„Herbert, sitz!“ – der dressierte Mann?

Dies ist weniger ein zusammenhängender Artikel ‚aus einem Guss‘ als eine Zusammenstellung von Eindrücken, Texten und Empfehlungen darüber, wie Menschen miteinander umgehen. Fast immer geht es dabei auch um Machtverhältnisse und den Wunsch, das Verhalten des/der anderen zu verändern – sowie letztlich auch um Belohnung und Bestrafung.

Unter Macht verstehe ich in diesem Kontext ein Potenzial, um das Verhalten, die Ansichten sowie die Entscheidungen anderer Personen zu beeinflussen. Hier lässt sich eine Regel aufstellen: Aus einer unausgewogenen Machtverteilung resultiert wachsende Unzufriedenheit – jedenfalls dort, wo ein Miteinander auf Augenhöhe angestrebt wird.
Eine Reparatur, d.h. die Wiederherstellung von Zufriedenheit gelingt (nur) in den Fällen, wo ein Kompromiss gefunden und eingehalten wird.


Der kommt den Göttern am nächsten,
der auch dann schweigen kann,
wenn er im Recht ist.
Marcus Porcius Cato der Ältere


Von der Komödie ‚Der dressierte Mann‘ finden sich im Web leider nur kurze Ausschnitte. Aus der Inhaltsangabe:

Andreas, der seine Liebste mit Heiratsantrag überraschen möchte, fällt aus allen Wolken, als ihm seine Lebensgefährtin Laura eröffnet, befördert worden zu sein. Die perfekte Beziehung auf Augenhöhe ist im Nu gefährdet. Laura muss sich auf Geheiß der Firmenleitung dazu verpflichten, ihren Kinderwunsch auf Jahre hinaus zu verschieben. Just zu diesem unpassenden Zeitpunkt statten sowohl Andreas’ wie auch Lauras Mutter ihren Sprösslingen einen Besuch ab: Die Dozentin für Gender-Studies trifft auf die zum dritten Mal verehelichte Zahnarztgattin.

[Es] bilden sich dennoch unerwartete Allianzen zwischen den Müttern. Und so lernt Laura in einem Crash-Kurs für sie völlig unbekannte Seiten des Frau-Seins kennen, während Andreas, der nach einem Delirium erst nach und nach seine Sinne wiedererlangt, die Welt nicht mehr versteht…

Dem Autor John von Düffel diente Esther Vilars Buch „Der dressierte Mann“ als thematische Vorlage, das im Jahr 1971 veröffentlicht wurde und für heftige Kontroversen sorgte.
Mit diesem Buch bin ich nur stellenweise einverstanden. So liefert es eine „Liste der wichtigsten männlichen Benachteiligungen“ – nun  ja, in den 1970er Jahren wird noch vieles anders ausgesehen haben als in der Gegenwart. Lässt sich heute wirklich noch generalisierend behaupten,

  • dass sich alle Männer in eine freiwillige Knechtschaft der Frauen begeben und sich von diesen materiell sowie emotional ausbeuten lassen?
  • oder umgekehrt, dass ‚die‘ Frauen infolge der erzwungenen Rollenidentität von ‚den‘ Männern unterdrückt, ausgenutzt und an der freien Entfaltung gehindert werden?

Nun, beides kommt zweifellos vor und nicht selten ist die Religion dabei ein ganz wesentlicher Faktor – überwiegend, so meine ich, zum Nachteil von Frauen. Eine Verallgemeinerung erachte ich dennoch für falsch.
Dass gerade im Berufsleben auch in Mitteleuropa vielfach noch männliche Personen die Machtpositionen innehaben, lässt sich indes kaum bestreiten …Relikt einer gesellschaftlichen Fehlstellung, welche die Kernfrage im Grunde umgeht: Sind ‚wir‘ denn die besseren Politiker und Manager? Mitnichten, das testosteron-geladene Ego steht vielen Männern mächtig im Weg.

„Gleichberechtigung“ ist und bleibt ein gesellschaftliches, in gewisser Weise auch juristisches Thema – etwa dort, wo Frauen bei gleicher Arbeit und Qualifikation ein geringeres Gehalt beziehen – so etwas ist ‚eigentlich‘ nicht hinnehmbar und findet doch weiterhin statt. Die Frage nach der Gleichwertigkeit wurde eher selten gestellt – obgleich die so oft behauptete Augenhöhe in einer Partnerschaft doch eben diese erfordert.


Immer recht zu haben ist leider etwas,
das uns nur zu selten zustößt.
Ernst Ferstl


Männchen-/Menschenverachtende Konzepte

Eine Hundetrainerin vermittelt interessierten Frauen, wie man mit bei Vierbeinern erfolgreichen Methoden auch Männer dressiert. Undenkbar? Nein, ganze Bücher wurden in diesem Stil verfasst:

„Männer sind (wie) Hunde: Sie haben einen ausgeprägten Jagdtrieb, sie verstehen am besten kurze und klare Befehle und sie machen überall hin. Was liegt da näher, als die Domestizierung des Mannes so anzupacken wie einst die des Hundes?
…kostbare Tipps zu Pflege und Erziehung – damit Frauchen immer die Herrschaft über den Rüden behält.“
(→ Vgl: Blogartikel „Sitz! Platz! Kuscheln! Die moderne Männerschule„)

Zielsetzung: der Mann solle gut erzogen werden – „vom Streuner zum treuen, folgsamen Begleiter“. Auch die britische BBC hatte ein Sendeformat „Bring Your Husband to Heel“ („Führe deinen Ehemann bei Fuß“) entwickelt: Hundetrainerin Annie Clayton unterrichtete Frauen, mit erfolgreichen Methoden des Dog Training auch Männer zu dressieren.

Handelte es sich um einen bloßen Gag, könnte man(n) noch müde darüber schmunzeln. Nun liegt die letzte Folge auch schon 13 Jahre zurück; möglicherweise hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass die permanente Gleichsetzung von Menschen mit Tieren in doppelter Hinsicht unfair ist: auch den Tieren wird man mit solcher Vermenschlichung nicht gerecht. (→ Vgl.: „BBC sorry for ’sexist‘ programme; The BBC has issued an apology over the programme Bring Your Husband to Heel after receiving complaints it was sexist towards men“)

Ausgestanden ist das Thema damit freilich nicht. Um an der ‚Legende von Frauen als den grundsätzlich besseren Menschen‘ weiter zu stricken, ist jedes noch so abgeschmackte Mittel recht – eine rasche Websuche fördert etliche Artikel und Buchempfehlungen zutage wie z.B.

In solchen Machwerken ist stets eine humorvoll-ironische Komponente eingearbeitet, damit der Mensch-Tier-Vergleich nicht ganz so garstig rüberkommt. Und tatsächlich: Frauen, die einen Hund und einen Mann im Haushalt beherbergen, verfallen zuweilen auch gegenüber letzterem in den Kommando-Ton.
Kann vorkommen, ja, und als Versehen ist es verzeihlich. Daraus kann sich eine Form des Zusammenlebens entwickeln: „Obwohl Männer es nie zugeben würden – wir erziehen sie, bis sie so sind, wie wir sie uns wünschen“.

Ohhh, ein sorgsam als pragmatische Erwachsenen-Pädagogik verkleidetes Matriarchat? Vielleicht nicht, doch ich frage mich schon: Was kann von einem Gefährten noch ernstlich erwartet werden, der als dressierter Hund gesehen wird – außer, im Sitzen zu pinkeln?


«Wo Menschen zusammenleben und ein Unfehlbarer ist dabei, einer, der immer recht hat, da wachsen unter der Oberfläche viele Spannungen und Konflikte. Mit einem Unfehlbaren kannst du nicht reden, du kannst ihm nur zuhören und Amen sagen, wenn du keinen Ärger willst.

Vielleicht haben andere so etwas auch schon an dir entdeckt. Vergiss nicht, dass andere anders sind, anders denken, anders fühlen, und lass andere auch mal recht haben.»
Phil Bosmans


Erziehung in Partnerschaften?

Die Websuche nach dem Stichwort „Männer erziehen“ (ohne gleich von Dressur zu reden) führt zu einer erstaunlichen Trefferzahl …dafür scheint es beträchtlichen Bedarf zu geben, ein regelrechter Markt tut sich auf. Freilich finden sich auch nachdenklichere Töne:

  • Women’s Health widmet sich einem weiblichen Optimierungswahn: „Warum Frauen so gerne ihre Männer ändern„. Kurzer Ausschnitt aus einem Interview mit dem Psychotherapeut und Buchautor Dr. Wolfang Krüger:

«- Wollen denn nur Frauen ihre Partner ändern?
 – Dr. Krüger: Nein, wir alle stoßen beim Partner immer auf Eigen-schaften, die wir gern ändern würden. Doch Männer weichen eher aus, wenn sie spüren, dass sie ihre Frau nicht ändern können. Sie ziehen sich zurück, verbringen mehr Zeit bei der Arbeit oder gehen fremd. Frauen investieren mehr Kraft in die Veränderung der Beziehung.»

Da fehlt mir eine zentrale Option: Anstatt fremdzugehen um so ‚auf seine Kosten zu kommen‘ oder eine vergebliche Kultur des Nörgelns und Erziehens zu entwickeln, ist eine Trennung meiner Ansicht nach viel naheliegender als ein unglücklicher Dauerzustand.

Krüger beschreibt eine Ohnmachtsfalle (falls sich der Partner als resistent erweist gegenüber den Änderungsbemühungen) und Schallplattengespräche, in denen immer wieder das Gleiche kritisiert werde.

Die Grenze zwischen Kritik und Manipulation wird ebenfalls angesprochen: Ansprüche erwachsen aus der Überzeugung, dass mir etwas zusteht.
«Manipulieren ist immer respektlos, ich behandle den Partner, als wäre er ein Hund, den ich mit Leckerli dressiere. Dennoch brauche ich in einer Partnerschaft neben der emotionalen Ebene eine gute Strategie, die auch mit Macht und Anerkennung zu tun hat.»

Dieses Interview ist bei weitem lesenswerter als die Vielzahl der banalen ‚Erziehungsratschläge‘, denn hier wird sich ernsthaft bemüht, Lösungswege aufzuzeigen – auf Augenhöhe. Zugleich wird vor unrealistischen Erwartungen gewarnt, welche letztlich in Enttäuschungen münden.


Geht’s in der Welt dir endlich schlecht,
Tu, was du willst, nur habe nicht recht!
Johann Wolfgang von Goethe


Emotionale Erpressung durch Schuldgefühle

„Schuldgefühle können ein machtvolles Instrument sein. Kaum etwas macht gefügiger als der Hinweis, man habe Schuld.“
Die Kirche hat dieses Prinzip ebenfalls begriffen und gewinnbringend angewandt – dort zeigt sich auch dessen Grenze: Sind die ‚durch und durch verdorbenen Sünder‘ denn keuscher geworden, weniger gierig und auf strikten Gewaltverzicht gepolt? Eher nicht.
Auch in Beziehungen funktioniert emotionale Erpressung nur so lange, wie diese Bühne bereitet werden kann.

Derjenige, der erpresst, sieht sich in einer Opferrolle: er/sie glaubt, etwas vom Gegenüber zu benötigen, das aber vorenthalten werde. Freilich erweist sich die Anspruchshaltung „Kümmere Dich gefälligst mehr um mich, damit es mir besser geht!“ als ein Fass ohne Boden – für beide Seiten: Zufriedenheit kommt so im Grunde nie zustande (aber immerhin kann Macht ausgeübt werden).

Also ist der Fall glasklar? Anscheinend:
„Emotionale ErpresserInnen wissen intuitiv, welche Knöpfe sie drücken müssen.“
Moment, wer ist dann das ‚Opfer‘? Perspektivwechsel: Kann es sein, dass wir mitunter Menschen brauchen, die Knöpfe bei uns drücken, d.h. uns bestimmte Impulse vermitteln?
Ehrliche Antwort: Ja, manchmal ist das so. Und das Vorhandensein dieser Knöpfe, d.h. dass entsprechende Gefühle (Schuld/Scham, nagende Selbstzweifel oder auch ohnmächtiger Zorn) wieder und wieder in mir auslösbar sind, hat natürlich ‚auch‘ mit mir selbst zu tun.
Nachsatz: Aber irgendwo muss man doch eine Grenze ziehen (dürfen). Was kann also man tun? Nun, die Zauberworte in diesem Kontext heißen „Geduld haben“ und „konsequent bleiben“:

  • Zunächst muss diese Verstrickung bewusst werden, die zugrunde liegenden Mechanismen und Techniken sind überhaupt erst wahrzunehmen. Dann
    → geben wir entweder wir den Vorstellungen des Gegenübers weiterhin
    nach und fühlen uns weiterhin gedrängt, gezwungen und manipuliert.
    oder wir sind nicht länger gehorsam – und haben Schuldgefühle.
  • Der Ratschlag „Gehen Sie ihren eigenen Aktivitäten nach – aber ohne Schuldgefühle“ ist bestimmt gut gemeint – und auch hilfreich, sofern man dazu imstande ist.
  • Persönliche Grenzen definieren ist immer gut.

Wie sich Grenzen ziehen sowie auch verteidigen lassen – und wie man dabei innerlich gelassen bleiben kann, lässt sich nicht in wenigen Sätzen herunterbeten. Als Einführung finde ich diesen Text gelungen:
„Entspannt und gelassen Grenzen setzen“ auf dubistgenug.de

Hieraus kann sich ein wirksamer Prüfstein für die gesamte Partnerschaft ergeben: Werden Grenzen in ernsthafter, eindringlicher Form erklärt und anschließend auch respektiert (ehrliches Bemühen ist in jedem Falle ein Fortschritt), ist die Beziehung vielleicht zu retten.
Wird die emotionale Erpressung jedoch fortgesetzt wie bisher, werden die gezogenen Grenzen miss- oder sogar spöttisch verachtet, nun, dann ist es vielleicht Zeit für eine sehr grundsätzliche Entscheidung.

Denn auf lange Sicht geht dies nicht gut: „Wir haben es satt“, uns permanent schlecht zu fühlen und ständig mit einem schlechten Gewissen belastet zu sein.
Nicht länger auf emotionale Erpressung zu reagieren, kann letztendlich auch der Person helfen, die sich solcher Techniken bedient. ⇒ Führen Erpressungsversuche nicht zum erhofften Erfolg, wird sich der/die ErpresserIn möglicherweise ändern (oder er/sie sucht sich ein weiteres ‚Opfer‘, je nach persönlicher Veränderungsbereitschaft).

Das Haar in der Suppe

– Hast du mich lieb?
– Aber ja, mein Hase.
– Ach, das sagst du doch jetzt nur, weil ich dich danach gefragt habe.
(⇒ Der/die Befragte kann sich nicht richtig verhalten…)


Launen sind Nebelzustände des sich noch nicht formulierenden Ich. Launen sind Gefühlswahrheiten im Dunkel des Höheren Selbst. Launen sind Seelenäußerungen zwischen Depression und Ekstase.
Christa Schyboll


Indem Sie unbezahlte Überstunden leisten, beweisen Sie Ihren Teamgeist“

Tjaha, dieser Mix aus Erwartungshaltung, Verlangen und Schuld kommt nicht nur in Partnerschaften vor – sondern in nahezu allen Lebensbereichen. Auch die allgegenwärtige Werbung ist voll davon:
Ein Edeka-Spot (wohl von 2015) zeigte einen alten Mann, der Weihnachten wieder mal alleine feiern muss. Seine erwachsenen Kinder sind sehr beschäftigt, so wie alle eben. Erst als sie die Nachricht vom Tod des Vaters erreicht, kommen sie nach Hause, voller Schuldgefühle – wo sie der alte Mann quicklebendig empfängt: „Wie hätte ich euch denn sonst alle zusammenbringen sollen!?“

Anstelle von Produktinformationen bekommt man einen „Stich ins Herz„. Bloß der gedankliche Transfer von den familiären Schuldgefühlen zum Lebensmittel-Einkauf bei Edeka (und nicht im Tante-Emma-Laden, der sowieso bald in die Pleite gedrängt wird) scheint nicht wirklich gelungen.
Aber: „Besonders raffiniert ist das Finale des Videos, in dem sich die Familie …an einem großen Tisch versammelt. Diese Tafelrunde …soll verdeutlichen: Edeka beschert glückliche Weihnachten, Familie und Tradition.“


Ich bin so guter Dinge,
So heiter und rein,
Und wenn ich einen Fehler beginge,
Könnt’s keiner sein.
Johann Wolfgang v. Goethe

Herbert sitzt.


Siehe auch:

  • Schuldgefühle” – ein Kapitel aus: “Emotional Fitness: Discovering Our Natural Healing Power”,
  • Ganz interessant in diesem Kontext: „Die Hypergamie der Frauen– in einem 26-minütigen Video beklagt sich ein junger Mann, viele Frauen würden sich stets ‚elitäre‘ Partner suchen, die über ihnen stünden.
    Meine Beobachtung geht in die gegenteilige Richtung: Zumindest kluge, weitblickende Frauen suchen sich Partner, die ihnen unterlegen sind und daher zu ihnen aufschauen (sollten) – so einer ist viel leichter zu halten und, bei Bedarf, auch zu dressieren.
  • Frauen werden im Alter unglücklich, Männer zufrieden„??
    Auch diese Aussage lässt sich kaum verallgemeinern. Indes scheint eine Korrelation denkbar: mit dem Ausmaß der persönlichen Unzufriedenheit steigt offenbar auch die Bereitschaft in beiden Geschlechtern, an anderen Personen rumzumäkeln und diese für eigene Frustrationen mitverantwortlich zu machen. Zuweilen geschieht dies ganz unbewusst.