweite Verbreitung (und Finanzierung) dieser erzkonservativen Variante des Islam ist das erklärte Ziel der saudischen Politik. (Quelle: Sabine Held)

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Kirchenkritik – „Verbloggung führt zur Verblödung“?

Kardinal Marx über innerkatholische Kritik am Kurs der Kirche

Dem Vorsitzenden der Dt. Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx, wurde am 24.9.15 in Fulda eine Frage gestellt: „Werden Sie auch seitens der Deutschen Bischofskonferenz entschiedener gegen innerkirchliche Fundamentalisten vorgehen, wie sie zum Beispiel bei solchen Seiten wie ‚katholisches.info‘ oder anderen Bereichen sich austoben? Es wird ja immer so getan, als wenn es nur im Islam Fundamentalismus gibt, beide christliche Kirchen kennen den ja nun auch in allen möglichen Formen.

Des Kardinals‘ Antwort zeig das u.a. Video. Persönlich lasse er das gar nicht an sich heran, aber „Verbloggung führt auch zur Verblödung„:  Er vermisse, dass bestimmte Szenen, die sich untereinander träfen, gegenseitig hochjubelten und in ihrer eigenen Auffassung bestätigten, nicht argumentativ in den Diskurs mit Andersdenkenden einträten.

Ob die unterstellte Nabelschau auf die betreffenden Blogs zutrifft, wäre im Einzelfall zu prüfen. Doch selbst wenn: seit wann führt einseitige Positionierung automatisch zur Verblödung? Die betreffenden Blogs (sie werden im Video benannt, darum muss ich sie nicht auch noch verlinken) kenne ich selber auch kaum, darum gebe ich kein eigenes Urteil über sie ab.

Soweit Autoren sich auf diesen Blogseiten für die Verteidigung der klassisch-konservativen katholischen Ehe- und Morallehre einsetzen, sehe ich ich darin aber noch keinen Fundamentalismus, der mit radikal-islamisischen Strömungen gleichzusetzen wäre. Die ‚gut-katholische‘ Moral war bis vor wenigen Jahrzehnten das Normale, womit Kinder und Jugendliche aufwuchsen. Ein grob orientierter Blick auf katholisches.info zeigt mir, dass man dort gegen die Zulassung wiederverheiratet Geschiedener zu den Sakramenten eintritt – und natürlich gegen „Gender-Ideologie“ und erst recht gegen jede kirchliche Anerkennung von Homosexualität.

Solche Meinungsäußerungen müssen niemandem zusagen (mir gefallen sie jedenfalls nicht), aber an ihrer Zulässigkeit kann kein Zweifel bestehen: Unser Strafrecht verbietet es nicht, weiterhin jene konservativen Positionen zu vertreten, die über die  Adenauerzeit hinaus den moralischen Quasi-Standard in Deutschland bildeten.

Dass den konservativen Kreisen innerhalb der katholischen Kirche die Linie des amtierenden Papstes sowie der sog. „Franziskus-Geist“ missfallen, war absehbar. Meine Haltung dazu ist: ‚Dass sollen sie unter sich ausmachen …ich bin froh und erleichtert, mich von diesem Verein losgelöst zu haben‘.

Die Kritik von Kardinal Marx enthält durchaus auch ein konstruktives Element – die Mahnung, sich an der Diskussion über wesentliche Kirchenfragen zu beteiligen. Davon würden die Vereinsmitglieder fraglos am meisten profitieren…

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Ist das Christentum monotheistisch?

Meine Intuition und mein Verstand sagen mir, es gibt einen Gott. Einen, nicht drei, nicht 30 und auch nicht 33 Millionen. Diese allem übegeordnete „Entität“, Wesenheit oder Intelligenz mag allgegenwärtig sein und unzählige Erscheinungsformen annehmen, doch nach meiner Überzeugung besitzt sie eine Identität. Zu meinen persönlichen Schwierigkeiten mit der christlichen Trinitätslehre habe ich mich bereits an anderer Stelle ausgelassen.

„Über Jesus heißt es: Er ist nicht nur Mensch, sondern Gott von Gott, Licht von Licht. Hatte er dann nur einen lästigen Körper angenommen, und innen brannte eine göttliche Lampe?“ (Heiner Wilmer, „Gott ist nicht nett“)

Wenn ich an der in der christlichen Dogmatik vorgegebenen Fusionierung eines Gottvaters mit Jesus als ‚Sohn‘ sowie dem „Geist Gottes“ (oder Heiligen Geist) zu einem göttlichen Wesen infrage stelle, gewinne ich dadurch zwar ‚klarere Konturen‘ meines persönlichen Gottesbildes – welches wohl allein den transzendenten Geist Gottes sieht. Zugleich habe ich mir jedoch die Frage zu stellen: Wie sehe ich Jesus, wenn er nicht der eine Gott ist?

Mit dieser Frage habe ich mich lange beschäftigt, und währenddessen jeweils auch mit den Gewissensbissen infolge meiner katholischen Erziehung. Jesus ist für mich eine historische Persönlichkeit, deren (ursprüngliche) Lehre den Kern einer weltweit konsensfähigen Sozialethik enthält. Seine Beziehung zu Gott vermag  ich nicht zu ergründen, im Islam gilt Jesus von Nazareth als Gesandter Gottes, als einer von mehreren seiner Propheten. Die Sichtweise ‚er war einer von vielen‘ teile ich nicht unbedingt, weil ich in seinen Worten durchaus Einzigartiges entdecke.

Der Bereitschaft Jesu, für seine Überzeugung Spott, Folter und Tod zu ertragen, bringe ich großen Respekt entgegen – im Bewusstsein, meine eigene Feigheit würde sofort auflodern, sobald körperlicher Schmerz drohte oder spürbar würde. Dieses Wissen hatte allerdings auch einen weiteren Effekt: ‚Neben‘ Jesus fühle ich mich klein, völlig unzulänglich und mies; das ist wohl der Grund, weshalb ich seine Nähe nie wirklich gesucht habe. Bei Gott ist dies etwas anderes, mit ihm vergleiche ich mich ja nicht – doch der Mensch Jesus von Nazareth war zu so vielem willens und imstande, was ich niemals zuwege bringen würde.

Folgt man den Dogmen der römisch-katholischen und auch der evangelischen Kirche, erscheint die Dreieinigkeit Gottes als unverrückbare Selbstverständlichkeit im christlichen Glauben.

Demgegenüber steht die Auffassung Thomas von Aquins, zwar könne die Existenz Gottes mittels menschlicher Vernunft bewiesen – nicht aber die Existenz dreier göttlicher Personen, die könne nur durch Offenbarung gewusst werden. Liegt darin der Grund, dass vielen Christen heute vor der fremdartig anmutenden Vorstellung von Gott als ‘ein Gott in drei Personen, nämlich Vater, Sohn und Heiliger Geist’ hilflos kapitulieren? Der ‚gesunde Menschenverstand‘ scheint hier von einem Entweder-Oder auszugehen: Gott sei entweder Der Eine oder er sei ‚Drei‘.
In diesem Sinne übt der Islam deutliche Kritik am christlichen Gottesbild und insbesondere an der Gottessohnschaft Jesu, welche er als unzulässige Beigesellung (weiterer Götter zu dem Einen Gott) kategorisch ablehnt.

Diese und weitere Überlegungen greift Johannes Seidel in seiner Abhandlung „Ist das Christentum noch monotheistisch?“ auf. Der von Seidel zitierte Altkanzler Helmut Schmidt spricht mir aus der Seele, wenn er schreibt:

“Ich bin einer von den vielen, die sich als Christen bekennen. (…) Ich glaube, Gott ist der Herr allen Geschehens. Aber mit der Trinität habe ich ganz große Schwierigkeiten. (…)
Bin ich vielleicht deshalb kein Christ?  (…)
Ich nenne mich gleichwohl einen Christen. Denn ich bin überzeugt von der Moral, die das Christentum im Laufe von Jahrhunderten entfaltet hat.”

Nun ja, ob man sich als Christ bezeichnen ‚darf‘, obwohl man die Vorstellung von ‚dem einen Gott in drei Personen‘ ablehnt – diese ist immerhin ein essenzieller Teil des christlichen Credo – sei dahingestellt. Vielleicht existiert für den guten Helmut Schmidt eine Sonderregelung – ähnlich der exklusiven Aufhebung des Rauchverbotes? Seidel bringt die theologische Problematik mit zwei Fragen auf den Punkt:

„Steht der “trinitarische Monotheismus” des Christentums im Gegensatz zum Alten Testament?

Bei der Lektüre des A.T. entsteht tatsächlich der Eindruck, im trinitarischen Glauben der Kirche werde dem einen und einzigen Gott nicht der Mensch Jesus‘ beigesellt’ – nach alttestamentlichen Verständnis ein Verstoß gegen das erste Gebot übertreten. Dagegen lasse sich argumentieren,  der jenseitige Gott sei in seiner gesamten Schöpfung gegenwärtig, so ist er auch in ’seinem Sohn‘. Somit könne die “christliche Trinitätslehre als Konkretisierung des hebräischen Monotheismus gesehen werden, welche „die Offenbarungsgestalt der Gegenwart Gottes in der Welt als eins mit seiner jenseitigen Wirklichkeit bekennt“.

Darüber lohnt sich nachzudenken. Allerdings scheint das A.T., insbesondere die 5 Bücher Mose, auf einen deutlichen Abstand zwischen Gott und seiner gesamten Schöpfung hinzuweisen – dem damit Rechnung getragen werde, dass nur dieser Eine Gott angebetet werden dürfe, nicht aber Personen bzw. Elemente seiner Schöpfung.

In der christlichen Theologie wird die Bezeichnung Jesu als ‘Sohn’ einseitig ein Titel aufgefasst, der exklusiv nur Jesus in seinem Verhältnis zum Vater zukommt. Im A.T. hingegen begegnen wir der Verheißung an alle Glieder des Volkes, einst ‘Kinder des lebendigen Gottes’ genannt zu werden (vgl. Hos 2,1)
Zugleich verdankt auch Jesus „alles, was er hat und ist, vollständig dem, von dem er herkommt, der ihn gesandt, ‘gezeugt’ hat“.

Im Johannesevangelium werde Jesus zwar ‘Gott’ genannt, aber nicht ‘der Gott’, nämlich ‘der einzige Gott und Vater’, erklärt Seidel:

„Im Griechischen des Johannesevangeliums bedeutet ‘Gott’ eben nur ‘von Gottes Art’, ‘aus Gott’, ‘wie Gott’. Im Deutschen dagegen ist ‘Gott’ nur eine einzige Größe bzw. Person.
Aber wenn Jesus im Griechischen ‘Gott’ genannt wird, gibt es damit nicht zwei Götter […] Wie Juden und Muslime halten Christen an dem einen und einzigen Gott fest […] Nur hat – und das ist die christliche Besonderheit – dieser eine Gott sich Jesus Christus – den Sohn also, und den Heiligen Geist – als einzigartige ‘Orte seiner Gegenwart’ erwählt.“

Und wieder ist die Verwirrung perfekt, für mich jedenfalls: Bedeutet dies, der Sohn und der Hl.Geist seien als alternative Erscheinungsformen aufzufassen – etwa so, wie Zeus sich in einen Adler ‚verwandelte‘? Ich nehme an, der Vergleich ist für Theologen unbefriedigend – doch in diesem Fall wäre wohl nur Zeus, nicht aber der Adler anzubeten…

Wird ein “unitarischer Monotheismus” dem Gott der Bibel gerecht?“

Seidel führt hier ein interessantes Argument an:

Wird Gott im Gegensatz zur Welt gedacht, so bleibe er in solcher Entgegensetzung zur Welt von der Welt abhängig. Damit aber würde er nicht als Gott gedacht. Durch die Trinitätslehre aber werde „vermieden, Gott in Abhängigkeit von der Welt zu denken, weil Gott als Vater primär nicht im Gegenüber zur Welt, sondern im Verhältnis zum Sohn gedacht wird.”

Die klassische Trinitätslehre habe dem gemeinsamen göttlichen Wesen keine eigene Personalität neben der der drei Personen zugesprochen. Von daher sei der Gott des Christentums streng genommen kein “persönlicher Gott”.
Zwar ist ‚der eine‘ Gott im christlich Glauben nicht unpersönlich. Aber Person sei er nur in Gestalt jeweils einer der trinitarischen Personen, wobei „jede der Personen der Trinität nicht allein ihr Personsein, sondern auch ihre Gottheit nur durch Vermittlung ihres Verhältnisses zu den beiden anderen hat.“

Benötigt Zeus (lt. dem o.a. ‚Vergleich‘) den Adler, um von uns Menschen als göttlich wahrgenommen zu werden?

Es hat sicher einen guten Grund, dass alle mosaischen Religionen betonen, der Mensch solle sich „kein Bild“ von Gott entwerfen. Denn jedes Bild kommt zwangsläufig einer Begrenzung Gottes gleich: alles, was nicht in dem jeweiligen Gottesbild enthalten ist, wird nicht als Erscheinungsform Gottes dargestellt. Tatsächlich sehen wir, dass im A.T. Gott nicht nur die drei Erscheinungsformen der Trinität annimmt – er erscheint auch als Feuer, Wolke oder ‚Säuseln im Wind‘.

Andererseits können viele von uns nicht aus ihrer Haut heraus: Es liegt im Naturell des Menschen, sich einen ‚Begriff‘ von seinem Gegenüber zu machen. Wer ihrer Existenz nicht gleichgültig gegenübersteht, wird auch mit Gott bzw. den Göttern bestimmte Eigenschaften assoziieren.

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„Menschen denken nicht über das Unmögliche nach“??

Im Bemühen, die Existenz Gottes als ‚logisch‘ zu argumentieren, werden bisweilen erstaunliche Wege beschritten. Auf bibelstudium.de las ich nachfolgend zitierte ‚Herleitung‘:

„In den 80-er Jahren des vorigen Jahrhunderts hatten viele Menschen Angst vor einem Atomkrieg. Wenn man die Menschen in unserem Umfeld gefragt hätte: „Wer soll denn die Atomraketen abschießen?“, dann hätten sie geantwortet: „Die Russen.“ Niemand wäre auf die Idee gekommen, zu sagen: „Die Afrikaner.“ Warum nicht? Weil die Leute sich über das Mögliche und nicht über das Unmögliche Gedanken machen. Die Atomwaffen standen nun mal in den Staaten des Warschauer Paktes und nicht auf dem Schwarzen Kontinent.“

Was soll dies besagen?

Die Tatsache, dass der Mensch „unheilbar religiös“ ist, bilde in sich selbst doch einen Beweis dafür, dass es mehr geben muss als nur Materie: „So viele Menschen grübeln nicht über ein Phantom und zittern nicht vor einem Nichts.“
Weil die große Mehrzahl der Menschen weltweit über Gott nachdenken – und weil schließlich Niemand über das Unmögliche nachdenkt (s.o.) – sei die Existenz Gottes zwingend zu schlussfolgern: „Gott existiert. Er hat das Verlangen nach ihm in seine Geschöpfe hineingelegt.“
Nach dieser Logik müssten beinahe täglich UFOs auf der Erde landen, vor 300 Jahren wären die Nächte voller Dämonen gewesen und Gandalfs Kollegen hätten die Welt beherrscht.

Woran haben zurückliegende Generationen nicht alles gedacht…? In Ermangelung einer natürlichen Erklärung für viele unverstandene Phänomene wurde viel über Naturgeister, Zauberei und Magie spekuliert- nicht im Sinne von Tricksereien: Vielmehr wurde Magiern zugetraut, sie besäßen eine Art ‚Cheatcode für die Realität‘. Von solchen Überlegungen war es nur ein winziger Schritt zu haarsträubendem Aberglauben, der sich stellenweise bis in unsere Gegenwart fortsetzt.

An diesen ‚Wunschbaum‘ auf dem Pfullinger Berg hängt man Zettel mit seinen Wünschen,  damit die Magie des Baumes sie erfüllt

War also die Schlussfolgerung glaubhaft, auch  Baumgeister und Magie müssten existieren, weil die Leute sich ihre Köpfe ja nicht über Unmögliches zerbrechen? Und falls nun die Mehrzahl der Menschen einen ‚Wunschbaum‘ (oder ein vergleichbares Konstrukt) nutzen, was würde dies über die Wahrscheinlichkeit aussagen, ob zwischen Bäumen und dem Wahrwerden von Wünschen ein kausaler Zusammenhang besteht? (Diese Tradition ist anscheinend wirklich recht verbreitet: auch in Japan schreibt man seine sehnlichsten Wünsche auf einen Zettel, den man an die Äste eines geeigneten Baums hängt…)

Über volkstümliche Traditionen zu spotten, liegt mir fern. Statt dessen denke ich den ’natürlichen Spannungszustand‘ zwischen religiösen Lehren und Volkes‘ Aberglaube nach: Zumindest ‚heidnische‘ Vorstellungen, so verbreitet sie auch waren, wurden von christlichen Klerikern stets verworfen (sofern sie nicht ‚chrisianisiert‘ und mit einem neuen Bedeutungszusammenhang versehen wurden).

Aberglaube kann durch die falsche Verknüpfung von Ursache und Wirkung entstehen. Wie das Magazin für Psychologie und Hirnforschung Gehirn & Geist feststellte, neigen Menschen neigen zu der „Vorstellung, gleichzeitige Ereignisse seien kausal miteinander verknüpft, obwohl sie in Wirklichkeit voneinander unabhängig sind“. Bei mehrmaligem zeitlichen Zusammentreffen von zwei Ereignissen würde eine ursächliche Verbindung angenommen, so dass abergläubisches Verhalten relativ schnell entstehe. Umgekehrt benötige es viele Male des Nichtzusammentreffens, um diesen Verdacht wieder zu zerstreuen. (vgl. WELT, 2009)

Der Gedankengang „Ich denke, also bin ich“ trifft zweifellos zu, das Subjekt findet seine Bestätigung in sich selbst. Doch die Überlegung „Wir denken an Gott, also ist Gott“ lässt sich daraus kaum konstruieren, weil sie den Radius der Evidenz durch Beobachtung (durch das reflektierende ‚Ich‘) verlässt.
Auch aus dem Umkehrschluss wird kein Schuh: Wenn gegenwärtig die Zahl derer abnimmt, für deren Denken Gott eine Bedeutung innehat, lässt daraus sich keineswegs die Nichtexistenz einer schöpferischen Intelligenz schließen.

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