Franz Buggle: Denn sie wissen nicht, was sie glauben

In seinem religions- bzw. christentums-kritischen Vortrag untersucht der Verfasser des gleichnamigen Buches „die Verhaltensnormen, die ethischen Standards, die Leitbilder, welche [die Bibel als] mit göttlichem Geltungsanspruch auftretende Quellenschrift transportiert.“

Die Positionen und Schlussfolgerungen von Franz Buggle teile ich nur zu einem (überschaubaren) Teil, zumal ich dem frühen Christentum viel Positives abgewinnen kann. Erst durch den Wechsel auf ‚die dunkle Seite der Macht‘ (= den Aufstieg zum Staatsreligion im römischen Reich sowie den beherzten Griff zur weltlichen Machtausübung) entstand ein stetig wachsender Kontrast zwischen neutestamentlichen und frühchristlichen Idealen und der faktischen Ausprägung einer auf Dominanz und Indoktrination ausgerichteten Klerikerelite.

Ob man ihm nun beipflichtet oder nicht, nach meiner Auffassung liefert Buggle wesentliche Denkanstöße für eine kontroverse Auseinandersetzung über die heutige Selbstverständnis von Kirche(n) sowie ihre Verflechtung mit unserem formal säkularen Staat.
Er möchte nachweisen, „dass die Blutspur, die das Christentum durch die Geschichte gezogen hat, keine Kette von institutionellen Betriebsunfällen darstellt, sondern kausal genau aus der Moral hervorgeht, welche die Bibel in die Welt setzt“.

Schon „die Bibel“ ist für mein Empfinden viel zu allgemein gefasst: Die brutalen Genozid-Phantasien des A.T. (zB im Buch Josua) stehen in einem deutlichen Gegensatz zur weitgehend pazifistischen Haltung Jesu. Damit kann die Bibel nicht als insgesamt einheitliches Werk eines Verfassers betrachtet (und verdammt) werden.

  • In Josua 6,17 fordert Josua bei der Einnahme der Stadt Jericho: „Und die Stadt selbst und alles, was darin ist, soll dem Bann des HERRN verfallen sein […]“ und in Jos 6,21 ist zu lesen: „Und sie vollstreckten den Bann an allem, was in der Stadt war, an Mann und Frau, an Alt und Jung, an Rind, Schaf und Esel, mit der Schärfe des Schwertes.
    War Josua, der von „Gott“ berufene Nachfolger von Mose der gedankliche Urheber dieser verabscheuenswerten Massenmorde? Laut A.T. war dem nicht so, denn in einer abschließenden ‚Erfolgsbilanz‘ heißt es: So schlug Josua das ganze Land […] und all ihre Könige: „Er ließ keinen Entronnenen übrig. An allem Lebenden vollstreckte er den Bann, wie der HERR, der Gott Israels, geboten hatte.“ (Josua 10,40)

Ob es sich tatsächlich so zugetragen hat, ist eine andere Frage – in Archäologie und Geschichtsforschung werden zunehmend Zweifel daran geäußert. (Vgl. hierzu auch „Genozid in der Bibel?“ auf auslegungssache.at; in diesem Blogartikel wird zu meinem Erstaunen dargelegt, selbst anhand der Bibel lasse sich belegen, dass diese Auswüchse niemals so stattgefunden hätten.)
Die späteren Blutspuren christlicher Organisationen und Herrscher lässt sich indessen nicht bestreiten, nur ist sie nicht das originäre Produkt ‚des Christentums‘ in seiner ursprünglichen Gestalt: Die primäre Verantwortung liegt bei einer religiösen Vereinigung, deren Selbstverständnis sich über Jahrhunderte von dem des heutigen sog. Islamischen Staates allenfalls graduell unterschied. Ohne zwischen den Glaubensaussagen einerseits und dem Anspruch und den Handlungen einer spezifischen Organisation andererseits zu differenzieren, wird man dem Christentum nicht gerecht werden können.

Buggle selbst stellt in seinem Buch fest:

Ich kenne eine große Zahl von überzeugten Christen, deren ethisches Niveau das des biblischen Gottes bei weitem übertrifft.

Diese Erfahrung kann ich bestätigen – allerdings nur insoweit, als ich die grausame, auf Rache und brutale Sippenhaft bestehenden  von zeitgenössischen Klerikern im A.T. skizzierten Gottesbildes als verstörend und abstoßend empfinde. Ein einfacher Textvergleich offenbart, wie in den Büchern des Alten/Ersten Testament unterschiedliche Autoren ihre persönlichen charakterlichen Defizite und Ängste gewissermaßen auf den von ihnen erschaffenen „Gott“ ausgelagert haben. Ähnlichkeiten mit dem realen Gott sind bestenfalls zufällig und ich frage mich bis heute, wie ‚er‘ wohl über die böswilligen Zuschreibungen von Völker- uns Säuglingsmord, Naturkatastrophen und endlosen Hasstiraden auf seine Person denkt…


Von besonderem Interesse ist die Überschrift des Vortrages „Sie wissen nicht, was sie glauben“. Diese verallgemeinernde Aussage trifft meiner persönlichen Erfahrung nach natürlich nicht auf alle Christen zu, aber doch in erschreckendem Ausmaß: Unter katholischen wie auch evangelikalen Christen bin ich etlichen ’normalen Gläubigen‘ begegnet, die keine der heiklen Bibelpassagen jemals gelesen hatten und sich auch mit zentralen Dogmen ihres Glaubens nie auseinandergesetzt hatten.

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Rückblick (1960): Zukunft des Unglaubens vs. Marktnische für asiatische Religionen

In seinem in der ZEIT vom 29. Januar 1960 veröffentlichten Beitrag „Zweifel am christlichen Glauben“ fasste Gerhard Szczesny einige Thesen seines Buches „Die Zukunft des Unglaubens“ zusammen.

„Der Mensch, ist ein religiöses Wesen, Wenn sein eingeborenes Bedürfnis nach einer befriedigenden Sinngebung der irdischen und kosmischen Zusammenhänge verkümmert, kommt es zu schweren Fehlentwicklungen des einzelmenschlichen und des gesellschaftlichen Lebens…“

Dem gegenüber stehe ein wachsendes Unvermögen, die christliche Heilslehre nachzuvollziehen, was eine „Epoche des Materialismus und der Oberflächlichkeit […] der Rücksichtslosigkeit und des Zynismus“ herbeigeführt habe.
Diese Beobachtung stammt wie gesagt aus dem Jahr 1960 …und da hatte ich immer angenommen, ein halbes Jahrzehnt vor meiner Geburt sei die Welt aus katholisch-konservativer Sicht noch ‚in Ordnung‘ gewesen. Es gab noch keine Pille, die 68er hatten noch nicht den Geist des antiklerikalen Ungehorsams befördert und die Mehrheit der Menschen in Westdeutschland gingen am Sonntag noch brav in die Kirche.

Und dennoch sah Szczesny bereits vor gut 55 Jahren keinerlei Ansatzpunkte dafür, wie es den christlichen Kirchen gelingen könne, „das verlorene Glaubensterrain wieder zurück zu erobern“. Statt dessen hält er Ausschau, inwieweit andere Heils- und Lebenslehren diese verhängnisvolle Entwicklung aufzuhalten imstande seien:

„Welche im Christentum offenbar nicht gegebenen Voraussetzungen müßte eine Religion erfüllen, um das Glaubensbedürfnis des zeitgenössischen Menschen wieder zu wecken?“
Die Antwort liefert Szczesny gleich mit: Einer solche Religion müsse eine „monistische und dynamistische“ Metaphysik zugrunde liegen, ferner sei eine humanitäre Lebensphilosophie, eine personalistische Individual-Moral sowie eine demokratische Sozial-Moral geboten. Klingt für mich verdächtig nach Beliebigkeit, doch der Autor selbst bezeichnet diese Zusammenstellung von Erfordernissen als hypothetisch.

Schwierig daran finde ich eine Betrachtungsweise, welche die essenzielle Frage von Glaube und Nichtglaube, von spiritueller Suche und schmerzlichen Zweifeln und nicht zuletzt der eigenen Lebensausrichtung vornehmlich in den Kontext eines Zeitgeistes stellt. Als sei es jeweils ‚modern‘ geworden, alte Glaubensvorstellungen abzulegen und sich von Medien, Buchautoren und ‚den anderen‘ in eine unbesonnene, leichtfertig gleichgültige Dauerstimmung versetzen zu lassen, in welcher die klassischen Sinnfragen kaum mehr gestellt würden.
Zudem sehe ich Religion nicht als etwas Abstraktes, sondern als historisch gewachsene Gesinnungsgemeinschaft, deren zentrale Glaubensüberzeugungen sich nicht bis zur Unkenntlichkeit verhandeln lassen.

Der fragwürdige Austausch der bisherigen durch eine geeigneter erscheinende Religion hat nur wenig mit Unglauben zu tun. An überhaupt nichts zu glauben impliziert nach meinem Verständnis, die Existenz mindestens einer allmächtigen, schöpferisch tätigen Entität („Gott“) geradewegs abzulehnen. Sobald diese Existenz aber bejaht wird (und man nicht davon ausgeht, es handele sich bei ihr um ein den Menschen nur weit, sehr weit überlegenes Alien, das nicht auf eine körperlich-materielle Daseinsform angewiesen sei), kann von Unglaube im engeren atheistischen Sinne nicht länger die Rede sein. Insoweit finden sich weltweit nicht allzu viele „Ungläubige“, denn mehr als 90 Prozent aller heute lebenden Menschen gehen ‚irgendwie‘ von der Existenz eines göttlichen Wesens aus, oder mehrerer. Ob sie zusätzlich an Religion interessiert sind, ist eine andere Frage, denn dazu müsste eine bewusste Entscheidung getroffen werden, die deutlich über die intuitiv-unreflektive Haltung des ‚irgendwie glaube ich schon, dass er existiert‘ hinausgeht.

Gerhard Szczesny hat sich 1960 also überhaupt nicht mit Ungläubigkeit auseinandergesetzt, sondern 1. mit Glaubenszweifeln und 2. mit der schrumpfenden Bereitschaft aufgeklärter Zeitgenossen, ihre Denkweise und ihren persönlichen Glauben noch länger in eine dogmatische Schablone pressen zu lassen, welche ihre existenziellen Fragen vermeintlich unbeantwortet lässt. Diese Tendenz nahm seit damals stetig zu, jedenfalls in westlichen Ländern und ganz besonders hier in Deutschland. Von der wachsenden Zahl der Kirchenaustritte nun gleich auf Phänomene wie „Gottlosigkeit“ und Identitätsverlust unter den Deutschen zu schließen, wäre aber kurzsichtig.

Die antizipierte Reaktion (sich halt eine neue Religion zu suchen) erwiest sich jedenfalls im Rückblick als unzutreffende Mutmaßung: Wer seine christliche Konfession nicht aus einer bloßen Laune oder nur zwecks Einsparung der Kirchensteuer ablegt, sondern nach reiflicher Überlegung, wird nicht zwangsläufig für eine andere Religion zu gewinnen sein. Die Beweggründe für einen Kirchenaustritt waren und sind zu vielfältig, um den Eintritt in eine neue Gemeinschaft gewissermaßen als Workaround für Suchende zu idealisieren. Wie bedeutsam die Bestrebungen sind, eigene Gottesbilder und Glaubensvorstellungen zu verwirklichen, hat die starke Tendenz zu synkretistischen Anschauungen gezeigt, nicht nur im weit verzweigten Umfeld von NewAge-Bewegungen und Esoterik.

Und was ist daran falsch? Zunächst einmal nichts, denn auch die etablierten Religionen entstanden letztlich aus den subjektiven Überzeugungen und Erfahrungen einer anfänglich kleinen Schar von ‚Glaubenspionieren‘.
Dass darin freilich auch eine Gefahr liegen kann, zeigte Wolfgang Niedecken (BAP) mit dem Lied ‚Ne schöne Jrooß‘ Anfang der 80er Jahre:

„Noch zo empfähle wöör dämm janze Komplott:
Schenkt jedem einzelne doch ’ne Aufblasbar-Gott
(uss Venyl) – abwaschbar, exakte Maße, verbrauchergerecht (jefühlsecht)

Es ist natürlich nicht verboten, sich seinen eigenes ganz persönlichen Gott zu erschaffen – doch wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, damit richtig zu liegen…d.h. dass ein existierender Gott dem eigenen Entwurf wesensmäßig auch nur nahe kommt? Und, hätte es womöglich Konsequenzen, falls wir neben einem sehr hohen Maß an Wunschdenken auch etliche Denkfehler in unseren Gottes-Entwurf einbauten – indem wir beispielsweise ein paar die Kausalität verleugnende HappyEnd-Götter erschüfen, dank derer am Ende alles, aber auch wirklich alles gut ausgeht? Würden im Zuge der Hollywood-Veriante eines Pantheons würden Hitler, Stalin und George W Bush jun. gemeinsam mit Robin Williams, Gandhi und Martin L. King himmlische Freuden genießen, ohne dass die ersten drei genannten Herren jemals die Konsequenzen ihrer Entscheidungen erfahren hätten?
Oder gehört zu einer Gottes- und Jenseitsverheißung auch ein wenig Plausibilität?

Zukunft asiatischer Religionen in Europa?

Lesenswert ist der alte Beitrag Szczesnys trotzdem, denn er stellte das Christentum drei weiteren Weltreligionen (Islam, Hinduismus und Buddhismus) gegenüber und betrachtete deren Vorzüge und Nachteile für das Christentum verschmähende, aber gleichwohl glaubenswillige Mitteleuropäer. Der Autor scheint mit einigem Bedauern zu konstatieren, gerade der Buddhismus entfalte „nicht genügend missionarische Leidenschaft und organisatorische Kraft aufbringt, um seine Chancen in Europa zu erproben“.

Mir stellte sich beim Lesen die Frage: Sind materialistisches Denken und Konsumismus nicht gewissermaßen auch religionsähnliche Lebensanschauungen? Und haben nicht viele Deutsche ihre nicht immer zu Unrecht als zu autoritär und aufrichtig empfundene Konfession bereits gegen diese Pseudo-Religionen eingetauscht?

 

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„Kreuzverhör“: Der kath. Theologe Klaus v. Stosch stellt sich Fragen von Atheisten

Leitplanken für’s Denken?

Ein hörenswertes, für mich hochinteressantes Gespräch, das hier mit dem röm.-katholischen Theologen Professor Klaus von Stosch geführt wurde. Obgleich ich mich bereits lange zuvor einigermaßen intensiv mit der Lehre der RKK befasst hatte, ergaben sich mehrere Aha-Erlebnisse.
Das gut zweistündige Gespräch unternimmt einen Streifzug über komparative Theologie, die Dogmatik der RKK, die Stellung von Frauen in der Kirche und gipfelt in den zentralen Fragestellungen:

  • Ist die Existenz Gottes von einem rationalen Standpunkt her zu begründen?
  • Theodizee: Weshalb lässt ein allgütiger, allmächtiger und allwissender Gott Krankheit, quälendes Sterben und Leid in kaum vorstellbarem Ausmaß zu („Wenn diese Welt das Werk eines intelligenten Schöpfers ist, dann sollte uns dieser Schöpfer all das einmal erklären.“)

Zwei Wermutstopfen sind mir aufgefallen: Der Moderator vom ‚Ketzerpodcast‘ hat sich zwar gründlich auf dieses kontroverse Gespräch vorbereitet, doch im katholischen Glauben scheint er nicht nicht hinreichend bewandert, um fundierte Kritik (z.B. an der Dogmatik) zu üben. Außerdem erliegt er gelegentlich der Versuchung, den Theologen Stosch jeweils im falschen Moment rüde zu unterbrechen.

Wenn man den katholischen Glauben richtig ersteht, ist er in allen Punkten zutiefst rational.“

Natürlich. Falls ich jemals mein ganz persönliches Modell der Wirklichkeit entwerfe, werde ich (hoffentlich) darauf achten, dass wenigstens alle innerhalb dieser geschlossenen Systematik mit ihren spezifischen Prämissen getroffenen Aussagen konsistent sind. Hingegen würde ein Atheist diesen Entwurf nur insoweit anerkennen, als dieser sich auf mit naturwissenschaftlichen Methoden (Beobachtung, Messung, Berechnung etc.) gewonnen Erkenntnissen in Einklang bringen lässt.
Von einem Nichtglaubenden bzw. Nicht-Katholiken kann meiner Ansicht nach nicht erwartet werden, sich seinerseits auf das christlich-katholische Wirklichkeitsmodell einzulassen und seine Argumentation allein darauf zu beschränken.
Eine Vorbedingung (im Sinne von ‚Wir setzen die Existenz Gottes in dieser Diskussion einfach mal voraus‘) ist meines Erachtens unzulässig, denn sie zwingt dem Atheisten eine Position auf, welche er ausdrücklich nicht vertritt.

Der Diskussionsteil über die Mariendogmen der RKK steht unter dem Zeichen einer Relativierung: Zum einen stünden die Aussagen der RKK übe die „Gottesgebärerin“ Maria nicht im Zentrum der kirchlichen Glaubenslehre. Ferner ‚müsse‘ ein Kritiker dieser und weiterer Glaubenssätze sich schon die Mühe machen, deren historischen Hintergrund sowie die Intention der Kleriker für die jeweilige Aussage zu verstehen – „wenn er auf Augenhöhe diskutieren will“.
Mir ging dabei durch den Kopf: Wie viele „streng gläubige Katholiken“ haben jemals die Chance, ein hinreichend tiefes (=wissenschaftliches) Verständnis der Grundsätze ihres eigenen Glaubens zu entwickeln? Und wie kann ein Anathema ( → anathema sit, →Exkommunikation) ‚automatisch‘ wirksam werden, ohne dass ein solches Verständnis vermittelt bzw. erlangt wurde?
Auch die Metapher von Dogmen als „Leitplanken für das Denken auf der sechsspurigen katholischen Autobahn“ weckt meinen Widerwillen: Zwar glaube ich an die Existenz Gottes, doch mag ich mir von keiner Institution einen Rahmen für mein Denken vorgeben lassen, den ich nicht verlassen darf/soll. Die Gedanken sind frei.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, die vom Moderator vorgebrachten Kritikpunkte beziehen sich im wesentlichen auf Aussagen, wie sie in  Predigten, auf Kirchentagen und in Podiumsdiskussionen von römisch-katholischer Geistlichen sehr wohl vertreten werden, d.h. sie bilden gewissermaßen einen Standard ab. Hierbei handelt es sich sicherlich nicht um einen akademisches Niveau, sondern um allgemeinverständliche Abrisse des katholischen Glaubensverständnisses.

Für Hörer des Podcasts könnte dennoch der Eindruck entstehen, der Moderator könne dem Theologen Stosch nicht annähernd das Wasser reichen – nur: worum geht es denn im Kern, wenn junge Menschen sich kaum mehr mit Glaubens- und Sinnfragen auseinandersetzen wollen? Vermutlich um das Erscheinungsbild einer Kirche, wie es auch in den Mainstream-Medien gezeichnet wird, die sich mehr und mehr von der Lebenswirklichkeit der ‚Normalverbraucher‘ entfernt. Als Folge dieser wachsenden Distanz kommt es bei den ‚Suchenden‘ gegebenenfalls zu einer Umorientierung und der Rest lässt sich lieber vom allabendlichen TV-Programm berieseln oder spielt Egoshooter am PC.

So gesehen hilft es der Theologie wenig, sich in in ihrem Elfenbeinturm aus formalen und inhaltlichen Anforderungen an das Vorwissen ihrer Kritiker und die stringente Fundiertheit in deren Argumentation verschanzen. Da fallen Schlagworte wie „Stammtisch-Niveau“, „primitiv“ und „unterirdisch“, den Rest habe ich nicht behalten.

„Ich wünsche mir Atheisten, die sich auf wissenschaftlichem Niveau mit mir streiten.“

Siehe auch:

 

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„Glauben wir an denselben Gott?“ Vortrag von Prof. Klaus von Stosch

Christlicher Trinitätsglaube und islamisches Gottesbild im Vergleich

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Nicht-öffentliche Prozesse der kath. Kirche in Deutschland

„Die Kirche ist eine Institution, das haben wir auch gelernt in den letzten Jahren, die anders ist als andere Institutionen, die unter anderem eben ein eigenes Rechtssystem hat und eigene Gerichte hat.“[1]

Hierzulande gibt es 22 katholische Straf- und Ehegerichte. Dort finden Zeugenbefragungen und Verhöre statt; es gibt Ermittler, Gutachter, Kirchenanwälte, Vernehmungsrichter. Sämtliche Prozesse finden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

„Nur selten dringt etwas nach außen und das ist gewollt.“

Diese Gerichte befassen sich unter anderem mit den Verfehlungen des eigenen Personals, etwa mit Missbrauchstätern. Ferner werden sog. „Ehenichtigkeitsverfahren“ geführt – die einzige kirchenrechtliche Möglichkeit, eine katholische Ehe aufzuheben, d.h. „eine Chance für hunderttausende Kirchenangestellte die trotz einer zweiten Beziehung ihren Arbeitsplatz nicht verlieren wollen“.

Resultat dieser Kirchengerichtsprozesse sind In-Group-Urteile, d.h. sie besitzen Relevanz (nur) für Personen, welche der betreffenden Gruppe angehören. Für Außenstehende besitzen diese Urteile meist weder eine Bedeutung noch haben sie spürbare Auswirkungen.

Der Film „Richter Gottes“ gibt zum ersten Mal einen Einblick in die Welt der deutschen Kirchengerichte und zeigt, welche Prozesse dort geführt werden:

Die kirchenrechtliche Abklärung des Fortbestehens einer (kirchlich geschlossenen) Ehe – ein durchaus nachvollziehbarer Vorgang. Dagegen fehlt mir für jegliche Formen einer Paralleljustiz im Strafrecht jedes Verständnis – ganz gleich ob nun nach der Scharia oder Prinzipien eines Kirchenrechts gerichtet werden soll. Wir leben Deutschland.

Zudem erweist sich die kircheninterne Aufarbeitung von Straftaten als intransparent. In jedem Falle bleibt ein bitterer Nachgeschmack, wenn Geistliche, die Kinder missbraucht haben, von Kirchengerichten verurteilt und nicht von weltlichen, wie ’normale‘ Personen auch.

Quellenangaben

  1. Sprecher der Opfergruppe bewertet Kirchengerichtsurteil als zu milde: „Für den Täter ist das keine wirkliche Strafe“ (Missbrauch am Berliner Cusanius-Kolleg)
  2. Kirchengerichts-Urteil zu Missbrauch: „Das ist beschämend“ (SPIEGEL)

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Die beste und längste Beerdigung?

Hundertfünfzig Jahre früher hatte der Asteroidengürtel unerreichbar weit entfernt am Horizont geschwebt. Randvoll mit wertvollen Mineralien, der allerdings nicht wirtschaftlich abgebaut werden konnten gewesen war, und die äußeren Planeten waren nicht einmal in den kühnsten Träumen der genialsten Profitmaximierer der großen Firmen vorgekommen.

„Dann hatte Solomon Epstein einen leicht veränderten Fusionsantrieb konstruiert, auf seine Dreimannjacht gepflanzt und ihn eingeschaltet. Mit einem guten Teleskop konnte man sein Schiff immer noch mit einem Bruchteil der Lichtgeschwindigkeit in die große Leere fliegen sehen. Die beste und längste Beerdigung in der Geschichte der Menschheit.“

Dankenswerterweise hatte er die Pläne für diesen Antrieb daheim in seinem Computer hinterlassen. Der Epsteinantrieb schenkte der Menschheit zwar nicht die Sterne, lieferte ihr ihr jedoch die Planeten des Sonnensystems aus – und den Asteroidengürtel weiter draußen.-

Der SciFi-Roman „Leviathan erwacht“ von James S. A. Corey (ein gemeinsames Pseudonym der Science-Fiction-Schriftsteller Daniel Abraham und Ty Franck) beschreibt also den Inbegriff einer ‚guten‘ Beerdigung? Kommt wohl darauf an, worauf man Wert legt? Wer ein bleibendes Zeichen hinterlassen möchte, in den Geschichtsbüchern oder, noch besser, für jedermann sichtbar, dem mag solch ein fliegendes Grab gefallen.
Meine eigenen Überlegungen und Wünsche sind bei weitem profaner: Vor allem denke ich über die Zeitspanne unmittelbar vor meiner glanzlosen Feuerbestattung (nicht nötig, der Nachwelt ein Häuflein Sondermüll zu hinterlassen) nach – der Sterbevorgang jagt mir regelmäßig ein Schauern über den Rücken, doch was danach mit meinem ‚Andenken‘ geschieht, ist mir relativ gleichgültig.

So gesehen ist kaum anzunehmen, dass Solomon Epstein einen angenehmen Tod erlitten hätte, wäre seine Person nicht fiktiv. Doch sind auch sehr reale Personen von dem Wunsch beseelt, unter keinen Umständen in Vergessenheit zu geraten.

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Vom Stein zum Leben – Vortrag von Prof. Harald Lesch

Nach einer etwas langatmigen Einführung widmet sich der Erklärbär und Kosmologe Harry Lesch der Frage, wie das Leben aus unbelebter Materie entstanden sein mag. Dabei stellt er durchaus überraschende Thesen auf, z.B. „Heute kann kein Leben mehr entstehen!“ (weil die gegenwärtige Zusammensetzung der Erdatmosphäre dies nicht zulasse). Okay, so wie vor drei Milliarden Jahren würde eine Wiederholung dieses Prozesses nicht ablaufen können.

Wer primär an der Kernfrage – also wie Abiogenese und mikrobiologische Evolution abgelaufen sein könnten – interessiert sich wird sich in Geduld üben (oder vorspulen) müssen, denn Harry Lesch erläutert zunächst die Voraussetzungen zur Entstehung von Leben: Abkühlung der Erde, Vulkanismus, Wasserdampf→ Wasser, etc.

„Leben auf der Erde ist geronnenes Sonnenlicht, ist Manifestation kosmischer Energie. Auch eventuelles Leben anderswo im Universum braucht Sterne als Energiespender…“

Für Leser, de es kurz, knapp und präzise mögen, füge ich an dieser Stelle nochmals mein Lieblingsvideo zur Abiogenese ein, das die entscheidenden Vorgänge (genauer, ein Modell, wie Leben entstanden sein könnte) in nur 9 Minuten und 59 Sekunden skizziert.

Nun aber zurück zum Fabulierenden Harry (dessen ausführliche Art ich eigentlich schätze…nur in diesem Vortrag übertreibt er es für meinen Geschmack):

Die Theorie der Selbstorganisation erkläre, wie lebende Materie aus unbelebter Materie hervorgegangen sein könnte:

Der Physiker beschreibe Leben als Prozess der Selbstorganisation in einem dissipativen Nichtgleichgewicht-System, d.h. offenen offene Systemen, die in einem ständigen Materie- und Energieaustausch mit ihrer Umgebung stehen. Für solche Strukturen ist das Anwachsen von Entropie wesentlich: Energie wird der Außenwelt entzogen und gleichzeitig Abfallenergie in die Umwelt dissipiert (=verteilt). Mit anderen Worten, der Materie sei nach Vorliegen der o.a. Ausgangsbedingungen gar nichts anderes übrig geblieben, als sich zu organisieren.

Belebte Materie sei entstanden, weil die Einzelbausteine in diesem symbiotischen System Leben besser zusammenwirkten als vorher. Eingriffe eines Schöpfers (‚Gott‘) seien für diesen Organisationsprozess zu keiner Zeit notwendig gewesen; ein Merkmal selbstorganisierender Systeme, die durch solche Eigenschaften charakterisiert sind, nennt man Es können ohne externe Lenkung spontan neue Ordnungen entstehen.

Vortrag: Vom Stein zum Leben

Ergänzt und erklärt wird Leschs vermeintlich glaubensfeindliche Haltung durch ein etwas älteres Statement über Gott und die Wissenschaft (s.u.)

Die Theologie habe einen strategischen Fehler gemacht, als sie die Naturwissenschaften auf ihre Wissenslücken hinwiesen und dort Gott zu verorten. „Das ist dumm, denn jeden Tag, wo ein bisschen mehr gewusst wird, schrumpft Gott so Stück für Stück auf Bonsaigröße zusammen. Was soll das für eine Religion sein? Nein, beide Wissenschaften behandeln ganz unterschiedliche Probleme.“

Ich verstehe seine Aussagen so, dass sowohl Gott als auch das uns nach dem Tod möglicherweise erwartende Jenseits außerhalb von Raum und Zeit, d.h. außerhalb dieser materiellen Welt stattfinden. Innerhalb dieses Universums könne allenfalls die Feinabstimmung von Naturgesetzen und Naturkonstanten Hinweise auf die mögliche Existenz Gottes (gewissermaßen als ‚externe erste Ursache von Allem-was-ist‘) liefern. Das Geschehen innerhalb der materiellen Welt ohne Einwirken Gottes erklären – nicht aber die Sinnfrage („wozu das alles?“).

Naturwissenschaftler sehen sich aufgrund ihrer Kirchenzugehörigkeit bisweilen einem gewissen Rechtfertigungsdruck seitens ihrer atheistisch/agnostisch orientierter Kollegen ausgesetzt. Der gläubige Christ Harald Lesch, der sich als „Protestant vom Scheitel bis zur Sohle“ outet, bestreitet dagegen einen Widerspruch zwischen Naturwissenschaft und Glaube, denn beide haben ihren eigenen, voneinander abgrenzbaren Zuständigkeitsbereich. An der Vereinbarkeit von Wissenschaft und Glauben besteht für ihn deshalb kein Zweifel.

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