Sockosophie

Auch auf der Suche nach Denkanstößen, die über das alltägliche Kleinklein hinausreichen, aber nicht gleich Stunden über Stunden beanspruchen? Und wenn’s geht, auch ohne bierernste Rechthaberei und bedrohliches Gezeter?
Da ist der Song ‚Sockosophie‘ ganz gut geeignet, finde ich. Zunächst geht es um den Ursprung von Allem, was ist. Und um die Frage, ob dahinter eine erste Ursache, eine willentliche (göttliche) Kraft steht.

Am Schluss dann eine (nicht so sehr) überraschende Pointe: was geschieht allzu häufig, wenn wir Menschen unsere neue Religion/Philosophie/ Weltanschauung entdecken …die wir mit allen anderen teilen wollen …aber rasch feststellen müssen: die anderen sind schon versorgt und merklich weniger begeistert als wir?

⇒ „Halts Maul!! Du bist dumm, falsch, frech und faul!
Konvertiere!!“

Es sind nicht alle tolerant und ‚politisch korrekt‘  – die Beschimpfung, Unterdrückung und z.T. auch Verfolgung von vermeintlich Ungläubigen setzt sich bis zum heutigen Tage fort, obgleich wir hierzulande davon eher wenig mitbekommen.
Und die letzte Ermordung einer „Hexe“ durch einen fanatischen Mob oder ein Religions-Gericht fand auch nicht um 1850 statt, sondern bleibt eine beständige, aktuelle Gefahr.

Möglicherweise wären alle ‚Suchenden‘, die ihre bevorzugte Glaubens- und Weltanschauung noch nicht gefunden haben – gut beraten, sich schon jetzt eine bedeutsame Frage zu beantworten: Wie werde ich mit meinem neuen ‚einzigartigen, bedeutsamen Wissen und Glauben‘ umgehen, sobald ich meine Suche erfolgreich beendet habe?

  • Will ich das ‚Geheimwissen‘ nur für mich behalten und niemanden sonst daran teilhaben lassen?
  • Ermögliche ich meinen Freunden, Bekannten, Zuhörern, …Lesern, sich ebenfalls mit jenen Gedanken und Erkenntnissen auseinander zu setzen, welche mich so faszinieren?
  • Oder entscheide ich für die anderen mit …geht meine ‚Erleuchtung‘ weit genug, meinen Mitmenschen nun meine Denkweise aufzunötigen und bei Widerstand auch aufzuzwingen? Gebe ich mich in diesem Fall mit Wutgebrüll und Verdammnis-Drohungen zufrieden …oder werde ich sogar gewalttätig auf der Suche nach ‚Gläubigen‘?

Die Antwort ist doch offensichtlich? Tja nun, das würde ich von mir ebenfalls sagen.
Doch allgemein gültigen Charakter haben Ambiguitätstoleranz1) und strikter Gewaltverzicht augenscheinlich nicht erlangt, denn Beobachter sehen eine 
Zunahme religiöser Verfolgung weltweit (Jan. 2019), …wobei die Gesinnungskontrolle durch die Digitalisierung noch vereinfacht wird. Unter Ausklammerung einer eng gefassten Definition von ‚religiös‘ lässt sich konstatieren: auch im 21. Jahrhundert bekämpfen sich immer noch Menschen aufgrund unterschiedlicher Überzeugungen von etwas, das objektiv nicht bewiesen werden kann.

(Hinzu kommen natürlich all die anderen Konflikte, etwa wenn Gruppe/Nation B im Besitz von einem knappen Gut ist, welches Gruppe/Nation A für sich begehrt.Rasch wird B zum Feind gemacht und entweder überfallen oder ‚auf humanere Weise überzeugt‘, sprich brutal erpresst.)

Und doch halten wir (als Spezies) uns für überaus zivilisiert…

Nun will ich nicht meine Unzufriedenheit über den Umgang von Menschen mit Ideologien, Überzeugungen (und materiellen Besitz) lamentieren. Durch den u.a. Song war mir halt wieder einmal bewusst geworden, wie leicht ‚man‘ vom Suchenden zum überheblichen Verfechter einer weiteren Ideologie und zu einem unter Millionen Rechthabern mutieren könnte…

Sockosophie – Käptn Peng u. die Tentakel von Delphie

Mein Problem mit dem schnellen Sprechgesang (ist das alles Rap? oder gibt es da unterschiedliche Genres? Oje, ich bin sowas von ahnungslos): ich verstehe beim reinen Hören kaum ein Drittel des Textes – außer ich lese mit:

Nach all den Jahren kann ich immer noch nicht fassen:
(Woraus) hat sich dieser ganze Kram erschaffen?
Hat er sich, von 0 auf 100 in den Raum gesetzt?
Ohne zu fragen, vom Nichts ins Jetzt?
Einfach so, und aus sich selbst heraus?
Und gibt den ganzen Tag heimlich sich selbst Applaus?
Während, billiarden Mal, billiarden Mal, billiarden Formen wachsen
Und sich zu halbbewussten Wesen formen lassen
Es war Gott!
(Aha – und wer hat Gott erschaffen?)

Hm, ich finde dabei will doch irgendwas nicht passen
Fassen wir, jetzt nochmal zur Übersicht zusammen:
Das Nichts, der Urknall, Menschheit, Untergang
Nee Moment, Stopp, das ist zu einfach und zu ausgedacht
Wir werden schon von all den andern Weltraumrassen ausgelacht
Als die nichts Checkenden
Sich selbst zerstörenden Verrückten, Deprimierten,
Die nichts sehen und nichts hören.
Und die um sich schlagenden Verängstigten, Bekloppten
Die vergaßen was sie waren und sich selber ständig foppten
Und sich toppten, in der Disziplin der Selbstverarschung
Unsere Labyrinthe übersteigen die Erwartung
Jedes möglichen Meisters der Labyrinthedichtkunst
(Wir folgen dem Kaninchen)

Und, huch, plötzlich bricht uns der Boden weg
6000 Jahre fallen
Leute, die versuchen sich mit Gurten festzuschnallen
Ein elegant gestaltetes, jedoch ebenfalls fallendes
Vom Wind schon ein erkaltetes
Das sich den Spaß gefallen lässt
Bis schallendes Gelächter durch den Wind hallt
Denn Manche machen plötzlich mitten im Wind halt
Sie stoppen, denn sie schweben
Und sie lachen sich halb tot
Haben aufgehört zu halten
Und gestalten ihre Not um zu Tugend:
Sie bemerken, dass das Fallen zu Schweben wird
Wenn man aufhört sich an Dingen festzukrallen.

[Strophe 2]
Noch mal zurück zum Universum und zum Leben:
Genau genommen dürfte es das alles gar nicht geben
(Warum?)
Naja, woher soll es denn kommen?
(Aus dem Nichts!)
Hey, wir haben gesagt: genau genommen!
Und genau genommen kann aus Nichts nichts entstehen
(Vielleicht kannst du’s nur aus deiner Sicht nicht sehen.)

Hmmm, möglich wär’s, vielleicht ist das mein Problem
Denn Variante Zwei ist für mich auch nicht zu verstehen
Sie lautet irgendwas hat schon immer existiert
(Schon immer? Ich glaub ich hab’s noch immer nicht kapiert.)
Es war nie nichts vorhanden
Es ist immer was passiert
(Seit wann?)
Mann, bleib mal bitte konzentriert
(Worauf?) – Auf dich und das Ewige, verdammt!
(Warum?) – Es ist der Ort aus dem deine Existenz stammt
(Na und? Ist doch nicht mein Problem.)

Wer spricht denn von Problem
Kannst du das Wunder denn nicht sehen?
Das sich dreht und entsteht
Und nie stoppt sich zu drehen
Und dabei Licht zu imitieren
Und in sich selbst einzugehen
(Licht, Welches Licht?)
Erzähl mir nicht du siehst das Licht nicht!
(Nee!)
Alles um dich rum glüht – Nur dein Ich nicht
Denn dein Ich ist das Prisma
Durch das sich das Licht bricht
Es bündelt, selektiert und stellt sich dar wie deine Ich-Sicht
Doch in Wirklichkeit ist dein Ich viel umfassender
Ein Teil des Teils (der anfangs alles war)
Und wieder sein wird.
Wenn du dein Ich verschmelzen lässt
Mit Allem um dich rum
In dir drinnen und dem ganzen Rest
Licht mit Dunkel, die Null mit der Eins
Das Bewusstsein mit dem Körper
Und das Alles mit dem Keins
Und so vereinst du den Schein mit dem Sein
Demontierst dein altes Heim um dein Wesen zu befreien

(…Liefer mir erst mal Beweise!)
Wofür?
Du meinst das mit der Quelle und der Null und der Eins?
(Jaa!)
Okay, lass mich grübeln
Ich kann dir deine Zweifel leider wirklich nicht verübeln
Doch du musst wissen, dass es hier ums Ganze geht
Nicht um den Namen, der auf deinem Schulranzen steht
Identität ist etwas Überpersönliches
Ja und Nein sind nichts Unversöhnliches
Schwarz und Weiß sind beide Licht
Und die Nonexistenz, die gibt es nicht

(Das sind keine Beweise!)
Nein, das ist nur Vorbereitung für das, was ich dir zeige
Du willst Erwachen, Enthüllung, Befreiung von allen Schleiern?
Dann bitt‘ ich um Verzeihung mit dem was ich dir zeige
Schock‘ ich dein Verstand:
In Wirklichkeit bist du ne Socke auf ’ner Hand!

(Nein) Doch!
(…)

Also kehren wir zurück
An den Ursprung des Ursprungs, des Ursprungs, des Ursprungs
Zurück an den sogenannten Eisprung des Ursprungs
Und was davor ist, ist dann quasi meine Quelle
An die ich jetzt mal, jene kühne Frage stelle:
(„Warum?“)
Sie antwortet nicht.
Nicht gerade eine Quelle, die durch Service besticht.
Vielleicht ist sie auch grad‘ nicht da
Oder wollte nicht gestört werden
Oder hat mich kommen sehen
Und wollte nicht genervt werden

Oh man, schon wieder dieser Peng
Der kommt hier immer an und sieht alles so eng
Und fragt Fragen Fragen, die ’nen hochgestellten Kragen tragen
Zerfragt seine Frage
Bis sich sogar seine Fragen fragen:
„Fragt er nur des Fragens Willen?
Will er wirklich Fragen stellen?“
Fatale Fragen …Fraktale, Die ihm aus den Poren quellen
Versucht mich zu umstellen, reitet fragende Wellen
Die sogar selber Fragen stellen
Wartet, ich verarsch ihn
Werd mal meine Stimme verstellen
Und ihm sagen
Antworten soll er bei Quelle bestellen

„Jo Peng, bestell doch all deine Antworten bei Quelle
Und nicht bei mir, der Quelle allen Seins. Oder?“

Pass mal auf:
Also wenn du schon von Schocken redest
Du bist hier der Typ der grade mit ’ner Socke redet
Die auf deiner Hand sitzt
Und mit deiner Stimme spricht
Und du behauptest die Behauptung dieser Socke stimmt nicht?
Falsch! Ich bin die Quelle selbst
Das ist gar keine Hand mit der du dich unterhältst
Du glaubst wirklich, du bist ein abgetrenntes Wesen
Vom Kosmos, vom Urgrund, von mir, vom Leben?
Eigenständig, Unabhängig, mit eigenen Gedanken?

Du spinnst wenn du nicht fühlst
Du bist Teil eines Ganzen
Von mir, der Socke des Lebens!
Ich bin Ursache all deines Strebens!
Manifestation eines höheren Wesens!
Erkenne! Widerstand ist vergebens!
Du bist die Socke auf meiner Hand
Bisher bist du vor der Wahrheit weggerannt!
(Aber Socke!)
Schweig!!
(Aber Socke! )
Halts Maul!!
Du bist dumm, falsch, frech und faul!
Konvertiere!!
Zur Sockosophie – Zum Sockismus
Jetzt oder nie!
Ich sockifiziere dich es geschieht
Jetzt grade hier
Im Takt zum Beat
Das hier ist mein Gebiet!

Anmerkung

  1. Ambiguitätstoleranz (v. lat.  „Mehrdeutigkeit erdulden/ertragen“),→ Fähigkeit und Wille, mehrdeutige Situationen und widersprüchliche Handlungsweisen zu ertragen. Ambiguitätstolerante Personen sind in der Lage, Widersprüchlichkeiten, kulturell bedingte Unterschiede oder mehrdeutige Informationen, die schwer verständlich oder sogar inakzeptabel erscheinen, zur Kenntnis zu nehmen, ohne darauf aggressiv zu reagieren. Im Idealfall wird zudem darauf verzichtet, diese Ambguitäten einseitig negativ oder vorbehaltlos positiv zu bewerten.
    In psychologischen und pädagogischen Theorien wird diese Fähigkeit als Merkmal/Kriterium der Persönlichkeitsentwicklung benannt. 

     
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Im Nebel

Kommt der Herbst, kommt er, jajaja…endlich?
Hach, ich freu‘ mich so auf kühle Tage…

Im Nebel (Hermann Hesse)

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den anderen,
Jeder ist allein.

Voll von Freunden war mir die Welt,
Als noch mein Leben licht war;
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar.

Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkel kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allem ihn trennt.

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.

Kein versteckter Hinweis von meiner Seite oder so… zwar verbringe ich viel Zeit alleine, bloß fühle ich mich dabei selten einsam. Glaube, Hesse meint auch eine andere Einsamkeit als jene, die mitunter beim Alleinsein empfunden wird. 

 

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„Du hast Rolex – isch hab Vagina“

Mein kurzer Ausflug ins Deutsch-Rap-Genre

Eine neue Erfahrung ist das schon – für nicht wenige deutschsprachige Rap-Songs brauche ich ein Wörterbuch oder etwas in der Art: Dass „Bratan“ für Bruder steht, war mir noch gerade geläufig. Aber dann… ist CB6 das Kürzel für einen aufgemotzten Audi? Nee, der heißt RS6. CB6 scheint auch kein Insider-Begriff zu sein, sondern als Kürzel für das sechste Album des Rappers Capital Bra zu stehen.
Und wussten Sie, was „Kuku“ bedeutet? Das kommt auf den Kontext an:  „Achtung!“, „Pass doch auf!“ oder auch „Wow!“ – Kuku Bra, der Titel des Debüt-Albums von CB bedeutet also in etwa „Pass auf, Bruder“.

Wiederkehrende Ideale im Deutsch-Rap dieser Tage – bündelweise Bargeld mit Platinspange in der Hosentasche, überteuerte PKW-/Klamottenmarken und sogar der Konsum bewusstseinsverändernder Substanzen – sind mir so fremd nicht: Statussymbole waren mir vor 10-12 Jahren noch voll wichtig, allerdings stand ich auf mehr auf Movado als auf Rolex – schwarz, superflach, null Schnörkel,’maßlos elegant’… dieses Design vermittelte eher Understatement als die klobigen Glitzeruhren, fand ich. Bei Kleidung war mir Qualität wichtig – meine Lacoste-Pullover wollen auch nach Jahrzehnten nicht verschleißen, die könnte ich heute noch problemlos tragen (wäre da mittlerweile nicht ein klitzekleines Bäuchlein…).

Dennoch, mit der gemieteten S-Klasse-Limo (dunkelblau, mit Überlänge, mein Kumpel als Chauffeur) oder im knallroten Audi-Cabrio durch Köln brettern und mir einbilden, alle drehen sich wegen der Karre (und weil Myrdins Nacht oder ausgerechnet Self Control mit unmöglicher Lautstärke nächtens wummernd erdröhnten) nach mir um…solche ‚Abenteuer‘ fand ich ziemlich lange schick. Auch wenn solche Dinge ihre Bedeutung für mich heute völlig verloren haben, kann ich die Begeisterung dafür schon noch nachvollziehen.

„Guck, jetzt werden Träume wahr“

Rote Augen, schwarze Nacht
Der Himmel sternenklar
Hundert Mille bar
Geld machen liegt in der DNA
Hab’s gesagt, dann getan
Guck, jetzt werden Träume wahr
Neue Uhren, neue Autos
Neue Feinde jeden Tag

Auf den ersten Blick ‚hat der Song was‘, ebenso wie „Rolex„. Bloß, selbst in meiner abgehobensten Phase wäre ich nicht auf den Einfall gekommen, meinen unausgegorenen Mix aus Geltungsdrang und Streben nach neidvoller Bewunderung öffentlich zu idealisieren …na, besingen würde ich überhaupt nichts…
Ja, teure Markennamen aufzählen mag in bestimmten Kreisen zu großer Akzeptanz verhelfen, doch als besonders clever oder originell zeichnet man sich dadurch nicht aus. Sich selbst allein wegen materieller Güter zu feiern, wirkt auf mich armselig – tja nun, heute ist das so, um fair zu sein. Mediale Selbstinszenierung war nie mein Ding – doch aufgepimpt
am Ku’damm sowie vor der Berliner Disco Tolstefanz mit offenem Verdeck und Nebengeräusch rumzucruisen (immer um den Block fahrend, jaja) und letztendlich doch Eindruck schinden (wollen) – dafür war ich mir wiederum nicht zu schade.

„Erst Shem-Shem und dann Tilidin“???

Opiate (ausgerechnet das vielbesungene Tilidin, gegen chronische Schmerzen verordnet, also 100% legal…wie langweilig) können für ganz kurze Zeit durchaus Euphorie bewirken – nur, wenn man nicht aufpasst, rennt man tatsächlich als Zombie durch die Gegend. Eine gesunde Lebensgestaltung rückt dann überraschend schnell in weite Ferne.
Dass durch solche Substanzen jemals ein echtes Glücksgefühl erzeugt würde, deckt sich so gar nicht mit meinen persönlichen Erfahrungen damit.-

Alle Drogen durcheinander
Zwei Glocks in den Händen
Keine Liebe für die andern
Diamanten tanzen um den Arm
Große Träume, Sunset Boulevard
Mein Konto sagt, das wird ein gutes Jahr…
(Auszug: Diamonds, Summer Cem)

Beim Umgang mit Frauen scheiden sich die Geister bereits: Warum sollte ich sie als ‚Bitches‘ oder gar Huren sehen? Rapper würden mir wohl entgegenhalten, in ihrem Genre gehöre eine deftige, zum Teil auch Personen abwertende Sprache eben dazu.
Mag sein, jedoch wird auf diese Weise zugleich ein fragwürdiges Frauenbild transportiert, ob dies nun gewollt ist oder nicht.

Jede Verharmlosung des Konsums von illegalen Suchtmitteln und des Handels damit finde ich ärgerlich und verantwortungslos. Was hat das noch mit „Lebensgefühl“ zu tun?
Auch Schusswaffen eignen sich aus meiner Sicht absolut gar nicht für unkritischen Singsang. In beiden Fällen liegt folgende Überlegung doch nahe:

Bei der primären Zielgruppe dieser Songs handelt es sich um junge Leute – vielleicht von 16 – 30. Wie leicht beeinflussbar manche in diesem Alter sind, weiß ich noch aus eigener Erfahrung. Ein ‚falscher Umgang‘ ist potenziell geeignet, dem gesamten Lebensweg eine unheilvolle Wendung zu geben. Muss man da als angehender Promi oder One-Hit-Wonderboy eine kriminelle Lebensführung verherrlichen und einige der jungen Leute womöglich auf dumme Gedanken bringen?
Was von dem Getue mit Drogen und Handfeuerwaffen bloß Fake ist, kann und will ich gar nicht beurteilen – der o.a. Zielgruppe dürfte es ähnlich ergehen.

Vordergründiges Gemecker eines alten, altmodischen Sacks, der zur ‚Jugend von heute‘ praktisch keinen persönlichen Bezug hat? Kann schon sein.
Viele dieser Songtexte atmen förmlich Kompensation ein und aus: Je nach Lebensweg und sozialem Kontext sind die Chancen junger Menschen nicht sehr erfreulich – oftmals ohne eigenes Verschulden fehlen ihnen die Grundlagen für einen ordentlichen, vielversprechenden Einstieg ins Berufsleben.

Capital Bra beispielsweise wurde 1994 in Sibirien geboren. Die Familie zog bald in die Ukraine, wo er einen Teil seiner Kindheit verbrachte. Mit sieben Jahren zogen er und seine Mutter nach Berlin-Hohenschönhausen um. Anschließend geriet er ins kleinkriminelle Milieu und verbüßte mehrere Jugendstrafen. Wegen Schlägereien musste er öfter die Schule wechseln und brach sie in der neunten Klasse komplett ab. (Vgl. Wpedia-Artikel)
Was bleibt da außer einem NoFuture-Eskapismus mit aggressiven Grundgefühl und der Flucht in ein wenig tiefgründiges Status-und Besitzdenken? Nun, CB begann schon im Alter von 11 Jahren damit, Raptexte zu schreiben. Dass es ihm gelungen ist, auf diesem Weg erfolgreich zu werden, verdient Respekt.

Es geht also nicht darum einen bestimmten Musikstil bzw. seine Interpreten zu verurteilen. Indes wünsche ich mir, die Rapper, Macher und Produzenten würden sich ihrer Verantwortung bewusst werden.

Mir fehlt bei vielen dieser Songs der Impuls zum Hinterfragen, zum Weiterdenken. Nun hätte ich als relativ saturierter alter Knabe leicht reden, doch stellen gerade Musik und die sog. Popkultur einen möglichen Zugang zu jungen Leuten her. Was wäre so falsch daran, diesen auch positiv zu nutzen und ein paar Denkanstöße einzuflechten?

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Wahlempfehlungen via Youtube?

Das ist hier kein politischer Blog und wird auch nie einer werden. Bestimmte Vorgänge in den sozialen Netzen lassen gleichwohl aufhorchen: ein junger Youtuber namens Rezo nimmt sehr gezielt Einfluss auf die Wahl-Entscheidungen seiner Altersgenossen …oder, genauer, er versucht dies.

Das betreffende Video geht über 55 Minuten und hat den Titel »Die Zerstörung der CDU«.

Da es aktuell um die Europa-Wahl am 26. Mai geht, hatte ich erwartet: ‚Na, darin wird doch sicherlich die EU-Politik der großen Parteien besprochen und ausgewertet werden‘ – nur darum habe ich es mir angesehen …mein Fehler, denn über Europa spricht Rezo so gut wie gar nicht. Onwohl es reichlich Stoff für Kritik gäbe – z.B. der Einfluss von Lobbyverbänden auf die EU-Gremien und Entscheidungen. Ausgehend von Fakten hätte man da prima analysieren können, wie CDU, SPD und Grüne mit den >25.000 Lobbyisten in Brüssel umgehen …und daraus hätte sich dann ggf. ein ähnlich vernichtendes Urteil ableiten lassen – ohne sich die Kritik „Thema verfehlt“ einzuhandeln.

Aber zugegeben, 1. ist solch ein Recherchevorhaben ermüdend und aufwendig und 2. würde wohl auch ich als aufstrebender Youtuber zögern, mir jene bestens vernetzten und budgetierten Wirtschaftsverbände zum Feind zu machen. Ein falsches Wort → Zack, Abmahnung oder Klage.
Da ist es schon bequemer, auf die alte Tante CDU einzudreschen…

Und am Schluss kommt Rezo ja doch auf die Europawahl: »Wählt bitte nicht die SPD, wählt bitte nicht die CDU, wählt bitte nicht die CSU und schon gar nicht die AfD.«

Macht man das heute so? Einerseits befindet Rezo die ganze Europapolitik für „“f***ing langweilig“ und kommentiert darum im Grunde lediglich einzelne Schwerpunkte der Bundespolitik, u.a. die Klima-Rettung und die Haltung der deutschen Regierungsparteien zu möglichen Völkerrechtsverstößen des Imperiums (Drohnenmorde auch an unbewaffneten Zivilpersonen, für die die imperiale Militärbasis Ramstein offenbar als Relaisstation genutzt wird – für mich noch der beste Teil des o.a. Videos, weil konkret und faktenbasiert. Und ja, mit  waffenstarrenden Klingonen habe auch ich nichts am Hut).

Kann es sein, dass man als Kanalbetreiber mit Millionen Zuschauern auch eine Verantwortung hat? Fürs Klima – ja, auch. Allerdings denke ich zudem an eine ‚publizistische‘ Verantwortlichkeit – zumal dann, wenn man sich von dem plumpen Populismus der blau-braunen Typen mit Recht inhaltlich und stilistisch abgrenzen möchte.

Mein insgeheimer Wunsch: Wähler, gleich welchen Alters, machen es sich hoffentlich nicht so einfach, ihre Entscheidung vorwiegend von solchem Input bestimmen zu lassen.

Da finde ich den Wahl-O-Mat der Bundeszentrale für politische Bildung viel geeigneter, denn – bis er für die Europawahl am 20.5. einstweilen verboten wurde2 – vermittelte er einen Überblick, wie sich die antretenden Parteien zu wichtigen europapolitischen Fragen positionieren – ein guter Ausgangspunkt um Parteiprogamme und -versprechungen dann vertiefend zu recherchieren und so zu einer möglichst fundierten Wahlentscheidung zu gelangen. Natürlich gibt es auch andere Wege, doch man kommt meiner Ansicht nach nicht daran vorbei, wenigstens die Vorhaben ’seiner‘ Partei für Europa in groben Zügen zu kennen.

Wer dazu weder Zeit noch Lust hat? Nun, das muss jeder für sich ausknobeln. Nur würde man in diesem Fall auch kein langatmiges Statement zu dieser Wahl verfassen und erst recht keine Empfehlung abgeben…

Siehe auch:

  1. »Wie ein YouTuber den Zorn der Union auf sich zieht«,
    Welt online
  2. Wahl-O-Mat zur Europawahl – Bundeszentrale für politische Bildung geht gegen Verbot vor, nachdem die Kleinpartei Volt vor Gericht ein Verbot erwirkt hat.
    (Tagesspiegel)

Nachtrag

Als Alternative zum Wahl-O-Mat steht das Portal WahlSwiper zur Verfügung. Ähnlich aufgebaut, werden dem Nutzer deutliche Fragen zur Gewichtung der Kompetenzen zwischen der EU und ihren Mitgliedsländern vorgelegt, z.B.

  • Sollen die Nationalstaaten mehr Kompetenzen an die EU abgeben?
  • Soll der Euro als gemeinsame Währung abgeschafft werden?
  • Sollen direktdemokratische Instrumente auf EU-Ebene ausgebaut werden?

Die vom Benutzer gegebenen Ja-/Nein-Antworten auf 38 solcher Fragen werden wiederum der jeweiligen Position der zur Wahl stehenden Parteien gegenübergestellt. So lässt sich mittels tabellarischer Auswertung eine Orientierung gewinnen, welche Partei mit den eigenen Ansichten weitgehend übereinstimmt.
Die Benutzerantworten werden anonymisiert und ohne IP-Adresse auf dem Server des Betreibers gespeichert.

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Hinweis zum Film »Der grüne Planet – Besuch aus dem All (1996)«

Habe gesehen, die Seite mit dem eingebetteten Film wurde letzthin mehrmals aufgerufen – nur war leider kein Film mehr da.

Dies wurde nun behoben. Natürlich kann man sich den Film auch direkt bei Vimeo anschauen.

Habt alle/haben Sie einen schönen Abend 🙂

 

 

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Im Anfang · Ludwig Hirsch

»„Niemand kann deine Schönheit bewundern“, sprach der Teufel zu Gott in der Höh‘. Und ich hab mich selbst an die Wand gemalt, auch das kann niemand sehen! Wozu diese ewige Finsternis? Entschuldige, du Gott, ich verstehe das nicht!“ — „Du hast recht!“ rief der Herr zum Teufel und er sprach: „Es werde Licht!“

„Gut“, sprach der Teufel zum Herrn, „du hast Tag und Nacht geschaffen, doch wenn es Tag ist, wo wirst du spielen, wenn es Nacht ist, wo wirst du schlafen?“ — „Du hast recht!“ rief der liebe Gott, „du weißt, der Herr baut nie auf Sand!“ Und er nahm sich sogleich den Himmel und besetzte ihn instand.
„Gut gemacht“, sprach der Teufel“, du wohnst jetzt wie sich’s gehört. Nur der Ausblick, den du hast, der ist deiner noch nicht wert! — „Ja, bunte Blumen sollen blühen auf der Erde, ich will Farben sehen“, rief der Herr, und er schuf auch die grünen Wälder, und er schuf das blaue Meer.

„Sei gepriesen!“ rief der Teufel“, du hast ein Wunder vollbracht! Du hast die Erde da unten schöner als deinen eigenen Himmel gemacht!“ — Schöner als den eigenen Himmel? Das hörte der Herr nicht gerne, und er schmückte ihn schnell mit Juwelen, das waren Sonne, Mond und Sterne.
„Welch eine Pracht!“ jubilierte der Teufel“, Psalmen sollen erklingen, doch das Problem ist, edler Herr, es ist niemand da, sie zu singen!“ — „Dann müssen Sänger her!“ rief Gott, „die zu mir schnattern, miauen, tirilieren, die zu mir bellen, die zu mir röhren!“ Und der Herr schuf die Tiere.

„Geliebter Herr“, schleimte der Teufel“, fünf Wunder hast du vollbracht, aber fehlt nicht noch ein Wesen, nach deinem Ebenbild gemacht?“ — „Das mach‘ dir selbst!“ sprach der liebe Gott, „ich bin müde, ich will schlafen!“

Und so hat am sechsten Tag der Teufel den Menschen erschaffen.«

Der Schöpfer braucht ausgerechnet den Satan als Ideengeber?

Dies würde voraussetzen, dass Satan bereits existierte, bevor die Erschaffung des Sonnensystems begonnen wurde  – und außerdem, dass er (damals noch) ein entspanntes Verhältnis zum Schöpfer hatte…

Manchmal, etwa nach den Oster-Anschlägen auf Sri Lanka, könnte man meinen: Tjaha, so ist es – wir Menschen sind vom Charakter her ein dermaßen unzulängliches ‚Produkt‘, dass wir nicht von einem in jeder Hinsicht vollkommenen Schöpfer erschaffen worden sein können.

Manche Gnostiker wie auch die späteren Katharer vertraten eine ganz ähnliche Ansicht: Als Geistwesen wurden wir zwar von dem Guten Gott geschaffen. Doch unsere Einkörperung ins Fleisch, also unser Erscheinen hier auf der Erde, gehe auf einen unvollkommenen Möchtegern-Gott mit einer ganz eigenen Agenda zurück, den Demiurgen.

Als Machthaber der materiellen Welt betrachteten die Gnostiker mächtige, tyrannische Dämonen, die sie „Archonten“ (Herrscher) nannten. Sie hielten entweder die ganze Gruppe für die Weltschöpfer oder wiesen diese Rolle nur dem Anführer der Archonten zu, den sie dann als Demiurgen bezeichneten. Die Seelen der Menschen  seien mit ihren Körpern verbunden worden und so in Gefangenschaft geraten. Dieses Unheil habe der Demiurg verschuldet, indem er die Seelen in die Materie gelockt und in Körper eingeschlossen habe.
Dieser Demiurg wurde nicht selten mit Luzifer/Satan gleichgesetzt – bisweilen jedoch auch mit dem rachsüchtigen, Tieropfer fordernden Gott des AT.

Persönlich glaube ich: Was am Anfang noch gut war, kann – aus eigenem (Un-)Willen oder durch geschickte, manipulative Beeinflussung – in eine ungute Richtung geschoben werden.

Auch wir Menschen.

Als Ganzes besehen, ist die Menschheit zudem nicht per se teuflisch oder böse, nicht (nur) ‚Ausfluss der Hölle‘ – sondern zutiefst widersprüchlich, förmlich hin- und hergerissen zwischen zwei Polen:
⇒ „Intelligenz und Schläue, eine Hässlichkeit, die jedoch einer gewissen
Schönheit nicht entbehrt, Bosheit und zugleich Milde“ …Furchtsamkeit und auch Freude, Lust und Selbstgefälligkeit, aber auch Beharrlichkeit und den Willen, die Welt zu verbessern…

Siehe auch:

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Jesus – weder aus Wittenberg noch aus Rom, sondern aus Nazareth

„Was die Christen glauben, Jesus lehrte es nicht!
Und was Jesus lehrte, die Christen wissen es nicht.

Vor jeder Bewertung von Bibelinhalten und Jesus-Zitaten steht die Frage: Was war das zentrale Anliegen Jesu? Und was hat er wirklich gesagt …wie sicher können wir sein, dass ihm bestimmte, für Interessengruppen nützliche Aussagen nicht später in den Mund gelegt wurden?
Der Journalist und Buchautor Franz Alt formulierte unlängst die Kernthese: „Wenn die Kirche des Westens wieder lebendig werden will, muss sie auf die Urworte ihres Heilands hören – und der sprach Aramäisch1

Aramäisch wird – mir war dies nicht so geläufig – nicht zu den ‚toten Sprachen‘ gezählt. Die Aramäer der Gegenwart – die traditionelle Sammelbezeichnung von Angehörigen der Kirchen syrischsprachiger Tradition als „christliche Syrer“ ist missverständlich – sind Christen und die Nachfahren der antiken Aramäer. Ihre Liturgie- und Alltagssprache ist Aramäisch. In den Kirchen wird vor allem die klassisch-aramäische Sprache verwendet, die zu Lebzeiten von Jesus Christus gesprochen wurde.
Fast alle aramäischen Christen aus der Türkei, deren Anzahl früher 50.000 betrug, seien inzwischen nach Europa, insbesondere nach Schweden, ausgewandert, berichtet der verlinkte Wikipedia-Beitrag. Sie gehören verschiedenen Ostkirchen an: u.a. der Orthodoxen Kirche und der Chaldäisch-Katholischen Kirche. Die ethnischen, christlichen Aramäer und ihre Kirchen bilden seit langem die stärkste Trägergruppe der aramäischen Sprache.

Nazareth (1842, David Roberts)

Mit bestimmten Jesus-Zitaten (etwa dem Heulen und Zähneklappern – also „äußerste Pein“) hatte ich beizeiten meine Schwierigkeiten, denn diese schienen nicht zu dem Bild des gütigen Lehrers zu passen, welches ich ansonsten als Kind von ihm gewonnen hatte. Meine Zweifel stießen bei Erwachsenen auf ablehnendes Verständnis: ‚Was willst du machen, Junge, wenn es doch genau so in der Bibel steht…‘.

Sollte heißen: …dann hat der Herr Jesus das auch genau so gesagt!‘
Genau so?

Das ist eben die Frage!

Das Neue Testament wurde aus dem Griechischen übersetzt, obwohl Jesus Aramäisch sprach. Der Unterschied zwischen Jesu Muttersprache und dem Griechischen damals sei „etwa so groß wie heute der Unterschied zwischen Deutsch und Arabisch“.
Folglich war die Erkenntnis des evangelischen Theologen und Sprachforschers Dr.phil. Günther Schwarz
(1928-2009) hochbrisant: Mehr als 50 Prozent aller Jesus-Worte, die uns aus dem Griechischen überliefert sind, seien falsch übersetzt oder bewusst gefälscht.

Schwarz sah seine Lebensaufgabe in der Rekonstruktion des Originaltons der Worte Jesu, es ging ihm um «die Wiederherstellung des heiligen Textes mit allen Mitteln der Wissenschaft».
Seine Methode der Rück- und Neuübersetzung führte ihn zu folgenden Schlüssen:

  • Jesus habe alle seine Worte, Lehrgedichte und Gleichnisse poetisch geformt, wobei er aus dem AT bekannte poetische Formen wie Reim, Wortspiel, Rhythmus aufgegriffen und weiterentwickelt habe.
  • Die ursprüngliche Übersetzung aus dem Aramäischen ins Griechische sei an vielen Stellen falsch – es sei willkürlich weggelassen und hinzugefügt worden. So entstanden nach Schwarz’ These die christliche „Drohbotschaft“ mit ewiger Verdammnis, Hölle, Sündenvergebung durch Priester sowie eine Vielzahl von Ge- und Verboten. Die ursprüngliche Lehre Jesu wurde nach seiner These dabei immer mehr verschüttet und entstellt.

Zudem – für Schwarz ist Jesus nicht Gott:
„Das Wort war göttlich, niemals Gott. Doch es war leicht, das Wort göttlich in Gott zu verändern. Dazu genügte es, sowohl beim aramäischen als auch beim griechischen Wort nur einen Buchstaben zu löschen. (Anm.: Diese Änderung war eine Folge der Vergottung Jesu. Sie wurde veranlaßt durch die Lehre von der Dreieinigkeit – eine Lehre, die mit der Lehre Jesu unvereinbar ist.)“

Konkrete Beispiele für fälschliche Übersetzungen

Die Vaterunser-Bitte „Und führe uns nicht in Versuchung“ entspringt einem Gottesbild, welches Jesus offensichtlich fremd war:

„Und er [Jesus/Jeschu] beschrieb Gott als die Liebe in Person. Als den Gott und Vater nicht nur eines Volkes, sondern aller Menschen: der «seine Sonne aufgehen lässt über Guten und über Bösen» und der «seinen Regen herabkommen lässt auf Gerechte und auf Ungerechte» (Matthäus 5,45), dessen «Wille es ist, dass nicht ein einziger verloren gehe».

Bemerkenswert: Als einen allmächtigen, zürnenden, rächenden, strafenden, verdammenden Gott beschrieb er ihn nie. Und wo immer in seinen Worten es so scheinen mag, handelt es sich um unerlaubte tonverschärfende Zusätze, hinzugefügt, um – als falsches pädagogisches Mittel – Gottesfurcht zu erzeugen…“2
⇒ Gott wollte und will niemanden „versuchen“, dieser Part wird zumeist
Satan zugeschrieben, dem Versucher. Papst Franziskus verwirft dieses ’satanische Gottesbild‘: „Ein Vater tut so etwas nicht: ein Vater hilft, sofort wieder aufzustehen… Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Gott uns versucht.“ Franziskus‘ Vorschlag: „Und lass uns nicht allein in der Versuchung.“

In Matthäus 10,34 zum Beispiel soll Jesus gesagt haben: „Meint nicht, dass ich gekommen sei, Frieden auf die Erde zu bringen; ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“
Doch aus dem Aramäischen übersetzt Schwarz: „Ich bin nicht gekommen, um Kompromisse zu machen, sondern um Streitgespräche zu führen.“ Das passt zu Jesu Lehre der Gewaltfreiheit.

„Fürchtet euch nicht!“

Ein lesenswerter Brief aus Taizé befasst sich eingehend mit der ‚Furcht des Herrn‘: „Die Furcht bildet zunächst den Hintergrund aller Religionen.“
Wohl wahr. Gleichwohl kommt es auf den Bedeutungszusammenhang an. Bleibt es bei der „Schrecksekunde, ohne die eine Begegnung mit dem Unbekannten und Unerwarteten Gottes“ kaum vorstellbar ist? Oder wird mit zweckorientierter Absicht eine lebenslange Angst vor dem schrecklichen, strafenden Gott erzeugt?

In der Bibel sei fast niemals von solchen durch Gotteserscheinungen hervorgerufenen Gefühlsregungen die Rede, ohne dass sogleich das Wort „Fürchtet euch nicht“ dazu gesagt wird. Die religiöse „Furcht“ hat keinen Wert in sich. Sie kann nicht andauern, sondern muss dem Vertrauen weichen.4
Einverstanden – bezogen auf Leben und Lehre Jesu im NT, das einen Kontrast zu blutig-grausamen Berichte und Ankündigungen im AT bildet.

Der Terminus Gottesfurcht ist an sich schon verwirrend. Zum Vergleich eine Aussage aus dem 1. Kapitel der Sprüche (Unterweisung in der Weisheit) in zwei unterschiedlichen Bibelübersetzungen:

  • «Die Furcht des HERRN ist der Anfang der Erkenntnis. Weisheit und Zucht verachten nur die Narren.» (Spr 1,7 ELB)
  • «Den Herrn ernst nehmen ist der Anfang aller Erkenntnis. Wer ihn missachtet, verachtet auch Weisheit und Lebensklugheit.» (Spr 1,7 GNB)

Mit der GNB-Übersetzung kann ich (an dieser Stelle) gut leben, denn Ernsthaftigkeit, Respekt und Ehrfurcht gegenüber Gott habe ich als etwas Selbstverständliches verinnerlicht. Doch insbesondere Teile des AT gehen weit darüber hinaus: die Menschen, ganz besonders den ‚Gottlosen‘ sollen nackte Angst vor diesem rächenden, strafenden, eifersüchtigen Himmelsherrscher (vorherrschendes Gottesbild im AT) empfinden und dadurch zu unterwürfigem Gehorsam und Glauben gelangen.
Erst in späteren Zeiten wurde Gottesfurcht nicht länger als „Furcht im Sinne des Schreckens oder ängstlichen Eingeschüchtertseins“ verstanden, doch: auch das AT mitsamt den enthaltenen Grausamkeiten ist weiterhin verbindliche Glaubensgrundlage.

Und seien wir doch bitte ehrlich: ein ‚gesundes‘ Maß an Einschüchterung – gegenüber Gott sowie dem Klerus – war und ist der Leitungsebene der RKK dienlich. Schon deshalb müsste sich auch Franz Alt und Günther Schwarz die Frage gestellt haben:

Ist ein konsequenter Verzicht auf die traditionelle Drohbotschaft denkbar?

Eben daran zweifele ich, insbesondere große Teile der katholischen Kirchenführung betreffend. Denn was bliebe vom Markenkern, also von dem, was das Katholische typischerweise kennzeichnet und und unterscheidbar macht, würden alle nicht aus dem NT (im aramäischen Original) ableitbaren Einschüchterungen und Drohungen aus der offiziellen Kirchenlehre gestrichen?

Dabei ist zu bedenken: den theologischen Grundsatz sola scriptura („allein durch die Schrift“) macht sich die Römisch-Katholische Kirche ausdrücklich nicht zueigen! Handelt es sich doch um ein wesentliches Element der Lehren Martin Luthers und der reformatorischen Theologie, wonach nach dem die Heilsbotschaft hinreichend durch die Bibel vermittelt wird und keiner Ergänzung durch kirchliche Überlieferungen bedarf. Sogar mir als kritischem Ex-Katholiken leuchtet ein: ein Verzicht auf sämtliche nicht unmittelbar biblischen Lehraussagen und Traditionen würde die RKK entweder in ihrem Bestand gefährden oder zu einer neuerlichen Kirchenspaltung führen.

Dass sich das kirchliche Lehramt als allein zuständig und autorisiert zur rechten Auslegung der Bibel erachtet, liegt in seiner Natur. Nur, eine Antwort auf fehlerhafte Übersetzungen und verfälschende Eingriffe in den Text der Evangelien wird damit freilich nicht gegeben (siehe auch Anmerkung A).
Ein Umbau der Kirchenlehre ist auch vom Selbstverständnis des unfehlbaren Papsttums und der ebenso fehlerfrei erachteten Dogmatik praktisch nicht durchführbar.

Löst man sich aus der deutschen Innenansicht von Kirche, so zeigt sich: In weiten Teilen der Welt, beginnend schon in Italien und Polen, lebt die RKK doch recht gut von und mit der Einschüchterung. Auch hat es den Anschein, als wünschten viele praktizierende Katholiken in solchen Regionen nichts weniger als eine schriftgetreue Liberalisierung der kirchlichen Theologie und Morallehre.

Zumal Schwarz, den F. Alt mehrfach zitiert, noch weitergeht und auch den Gründungsmythos des römisch-katholischen Papsttums entzaubert: „der so genannte PrimatstextB (Mt 16,18-19) ist das Ergebnis einer gezielten Textfälschung“. Gemeint ist die berühmte Stelle über den Apostel Petrus: Er sei der Fels, auf den der Herr seine Kirche baue. Doch auf Aramäisch berichtet der Evangelist Matthäus, Gott habe dieses Wort direkt an Jesus gerichtet:

„Dies ist er, mein Sohn, mein Einzigartiger. Er, an dem mein Selbst Wohlgefallen hat. Gehorcht ihm! Denn er ist der Fels, auf diesen Felsen werde ich meinen Tempel bauen […]. Ihm werde ich die Schlüssel geben zur Himmelsherrschaft. Wem er zuschließen wird – ihm soll zugeschlossen sein. Und wem er aufschließen wird – ihm soll aufgeschlossen sein.“2

Ein Himmelswort an Jesus wurde also zu einem Jesus-Wort an Petrus umgedichtet, auf dem dann das Papsttum aufbaute. Gründet sich das päpstliche Primat somit nicht auf eine Fälschung?. Selbst Papst Franziskus scheine das erkannt zu haben, er erklärte am 22. Februar 2018, nicht Petrus sei der „Fels“, sondern Jesus.
Wird nun die RKK ihren schlimmsten Entwicklungsfehler, die Entstehung des absolutistischen, primär auf Machtzuwachs und -erhalt angelegten Papsttums korrigieren? Bei aller Wertschätzung für den derzeitigen Amtsinhaber, damit ist vermutlich nicht zu rechnen…

Damit nicht genug – es wird noch unerhörter und schwerer erträglich für eine Institution, die materiellen Besitz und Zugewinn ganz eindeutig in ihr Kerngeschäft integriert hat:

«Es ist unmöglich, dass ihr Gott und dem Geld dient!»
„Dass Jeschu [Jesus] diesen Gegensatz so unerbittlich scharf formulierte, dafür muss es Gründe gegeben haben, wahrscheinlich persönliche Erfahrungen. (…)eine akute Auseinandersetzung mit einigen seiner Zuhörer, die der Auffassung waren, sie könnten Gott und dem Geld dienen; Zuhörer, denen er bewusst machen wollte, dass sie falsch dachten und darum auch falsch handelten.“2

Vielleicht besaß er auch den Weitblick, dass wenige Jahrhunderte später diese Aussage noch an Relevanz gewinnen würde …sobald die Geldgier zusammen mit der Machtgier auftrat.

Lauter heiße Eisen, deren konsequente Beachtung an die Substanz der organisierten und kommerziell hochaktiven Kirchen-Institutionen ginge.  Folgerichtig hat die theologische Fachwelt die von Dr. Schwarz gewonnenen Ergebnisse bislang praktisch nicht zur Kenntnis genommen – eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den wiederhergestellten Textteilen habe „bis heute, soweit ersichtlich, nicht stattgefunden“.3

Die Auswirkungen des ‚weiter so‘ sind freilich zweischneidig:
„…die Kirchen leiden darunter, dass …sie unglaubwürdig sind; vor allem deswegen, weil sie nachweislich, ohne es zu wollen, anders lehren als Jeschu gelehrt hat; und zwar ohne dass die Kirchenführer diesen Tatbestand als den eigentlichen Grund ihrer Misere erkennen.“2
Klingt fast so, als würde der Klerus zumindest die eigenen Lehren konsequent befolgen – leider trifft auch dies vielfach nicht zu.
Die

Lag Dr. Schwarz nun mit all seinen Ausführungen und Thesen richtig?

Dies kann ein Laie wie ich nicht beurteilen, sorry. Weder bin ich der Alt-griechischen Sprache mächtig noch des Aramäischen; man müsste aus beiden Sprachen verlässliche Übersetzungen anfertigen können, um das Werk von Günther Schwarz zu prüfen und zu verifizieren. Möglicherweise liegt hierin auch ein (weiterer) Grund für die Zurückhaltung der Fachtheologen – wie viele von ihnen besitzen heute noch fundierte Kenntnisse in beiden Sprachen?

Gleichwohl fügt sich das bei Schwarz Les- und Lernbare recht nahtlos in meine sonstigen Wissensfragmente über das frühe Christentum und die Entstehung von imperialer Kirche/Staatsreligion im römischen Reich sowie des Papsttums ein. Oder anders formuliert: als interessierter Laie finde ich da jedenfalls keine großen Widersprüche. Lediglich mein Bild von der Person Jesu habe ich korrigieren dürfen – selbiges ist nun ein gutes Stück positiver und weniger widersprüchlich.

Quellenangabe

  1. Christentum: „Frohbotschaft statt Drohbotschaft„, Franz Alt auf Zeit online
  2. Günther Schwarz – „Worte des Rabbi Jeschu„,
  3.  Webseite über das Lebenswerk des evangelischen Theologen und Aramäischforschers Dr. phil. Günther Schwarz (1928-2009): Wiederherstellung des geistigen Vermächtnisses Jesu
  4. Die Gottesfurcht – Brief aus Taizé 2004/4

Siehe auch

  • Frohbotschaft statt Drohbotschaft, Norbert Scholl
    Die biblischen Grundlagen des Kirchenvolks-Begehrens 1997 (Soweit ich weiß, wurde die längst zum geflügelten Wort gewordene Forderung nach Abkehr von Drohbotschaft und Angsterzeugung durch Theologie und Kirchenlehre erstmals in diesem Begehren so klar formuliert.)

Literaturhinweise

Anmerkungen

A – Die römisch-katholische Kirche reagierte auf die Forderung „sola scriptura‘ während dem Konzil von Trient (1545–1563) mit einer Präzisierung ihrer Schriftlehre. 1546 wurde ein Dekret verabschiedet, demzufolge die göttliche Wahrheit nicht allein in der Schrift, sondern in der Verbindung von Schrift und Tradition zu finden sei – begründet in Joh 16,13). Damit wurde die rechte Auslegung der Bibel durch das kirchliche Lehramt bekräftigt, da nur so das Wirken des Heiligen Geistes als sicher gelten könne. Die Bibel selbst erlange ihre Autorität erst durch die Kirche, die ja auch älter sei als die Bibel (wedelt da nicht der Schwanz mit dem Hund?). Das kirchliche Lehramt habe den Bibelkanon festgelegt, was ebenfalls die Autorität der Kirche über die Bibel zeige.

B – Die herkömmliche Übersetzung von Mt 16,18-19 lautet (hier in der ELB-Fassung): „Aber auch ich sage dir: Du bist Petrus, und auf diesem Felsen werde ich meine Gemeinde bauen, und des Hades Pforten werden sie nicht überwältigen.
Ich werde dir die Schlüssel des Reiches der Himmel geben; und was immer du auf der Erde binden wirst, wird in den Himmeln gebunden sein, und was immer du auf der Erde lösen wirst, wird in den Himmeln gelöst sein.“

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