Glaube, Hoffnung & Wunschdenken?

Muss ich an etwas glauben?

1. Womit fängt man an, wenn stets das Ganze vorausgesetzt ist?

Eine entspannte Haltung zu Religionsgemeinschaften käme leichter zustande, würden diese den Dreiklang „Liebe, Hoffnung und Glaube“ ernsthaft befördern – in dieser Reihenfolge. Anstelle dessen nehme ich ein hochintelligentes, cleveres und wenig sympathisches Vermarktungsmodell wahr, welches auf den drei Säulen Verheißung, Drohung und Sanktionierung ruht …wobei laut Kleingedrucktem (=Dogmatik & ‚automatisierte‘ Verfluchungen für Abweichler1) die Bestrafungen im Vordergrund stehen, sowohl für Gläubige als auch für ‚Ungläubige‘.
Mein Problem damit: Nach meiner Erfahrung lassen sich die wenigsten von uns durch Einschüchterung und üble Sanktionen zum Glauben an einen Sachverhalt zu bringen, von dem sie nicht ohnehin überzeugt sind. Oh, als Kind plapperte ich wohl bestimmte Kirchenlehren mit respektabel vorgetäuschter Ernsthaftigkeit in meiner Mimik nach, um nicht zu sehr aus dem katholischen Familien-‚Konsens‘ zu fallen… allein, es fehlte die innere Überzeugung. Mit dem Aufsagen von Worthülsen war nach der Firmung aber auch Schluss.

Damit ist die Frage nach dem Glaubenmüssen vordergründig beantwortet: Niemand muss, außer als Kind gestrenger Eltern, die sich einreden, ihrem Kind mit religiöser Indoktrination ab dem 4./5.Lebensjahr etwas Gutes zu tun.


Glaube im Kontext religiöser Überzeugungen bezeichnet „eine Grundhaltung des Vertrauens“. Während „Religiosität“ die Ehrfurcht vor einer transzendenten Wirklichkeit meint, beinhaltet „Glaube“ das Überzeugtsein von der Lehre einer spezifischen Religion.

Wer zweifelt, zögert mit der Tat.“ Klingt zunächst einleuchtend, zumindest als möglicher Hintergrund für eine Form des Zweifel(n)s: ein Schein-Einwand wird an den nächsten gereiht und so der angstbehaftete Zeitpunkt hinauszögert, an dem ein Entschluss unausweichlich wird. Da zahlreiche ‚religiöse‘ Personen eine inkonsequente, ihrer Glaubens- und Religionswahl widersprechende Lebensweise vorziehen, wird jedoch deutlich: Zögern und Zweifel stehen in keiner zwangsläufigen kausalen Beziehung zueinander. Zu unterscheiden ist zwischen einem ‚denkenden Nichtglaubenkönnen‘ und dem uns allen geläufigen Unbehagen gegenüber einer ungewohnten, im Widerspruch zu unserer Erfahrung stehenden These.

Natürlich muss sich niemand sich für einen Glauben entscheiden, jedenfalls nicht im Sinne eines äußeren Zwangs. Diese Zeiten sind hierzulande vorbei, hoffentlich ein für allemal. Religionsfreiheit (in Deutschland ab dem 14 Lj. mit Eintritt der Religionsmündigkeit) impliziert auch die Freiheit, an nichts zu glauben. Freilich besitzen nahezu alle Menschen – auch Agnostiker und Atheisten – eine weltanschauliche Überzeugung, sie glauben an ‚etwas‘. Die kategorische Ablehnung jeglicher übernatürlichen bzw. transzendentalen Kräfte wie auch Religions-Parodien wie die Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters implizieren gleichfalls eine Form von Glauben …und nehmen nicht selten dogmatische Züge an.

Der Anspruch von Religion(en), sie allein vermittle die einzig gültige Wahrheit, wird tendenziell skeptisch beurteilt. Dem Absolutheitsanspruch verschiedener Religionen, Kirchen und Konfessionen – die einander mit Worten bekämpfen und mitunter auch mit Waffen – wird entgegengesetzt, sie seien blind gewordene Splitter eines Spiegels. Dieser Spiegel habe einst gewissermaßen die unteilbare Wahrheit gezeigt, sei aber durch die Torheit der Menschen zerbrochen worden …gewissermaßen eine spirituelle Sprachverwirrung…

Wer nicht zeitlebens in eine klare religiöse Überzeugung eingebettet (=indoktriniert?) ist, steht als ‚Suchender‘ bisweilen vor einem geradezu existenziellen Problem: eine Wahl zu treffen… zu entscheiden, welches der unzähligen Gedankengebäude über Gott und die Essenz allen Seins glaubhaft ist, also für wahr erachtet wird. Gute „Gründe“, eine Wahl zu treffen, gibt es offenkundig hinreichend viele:

Kategorien von Antworten auf die Frage „Warum glauben Sie an Gott?“ (nach Shermer/Sulloway)

Seine persönliche Entscheidung könnte jeder Suchende in Ruhe und frei von jeglichem Druck treffen …wenn, ja wenn er nicht mit dem Exklusivitätsanspruch vieler religiöser Bewegungen konfrontiert würde – sowie deren düsteren Drohung: ‚Falls du nicht unser Gottes- und Schöpfungsbild für wahr hältst und ab heute für immer unseren Dogmen und Geboten folgst, wirst du unweigerlich von (unserem) Gott bestraft werden und unvorstellbare, nie endende physische und psychische Schmerzen erleiden.‘

Selbst innerhalb der Christenheit besteht keine Einigkeit in essenziellen Fragen: Reicht allein der ‚richtige‘ Glaube aus, um nach dem Tode bzw. am Jüngsten Tag errettet zu werden? Oder kommt es ebenso auf die positive Lebensbilanz an, etwa so: ‚Sofern das Gute im Menschen (erwiesen durch sein Handeln und seine Charakterhaltung) überwiegt, wird er am Tag des Gerichts ins Paradies/in den Himmel eingelassen‘. Diese Werkgerechtigkeit taucht als zentraler theologischer Begriff aus der lutherischen Rechtfertigungslehre auf → man könne vor Gott gerechtfertigt sein, wenn man gute Werke tut. Martin Luther lehnte diese Ansicht ab und betonte die Rechtfertigung aus der Gnade Gottes allein durch den Glauben an den erlösenden Tod und die Auferstehung Jesu Christi.
Die katholische Rechtfertigungslehre sieht dies ganz anders:

„Sie setzt die Tatsache der Erbsünde voraus und kommt zustande auf Grund der Erlösungsverdienste Christi durch die Wiedergeburt aus dem Wasser und dem Heiligen Geiste in der Taufe bzw. durch die Begierde- oder Bluttaufe oder, wenn sie durch die schwere Sünde wieder verlorengegangen war, durch den gültigen Empfang des Bußsakramentes bzw. schon durch die vollkommene Reue (wobei die Gewissheit über deren Vollkommenheit das Problem ist) und im Notfall auch durch die heilige Ölung (= Krankensalbung)“.

Die Rechtfertigung bestehe nicht nur in einer Anrechnung der Erlösungsverdienste Christi, sondern in der sakramental nur durch die Römisch-Katholische Kirche wirksam erfahrbaren „Mitteilung des übernatürlichen Lebens – der heiligmachenden Gnade und der drei göttlichen Tugenden) -, wodurch die Menschen im Volk Gottes der göttlichen Natur teilhaftig…“.

Für mich ist dies unsympathischste und am wenigsten plausible These zur Rechtfertigung des Menschen vor Gott: Dass dessen eigenes Handeln sowie Versäumnisse relevant sind, liegt für mich nahe – auch eine vertrauensvolle Hinwendung zu Gott scheint unabdingbar. Aber das Gütesiegel einer Organisation, deren Spitze (=Vatikan) sich durch Bereicherung, Mord, Betrug, Verrat (am Beichtgeheimnis) …eine überaus weltliche Machtposition sicherte?
Bitte nicht. Allgemeiner gesagt, mag seelsorgerische Unterstützung während und nach der ‚Suche‘ durchaus hilfreich sein, doch es gibt zu viele Lebenswege, als dass sie zur conditio sine qua non gemacht werden dürfte.

in beiden Konfessionen hat eine Form von innerer Bekehrung und eine formale Initiation zu erfolgen – es müssen Rituale („Sakramente“) streng nach Vorschrift absolviert werden, um dem Kreis der jeweils zu Erlösenden anzugehören: Taufe (meist als Säuging, also nix mit mündiger Entscheidung), Erstkommunion und Firmung bzw. Konfirmation usw.
Mich beschäftigt nicht das Getue mit Gymnastikübungen am Altar und Glöckchenklingeln – viele Vereine stärken mit Symbolhandlungen das Zusammengehörigkeitsgefühl, jedem das seine… Ohne den Geißbock Hennes geht auch beim 1.FC Köln nichts. Hingegen ist für mich der innere Prozess des Verstehens und wachsenden Vertrauens zu Gott (und wohl auch zu seinem meist selbsternannten Bodenpersonal, das sich immer noch für unentbehrlich hält) von Interesse:

Wie geht so eine Bekehrung vor sich? Läuft sie vielfach auf ein Nachgeben aus purer Angst vor ansonsten unausweichlichem Schmerz im Jenseits hinaus? Seht so die ‚Überzeugungsarbeit‘ aus, welche jenen vorschwebt, die (im Christentum und im Islam) absonderliche Androhungen von Hölle und Verdammnis unablässig ausstoßen? Oder entsteht Gottvertrauen 1. nicht von jetzt auf gleich und 2. nur unter bestimmten Voraussetzungen – ganz ähnlich jeder anderen Form von Vertrauen?

Viele Religionsvertreter erwarten allerdings von ‚Suchenden‘, zuerst ein unerschütterliches Zutrauen in ihre liebende bzw. all-barmherzige Gottheit sowie deren autorisierte Dienerschaft zu entwickeln. Alles weitere werde sich mit der Zeit ergeben… Moment?!? Einer unsichtbaren, nicht wahrnehmbaren(?) Gottheit soll auf Zuruf seltsam gekleideter Herren bedingungslos vertraut und gehorcht werden – obwohl man bei kritischen Hinsehen einstweilen nichts außer Ermahnungen und alten Schriften ‚in der Hand hat‘?
Tja nun, dies ist in reichlicher Überspitzung meine Erfahrung mit mehreren christlichen Kirchen und Gruppierungen:

Zuerst musst du glauben!

So läuft es für mich eben nicht! Wenn Menschen einander subtilen Zwang und seelischen Druck zumuten, um Erlösung zu bewerkstelligen, dann stimmt damit etwas nicht!
Es geht halt nicht um’s Befolgen rechtsstaatlicher Normen, sondern um Sinnsuche und Spiritualität. Beides ist mit einem Müssen gänzlich inkompatibel …außer, der Suchende realisiert für sich selbst die Gültigkeit bestimmter Prinzipien/Gebote, deren Einhaltung im eigenen Interesse liegt.

In der bundesdeutschen Komfortzone für Kirchen darf sich das lebensbegleitende Religions-Marketing bis heute an Kindern vergreifen, die längst noch nicht religionsmündig sind: Emotionale Abhängigkeit und resultierende Zahlungswilligkeit sollen in frühestmöglichem Alter anerzogen werden, womit die Verdammnis-Androhung ihren Schrecken gemildert werde: der nunmehr ‚Gläubige‘ gehört jetzt dazu, folglich kommt er in den Himmel/ins Paradies/ins Nirwana – und die Hölle bleibt den ‚Ungläubigen‘ vorbehalten. Pech nur, falls der ‚Gläubige‘ geliebte Personen zu jenen Ungläubigen rechnen muss, die sich jeder Missionierung widersetzen …nun, man kann eben nicht alles haben.

Dieser Punkt wäre mit Fundamentalisten aller Lager zu diskutieren: Wie würde denen ihr Himmelreich zusagen, falls sämtliche oder einige von ihnen geliebte Personen derweil niemals endende, entsetzliche Qualen zu erleiden haben? Entgegen diese Leute ihren Kindern, Ehepartnern, Eltern, Freunden…dann auch ‚Pech gehabt – hättest dich halt rechtzeitig bekehren und jegliche Formfehler vermeiden müssen‘?

Bisweilen verfängt dieses verwerfliche Vereinnahmungskonzept jedoch nicht: Der ‚Suchende‘, welcher in seiner betr. sensiblen Phase1 als Kind nicht vollständig gleichgeschaltet wurde, wird angesichts sich widersprechender Aussagen der unterschiedlichen Religionen (und sogar zwischen Konfessionen ein- und derselben Religion) zunehmend hellhörig. Vielleicht fühlt er ‚innen drin‘ eine tiefe Sehnsucht nach einer geistlichen Heimat – doch um diese Heimat zu erreichen, vermag er weder den eigenen Verstand noch seine Intuition zu unterdrücken.
[1 = „Werden die sensiblen Phasen verpasst, lernt das Kind die betreffenden Inhalte nicht mehr so intensiv und mit Freude, sondern nur durch Anstrengung und großen Willen.“ Insoweit ließe sich durchaus auch eine „sensible Phase“ für Spiritualität oder eben eine eng definierte Glaubensrichtung festlegen (mutmaßlich im Alter von 6 -11 Jahren?), wenngleich die Pädagogen den Terminus eher entwicklungspsychologisch verwenden.]

„Kluge Menschen suchen sich die Erfahrungen selbst aus, die sie zu machen wünschen.“

Einen wacher, kritischen Verstand wird nicht ausschließlich die Aussagen einer spezifischen Religion als apodiktische Wahrheit festschreiben und alle übrigen unbesehen als falsch zu verwerfen. Selbst innerhalb einer Religion finden ‚Suchende‘ eine Zersplitterung in unzählige Denominationen und Sekten vor, welche einander widersprechen und sogar der Häresie [Irrlehre] beschuldigen. Fraglos kann diese Herausforderung sehr unterschiedlich gehandhabt werden:

  • ‚Gib das Suchen auf und lass dich finden‘ / ‚Augen zu und durch‘: Eine Entscheidung für eine bestimmte Religionsgemeinschaft wird getroffen – ‚ohne Wenn und Aber‘ – der kritische Verstand wird tatsächlich beiseite geschoben oder mit pseudo-logischen Scheinargumenten ruhiggestellt. Im Gegenzug wird der einstmals Suchende in eine freundschaftlich-warmherzige Gemeinschaft aufgenommen, entwickelt ein Gefühl der Zugehörigkeit – und wird in Verbundenheit mit den neuen Brüdern und Schwestern im Glauben wachsen – wenn’s gut läuft.
    Sich lediglich halbherzig oder aus opportunistischen Erwägungen zu entscheiden, erscheint mir als die bedenklichste aller Alternativen: es kommt der Heuchelei nahe, wenn man eine Überzeugung für wahr erklärt, ohne nach ihr zu leben (oder nur so lange für sie eintritt, wie es nicht weh tut) …so etwas geht oft erstaunlich lange, aber selten für immer.
  • ‚Ach, geht weg und lasst mich doch alle zufrieden‘:
    Flucht in den Atheismus/Agnostizismus, u.U. einhergehend mit einer trotzig-aggressiven Aversion gegen alles Religiöse. Nicht selten erfolgt dabei die Hinwendung zu einer Ersatzreligion bzw. zu quasi-dogmatischen Auffassungen, z.B. mit naturwissenschaftlicher Ausprägung: „Dem Dogmatiker wird selbst der Atheismus zur Religion.“
    Alternativ wird das Thema Spiritualität komplett ausgeblendet. Die Frage nach Gott und dem Ursprung des menschlichen Geistes wird stumpf verdrängt. Dies klappt auch für eine Weile ganz gut – doch sobald das Lebensende absehbar wird, tauchen unvermittelt die einstigen Fragestellungen wieder auf – nun mit mehr Angst besetzt denn je.

    „Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten,
    Die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt.
    Versuch ich wohl, euch diesmal festzuhalten?
    …Der Schmerz wird neu, es wiederholt die Klage
    Des Lebens labyrinthisch irren Lauf,…

    (Quelle: kennt jeder Schüler, Goethes Faust ist zB hier zu finden)

  • Alles lässt sich finden, wenn man nur zu suchen sich nicht verdrießen lässt‚:
    Die spirituelle Suche wird fortgesetzt, einstweilen ohne sich festzulegen und in ein Extrem zu flüchten. Diese Haltung – festhalten + weitersuchen – ist stets vorläufig, unvollendet; eine notwendige(?) Entscheidung wird aufgeschoben. Zufriedenheit und das Gefühl des Ankommens stellen sich auf diese Weise kaum ein.

    Unablässiges Weitersuchen mag auch bequem sein, da einem so das Ziehen von Konsequenzen und unliebsamer innerer/äußerer Veränderungsdruck erspart bleiben.
  • ‚Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt‘: Der ‚Suchende‘ nimmt aus der Vielfalt konkurrierender Glaubensvorstellungen jeweils die Elemente für sich an, welche ihm einleuchtend erscheinen – anhand der für ihn gültigen Kriterien. Dadurch entwickelt er sich mit der Zeit zum Synkretisten und nimmt in Kauf, von da an durch die ‚wahren Gläubigen‘ unterschiedlichster Provenienz wahlweise beschimpft, belächelt oder ignoriert zu werden.
    Diese Haltung ist m.E. ebenfalls vorläufig, solange die Suche (nach Wissen und Erkenntnis) fortgesetzt wird – sie kann dennoch ein gewisses Maß an Zufriedenheit vermitteln, zumal sie den vermeintlichen Widerspruch zwischen Spiritualität und kritischem Verstand recht elegant umgeht. Indessen ist unreflektierte Beliebigkeit zu vermeiden, d.h. gerade der Synkretist ist auf ein geistiges und ethisches Urteilsvermögen angewiesen.

    Die subjektiven Kriterien können daher nicht willkürlich sein; vielmehr resultieren sie wiederum aus Lebenserfahrung, Erziehung sowie den Grundsätzen, welche durch persönliches Studium erworben und verinnerlicht wurden. (In meinem Fall stellen Gewaltverzicht sowie Ambiguitätstoleranz – die Fähigkeit / Bereitschaft, mehrdeutige Situationen und einander widersprechende Denkweisen zu ertragen – solche Grundsätze dar. Anders gesagt, jede Religion, die einen ausschließlichen Wahrheitsanspruch vor sich her trägt und letztlich abweichende Ansichten verdrängen/beseitigen, ist in hohem Maße unzulänglich und festgefahren.)

[Synkretismus erscheint vielen gläubig-frommen Leuten als Verlegenheitslösung – nicht ganz zu Unrecht: Indem religiöse Ideen aus verschiedenen Quellen zu einem neuen System geformt werden, wird eine unangenehme Verlegenheit aufgelöst:
Fast alle Religionen und nahezu jedes Bekenntnis enthalten (für mich) Aussagen, die ich als bedenkenswert erachte – zugleich finde ich stets auch Elemente vor, die mit meiner Intuition bzw. verstandesmäßigen Haltung gänzlich unvereinbar sind.

Auch nimmt sich wohl niemand vor: ‚So, habe einige Religionen getestet, ab morgen werde ich zum Synkretisten‘. In meinem Fall stellt die synkretistische Haltung den einstweiligen Endpunkt einer jahrzehntelangen Entwicklung dar. Die Erfahrung, wie wenig zufriedenstellend die Festlegung auf eine bestimmte Religion oder einen scheuklappenmäßigen Agnostizismus war, ließ mich eine alternative Sichtweise überdenken: Dass viele Religionen jeweils ein ‚bisschen Recht‘ haben, aber keine von ihnen die Wahrheit und das Wissen über Gott alleine für sich gepachtet hat.
Alle gesuchten Antworten werde ich ohnehin niemals erhalten, nicht in diesem (einzigen?) Leben. Jedes Verengen meines Fokus wäre insoweit gleichbedeutend mit einem Versäumnis …ich würde verfügbare Wissensangebote und Denkanstöße dadurch vorsätzlich ausblenden. ]

Gläubige sind Kinder des Lichts (Eph 5,8); sie sind durch die neue Geburt Teilhaber der göttlichen Natur geworden (2 Petrus 1,4)„, betont W. Mücher in seiner Abhandlung „Schöpfung und Sündenfall“.
Und der ‚Rest‘, also die Andersgläubigen, welche stets die Mehrheit bilden? Jeder Glaube – im Kontext von Religion sowie weiteren Themenfeldern, welche uns gegeneinander aufbringen – kann einem Irrtum unterliegen. Natürlich befinden sich ausnahmslos die anderen im Irrtum – und wegen deren oftmals anerzogenen, durch Sozialisation erworbenen ‚Irrtum‘ verdienen entweder alle Muslime oder alle Christen die finale, niemals endende Verdammnis (sofern jeweils die gegnerische Religion mit ihrem Wahrheitsanspruch Recht behielte)? Dieses Verständnis einer Gerechtigkeit Gottes/Allahs will mir nicht einleuchten.

Zu wissen, welcher Glaube richtig ist – das bleibt eine Unmöglichkeit, zumindest für die große Mehrzahl von uns; es mag lediglich mag es eine gefühlsmäßige, stets subjektive Gewissheit in Glaubensfragen geben.
Solange ein evidentes, d.h.
objektiv verifizierbares Wissen über Gott und die jenseitige Welt nicht gegeben ist – ein gültiger Gottesbeweis wurde bislang noch nicht aufgestellt – wäre ein anzustrebender Konsens naheliegend, eine Art Waffenstillstand: Die Träger unterschiedlicher Auffassungen würden nicht einander bekämpfen, sondern ihre Anschauung wechselseitig tolerieren – ‚bis auf weiteres‘. Die Grundlage für Religionskriege, für Diskriminierung und Ausgrenzung entfiele damit.

Die Realität sieht bekanntlich anders aus: bis heute werden im Namen der Religionen und deren Gott/Götter zahllose Menschen getötet, es wird Hass verbreitet und Glaubenskriege geführt bzw. befürwortet. Die Ursache für diesen armseligen Zustand sehe ich in dem verbohrten Anspruch auf Exklusivität, der religiöse Gruppen veranlasst, die Menschheit in Gläubige (‚Wir, die den einzig wahren Weg beschreiten‘) und ‚Ungläubige‘ (= ‚die un-/beschnittenen, unreinen, götzendienerischen Anderen‘) zu zerteilen.
Natürlich wird dies im Zeitalter der political correctness nicht überall so explizit artikuliert (außer von Fanatikern), sondern mit Zitaten aus Tora-, Bibel- und Koran-Kommentaren dezent angedeutet.

„Wenn es einen Gott gibt, muss der Atheismus ihm wie eine geringere Beleidigung vorkommen als die Religion.“ Jules u. Edmond Huot de Goncourt Jules

Anmerkungen

  1. Dies ist bezogen auf die RKK keine billige Polemik. Ein Beispiel für ein solches Dogma aus mehreren Hundert: „Wer sagt, es sei möglich, dass man den von der Kirche vorgelegten Glaubenssätzen entsprechend dem Fortschritt der Wissenschaft gelegentlich einen anderen Sinn beilegen müsse als den, den die Kirche verstanden hat und versteht, der sei ausgeschlossen.“ (Neuner-Roos 61, cf. DS 3043 zitiert nach summorum-pontificum.de )

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