Alles Gute im Neuen Jahr

Jahresrückblicke findet man in ausreichender Zahl, darum spare ich mir eine neuerliche Aufzählung positiver sowie unerfreulicher Vorkommnisse des soeben vergangenen Jahres. Aber, um ehrlich zu sein, habe schon mit einer gewissen Erleichterung tief durchgeatmet, als 2020 endlich rum war.
Insofern vermute ich, viele von uns werden ihren Blick weitaus lieber nach vorn richten..

Ihnen allen wünsche ich für dieses Jahr insbesondere Gesundheit und Zuversicht.

»Es kommt der [eine] Tag, der alles lösen wird«, glaubte Friedrich von Schiller. Pfeifen im Walde? Ausgehend von der momentanen Situation stelle ich mir eher vor, wie wir uns in vielen kleinen Schritten auf eine Normalisierung zu bewegen… und dass dieser Prozess insgesamt deutlich mehr Zeit beansprucht als 12 Monate.

»Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser werden wird, wenn es anders wird; aber so viel kann ich sagen: es muss anders werden, wenn es gut werden soll.«
Georg Christoph Lichtenberg


›Es waren einmal zwei Bienen, die saßen am Eingang ihres Bienenkorbs in der Sonne. Lange Zeit hatte ein heftiger Sturm gewütet. Seine Gewalt hatte alle Blumen weggefegt und die Welt verwüstet.
»Was soll ich noch fliegen«, klagte die eine Biene. »Überall herrscht ein wüstes Durcheinander. Was kann ich da schon ausrichten!« Und traurig blieb sie sitzen.
»Blumen sind stärker als der Sturm«, sagte die andere Biene. »Irgendwo müssen noch Blumen sein, und sie brauchen uns, sie brauchen Besuch.
Ich fliege los.«‹
Phil Bosmans

Blick nach vorn 😉

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Frohe Weihnachten

Das Wichtigste an Weihnachten waren und sind für mich stets heilsame Gedanken und Empfindungen… damit verbinde ich nix Esoterisches, eher ein Rückblenden in heimeliges Situationen und Momente, als ich mich ›gut aufgehoben‹ und rundum wohl fühlte.
Bisschen Wehmut gehört da auch mit zu, ja.

Beim Stöbern sind mir zwei kurze Gedichte aufgefallen:

Großmutter

Großmutter hat viel gesehn
Im Laufe der wechselnden Jahre.
All, was sie redet, klingt eigen und schön
Und trifft wohl immer das Wahre
Sie weiß noch immer so innig warm
Für ihre Liebe zu sorgen.
Drum spürt auch der Enkel spielender Schwarm
Bei ihr sich wohl und geborgen.
Und blickt sie nach Weise der alten Frau’n
Versonnen hinaus in die Weite,
Dann scheint es, als könne den Himmel sie schau’n,
Als stünd‘ ihr ein Engel zur Seite.
(Heinrich Hoffmann)

**

Weihnachten
Ich sehn‘ mich so nach einem Land der Ruhe und Geborgenheit
Ich glaub‘, ich hab’s einmal gekannt, als ich den Sternenhimmel weit
und klar vor meinen Augen sah, unendlich großes Weltenall.

Und etwas dann mit mir geschah:
Ich ahnte, spürte auf einmal, dass alles: Sterne, Berg und Tal,
ob ferne Länder, fremdes Volk, sei es der Mond, sei’s Sonnenstrahl,
dass Regen, Schnee und jede Wolk‘, dass all das in mir drin ich find‘,
verkleinert, einmalig und schön.
Ich muss gar nicht zu jedem hin, ich spür das Schwingen, spür die Tön‘
ein’s jeden Dinges, nah und fern, wenn ich mich öffne und werd‘ still
in Ehrfurcht vor dem großen Herrn, der all dies schuf und halten will.

Ich glaube, das war der Moment, den sicher jeder von euch kennt,
in dem der Mensch zur Lieb‘ bereit: Ich glaub, da ist Weihnachten nicht weit!
(Hermann Hesse)

In diesem Sinne wünsche ich uns allen, dass wir ein Stückchen Weihnachten in uns selbst finden. Die in dieser Zeit nicht immer ganz freiwillig bestehende Stille mag dafür sogar hilfreich sein.

Passen Sie gut auf sich auf und bleiben (oder werden) Sie gesund.


Obwohl, Stille ist ja auch immer relativ 😉

Ascent (Christmas Day) – Ludovico Einaudi


Siehe auch:

  • Als ich Christtagsfreude holen ging‹, weihnachtliche Erzählung von Peter Rosegger
    Keine Ahnung, ob man damit den Kindern heute noch eine Freude machen kann (…vielleicht, wenn man die Geschichte verfilmte und über’s Smartphone zugänglich machte:)
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Heute (21.12.20 um 22.25h) auf 3SAT: ›Verteidiger des Glaubens‹

Papst Benedikt sah es als seine Lebensaufgabe an, das Bild einer glanz- und machtvollen Katholischen Kirche und deren Werte so zu bewahren, wie er sie in jungen Jahren verinnerlicht hatte. »Doch wurde in seinem Pontifikat vor allem durch die Missbrauchsskandale offenbar, dass die katholische Kirche sich in ihrer größten Krise befindet.«

Christoph Röhl zeichnet zunächst Joseph Ratzingers Werdegang zum Kardinal und dann zum Papst nach. Nachdem er in den 1960er-Jahren einige Jahre lang als fortschrittlicher Erneuerer gegolten hatte, habe Ratzinger sich während seiner 30-jährigen Tätigkeit innerhalb des Vatikans maßgeblich für den Erhalt der Autorität der Kirche und des Vatikans eingesetzt.

»Die Interviewpartner im Film […] stellen das offiziell propagierte Bild von Ratzinger als ›bescheidenem Gelehrten‹ infrage. Sie machen deutlich, welche Rolle er beim Aufbau eines Machtsystems im Vatikan unter Papst Johannes Paul II. spielte und inwiefern er damit erheblich zu dem Vertrauensverlust beitrug, unter dem die katholische Kirche bis heute leidet.«

»Ich wollte einfach jenseits jeder Polemik die Wahrheit herausfinden«

…erklärt Röhl in einem unlängst (Dezember 2020) mit dem DLF geführten Gespräch1. Ein wahrhaft hoher Anspruch, über dessen Verwirklichung die Zuschauer für sich befinden sollten.
Persönlich tue ich mich etwas schwer mit der fulminanten, aber zuweilen etwas einseitig anmutenden Kritik an Ratzinger: Sein theologisches und priesterliches Wirken umfasste in etwa 60 Jahren weit mehr als den unglücklichen Umgang mit den nach und nach bekannt werdenden Missbrauchsskandalen. Soll das gesamte Priesterleben Ratzingers fair gewürdigt werden, aber auch hinsichtlich seiner Befassung mit dem Missbrauchsskandalen scheinen positive Aspekte zu kurz zu kommen.

Ein Beispiel: Es war Ratzinger, die in Bezug auf Marcial Maciel nicht locker ließ: Marcial Maciel Degollado (1920 – 2008) war ein mexikanischer katholischer Priester und der Gründer der Kongregation der Legionäre Christi. Wegen zahlreicher Sexualstraftaten musste er (erst) im Jahre 2006 die Leitung des Ordens niederlegen (vgl. ORF-Dokumentation über Maciel). Bereits 1999 hatte Kardinal Ratzinger als Präfekt der Glaubenskongregation eine kanonische Untersuchung eingeleitet, die allerdings nicht zu Ende geführt werden konnte.
Im Film heißt es sinngemäß: »Ratzinger wusste längst Bescheid über die Verbrechen Maciels. Aber er konnte (noch) nichts sagen, weil er nicht die Erlaubnis von Papst Johannes Paul II besaß«.

Kurz vor dem Tod Johannes Pauls II. eröffnete Ratzinger im Januar 2005 eine erneute Untersuchung, nachdem dem Vatikan weitere Vorwürfe bekannt geworden waren. Am 16. Mai 2006 erfolgte immerhin die Aufforderung der Glaubenskongregation an Pater Maciel, sich zu einem Leben in Buße und Gebet zurückzuziehen – wenngleich in Anbetracht seines gesundheitlichen Zustands auf ein langjähriges kirchenrechtliches Strafverfahren verzichtet wurde. Er musste die Leitung ›seines‹ Ordens abgeben und auf jeden weiteren öffentlichen Auftritt verzichten. Diese Entscheidung wurde von Papst Benedikt XVI. am 26. Mai 2005 (fünf Wochen nach seiner Wahl zum Papst) approbiert.-


(So gelangt eine andere Dokumentation (→ ›Hinter dem Altar: Kindesmissbrauch in der katholischen Kirche‹, ARTE) ebenfalls im Jahr 2018 zu einer abweichenden Einschätzung: Benedikt XVI wird darin sogar als »der eigentliche Reformer in dieser Sache« bezeichnet, denn er habe als erster Papst überhaupt das wahre Ausmaß des Missbrauchsskandals im katholischen Klerus realisiert und erste konsequente Schritte eingeleitet:

  • Noch als Kardinal machte er die Glaubenskongregation zur zentralen Gerichtsinstanz für innerkirchliche Pädophilie-Fälle.

Als erster Papst

  • verabschiedete Ratzinger eine offizielle Null-Toleranz-Politik gegen klerikale Missbrauchstäter,
  • habe er überführte Täter vom Priesteramt ausgeschlossen,
  • sowie scharfe Richtlinien der nationalen Bischofskonferenzen gegen Kindesmissbrauch gefordert.

Mein rückblickender Eindruck: Ratzinger war mit den Schwierigkeiten eines weltweiten Apparates konfrontiert, der ganz und gar nicht nicht mit seinem persönlichen Sinnes- und Erkenntniswandel in dieser weltweit zu lösenden Problematik Schritt hielt – warum auch immer. Damit wird nicht auf die Frage eingegangen, ob Benedikt denn wirklich ›genug‹ unternommen habe, doch immerhin wird deutlich der Bogen über alle bislang mit den Missbrauchsskandalen konfrontierten Päpste – JP II, Benedikt und nun Franziskus – gespannt …diese Sichtweise erscheint mir eher fair, denn sie rückt auch, aber nicht primär Benedikt in diesen Fokus.-)


Als Papst habe Benedikt erkennen müssen: seine größten Feinde befanden sich in Wahrheit nicht außerhalb, sondern innerhalb der Kirche, sogar im Kreis seiner engsten Vertrauten. Eindrücklich klingt an, wie Benedikt sich wohl damit gefühlt haben mag:

»Was hat Ratzinger in diesen Jahren (ab 2010) wohl durchgemacht?
Ihm wurde schrittweise klar, dass die gesamte Institution,
der er sein Leben gewidmet hatte,
völlig von Korruption durchsetzt
und dysfunktional war.«

Die Frage, inwieweit sich die Person Ratzinger als »eine tragische Figur im Sinne von Sophokles oder im Sinne von Shakespeare«1 auffassen lässt, lässt sich nur schwer beantworten: Diese Zuordnung würde ja implizieren, dass er unverschuldet, also ohne bewusstes, sehen Zutun in eine mit Schuld und tiefer Scham behaftete Lage geraten sei.

Um hierzu auch eine Einschätzung abgeben zu können, sind auch die Geschehnisse während Ratzingers Zeit als Erzbischof von München und Freising von Bedeutung. Falls es zuträfe, dass er um 1980 persönlich-wissentlich in die absichtliche Versetzung eines priesterlichen Missbraustäters2 zum Zwecke der Weiterbeschäftigung und damit der Vertuschung des Sachverhaltes involviert war, dürfte die moralische Schuldfrage vermutlich beantwortet sein.


Die Kernfrage über die Person Ratzinger hinaus, also die RKK insgesamt betreffend, scheint mir zu sein:

»Wie kann sich eine autoritäre Institution in eine Institution verwandeln,
welche den Menschen auf Augenhöhe begegnet
und lernt zuzuhören, anstatt nur zu befehlen?«

Nur, ist ein so tiefgreifender Wandel denn (seitens der Kirchenhierarchie, insbesondere im Vatikan) überhaupt gewollt? Damit wäre halt nicht allein eine Veränderung der Umgangsformen verbunden, Augenhöhe impliziert nach meinem Verständnis auch ein weit reichendes Mitspracherecht (vielleicht weniger bei den Glaubensinhalten als in der Ausrichtung und Organisation)?

Mein (möglicherweise veralteter) Eindruck: Nichts fürchten die Erzbischöfe und Kardinäle mehr, als dass ›ihnen Laien ins Handwerk pfuschen‹. Hierbei ist auch zu beachten, wie sehr sich die Weltkirche vom ›Mikrokosmos deutschsprachiger Raum‹ mit all seiner Aufmüpfigkeit unterscheidet. Was hierzulande in Kirchenbelangen gedacht und gefordert wird, besitzt für die weltumspannende Organisation mit mehr als einer 1,17 Milliarden Mitgliedern (Stand 2009) eher überschaubare Relevanz.

Sehenswert ist die die Dokumentation ›Verteidiger des Glaubens‹ in jedem Falle, meine ich. Röhl gelangt zu der Einschätzung, dass »jene Krisen, die während Benedikts Pontifikats zum Vorschein kamen, systemischen Ursprungs sind und bis heute fortbestehen«.
Dabei wird nicht allein der Vatikan selbst betrachtet, sondern auch Vorgänge in Landeskirchen in den USA, in Irland, den Ländern Lateinamerikas sowie die Rolle von Laienorganisationen wie Legionäre Christi oder Het Werk.

Quellenangabe

  1. »Es kann nicht sein, dass er sich aus der Verantwortung zieht«,
    Christoph Röhl im Gespräch mit Christiane Florin, DLF

Siehe auch

 

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›Werde ruhig‹ – was in dieser Zeit wohltut

Da sind die Vorlieben sicher unterschiedlich. Für mich erwächst Wohltuendes momentan eher aus der Suche nach und dem Finden von Gemeinsamkeiten, die ›trotzdem‹ weiter bestehen.

Aggressives Aufbegehren, wie es in den News-Medien tagtäglich erscheint, mag aus persönlicher Lage und Sichtweise verständlich sein (gerade da, wo durch die Infektionsschutz-Regeln berufliche Existenzen gefährdet sind) oder der Ablenkung dienlich sein – mich selbst bringt es hingegen absolut nicht weiter. Eher schon die Haltung ›irgendwie da durch kommen, ohne es mir selbst und den Mitmenschen unnötig schwer zu machen‹.

Positiv aufgefallen ist mir etwa die musikalische Anregung von Pfarrer Heiko Bräuning:

Werde ruhig

Künstlerische Reflektionen über das Virus und die Krise

… und all die Auswirkungen gibt es inzwischen recht viele:

  • Dieter Hallervorden befasste sich in seinem Corona-Song mit den ökonomischen und politischen Implikationen: das Virus habe doch sicher nicht gewollt, dass ausgerechnet Söder ›sich durch mich das Kanzleramt holt‹
  • Carloline Kebekus besang im Song Zusammen Alleine, wie sie sich in der vielen freien Zeit den Würgereiz abtrainiert habe (»Ja was denn, zum Schwertschlucken – was denn sonst?«) und dass wir die Keime schon irgendwie killen würden …na dann…
  • Sarah Connor macht nun nicht unbedingt die Musik, welche ich regelmäßig höre. Indes trifft ihr neuer Song ›Bye Bye‹ gerade den rechten Nerv: Wer von uns hat gerade in den letzten Wochen nicht mehrmals gedacht »aus meiner Sicht reicht es langsam« – zumal man vielleicht nach den ruhigeren Sommermonaten heimlich eben doch gehofft hatte, es würde zumindest nicht noch viel schlimmer werden als im Frühjahr?

Könn’n wir vorspul’n
Und so tun, als wär alles wieder gut?
Und dann feiern wir ’ne fette Party
Laden alle unsre Freunde ein
Steh’n extra ganz dicht beieinander
Und stoßen an aufs Zusammensein
Alt und jung und groß und klein
Keiner mehr zuhaus‘ allein
Weißt du, wovon ich grad am liebsten träum‘?
Dass du mich weckst und sagst; »Es ist vorbei!«

Tja, diesem Wunschtraum schließe ich mich zu gerne und aus tiefstem Herzen an.


Dass dem Virus SARS-CoV-2 eine Art absichtsvoll-planende Vorgehens zugedacht wird (z.B. ›es‹ habe der Menschheit zu mehr Bewusstheit und Zusammenhalt verhelfen wollen), kommt auch in ernsteren Kommentaren vor:

»Das Virus spricht« via Instagram, Ness1_23

Da sind viele bedenkenswerte Gedanken und Überlegungen enthalten …in meinem Umfeld wurde dieses Video mit Begeisterung aufgenommen und geteilt. Mich selbst beschlich beim Anschauen ein wachsendes Unbehagen, wohl aus zwei Gründen:

  • Das winzige Virus selbst hat kein Bewusstsein, weder denkt es noch kennt es planendes Handeln – es scheint nicht einmal sämtliche Merkmale von Leben zu erfüllen. Also bräuchte es zum zielorientierten Vorgehen einen großen, übermenschlichen Konstrukteur – von dort ist es m.E. nur noch ein kleiner Schritt, die Pandemie mit all ihrem Leid als Strafe (oder ›Denkanstoß‹) von Gott zu betrachten.
  • Die Menschheit ›braucht‹ eine globale Katastrophe mit Millionen Todesopfern, um sich neu auf ihre Tugenden zu besinnen? …da flackert dann schon mal mal meine interne Zynismus-Warnlampe auf.

Auch anderes kommt recht belehrend daher …zuweilen gar mit einem unterschwelligen Beigeschmack von ›das habt ihr nun davon‹ – wer ist denn ›Ihr‹ und warum dieses Denken in einer Kategorie von kollektiven Bestrafungen?

Dergleichen kann ich grad überhaupt nicht brauchen – wohingegen der Hinweis ›Werde ruhig‹ (s.o.) mich im Grunde zu jedem Zeitpunkt erreicht…

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Nix is‘ für immer… also tanz‘, als wär’s der letzte Tanz(?)

Kurze Gedanken zum Song Der Letzte Tanz (Bosse)

Tanzen – echt jetzt? Naja, gerade jetzt haben viele von uns ganz andere Dinge im Kopf als Ausgelassensein. Dabei bin ich persönlich bislang vor schweren Härten infolge der Covid19-Pandemie verschont geblieben, toi toi. Nichtsdestoweniger geht mir die bedrückende Lage mit all ihren Ungewissheiten (›Was kommt noch auf uns zu?‹) unter die Haut.

Am einschneidensten erlebe ich den Verlust von Sicherheiten, deren Vorhandensein ich wohl für selbstverständlich erachtet habe:

  • Freizügigkeit: jederzeit im Grunde alles machen können und dürfen, über meinen Aufenthaltsort gänzlich frei zu entscheiden und gar nicht mal so seltene Spaziergänge in den ruhigen Abendstunden zu unternehmen. In einigen Bundesländern bestehen diesbezüglich nunmehr erhebliche Einschränkungen.
  • Reisen: zwar dürfte ich wohl vor oder an Weihnachten ich zu meiner Familie in ein südlicheres Bundesland reisen, doch wir sind uns alle einig: das Risiko ist uns zu hoch. Die bloße Vorstellung, das Virus auf der Reise einzufangen und dann unbemerkt bei meinen Eltern einzuschleppen, würde mir jede Freude an der Begegnung nehmen.
  • Sofortige Verfügbarkeit sämtlicher Waren des täglichen Bedarfs, insbesondere auch dringend benötigte Medikamente (bis jetzt habe ich alles noch rechtzeitig bekommen, wenn auch z.T. nach 30-60-minütigem Schlangestehen vor der Apotheke.
  • Vor allem aber: Gesundheit.
    Klar tritt wenige Jahre vorm 60. Geburtstag das ein oder andere Zipperlein auf; und diese werden mit der Zeit auch tendenziell ernstzunehmender. Doch düstere Überlegungen wie »wer sich heute ansteckt, könnte an Silvester schon tot sein« (anscheinend ein beliebtes Twitter-Thema) habe ich niemals angestellt bzw. kaum je auf mich persönlich bezogen.
  • Über all dem schwebt das mulmige Gefühl, in einer völlig unbekannten Situation zu leben. (Pandemien gab’s zwar auch schon früher, doch ich kenne niemanden, der so etwas schon mal erlebt hat.

All dies ist kein Anlass zum Jammern, ich möchte auf etwas anderes hinaus: auch wenn mir ›theoretisch bewusst‹ war, nichts im Leben ist auf Dauer zugesichert und irgendwann bin ich ohnehin Geschichte.

Der Lerneffekt?

Hmm, da kommen mehrere in Betracht:

  • Nicht länger alles Erfreuliche und Notwendige einfach so als gesichert nehmen, eher mal dankbar sein für die Dinge, die ungeachtet der momentanen Schwierigkeiten gelingen bzw. relativ problemlos einkaufen lassen.

Und man weiß immer erst beim Abschied, was es ei’m bedeutet
…und wie schön es eigentlich war.
Und nix ist immer, für immer.

  • Kleine und größere Pläne für die Zukunft machen
    Jede Niedergeschlagenheit und Verzagtheit ist gerade in dieser außergewöhnlichen Vorweihnachtszeit zu verstehen. Als kleine Hilfe aus so einem Loch bietet es sich an, schon mal über die Zeit nach Corona nachzudenken.
    Ja ja, etliche hauptberuflichen KaffeesatzleserInnen unken laufend: »Nichts wird wieder sein wie vorher«. Andere Autoren hinterfragen diese Aussage immerhin kritisch. Und ja, einige Gewohnheiten dürften sich sicherlich verändern: ob ich nochmals fremden Personen sorglos und ohne jedes Zögern die Hand schütteln werde? Keine Ahnung, das wird sich einspielen, wenn diese Zeit dann mal erreicht ist.
    Was spricht dagegen, sich schon heute gedanklich mit dieser hoffentlich bald beginnenden neuen Epoche zu befassen? Der große Planer bin ich auch nicht; dennoch wächst meine Liste ›Was ich in der Zeit nach Corona auf-/nachholen und an Neuem erleben möchte‹ zusehends
    ..
  • Sobald/falls diese Ausnahmesituation dann einmal überstanden und so etwas wie Normalität wiederhergestellt sein sollte: Gedanken wie ›irgendwann möchte ich noch mal so richtig leben/lieben/reisen/feiern‹ hat wohl jede/r von uns – gerade in diesen Tagen.
    Bloß sollten diese nicht zu lange aufgeschoben werden – denn einerseits wird nichts davon mit zunehmendem Alter leichter…und zudem weiß nun wirklich niemand von uns, wie viel persönliche Zeit denn noch bleibt.

Nix ist für immer, nix ist für immer;
einfach alles ist nur einmal
Also tanz, als wär’s der letzte
der letzte, der letzte Tanz.
Also küss, als wär’s der letzte Kuss…

Allzu ernst soll dieser kurze Beitrag nicht werden – zumal wir ›das alles schon längst wissen‹. Dennoch hat dieser nicht übermäßig komplex gestrickte Song etwas in mir zum Klingen gebracht:

Warum merkt man immer erst beim Abschied
Was es uns bedeutet?
Warum merkt man immer erst beim Winken
Wie schön es war?

Siehe auch

  1. Wird nichts so sein, wie es vorher war?,
    Jürgen Knaube in der FAZ
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Brauchtum: Tiersegnung und Dackelwallfahrt

Kreuzweg mit Dackel? Die eigene Religiosität mit dem Pferd teilen? Nun ja, die Zugänge sind halt verschieden.
Bedenkt man, welche Bedeutung Haustiere für viele Menschen erlangt haben – u.U. auch als Ersatz, etwa nach dem Tod des Lebenspartners – dann ist der Wunsch vielleicht gar nicht mehr so verwunderlich, das eigene Tierchen dem Himmel etwas näher zu bringen.

»Ich weiß natürlich nicht, wie er das sieht«

Ach, ob Bella, Puschel und die Lieblingsechse (sowie nicht wenige Stofftiere) überhaupt etwas von der Segnung mitbekommen, ist eher unerheblich.
Andererseits, wo die segnenden Worte des Landpfarrers von permanentem Gebell und Gejaule überlagert werden, nimmt der ganze Vorgang schon einen erstaunlichen, evtl. auch gewöhnungsbedürftigen Charakter an.

Jedenfalls hatte ich noch nie von solchen Veranstaltungen gehört, die vornehmlich im katholischen Umfeld stattfinden. Interessant ist auf jeden Fall, dass auch in dieser ach so modernen, nüchtern-ernüchternden Zeit ein reges Interesse an ihnen fortbesteht. Sympathischer als Waffensegnungen (welche hierzulande ohnehin nicht mehr vorgesehen sind) ist mir solches Brauchtum allemal.

Bloß eine Trendwelle?

Im ›Benediktionale‹ der Katholischen Kirche, einem Buch mit Segensformularen für verschiedene Anlässe, sei auch »eine Segnung von Tieren vorgesehen. Eine Tiersegnung soll in Form eines Wortgottesdienstes erfolgen. Unter anderem sind dabei Gebete, Lesungen, Lieder, Fürbitten und eine Ansprache vorgesehen. Tiersegnungen können bei besonderen Anlässen stattfinden, etwa an den Gedenktagen von Heiligen, die Schutzpatrone bestimmter Tiere sind«. (Vgl. → Stellungnahme der Bischöflichen Pressestelle im Bistum Mainz)

In der Dokumentation wird deutlich, dass Veranstaltungen auf seit langem bestehende Traditionen zurückgehen; lediglich die konkreten Gestaltungsformen mögen sich gewandelt haben.
In diesem Kontext liegt es auch nahe, die Vergegenständlichung von Tieren – d.h. ihre Reduzierung auf eine Sache, ein bloßes Objekt der Schlachtung oder Opferung – verstärkt zu hinterfragen.

Siehe auch

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Möglicher bundesweiter Lockdown, aber Fußball im Stadion gucken geht klar?

Ja, Rummeckern kann jeder und in so einer chaotischen Zeit sollte man eher den Ball flach halten. Aber genau darum geht es – gerade in einer Phase, wo die emotionalen Belastungen tendenziell noch zunehmen.

Schlagzeilen mit Corona-Bezug, in denen nicht das Panik-Vokabular – ›Schrecken/Angst/Furcht‹, ›dramatische Zuspitzung‹ oder ›drohender Kontrollverlust‹ – zum Einsatz kommt, sind seltener geworden. Leider scheint ein regelrechter Wettbewerb im überspitzten Formulieren stattzufinden. Hingegen sind ernste, eindringliche Worte (wie sie zuletzt von der Kanzlerin ans Volk gerichtet wurden) ausdrücklich zu begrüßen.
Auch Medienverantwortliche sollten sich vielleicht mit der Frage auseinandersetzen, weshalb sogar die Appelle von Frau Merkel zu manchen Landsleuten kaum durchdringen: der momentane Anstieg der Infektions- und Erkrankungszahlen zum Teil hausgemacht und hätte sich durch ein Mehr an eigenverantwortlichem Verhalten abmildern lassen. Flatten the Curve war schon im Frühjahr das maßgebliche Stichwort.

Doch viele Mitbürger haben schlichtweg ›kein Bock mehr auf Corona‹ und bagatellisieren (oder ignorieren) die Gefahren von Zusammenkünften in Gruppen. Trotzreaktion statt Vernunft?

Die Ursachen dafür sind vielschichtig – ein Aspekt: seit März wurden und werden wir alle mit Hiobsbotschaften in Nachrichten und Medienbeiträgen bombardiert, die weitaus mehr bewirken als den jeweiligen Ernst der Lage zu vermitteln. Hauptsache, die Message löst Emotionen aus, denn nur so lassen sich Klicks generieren. Der allmählich einsetzende Abstumpfungseffekt war vielleicht nicht zu vermeiden – doch dem lässt sich nicht dadurch abhelfen, dass immer härter auf die Tasten der medialen Klaviatur gehämmert wird.
Klar, auch für die Redaktionen ist diese Dauerkrise nicht leicht zu handhaben. Bloß was nützt am Ende ein kurzfristiger Vermarktungserfolg, wenn die entscheidenden Botschaften kaum gehört oder nicht länger beachtet werden?

Mir muss auch niemand erläutern, wovor ich mich fürchten solle – das schaffe ich schon alleine. Und wenn tagtäglich ein mediales Corona-Drama erzeugt wird, hören und schauen immer weniger Menschen richtig hin und übersehen ggf. das wirklich Wichtige.-

Auch von der Politik würde ich mir Achtsamkeit bei der Wortwahl wünschen. Sicher, eine Mitteilung wie diese lässt sich kaum in Watte packen: Wenn es in den kommenden zwei bis drei Wochen nicht gelinge, die persönlichen Kontakte zu beschränken, könne der nochmalige Lockdon unausweichlich werden1. Gemeint ist wohl eine bundesweite Ausgangs- und Kontaktbeschränkung, denn einzelne Landkreise haben sich bereits dazu durchgerungen.
Wünschenswert ist hier aus meiner Sicht eine Konkretisierung von Konditionen und Zielsetzung: unter welchen Voraussetzungen (Kennzahlen, Prognosen etc.) kommt ein bundesweiter Lockdown in Betracht? Was spricht genau gegen eine regionale, differenzierte Handhabung – Beschränkungen dort, wo (und nur solange wie) das Infektionsgeschehen sich nicht anders beherrschen lässt?

  • Und weshalb können einerseits freizeitmäßige Großveranstaltungen mit deutlich mehr als 1000 Personen stattfinden, während Bundespolitiker nahezu zeitgleich solche Worst-Case-Szenarien thematisieren?
    (Noch am 24.10.2020 schauten sich im ›Corona-Hotspot Berlin‹ 4500 Zuschauer das Fußballspiel Union gegen den SC Freiburg im Stadion an. Das Hygienekonzept im Stadion selbst mag vortrefflich sein, doch »Gedränge an der S-Bahn-Station, dicht bevölkerte Wege zum Stadion, voll besetzte Züge und Zusammenkünfte größerer Gruppen ohne Masken an Bierständen« werden eben nicht unterbunden – wie auch, außer alle Teilnehmer würden mitdenken?).
    War da was mit ›Transparenz und Plausibilität‹ von Beschränkungen? Die Wertigkeit auch in der behördlichen Abwägung ist kaum mehr zu vermitteln, denkt man z.B. an die Konsequenzen eines möglichen Lockdowns für Familien mit Kindern.

SPON erklärte vor einigen Tagen: »Noch unterstützt eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung Einschränkungen des Lebens, um die Pandemie zu bekämpfen. Doch die Politik setzt mit ihrem intransparenten und uneinheitlichen Vorgehen diese Unterstützung aufs Spiel.« (Bezug & Quelle: »Kaltgestellter Bundestag in Coronakrise – Warum Abgeordnete jetzt aufbegehren«)

Die Nachvollziehbarkeit von Regelungen ist notwendig, klar. Die Bedeutsamkeit zeigt sich derzeit in Rom und weiteren italienischen Städten, wo Proteste gegen verschärfte Corona-Regeln in gewaltsame Ausschreitungen umgeschlagen sind. Ebenso wesentlich ist meiner Ansicht nach eine Behutsamkeit bei der Vermittlung von Informationen über die Pandemie und ihre Folgen.
Nicht Schönfärberei und Zweckoptimismus sind gefragt, wohl aber ein maximales Maß an Sachlichkeit.

Siehe auch

  1. »Für Lauterbach steuert Deutschland auf Lockdown zu«, Tagesspiegel v. 25.10.2020 
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