Zwei Musikstücke von Abel Korzeniowski

Melde mich nach längerer Abwesenheit (existiert eigentlich ein spezielles Fegefeuer für Hacker und Spammer? – vielleicht mit PC- und Internet-Verbot? Mein Mailaccount ist immer noch mausetot) kurz zurück, um ein Musikstück zu teilen, das sogleich meinen Nerv getroffen hat:

Closer Than Sisters von Abel Korzeniowski (u.a. im Soundtrack zur Serie Penny Dreadful zu finden):

Beim Anhören etlicher Stücke von A. Korzeniowski fiel mir nebenbei auf: allzu schwermütig darf „es“ (Musik,Literatur, Filme…) für mich auch nicht sein. Einseitige Traurigkeit, die einen immer tiefer in den Depri-Modus hinab zieht, ‚packt‘ mich nicht (wie auch ein unablässig-ausgelassener, noch dazu lautstark-grell vorgebrachter Glückstaumel mich unberührt lässt).
Sanftheit und Wehmut, gepaart mit einem gehörigen Schwung Sehnsucht und einem winzigen Hauch Hoffnung, das ist eher was. Ein Stück wie „Closer Than Sisters“ trifft meine Wellenlänge haargenau – langsam, besinnlich, auch eine fühlbare Traurigkeit, jedoch ohne jene erstickende Hoffnungslosigkeit und ganz sicher frei von Aggression.

By the way, gleich noch so ein schönes Klangwerk:

Street Horse Smell Candle – Abel Korzeniowski

Wer noch immer nicht genug hat … → Vanessa‘ Dream.

Die Horrorserie Penny Dreadful, eine lebhaft-kreative Vermischung fiktionaler Figuren aus dem 19. Jahrhundert der irischen und britischen Literatur wie Dorian Gray, Bram Stokers Dracula, Frankenstein sowie Jekyll & Hyde, wird kaum jedermann begeistern. Selbst fand ich manches daraus recht unterhaltsam, den Soundtrack hingegen mag ich immer wieder anhören.

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Der Gott aller Menschen – religiöser Universalismus

Bezug:  Der Gott aller Menschen – Chancen des religiösen Universalismus,
Peter Strasser

Pro multis?

Pro multis (Für viele) ist ein Teil der lateinischen Wandlungsworte in der katholischen Messfeier: „qui pro vobis et pro multis effundetur in remissionem peccatorum“ (dt.: Dies ist der Kelch des neuen und ewigen Bundes, mein Blut, das für euch und für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden). Papst Benedikt XVI. ordnete im April 2012 in einem Schreiben an die an die Mitglieder der deutschen Bischofskonferenz an, dass „pro multis“ statt mit den Worten „für alle“, mit „für viele“ übersetzt werde. (Vgl. → Mt 26,26-28)

Was auf den ersten Blick als spitzfindiges Kleinklein über eine Frage zur korrekten Übersetzung der Bibel erscheinen mag, hat einen ernsten Hintergrund: Der Ausdruck „für viele“ gebe auch die Tatsache wieder, dass die Erlösung nicht in einer „mechanistischen Weise“ verstanden werden dürfe: „Christus stirbt jedoch nicht für alle, sondern nur für viele in dem Sinn, dass nicht allen tatsächlich die Sünden vergeben werden. Nicht alle erlangen effektiv das Heil. Zu Christi größtem Schmerz gibt es Menschen, an deren Seele sein Opfertod nicht wirksam wird (eingeschränkte Heilswirksamkeit).2
Andernfalls bliebe die ‚Hölle‘ wohl leer, was nicht jedem Theologen behagen will.

Mit dieser Anordnung – getreu dem konservativ-päpstliche Motto Extra ecclesiam nulla salus – „Kein Heil außerhalb der Kirche“ – wandte sich Benedikt ein weiteres Mal entschieden „gegen den Modernisierungseifer“ all jener Christen, die sich Laienplattformen wie „Wir sind Kirche“ verbunden fühlten“1.
Dieser Exklusivismus, Instrument sowohl zur theologischen Abgrenzung von anderen Religionen als auch zur dogmatischen Ausgrenzung aller Anders- und Nichtgläubigen wie auch derer, die ’nicht kirchentreu‘ sind – basiert auf der subjektiven Vorstellung, die eigene Konfession sei „die einzig wahre, richtige oder heilbringende“ und andere Glaubensrichtungen hätten keinen Anteil an heilsentscheidenden Wahrheiten.

Nun gibt der österreichische Philosoph Peter Strasser zu bedenken, die Zukunft des Christentums werde sich daran entscheiden, „ob es gelingt, glaubhaft zu lehren und zu leben, dass die christliche Gottesvorstellung tatsächlich dem Gott aller Menschen verbunden war und bleibt“.
Demnach lasse sich das dogmatische Aussage, nur innerhalb der Kirche sei (voll wirksames) Heil zu erlangen, als ein „Angriff auf das innerste Wesen des [Ur-]Christentums“ auffassen. (Bereits hier zeigt sich: Strasser differenziert zwischen dem von Jesus begründet Christentum und der römisch-katholischen Lehre.)
Das eigentliche Wesen des Christentums liegt für ihn im religiösen Universalismus. Aus der Lehre Jesu lasse sich aus dem „für viele“ eben kein kategorisches, befehlendes Dogma im Sinne eines ausschließenden „aber nicht für alle!“ ableiten.

Kein Machtanspruch Jesu, sondern der Verzicht auf einen solchen

Das jesuanische Christentum habe in seiner ursprünglich eschatologischen (‚auf das Jenseits blickenden‘) Ausrichtung, keinen Wert darauf gelegte, die Welt zu erobern. Vielmehr wurde das Ende aller Tagein einem „agonale Weltgefühl zwischen Verzweiflung und Heilserwartung“ als nahe bevorstehend erwartet:
„…Geht nicht den Weg zu den Heiden und betretet keine Stadt der Samariter, sondern geht zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel! Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe!“ (Mt. 10, 5–7)
(Jesus weiter: „Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben. Steckt nicht Gold, Silber und Kupfermünzen in euren Gürtel.“ Auch diese Mahnung scheint im Umfeld der institutionalisierte Religion etwas in Vergessenheit geraten…)

Oswald Spengler ging so weit, dass er in seinem „Untergang des Abendlandes“ aufgezeigt, wie falsch es war, die Haltung Jesu als „moralischen Imperativ“ zu interpretieren. Die Moral Jesu sei vielmehr ein „als heilkräftig empfohlenes Verhalten, dessen Kenntnis als eine besondere Gnade verliehen wird“. Für Spengler sei Jesu Heilsbotschaft eine geheimnisvolle Wohltat, die man „erweist, nicht aufdrängt“.

Spengler: „Die christliche Mission ist in ihrem Wesenskern beinahe immer missverstanden worden. Aber das Urchristentum, die magische Religion des Stifters, dessen Seele dieser brutalen Aktivität ohne Takt und Tiefe gar nicht fähig war, ist erst durch die hellenistische Praxis des Paulus – bekanntlich unter schroffstem Widerspruch der Urgemeinde – in die lärmende städtische demagogische Öffentlichkeit des Imperium Romanum hineingezogen worden.“
Jesus habe Fischer und Bauern an sich gezogen, wohingegen Paulus der „großstädtischen Form der Propaganda“ zuwandte.“3

(Exakt in dieser Weise nehme ich die Entwicklung des frühen Christentums wahr, welches sich in dem Maße von seinen Wurzeln und seinem Urheber (= Jesus und nicht etwa dieser Paulus) entfernte, wie es sich an die Machthaber im Imperium Romanum anlehnte und bald mit ihnen kungelte.)

Strasser knüpft hier an: das jesuanische Christentum sei maßgeblich umgeformt worden, um es den griechischen und römischen „Heiden“ nahe bringen zu können – wobei die Prediger anfänglich noch darauf verzichteten, das Evangelium mit Drohgebärden aufzudrängen oder gar mit Gewalt durchzusetzen.

Spätestens mit dem ersten Konzil und der Vereinnahmung durch die römischen Kaiser zeige sich „eine grundlegende Veränderung der Glaubensatmosphäre, hin zum Totalitären“. Die Bekämpfung der Arianer, die Verdammung ihrer Position stehe exemplarisch für den nun erhobenen Absolutheitsanspruch:
Mit der Dogmatisierung des Glaubens wähnt man sich nun „im Besitz der einen, einzigen Wahrheit –; es wird darüber hinaus der Bekehrungsauftrag als einer verstanden, der gottgewollt mit allen Mitteln durchzuführen sei“1.
Die Kirche verband sich mit der weltlichen Gewalt, bediente sich ihrer und ließ sich von ihr benutzen – ein drastischer Abschied vom sanften Geist ihres Gründers.

Allerdings – und „das eben ist die Ironie und Weisheit der Geschichte“ –, wäre das Christentum dem Vorbild Jesu konsequent treu geblieben, hätte es sich kaum gegenüber der nicht minder aggressiven religiösen Konkurrenz behaupten können.
(Ist dem so? In ersten drei Jahrhunderten waren Christen grausamsten Verfolgungen ausgesetzt, das ist wahr, doch lebte es unter härtesten Bedingungen im Untergrund weiter. Ohne die Erhebung zur Staatsreligion und die einhergehende dogmatische Vereinheitlichung würde sich das Christentum wohl nicht über die gesamte bekannte Welt ausgebreitet haben – doch wäre es ganz untergegangen? Oder hätte es als weitgehend verborgene Kostbarkeit weitergelebt?)

Der moralische Anspruch und seine fragliche Berechtigung

Nun wendet sich Strasser einer hochaktuellen Frage zu: Mit welcher Berechtigung stelle das westliche Christentum heute noch einen spirituellen und moralischen Anspruch?
Hat es sich denn nicht mit dem Blut der Religionskriege [sowie der Ausrottung von Abweichlern] besudelt, ist es nicht schon längst in das Lager des Erzfeindes übergetreten…?

Tatsache ist: diese behauptete moralische Instanz wird zunehmend in Zweifel gezogen, was gegenwärtig weniger der historischen Belastung als dem Verhalten des klerikalen Personals geschuldet ist. Was spräche dagegen, zum Geist des Urchristentums zurückzukehren und die Abkehr „von dem, was daraus geworden war“ in einer radikalen Wende zu vollziehen?
(Sobald das Christentum bzw. das Religiös-Spirituelle allgemein als moralgebende Instanz abgelehnt wird, erweitert sich der Fokus dieser Frage. Worauf überhaupt beruht jeder Versuch, moralisches Fundament zu begründen und zu rechtfertigen?
Die unverletzliche Würde eines jeden Menschen lässt sich nicht leicht gegenüber einer Position behaupten, die mit David Hume den Standpunkt vertritt ‚alles Ethische ist subjektiv‚. Mir fällt in meinem ganzen Halbwissen nur das Naturrecht in seiner säkularen Ausprägung ein, das einen ‚autonomen Werterationalismus‘ abseits religiöser Grundwerte allein von der Erkennbarkeit durch menschliche Vernunft herleitet. → Vgl. Vernunftrecht)A

„Ethische Anerkennung setzt die Erkenntnis eines natürlich Guten voraus.“1

An dieser Stelle, so Strasser, werden wir religiös sensibel. „Werte sind nicht die Wirkungen irgendwelcher Naturgesetze; sie sind vielmehr … ontologisch gestiftet“. Damit stelle sich vehement die Frage nach dem Willen des „Stifters“, also Gottes.
Strassers Antwort auf die Frage nach dem ethischen Anspruch ist nun hochinteressant: Das Christentum sei schrittweise zum Träger eines Universalitätsgedankens geworden, eng verzahnt mit den Kräften des Humanismus und der Aufklärung.

Hingegen habe sich das das Credo quia absurdum (lat. „ich glaube, weil es unvernünftig ist“)  – jene Haltung, wonach christlicher Glaube nur im diametralen Widerspruch zur Vernunft echt und plausibel sei, weil Menschwerdung, Kreuzestod und Auferstehung des ewigen Gottessohnes einem vernünftigen Gottesbegriff widersprächen – nicht wirklich durchgesetzt.

Je absonderlicher, vernunftwidriger das Ereignis, umso glaubwürdiger die Zeugenschaft? Ich weiß nicht… für eine Sekte mag diese Position zweckmäßig sein, um sich nach außen abzuschotten und den Zusammenhalt nach innen zu festigen – aber für eine Weltreligion, die sich nach zähem Ringen sogar der neuzeitliche Naturwissenschaft (Abkehr vom geozentrischen Weltbild, Einbeziehung der Evolutionslehre etc.) öffnete, öffnen musste? Mag sein, mir fehlt hier der philosophische Tiefgang, doch die ausdrückliche Hinwendung zum vermeintlich Absurden erscheint mir als Sackgasse. Vielleicht liegt hier der zentrale Irrtum Joseph Ratzingers, der in seiner Jesus-Biografie auf dieses Argumentationsmodell vom ‚glaubbaren Skandal‘ bemühte, um die Jungfrauengeburt und die Auferstehung Jesu als historische Fakten zu vermitteln.

Eine Überzeugung, das von Jesus gelehrte und gelebte Christentum sei keine regionale, sondern eine universelle Heilsreligion, lasse sich auf Tugenden gründen, die über rein säkulare Ethik hinausreichen und zum „Kernbestand der christlichen Moral“ zählen: Nächstenliebe und Barmherzigkeit – die nicht nach dem Ansehen der Person fragt, sondern allein die Pflicht kennt, dem in Not geratenen Menschen helfend beizustehen.

„Barmherzig zu sein, ist eine Einstellung,
die nichts weiter sieht als die leidende Kreatur.“1

Die Verpflichtung zu Caritas (Nächstenliebe) und Misericordia (Barmherzigkeit) erwachse aus einer persönlichen Verantwortung gegenüber dem Schöpfer und weise daher daher Bedenken zurück, die sich aus zweckrationalen und an (Er-)Folgen orientierten Betrachtungen ergeben.

Jener christliche Universalismus wirke insoweit richtungsweisend: „Die wahre Moral ist demnach notwendig eine gottgefällige und kann als solche nur eine für alle Menschen sein. Das Gute ist gut in allen möglichen Welten.“ Der Mächtige, der Angehörige einer Elite besitzt keine größere Würde und hat in diesem Kontext kein größeres Recht als der Schwache und Wehrlose. Wenn alle Menschen nach Gottesebenbild von Gott geschaffen wurden, kommt ihnen allen auch das gleiche (Grund-)Recht zu.

Szenarien für die Zukunft des Christentums

Der Blick auf die Wirklichkeit… weckt freilich abweichende Eindrücke: Als sei „The Devil’s Party im Gange“, begegnen wir auf Schritt und Tritt unvorstellbarem Leid, das nicht selten daraus entsteht, was Menschen ihresgleichen antun. Gott scheine die Menschen verlassen zu haben, so viele Gebete auch zu ihm aufsteigen mögen. (Vgl. „Theodizee – Gott und das Leid vieler Menschen„).

Vor dem Hintergrund dieser globalen Wirklichkeit sieht Strasser die bedrängende Frage nach der Zukunft des Christentums. Je mehr wir über die Natur wissen, um so schwerer hat es jede Form von Religion, die ihrem Wesen nach ohne das Übernatürliche und Jenseitige nicht auskommt, nicht auskommen will. Das Leben Jesu ist voll von Wundern.
Der großartige Bogen, gespannt von der Genesis (‚Am Anfang schuf Gott die Himmel und die Erde, alle Geschöpfe und zuletzt den Menschen‘) über Krankenheilungen, Dämonenaustreibungen, die Auferstehung und Himmelfahrt Jesu bis zu seiner prophezeiten Wiederkehr am Ende der Zeiten – sowie die Zusage einer Erlösung „nicht an alle, aber doch an viele“ (s.o.) – all dies nehme heute vielfach den Charakter eines Gleichnisses an.

Aber eines Gleichnisses wofür? – Worin besteht die Substanz, in einer „inneren Wahrheit“ des Christentums?
Was von den wundersamen Erzählungen und Verheißungen, welcher Kern der in Traditionen überlieferten und neu erfundenen Rituale erlangt einen objektiven Wahrheitscharakter?
In der Tat, jede dieser Fragen offenbart eine Krise: „Für den Glauben an ein echtes Wunder fehlt heute, in der Epoche des Naturalismus, die ontologische Basis, mithin jenes Seins-Verständnis, das ein unmittelbares Einwirken Gottes auf die Welt glaubhaft scheinen ließe“.1

Strasser sieht das Christentum vor dem Problem, dem Druck der Verweltlichung nachgeben zu müssen – zumal sich innerhalb unserer Kultur kaum noch Stärkungen des Glaubens finden (außer an den zunehmend extremen Rändern, die sich in einem reaktionären Fundamentalismus einrichten, der sie zusehends von der Gesellschaft forttreibt…wohl wahr, Pius-Brüder und Legionäre Christi werden das Christentum kaum retten).

Ferner Laien wollten sich einen Reim auf das biblische und konventionell-religiöse Lehrangebot machen dürfen.

  • Das neofundamentalistische Szenario
    Auch im liberalen Westen sei damit zu rechnen, dass – nicht zuletzt im Zuge der Auseinandersetzung mit dem Islam – sich die christliche Glaubenspraxis wieder verhärtet: „Mehr Bibeltreue, mehr liturgischer Ernst …und stattdessen die Befreiung Gottes aus den Fesseln einer menschgemachten Moral, einer glaubensindifferenten Humanität!“ Damit könnte auch die Religions- und Bekenntnisfreiheit unter Druck geraten.
    Für Strasser liegt darin ein Irrweg, zumal die blutigen Fehden zwischen den Religionen (und Konfessionen) dadurch neu aufzuleben drohten. Zudem, das breite naturwissenschaftliche Wissen ist sicher nicht auf dem Rückzug und die vermeintliche ‚Wohnungsnot Gottes‘ nimmt eher zu.
  •  Als Alternative: das ‚universalistische Szenario‘
    Der Glaube an den Gott aller Menschen erhalte eine echte Chance, indem die im liberale Richtung des Westens seit Langem entschieden weiter verfolgt werde: gute Werke zu tun im Geiste der Goldenen Regel (⇒ Caritas und Misericordia), „welche den wahren religiösen Universalismus aus persönlichem Bekenntnis repräsentieren“.

Fazit

Sofern wirklich nur diese beiden Alternativen bestünden, wäre ein Rückfall in Verhärtung und Feindlichkeit sicher nicht die passende Antwort, um die Zukunft des Christlichen zu sichern. Dennoch, ’nur‘ gute Werke in einem universellen Verständnis christlicher Tugenden? Dies wäre sogar für mein Empfinden „zu wenig an spezifisch religiöser Kontur“ – vor allem jedoch zu wenig an Antworten auf die großen Sinn- und Seinsfragen.
Allerdings sehe ich persönlich nicht nur die Alternative zwischen aggressiver Abgrenzung und einem verdünnten Extrakt einer Rechtfertigung aus guten Werken. Eher wahrscheinlich ist meiner Beobachtung nach eine fortschreitende Pluralität, also ein Auseinanderdriften des Christlichen in zahlreiche Einzellehren und -vorstellungen.

Universalismus bezeichnet eine Anschauung, die den Anspruch erhebt, die Vielfalt aller Wirklichkeit des Ganzen auf ein einzelnes Prinzip, Ordnungsgesetz oder Ähnliches zurückführen zu können. Daraus folgt auch, dass Ideen, Ideale, Rechte und Pflichten grundsätzlich für alle Menschen gelten müssen. Etwas anderes also als der in unseren Tagen so geschätzte Pluralismus.

Mutmaßlich haben bereits christliche Theologen mancherlei Bauchschmerzen mit dieser Idee – von islamischen Religionsgelehrten ganz zu schweigen. Zwar ließe sich ein positiver Konsens dahingehend finden, dass Nächstenliebe und Barmherzigkeit tatsächlich als universell gültige Tugenden erstrebenswert sind. Dennoch: jede Konfession sieht ihre subjektive Existenzberechtigung doch gerade in ihrem weitergehenden Anspruch, wonach allein ihre Herleitung dieser und zusätzlicher (jeweils unterschiedlicher) moralischen Leitsätze gültig sei. Die Muslime, die Jesus bekanntlich als einen von vielen Propheten Allahs respektieren, werden weiterhin ihr Gottes- und Menschenbild im Koran finden.

Die Menschheit braucht nichts weniger als eine Einheits-Religion (welche Peter Strasser vermutlich auch nicht im Sinn hatte). Wichtiger wäre nach meinem Verständnis (ja, ich wiederhole mich;): die eigene Glaubens-Überzeugung zu leben und zugleich  die offenkundige Vielfalt der Weltanschauungen bereitwillig zu akzeptieren…


Referat von P.Strasser – Der Gott aller Menschen

Quellenangaben

  1. Der Gott aller Menschen – Chancen des religiösen Universalismus„,
    Peter Strasser
  2. Pro Multis„, Artikel auf Kathpedia
  3. Der Untergang des Abendlandes„,
    Oswald Spengler

Anmerkung

A – Gerhard Ludwig Kardinal Müller vertritt die Ansicht, weltweite Gerechtigkeit und wahrer Humanismus seien nur „im Lichte des Glaubens“ möglich. Er belegt diese Position mit Verweisen auf gottferne Regime. Nach der Logik des Kardinals sollten am besten alle Menschen auf der Welt katholisch werden, dann klappt’s auch mit der Moral. Auch eine Form von Universalismus, und bekanntlich nicht neu. Von der Praktikabilität einer unblutigen Katholisierung der Welt einmal abgesehen – ist Müller allen Ernstes der Ansicht, die RKK habe zu allen Zeiten eine vorbildliche Moralität gelebt?

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„Silentium!“ von Fjodor I. Tjuttschew

Silentium!

Schweige, verbirg dich und halte
deine Gefühle und Träume geheim,
lass sie in der Tiefe deiner Seele
lautlos auf- und untergehen
wie Sterne in der Nacht;
erfreue dich an ihnen – und schweige.

Wie soll das Herz sich offenbaren?
Wie soll ein anderer dich verstehen?
Begreift er, wodurch du lebst?
Ein ausgesprochener Gedanke ist eine Lüge.
Wenn du die Quellen aufwühlst, trübst du sie;
zehre von ihnen – und schweige.

Verstehe, nur in dir selbst zu leben:
es gibt in deiner Seele eine ganze Welt
geheimnisvoll-zauberhafter Gedanken;
sie betäubt der äußere Lärm,
die Strahlen des Tages vertreiben sie;
lausche ihrem Gesang – und schweige…

Über den Verfasser Fёdor Ivanovič Tjutčev, obgleich ein bedeutender russischer Lyriker der Romantik, weiß ich fast nichts. Auf sein Gedicht stieß ich indirekt durch den Film von Wim Wenders: ‚In weiter Ferne so nah‘ (1993).-

Fraglos erinnern wir Situationen und Momente, in denen wir besser geschwiegen hätten …also mir fallen jedenfalls ungezählte Augenblicke ein, wo Klappe halten die hilfreichere Option dargestellt hätte.

Mitunter bedeutet Schweigen die einzige verbliebene Chance, Beruhigung und Neubesinnung einkehren zu lassen. Die Erwartung, jede Spannung, jedes zwischenmenschliche Unbehagen lasse sich durch Reden, Reden und noch mehr (Zer-)Reden auflösen, erweist sich dann als unzutreffend.
⇒ Nicht Sprachlosigkeit
als Dauerzustand voller Trotz und Verbitterung, eher ein Atemholen und Nachdenken. Erlebtes erst einmal auskosten, es auf mich wirken lassen, bevor ich gleich wieder kommentiere, reagiere, voranschreite.

Silentium zeige „die völlige Impotenz des Wortes“, welches nicht in der Lage sei zu vermitteln, was in der Seele des Menschen, seinen inneren Erfahrungen und seinen Zögern vorgehe:
Jede Person – individuell und einzigartig in ihren Urteilen, Gedanken und Annahmen – existiere in ihrer ganz eigenen Vorstellungswelt und reagiere in der ihr eigenen Weise auf bestimmte Ereignisse. Folglich so dass er nicht ganz versteht, wie seine Gefühle von anderen Menschen interpretiert werden. Jeder von uns hatte Momente, in denen Zweifel aufkamen, ob sie verstehen würden, was sie denken oder sagen würden.“2).

Das Gedicht richtet sich an ein Gegenüber, es sagt eben nicht „ich schweige“, sondern vielmehr „Schweige Du„!
Daran störe ich mich ein wenig. ⇒ Es ist völlig in Ordnung, sich selber auf die Vorzüge des Schweigens zu besinnen – hingegen einer anderen Person nahe zu legen, nun einmal den Mund zu halten?
Gleichwohl sollte beredtem Schweigen nicht ein übermäßig großer Rang im eigenen Dasein eingeräumt werden – wie H. Grönemeyer richtig textete: „Wer ewig schluckt (und schweigt), stirbt von innen.“

Ach, bedächtiges Schweigen ist so überaus ‚erwachsen‘. Die eigenen Gefühle und Gedanken dauerhaft ‚geheim zu halten‘, entspricht eher nicht meinem Naturell. Freude kommt erst in vollem Umfang zur Entfaltung, sobald ich sie mit lieben Menschen teilen darf.

Quellenangaben:

  1. aphorismen.de
  2. Analyse des Gedichts auf  erch2014.com

 

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Vor 30 Jahren: Kölner Erklärung „Wider die Entmündigung – für eine offene Katholizität“

Bisweilen schüttet ‚man‘ (also, eigentlich meine ich jetzt speziell mich selbst) das Kind mit dem Bade aus und steckt alles, wo „katholisch“ draufsteht, in einen großen Sack, auf den man dann eindrischt. Dabei kommt die Differenzierung zu kurz – etwa der Umstand, dass meine Kritik (an der ich inhaltlich festhalte) sich wesentlich auf den Vatikan bezieht, während sich sowohl deutsche Bischöfe als auch katholische Theologen in Deutschland und Österreich mutig gegen das als repressiv wahrzunehmende Papsttum zur Wehr setzten.

Die „Kölner Erklärung: Wider die Entmündigung – für eine offene Katholizität“ (→ PDF) wurde 1989 aus Anlass der Ausdehnung der päpstlichen Unfehlbarkeit auf umstrittene moralische Fragen formuliert und von über 220 katholischen TheologieprofessorInnen unterzeichnet.

Ein wesentlicher Schwerpunkt: Auf der ganzen Welt wurde insbesondere unter Papst Johannes Paul II. zahlreichen qualifizierten TheologInnen die kirchliche Lehrerlaubnis in vielen Fällen verweigert – „…ein bedeutender und gefährlicher Eingriff in die Freiheit von Forschung und Lehre (…). Die Erteilung der kirchlichen Lehrerlaubnis wird als Instrument der Disziplinierung missbraucht“.

Beklagt wird u.a. bedrückende Tendenzen zur „fortschreitenden Entmündigung der Teilkirchen“, zur Verweigerung der theologischen Argumentation und zur Zurücksetzung der Laien in der Kirche – sowie ein Antagonismus von oben, der die Konflikte in der Kirche durch Disziplinierung verschärfe.
Die Professoren erklärten ihre Solidarität mit allen Christinnen und Christen, die an den jüngsten Entwicklungen in unserer Kirche Anstoß nehmen oder gar an ihr verzweifeln. Die Kirche müsse der permanenten Versuchung widerstehen, sein Evangelium von Gottes Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue durch Inanspruchnahme fragwürdiger Herrschaftsformen für die eigene Macht zu missbrauchen.

Die Theologen, obgleich im Dienst der Kirche stehend, sähen sich in der „Pflicht, öffentlich Kritik zu üben, wenn das kirchliche Amt seine Macht falsch gebraucht, so dass es in Widerspruch zu seinen Zielen gerät, die Schritte zur Ökumene gefährdet und die Öffnung des Konzils zurücknimmt“.

Vor fast genau 10 Jahren erschien der Artikel: „Kölner Erklärung“ heute leider so aktuell wie vor 20 Jahren“ auf der Webseite der Organisation ‚Wir sind Kirche‘. Darin heißt es: „Seit der heftig umstrittenen Enzyklika „Humanae vitae“ (1968) hat das römische Lehramt versucht, den Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils durch immer neue Verordnungen und Erlasse einzugrenzen und einzuengen und den Glauben der Kirche gegen vermeintliche Irrtümer von innen und von außen zu verteidigen. Doch statt sich hinter fixierten Formeln und unabänderlichen Sätzen zu verschanzen, sollte die Leitung [der RKK] das wachsende Verlangen nach Glaubenstiefe ernst nehmen“.
Nach Ansicht der katholischen Reformbewegung beschleunige von Furcht getragener, allein auf konservatives Bewahren gerichteter, höchst defensiver Kurs die „Verdunstung des Christentums in unseren modernen Gesellschaften“.

Was hat sich in den letzten 10 Jahren, also seit 2009 geändert?

Nun, mit Franziskus ist seit 2013 ein Papst am Ruder, der im Gegensatz zu seinen beiden letzten Vorgängern die Bereitschaft zu weitreichenden Reformen mitzubringen scheint. Freilich sind Kirche und Papst spätestens seit 2010 Getriebene der nicht enden wollenden Missbrauchskandale – zugleich zeigt sich ein kaum aufzulösender Konflikt zwischen konservativen ‚Bewahrern‘ und Reformwilligen innerhalb der RKK: Das Tempo der Veränderungen geht den einen viel zu rasch, den anderen immer noch zu langsam.

Franziskus hat es nicht leicht (vgl. „Fünf Jahre Papst Franziskus – Der gebremste Reformer„), doch auch er scheint seine Linie nicht immer nur mit feinen Mitteln durchsetzen zu wollen und sich bevorzugt mit Ja-Sagern zu umgeben.
Mehr als sechzig
Theologen werfen dem amtierenden Papst sogar Häresie vor, als er mit dem Schreiben „Amoris Laetitia“ u.a. einen offeneren Umgang der katholischen Kirche mit wiederverheirateten Geschiedenen thematisierte.

Vor einem halben Jahr war sogar von einem „Bürgerkrieg(es besteht eine Pay- bzw. Registrierungswall z.d. Artikel) inmitten der Kirche die Rede…
Wie dieser Konflikt am Ende ausgehen wird, ist jedenfalls für mich nicht absehbar. Zu befürchten ist: die Kardinäle, verschreckt vom nicht zu bremsenden Reformpapst Franziskus könnten im Anschluss an dessen Amtszeit im nächsten Konklave einen erzkonservativen „Benedikt XVII“ oder, noch schlimmer: einen herrisch-autoritären „Johannes Paul III.“ auf den päpstlichen Thron heben, der dann jegliche von Franz initiierte Öffnung und Erleichterung zurückdreht.
Die Konsequenz daraus – die tiefen Gegensätze und verhärtete Fronten lassen sich ja nicht per Anordnung eliminieren – wäre unter Umständen sogar ein Schisma, d.h. eine Abspaltung der Traditionalisten von den Reformern.

Derweil fragen sich Journalisten in Deutschland, von denen nicht immer alle auch die global agierende Weltkirche im Blick haben: „Die franziskanische Revolution ist zur franziskanischen Kapitulation geworden.“ (siehe „Ist Franziskus noch der Reformpapst?“ auf Zeit.de)

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Waltz No.2 (from Jazz Suite No.2) – Dmitri Shostakovich

Nicht unbedingt weihnachtlich …aber bestens geeignet, um innere Harmonie aufkommen zu lassen 🙂

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Was war vor dem Urknall?

Schon als Kind war ich von enervierender Unnachgiebigkeit, sobald mir eine befriedigende Antwort vorenthalten und durch typische Erwachsenen-Statements wie „So etwas fragt man nicht!“ oder „Da gibt es nichts und nun sei still!“ ersetzt wurde. (Sobald einer der Großen ehrlich eingestand ‚Das weiß ich leider auch nicht‘, hörte ich auf, ihn mit endlosen Wie- und Wieso-Fragen zu tyrannisieren 🙂
Bis heute scheint die Frage nach dem, was vor dem Urknall gewesen sei, solch eine unbotmäßige ‚dumme‘, weil nicht legitime Frage zu sein, auf die bekannte Koniferen der Physik (nein, kein Tippfehler – ich meine jene selbsternannten ‚Edelgewächse‘ in ihrer weithin blendenden Hybris) ähnlich genervt reagieren wie manche Erwachsenen auf meine Kinderfragen. Eine wahre Choryphäe hingegen bliebe duldsamer im Angesicht von Fragen, welche der normal gebildete Menschenverstand nun einmal aufwirft.

Ausgangspunkt

Die Entwicklung unseres anthropozentrischen Weltbildes lässt sich als eine Geschichte vorläufiger Mutmaßungen und deren Korrekturen auffassen:

  • Nur eine Erde, die den Mittelpunkt von allem bildet ⇒ falsch
    (inzwischen wurden mehrere erdähnliche Planeten außerhalb unseres Sonnensystems entdeckt)
  • Nur 1 Sonne, die anfangs als übernatürliche Quelle von Licht und Wärme angesehen wurde ⇒ falsch
  • Nur 1 Galaxie, solange man nicht über die Milchstraße hinausblicken konnte ⇒ falsch
    (es existieren 100 Milliarden Galaxien allein im sichtbaren, zugänglichen Teil des Universums)
  • Nur 1 Universum (solange man nicht über dessen Grenzen hinaus blicken und forschen kann ⇒ auch falsch?

Um dieser Frage nachzugehen, braucht es zunächst einige Festlegungen: Der Begriff Universum oder Kosmos lässt sich definieren als „die Gesamtheit von Raum, Zeit und aller Materie und Energie darin“. Das beobachtbare Universum beschränkt sich hingegen auf die vorgefundene Anordnung aller Materie und Energie, angefangen bei den elementaren Teilchen bis hin zu den großräumigen Strukturen wie Galaxien und Galaxienhaufen. Als heute allgemein anerkannte Theorie zur Beschreibung der großräumigen Struktur des Universums kann das Standardmodell der Kosmologie herangezogen werden.-

Die Urknalltheorie geht davon aus, dass das Universum in diesem „bestimmten Augenblick“ (=dem Urknall) aus einer Singularität heraus entstanden ist und sich seitdem ausdehnt (→ Expansion des Universums). Zeit, Raum und Materie seien mit dem Urknall entstanden. Das Alter des Universums wird mit  13,81 ± 0,04 Milliarden Jahren angegeben.

Vortrag von Prof. Gerd Ganteför an der Universität Konstanz (20.12.2016)

Der Experimentalphysiker Gerd Ganteför (*1956) wurde durch populärwissenschaftliche Arbeiten, öffentliche Auftritte und Vorträge zu naturwissenschaftlichen Themen bekannt, u.a. sein Werk „Der Weltuntergang findet nicht statt“).

Was nach dem Urknall aus kosmologischer Perspektive ‚mit der Materie‘ geschah, lässt sich heute recht gut nachvollziehen: Kosmologische Simulationen berechnen und modellieren das dynamische Verhalten von Materie in großen Raumbereichen Milliarden. Es werden unterschieden:

  • Globale Simulationen, die im Verlauf im Simulationsverlauf Filamente (Materieansammlungen) und

    Struktur des Universums, vgl. Wikipedia

    Voids (Hohlräume) erzeugen – die größten Strukturen im beobachtbaren Universum.

  • Lokale Simulationen wie die Aquarius-Simulation (s. Video unten) betrachten die Entwicklung eines einzelnen dunkle-Materie-Halos. Der Halo (‚Lichthof‘) einer Galaxie ist ein kugelförmiger Bereich, der größer ist als die Galaxie selbst und in dessen Zentrum die Galaxie eingebettet ist. Die Aquarius-Halos sind in ihrer Masse und kosmischen Nachbarschaft dem Milchstraßenhalo ähnlich.
    „Diese Ähnlichkeit ermöglicht statistische Vorhersagen über die zu erwartende Dichte- und Geschwindigkeitsverteilung der dunklen Materie innerhalb der Milchstraße. Solche Vorhersagen sind für den Versuch des direkten Nachweis von dunkler Materie interessant“…weiterlesen

Die gut sichtbaren hellen Punkte sind nicht einzelne Galaxien, sonder Galaxiencluster, sie enthalten bis zu einigen tausend Galaxien, die sich mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten im gemeinsamen Schwerefeld bewegen. Nach heutigem Wissen sind sie die größten Strukturen des Universums, die gravitativ gebunden sind. Ihre Masse liegt bei etwa 1014 bis 1015 Sonnenmassen in einem typischerweise 10 bis 20 Millionen Lichtjahre umfassenden Gebiet.
Zu beobachten ist die sich infolge der Gravitation verdichtende, „verklumpende“ Materie. Die Materie ist also nicht gleichmäßig verteilt.

Damit ist gewissermaßen der erste Atemzug des neu geborenen (oder frisch aus seinem ‚Ei‘ geschlüpften) Universums beschrieben, nicht aber der eigentliche Vorgang der Geburt bzw. des Schlüpfens:

Was aber hat den Urknall bewirkt?

Das größte Problem hat die Urknall-Theorie mit dem Urknall selbst„, stellt Prof. Ganteför fest und weist damit auf weiterhin bestehende Erklärungslücken hin → die allererste Phase des Universums ist uns „nicht mal im Ansatz zugänglich“:

  • Zeiten vor dem Urknall und Orte außerhalb des Universums sind physikalisch nicht definierbar. Daher gibt es in der Physik weder ein räumliches „Außerhalb“ noch ein zeitliches „Davor“ (womit die genervten Reaktionen von Physiklehrern und -professoren erklärt wären, wenn sie immer und immer wieder ausgerechnet danach gefragt werden, worauf sie im Rahmen der ‚erlaubten‘ Physik nicht antworten können…)
  • noch eine Ursache des Universums.
  • Auch sind die naturwissenschaftlichen Gesetze für die extremen Bedingungen während der ersten etwa 10−43 Sekunden nach dem Urknall nicht bekannt ⇒ die Theorie beschreibt den eigentlichen Vorgang streng genommen nicht!
  • Erst nach Ablauf der Planck-Zeit können die weiteren Abläufe physikalisch nachvollzogen werden.

Fairerweise ist dabei auch zu sagen: jene 10-43 Sekunden der Ungewissheit sind ein sehr, sehr, …sehr kleine Zeitspanne. Aber eins nach dem anderen..

Notwendige Bausteine für ein Universum aus rein naturwissenschaftlicher Sicht:

  • Vierdimensionale Raumzeit, die sich durch Gravitation krümmt,
  • Elementarteilchen, welche sich mit der nötigen Energie aus dem Nichts erzeugen, „wie Funken aus einem Amboss herausschlagen“ lassen,
  • Vier Naturkräfte (in diesem Beitrag auf Stern.de kurz und knackig erklärt):
    • Gravitation → Krümmung der Raumzeit,
    • Elektromagnetismus, durch Photonen vermittelt,
    • starke Wechselwirkung,
    • schwache Wechselwirkung.
  • Naturgesetze: Energieerhaltung, Impulserhaltung, Drehimpulserhaltung.

Was noch fehlt: die „große Vereinheitlichung“ – Derzeit arbeitet die Physik daran, für diese vier elementaren Kräfte eine gemeinsame Ursache zu finden – eine „Theorie, die alles erklärt“.

Prof. Ganteför entwickelt aus diesen Grundlagen eine noch spekulative Vorstellung:

Das Universum „ist“ die vierdimensionale Raumzeit.

Er stelle sich die Raumzeit als vierdimensionales Gewebe vor, in welches auch wir Menschen ‚als Anregungszustände‘ integriert seien. Daher haben wir keine Möglichkeit festzustellen, ob ober-/unter-/außerhalb dieses Gewebes irgendetwas existiert. Sollte etwas außerhalb unseres Raums existieren, haben wir dazu keinen beobachtenden, experimentellen Zugang.
(Diese Analogie weckt bei mir als interessiertem Laien spontane Assoziationen zu „der Matrix“, obgleich gerade solche Querbezüge vermutlich ganz und gar nicht gewollt sind. Auch würde eine matrix-mäßige Erklärung unseres Daseins die Problematik nur verlagern: es bliebe die Frage nach den Schöpfern einer solchen Matrix sowie nach deren Ursprung…)

Aus dieser Überlegung lässt sich ferner folgern: es könnte weitere/höhere Dimensionen geben. Ganteför sieht mehrere Hinweise auf eine Realität jenseits des vierdimensionalen Standardmodells:

Dunkle Energie ⇒ Verletzung der Energieerhaltung

Traditionelle Modelle besagten, dass die Expansion des Universums aufgrund der Materie und der durch sie wirkenden Gravitation verlangsamt werde. Messungen, welche diese Verlangsamung quantifizieren sollten, zeigten jedoch eine Zunahme der Expansionsgeschwindigkeit. Diese Beschleunigung ließ sich innerhalb der bisherigen Parameter des Standardmodells nicht erklären – eine ganz unerwartete Beobachtung, die seither auf eine unbestimmte Dunkle Energie zurückgeführt wird.

Materie- bzw. Energie-Anteil des Universums heute (oben) und zur Entkopplungszeit (unten), 380.000 Jahre nach dem Urknall.

In den Modellen besteht das Universum zum gegenwärtigen Zeitpunkt zu 68,3 % aus Dunkler Energie, 26,8 % aus Dunkler Materie und zu 4,9 % aus der sichtbaren Materie. In der Frühzeit des Universums, zum Zeitpunkt der Entkopplung der Materie von der Hintergrundstrahlung, war die Zusammensetzung noch wesentlich anders (siehe nebenstehende Grafik).

Über die physikalische Natur der Dunklen Energie kann derzeit nur spekuliert werden; ihre Existenz ist experimentell nicht direkt nachgewiesen. „Die einfachste Lösung ist, einen geeigneten Wert einer kosmologische Konstanten zu postulieren und als gegebene und grundlegende Eigenschaft des Universums hinzunehmen.“
Die Dunkle Energie als eine hypothetische Energieform wurde als in der Kosmologie als eine Verallgemeinerung der kosmologischen Konstanten eingeführt, gewissermaßen ein errechneter Korrekturfaktor, damit’s wieder passt.

Energie kann weder erzeugt noch zerstört werden – daher bleibt nach dem Grundsatz der Energieerhaltung die Gesamtenergie eines abgeschlossenen Systems stets konstant. Es kann geschlussfolgert werden: Das Universum als Ganzes scheint ‚Energie zu verlieren und somit dieses Grundgesetz zu verletzen‘ (…außer, das Universum ist kein abgeschlossenes, isoliertes Etwas, sondern Teil eines größeren Systems, dessen Struktur wir heute nicht einmal erahnen??)

Inflation

Seit 2014 weiß man aus Beobachtungsdaten mit Bestimmtheit, dass unmittelbar nach dem Urknall die kosmologische Inflation stattgefunden hat. Innerhalb dieser äußerst kurzen inflationären Phase – unmittelbar nach dem Urknall – erfolgte die Expansion des Alls „unvorstellbar viel schneller als davor oder danach“ (Vgl. Florian Freistetter auf scienceblogs.de). Auch diese überlichtschnelle Ausdehnung stelle eine Verletzung der Energieerhaltung dar, so Ganteför.
Ebenso impliziere der Urknall an sich, jene noch unverstandene Singularität eine ⇒ Verletzung der Energieerhaltung.

Die Entfaltung der Raumzeit

Allerdings kann das Naturgesetz der Energieerhaltung unter den Bedingungen der subatomaren Quantenphysik außer Kraft gesetzt sein: Sog. Vakuumfluktuationen sollen die Verteilung der Materie im Universum entscheidend geprägt haben. „Dabei handelt es sich um virtuelle Teilchenpaare, die innerhalb von Bruchteilen von Sekunden aus dem Nichts auftauchen und sofort wieder verschwinden“ …der o.a. Amboss, aus dem Funken geschlagen werden können, meine Vorstellungskraft versagt dabei vollends – Prof. Ganteför verweist hier auf diesen Vortrag seines Kollegen Josef M. Gassner zur Urknall-Hypothese.

Spekulative, da experimentell nicht nachzuweisende Hypothese:
Unser Universum entstammt einer Vakuumfluktuation eines möglicherweise höherdimensionalen Raumes. Vorher gab es zwar keine ‚Zeit‘, aber die Gesetze der Quantenphysik waren bereits gültig. Damit wird vorausgesetzt, dass bereits vor dem Urknall ein ‚leerer n-dimensionaler Raum‘ existiert habe, in dem solche Quantenfluktuationen (könnte man sagen ‚kurzzeitige Ausstülpungen und Blasen?) um den Nullpunkt herum stattfanden.

Damit aus diesen virtuellen Ereignissen etwas bleibendes (nämlich unser Universum bzw. eine unermesslich winzige Vorstufe davon) entstehen konnte, musste die virtuelle Energie dieser einen Fluktuation in reale Energie umgewandelt werden. „Phasenübergang des Higgs-Feldes“ …ich werde erst gar nicht den Versuch machen, dies in eigene Worte zu fassen.

Nimmt man allerdings solch einen ‚leerer n-dimensionaler Raum‘ mit laufend stattfindenden Quantenfluktuationen als plausibel an, so besteht kein vernünftiger Grund, weshalb nur 1 einziges Universum im Laufe beliebiger, weil nicht existenter ‚Zeiten‘ daraus hervorgehen sollte!
Es ist unwahrscheinlich, dass nur ein einzelner Urknall stattfand; innerhalb dieses spekulativen Modells kann man sich verschiedene Universen eingebettet in einen höherdimensionalen Raum vorstellen.

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Wenn ich arm bin, hab‘ ich nur meine Träume…?

Das Gedicht He Wishes for the Cloths of Heaven des irischen Dichters und Dramatikers William Butler Yeats (1865 – 1939) las ich u.a. auf dem besuchenswerten Blog von Johanna Schall, zusammen mit einem Yeats-Portrait von Augustus John, das ich nicht ‚klauen‘ wollte. (Auf Wikipedia findet sich diese Bleistiftzeichnung von John Singer Sargent:

William Butler Yeats (1908)

He wishes for the Cloths of Heaven
Had I the heavens‘ embroidered cloths,
Enwrought with golden and silver light,
The blue and the dim and the dark cloths
Of night and light and the half light,
I would spread the cloths under your feet:
But I, being poor, have only my dreams;
I have spread my dreams under your feet;
Tread softly because you tread on my dreams.

Hätt‘ ich des Himmels reichbestickte Tücher,
bestickt aus Golden- und aus Silberlicht,
die dunklen, die blauen und die hellen Tücher,
aus Nacht, aus Tag und aus der Dämmerung,
legt ich die Tücher dir zu Füßen.
Doch ich bin arm und habe nichts als Träume,
so leg ich meine Träume dir zu Füßen.
Tritt leise, denn du trittst auf meine Träume.

Was damit gesagt werden will, glaube ich zu verstehen, doch in mir regt sich leiser Widerspruch: Wie kann jemand arm sein, dessen Geist erfüllt ist von Träumen und von künstlerisch-schöpferischer Kraft? Kein Künstler, Musiker, Lyriker, oder Autor, der seinem Publikum auch nur ein be- und verzauberndes Werk hinterlässt, ist in meinen Augen arm zu nennen.
Auch wenn ein Mensch nur insgeheim träumt, musiziert, dichtet, malt, konstruiert, baut, spielt …, ist ihr innerer Reichtum gleichwohl vorhanden.

Und dann ist da noch die Zugewandtheit, die Bereitschaft des ‚lyrischen Ichs‘, das mit einem gewissen Unterstatement einem ‚lyrischen Du‘ etwas überaus Wertvolles zu Füßen legt: seine persönlichen Träume.
Warum Understatement? Na, das kommt auf die eigene Werteskala an… in meinen Augen besitzen das gezeigte Vertrauen wie auch die eigenen Träume weit größeren Wert als irgend ein glitzernder Tand aus der nächstbesten Geschenkboutique. Unter „des Himmels reichbestickten Tüchern“ kann ich mir nicht so viel vorstellen, außer eben einer Metapher für wundervolle Naturerscheinungen – die jedoch ‚leider nicht verschenken sind, wohl aber miteinander geteilt werden könnten.

Arm (in diesem Sinne) sind womöglich jene eher zu nennen, die – steinreich oder verarmt – in nüchterner Bitterkeit erstarren – so sehr, dass sich in ihnen nichts dergleichen mehr regt.

Sicher, bittere materielle Armut ist nicht klein zu reden. Auch mag sie Menschen davon abhalten, sich jemals ihren Neigungen und Potenzialen entsprechend zu entfalten. Doch wer ist eher zu beneiden: der Vermögende, der bis an sein Lebensende vielleicht nie genug an Immobilien-, Wertpapierbesitz etc. hat (ja, das Bild vom raffgierigen, innerlich leeren Geldsack ist reichlich stereotyp) oder eine unscheinbare, ‚durchschnittliche‘ Person, die innerlich voller Leben ist?
Wobei sich materieller und geistiger Reichtum/Kreativität keinesfalls ausschließen (müssen)…

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