Was war vor dem Urknall?

Schon als Kind war ich von enervierender Unnachgiebigkeit, sobald mir eine befriedigende Antwort vorenthalten und durch typische Erwachsenen-Statements wie „So etwas fragt man nicht!“ oder „Da gibt es nichts und nun sei still!“ ersetzt wurde. (Sobald einer der Großen ehrlich eingestand ‚Das weiß ich leider auch nicht‘, hörte ich auf, ihn mit endlosen Wie- und Wieso-Fragen zu tyrannisieren:)
Bis heute scheint die Frage nach dem, was vor dem Urknall gewesen sei, solch eine unbotmäßige ‚dumme‘, weil nicht legitime Frage zu sein, auf die bekannte Koniferen der Physik (nein, kein Tippfehler – ich meine jene selbsternannten ‚Edelgewächse‘ in ihrer weithin blendenden Hybris) ähnlich genervt reagieren wie manche Erwachsenen auf meine Kinderfragen. Eine wahre Choryphäe hingegen bliebe duldsamer im Angesicht von Fragen, welche der normalgebildete Menschenverstand nun einmal aufwirft.

Ausgangspunkt

Die Entwicklung unseres anthropozentrischen Weltbildes lässt sich als eine Geschichte vorläufiger Mutmaßungen und deren Korrekturen auffassen:

  • Nur eine Erde, die den Mittelpunkt von allem bildet ⇒ falsch
    (inzwischen wurden mehrere erdähnliche Planeten außerhalb unseres Sonnensystems entdeckt)
  • Nur 1 Sonne, die anfangs als übernatürliche Quelle von Licht und Wärme angesehen wurde ⇒ falsch
  • Nur 1 Galaxie, solange man nicht über die Milchstraße hinausblicken konnte ⇒ falsch
    (es existieren 100 Milliarden Galaxien allein im sichtbaren, zugänglichen Teil des Universums)
  • Nur 1 Universum (solange man nicht über dessen Grenzen hinaus blicken und forschen kann ⇒ auch falsch?

Um dieser Frage nachzugehen, braucht es zunächst einige Festlegungen: Der Begriff Universum oder Kosmos lässt sich definieren als „die Gesamtheit von Raum, Zeit und aller Materie und Energie darin“. Das beobachtbare Universum beschränkt sich hingegen auf die vorgefundene Anordnung aller Materie und Energie, angefangen bei den elementaren Teilchen bis hin zu den großräumigen Strukturen wie Galaxien und Galaxienhaufen. Als heute allgemein anerkannte Theorie zur Beschreibung der großräumigen Struktur des Universums kann das Standardmodell der Kosmologie herangezogen werden.-

Die Urknalltheorie geht davon aus, dass das Universum in diesem „bestimmten Augenblick“ (=dem Urknall) aus einer Singularität heraus entstanden ist und sich seitdem ausdehnt (→ Expansion des Universums). Zeit, Raum und Materie seien mit dem Urknall entstanden. Das Alter des Universums wird mit  13,81 ± 0,04 Milliarden Jahren angegeben.

Vortrag von Prof.Dr. Gerd Ganteför an der  Universität Konstanz (20.12.2016)

Der Experimentalphysiker Gerd Ganteför (*1956) wurde durch populärwissenschaftliche Arbeiten, öffentliche Auftritte und Vorträge zu naturwissenschaftlichen Themen bekannt, u.a. sein Werk „Der Weltuntergang findet nicht statt“).

Was nach dem Urknall aus kosmologischer Perspektive ‚mit der Materie‘ geschah, lässt sich heute recht gut nachvollziehen: Kosmologische Simulationen berechnen und modellieren das dynamische Verhalten von Materie in großen Raumbereichen Milliarden. Es werden unterschieden:

  • Globale Simulationen, die im Verlauf im Simulationsverlauf Filamente (Materieansammlungen) und

    Struktur des Universums, vgl. Wikipedia

    Voids (Hohlräume) erzeugen – die größten Strukturen im beobachtbaren Universum.

  • Lokale Simulationen wie die Aquarius-Simulation (s. Video unten) betrachten die Entwicklung eines einzelnen dunkle-Materie-Halos. Der Halo (‚Lichthof‘) einer Galaxie ist ein kugelförmiger Bereich, der größer ist als die Galaxie selbst und in dessen Zentrum die Galaxie eingebettet ist. Die Aquarius-Halos sind in ihrer Masse und kosmischen Nachbarschaft dem Milchstraßenhalo ähnlich.
    „Diese Ähnlichkeit ermöglicht statistische Vorhersagen über die zu erwartende Dichte- und Geschwindigkeitsverteilung der dunklen Materie innerhalb der Milchstraße. Solche Vorhersagen sind für den Versuch des direkten Nachweis von dunkler Materie interessant“…weiterlesen

Die gut sichtbaren hellen Punkte sind nicht einzelne Galaxien, sonder Galaxiencluster, sie enthalten bis zu einigen tausend Galaxien, die sich mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten im gemeinsamen Schwerefeld bewegen. Nach heutigem Wissen sind sie die größten Strukturen des Universums, die gravitativ gebunden sind. Ihre Masse liegt bei etwa 1014 bis 1015 Sonnenmassen in einem typischerweise 10 bis 20 Millionen Lichtjahre umfassenden Gebiet.
Zu beobachten ist die sich infolge der Gravitation verdichtende, „verklumpende“ Materie. Die Materie ist also nicht gleichmäßig verteilt.

Damit ist gewissermaßen der erste Atemzug des neu geborenen (oder frisch aus seinem ‚Ei‘ geschlüpften) Universums beschrieben, nicht aber der eigentliche Vorgang der Geburt bzw. des Schlüpfens:

Was aber hat den Urknall bewirkt?

Das größte Problem hat die Urknall-Theorie mit dem Urknall selbst„, stellt Prof. Ganteför fest und weist damit auf weiterhin bestehende Erklärungslücken hin → die allererste Phase des Universums ist uns „nicht mal im Ansatz zugänglich“:

  • Zeiten vor dem Urknall und Orte außerhalb des Universums sind physikalisch nicht definierbar. Daher gibt es in der Physik weder ein räumliches „Außerhalb“ noch ein zeitliches „Davor“ (womit die genervten Reaktionen von Physiklehrern und -professoren erklärt wären, wenn sie immer und immer wieder ausgerechnet danach gefragt werden, worauf sie im Rahmen der ‚erlaubten‘ Physik nicht antworten können…)
  • noch eine Ursache des Universums.
  • Auch sind die naturwissenschaftlichen Gesetze für die extremen Bedingungen während der ersten etwa 10−43 Sekunden nach dem Urknall nicht bekannt ⇒ die Theorie beschreibt den eigentlichen Vorgang streng genommen nicht!
  • Erst nach Ablauf der Planck-Zeit können die weiteren Abläufe physikalisch nachvollzogen werden.

Fairerweise ist dabei auch zu sagen: jene 10-43 Sekunden der Ungewissheit sind ein sehr, sehr, …sehr kleine Zeitspanne. Aber eins nach dem anderen..

Notwendige Bausteine für ein Universum aus rein naturwissenschaftlicher Sicht:

  • Vierdimensionale Raumzeit, die sich durch Gravitation krümmt,
  • Elementarteilchen, welche sich mit der nötigen Energie aus dem Nichts erzeugen, „wie Funken aus einem Amboss herausschlagen“ lassen,
  • Vier Naturkräfte (in diesem Beitrag auf Stern.de kurz und knackig erklärt):
    • Gravitation → Krümmung der Raumzeit,
    • Elektromagnetismus, durch Photonen vermittelt,
    • starke Wechselwirkung,
    • schwache Wechselwirkung.
  • Naturgesetze: Energieerhaltung, Impulserhaltung, Drehimpulserhaltung.

Was noch fehlt: die „große Vereinheitlichung“ – Derzeit arbeitet die Physik daran, für diese vier elementaren Kräfte eine gemeinsame Ursache zu finden – eine „Theorie, die alles erklärt“.

Prof. Ganteför entwickelt aus diesen Grundlagen eine noch spekulative Vorstellung:

Das Universum „ist“ die vierdimensionale Raumzeit.

Er stelle sich die Raumzeit als vierdimensionales Gewebe vor, in welches auch wir Menschen ‚als Anregungszustände‘ integriert seien. Daher haben wir keine Möglichkeit festzustellen, ob ober-/unter-/außerhalb dieses Gewebes irgendetwas existiert. Sollte etwas außerhalb unseres Raums existieren, haben wir dazu keinen beobachtenden, experimentellen Zugang.
(Diese Analogie weckt bei mir als interessiertem Laien spontane Assoziationen zu „der Matrix“, obgleich gerade solche Querbezüge vermutlich ganz und gar nicht gewollt sind. Auch würde eine matrix-mäßige Erklärung unseres Daseins die Problematik nur verlagern: es bliebe die Frage nach den Schöpfern einer solchen Matrix sowie nach deren Ursprung…)

Aus dieser Überlegung lässt sich ferner folgern: es könnte weitere/höhere Dimensionen geben. Ganteför sieht mehrere Hinweise auf eine Realität jenseits des vierdimensionalen Standardmodells:

Dunkle Energie ⇒ Verletzung der Energieerhaltung

Traditionelle Modelle besagten, dass die Expansion des Universums aufgrund der Materie und der durch sie wirkenden Gravitation verlangsamt werde. Messungen, welche diese Verlangsamung quantifizieren sollten, zeigten jedoch eine Zunahme der Expansionsgeschwindigkeit. Diese Beschleunigung ließ sich innerhalb der bisherigen Parameter des Standardmodells nicht erklären – eine ganz unerwartete Beobachtung, die seither auf eine unbestimmte Dunkle Energie zurückgeführt wird.

Materie- bzw. Energie-Anteil des Universums heute (oben) und zur Entkopplungszeit (unten), 380.000 Jahre nach dem Urknall.

In den Modellen besteht das Universum zum gegenwärtigen Zeitpunkt zu 68,3 % aus Dunkler Energie, 26,8 % aus Dunkler Materie und zu 4,9 % aus der sichtbaren Materie. In der Frühzeit des Universums, zum Zeitpunkt der Entkopplung der Materie von der Hintergrundstrahlung, war die Zusammensetzung noch wesentlich anders (siehe nebenstehende Grafik).

Über die physikalische Natur der Dunklen Energie kann derzeit nur spekuliert werden; ihre Existenz ist experimentell nicht direkt nachgewiesen. „Die einfachste Lösung ist, einen geeigneten Wert einer kosmologische Konstanten zu postulieren und als gegebene und grundlegende Eigenschaft des Universums hinzunehmen.“
Die Dunkle Energie als eine hypothetische Energieform wurde als in der Kosmologie als eine Verallgemeinerung der kosmologischen Konstanten eingeführt, gewissermaßen ein errechneter Korrekturfaktor, damit’s wieder passt.

Energie kann weder erzeugt noch zerstört werden – daher bleibt nach dem Grundsatz der Energieerhaltung die Gesamtenergie eines abgeschlossenen Systems stets konstant. Es kann geschlussfolgert werden: Das Universum als Ganzes scheint ‚Energie zu verlieren und somit dieses Grundgesetz zu verletzen‘ (…außer, das Universum ist kein abgeschlossenes, isoliertes Etwas, sondern Teil eines größeren Systems, dessen Struktur wir heute nicht einmal erahnen??)

Inflation

Seit 2014 weiß man aus Beobachtungsdaten mit Bestimmtheit, dass unmittelbar nach dem Urknall die kosmologische Inflation stattgefunden hat. Innerhalb dieser äußerst kurzen inflationären Phase – unmittelbar nach dem Urknall – erfolgte die Expansion des Alls „unvorstellbar viel schneller als davor oder danach“ (Vgl. Florian Freistetter auf scienceblogs.de). Auch diese überlichtschnelle Ausdehnung stelle eine Verletzung der Energieerhaltung dar, so Ganteför.
Ebenso impliziere der Urknall an sich, jene noch unverstandene Singularität eine ⇒ Verletzung der Energieerhaltung.

Die Entfaltung der Raumzeit

Allerdings kann das Naturgesetz der Energieerhaltung unter den Bedingungen der subatomaren Quantenphysik außer Kraft gesetzt sein: Sog. Vakuumfluktuationen sollen die Verteilung der Materie im Universum entscheidend geprägt haben. „Dabei handelt es sich um virtuelle Teilchenpaare, die innerhalb von Bruchteilen von Sekunden aus dem Nichts auftauchen und sofort wieder verschwinden“ …der o.a. Amboss, aus dem Funken geschlagen werden können, meine Vorstellungskraft versagt dabei vollends – Prof. Ganteför verweist hier auf diesen Vortrag seines Kollegen Josef M. Gassner zur Urknall-Hypothese.

Spekulative, da experimentell nicht nachzuweisende Hypothese:
Unser Universum entstammt einer Vakuumfluktuation eines möglicherweise höherdimensionalen Raumes. Vorher gab es zwar keine ‚Zeit‘, aber die Gesetze der Quantenphysik waren bereits gültig. Damit wird vorausgesetzt, dass bereits vor dem Urknall ein ‚leerer n-dimensionaler Raum‘ existiert habe, in dem solche Quantenfluktuationen (könnte man sagen ‚kurzzeitige Ausstülpungen und Blasen?) um den Nullpunkt herum stattfanden.

Damit aus diesen virtuellen Ereignissen etwas bleibendes (nämlich unser Universum bzw. eine unermesslich winzige Vorstufe davon) entstehen konnte, musste die virtuelle Energie dieser einen Fluktuation in reale Energie umgewandelt werden. „Phasenübergang des Higgs-Feldes“ …ich werde erst gar nicht den Versuch machen, dies in eigene Worte zu fassen.

Nimmt man allerdings solch einen ‚leerer n-dimensionaler Raum‘ mit laufend stattfindenden Quantenfluktuationen als plausibel an, so besteht kein vernünftiger Grund, weshalb nur 1 einziges Universum im Laufe beliebiger, weil nicht existenter ‚Zeiten‘ daraus hervorgehen sollte!
Es ist unwahrscheinlich, dass nur ein einzelner Urknall stattfand; innerhalb dieses spekulativen Modells kann man sich verschiedene Universen eingebettet in einen höherdimensionalen Raum vorstellen.

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„Wenn die Furcht für mich denkt…“

Wer das gar nicht von sich kennt, ist zu beneiden: jene schillernden Szenarien eines (vermeintlich drohenden) Schreckens, die zuerst in der eigenen Gedankenwelt munter wuchern und dann die Gefühlslage bestimmen – sich bei ‚optimalen‘ Bedingungen steigernd zur Angst vor Kontrollverlust: eine auf konkreten Auslösern beruhende Lage nicht länger beherrschen zu können.
Bezug sind hier also nicht irreale Ängste und Phobien, sondern die (Vorwegnahme von) Situationen, die eine Person in wachsende Unruhe versetzen.
Vielfach maßgeblich dafür sind vorhergehende, oft Jahre oder Jahrzehnte zurückliegende, schmerzhafte Erfahrungen, welche das assoziative Denken in unguter Weise prägen: dass ‚gebranntes Kind das Feuer scheut‘, weiß jeder.

„Ich bin durchaus nicht zynisch, ich habe nur meine Erfahrungen, was allerdings ungefähr auf dasselbe hinauskommt.“ (Oscar Wilde)

Mitunter werden Ursache und späte Auswirkung nicht so offensichtlich – auch ohne negative Erinnerung kann Furcht aufkommen. Ein Beispiel, das mir selber erhebliches Unbehagen bereitet: Die „Röhre“, also das MRT (Kernspin- oder Magnetresonanztomographie) – eng, sehr eng. Und zudem noch sehr laut – am schlimmsten aber:
‚Man käme da aus eigener Kraft nie heraus… wenn nun ein Feuer ausbräche…wenn dadurch der Strom ausfiele und der in klammen Fingern gehaltene Alarmknopf nutzlos würde…und wenn das anwesende Personal vor Rauch und Feuer fliehen würde… wenn der eingepferchte Patient allein zurück bliebe.‘
Man kann diese Vorstellung noch weiter treiben, doch die Anzahl der ins Absurde abgleitenden Und-wenn’s ist schon groß genug.

Huh…nicht schon wieder…

So ein Szenario ist äußerst unwahrscheinlich, aber es ist nicht völlig ‚unmöglich‘ – also kein Festhalten an Geistern, Flüchen oder sonstigen atavistischen Furchtobjekten, deren Auftreten aus naturwissenschaftlicher Sicht niemals zu erwarten ist.

Verständnis hinsichtlich der eigenen Befürchtungen durch Dritte sollte nicht vorausgesetzt werden – nicht weil es diesen an Empathie und Interesse mangelt, sondern weil sie die subjektiven Gegenstände und Ausmaße einer Furcht weder kennen noch nachvollziehen können. Mein gelegentlich zum Ausdruck gebrachtes Unbehagen vor der MRT-Röhre löst zumeist ein abfälliges Grinsen aus, anstelle eines geknurrten ‚Ach, jetzt stell‘ dich mal nicht so an, da passiert doch nichts‘.
Andere schauen wissend auf und nicken mitfühlend – jene Personen, denen es selber nicht geheuer ist, wenn sie in diese kreischende, dröhnende Maschine geschoben werden.

Eine Angst vor Kontrollverlust ist dabei nicht zwangsläufig, doch sie kann sich einschleichen – wenn man nicht aufpasst und beizeiten ‚etwas unternimmt‘. (Gegen meinen MRT-Termin kann ich nun wenig unternehmen (außer Valium, aber das wirkt viel zu lange nach); da muss ich ‚durch‘ – und ein Fluchtversuch würde das Spektakel nur unnötig verlängern). Nutzen und Risiken rational abzuwägen, verhilft durchaus zu der nötigen Einsicht: Diese Untersuchung ist nun einmal notwendig und sinnvoll.

Eine andere Form von Kontrollverlust kann jedoch auch befürchten, wer sich einer Bedrohung ausgesetzt glaubt, die in der subjektiven Wahrnehmung ‚immer näher kommt‘. Gegenstand der Furcht ist dann nicht ein ‚Ausflippen‘ (Toben, mit den Händen fuchteln, Rumkreischen, in den Teppich beißen – what ever), also der Verlust eigener Contenance – vielmehr entsteht die Vision einer zukünftigen Konstellation, welche sich womöglich nicht mehr aktiv steuern und gestalten lässt: Autonomieverlust.
Beispiel: der Tod als Zustand schreckt mich wenig, wohl aber der Gedanke an Siechtum, unerträglichen Schmerz und Hilflosigkeit – nicht mal den eigenen Willen noch ausdrücken zu können. Auch dies ist kein Hirngespinst, gerade am Lebensende könnte diese entsetzliche Lage eintreten.

Nur schaffe ich wiederum keine Abhilfe, indem ich mir solche Zustände endlos ausmale – damit würde ich mir bloß selber schaden. Eine sorgfältig erarbeitete Patientenverfügung ist da schon hilfreicher.

Der Autor des verlinkten Artikels spricht von Emotionen, die sich verselbständigen, „die dann das Ruder übernehmen, während aufdringliche Gedanken ein bedrohliches Szenario für uns heraufbeschwören, vor dem wir uns verteidigen müssen.“
Naja, Verteidigung ergibt sich im Angesicht von Konflikten – andere Situationen lassen nur zweierlei Vorgehensweisen zu: Aushalten oder Flucht.

„Auch wenn es in unserem täglichen Leben …der Faktor „Angst“ …präsent ist, dürfen wir ihm nicht die volle Macht geben.“

Gelingt dieses Bewachen und Eindämmen von Gedanken (die Emotionen erst auslösen bzw. verstärken) nicht, sind unsere Schlussfolgerungen und Urteile sind „nicht mehr rational und wir geben dem instinktiveren, weniger nachdenklichen und nicht logischen Autopiloten das Kommando“.

Die Folge davon ist permanenter Stress: ein „Zustand ständiger Hypervigilanz, immer in der Defensive, [wir] reagieren überproportional auf die unbedeutendsten Dinge, …und rechnen mit Dingen, die noch nicht geschehen sind“.
Ständiges Antizipieren von dem, was kommen könnte, ist Segen und Fluch zugleich. Strategisches Vorgehen, z.B. im Schachspiel erfordert solches Vorausdenken um mehrere Züge, andererseits ist ein Leben im Hier und Jetzt schwer möglich, wenn man andauernd mit dem Vorausahnenwollen befasst ist.

Die Kontrolle behalten – aber wie?

Die treffend beschriebene, fast schon paranoide Ausprägung kenne ich persönlich (noch) nicht, doch mir ist schon bewusst: ich sollte achtsam bleiben, damit ich mich auch nicht auf diesen abschüssigen Pfad begebe.
Das bedeutet freilich auch: in der Gestaltung von Lebensumständen und sozialer Kontakte erst gar keine Lage eintreten zu lassen, in der ich mich als Folge mangelnder Grenzsetzung über längere Zeit unterlegen, bedrängt oder gar ausgeliefert fühlen könnte.
Im Job ist das nicht immer möglich, doch selbst da kann das Gebot zur Selbsterhaltung lauten: Change it – or leave it.

Hinsichtlich konkreter Ratschläge empfehle ich die Lektüre des verlinkten Artikels. Zwei grundsätzliche Überlegungen daraus:

  • Gute Absichten zu haben, ist löblich – das bloße Wollen & Können reicht aber bei weitem nicht aus, sofern „in uns ein Knoten ist, der uns daran hindert, durchzuatmen und nachzudenken“.

„Die Wahrheit einer Absicht ist die Tat.“ (Hegel)

  • „In jeder Situation haben wir alle die Möglichkeit, auf die eine oder andere Weise zu reagieren. Die Wahl des besten Weges liegt in unserer Verantwortung.“
    Es kommt also drauf an, die innere Ruhe wieder zu finden (→ Entspannungsübungen, z.B. nach Jacobson), die eigene Situation so nüchtern und klar wie möglich zu definieren und dann geeignete Korrekturen vorzunehmen.

⇒ „etwas Kathartisches und Befreiendes tun, um einen Anfang zu machen.„⇐

Abschließend sei vermerkt: Man kann es mit der Kontrolle auch übertreiben. Es kann, jedenfalls für mein Empfinden, auch wohltuend und befreiend sein, die Kontrolle für eine Weile abzugeben… sich vertrauensvoll fallen zu lassen. In sicherer Umgebung, versteht sich.
Ein Übermaß an gewollter Kontrolle führt zu zwangsläufig zu Disharmonie.
Sobald das Kontrollieren jedoch zum (krankhaften) Zwang wird – zum unwiderstehlichen Drang, jeden Lebensaspekt und jede sich anbahnende Veränderung genau zu überwachen und so viele Aspekten wie möglich zu steuern – ist echte Lebensfreude nur noch ganz dünn gesät.

Quellenangaben

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Beinah

Auch wenn er mit den übrigen Bloginhalten nicht viel zu tun hat, ich liebe diesen Song: Beinah von Clueso. Er handelt aus meiner Sicht vor allem von Autonomie und der Freiheit, auch im Angesicht subtilen Drucks eigene Entscheidungen zu treffen.
Diese Notwendigkeit geht weit über den im Song offenkundig intendierten Bezug – eine ursprünglich als ‚partnerschaftlich‘ angedachte Zweierbeziehung – hinaus. Fairness im Miteinander ist für mein Empfinden ein seltenes Gut geworden – und um so kostbarer.

Manchmal jedoch liegt ein Scheitern weniger in einem charakterlichen Defizit auf der einen oder der anderen Seite begründet – sondern allein darin, dass von Anfang an ganz verschiedene Wünsche und Hoffnungen bestanden haben. Wie leicht stürzen ‚wir‘ uns in eine Beziehung, Freundschaft o.ä. – ohne die eigenen Grenzen erkennbar festzulegen und zugleich auch die Erwartungen unseres Gegenübers auszuloten.
Zeigt sich dann verspätet eine unüberbrückbare Divergenz, sind unausweichliche Entscheidungen um so schmerzlicher.

Aber: es ist essenziell, sie herbeizuführen.

Mitunter kommt es freilich auch vor, dass jenes Gegenüber sich über selbstverständliche (oder als selbstverständlich angenommene) Konventionen hinwegsetzt – und alles Reden mit Engelszungen erweist sich als vergeblich. Die Schlinge zieht sich zu…

Dann, ja dann ist es noch wichtiger, Abstand zu gewinnen und diesen sichtbar werden zu lassen.

Bei dir zählt nur was zu gewinnen ist
Du willst alles haben
Und du zielst auf jedes Hindernis mit offenen Armen
Wenn du spielst geht nebenbei so viel kaputt,
Doch das macht dich an
Was du suchst so bald du’s gefunden hast
Ist alles getan.

Ich lass dich gern in deiner Welt allein
Wie kann jemand so hübsches nur so hässlich sein
Du kriegst was du willst, willst alles und nimmst noch mehr
Doch ich lauf dir jetzt nicht mehr hinterher
Weil du nur mit falschen Farben malst
Hab ich ein Bild von dir, das nicht mehr strahlt.

Nachtrag:
Dieser kurze Eintrag konnte tatsächlich als Winken mit Zaunpfählen aufgefasst werden, die sich auf einzelne Personen fokussieren sollten. Dem ist nun nicht so – der persönliche Fokus umfasst genau 20 Jahre. Damit Trigger triggrn können, muss das Feld beackert, die Saat gesät und längst in einschneidender, bisweilen erschreckender Weise aufgegangen sein.
Das ‚braucht‘ neben prägenden Eindrücken viel Zeit..

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Wenn ich arm bin, hab‘ ich nur meine Träume…?

Das Gedicht He Wishes for the Cloths of Heaven des irischen Dichters und Dramatikers William Butler Yeats (1865 – 1939) las ich u.a. auf dem besuchenswerten Blog von Johanna Schall, zusammen mit einem Yeats-Portrait von Augustus John, das ich nicht ‚klauen‘ wollte. (Auf Wikipedia findet sich diese Bleistiftzeichnung von John Singer Sargent:

William Butler Yeats (1908)

He wishes for the Cloths of Heaven
Had I the heavens‘ embroidered cloths,
Enwrought with golden and silver light,
The blue and the dim and the dark cloths
Of night and light and the half light,
I would spread the cloths under your feet:
But I, being poor, have only my dreams;
I have spread my dreams under your feet;
Tread softly because you tread on my dreams.

Hätt‘ ich des Himmels reichbestickte Tücher,
bestickt aus Golden- und aus Silberlicht,
die dunklen, die blauen und die hellen Tücher,
aus Nacht, aus Tag und aus der Dämmerung,
legt ich die Tücher dir zu Füßen.
Doch ich bin arm und habe nichts als Träume,
so leg ich meine Träume dir zu Füßen.
Tritt leise, denn du trittst auf meine Träume.

Was damit gesagt werden will, glaube ich zu verstehen, doch in mir regt sich leiser Widerspruch: Wie kann jemand arm sein, dessen Geist erfüllt ist von Träumen und von künstlerisch-schöpferischer Kraft? Kein Künstler, Musiker, Lyriker, oder Autor, der seinem Publikum auch nur ein be- und verzauberndes Werk hinterlässt, ist in meinen Augen arm zu nennen.
Auch wenn ein Mensch nur insgeheim träumt, musiziert, dichtet, malt, konstruiert, baut, spielt …, ist ihr innerer Reichtum gleichwohl vorhanden.

Und dann ist da noch die Zugewandtheit, die Bereitschaft des ‚lyrischen Ichs‘, das mit einem gewissen Unterstatement einem ‚lyrischen Du‘ etwas überaus Wertvolles zu Füßen legt: seine persönlichen Träume.
Warum Understatement? Na, das kommt auf die eigene Werteskala an… in meinen Augen besitzen das gezeigte Vertrauen wie auch die eigenen Träume weit größeren Wert als irgend ein glitzernder Tand aus der nächstbesten Geschenkboutique. Unter „des Himmels reichbestickten Tüchern“ kann ich mir nicht so viel vorstellen, außer eben einer Metapher für wundervolle Naturerscheinungen – die jedoch ‚leider nicht verschenken sind, wohl aber miteinander geteilt werden könnten.

Arm (in diesem Sinne) sind womöglich jene eher zu nennen, die – steinreich oder verarmt – in nüchterner Bitterkeit erstarren – so sehr, dass sich in ihnen nichts dergleichen mehr regt.

Sicher, bittere materielle Armut ist nicht klein zu reden. Auch mag sie Menschen davon abhalten, sich jemals ihren Neigungen und Potenzialen entsprechend zu entfalten. Doch wer ist eher zu beneiden: der Vermögende, der bis an sein Lebensende vielleicht nie genug an Immobilien-, Wertpapierbesitz etc. hat (ja, das Bild vom raffgierigen, innerlich leeren Geldsack ist reichlich stereotyp) oder eine unscheinbare, ‚durchschnittliche‘ Person, die innerlich voller Leben ist?
Wobei sich materieller und geistiger Reichtum/Kreativität keinesfalls ausschließen (müssen)…

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Der Garten

Meanwhile the mind, from pleasure less,
Withdraws into its happiness;
The mind, that ocean where each kind
Does straight its own resemblance find,
Yet it creates, transcending these,
Far other worlds, and other seas;
Annihilating all that’s made
To a green thought in a green shade.

Here at the fountain’s sliding foot,
Or at some fruit tree’s mossy root,
Casting the body’s vest aside,
My soul into the boughs does glide;
There like a bird it sits and sings,
Then whets, and combs its silver wings;
And, till prepar’d for longer flight,
Waves in its plumes the various light.

Den Geist zieht es, von minderen Freuden,
Indes zu eigenen Seligkeiten;
Den Geist – dies Meer, wo jeder Art
Sogleich ihre Entsprechung harrt;
Doch er schweift weiter, bildet selbst
Ganz neue Meere, neue Welt,
Und nicktet alles, was geschaffen,
Zu grüner Schau in grünem Schatten.

Hier, an der Quelle munterem Fluss,
Am Stamm des Obstbaums, dichtbemoost,
Befreit von ihrem Körperkleid,
Schwingt sich die Seele ins Gezweig:
Dort sitzt sie wie ein Vogel, singend
Und spreizt und putzt die Silberschwingen,
Übt sich für längeren Flug und flicht
In ihr Gefieder buntes Licht.

– Andrew Marvell, „Der Garten“

Andrew Marvell (1621 – 1678) war ein englischer Dichter und Politiker. Er gilt als einer der bedeutendsten Metaphysical Poets.

Das vollständige Gedicht ist hier zu finden, in englischer Sprache. Finde die Vorstellung faszinierend, die menschliche Seele lasse sich mit einem Vogel vergleichen, der in einem Garten zur Ruhe kommt, bevor er sich auf eine weitere Reise begibt. Obwohl…der Gesang gehört dabei hoffentlich zur Kür und nicht zur Pflicht;)

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Ohne Worte

„Solo“, Ludovico Einaudi

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Irgendwo in dieser Welt…

Wenn mit der Aussage „Alles ist mit Allem verbunden, und jeder mit jedem“Quantenphysik“ verwiesen wird, dann finde ich diese Idee mir das stets ein wenig überfordernd. Denn, um ehrlich zu sein, mit einzelnen Personen mag ich viel lieber verbunden sein als mit 7 Milliarden Individuen. Und… mit manchen von ihnen mag ich weder verbunden sein noch fühle ich mich ihnen in irgendeinem Lebensaspekt nahe.
In seinem Artikel „Quantenmechanik – die beliebtesten Phrasen und was dahinter steckt“ auf Sciensblogs.de geht der Physiker Martin Bäker u.a. auf diese Aussage sowie das zugrunde liegende Phänomen der Verschränkung ein. Er erklärt auch, weshalb wir Verschränkungsphänomene im Alltag nie beobachten können.

Sein Fazit hierzu:

„Ist Alles mit allem verbunden? – Vielleicht, aber leider nicht so, dass man irgendetwas damit anfangen kann. Für alle praktischen Zwecke schlägt die Dekohärenz zu.(…)“

Eine geheimnisvolle Verbindung zwischen allen lebenden Personen lese ich da nicht heraus, jedenfalls nicht in der diesseitigen, materiellen Welt. Falls ein Jenseits existiert, nun, dann dürfte ‚dort‘ andere Naturgesetze und Prinzipien wirksam sein als jene, die hier auf der Erde naturwissenschaftlich beobachten lassen.
Mit Naturwissenschaft lassen sich theologische und esoterische Modelle halt nicht belegen, was mit etwas Nachdenken selbst einem Laien wie mir einleuchtet: Wissenschaftliche Disziplinen, welche sich ausdrücklich auf das Beobachtbare, Messbare und ggf. Vorhersagbare beschränken, haben keinen methodischen Zugang zu den Fragen, deren Beantwortung halt im Feld des Glaubens liegt, nicht aber im Bereich objektivierbaren Wissens.-

Irgendwo

Eine Legende aus China besagt, dass jeweils zwei Personen – und zwar jeder von uns – durch den roten Faden der Liebe miteinander verbunden sind. Dieser Faden kann sich verwickeln, dehnen oder tausendmal um die Welt reisen – aber niemals zerstört werden.
Zeit und Raum seien bedeutungslos für dieses Band, diesen Faden.

„Der rote Faden begleitet uns von Geburt an, um ihn kreist unser Leben. Man sagt, dass ein alter Mann, der im Mond lebt, jede Nacht die Neugeborenen besucht, um ihre Seelen mit dem roten Faden, der an seinen Finger gebunden ist, zusammenzuführen.“

Der ewig mäkelnde Skeptiker in mir fragt sogleich, ob/wie denn sicher gestellt sei, dass stets eine gerade (durch Zwei teilbare) Anzahl von Menschen auf der Erde leben. Und warum sich so wenige dieser ‚Duale‘ zu finden scheinen… eine Ehescheidungsrate von mehr als 40 Prozent belegt gewissermaßen, wie oft wir uns ‚vertun‘.

Die verlinkte Legende finde ich trotzdem schön, wie auch den PUR-Song „Irgendwo“, der eine etwas weiter gefasste Perspektive einnimmt. Nicht Zweisamkeit für alle, aber:

„Irgendwo in dieser Welt liegt ein bisschen Glück versteckt…“
– dahinter heißt es zwar nicht „wer danach sucht, wer offen bleibt für Neues und Schönes hat durchaus Chancen, dieses Glück zu finden – wer hingegen resigniert, wer endgültig aufgibt, hat leider schon verloren…“ – doch so setze ich den Text in Gedanken für mich fort.

Irgendwo,
liegt Ruhe und Balance
und die Zufriedenheit im Blick.
Jaja, ich nutz die nächste Chance,
ich zieh’ mich raus,
hol’ mich zurück,
es liegt in meiner Hand,
in meinem Land.

Die ernsten Strophen davor habe ich nicht etwa übersehen, doch auf deren Inhalt einzugehen ist mir, nun ja, zu persönlich für einen Blog.
Den Zustand des Gequältseins werden nicht wenige Seelen während ihres ‚Interludiums‘ auf der Erde durchleben. Die Gründe sind vielfältig. Doch möglicherweise lautet die ‚Aufgabe‘ dann, nicht länger als unvermeidlich in diesem Zustand zu verharren…halt die nächste Chance zu nutzen (s.o)…und diese manchmal auch für sich selbst zu erschaffen.

Jede(n) von Ihnen, den/die dies betrifft, wünsche ich ganz viel Kraft.

 

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