Rückblick (1960): Zukunft des Unglaubens vs. Marktnische für asiatische Religionen

In seinem in der ZEIT vom 29. Januar 1960 veröffentlichten Beitrag „Zweifel am christlichen Glauben“ fasste Gerhard Szczesny einige Thesen seines Buches „Die Zukunft des Unglaubens“ zusammen.

„Der Mensch, ist ein religiöses Wesen, Wenn sein eingeborenes Bedürfnis nach einer befriedigenden Sinngebung der irdischen und kosmischen Zusammenhänge verkümmert, kommt es zu schweren Fehlentwicklungen des einzelmenschlichen und des gesellschaftlichen Lebens…“

Dem gegenüber stehe ein wachsendes Unvermögen, die christliche Heilslehre nachzuvollziehen, was eine „Epoche des Materialismus und der Oberflächlichkeit […] der Rücksichtslosigkeit und des Zynismus“ herbeigeführt habe.
Diese Beobachtung stammt wie gesagt aus dem Jahr 1960 …und da hatte ich immer angenommen, ein halbes Jahrzehnt vor meiner Geburt sei die Welt aus katholisch-konservativer Sicht noch ‚in Ordnung‘ gewesen. Es gab noch keine Pille, die 68er hatten noch nicht den Geist des antiklerikalen Ungehorsams befördert und die Mehrheit der Menschen in Westdeutschland gingen am Sonntag noch brav in die Kirche.

Und dennoch sah Szczesny bereits vor gut 55 Jahren keinerlei Ansatzpunkte dafür, wie es den christlichen Kirchen gelingen könne, „das verlorene Glaubensterrain wieder zurück zu erobern“. Statt dessen hält er Ausschau, inwieweit andere Heils- und Lebenslehren diese verhängnisvolle Entwicklung aufzuhalten imstande seien:

Welche im Christentum offenbar nicht gegebenen Voraussetzungen müßte eine Religion erfüllen, um das Glaubensbedürfnis des zeitgenössischen Menschen wieder zu wecken?
Die Antwort liefert Szczesny gleich mit: Einer solche Religion müsse eine „monistische und dynamistische“ Metaphysik zugrunde liegen, ferner sei eine humanitäre Lebensphilosophie, eine personalistische Individual-Moral sowie eine demokratische Sozial-Moral geboten. Klingt für mich verdächtig nach Beliebigkeit, doch der Autor selbst bezeichnet diese Zusammenstellung von Erfordernissen als hypothetisch.

Schwierig daran finde ich eine Betrachtungsweise, welche die essenzielle Frage von Glaube und Nichtglaube, von spiritueller Suche und schmerzlichen Zweifeln und nicht zuletzt der eigenen Lebensausrichtung vornehmlich in den Kontext eines Zeitgeistes stellt. Als sei es jeweils ‚modern‘ geworden, alte Glaubensvorstellungen abzulegen und sich von Medien, Buchautoren und ‚den anderen‘ in eine unbesonnene, leichtfertig gleichgültige Dauerstimmung versetzen zu lassen, in welcher die klassischen Sinnfragen kaum mehr gestellt würden.
Zudem sehe ich Religion nicht als etwas Abstraktes, sondern als historisch gewachsene Gesinnungsgemeinschaft, deren zentrale Glaubensüberzeugungen sich nicht bis zur Unkenntlichkeit verhandeln lassen.

Der fragwürdige Austausch der bisherigen durch eine geeigneter erscheinende Religion hat nur wenig mit Unglauben zu tun. An überhaupt nichts zu glauben impliziert nach meinem Verständnis, die Existenz mindestens einer allmächtigen, schöpferisch tätigen Entität („Gott“) geradewegs abzulehnen. Sobald diese Existenz aber bejaht wird (und man nicht davon ausgeht, es handele sich bei ihr um ein den Menschen nur weit, sehr weit überlegenes Alien, das nicht auf eine körperlich-materielle Daseinsform angewiesen sei), kann von Unglaube im engeren atheistischen Sinne nicht länger die Rede sein. Insoweit finden sich weltweit nicht allzu viele „Ungläubige“, denn mehr als 90 Prozent aller heute lebenden Menschen gehen ‚irgendwie‘ von der Existenz eines göttlichen Wesens aus, oder mehrerer. Ob sie zusätzlich an Religion interessiert sind, ist eine andere Frage, denn dazu müsste eine bewusste Entscheidung getroffen werden, die deutlich über die intuitiv-unreflektive Haltung des ‚irgendwie glaube ich schon, dass er existiert‘ hinausgeht.

Gerhard Szczesny hat sich 1960 also überhaupt nicht mit Ungläubigkeit auseinandergesetzt, sondern 1. mit Glaubenszweifeln und 2. mit der schrumpfenden Bereitschaft aufgeklärter Zeitgenossen, ihre Denkweise und ihren persönlichen Glauben noch länger in eine dogmatische Schablone pressen zu lassen, welche ihre existenziellen Fragen vermeintlich unbeantwortet lässt. Diese Tendenz nahm seit damals stetig zu, jedenfalls in westlichen Ländern und ganz besonders hier in Deutschland. Von der wachsenden Zahl der Kirchenaustritte nun gleich auf Phänomene wie „Gottlosigkeit“ und Identitätsverlust unter den Deutschen zu schließen, wäre aber kurzsichtig.

Die antizipierte Reaktion (sich halt eine neue Religion zu suchen) erwiest sich jedenfalls im Rückblick als unzutreffende Mutmaßung: Wer seine christliche Konfession nicht aus einer bloßen Laune oder nur zwecks Einsparung der Kirchensteuer ablegt, sondern nach reiflicher Überlegung, wird nicht zwangsläufig für eine andere Religion zu gewinnen sein. Die Beweggründe für einen Kirchenaustritt waren und sind zu vielfältig, um den Eintritt in eine neue Gemeinschaft gewissermaßen als Workaround für Suchende zu idealisieren. Wie bedeutsam die Bestrebungen sind, eigene Gottesbilder und Glaubensvorstellungen zu verwirklichen, hat die starke Tendenz zu synkretistischen Anschauungen gezeigt, nicht nur im weit verzweigten Umfeld von NewAge-Bewegungen und Esoterik.

Und was ist daran falsch? Zunächst einmal nichts, denn auch die etablierten Religionen entstanden letztlich aus den subjektiven Überzeugungen und Erfahrungen einer anfänglich kleinen Schar von ‚Glaubenspionieren‘.
Dass darin freilich auch eine Gefahr liegen kann, zeigte Wolfgang Niedecken (BAP) mit dem Lied ‚Ne schöne Jrooß‘ Anfang der 80er Jahre:

„Noch zo empfähle wöör dämm janze Komplott:
Schenkt jedem einzelne doch ’ne Aufblasbar-Gott
(uss Venyl) – abwaschbar, exakte Maße, verbrauchergerecht (jefühlsecht)

Es ist natürlich nicht verboten, sich seinen eigenes ganz persönlichen Gott zu erschaffen – doch wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, damit richtig zu liegen…d.h. dass ein existierender Gott dem eigenen Entwurf wesensmäßig auch nur nahe kommt? Und, hätte es womöglich Konsequenzen, falls wir neben einem sehr hohen Maß an Wunschdenken auch etliche Denkfehler in unseren Gottes-Entwurf einbauten – indem wir beispielsweise ein paar die Kausalität verleugnende HappyEnd-Götter erschüfen, dank derer am Ende alles, aber auch wirklich alles gut ausgeht? Würden im Zuge der Hollywood-Veriante eines Pantheons würden Hitler, Stalin und George W Bush jun. gemeinsam mit Robin Williams, Gandhi und Martin L. King himmlische Freuden genießen, ohne dass die ersten drei genannten Herren jemals die Konsequenzen ihrer Entscheidungen erfahren hätten?
Oder gehört zu einer Gottes- und Jenseitsverheißung auch ein wenig Plausibilität?

Zukunft asiatischer Religionen in Europa?

Lesenswert ist der alte Beitrag Szczesnys trotzdem, denn er stellte das Christentum drei weiteren Weltreligionen (Islam, Hinduismus und Buddhismus) gegenüber und betrachtete deren Vorzüge und Nachteile für das Christentum verschmähende, aber gleichwohl glaubenswillige Mitteleuropäer. Der Autor scheint mit einigem Bedauern zu konstatieren, gerade der Buddhismus entfalte „nicht genügend missionarische Leidenschaft und organisatorische Kraft aufbringt, um seine Chancen in Europa zu erproben“.

Mir stellte sich beim Lesen die Frage: Sind materialistisches Denken und Konsumismus nicht gewissermaßen auch religionsähnliche Lebensanschauungen? Und haben nicht viele Deutsche ihre nicht immer zu Unrecht als zu autoritär und aufrichtig empfundene Konfession bereits gegen diese Pseudo-Religionen eingetauscht?

 

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„Kreuzverhör“: Der kath. Theologe Klaus v. Stosch stellt sich Fragen von Atheisten

Leitplanken für’s Denken?

Ein hörenswertes, für mich hochinteressantes Gespräch, das hier mit dem röm.-katholischen Theologen Professor Klaus von Stosch geführt wurde. Obgleich ich mich bereits lange zuvor einigermaßen intensiv mit der Lehre der RKK befasst hatte, ergaben sich mehrere Aha-Erlebnisse.
Das gut zweistündige Gespräch unternimmt einen Streifzug über komparative Theologie, die Dogmatik der RKK, die Stellung von Frauen in der Kirche und gipfelt in den zentralen Fragestellungen:

  • Ist die Existenz Gottes von einem rationalen Standpunkt her zu begründen?
  • Theodizee: Weshalb lässt ein allgütiger, allmächtiger und allwissender Gott Krankheit, quälendes Sterben und Leid in kaum vorstellbarem Ausmaß zu („Wenn diese Welt das Werk eines intelligenten Schöpfers ist, dann sollte uns dieser Schöpfer all das einmal erklären.“)

Zwei Wermutstopfen sind mir aufgefallen: Der Moderator vom ‚Ketzerpodcast‘ hat sich zwar gründlich auf dieses kontroverse Gespräch vorbereitet, doch im katholischen Glauben scheint er nicht nicht hinreichend bewandert, um fundierte Kritik (z.B. an der Dogmatik) zu üben. Außerdem erliegt er gelegentlich der Versuchung, den Theologen Stosch jeweils im falschen Moment rüde zu unterbrechen.

Wenn man den katholischen Glauben richtig ersteht, ist er in allen Punkten zutiefst rational.“

Natürlich. Falls ich jemals mein ganz persönliches Modell der Wirklichkeit entwerfe, werde ich (hoffentlich) darauf achten, dass wenigstens alle innerhalb dieser geschlossenen Systematik mit ihren spezifischen Prämissen getroffenen Aussagen konsistent sind. Hingegen würde ein Atheist diesen Entwurf nur insoweit anerkennen, als dieser sich auf mit naturwissenschaftlichen Methoden (Beobachtung, Messung, Berechnung etc.) gewonnen Erkenntnissen in Einklang bringen lässt.
Von einem Nichtglaubenden bzw. Nicht-Katholiken kann meiner Ansicht nach nicht erwartet werden, sich seinerseits auf das christlich-katholische Wirklichkeitsmodell einzulassen und seine Argumentation allein darauf zu beschränken.
Eine Vorbedingung (im Sinne von ‚Wir setzen die Existenz Gottes in dieser Diskussion einfach mal voraus‘) ist meines Erachtens unzulässig, denn sie zwingt dem Atheisten eine Position auf, welche er ausdrücklich nicht vertritt.

Der Diskussionsteil über die Mariendogmen der RKK steht unter dem Zeichen einer Relativierung: Zum einen stünden die Aussagen der RKK übe die „Gottesgebärerin“ Maria nicht im Zentrum der kirchlichen Glaubenslehre. Ferner ‚müsse‘ ein Kritiker dieser und weiterer Glaubenssätze sich schon die Mühe machen, deren historischen Hintergrund sowie die Intention der Kleriker für die jeweilige Aussage zu verstehen – „wenn er auf Augenhöhe diskutieren will“.
Mir ging dabei durch den Kopf: Wie viele „streng gläubige Katholiken“ haben jemals die Chance, ein hinreichend tiefes (=wissenschaftliches) Verständnis der Grundsätze ihres eigenen Glaubens zu entwickeln? Und wie kann ein Anathema ( → anathema sit, →Exkommunikation) ‚automatisch‘ wirksam werden, ohne dass ein solches Verständnis vermittelt bzw. erlangt wurde?
Auch die Metapher von Dogmen als „Leitplanken für das Denken auf der sechsspurigen katholischen Autobahn“ weckt meinen Widerwillen: Zwar glaube ich an die Existenz Gottes, doch mag ich mir von keiner Institution einen Rahmen für mein Denken vorgeben lassen, den ich nicht verlassen darf/soll. Die Gedanken sind frei.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, die vom Moderator vorgebrachten Kritikpunkte beziehen sich im wesentlichen auf Aussagen, wie sie in  Predigten, auf Kirchentagen und in Podiumsdiskussionen von römisch-katholischer Geistlichen sehr wohl vertreten werden, d.h. sie bilden gewissermaßen einen Standard ab. Hierbei handelt es sich sicherlich nicht um einen akademisches Niveau, sondern um allgemeinverständliche Abrisse des katholischen Glaubensverständnisses.

Für Hörer des Podcasts könnte dennoch der Eindruck entstehen, der Moderator könne dem Theologen Stosch nicht annähernd das Wasser reichen – nur: worum geht es denn im Kern, wenn junge Menschen sich kaum mehr mit Glaubens- und Sinnfragen auseinandersetzen wollen? Vermutlich um das Erscheinungsbild einer Kirche, wie es auch in den Mainstream-Medien gezeichnet wird, die sich mehr und mehr von der Lebenswirklichkeit der ‚Normalverbraucher‘ entfernt. Als Folge dieser wachsenden Distanz kommt es bei den ‚Suchenden‘ gegebenenfalls zu einer Umorientierung und der Rest lässt sich lieber vom allabendlichen TV-Programm berieseln oder spielt Egoshooter am PC.

So gesehen hilft es der Theologie wenig, sich in in ihrem Elfenbeinturm aus formalen und inhaltlichen Anforderungen an das Vorwissen ihrer Kritiker und die stringente Fundiertheit in deren Argumentation verschanzen. Da fallen Schlagworte wie „Stammtisch-Niveau“, „primitiv“ und „unterirdisch“, den Rest habe ich nicht behalten.

„Ich wünsche mir Atheisten, die sich auf wissenschaftlichem Niveau mit mir streiten.“

Siehe auch:

 

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„Glauben wir an denselben Gott?“ Vortrag von Prof. Klaus von Stosch

Christlicher Trinitätsglaube und islamisches Gottesbild im Vergleich

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Nicht-öffentliche Prozesse der kath. Kirche in Deutschland

„Die Kirche ist eine Institution, das haben wir auch gelernt in den letzten Jahren, die anders ist als andere Institutionen, die unter anderem eben ein eigenes Rechtssystem hat und eigene Gerichte hat.“[1]

Hierzulande gibt es 22 katholische Straf- und Ehegerichte. Dort finden Zeugenbefragungen und Verhöre statt; es gibt Ermittler, Gutachter, Kirchenanwälte, Vernehmungsrichter. Sämtliche Prozesse finden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

„Nur selten dringt etwas nach außen und das ist gewollt.“

Diese Gerichte befassen sich unter anderem mit den Verfehlungen des eigenen Personals, etwa mit Missbrauchstätern. Ferner werden sog. „Ehenichtigkeitsverfahren“ geführt – die einzige kirchenrechtliche Möglichkeit, eine katholische Ehe aufzuheben, d.h. „eine Chance für hunderttausende Kirchenangestellte die trotz einer zweiten Beziehung ihren Arbeitsplatz nicht verlieren wollen“.

Resultat dieser Kirchengerichtsprozesse sind In-Group-Urteile, d.h. sie besitzen Relevanz (nur) für Personen, welche der betreffenden Gruppe angehören. Für Außenstehende besitzen diese Urteile meist weder eine Bedeutung noch haben sie spürbare Auswirkungen.

Der Film „Richter Gottes“ gibt zum ersten Mal einen Einblick in die Welt der deutschen Kirchengerichte und zeigt, welche Prozesse dort geführt werden:

Die kirchenrechtliche Abklärung des Fortbestehens einer (kirchlich geschlossenen) Ehe – ein durchaus nachvollziehbarer Vorgang. Dagegen fehlt mir für jegliche Formen einer Paralleljustiz im Strafrecht jedes Verständnis – ganz gleich ob nun nach der Scharia oder Prinzipien eines Kirchenrechts gerichtet werden soll. Wir leben Deutschland.

Zudem erweist sich die kircheninterne Aufarbeitung von Straftaten als intransparent. In jedem Falle bleibt ein bitterer Nachgeschmack, wenn Geistliche, die Kinder missbraucht haben, von Kirchengerichten verurteilt und nicht von weltlichen, wie ’normale‘ Personen auch.

Quellenangaben

  1. Sprecher der Opfergruppe bewertet Kirchengerichtsurteil als zu milde: „Für den Täter ist das keine wirkliche Strafe“ (Missbrauch am Berliner Cusanius-Kolleg)
  2. Kirchengerichts-Urteil zu Missbrauch: „Das ist beschämend“ (SPIEGEL)

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Vom Stein zum Leben – Vortrag von Prof. Harald Lesch

Nach einer etwas langatmigen Einführung widmet sich der Erklärbär und Kosmologe Harry Lesch der Frage, wie das Leben aus unbelebter Materie entstanden sein mag. Dabei stellt er durchaus überraschende Thesen auf, z.B. „Heute kann kein Leben mehr entstehen!“ (weil die gegenwärtige Zusammensetzung der Erdatmosphäre dies nicht zulasse). Okay, so wie vor drei Milliarden Jahren würde eine Wiederholung dieses Prozesses nicht ablaufen können.

Wer primär an der Kernfrage – also wie Abiogenese und mikrobiologische Evolution abgelaufen sein könnten – interessiert sich wird sich in Geduld üben (oder vorspulen) müssen, denn Harry Lesch erläutert zunächst die Voraussetzungen zur Entstehung von Leben: Abkühlung der Erde, Vulkanismus, Wasserdampf→ Wasser, etc.

„Leben auf der Erde ist geronnenes Sonnenlicht, ist Manifestation kosmischer Energie. Auch eventuelles Leben anderswo im Universum braucht Sterne als Energiespender…“

Für Leser, de es kurz, knapp und präzise mögen, füge ich an dieser Stelle nochmals mein Lieblingsvideo zur Abiogenese ein, das die entscheidenden Vorgänge (genauer, ein Modell, wie Leben entstanden sein könnte) in nur 9 Minuten und 59 Sekunden skizziert.

Nun aber zurück zum Fabulierenden Harry (dessen ausführliche Art ich eigentlich schätze…nur in diesem Vortrag übertreibt er es für meinen Geschmack):

Dass lebende Materie aus unbelebter Materie hervorgegangen ist, sei mit der Theorie der Selbstorganisation zu erklären:

Der Physiker beschreibe Leben als Prozess der Selbstorganisation in einem dissipativen Nichtgleichgewicht-System, d.h. offenen offene Systemen, die in einem ständigen Materie- und Energieaustausch mit ihrer Umgebung stehen. Für solche Strukturen ist das Anwachsen von Entropie wesentlich: Energie wird der Außenwelt entzogen und gleichzeitig Abfallenergie in die Umwelt dissipiert (=verteilt). Mit anderen Worten, der Materie sei nach Vorliegen der o.a. Ausgangsbedingungen gar nichts anderes übrig geblieben, als sich zu organisieren.

Belebte Materie sei entstanden, weil die Einzelbausteine in diesem symbiotischen System Leben besser zusammenwirkten als vorher. Eingriffe eines Schöpfers (‚Gott‘) seien für diesen Organisationsprozess zu keiner Zeit notwendig gewesen; ein Merkmal selbstorganisierender Systeme, die durch solche Eigenschaften charakterisiert sind, nennt man Es können ohne externe Lenkung spontan neue Ordnungen entstehen.

Vortrag: Vom Stein zum Leben

Ergänzt und erklärt wird Leschs vermeintlich glaubensfeindliche Haltung durch ein etwas älteres Statement über Gott und die Wissenschaft (s.u.)

Die Theologie habe einen strategischen Fehler gemacht, als sie die Naturwissenschaften auf ihre Wissenslücken hinwiesen und dort Gott zu verorten. „Das ist dumm, denn jeden Tag, wo ein bisschen mehr gewusst wird, schrumpft Gott so Stück für Stück auf Bonsaigröße zusammen. Was soll das für eine Religion sein? Nein, beide Wissenschaften behandeln ganz unterschiedliche Probleme.

Ich verstehe seine Aussagen so, dass sowohl Gott als auch das uns nach dem Tod möglicherweise erwartende Jenseits außerhalb von Raum und Zeit, d.h. außerhalb dieser materiellen Welt stattfinden. Innerhalb dieses Universums könne allenfalls die Feinabstimmung von Naturgesetzen und Naturkonstanten Hinweise auf die mögliche Existenz Gottes (gewissermaßen als ‚externe erste Ursache von Allem-was-ist‘) liefern. Das Geschehen innerhalb der materiellen Welt ohne Einwirken Gottes erklären – nicht aber die Sinnfrage („wozu das alles?“).

Naturwissenschaftler sehen sich aufgrund ihrer Kirchenzugehörigkeit bisweilen einem gewissen Rechtfertigungsdruck seitens ihrer atheistisch/agnostisch orientierter Kollegen ausgesetzt. Der gläubige Christ Harald Lesch, der sich als „Protestant vom Scheitel bis zur Sohle“ outet, bestreitet dagegen einen Widerspruch zwischen Naturwissenschaft und Glaube, denn beide haben ihren eigenen, voneinander abgrenzbaren Zuständigkeitsbereich. An der Vereinbarkeit von Wissenschaft und Glauben besteht für ihn deshalb kein Zweifel.

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„Inquisition – ein Fortschritt?“

Ausgehend vom Schicksal der als Ketzer verfolgten Katharer habe ich mich etwas eingehender mit historischen Beurteilung der mittelalterlichen Inquisition in Südfrankreich (welche sich von der Spanischen/Portugiesischen Inquisition sowie den anti-reformatorischen Maßnahmen der RKK durchaus abhebt) wie auch Stellungnahmen seitens der Kirche beschäftigt.

Der häufig vorgetragene Einwand, man dürfe das mittelalterliche Europa nicht mit dem heutige gültigen pluralistischen, messen, hat seine Berechtigung. Welcher Maßstab ist also genehm und der damaligen Zeit gemäß? Wie wäre es mit dem Regelwerk des Christentums? Eignen sich die biblisch-christlichen Ideale wie Nächsten- und Feindesliebe sowie das Gebot „Du sollst nicht morden“ eher, zumal die Ketzerverfolgung schließlich im Dienste christlicher Überzeugungen stehen wollte? Auch nicht passgerecht angesichts der ‚theokratischen‘ Elemente mittelalterlicher Herrschaftsstrukturen? Nein, wohl kaum …zumal, diese Vorgänge lassen sich mit dem frühchristlichen Moralverständnis absolut nicht vereinbaren.
Tja, dann bleibt noch eine mit Wissenschaftsbegriffen aufpolierte Fassung des beliebten Statements „das war damals halt so, das haben alle so gehandhabt“.
Ein Beispiel: „Die Verfolgung Andersgläubiger gehört nicht zu den exklusiven Charakteristika der Papstkirche“. Stimmt, auch führende protestantische Theologen wie Philipp Melanchthon befürworteten die Todesstrafe für sog. Gotteslästerer; und im elisabethanischen England wurden katholische Geistliche zu Hunderten exekutiert. Die Bezeichnung der Vergehen variierte: mal Häresie, mal Blasphemie, dann wiederum Hochverrat. Kann der Hinweis auf ‚die anderen‘
irgendeinen religiös motivierten Mord eher rechtfertigen? Nein, aber wenigstens lässt sich das im Rückblick als peinlich und kompromittierend empfundene Geschehen so relativieren.
Oder wahlweise der statistisch-vergleichende Ansatz: ‚Soo viele Tote und Verstümmelte, wie sonst immer behauptet wird, hat die Inquisition gar nicht hervorgebracht. Die totalitären Regime des 20. Jahrhunderts ermordeten weit mehr Menschen.‘  Was wiederum zutrifft – Whataboutism geht eigentlich immer… Oh, wie lautete noch gleich der anfängliche Einwand – man dürfe doch nicht über Epochengrenzen hinweg unsachliche Vergleiche herstellen? Hmm…

Gerd Schwerhoff bekennt sich zur Notwendigkeit, moralisch falsches Handeln auch als falsch zu benennen: „Auch die Revisionen der neueren Forschung machen klare Werturteile über das Wirken der Inquisition nicht obsolet.

Zutreffend ist: Die Inquisitions-Geschichtsschreibung musste sich zunächst aus dem Sog konfessioneller Auseinandersetzungen befreien, um eine zwar nicht objektive, aber immerhin vorurteilsarme Untersuchung anstrengen zu können. Objektivität bleibt dagegen weiterhin eine Illusion, weil die notwendige persönliche Distanz bestenfalls teilweise hergestellt werden kann.

Die Frage nach dem ‚Fortschritt‘ wird in der Fachwelt durchaus mit Ernsthaftigkeit erörtert – worin könnte ein solcher wohl bestanden haben? Gemeint ist ein Modernisierungsphänomen in Verbindung mit allmählicher Professionalisierung: Aus rechtsgeschichtlicher Sicht lassen sich im Standardverfahren gegen Ketzer mitsamt der der nun eingeführten ausführlichen Dokumentation und Archivierung sämtlicher Ermittlungen und Verhandlungen durchaus Organisations- und verfahrenstechnische Vorteile ausmachen. [Die jüngsten politisch-religiösen Verwerfungen in weiten Teilen Europas lassen erahnen, dass zwei nicht so ganz kleine Minderheiten (einerseits rechtskonservative ‚Christen‘, andererseits dem Salafismus nahestehende Islamisten) ein möglichst effizientes System zur Bekämpfung Andersdenkender/ -gläubiger als notwendig oder gar als wünschenswert erachtet – weshalb sollte ihnen die Inquisition nicht geradezu als vorbildhaftes Ideal zur ‚Reinhaltung des Abendlandes‘ erscheinen… bzw. zur strikten Durchsetzung der Scharia? Okay, Folter geht diesen Leuten eventuell etwas weit, aber Menschen die anders sind/denken/glauben sozial isolieren oder ausweisen, wäre in deren Augen 1.angeraten und 2.machbar…]

Gemäß den römischen Prinzipien eines Prozesses unternahm der Richter eingehende Nachforschungen (inquisitiones), indem Zeugen zu befragten und dem Beschuldigten durch gezielte Fragen aufzeigte, worin sein mögliches Vergehen bestand. Nur dadurch konnte dieser ermessen, ob er sich dessen schuldig gemacht hatte. „Niemand sollte verurteilt werden, ohne dass er der Schuld überführt war.“[1]

Indessen nach zählt zur Beurteilung eines ‚fairen Verfahrens‘ nach unserem heutigen Verständnis von Recht und ethischer Integrität, inwieweit ein Beschuldigter von einem ordentlichen Gericht (bestehend aus Ankläger, Richter und qualifizierter Verteidigung – dergleichen sah der Inquisitionsprozess nicht vor) einer Straftat sicher überführt und anschließend gemäß einem feststehenden Strafkatalog verurteilt und sanktioniert wurde.

Bis zum 13. Jahrhundert stellte der Akkusationsprozeß den Normalfall dar: ‚Wo kein Kläger, da kein Richter‘; ohne Anklage durch eine Streitpartei unterblieb die rechtliche Überprüfung und Sanktionierung eines Sachverhaltes. Ein Richter konnte nicht aus eigenem Antrieb tätig werden, er hatte lediglich die formale Korrektheit des Gerichtsstreits überwachen. Der Inquisitionsprozess basierte auf einer völlig anderen Rechtsphilosophie: Richter konnten, falls eine Person einen schlechten Leumund besaß – von sich aus ein Verfahren in Gang setzen. In dessen Verlauf sollte er einerseits zur Wahrheitsfindung beitragen, d.h. versuchen, für die Schuld eines Angeklagten tatsächliche Beweise zu finden – und anschließend auf der Grundlage seiner selbst gewonnen Erkenntnisse ein Urteil fällen.

Der institutionelle Kern bestand in der Tradierung eines professionellen Know-Hows. Dazu gehörte zum einen das Spezialwissen über Merkmale, Erkennungszeichen und Gegenstrategien der einzelnen häretischen Bewegungen. Dieses Wissen der Inquisition einschließlich expliziter Ziele, Regeln und Praktiken in einer ganzen Reihe von Handbüchern überliefert.
Einen weiteren ‚Fortschritt‘ zur Professionalisierung der Ketzerverfolgung bildete die Einrichtung von Suchtrupps: Bestehend aus einem Priester und drei Laien, hatten diese sorgfältig nach Ketzern forschen und diese den kirchlichen Behörden anzeigen. Eine Art dauerhaft bestehende Spezialpolizei sollte einzig für die Verfolgung von Ketzern zuständig sein.

Die Zulässigkeit bzw. Anordnung der Folter zur Beweiserhebung lässt jede objektive Wahrheitsfindung unwahrscheinlich erscheinen – in Verbindung mit der ausdrücklich von der Inquisition eingeforderten Denunziation sogar im Familienkreis kommt sie einer Vorverurteilung gleich. Folter produziert zudem Schuldige, da Gefolterte alles gestehen werden, nur damit die Schmerzen aufhören.

Die Androhung der Folter, die Angst vor langer Kerkerhaft, vor dem Verlust der Ehre ließ viele etwas bekennen, was sie nie getan hatten.“(1)

Zwar findet sich bis heute zahlreiche Befürworter der Todesstrafe (für schwerste Vergehen wie Mord, Terrorismus und Misshandlung von Kindern), doch die Vorstellung einer absichtlichen Verlängerung der Vollstreckung zur Maximierung der Qualen für den Verurteilten ist uns heute (hoffentlich) gänzlich fremd. Eben darauf zielte die Hinrichtungsmethode der Verbrennung.

Im mittelalterlichen Europa erfolgte die erste bekannte Verbrennung von Ketzern im Jahr 1022 in Orléans. Bereits das von Kaiser Friedrichs II. 1224 für die Lombardei erlassene ‚Antiketzergesetz‘ sah den Feuertod für schwere Fälle von Häresie vor. 1231 übernahm Papst Gregor IX. das Gesetz für den kirchlichen Bereich. Auch die im Inquisitionsverfahren zum Tode verurteilte ‚Ketzer‘ wurden üblicherweise auf dem Scheiterhaufen verbrannt – öffentlich oft genug eine Art Zirkusfest für die ganze Familie (für die Kinder wohl als lehrreiche Erlebnis vorgesehen – Nowosadtko spricht in diesem Kontext von der „karnevalesken Atmosphäre“ öffentlicher Exekutionen). Das Todesurteil besagte zumeist, den verurteilten ‚Ketzer‘ „dem weltlichen Arm“ zu übergeben sei, da die Kirche nach dem Grundsatz ecclesia non sitit sanguinem die Exekution nicht selbst vollziehen durfte.

Vor Beginn der Exekution wurde ein Pfahl in die Erde gegraben. Um diesen herum schlichtete man Holz und Reisig, so dass der Holzstoß leicht entflammbar war. Der Verurteilte wurde dann, eskortiert von bewaffneten Soldaten, auf den Richtplatz gebracht oder geschleift. Nach Verlesung des Urteil fesselten diese ihn mit Eisenketten an den Pfahl. Bei manchen Hinrichtungen wurde das Holz um den Verurteilten herum aufgetürmt, so dass er den Blicken der Zuschauer entzogen war. Die Verbrennung erfolgte bei „lebendigem Leib“ – Ausnahme: Kam der sog. „Gnadenerweis“ zum Tragen, erdrosselte der Henker unbemerkt das Opfer mit einer Schnur. Dies musste aber insgeheim geschehen, „da sonst das Publikum rebellierte, weil sie sich um das Schauspiel einen Menschen bei lebendigem Leib brennen zu sehen, betrogen fühlten.“ Das Feuer wurde solange mit Holz bestückt, bis vom Toten nur noch Knochen und Asche zurückblieben. (vgl. → todesstrafe.de).

Das in der Öffentlichkeit vollzogene Quälen von Verurteilten folgte durchaus einer ‚Logik‘. Während moderne Todesstrafen einzig auf den Schutz der Gemeinschaft vor dem Aggressor abzielen und deshalb oft im Verborgenen und möglichst schmerzfrei vollzogen werden. Ganz anders wurde im Mittelalter und in der frühen Neuzeit „der Körper nicht als Mittler, sondern als Ziel der Strafe angesehen. Die dabei zugefügten Schmerzen wurden an der Schwere der Schuld bemessen. Die Legitimität physischer Gewaltanwendung manifestierte sich gerade in der demonstrativen Öffentlichkeit der Hinrichtungsrituale. Noch früher, etwa bei den Germanen, stellte die Exekution sowohl einen Rechtsakt als auch eine Kulthandlung dar, z.B. in Form eines Menschenopfers.

Die Funktion und der zeitgenössischen ‚Sinngehalt‘ von Exekutions-Ritualen habe sich aus der Perspektive der verantwortlichen Entscheidungsträger mit dem Eintritt in die frühe Neuzeit sukzessive von einem „‚Reinigungsritual’ der Gesellschaft zu einem ‚Abschreckungs- und Vergeltungsritual’“ gewandelt. (vgl. Nowosadtko[4])
Den weltlichen Eliten war demnach daran gelegen, die Zahl von Nachahmungstaten im Wege der Abschreckung im Strafvollzug möglichst gering zu halten – in Bezug auf schwerste Kriminalität mag dies nachvollziehbar erscheinen.

Eine rückblickende Betrachtung und Bewertung des Umgangs der Kirche mit Abweichlern wird freilich nur auf dem Hintergrund der historischen Gegebenheiten zu seriösen Ergebnissen gelangen. Insoweit führt jedes Anlagen moderner, pluralistischer Maßstäbe an die theozentrische Denkweise des Mittelalters in eine Sackgasse. Auch mutwillige Verbindungslinien „zwischen den Scheiterhaufen der mittelalterlichen Inquisition und den Krematorien faschistischer Konzentrationslager“ (Grigulevič [7]) erzeugen ein verzerrtes, ja oberflächliches Bild. Und Schlagworte wie „Gottes willige Vollstrecker“ empfinde ich schlicht als unfair; zu allen Zeiten haben Klerikale unterschiedlichster Provenienz ihre Anstrengungen und Motive auf Gottheiten) projiziert – sollten wir damit nicht aufhören, wo wir uns doch für äußerst modern und aufgeklärt halten?

Auf der anderen Seite gebietet sogar das Neue Testament den Gewaltverzicht gegenüber „falschen Brüdern“: Mt 13, 24-30, das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen, gesteht Gott selbst das letzte Urteil über tatsächliche und vermeintliche Häretiker zu: „Lasst beides wachsen.“ Und 1Kor 13, 4-7 stellt die Liebe in den Vordergrund:

Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig, sie neidet nicht, die Liebe tut nicht groß, sie bläht sich nicht auf, sie benimmt sich nicht unanständig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet Böses nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit; sondern sie freut sich mit der Wahrheit, sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie erduldet alles.“

Im ursprünglichen, ‚reinen‘ Christentum war der Glaube eine Haltung des freien Willens; er durfte nicht erzwungen werden, da er sonst wertlos war. Zulässig war lediglich die Ablehnung (‚Verfluchung‘) einer Häresie, nicht aber des Häretikers. Diese frühchristliche Haltung ging nach der Wandlung des Christentums zur Staatsreligion verloren. Zwar wurden bereits um 385 wurden erstmals Häretiker – Priscillian und sechs Gefährten – hingerichtet, doch dies war im ersten Jahrtausend eher die Ausnahme. Für Häretiker waren Klosterhaft und Verbannung als Sanktionen vorgesehen. Die Todesstrafe bzw. der bewaffnete Kampf gegen die ‚Feinde Gottes‘ wurden ab dem 11.Jahrhundert ausdrücklich gefordert:

Wenn für den irdischen König rechtens gekämpft werden dürfe, dann entschiedener noch für den himmlischen, zumal gegen dessen Feinde, die Barbaren und Häretiker.[5]

Interkonfessionelle Feindesliebe war mit dem mittelalterlichen Gesellschaftsordnung nicht länger kompatibel, welche sich auf die enge Verbindung von staatlicher und kirchlicher Ordnung gründete. Eine exakte Abgrenzung säkularer von kirchlicher Machtausübung lässt sich insoweit kaum vornehmen:

Während das mittelalterliche System päpstlicher Legaten zur Ketzerbekämpfung vom Anspruch her universell war, stellte die Inquisition der Neuzeit eher staatliche Veranstaltungen dar; sie lassen sich als Behörden mit klarer Struktur und Hierarchien beschreiben.
Die oft kritisierte Instrumentalisierung der Religion, d.h. Vermischung von religiösem Dogmatismus mit politischen oder ökonomischen Anliegen –  weltliche Herrscher nutzten die päpstliche Ketzerverfolgung als Werkzug ihrer eigenen Interessen (zB die Beseitigung der Templer in Frankreich) – bezeichnet Schwerhoff als „Normalfall einer Epoche, in der Politik und Religion noch nicht funktional geschieden waren“. (Klingt wie das Statement ‚damals war das halt so‘ –

Die Historikerin Silvana Seidel Menchi hingegen bescheinigt der Inquisition „hohe Kompetenz und Unparteilichkeit“; sie habe „als ein Modell juristischer Präzision und Strenge schon das moderne Verständnis der Kriminaljustiz“ vorweg genommen. Wie sie zu dieser Einschätzung gelangt? Nun, es scheint Frau Seidel Menchi habe sich vorzugsweise mit den theoretischen Grundlagen des Inquisitionsprozesses befasst, weniger mit den konkreten Schicksalen von Verdächtigten…und in der Theorie klingt manches beinahe vernünftig.

In einem Handbuch der römischen Inquisitoren heißt es: „Behandle den Angeklagten
während der Vernehmung mit Rücksicht. Die Glaubensrichter müssen daran denken, dass auch sie Menschen sind, die, wäre nicht Gott ihnen gnädig, dieselben Irrtümer begehen könnten […] gib ihnen die Möglichkeit, Platz zu nehmen, selbst wenn sie von niedriger und gemeiner Herkunft sind […] Kein Inquisitor darf den Versuch machen, ihnen die Worte in den Mund zu legen. Kein Inquisitor darf Versprechungen oder Drohungen äußern in der Hoffnung, damit ein Geständnis zu erhalten. Du darfst nicht nur die Beweismittel aufzählen, die den Angeklagten belasten, sondern musst auch die erwähnen, die für ihn sprechen […] Unterbrich einen Beschuldigten nie, wenn er seine Version der Wahrheit vorträgt […]. Denk daran, dass du irren kannst. Denk an den angstgepeinigten Angeklagten.“ (5) (6)

Theoretisch stand auch die Folter unter strengster Kontrolle; sie durfte erst nach Anhörung sowie nach Begutachtung eines Arztes erfolgen – ebenso wie Vergewaltigungen der weiblichen Beschuldigten durch das Wachpersonal ‚eigentlich untersagt‘ waren (was generell für nicht autorisierte Übergriffe zutraf).

In dem o.a. Handbuch für Inquisitoren steht aber noch einiges mehr, das offensichtlich weniger bereitwillig zitiert wird z.B. in Bezug auf anzuordnende Vermögensstrafen:

„Teilnahme für die Kinder des Schuldigen, die man an den Bettelstab bringt, darf die Strenge des Gerichts nicht mildern, da die Kinder nach göttlichen und menschlichen Gesetzen für die Sünden der Väter gezüchtigt werden. […] Die rechtgläubigen Kinder der Ketzer sind von dieser Strafe nicht ausgenommen, und man darf ihnen nichts lassen, nicht einmal den Pflichtteil, der ihnen von Natur zu gebühren scheint. Das ist durchaus notwendig, um die Väter von dem großen Verbrechen der Ketzerei abzuschrecken. […]
Indessen, können die Inquisitoren aus Gnade für den Unterhalt der Ketzerkinder sorgen“(6)

Auch der Umgang mit Zeugenaussagen lässt am ‚großen Wurf‘ für Rechtsprechung und Wahrheitsfindung maßvolle Zweifel aufkommen:

„Wenn ein Zeuge, einen Meineid geleistet hat, so kann er seine erste Aussage zurücknehmen, und der Richter muss sich an die zweite halten, vorausgesetzt, daß sie den Gefangen neu belastet, denn wenn sie diesem günstig ist, so gilt die erste.“ Eine Gegenüberstellung der Zeugen und der Angeklagten fand ohnehin nicht statt.

Ausgewogenheit ist ein wünschenswertes Merkmal von Historikern – nur, handelt es sich nicht um pure Apologetik, insofern Denunziation und Folter als im zeitgenössischen Kontext unausweichliche „Instrumente der Beweiserhebung“ relativiert und dem Anschein eines ordnungsgemäßen Prozesses untergeordnet werden?
Auch darf der besondere Gegenstand dieser Verfahren keinesfalls unberücksichtigt bleiben: es wurde vorrangig über religiöse Überzeugungen geurteilt, selten über konkrete Verhaltensmängel und so gut wie gar nicht über exakt definierbare Fakten wie Mord oder Vergewaltigung. Ein bestimmter, äußerst eng umrissener Dogmatismus sollte um jeden Preis aufrechterhalten werden, indem man auf einfaches Hörensagen gestützt zahlreiche Existenzen vernichtete, Angst schürte und lebendige Menschen im Zuge einer entsetzlich grausamen Prozedur „wie quiekende Ferkel röstete“ und in verkohlte, schwarze Leiber verwandelte. Dass hierzu nun der Anschein eines geordneten Verfahrens mit Verhören und Protokollen erweckt wurde, leuchtet ein – ändert aber nicht das geringste.

Ferner sah das Verfahren nicht vor, gegebenenfalls die Unschuld eines Beschuldigten zu beweisen. Wer nicht verurteilt worden war, galt anschließend keineswegs als unschuldig: der Verdacht blieb bestehen; nur die Beweise fehlten. Schlimmer noch: Wer den eröffneten ‘Ausweg’ eines Geständnisses verweigerte, bewies je nach Auslegung seine ‘Bußunwilligkeit’ und wurde unbelehrbarer Ketzer der weltlichen Gerichtsbarkeit überstellt.

So drang E.Keil schon 1863 zum Kern des Systems der Inquisition vor:

„Man sieht also, daß die Lebenden wie die Todten durch nichts, weder durch den reinsten Glauben, noch durch die offenbarste Unschuld , vor der Inquisition geschützt wurden. […] Ein Institut dieser Art mußte die bürgerliche Rechtspflege, die politischen Körperschaften und selbst die königliche Gewalt weit überragen.[6]

Vor diesem Hintergrund steht für mich fest, worin ein echter Fortschritt besteht: Heute fehlt der Kirche fehlt heute die rechtliche Grundlage, Abweichler über innerkirchliche Maßnahmen hinausgehend zu sanktionieren: Weder kann eine religiöse Organisation im Deutschland der Gegenwart Menschen inhaftieren, noch töten oder und sich deren Vermögen aneignen.
Weiterhin verhängt werden kann der Entzug kirchlicher Rechte bis hin zur Exkommunikation, zudem können Lehr- und Sprechverbote erteilt werden. Bedienstete der RKK können suspendiert werden.

Ein gegenwartsnahes Beispiel zeigt, diese Sanktionsmöglichkeiten werden sehr wohl ausgeschöpft: Am Rande des ökumenischen Kirchentags 2003 in Berlin feierte der röm.-kath. Priester Gotthold Hasenhüttl einen „Abendmahlsgottesdienst nach katholischem Ritus“, bei dem er explizit auch Protestanten und Nicht-Katholiken zur Kommunion einlud, die sich unter den den etwa 2000 Anwesenden befanden. Wegen dieser Interzelebration wurde er durch den damaligen Trierer Bischof Reinhard Marx am 17. Juli 2003 vom Priesteramt suspendiert.
Am  2. Januar 2006 wurde Hasenhüttl durch Bischof Marx dann auch die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen.
Im Mai 2010  feierte er in München trotz Verbots erneut ein ökumenisches Abendmahl, bevor er am 28. September 2010 aus der römisch-katholischen Kirche austrat.

 

 Quellenangaben/Literaturhinweise

  1. „Ketzer – Katharer, Waldenser und andere religiöse Bewegungen“, Christoph Auffarth (Verlag Ch.Beck)
  2. „Montaillou – Ein Dorf vor dem Inquisitor 1294 bis 1324“, Emmanuel LeRoy Ladurie
  3. „Guilhem Bélibaste – ein Verbrecher ist Parfait geworden“
  4. Hinrichtungsrituale: Funktion und Logik öffentlicher Exekutionen„, Jutta Nowosadtko
  5. Vortrag: „Die Inquisition – Terrorregime oder Wendepunkt in einer barbarischen
    Gerichtsbarkeit?„, J.Kämpf, 2014
  6. Das Handbuch der Inquisition„, Ernst Keil (1863)
  7. Die Inquisition. Ketzerverfolgung in Mittelalter und Neuzeit‚, Gerd Schwerhoff

Siehe auch:

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Kirchenkritik – „Verbloggung führt zur Verblödung“?

Kardinal Marx über innerkatholische Kritik am Kurs der Kirche

Dem Vorsitzenden der Dt. Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx, wurde am 24.9.15 in Fulda eine Frage gestellt: „Werden Sie auch seitens der Deutschen Bischofskonferenz entschiedener gegen innerkirchliche Fundamentalisten vorgehen, wie sie zum Beispiel bei solchen Seiten wie ‚katholisches.info‘ oder anderen Bereichen sich austoben? Es wird ja immer so getan, als wenn es nur im Islam Fundamentalismus gibt, beide christliche Kirchen kennen den ja nun auch in allen möglichen Formen.

Des Kardinals‘ Antwort zeig das u.a. Video. Persönlich lasse er das gar nicht an sich heran, aber „Verbloggung führt auch zur Verblödung„:  Er vermisse, dass bestimmte Szenen, die sich untereinander träfen, gegenseitig hochjubelten und in ihrer eigenen Auffassung bestätigten, nicht argumentativ in den Diskurs mit Andersdenkenden einträten.

Ob die unterstellte Nabelschau auf die betreffenden Blogs zutrifft, wäre im Einzelfall zu prüfen. Doch selbst wenn: seit wann führt einseitige Positionierung automatisch zur Verblödung? Die betreffenden Blogs (sie werden im Video benannt, darum muss ich sie nicht auch noch verlinken) kenne ich selber auch kaum, darum gebe ich kein eigenes Urteil über sie ab.

Soweit Autoren sich auf diesen Blogseiten für die Verteidigung der klassisch-konservativen katholischen Ehe- und Morallehre einsetzen, sehe ich ich darin aber noch keinen Fundamentalismus, der mit radikal-islamisischen Strömungen gleichzusetzen wäre. Die ‚gut-katholische‘ Moral war bis vor wenigen Jahrzehnten das Normale, womit Kinder und Jugendliche aufwuchsen. Ein grob orientierter Blick auf katholisches.info zeigt mir, dass man dort gegen die Zulassung wiederverheiratet Geschiedener zu den Sakramenten eintritt – und natürlich gegen „Gender-Ideologie“ und erst recht gegen jede kirchliche Anerkennung von Homosexualität.

Solche Meinungsäußerungen müssen niemandem zusagen (mir gefallen sie jedenfalls nicht), aber an ihrer Zulässigkeit kann kein Zweifel bestehen: Unser Strafrecht verbietet es nicht, weiterhin jene konservativen Positionen zu vertreten, die über die  Adenauerzeit hinaus den moralischen Quasi-Standard in Deutschland bildeten.

Dass den konservativen Kreisen innerhalb der katholischen Kirche die Linie des amtierenden Papstes sowie der sog. „Franziskus-Geist“ missfallen, war absehbar. Meine Haltung dazu ist: ‚Dass sollen sie unter sich ausmachen …ich bin froh und erleichtert, mich von diesem Verein losgelöst zu haben‘.

Die Kritik von Kardinal Marx enthält durchaus auch ein konstruktives Element – die Mahnung, sich an der Diskussion über wesentliche Kirchenfragen zu beteiligen. Davon würden die Vereinsmitglieder fraglos am meisten profitieren…

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