Zivilcourage (Talk/Dokumentation)

Der Fernsehfilm ‚Zivilcourage‘ mit Götz George benennt zwar ein in der heutigen Zeit bedeutsames Thema, bietet m.E. aber lediglich eine idealisierte Auflösung an: am Ende wird (fast) alles gut, der alternde Opi hat eine jugendliche Bewunderin gefunden und der Bösewicht landet im Knast. Vielleicht müssen Filme in unserer Zeit so verlaufen, damit sich überhaupt Zuschauer finden.

Die Realität, wie sie die unten eingeblendete Dokumentation zeigt, sieht häufig anders aus: vielfach bringen Passanten kaum mehr den Mut für Zivilcourage gegen Gewalt auf – wenn sie sich dazu durchringen, gehen sie ein unkalkuliertes Risiko ein.

„Ich kann nicht zuschauen, wenn jemand in einen Sitz reingeschlagen wird.“ Diese Empfindung teile ich, doch ich würde mich nach einschlägigen Erfahrungen (Rippenbrüche u.a.) heute nicht mehr auf eine körperliche Auseinandersetzung einlassen. Das bedeutet dennoch nicht, gleichgültig zu tun oder wegzuschauen. Das Mindeste, was man tun kann und sollte, ist ein Anruf bei der Polizei…

Ein Ratschlag von ‚Deeskalations-Spezialisten‘ lautet auch nicht ‚mitmischen‘, sondern nach Möglichkeit „Öffentlichkeit herstellen“: sobald eine Reihe von Passanten das Gewalt- oder Bedrohungsszenario erkennbar beobachten und evtl. sogar mit der Handykamera filmen, steige die Hemmschwelle für physische Gewalttaten meist beträchtlich an.
Eine Garantie dafür kann es naturgemäß jedoch nicht geben, darum heißt es ja ‚Zivilcourage‚ („Bürgermut“).

Dem Politikwissenschaftler Gerd Meyer zufolge ist „Zivilcourage“ ein bestimmter Typus sozial verantwortlichen Handelns, keine Eigenschaft einer Person. Zivilcouragiertes Handeln geschehe in Situationen, in denen zentrale Wertüberzeugungen und soziale Normen (z. B. Menschenwürde, Menschenrechte, Gerechtigkeit, friedlicher Konfliktaustrag unter Bürgern) oder die physische oder psychische Integrität einer Person verletzt werden. Zivilcouragiert handelt, wer bereit ist, trotz drohender Nachteile für die eigene Person einzutreten für die Wahrung humaner und demokratischer Werte, für die Integrität und die legitimen, kollektiven, primär nicht-materiellen Interessen vor allem anderer Personen, aber auch des Handelnden selbst. Merkmale:

  • Es gibt einen latenten oder manifesten Konflikt zwischen denen, die diese Werte und Normen verletzen und denen, die sich für ihre Bewahrung einsetzen,
  • Es gibt Risiken,nicht immer leicht einzuschätzen sind. D.h. es besteht keine Erfolgsgarantie und der Handelnde ist bereit, Nachteile in Kauf zu nehmen,
  • Es gibt ein reales oder subjektiv wahrgenommenes Machtungleichgewicht zuungunsten dessen, der mutig handeln will, etwa weil er sich in einer Minderheits-/ Mehrheitssituation oder in einem Verhältnis der Über-/Unterordnung bzw. einer Abhängigkeit befindet (die oft mit Anpassungsdruck verbunden sind).

Meyer unterscheidet drei Arten des Handelns mit Zivilcourage:

  • Eingreifen zugunsten anderer, meist in unvorhergesehenen Situationen, in denen man schnell entscheiden muss, was man tut.
  • Sich-Einsetzen – meist ohne akuten Handlungsdruck – für allgemeine Werte, für das Recht oder die legitimen Interessen anderer, vor allem in organisierten Kontexten und Institutionen, wie z.B. in der Schule oder am Arbeitsplatz.
  •  Sich-Wehren z.B. gegen körperliche Angriffe, Mobbing oder Ungerechtigkeit; zu sich und seinen Überzeugungen stehen, standhalten, sich behaupten; widerstehen, nein sagen, ‚aus guten Gründen‘ den Gehorsam verweigern.

Dies erfordere Mut, da derjenige, der Zivilcourage zeigt, möglicherweise mit Sanktionen durch Autoritäten, Vertreter der herrschenden Meinung oder sein soziales Umfeld (z.B. einer Gruppenmehrheit) zu rechnen hat. (→ Wikipedia)

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