Der Tanz zweier Außenseiter

Zwei Außenseiter – beide riesengroß und in vielerlei Hinsicht ‚anders‘ – tanzen zum Kanon in D von Johann Pachelbel.
In diesem unvergleichlich schönen Stück (wann hat Musik mich zuletzt zu Tränen gerührt?…das muss Jahrzehnte her sein) finden sie einander…nur sie beide – losgelöst, getrennt von der Welt, ja, aber das ist ganz und gar ohne Bedeutung – denn sie haben einander, wenigstens für diesen einen Tanz.

„Die Musik begann leise, das Vibrieren von langsam gezupften Baßsaiten floß aus den Lautsprechern; dann kamen die Trompeten, glatt und glänzend über den schimmernden Tönen eines Cembalo stiegen sie in derselben melodischen Reihe von Tönen herab und übernahmen dann die Führung, so daß die Streicher folgen mussten.

Sofort führte Ash seine Partnerin mit großen, anmutigen Schritten in einen sanften Kreis.

Es war der Kanon von Pachelbel, Michael erkannte es sofort, gespielt, wie er ihn noch nie gespielt gehört hatte, in einer meisterlichen Wiedergabe, mit dem vollen Bläsersatz, wie ihn der Komponist vielleicht gedacht hatte.

Hatte es je klagendere Töne in der Musik gegeben, irgend etwas, das sich der Romantik so vorbehaltlos hingab? Die Musik schwoll an, ließ die Beschränkungen des Barock hinter sich; Trompeten, Streicher und Cembalo sangen ihre einander überlagernden Melodien mit einer herzzerreißenden Fülle, so dass die Musik zeitlos klang, ganz und gar aus dem Herzen kommend.
Sie trieb das Paar vor sich her; die beiden hatten die Köpfe leicht geneigt, und ihre großen Schritte waren anmutig und langsam und in perfektem Gleichtakt mit den Instrumenten.

Ash lächelte jetzt ebenso wie Tessa. Und als das Tempo schneller wurde, als die Trompeten ihre Noten gefühlvoll und mit vollkommener Beherrschung zu trillern begannen, als die einzelnen Stimmen sich prachtvoll zum Augenblick des größten Jubels vereinten, tanzten sie schneller und immer schneller. Ash schwenkte Tessa beinahe spielerisch umher, in immer kühneren Kreisen. Ihr Rock wehte frei um sie herum, ihre kleinen Füße drehten sich mit vollkommener Anmut, Absätze klapperten leise auf dem Holzboden, und ihr Lächeln war strahlender denn je.

Und noch ein anderer Klang schmolz in diesen Tanz hinein denn wenn der Kanon so gespielt wurde, war er ohne Zweifel ein Tanz -, und allmählich erkannte Michael, dass es Ash war, der sang. Keine Worte, nur ein süßes Summen mit offenem Mund, in das Tessa rasch einfiel, und ihre makellosen Stimmen erhoben sich über die dunkel glänzenden Trompeten, reisten mühelos durch die Crescendi, und als sie sich jetzt mit kerzengeradem Rücken immer schneller drehte, war es fast, als lachten sie in ihrer scheinbar reinen Glückseligkeit.

Ihre Augen hatten sich mit Tränen gefüllt, während sie die beiden beobachtete, den großen, königlichen Mann und die geschmeidige, anmutige Feenkönigin, und ebenso die Augen des alten Herrn.

Ashs Blick war jetzt verspielt und anbetungsvoll, als er den Kopf wiegte, immer hemmungsloser umherschwang und sich schneller und schneller bewegte. Sie tanzten immer weiter, kreisten zusammen am Rande des Lichtscheins, in den Schatten und wieder ins Helle, und sie sangen einander ihre Serenade. Tessas Gesicht war begeistert wie das eines kleinen Mädchens, dem sein größter Wunsch erfüllt worden ist.

…der Tanz ging immer weiter, bis der Rhythmus sich verlangsamte, bis die Instrumente leiser spielten und ankündigten, dass sie sich bald verabschieden würden. Die einander überlagernden Stränge des Kanons verschmolzen letztmals zu einer volltönenden Stimme, ließen dann nach, zogen sich zurück, die Trompete spielte eine letzte wehmütige Note, und dann war Stille.
Das Paar blieb in der Mitte des Raumes stehen, und das Licht flutete über ihre Gesichter und ihr schimmerndes Haar.
…Solche Musik konnte weh tun. Sie konnte einen an seine Enttäuschungen erinnern, an seine Leere. Sie konnte sagen: So kann das Leben sein. Vergiss das nicht.

Stille.“

Der Text ist dem Roman ‚Die Mayfair-Hexen‘ von Anne Rice entnommen, eigentlich ein Genre, von dem ich solche Tiefe (für mich jedenfalls) nicht erwartet hätte. Der Tanz, ein Walzer(?), intensiviert das Erlebnis, klar, doch mit geschlossenen Augen, in der noch zarten Frühlingssonne ist das Stück gleichfalls ein Genuss.

Unter den zahllosen Variationen findet sich auch manch moderne Interpretation (→ „Canon Rock„), doch da kommt für mein Empfinden die Harmonie kaum zum Tragen. Eine E-Gitarre ist für so vieles gut, nur hier passt sie sich nicht recht ein.

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Gottes hidden agenda?

Armin Risi: Der verbotene Baum im Garten Eden

Manche Themen lassen einen wohl nie los, wie in meinem Fall das Leben von Adam und Eva – irgendwas an dieser Story provoziert mich und lässt mich wieder und wieder Entgegnungen im Geiste formulieren. Nennenswerte Fortschritt bleiben aus …wer nicht einmal die ‚richtigen‘ (= weiterführenden) Fragen stellt, kommt schwerlich auf befriedigende Antworten.

„Gäb’s keine Eva, wäre der Mann noch im Paradies.“
Nein, das ist noch nicht die erlösende Antwort …hmm, obwohl? …nee 😉


„Was ist denn an der Story so schwer zu verstehen?“
Nee, nicht der Inhalt an sich …das dahinter stehende Konzept – Gottes hidden agenda, wenn man so will – wurmt mich: Im jüdisch christlichen Kontext wird JHWH letztlich als erbarmungsloser Diktator inszeniert: Wer nicht entsprechend seiner apodiktischen Anordnung glaubt, hat bereits mit der Geburt (→ Erbsünde) verloren und wird nach seinem Tod für immer in der Hölle braten. Zugegeben, das ist nun sehr verkürzt …doch seit Martin Luther wissen auch, das die Entstehung des rechten Glaubens ein Geschenk sei, das man sich allein durch Eifer und Gehorsam erarbeiten könne. In diesem Punkt unterscheiden sich die Auslegungen und Handreichungen der christlichen Denominationen durchaus, im Kern steht jedoch die Aussage: Ohne Glaube keine Erlösung.

Jedesmal beiße ich mich an diesem Entweder-Oder fest: Ein ‚Friss oder verrotte in der Verdammnis‘ erscheint mir ausgesprochen unfair – meine Intuition sagt mir, so etwas kommt nicht von Gott. Sondern von Menschen, die kaum weniger fehlbar sind als ich selbst.
Auf der Suche nach einer rational wie intuitiv nachvollziehbaren Auflösung dieses Dilemmas stieß ich auf den u.a. Vortrag des schweizerischen Buchautors Armin Risi3. Risi geht in seiner Betrachtung weit über den jüdisch-christlichen Kontext hinaus und nimmt

Berthold Furtmeyr, „Baum des Todes und des Lebens“, Salzburger Missale (15. Jh.)

eine eigenständige Einordnung der Erzählung von Adam und Eva vor. Er verweist zunächst auf den zweiten Baum im Garten Eden – den Genesis 3 als Baum des Lebens bezeichnet; Früchte von diesem Baum hätte das erste Menschenpaar durchaus verzehren dürfen, verboten war ihnen allein der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse. Erst im Anschluss an die erste Übertretung wollte Gott verhindern, dass „der Mensch“ auch noch von diesem Lebensbaum koste und dadurch so werde „wie wir“.
Über die gematrische (die Zahlensymbolik beteffende) Herleitung von YHWH (Jahwe) erläutert Risi, nach hebräischem Verständnis stehe Gott für Einheit (ehad) und Liebe (ahava) – von ihm gedeutet als Nondualität und Individualität.
In diesem Kontext sei zu differenzieren zwischen Polarität und Dualität:

  • Polarität = Zweiheit der gleichwertigen, sich gegenseitig ergänzenden Gegenteile.
    (das ‚Sowohl als auch‘-Prinzip, lässt auf Gleichgewicht/Harmonie schließen),
  • Dualität = Zweiheit der nicht gleichwertigen, sich gegenseitig ausschließenden Gegensätze
    (das ‚Entweder-Oder-Prinzip‘, das auf Spaltung, Einseitigkeiten, Zuviel/Zuwenig schließen lässt, zB ‚Licht und Dunkelheit‘ im symbolischen Sinne, )

Sobald der Fehler begangen wird, Dualität gleichzusetzen mit Polarität, kommt es zu problematischen Relativierungen – etwa wenn Gut und Böse als ausschließlich subjektive und damit ’neutrale‘, ausstauschbare Wertmaßstäbe betrachtet werden. Mit einer dergestalt monistischen Philosophie gelange man zu Aussagen wie

  • ‚der Frieden bedingt den Krieg‘,
  • ‚das Gute erzwingt das Böse‘, oder
  • ‚das Böse ist der Dünger des Guten‘ (kennt man von Mephisto im Faust I: „Ich bin ein Teil von jener Kraft…“)

Der Monismus ist eine philosophische oder metaphysische Position, wonach sich alle Vorgänge und Phänomene der Welt auf ein einziges Grundprinzip zurückführen lassen. Er nimmt damit die Gegenposition zum Dualismus und Pluralismus ein, die die von mindestens zwei Grundprinzipien ausgehen. In der Religion stehen monistische Lehren oft dem Pantheismus oder dem Panentheismus nahe, die eine Gegenwart (Immanenz) des Göttlichen in allen Erscheinungen der Welt sehen.

Einer der größten Fehler, die Menschen machen, wenn sie über Gott nachdenken, ist, sich Gott als unpersönliches Wesen vorzustellen„.
Zwar sei Gott einerseits hinter den Naturgesetzen und -mechanismen im gesamten Universum ‚verborgen‘. Doch andererseits sei Gott auch persönlich, ja „menschlich“. Fraglos ein Paradoxon, mit dem viele Christen im Hinblick auf die Position Christi kaum ein Verständnisproblem haben dürften. Für mich leuchtet immerhin ein, dass jede Entweder-Oder-Vorstellung von Gott eine unzutreffende Reduzierung seiner Gesamtheit impliziert.

(An dieser Stelle begann ich immerhin zu erahnen, was dieser Exkurs überhaupt mit dem Baum im Garten Eden zu tun haben könnte…diese Frage hatte mich durchaus gestreift…;)

Risi leitet nun zu seinem theistischen Verständnis des Karma-Prinzips über: Erkenntnis bedeute im hebräischen Kontext auch Empfängnis (‚Adam erkannte Eva’…, Gen. 4.1) und Verschmelzung – sodass der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse auch als Konzept aufgefasst werden könne: die Verschmelzung oder Vermischung von Gut und Böse:

„In Jewish tradition, the Tree of Knowledge and the eating of its fruit represents the beginning of the mixture of good and evil together. Before that time, the two were separate, and evil had only a nebulous existence in potential.
While free choice did exist before eating the fruit, evil existed as an entity separate from the human psyche, and it was not in human nature to desire it. Eating and internalizing the forbidden fruit changed this and thus was born the yeitzer hara, the Evil Inclination…“ (engl. Wikipedia, „Tree of the knowledge of good and evil„)

Sinngemäß übersetzt: „In der jüdischen Tradition repräsentieren der Baum der Erkenntnis und der Verzehr seiner Früchte den Beginn einer Vermischung von Gut und Böse/Übel. Vor dieser Zeit waren beide getrennt, das Böse hatte lediglich eine nebulöse Existenz im Sinne eines Potenzials.
Der freie Wille existierte als Wahlmöglichkeit bereits vor dem Verzehr der Frucht als etwas von der menschlichen Psyche Getrenntes – es lag somit nicht in der menschlichen Natur, vom Bösen angezogen zu werden. Mit dem Verzehr und der ‚Verinnerlichung‘ der verbotenen Frucht (doppeldeutig: auch ‚Aufnahme‘ des Fruchtfleisches) entstand das Yetzer hara.“
Dieser hebräische Terminus wird im Englischen übersetzt mit „the indefinite ‚an evil inclination’… refers to the congenital inclination to do evil, by violating the will of God, also einer dem Menschen innewohnende Neigung zum Bösen, eine „üble Variante der Antriebe, die der Mensch zum physischen Überleben grundsätzlich braucht“.

Eine Folge dieser Vermischung zeige sich in der Tendenz bei Menschen, wenn sie der Illusion erlägen, mehr zu sein als Gott. Sofern der ‚Hang zum Bösen‘ jedoch nicht als Automatismus zu verstehen ist, hätte der Mensch immerhin die Chance, von seinem freien Willen Gebrauch zu machen und sich diesem Drang zu widersetzen, anstatt den immerwährenden Versuchungen  nachzugeben?

„Sobald der Mensch vom Baum der Erkenntnis nimmt, ist der Weg zum Baum des Lebens verschlossen.“

Wofür steht dieser zweite Baum? Ein Lebensbaum als Symbol für immerwährenden Friede und Harmonie? Die Bedeutungszusammenhänge und Interpretation in der jüdischen Tradition (→ Sephiroth, → Kabbala) sind zu komplex, als dass sie sich mit ein paar Schlagworten und einem knappen Zahlenspiel abhandeln ließen. Damit verbinde ich keine keine Kritik an Armin Risi; um hier zu einem zufriedenstellen Verständnis zu gelangen, müsste man sich wohl mit Gematrie befassen; zu dieser Interpretation von Worten mit Hilfe von Zahlen (jedem Buchstaben wird eine Zahl zugeordnet) fehlt mir jeder Zugang.

Bis hierhin ist mir immerhin klar geworden, dass Jahwe den ersten Menschen nicht verbot, Gut und Böse zu unterscheiden.


Die Rolle der Schlange

Einigkeit besteht in der Einschätzung, die Schlange sei mehr als Schlange – für wen oder was steht sie? In christlichen Kreisen scheint festzustehen: Schlange = Satan/Teufel/das Böse. Doch was hatte der/das Böse im Paradies zu suchen und woher kam es überhaupt?
Konkret:  „Gott ist Licht, und es ist keinerlei Finsternis in ihm“, befand schon Augustinus – wenn nicht von Gott, woher kommt das Übel dann?

„Gnostisch-esoterische Kreise glauben, dass die Schlange in Wirklichkeit der wahre Freund der Menschen sei – und Jahwe sei ein falscher Gott, der die Menschen unterdrücken wolle und nur deshalb den Menschen verbot, vom ‚Baum der Erkenntnis von Gut und Böse‘ zu essen.“
Ophitisches Denken, also Schlangenanbetung? Nicht, wenn man allein die heutige Zeit betrachtet. Die Ophiten oder Naassener waren freilich eine Richtung innerhalb der frühen Gnosis, welche der Schlange im Paradies eine göttliche Natur zuschrieb. Folglich wird JHWH in diesem dualistischen Denkmodell die Rolle des ‚Bösen‘ bzw. des unvollkommenen Schöpfers der materiellen Welt (→ Demiurg) zugewiesen.

Andere ‚Theorien‘ beschreiben  die „Götter von Eden“ (→ Elohim, auch im A.T. in Pluralform gebraucht) als Außerirdische, die an den Menschen der früheren Zeitalter genetische Manipulationen durchführten.
Risi spricht hier vom Eintritt in einem weiteren, namentlich den sumerischen „Verwirrgarten“; seine eigene Rolle sei die eines konstruktiven Kritikers der Präastronautik.
Diesbezüglich gaaanz neue „schockierende Enthüllungen“ gehen mehr oder weniger alle auf die Veröffentlichungen von Zecharia Sitchin zurück – taugen sie gewissermaßen als Upgrade für Darwinisten? Ärgerlich ist jedenfalls, wenn wieder und wieder „Beweise“ versprochen werden – was den Absatz der Anunnaki-Frankenstein-Bücher („Alien + Schimpanse = Mensch 😉 ) fördert, aber nach wie vor nicht der Wahrheit entspricht. (→ Vgl. „Wie plausibel sind die Thesen von Zecharia Sitchin?„)

Für Armin Risi steht fest: Mit ‚wirklichem Urwissen‘ haben diese auf Yellowpress-Niveau verbreiteten „Ihr seid Sklaven“-Behauptungen nur sehr wenig zu tun. Seine diametrale Aussage „Ihr seid Lichtwesen“ (oder ‚Götter‘) bezieht Risi übrigens auf Joh. 10,34, wo Jesus seinerseits die Tora zitiert:

Ich habe gesagt: Ihr seid Götter, und Söhne des Höchsten ihr alle!

Eingerahmt wird dieser Vers freilich von zwei Mahnungen zur Umkehr, vielleicht an jene, die sich als falsche Götter inszenieren: „Sie wissen nichts und verstehen nichts, in Finsternis gehen sie umher (…)“ [Ps 82,5] und „Doch wie ein Mensch werdet ihr sterben, und wie einer der Fürsten werdet ihr fallen.“ [Ps 82,5-7]

Eine unterschiedslose Gleichsetzung der Menschen mit Gott bzw. ‚den Elohim‘ war von den Autoren des A.T. sicherlich nicht intendiert. Lässt sich hier eher Gottes besonderer Anspruch an den Menschen – den er nach seinem Ebenbild erschuf (1 Mose 1,26) – hier erahnen, bezogen auf den Umgang des Menschen mit der ihm anvertrauten Schöpfung wie auch mit seinesgleichen?
Wie wir mit dieser Verantwortung umgehen, erweise sich in der „kannibalistischen Weltordnung“.

Dieser Begriff einer ‚kannibalistischen Weltordnung‘ beschreibt Auswüchse eines zunehmend unkontrollierten Raubtierkapitalismus; er wurde von dem Schweizer Soziologen Jean Ziegler geprägt, den Trend.at anlässlich der Erscheinung seines Buches „Ändere die Welt!“ interviewte:
„Es geht nicht um Gut und Böse, es ist ein System der strukturellen Gewalt. […]
Wir leben in einer kannibalischen Weltordnung, die sich durch zwei Dinge auszeichnet: eine unglaublichen Monopolisierung von politischer, ökonomischer und ideologischer Macht in den Händen weniger Oligarchen, die niemand kontrolliert, und enorme Ungleichheit unter den Menschen. Vergangenes Jahr haben die 500 größten Konzerne 52 Prozent des Weltbruttosozialprodukts kontrolliert. (…) Weder Nationalstaaten noch internationale Institutionen können sie kontrollieren.“1)

Ziegler betonte, heute bestehe weltweit kein objektiver Mangel an Nahrung mehr. Wo aber die Verteilung der ausreichend verfügbaren Nahrung verweigert werde, „wird ein Kind, das an Hunger stirbt, ermordet. Diese absurde Weltordnung ist von Menschen gemacht, also kann sie von Menschen gestürzt werden“.

Gerade jetzt, in diesen Tagen (März 2017) herrscht in vier afrikanischen Ländern eine schwere Hungerkrise, bis zu 20 Millionen Menschen sind akut vom Tod bedroht. Dass in diesen Ländern Krieg herrscht, mag die fürchterlichen Zustände dort erklären – zeigt aber doch um so deutlicher unser Versagen als Spezies.

Falsch abgebogen?

Die allegorische Erzählung von Adam und Eva im Garten Eden kann auch in der heutigen Zeit noch aufzeigen, dass die Menschheit an einem entscheidenden Punkt ihrer Zivilisationsgeschichte in eine ‚falsche Richtung‘ abbog und von da an zunehmend schädliche Konzepte verfolgte. Kennzeichnend hierfür mag sein, „dass die heutige Gesellschaft in zwei Arten von Einseitigkeiten gefallen ist, einerseits im Namen von Gott (religiöse Machtansprüche), andererseits im Namen von Wissenschaft (atheistische/monistische Weltbilder)“3) – insbesondere da, wo Vertreter beides Seiten sich das das Recht anmaßen, die Menschheit manipulativ oder gar mit Gewalt in ihre Richtung zu zwingen.
Die Differenzierung zwischen der Menschheit als Spezies und uns selbst als einzelnen Individuen fällt nicht immer leicht: Einerseits müssen wir uns als Teil dieser Zivilisation begreifen, der laufende Kriege und schwerste Versäumnisse im humanitären Sektor anzulasten sind – doch auf der anderen Seite verstehen wir uns als Einzelwesen, welche auf die globalen Strukturen und Ereignisse nur sehr minimalen Einfluss haben.

Als Alibi oder Ausrede taugt der Rückzug auf die Position ‚Was kann ich schon tun?‘ eher selten: Zuvor müsste sich das Individuum über eine vorrangige Frage Klarheit verschaffen: Tue ich denn das Wenige, das in meiner Macht liegt, um diese Welt zu einem besseren Ort zu machen?
Jedesmal, wenn ich mir diese Frage stelle, werde ich ziemlich kleinlaut und nachdenklich…

Vortrag von Armin Risi: Der verbotene Baum im Garten Eden

Teil 1 (ca. 60 Min.):

Teil 2 (ca. 48 Min.)

Risi kommt im Laufe seines Vortrages mehrfach auf die Freimaurerei und ihre Philosophie zu sprechen, die er als monistisch beschreibt.

Quellenangaben:

  1. Jean Ziegler: „Die Weltordnung ist kannibalistisch“, Trend.at, 11/2015
  2. Krieg treibt den Hunger„, ZEIT, 13.3.2017
  3. Webseite von Armin Risi: ‚Zur Person
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Reisebericht ins Jenseits? Der ‚Himmelsbeweis‘ von Dr.med. Eben Alexander

Buchtipp: „Blick in die Ewigkeit – Die faszinierende  Nahtoderfahrung“, Dr. med. Eben Alexander – (→ Leseprobe als Pdf)

Wann immer Menschen über ihr ‚Leben nach dem Tod‘ schreiben, landen sie damit weit oben in den Bestsellerlisten. Dieser Bericht eignet sich vor allem für Skeptiker („Um ein echter Skeptiker zu sein, muss man etwas tatsächlich untersuchen und es ernst nehmen.“), denn er wurde von einem erfahrenen Neurochirurgen verfasst, der seiner eigenen NTE (Nahtod-Erfahrung) nicht mal skeptisch war. Sondern überzeugt, solche Erlebnisse seien zwar subjektiv real, aber halt nur ein Produkt des Gehirns.

Erst im Zuge einer überaus seltenen (bakteriellen) E.-coli- Meningitis sei er infolge seiner persönlichen Erlebnisse zu einer völlig gegenteiligen Auffassung gelangt. Sein medizinisch-fachliche Hintergrund gab für mich überhaupt erst den Ausschlag, dieses Buch zu lesen: auf dem riesigen Markt esoterischer Eitelkeiten finden sich heute zahllose Berichte über Nahtoderlebnisse, doch stammen diese oftmals von Personen, die aufgrund ihres weltanschaulich-religiösen Hintergrundes für solche Erfahrungen prädestiniert sowie deren anschließende Vermarktung sein könnten …was auf Dr. E. Alexander halt nicht anwendbar schien.

Je intensiver ich mich freilich mit der Lebensgeschichte Alexanders befasse, um so deutlicher wird die fast zwangsläufig anmutende Verschränkung von Licht- und Schattenseite im Leben eines Menschen. Leider kommen die nachteiligen Aspekte in Proof of Heaven nur unzureichend zum Ausdruck …dabei hätte gerade dieses Typische dem eigentlichen Anliegen zusätzliche Glaubwürdigkeit verleihen können.

Kausalität und Spekulation – Wie kommt eine NTE zustande?

Ich behaupte, dass das menschliche Mysterium unglaublich erniedrigt wird durch den wissenschaftlichen Reduktionismus mit seinem Anspruch, der promissorische Materialismus erkläre letztlich die ganze spirituelle Welt in Form von Mustern der neuronalen Aktivität. Diese Annahme muss als Aberglaube eingestuft werden … wir müssen erkennen, dass wir sowohl spirituelle Wesen mit Seelen sind, die in einer spirituellen Welt existieren, als auch materielle Wesen mit Körpern und Gehirnen, die in einer materiellen Welt leben.“ Sir John C. Eccles4)

„Das Gehirn gehört dem Ich und nicht umgekehrt“. Eccles prägte einen „trialistischen Interaktionismus“: Nicht nur der Geist wirke auf das Gehirn. Das Gehirn und seine darin gespeicherten Erfahrungen beeinflussen auch das Bewusstsein. –

Im Anschluss an dieses Zitat, das so bemerkenswert ist wie sein 1997 verstorbener Urheber, stellt Dr. Alexander eigene Überlegungen vor, wie seine NTE zustande gekommen sein möge:
„…ein verzerrter Rückgriff auf Erinnerungen aus tieferen Teilen meines limbischen Systems, dem Teil des Gehirns, der die emotionale Wahrnehmung anregt? Wieder nein. Ohne einen funktionierenden Neokortex konnte das limbische System keine Visionen von derartiger Klarheit und Logik hervorbringen, wie ich sie gehabt hatte.“
Auch bewusstseinsverändernde Medikamente hatten ohne einen funktionierenden Neokortex keinen Boden, auf dem sie wirken konnten. Selbiges betrifft auch weitere Phänomene, wie REM-IntrusionA) oder DMT-AusschüttungB).

Spannender ist da schon das sog „Neustart-Phänomen“. Dieser Hypothese zufolge wäre eine Ansammlung von weitgehend zusammenhanglosen Erinnerungen und Gedanken ‚übriggeblieben‘, bevor sich der Kortex verabschiedete. Wie ein Computer, der nach einem Absturz bei einem Neustart möglichst viel an Daten rettet, hätte das Gehirn demnach die erlebte Erfahrung (d.h. die NTE), aus diesen verbliebenen Fragmenten zusammengesetzt. (→ Vgl. „Streich des Gehirns oder Seelenbeweis?„, Focus, Jan. 2016)

„Doch das scheint höchst unwahrscheinlich angesichts der Feinheit und der Interaktivität meiner vielschichtigen und in sich stimmigen Erinnerungen.“

Das ist je der entscheidende Punkt: Sofern allein das Gehirn Bewusstsein produziert, wie kommen dann solche Produkte‘ in komplexer Form und Anordnung zustande, obwohl alle höheren Teile des Gehirns deaktiviert sind, was sich ja auch anhand von Messungen belegen lässt?
Hier ließe sich höchstens noch einwenden, die neurophysiologische Forschung sei halt noch nicht so weit, diese Prozesse (gewissermaßen auf einem kaum messbaren ‚Reststrom‘ beruhend) in ihrer Gesamtheit darzustellen …nette Ausflucht. Wer als Wissenschaftler so argumentiert, muss vom logischen Standpunkt aus betrachtet die Möglichkeit eines nicht vom Gehirn abhängenden Bewusstseins und Erinnerns immerhin offenlassen.

“ Weil ich die nicht lineare Natur der Zeit in der spirituellen Welt so intensiv erlebt habe, kann ich jetzt verstehen, warum so viel, was über die spirituelle Dimension geschrieben wird, aus unserer irdischen Sicht verdreht oder einfach nur unsinnig erscheint.“

Für mich absolut glaubhaft. Schon meine ganz ‚normalen Träume‘ (welche vom Inhalt her soo normal gar nicht immer sind) finden in einem von der im Wachszustand wahrnehmbaren zeitlichen Realität abweichenden Kontext statt: Mitunter nicke ich am Abend schon mal kurz vor dem TV ein, meistens wenn gerade Werbung läuft.
Diese Naps dauern oft keine 10 Minuten, doch das Erlebte (Erträumte) darin dauerte gefühlte 2-3 Stunden. Und, anders als nach vielen nächtlichen Träumereien, an diese Sequenzen kann ich mich anschließend gut erinnern…ich schreibe sie dann in mein Tagebuch, weil die Erinnerung andernfalls nach wenigen Tagen verblassen würde.
Andererseits bin ich bislang weit davon entfernt, von meinen eigenen Traumerlebnissen auf eine solche Dimension außerhalb der Raumzeit schlussfolgern zu können – weshalb ich Alexander’s Bericht zwar Glauben schenke, ihn dennoch nur zum Teil in meine Vorstellungswelt integrieren kann.

Was Dr. Alexander en detail durchlebte? Nun, davon möchte ich nicht allzu viel verraten – um nicht nolens volens zu relativieren.
Folgendes sei aber dazu gesagt. So schockierend und bedrohlich die medizinischen Einzelheiten und die Vorstellung vom nahe bevorstehenden Tod eines Familienvaters, der noch mitten im Leben steht, auch auf mich wirken- die Worte von Dr. Eben enthalten viel Tröstliches:

„Letztlich ist niemand von uns ein Waisenkind. Wir sind alle in der Position, in der ich war (…): Wesen, die uns beobachten und über uns wachen; Wesen, die wir zeitweise vergessen haben, die aber, wenn wir für ihre Anwesenheit offen sind, nur darauf warten, uns während unserer Zeit hier auf der Erde zur Seite zu stehen. Keiner von uns ist je ungeliebt. Der Schöpfer, der uns mehr liebt, als wir überhaupt begreifen können, kennt jeden Einzelnen von uns ganz genau und kümmert sich um uns. Dieses Wissen darf nicht länger ein Geheimnis bleiben.“

Als Mediziner sei er sich natürlich über die Schwierigkeiten im Klaren, diese neue Sicht seinen Kollegen sowie Wissenschaftlern im allgemeinen nahe zu bringen.Als er sich mit ‚wissenschaftlichen‘ Erklärungen von Nahtoderlebnissen befasste, sei er schockiert über deren Fadenscheinigkeit gewesen. „Und doch musste ich zähneknirschend zugeben, dass es genau die Erklärungen waren, auf die mein altes „Ich“ vage verwiesen hätte, wenn mich jemand gebeten hätte zu „erklären“, was ein Nahtoderlebnis ist.“

Aber mal ehrlich – „proof of heaven“?

Die Amis lieben solche Wortkreationen, doch für einen renommierten Harvard-Wissenschaftler und ‚Hirnexperten‘, der zuvor ähnliche Erlebnisse häufig von Patienten zu hören bekam und als Phantasie abtat, mag eine Selbsterfahrung – zunächst „nicht als Person, sondern wie ein Wurm, oder ganz körperlos, einfach nur seiend“ – durchaus Beweischarakter besitzen. Seine Erfahrungen hätten ihm gezeigt, „dass der Tod des Körpers und des Hirns nicht das Ende des Bewusstseins sind, dass der Mensch Erfahrungen macht über den Tod hinaus.“
Für viele von uns, die bisher noch nicht durch dieses Nadelöhr (und wieder zurück) mussten, wäre es mutmaßlich sehr ähnlich …ob wir auch einen wunderschönen, weiblichen Engel an unserer Seite hätten muss freilich offen bleiben.
Drei zentrale Wissensbausteine seien ihm von diesem engelsgleichen Wesen („the girl on the butterfly wing“) mitgegeben worden:

„Du wird geliebt, für immer.
Du musst nichts fürchten.
Du kannst nichts falsch machen.“

Ich weiß ja nicht wie es Ihnen damit geht, doch sobald ich diese Aussagen höre, türmt sich in meinem Denken reflexhaft die leidige Warum? – Frage auf: Wenn „alles gut“ ist, warum und wozu sind wir dann hier und werden in beinahe jeder Stunde unseres irdischen Erwachsenendaseins mit menschlicher Unzulänglichkeit (oft bei uns selbst) und auch Boshaftigkeit konfrontiert?

Hier „ist es unsere Aufgabe,
dem Göttlichen entgegenzuwachsen“.

Diese Lehre vom seelischen Reifungsprozess findet sich in vielen spirituellen Lehren wieder. „Denken Sie an jede Enttäuschung, die Sie jemals erlebten. Ich spüre, dass alle Verluste, die wir hier auf Erden erdulden müssen, in Wahrheiten Varianten eines sehr zentralen Verlustes sind; dem Verlust des Himmels.“

Eine Objektivierbarkeit der Erfahrungen des Neurochirurgen sowie seiner späteren Interpretation ist natürlich nicht gegeben – es handelt sich um eine sehr persönliche Schilderung, die mit den reduktionistischen Methoden der Wissenschaft weder beschreibbar ist noch reproduzierbar.

„Den Himmel und die Engel hat nur Eben Alexander gesehen. Für die Leser beginnt hier das weite Feld von Glauben oder Nichtglauben.“1

Dr.Eben Alexander talks about his Near Death Experience

Wer solche Wörter kennt, kann kein Spinner sein? – Kritik und Glaubwürdigkeit

Zuerst stieß ich auf den Artikel von Lucas Wiegelmann (WELT) – Überschrift „Eben Alexander und die Leere Gottes“ – der sich in launig-humoriger Weise mit Esoterikautoren beschäftigt. Deren Glaubwürdigkeitsproblem überwinde Alexander mit Leichtigkeit: „…da Klappentexte lügen können, benutzt er viele Neurochirurgenvokabeln zur Beglaubigung. Zerebraler Vasopasmus, Status epilepticus, Hyponatriämie, zack! Wer solche Wörter kennt, kann kein Spinner sein.“

Okay, ein paar mal geschmunzelt, aber nichts Handfestes, um richtig meckern zu können, oder? Das Magazin Esquire berichtete in seiner August-Ausgabe 2013, vor der Herausgabe des Buches Blick in die Ewigkeit sei Dr.Alexander von einigen seiner Stellen entlassen worden; mehrfach sei er wegen Fehlbehandlungen (5 innerhalb von 10 Jahren) sowie Aktenfälschung medizinischer Unterlagen angeklagt worden. Die Verfahren wurden jeweils durch Vergleiche und Bußgelder beigelegt. 2007 wurde ihm die Erlaubnis zu operieren vorübergehend entzogen.Vor diesem Hintergrund habe Dr.Alexander ‚eine Neuerfindung‘ gebraucht. Die Beschreibung seiner Person als ein „Experte auf dem Gipfel der säkularen Wissenschaft“ relativiere sich insoweit.C)

Auch widerspreche Alexanders Darstellung, dass sein Koma durch eine schwere bakterielle Meningitis hervorgerufen war und er keine höheren Hirnfunktionen mehr hatte, der Aussage seiner behandelnden Ärztin Laura Potter: durch Medikamente sei er zeitweilig in ein künstliches Koma versetzt worden. Eine absolute Bewusstlosigkeit zum Zeitpunkt seiner Nahtoderfahrung wird von der Ärztin nicht bestätigt. Stattdessen soll er ansprechbar, aber im Delirium gewesenen sein („Conscious but delirious“)2.
Als Alexander seine Kollegin Potter um ein Feedback zum Buchentwurf bat, habe auf einzelne Bedenken die Antwort erhalten, im Rahmen der ‚künstlerischen Freiheit‘ seien Passagen seines Buches ‚dramatisiert und dadurch für die Leser interessanter gestaltet worden‘.

Es ist klar – an solch einem Fall scheiden sich die Geister. Dass im Zuge einer derartigen Auseinandersetzung zwischen kollidierenden Weltbildern auch die Glaubwürdigkeit von ‚Zeugen‘ in Zweifel gezogen wird, ist wenig überraschend. Andererseits wäre schon zu wünschen, dass ein Buchautor, der seine Fachkompetenz als Mediziner in nahezu jedem Kapitel betont, diese Schattenseite seiner beruflichen Karriere nicht ganz verschweigt. Seine zeitweilig durchaus ernsten Alkoholprobleme finden im Buch eingehende Erwähnung, wäre Dr. Alexander ähnlich off en mit den zurücklegenden Rechtsstreitigkeiten umgegangen, müsste er sich dann nicht mit boshaft-sarkastischen Charakterisierungen auseinandersetzen, wie sie im systematischen Demontagebemühen des Esquire zu lesen sind?

→ „Dr. Eben Alexander looks less like a messenger from heaven and more like a true son of America, a country where men have always found ways to escape the rubble of their old lives through audacious acts of reinvention.“2 Sinngemäß übersetzt: „Dr. Eben Alexander sieht weniger wie ein Himmelsbote und mehr wie ein echter Sohn Amerikas – einem Land, wo Menschen immer Wege fanden, den Trümmern ihres alten Lebens durch kühne Taten der Neuerfindung zu entkommen.“

Tja, und dann sah er das Licht.-

Was mich betrifft, so neige ich zu einer etwas anders gelagerten Kritik: Wie beschrieben, schildert Alexander seine Herausforderung, die eigene NTE im Kreis seiner Mediziner-Kollegen glaubhaft zu vermitteln. Dabei rennt er des öfteren gegen unsichtbare Wände an, was lt. seiner Darstellung ausschließlich dem materialistischen Weltanschauung seiner Kollegen geschuldet war. Die ganze Wahrheit hätte womöglich lauten müssen: Auch sein durchaus angekratztes Renommee als Neurochirurg mag mitgeschwungen haben, falls andere Mediziner seiner Schilderung nicht eben ungeteilte Begeisterung entgegen brachten.
Ein objektiver Gottes- oder Himmelsbeweis kann durch die subjektiv geschilderten Erlebnisse einer Einzelperson natürlich nicht erbracht werden …auch habe ich Zweifel, ob ein derartiger Beweis, könnte er jemals bewerkstelligt werden, überhaupt wünschenswert ist…

„Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben“?

Na jaa, ganz umsonst …ohne einen klitzekleinen Obolus zu verlangen?

Um etwas klarer zu sehen, lohnt sich auch ein Blick auf das kommerzielle Leistungsspektrum von Dr. Alexander – Webinare und Meditationen („Discover Your Own Proof of Heaven“) zum Schleuderpreis von nur 60,00 US$ laut dem o.a. Esquire-Artikel2. Neuere Angebote sind Veranstaltungen zur „Befreiung des Bewusstseins vom Gehirn“ (echt jetzt?) und Schalltherapie …bei Interesse an Geistheilung und so Sachen überhaupt nicht schwer zu finden…aber vorher bitte noch die Ratschläge und Hinweise des Dalai Lama5 lesen, ja?

Nun ja, Propheten wollen halt auch leben.

Für ‚Suchende‘, zu denen ich mich ungeachtet zeitweiliger Schübe von Zynismus weiterhin zähle, stellt sich dennoch eine Frage, wie sie weiter vorgehen wollen: Muss es jeweils der neuste Schrei sein, ein weitere Live-Reportage aus dem Nirwana, idealerweise mit Om-Bastelset nach alter YPS-Manier?
Oder macht es vielleicht mehr Sinn, sich den alten, dafür verlässlicheren Wurzeln zu widmen? → Tipp: auf rabhupada-books.de finden Sie genug Lesestoff über die Veda für Jahre. Darunter Bhagavad-gita und Srimad Bhagavatam – vollständig, auf deutsch + Sanskrit + Sanskrit-Transliteration – und mit einem Vers-für-Vers-Kommentar, den sogar ich verstehe.
Und alles für umsonst zum PDF-Downloas, aber bestimmt nicht vergeblich 😉


Anmerkunken/Erläuterungen

  • A) Während der REM-Phase im Schlaf, der an den schnellen Augenbewegungen (rapid eye movement) zu erkennenden Traumphase, kann es ebenfalls zu außerkörperlichen Erfahrungen (OBE) und anderen NDE-Phänomenen kommen, die heute niemand mehr für paranormal hält. Bei einigen Menschen treten diese REM-Phasen auch im halbwachen Zustand auf. Die Neurologen sprechen von einer REM-Intrusion.
    Vgl.: Todesnahe Erlebnisse nur ein Traum – Studie vermutet REM-Phänomen„,
    aerzteblatt.de 2006
  • B) Die Substanz DMT, N,N-Dimethyltryptamin, ist ein Tryptamin-Alkaloid, welches sich einerseits in Pflanzen und dem Hautdrüsensekreten einiger Kröten findet und in geringen Konzentrationen auch auch dem menschlichen Körper „fast allgegenwärtig“ erscheint. Die These der DMT-Ausschüttung geht davon aus, in besonderen Stress-Situationen könne der Körper diese Substanz freisetzen und ‚psychedelische Erlebnisse‚ auslösen.
  • C) Mit ärztlichen Fehlbehandlungen und „Kunstfehlern“ kenne ich mich nicht aus. Als medizinischer Laie ist mir immerhin so viel klar: Trotz besonderer Sorgfaltspflichten lassen sich Fehler in keinem Berufszweig ganz ausschließen. Der Fairness halber wäre ein statistischer Kontext zu betrachten: Welcher prozentuale Anteil von Fehlern ist denn im Bereich der Gehirn- und Neurochirurgie ‚üblicherweise zu erwarten‘? War die Erfolgs- bzw. Misserfolgsquote von Dr. Alexander signifikant anders als die seiner Fachkollegen auf dem Sektor der stereotaktischen RadiochirurgieD) ?
  • D) Die stereotaktische Bestrahlung ist eine technisch aufwendige Sonderform der Strahlentherapie. Hierbei wird ein relativ kleines, klar gegen benachbartes gesundes Gewebe abgrenzbares Volumen, z.B. ein Tumor oder eine Gefäßmissbildung, hochdosiert bestrahlt. Dabei können Zielpunkte im Körper des Patienten mit einer Präzision von wenigen Millimetern definiert werden. Nach dreidimensionaler computergestützter Bestrahlungsplanung wird der Tumor punktgenau aus mehreren Raumrichtungen bestrahlt. Im Zielbereich treffen alle Strahlen aufeinander und addieren sich nur hier zur Gesamtdosis, so dass das umgebende Gewebe optimal geschont wird.
    Soweit ersichtlich, handelt es sich hierbei zwar nicht mehr um völliges Neuland, aber doch um eine sehr moderne Therapiemehode, deren Technologie laufender Optimierung unterliegt – auch dies ist bei der Betrachtung von Behandlungsfehlern sicherlich zu berücksichtigen.

Quellenangaben/Literaturhinweise:

  1. 7 Tage im Koma – Die betörende Erfahrung eines Hirnexperten„,
    Die Welt, 2012,
  2. The Prophet -Before Proof of Heaven made Dr. Eben Alexander rich and famous as a „man of science“ who’d experienced the afterlife, he was something else: a neurosurgeon with a troubled history and a man in need of reinvention“, Esquire, August 2013,
  3. „The Doctor Whose Story Debunked Proof of Heaven“, Esquire, Juli 2013,
  4. Wanderer zwischen drei Welten“ – Mit John C. Eccles starb der letzte Neurophysiologe, der noch an die Seele glaubte, ZEIT v. 16.5.1997.Als Katholik beschäftigte sich Dr. Eccles mit der Frage, wie denn der von Gott geschaffene Geist auf das materielle Gehirn einwirken könne. Des Rätsels Lösung lag in der Reizleitung zwischen den Neuronen: „Jede Zelle besitzt bis zu 10 000 Schaltstellen (Synapsen) zu Nachbarzellen. Erreicht ein Nervenreiz eine Zelle, öffnen sich winzige Säckchen (sogenannte Vesikel) und setzen chemische Botenstoffe (Neurotransmitter) frei. Diese Transmitter durchqueren den Spalt, der die Synapsen zweier Nachbarzellen trennt und leiten den Reiz weiter.“Allerdings führe nicht jeder einlaufende Nervenimpuls zwangsläufig zur Ausschüttung eines Transmitterbläschens. Eccles deutete diese Tatsache so: Das Bewusstsein modifiziere die Wahrscheinlichkeit, mit der die Botenstoffe freigesetzt werden – auf diese Weise wirke der Geist auf das Gehirn ein.
  5. Wer Interesse und Geduld hat, mag sich auch das Symposium with scientists and scholars entitled „Life and After Life“ am Maitripa College in Portland vom 10.5.2013 anschauen. Teilnehmer waren u.a. der Dalai Lama und Alexander Eben. Etwa ab der 45. Minute kommentiert der Dalai Lama, der kein native english speaker ist, den zuvor gehörten Vortrag von Alexander in auf seine  Weise:
    Der Buddhismus kenne drei Kategorien beobachtbarer Phänomene: 1. Evidente Ereignisse, welche objektiv feststellbar und messbar sind. 2. ‚versteckte‘ Phänomene, welche sich aber auf Basis der 1. Kategorie begründen und darlegen lassen. 3. Die Dritte Kategorie aber sei „extremely hidden phenomena“ vorbehalten, also äußerst schwer zugänglichen, bisweilen obskuren und kaum objektivierbaren Erscheinungen. Der einzige Zugang zu ihnen bestehe in persönlicher (Selbst-)Erfahrung oder einem Zeugnis einer dritten Person.

    „For him [E. Alexander] it’s something reality. Real. But those people who never sort of experienced that, still, his mind is a little bit sort of…“ Er zeigt mit dem Finger an seinen Kopf „…different!“ Also anders, sagt er. Lacht herzlich und seine Zuhörer lachen mit ihm. Das Lächeln im Gesicht Alexanders ist eher schmal.

    „For that also, we must investigate,“ spricht der Dalai Lama weiter, „Through investigation we must get sure that person is truly reliable ….When a man makes extraordinary claims, a thorough investigation is required, to ensure that person reliable, never telling lie,“ and has „no reason to lie.“ Es bedürfe eine sogfältigen Untersuchung, um sicher zu ehen, dass diese Person verlässlich sei, nicht/niemals lüge – und dass sie auch keinen Anlass zur Lüge hat. Die Körpersprache des Dalai Lama lässt keinen Zweifel daran, auf wen sich diese Worte beziehen.
    Bestimmte Erscheinungen lägen nun einmal außerhalb der Zuständigkeit von (Natur-)Wissenschaft – hierbei müsse unterschieden werden zwischen noch unerforschten Bereichen und solchen Dingen, die bereits klar widerlegt werden konnten.

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Friedrich Schiller und die ersten Menschen

Bezug: „Etwas über die erste Menschengesellschaft nach dem Leitfaden der mosaischen Urkunde„, Friedrich Schiller (um 1879, auf Projekt Gutenberg-DE)

Worauf Schiller mit dieser Abhandlung hinauswollte, erschließt sich zum Teil anhand des Subtitels „Uebergang des Menschen zur Freiheit und Humanität„. Im Zentrum stehen der Ungehorsam von Adam und Eva im Garten Eden nach – sowie die Fragestellung, ob ein anderer Ausgang des ‚Sündenfalls‘ 1. überhaupt möglich uns 2. im Sinne des Schöpfers gewesen wäre.
Diese Frage finde ich durchaus spannend: Hätte es überhaupt anders laufen können, als halt mit der Vertreibung aus Eden zu enden?

„Sanft und lachend war also der Anfang des Menschen, und dies mußte sein, wenn er sich zu dem Kampfe stärken sollte, der ihm bevorstand.“

„Setzen wir also, die Vorsehung wäre auf dieser Stufe mit ihm still gestanden, so wäre aus dem Menschen das glücklichste und geistreichste aller Thiere geworden, – aber aus der Vormundschaft des Naturtriebs wär‘ er niemals getreten, frei und also moralisch wären seine Handlungen niemals geworden, über die Grenze der Thierheit wär‘ er niemals gestiegen.
In einer wollüstigen Ruhe hätte er eine ewige Kindheit verlebt – und der Kreis, in welchem er sich bewegt hätte, wäre der kleinstmöglichste gewesen, von der Begierde zum Genuß, vom Genuß zu der Ruhe und von der Ruhe wieder zur Begierde.“

Aber der Mensch war zu ganz etwas anderm bestimmt, und die Kräfte, die in ihm lagen, riefen ihn zu einer ganz andern Glückseligkeit. Was die Natur in seiner Wiegenzeit für ihn übernommen hatte, sollte er jetzt selbst für sich übernehmen, sobald er mündig war. Er selbst sollte der Schöpfer seiner Glückseligkeit werden … sollte den Stand der Unschuld, den er jetzt verlor, wieder aufsuchen lernen durch seine Vernunft und als ein freier, vernünftiger Geist dahin zurück kommen, wovon er als Pflanze und als eine Creatur des Instinkts ausgegangen war“

„…aus einem Paradies der Unwissenheit und Knechtschaft sollte er sich, wär‘ es auch nach späten Jahrtausenden, zu einem Paradies der Erkenntniß und der Freiheit hinauf arbeiten, einem solchen nämlich, wo er dem moralischen Gesetze in seiner Brust eben so unwandelbar gehorchen würde, als er anfangs dem Instinkte gedient hatte, als die Pflanze und die Thiere diesem noch dienen.

Was war also unvermeidlich? Was mußte geschehen, wenn er diesem weitgesteckten Ziel entgegen rücken sollte?

Mein spontaner Gedanke bis hierhin: Um welchen Preis! Nach biblisch-christlich Lesart kamen durch die Bestrafung und Verfluchung für die Ur-Sünde (vom Baum der Erkenntnis gekostet zu haben) erst Tod und Leid in die Welt …Krankheiten, Schmerzen, unerklärlich grausame und sinnlose Schicksale (z.B. der allzu frühe Tod kleiner Kinder). Denn nach der Lehre von der Erbsünde geht Adamsu nd Evas Strafe auf ihre sämtlichen Nachkommen über, d.h. alle Menschen die jemals gelebt haben und jemals leben werden.

Schiller nimmt eine andere Sichtweise ein: Der Mensch habe sich wissentlich und willentlich auf diesen Weg begeben:

„…er selbst riß ab von dem leitenden Bande, und mit seiner noch schwachen Vernunft, von dem Instinkte nur von ferne begleitet, warf er sich in das wilde Spiel des Lebens, machte er sich auf den gefährlichen Weg zur moralischen Freiheit.“

Dabei scheint aus dem biblischen Text im 1. Buch Mose hervorzugehen, wie wenig das erste Menschenpaar sich der Konsequenzen ihrer Handlung bewusst war, zudem noch verwirrt (und sicherlich auch betört) von dieser sprachbegabten „Schlange“. Diese wurde und wird gerne mit Satan identifiziert, ohne dass der Text auch nur einen Hinweis darauf liefert. Adams „vermeintlicher Ungehorsam“ gegen das göttliche Verbot sei „nichts anders, als – ein Abfall von seinem Instinkte – also erste Äußerung seiner Selbstthätigkeit, erstes Wagestück seiner Vernunft, erster Anfang seines moralischen Daseins.“

Hm, setzt Vernunft nicht die Fähigkeit und das Wissen voraus, die Auswirkungen der eigenen Entscheidung zu erkennen und einzuschätzen? Damit war es aber nicht weit her – weder bei Eva, die sich komplett vom Gesäusel der Schlange einlullen lässt – noch bei Adam, der seiner Frau bedenkenlos in den Ungehorsam folgt.

Vernunft um der Vernunft willen? Erst durch das moralische Übel werde auch das moralische Gute in die Schöpfung gebracht, findet Schiller – gewissermaßen handele es sich um die Grundsteinlegung zur menschlichen Moralität. Wer darin ohne Widerspruch die glücklichste und größte Begebenheit in der Menschengeschichte ausmachen will, muss wohl über die Abgründe menschlicher Un-Vernunft bis in unsere heutige Zeit und wohl noch weit darüber hinaus) hinwegsehen können und wollen.

Sicher, die von Schiller hochgelobte Freiheit impliziert auch das Potenzial zum Missbrauch derselben – bis hin zu Völkermord, jahrzehntelangen Kriegen und Atombombenabwürfen. Mir scheint, die millionenfach unverschuldet zu Tode gekommenen Träger dieser Freiheit wurden weder in diese Entscheidung einbezogen noch kamen sie wirklich in den Genuss ihrer persönlichen Freiheit.

„…der Mensch wurde aus einem unschuldigen Geschöpf ein schuldiges, aus einem vollkommenen Zögling der Natur ein unvollkommenes moralisches Wesen, aus einem glücklichen Instrumente ein unglücklicher Künstler.“

Der kollektive Charakter dieser fortschreitenden ‚Selbstbefreiung‘ behagt mir nicht, insoweit durch sie eine Masse von Mit-Gefangenen zu Opfern einer überschaubaren Anzahl von Tätern wurde. Zumindest bis zu Schillers Lebenszeit lässt sich dies sagen, da die große Mehrheit ein eher trostloses, von Leid geprägtes Dasein führten und nur ganz wenigen durch Geburt oder andere glückliche Umstände ein selbstbestimmtes Leben in relativem Wohlstand möglich war. Mit der Verbesserung der Lebensumstände für eine breite Mehrheit ab der Nachkriegszeit hat sich dies freilich geändert – zumindest in Europa. Nur, bis dahin dauerte es seit den Anfängen der Zivilisation gut 5.000 Jahre – wie Schiller ebenfalls einräumt:

„…der Mensch wurde dadurch aus einem Sklaven des Naturtriebes ein freihandelndes Geschöpf, aus einem Automat ein sittliches Wesen, und mit diesem Schritt trat er zuerst auf die Leiter, die ihn nach Verlauf von vielen Jahrtausenden zur Selbstherrschaft führen wird. Jetzt wurde der Weg länger, den er zum Genuß nehmen mußte.“

Schiller scheint die Bewertung des Weges, den die Menschheit genommen hat, von ihrem Zielpunkt her zu vorzunehmen. Wer auf der Strecke blieb, war halt „ein verdienstvolles Opfer für Freiheit und Fortschritt“. Und würde man heute annehmen dürfen, dass von nun an die goldenen Zeiten für das Geschlecht der Menschen erst so richtig beginnen? Ich bin mir unschlüssig: Hat die Menschheit bislang eine progressive oder eine regressive Entwicklung genommen – oder ein wenig von beidem, je nach den gewählten Kriterien?

Ein echter Fortschritt ist nach meinem Verständnis immer erst dann gegeben, wenn alle (die dies wünschen) in seinen Genuss kommen. Dazu braucht es einen Entwicklungsprozess – und Zeit. Doch was wir als ‚dominierende Spezies‘ gegenwärtig auf diesem Planeten irreversibel anrichten, kann nach meiner Ansicht keinesfalls als vorteilhaft/sinnvoll/vertretbar dargestellt werden:

  • „Tiere sind den Menschen wichtig, im Vergleich aber nicht so wichtig wie Essen, Arbeit, Geld und wirtschaftliche Entwicklung. (…) Solange wir Tiere in Ökosystemen weiter als irrelevant für diese Grundbedürfnisse halten, werden Tiere die Verlierer sein.“
    Resultat: Von den geschätzt – fünf bis neun Millionen Tierarten gehen jährlich weltweit 11.000 bis 58.000 verloren. Um dies einzuordnen: In den vergangenen 540 Millionen Jahren ereigneten fünf große Artensterben, jeweils infolge einer Naturkatastrophe (Vulkanausbruch, Meteoriteneinschlag u.ä). Wenn Forscher nun eine sechste Welle in vollem Gange sehen, liegt dies vornehmlich an uns Menschen. (Quelle: „Jedes Jahr verschwinden bis zu 58.000 Tierarten Spiegel Online, 2014)

Die Bezeichnung Anthropozän1) kann uns insofern kaum mit Stolz erfüllen – vielmehr scheint es doch so zu sein, dass wir Menschen mit unserer ’neu‘ erlangten Freiheit nicht umzugehen verstehen.

Anmerkung

  1. Anthropozän“ ist ein Vorschlag zur Benennung einer neuen geo-chronologischen irdischen Epoche: Sie soll den Zeitabschnitt umfassen, in dem der Mensch zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden ist. Siehe auch „Defaunation in the Anthropocene“ auf sciencemag.org
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Wieviele Engel passen auf eine Nadelspitze?

Die Frage kam mir heute beim Binge Viewing (Komaglotzen klingt so negativ) der Serie „Humans“ unter. Nun habe ich mich mit Engeln sowie ihrer möglichen Existenzform, Hierarchien und Kernkompetenzen noch nie eingehend befasst – und das habe ich auch nicht vor.
Der Grund dafür ist eher pragmatischer Natur: Wenn Gott allmächtig, allwissend und bitte nicht mit einem typisch menschlichen Ego ausgestattet ist (wovon ich jeweils ausgehe), so braucht er keine Engel. Weder als himmlische NSA-Variante, noch als Messenger- bzw. Parcel-Service, nicht für’s Eventmanagement und schon mal gar nicht als Werbeträger. Alles, was die Himmelsboten für ihn erledigen könnten, gelingt ihm selbst viel leichter, schneller und vollkommener
Dies ist freilich nur meine persönliche Überlegung und ganz sicher keine ‚Beweisführung‘, nicht mal eine Behauptung mit sicherem Fundament. Niemandem soll sein persönlicher Schutzengel aus-, aber auch sicher nicht eingeredet werden. (Wer sich für Engel interessiert, findet hier auf WamS Online recht ausführliche Basis-Informationen bis hin zu ihrer genauen Anzahl…)

Fest steht in diesem Kontext: An Engel zu glauben, ohne an Gott zu glauben, ist inkonsequent. Die Vermischung von Alien-Sichtungen mit Engeln aufgrund vermeintlicher optischer Ähnlichkeiten (also die Schilderung von Begegnungen mit „außerirdischen Engeln“ – oder handelte es eher engelsgleichen Außerirdische…?) führt erst recht auf einen esoterischen Irrweg.
Die Prä-Astronautik, also die Däniken-Gemeinde, sieht zwar Anzeichen dafür, dass es sich bei den in der Bibel erscheinenden Engel fast ausnahmslos auf der Erde gelandete (bzw. wegen eines kaputten UFOs gestrandete) Außerirdische gehandelt habe. Darüber mag jeder denken was er will, doch falls Abraham, Maria und Johannes einem Außerirdischen begegneten, so war es eben kein Engel im biblisch-theologischen Sinne – denn der Bezug zu einem transzendenten Gott wäre in diesem Falle nicht vorhanden gewesen.
Es handelt sich um zwei gänzlich verschiedene Konzepte – ein der materiellen Welt zugehöriges Lebewesen von einem weit entfernten Planeten ist an Raum und Zeit gebunden steht deshalb in einem direkten Kontrast zu einer transzendenten, an Gott gebundenen Wesenheit – deshalb macht man es sich für mein Empfinden mit solch einem Engel-Alien-Mix unnötig kompliziert. Im übrigen man kann sehr wohl an Gott glauben, ohne überhaupt von Engeln zu reden.

Die Frage, wie viele Engel denn auf einer Nadelspitze Platz hätten, zählt zu den sehr theoretisierten Gedankenübungen der Scholastik und diente in dunklen Zeiten der RKK auch als Fangfrage, um die Glaubensfestigkeit eines der Apostasie Verdächtigten zu testen. Dahinter steht die Vorstellung, Engel seien nicht materielle Substanzen, also Wesen ohne Körper – sodass in der Tat unendlich viele Engel auf eine Nadelspitze passten. Während der Scholastik gab es eine verbreitete Methode der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Bezeichnung Quaestio. Sie war als „Disputation“ neben der „lectio“ (Vorlesung) im scholastisch bestimmten Mittelalter die übliche Lehr- und Lernmethode. Angelehnt an diese Methode ist eine entsprechende literarische Form, die Quaestiones, in der viele mittelalterliche Abhandlungen verfasst waren. [Vgl. Quaestio (Lehrpraxis)]

Das war aber, bevor die reformatorische Theologie mit ihrer Konzentration auf das Kreuz und erst recht die Aufklärung mit ihrem Rationalismus die Engel immer weiter in den Hintergrund gedrängt haben. Schleiermacher kam zu dem Schluss, das Einzige, was als Lehre über sie aufgestellt werden könne, sei, „dass Offenbarungen ihres Daseins jetzt nicht mehr zu erwarten sind“. Im Zuge einer radikalen „Entmythologisierung“ der biblischen Auslegung und damit der Glaubenslehren nahmen Engel in der Theologie eher ein Schattendasein ein, was dem Volksglauben allerdings kaum geschadet hat.

Und Karl Barth widmete noch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts seiner Kirchlichen Dogmatik einer Engelslehre ganze 195 Seiten.
Engel kommen in beiden Teilen der Bibel vor – je nach Ausgabe in etwa 280 Versen, wobei die Johannes-Offenbarung mit an die 70 Treffern eindeutig vorne liegt. Keines der vier kanonisierten Evangelien kommt ohne Engel aus.

„Wenn das Prinzip sola scriptura das Leseprinzip für die Bibel ist, dann muss sich all unser Fantasieren und Dichten über Engel nur von der Schrift leiten lassen. Was aber in der Schrift über Engel positiv verhandelt wird, müssen wir […] herausfinden, was an diesen Texten unsere Existenz wahrhaftig trifft.“1

Robert Leicht, der Verfasser des ZEIT-Artikels über den Engelsglauben („Was Engel sind“) spricht noch weitere bedenkenswerte Aspekte an, darunter „das kindliche Vertrauen in Gott und seine Verheißungen“. Diesbezüglich ist jede Häme absolut fehl am Platz, denn das „Kindliche“ an diesem Vertrauen beziehe sich vor allem auf den Status der Beziehung, nämlich der eines Kindes zu seinem Vater, eines Geschöpfes zu seinem Schöpfer. „In dieser Beziehung können wir uns die Engel als Vertrauenspersonen nur wünschen“, schreibt Leicht weiter, „solange wir wissen, wem dieses Vertrauen erstlich und letztlich gilt“.-
„Glaube ist ein Geschenk“ – und wenn mein einstiger Kinderglaube schrittweise dem Erwachsenwerden gewichen ist, sehe ich darin absolut keinen Anlass zu ungeteilter Freude. Andererseits suche ich nicht nach einer Möglichkeit, mich selbst übers Ohr zu hauen und per Autosuggestion an Glaubenselementen festzuhalten, die mir heute weder einsichtig noch vor dem gegenwärtigen Wissensstand begründbar erscheinen.

So, das war’s auch schon zum Thema Engel – mich hatte halt die Nadelspitzen-Frage stutzig gemacht und ich wollte ihr kurz nachgehen. Am meisten erstaunt hat mich dabei, dass „Sankt Michael als der Schutzpatron der Soldaten und – man unterdrücke bitte das Gelächter – der Fallschirmjäger gilt. Von wegen ‚Fürst der himmlischen Heerscharen’…“1.

Quelle:

  1. Was Engel sind – Kein Aberglaube, sondern ernster Kinderglaube.„, ZEIT Online, 2010)
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Nackte Realität vs. glückliche Illusion – was ist vorzuziehen?

Im Vorwort zu seinem religionskritischen Buch „Denn sie wissen nicht was sie glauben“ wirft Franz Buggle eine schwerwiegende Frage auf:

Sollte in zentralen Lebensbereichen jedes vermehrte Wissen dazu dienen, den Menschen glücklicher machen? Ist eine unwissende Geborgenheit in einer umfassenden Illusion dem vollständigen, ent-täuschenden Wissen ‚besser‘ für uns Menschen, weil unser Leben dann ruhiger, zufriedener verläuft?

Spontan würden viele wohl die ‚ganze Wahrheit‘ einer Illusion vorziehen, doch wie oft lassen wir uns nur zu gerne ein wenig einlullen und beruhigen, indem wir einen nagenden Teil unseres Wissens erstmal beiseite schieben? Ganz so einfach oder banal ist de Beantwortung dieser Fragestellung also nicht.

„Opa ist jetzt im Himmel.“

Vergegenwärtigt man sich unser menschliches Naturell, wird die Zwangsläufigkeit der Entstehung von etwas wie Jenseitserwartungen und Religion schnell sichtbar: Bekanntlich besitzt unser Selbst eine rationale und eine starke emotionale, intuitive und nicht selten irrationale Komponente. Beide bestimmen unser ‚fühlendes Denken‘, ebenso wie eine Flut von Abwehrmechanismen und sonstigen ‚Tricks‘, mit denen wir die bisweilen unerfreuliche und manchesmal entsetzliche Realität leichter zu verkraften suchen.
Der Tod ist aus biologischer Sicht unschwer zu erklären; für ein Wesen mit einem starken Ich-Bewusstsein stellt er zugleich eine fast unlösbare Herausforderung dar: Dass unser eigenes Ich plötzlich aufhört zu existieren, ist für viele von uns schlicht unvorstellbar.

Nach einigen Vollnarkosen relativiert sich diese Überzeugung etwas: Das bewusst wahrgenommene Ich war ‚weg‘ und ich erinnere mich gut an mein Erstaunen, wie meine Sinne und mein Denkvermögen laaaangsam zurückkehrte – gefühlt dauerte es eine halbe Stunde – …zuerst nur Licht, Stimmen, erst später wurden die vielen Fragen durch mein eigenes Denken und Erinnern beantwortet. Die Zeit dazwischen war …hmm, interessant. Klinisch betrachtet war ich mehr als nur ein wenig verwirrt und die anwesenden Mediziner mussten mich fast anschreien, damit ich nicht sofort aufstand und umher stolperte …was so kurz nach der OP nicht ganz unproblematisch verlaufen wäre.

Jedenfalls ließ dieser langsame Prozess der ‚Rückkehr‘ meine innere Überzeugtheit brüchig werden, dieses Ich könne doch unmöglich ‚einfach so‘ aufhören zu sein. Freilich war da eine zweite Instanz, nämlich jene, die diesen Aufwachvorgang genau beobachtete und die präzise Erinnerung daran bewahrt hat …eine Art Meta-Ebene meines Bewusstseins. Nur, solange die Narkose voll wirkte, war auch diese Instanz deaktiviert, zumindest habe ich keinerlei Erinnerung an diese Zeit. Lediglich die OP-Narbe dient mir als ziemlich objektiver Nachweis, dass die Zeit nicht etwa stillgestanden hat. Das Leben ging weiter, auch ohne mich – und so wird es sich auch nach meinem Tod verhalten.)

Trotzdem, das Ende unserer Existenz ist ein Phänomen, mit dem wir uns nicht leicht abfinden. Dies trifft ebenso beim Verlust einer geliebten bzw.  bedeutsamen Person zu. Resultierend mussten wir uns ein Konstrukt als Ausweg erschaffen, welches die zukunftsbejahende Vorstellung ‚Es muss doch irgendwie weitergehen‘ stärkte und konkretisierte.

Opa ist jetzt Himmel.“ Als Kind war diese Aussage ein gewisser Trost für mich: Wenn der Großvater ab sofort an einem anderen Ort weiter lebte und es ihm dort sogar besser erging als zuletzt hier mit all seinen Krankheiten und Gebrechen, so war der Abschied für mich weiterhin schmerzlich, doch ich kam leichter damit klar …so konnte ich mir vorstellen, er sei nur verreist und wir würden uns am Ende seiner und meiner Reise wiedersehen und ganz viel zu erzählen haben …Opa konnte wunderbar anschaulich erzählen, ich hörte ihm stundenlang zu und alles andere um mich herum verlor an Bedeutung.

Die kritischen Fragen, ob dieses naive Konzept eines Himmels für nette Menschen denn wirklich real sei, kamen mir erst ein paar Jahre später in den Sinn. Trotzdem bin ich dankbar für diese kindgerechte Aussage, selbst wenn es sich vielleicht nur um eine Art von Placebo handelte.
Für mein Auffassungsvermögen im Alter von 9 Jahren war dieses Rezept genau das Richtige – aber zeitlebens?
Heute bin ich fast genau 20 Jahre jünger als der Großvater zum Zeitpunkt seines Todes – und ich möchte zu gerne wissen, was mich nach meinem Lebensabend erwartet. Dieser Wunsch wird nicht in Erfüllung gehen, bevor es so weit ist …das ist mir auch klar. Doch mein Denken wehrt sich mehr und mehr dagegen, mich einer eventuellen Illusion (oder noch schlimmer: einer professionellen Vermarktungsstrategie) zu unterwerfen – ohne zu wissen, worauf ich mich da einlasse.

Vertrauen ist gut. Blindes Vertrauen ist besser?

Fast alle mir bekannten Religionen stellen zunächst einmal eine Flut von Bedingungen auf, bevor sie uns etwas geben (=versprechen):

  • Was wir in Bezug auf Gott (und seine Kirche) glauben sollen, und was wir auf keinen Fall glauben dürfen,
  • einen strikten Verhaltens- und Moralkodex – in einem Maße, das weit über den gesetzlichen Rahmen hinausgeht,
  • …ja und dann wollen sie meist auch noch Kohle (nicht selten wird zusätzlich zur verpflichtenden Kirchensteuer noch sozialer Druck aufgebaut, sich an ‚freiwilligen‘ Zuwendungen wie Spenden und Kollekten zu beteiligen. (Wer in der Grundschulzeit zur Adventszeit kein fröhlich klimperndes Disapora-Kästchen (mit eigenhändig bemalter Vorderseite) mitbrachte, wurde ausgegrenzt. Weshalb mein durch dergestalt zwanglose Gruppendynamik motiviertes Eintreiben von Kleinstspenden daheim für höchst kontroverse Diskussionen sorgte, verstand ich damals nicht.)
  • Das ist noch immer nicht alles: Zuguterletzt haben die Mitglieder über ihre Verstöße gegen diese und viele weitere Paragraphen der Vereinssatzung in einem ausgeklügelten Kontrollverfahren regelmäßig Rechenschaft abzulegen. Die RKK bezeichnet dieses Controlling als Beicht-Sakrament und versucht den Eindruck zu erwecken, die Bibel schreibe dergleichen implizit vor. (Gegen zwischen-menschliche Vergebung ist ganz und gar nichts einzuwenden und auch eine Vergebung Gottes ist für mich von Bedeutung. Letztere wird nach meiner Vorstellung aber wohl warten müssen, bis er und ich direkt miteinander kommunizieren …sofern dies jemals eintritt. Eine institutionalisiertes Vergebungsritual, welche die Entscheidung Gottes quasi ungefragt antizipiert, erachte ich als falsch und nicht glaubhaft.)
    In anderen Glaubensgemeinschaften existieren statt dessen Prinzipien, der gegenseitigen sozialen Kontrolle bis hin zur Denunziation.

Wer die geistlichen Konditionen sowie die monetären Verpflichtungen auf bestmögliche Weise erfüllt, erlangt vielleicht (aber nur vielleicht!) eine Chance auf das, was je nach Konfession als Erlösung, Errettung oder Paradies bezeichnet wird. Falls Sie nun den Eindruck haben, das klinge fast wie ein äußerst erfolgversprechendes Geschäftsmodell, dann aus dem einen Grund: genau das ist es! Wobei ein ‚Anbieterwechsel‘ auf höchst subtile Weise erschwert wird.
Was wurde eigentlich aus Mt 10,8 – „Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben„???

Heute besteht hierzulande (evtl. mit Ausnahme einzelner süddeutscher Bergdörfer) dankenswerterweise keinerlei Zwang, einer organisierten Glaubensgemeinschaft anzugehören – nur, die Fragen nach dem Jenseits werden weiterhin gestellt, auch außerhalb von straff organisierten Religionen.
Seit ich für mich eine Form konfessionsloser Gläubigkeit gewählt habe, sehe ich die Frage des ‚richtigen Glaubens‘ (welche theologischen Annahmen kommen der Realität am nächsten?) sowie den moraltheologische Aspekt im Vordergrund. Verinnerlicht habe ich die Aussage, Gott erwarte von uns ein integres Verhalten, wie es etwa die Zehn Gebote vorgeben.
Damit habe ich weiterhin kein Problem, ganz im Gegenteil: Ein gewaltfreier, nicht von Neid und Respektlosigkeit geprägter Umgang miteinander erscheint mir erstrebenswert, ja zwingend notwendig. Abtreibung lehne ich ab, sofern keine Vergewaltigung vorliegt oder die Gesundheit der Mutter ernstlich bedroht ist. Ehebruch finde ich doof und äußerst egoistisch (insbesondere auch gegenüber den gemeinsamen Kindern), das Eigentumsrecht ist essenziell und den eigenen Eltern mit Achtung zu begegnen, erachte ich als angebracht.

Konditionierung ersetzt eigenverantwortliche Ethik?

Konservative Theologen verlangen freilich weitaus mehr von Christen als das, was eine funktionierende Sozialethik erfordert: vollständiger Verzicht auf sexuelle Freizügigkeit auch für Unverheiratete, ein striktes Verbot der Ehescheidung (bei kirchlicher Eheschließung) sowie das Ausbleiben „widernatürlicher“ Sexualpraktiken (gemeint sind Homosexualität und sämtliche LGBT-People) seien als Beispiele genannt. Nun will ich nicht ergründen, ob der Zeitgeist und die Lebenswirklichkeit der Mehrheit  dem diametral widersprechen – denn das ist nicht die Frage.

Es geht mir hier um ein anderes grundsätzliches Problem: Aus welchem Grund sollten sich gesetzestreue Bürger in einem säkularen Staat von theologischer/kirchlicher Seite zusätzliche Vorschriften beispielsweise über ihr Sexualleben (das niemanden schädigt oder beeinträchtigt), die Anzahl ihrer Nachkommen (Stichwort Geburtenkontrolle und Verhütung) oder den Tages-/Wochenablauf auferlegen lassen, solange für sie nicht einmal absehbar ist, ob die bedingten Zusagen denn überhaupt eingehalten werden können??
Doch wohl nur insofern, als für die betreffenden moralischen ‚Leitplanken‘ ein rationaler Beweggrund sichtbar wird – was zB in Bezug auf Treue in der Ehe (wie auch in einer festen Partnerschaft, solange sie Bestand hat) und Respekt gegenüber den eigenen Eltern durchaus der Fall ist – beides wird vom deutschen Staat nicht wirksam sanktioniert. Die fortgesetzte Diskriminierung von Schwulen, Lesben und Transsexuellen hingegen lässt sich nach meiner Auffassung durch nichts sachlich begründen.

Ein ethischer Maßstab bzw. seine Beachtung sollte gerade nicht von externen Versprechungen abhängig gemacht werden, sondern zuallererst von eigener Einsicht in das Richtige und Notwendige und natürlich den jeweils geltenden Gesetzen. Anders gesagt: Dass ich keine Frauen angrapsche, niemanden bestehle und keine Steuern hinterziehe (über Mord, Vergewaltigung und üble Nachrede muss ich mir erst recht gar keine Gedanken machen), folgt zweierlei Beweggründen: Derartiges Verhalten erachte ich als falsch, ich würde mich richtig mies dabei fühlen (diese Erfahrung kennt wohl jeder angesichts kleiner Vergehen und Jugendsünden). Und zweitens bemühe ich mich, aus grundsätzlichen Erwägungen auch solche Bestimmungen (des Staates) einzuhalten, welche mir weniger einsichtig erscheinen (zu schnelles Fahren bei lauter Musik war zB eine meiner Schwachstellen…).

Ob man für moralisch integres Verhalten „in den Himmel kommt“ oder nicht, besitzt zunächst keinerlei Relevanz für ein sozial akzeptables Verhaltenskonzept. Da kommt es, glaubt man den Theologen, halt nicht nur auf die Pflicht an, sondern zusätzlich auf die Kür: Von den Vereinsmitgliedern wird eben einiges mehr erwartet, wie bereits erläutert.

Die gegenläufige Argumentation stützt sich u.a. mehrere Aspekte:

  • Wer nicht an Gott glaubt, kann/darf sich auch nichts von ihm erhoffen.“ Auch so eine typische von Eifersucht und Missgunst geprägte Aussagen von Menschen. Ist nicht davon auszugehen, dass ein allwissender und vor allem gütiger Gott genauer hinschaut? Für Nicht-Glauben kann es tausenderlei mögliche Ursachen geben …wer nicht an Gott glaubt, wird sich zudem auch selten etwas von ihm erhoffen, denn das wäre inkonsequent im Denken. Doch warum sollte Gott seinerseits ähnlich formale Kriterien anlegen, wie wir Menschen dies oft und gerne tun. Darüber wissen wir schlicht nichts und es ist müßig zu spekulieren.
  • Von kirchlicher Seite wird der Glaube an Gott vermischt mit der Zugehörigkeit zur und Gehorsam gegenüber der Kirche. „Extra ecclesiam salus non estAußerhalb der Kirche gibt es kein Heil.“ Mit diesem weitgefasstem Grundsatz wird die vorgeblich autorisierte Mittlerschaft zwischen Gott und dem einzelnen Menschen als unausweichlich inszeniert – wer an Gott glaubt, zugleich aber keine religiöser Organisation angehören will, der dürfe sich demnach ebenfalls nichts von Gott erhoffen.
    Ein erfolgsorientiertes Geschäftsmodell (s.o.) vermittelt seiner Zielgruppe stetigen Bedarf (in diesem Kontext eher Bedürftigkeit) und sichert sich jeden erdenklichen Wettbewerbsvorteil…

Meine einige Jahre nach dem Großvater verstorbene Oma hatte diese Bedingungen übrigens nur zum Teil erfüllt und – ich war inzwischen um die 13 – sollte nun ebenfalls „im Himmel“ sein. Der Oma wünschte ich nur das Beste, doch nun fiel es mir nicht mehr so leicht, den tröstenden Worten Glauben zu schenken. Großmutter war zwar keine rebellische Natur, doch sie hinterfragte zeitlebens staatliche und klerikale Autoritäten und befand selbst darüber, was ihr persönlich glaubwürdig erschien und was nicht. Zugleich war sie eine herzensgute Frau – aber das alleine reicht eben nicht für den Himmel, zieht man den Anforderungskatalog christlicher Theologie zu Rate.

Drohbotschaften: Es ist genug!

Soweit es mich betrifft, hat sich im Laufe meiner ‚Suche‘ ein klares Kriterium herausgebildet: Wer mir droht und versucht, mir Angst einzujagen (das ewige Höllenfeuer erfreut sich gerade unter islamischen wie christlichen Fundamentalisten wieder wachsender Beliebtheit als Missionierungsinstrument), der hat schon verloren. Alsbald fällt bei mir ‚die Klappe‘ – keineswegs aufgrund banaler Verdrängung: Mit der Drohbotschaft insbesondere röm.-katholischer Provenienz habe ich mich ausgiebig auseinandergesetzt – zunächst höchst unfreiwillig in ganz jungen Jahren, später in Gesprächen und anhand geeigneter Literatur – sodass ich sie nunmehr entschieden zurückweise: „Für mich bitte nicht!“
Immunisierungsstrategie? Klar. Wie sollte man sonst damit umgehen, wenn einem sowohl die Hardliner unter den Muslimen als auch die der katholischen sowie der evangelikalen Seite mit ewiger Verdammnis drohen, falls man nicht ihrem Glauben folge? Am besten mit den eindringlichen Worten: „Entscheide dich noch heute, Bruder. Schön morgen könnte es zu spät sein!
Die großen christlichen Kirchen belassen es inzwischen meist bei dezenten, gleichwohl unüberhörbaren Hinweisen auf die Existenz des niemals endenden Höllenfeuers. So erklärte der inzwischen emeritierte Papst Benedikt XVI. im Jahr 2007 in der römischen Pfarrei Santa Felicita:

Jesus ist gekommen, um uns zu sagen, dass er uns alle im Paradies haben will und dass die Hölle, von der man in unserer Zeit so wenig spricht, existiert und ewig ist für jene, die ihre Augen vor seiner Liebe verschließen.

Der Vollständigkeit halber: In dieselbe Hölle wandern lt. röm.-kath. Lehre auch jene, die die ihre Augen vor ’seiner einzig wahren Kirche‘ (der RKK) verschließen – und abwandern. (Vgl.Aus theologischer Sicht gibt es eigentlich keinen Kirchenaustritt„, domradio.de / „Wegen ‚Kirchenaustritt’ nicht automatisch exkommuniziert„, kath.net)

Triptychon Der Garten der Lüste, rechte Tafel: Die Hölle

Zu jenseitsbezogenen Strafandrohungen muss sich irgendwie verhalten, wer in seiner religiösen oder areligiösen Ideologie vollständig gefestigt bzw. festgefahren ist. In meinem Fall geht das am besten, indem ich mich schlau mache, Diskussionen führe und dadurch zu einer eigenen Einschätzung gelange. Der Aufwand hat sich gelohnt, denn schon lange gelingt es keinem jener Angstmacher mehr, mich bis ins Mark zu verunsichern. Sollte ich mich heute gruseln wollen, schaue ich mir Gemälde von Hieronymus Bosch an.

Allgemeiner formuliert: Mit den ernsten  Fragen unseres menschlichen Daseins kann man sich kaum sinnvoll befassen, solange man innerlich vor Angst bebt. Das Resultat wäre andernfalls bloß eine Art von religiösem Stockholm-Syndrom (ein psychologisches Phänomen, bei dem Opfer von Geiselnahmen ein positives emotionales Verhältnis zu ihren Entführern aufbauen). Wenn ausgelieferte Opfer Zuneigung zu den Tätern entwickeln, dann nur aus einem Grund: weil ihnen in der konkreten Situation nichts anderes übrig bleibt, um nicht ihre seelische Integrität zu verlieren (Unterordnung als Schutzmechanismus).

Karl Barth vertritt gleich zu Beginn seiner „Kirchlichen Dogmatik“ (Band I, 1. Halbband) die Auffassung: “

…indem sich die Kirche zu Gott bekennt, bekennt sie sich auch zu der Menschlichkeit und zugleich zu der Verantwortlichkeit ihres Handelns.“

Es scheint, von dieser Verantwortlichkeit bemerkt die Mehrzahl der Menschen in Deutschland nicht allzu viel. Und in dem Maße, wie anstelle einer sachlichen Diskussion wiederum mit Verdammnis gedroht und kategorisch Gehorsam eingefordert wird, entfernt sich die RKK immer weiter von dieser Mehrzahl – die „Diktatur des Relativismus“ vehement zu beklagen, ändert nur sehr wenig an Kirchenaustritten und der noch weitaus häufigeren inneren Verabschiedung.-

Fazit

Auf die Eingangsfrage – könnte eine schonende Illusion glücklicher machen als eine unverkleidete, unangenehme Wahrheit? – kann keine allgemeingültige Antwort gegeben werden. Präferenzen von Menschen sind halt so unterschiedlich wie ihre Persönlichkeit, Sozialisation und Erziehung. Ebenso könnte gefragt werden: ‚Ist Eskapismus bis hin zur Realitätsflucht sinnvoll?‘ Von der negativen Konnotation abgesehen, kommt es zu Lebenssituationen, in denen solche Abwehrmechanismen der Psyche den einzigen Ausweg darstellen, um zu überleben und halbwegs intakt zu bleiben. In solchen Fällen bleibt dem Bewusstsein selten eine Wahl. In Bezug auf Glaubensfragen verhält es sich aber anders: Jeder von uns hat eine Wahlmöglichkeit und sollte ‚im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte‘ von ihr aktiv Gebrauch machen. Wie diese Wahl ausgeht …nun, Hauptsache ist doch, nicht länger bloß externen Erwartungen gerecht zu werden – sondern selbst mit den eigenen Entscheidungen leben zu können und einen Einklang zwischen innerer Überzeugung und äußeren Handlungen anzustreben.

‚Vermehrtes Wissen‘ ist qualitativ zu beurteilen: Handelt es sich um gesichertes Wissen (z.B. in der Kosmologie) oder lediglich um Thesen, welche vor dem aktuellen Jeweilswissen temporär plausibel erscheinen (wie zB die Äther-Hypthese, welche ich als Laie zwar für sehr plausibel halte, aber dennoch als widerlegt anerkennen muss)?
Bis heute lässt sich eben nicht mit Gewissheit vorhersehen und belegen, was nach dem Ende unseres physischen Daseins aus uns wird. Hierzu müsste bewiesen werden, dass an uns nicht mehr dran und drin ist als komplex organisierte Materie …also keine Seele und auch sonst nichts, was nach unserem biologischen Zerfall von uns übrig bleibt.

Eine derartige Beweisführung existiert nicht, insoweit sehe ich keinerlei Handhabe des atheistischen/agnostizistischen Lagers, den Kern einer nicht-exklusivistischen Jenseitserwartung auf der Grundlage verlässlichen Wissens komplett zu demontieren. Hinsichtlich alter theologischer Schriften mag dies anders aussehen, darum taugen diese Texte bis auf gelegentliche Denkanstöße nicht als primäre Grundlage meines persönlichen Glaubensmodells.

Die Mühe der ‚Wahrheitssuche‘ müssen wir schon selber machen, jeder für sich: Es gilt nachzuforschen und ein Gespür dafür zu entwickeln, was wir für uns und unsere Lieben für die Zeit danach erhoffen (dürfen) – ohne uns sehenden Auges einer bequemen Täuschung hinzugeben.
Unter dem Eindruck fortgesetzter Angst(erzeugung) und bedrohlicher Konsequenzen selbst für kleinste (nicht gebeichtete) Vergehen ist eine nach Möglichkeit faktenbezogene, ergebnisoffene Auseinandersetzung mit Glaubensinhalten aber nicht möglich, und wohl auch nicht gewollt.
Außerdem: Wer seinen Mitmenschen ein Angebot unterbreitet, durch dessen Annahme sich ihr physisches oder seelisches Wohlbefinden erheblich optimiert und ausgeweitet werden soll, avisiert ihnen zugleich allerschwerste Konsequenzen für den Fall einer Zurückweisung? Finde den Fehler..

Wozu der knappe Ausflug zu Höllenvisionen und -märchen? Nun, um sich (s)einer Antwort auf die eingangs gestellte Frage anzunähern, müsste man sich von störenden Einflüssen freimachen – soweit das eben möglich ist. Zu den Störfaktoren zählen Angst (sie lähmt das Denken) sowie eine einschränkende Konditionierung, welche von außen an den Fragesteller herangetragen wird. Dabei wird, stark verkürzt, das eigene Wohlbefinden durch Dritte davon abhängig gemacht, inwieweit wir ein bestimmtes gewünschtes Verhalten zeigen. Das Raffinierte daran: Nach und nach verinnerlicht der Betreffende diesen Mechanismus sowie das entsprechend belohnte Verhalten.
Einen Hund dressiert man übrigens auch mit dieser Methode.

Etwaige Parallelen zu den o.a. Anforderungskatalogen ‚für den Himmel‘ mag man sich selbst ausmalen. Störende Faktoren vollständig auszublenden, wird niemandem gelingen, es hilft aber, sich ihrer bewusst zu werden. Anschließend findet sich leichter Ruhe und Muße, aus eigenem Antrieb, mit der eigenständigen Suche nach einer ‚persönlichen Wahrheit‘ zu beginnen…


Anmerkungen

Man kann man nicht sagen, im Neuen Testament seien Zweifel am Kern des damals noch sehr jungen Glaubens nicht zuende gedacht worden:

Wenn es aber keine Auferstehung der Toten gibt, so ist auch Christus nicht auferweckt; wenn aber Christus nicht auferweckt ist, so ist also auch unsere Predigt inhaltslos, inhaltslos aber auch euer Glaube.
Wir werden aber auch als falsche Zeugen Gottes befunden, weil wir gegen Gott bezeugt haben, dass er Christus auferweckt habe, den er nicht auferweckt hat, wenn wirklich Tote nicht auferweckt werden.
Denn wenn Tote nicht auferweckt werden, so ist auch Christus nicht auferweckt.
Wenn aber Christus nicht auferweckt ist, so ist euer Glaube nichtig,…
(1 Korinther 15,13-17pt)

Bei Ludwig Feuerbach („Das Wesen des Glaubens im Sinne Luthers“) heißt es:

„Gott ist eine leere Tafel, auf der nichts weiter steht, als was Du selbst darauf geschrieben.“
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Franz Buggle: Denn sie wissen nicht, was sie glauben

In seinem religions- bzw. christentums-kritischen Vortrag untersucht der Verfasser des gleichnamigen Buches „die Verhaltensnormen, die ethischen Standards, die Leitbilder, welche [die Bibel als] mit göttlichem Geltungsanspruch auftretende Quellenschrift transportiert.“

Die Positionen und Schlussfolgerungen von Franz Buggle teile ich nur zu einem (überschaubaren) Teil, zumal ich dem frühen Christentum viel Positives abgewinnen kann. Erst durch den Wechsel auf ‚die dunkle Seite der Macht‘ (= den Aufstieg zum Staatsreligion im römischen Reich sowie den beherzten Griff zur weltlichen Machtausübung) entstand ein stetig wachsender Kontrast zwischen neutestamentlichen und frühchristlichen Idealen und der faktischen Ausprägung einer auf Dominanz und Indoktrination ausgerichteten Klerikerelite.

Ob man ihm nun beipflichtet oder nicht, nach meiner Auffassung liefert Buggle wesentliche Denkanstöße für eine kontroverse Auseinandersetzung über die heutige Selbstverständnis von Kirche(n) sowie ihre Verflechtung mit unserem formal säkularen Staat.
Er möchte nachweisen, „dass die Blutspur, die das Christentum durch die Geschichte gezogen hat, keine Kette von institutionellen Betriebsunfällen darstellt, sondern kausal genau aus der Moral hervorgeht, welche die Bibel in die Welt setzt“.

Schon „die Bibel“ ist für mein Empfinden viel zu allgemein gefasst: Die brutalen Genozid-Phantasien des A.T. (zB im Buch Josua) stehen in einem deutlichen Gegensatz zur weitgehend pazifistischen Haltung Jesu. Damit kann die Bibel nicht als insgesamt einheitliches Werk eines Verfassers betrachtet (und verdammt) werden.

  • In Josua 6,17 fordert Josua bei der Einnahme der Stadt Jericho: „Und die Stadt selbst und alles, was darin ist, soll dem Bann des HERRN verfallen sein […]“ und in Jos 6,21 ist zu lesen: „Und sie vollstreckten den Bann an allem, was in der Stadt war, an Mann und Frau, an Alt und Jung, an Rind, Schaf und Esel, mit der Schärfe des Schwertes.
    War Josua, der von „Gott“ berufene Nachfolger von Mose der gedankliche Urheber dieser verabscheuenswerten Massenmorde? Laut A.T. war dem nicht so, denn in einer abschließenden ‚Erfolgsbilanz‘ heißt es: So schlug Josua das ganze Land […] und all ihre Könige: „Er ließ keinen Entronnenen übrig. An allem Lebenden vollstreckte er den Bann, wie der HERR, der Gott Israels, geboten hatte.“ (Josua 10,40)

Ob es sich tatsächlich so zugetragen hat, ist eine andere Frage – in Archäologie und Geschichtsforschung werden zunehmend Zweifel daran geäußert. (Vgl. hierzu auch „Genozid in der Bibel?“ auf auslegungssache.at; in diesem Blogartikel wird zu meinem Erstaunen dargelegt, selbst anhand der Bibel lasse sich belegen, dass diese Auswüchse niemals so stattgefunden hätten.)
Die späteren Blutspuren christlicher Organisationen und Herrscher lässt sich indessen nicht bestreiten, nur ist sie nicht das originäre Produkt ‚des Christentums‘ in seiner ursprünglichen Gestalt: Die primäre Verantwortung liegt bei einer religiösen Vereinigung, deren Selbstverständnis sich über Jahrhunderte von dem des heutigen sog. Islamischen Staates allenfalls graduell unterschied. Ohne zwischen den Glaubensaussagen einerseits und dem Anspruch und den Handlungen einer spezifischen Organisation andererseits zu differenzieren, wird man dem Christentum nicht gerecht werden können.

Buggle selbst stellt in seinem Buch fest:

Ich kenne eine große Zahl von überzeugten Christen, deren ethisches Niveau das des biblischen Gottes bei weitem übertrifft.

Diese Erfahrung kann ich bestätigen – allerdings nur insoweit, als ich die grausame, auf Rache und brutale Sippenhaft bestehenden  von zeitgenössischen Klerikern im A.T. skizzierten Gottesbildes als verstörend und abstoßend empfinde. Ein einfacher Textvergleich offenbart, wie in den Büchern des Alten/Ersten Testament unterschiedliche Autoren ihre persönlichen charakterlichen Defizite und Ängste gewissermaßen auf den von ihnen erschaffenen „Gott“ ausgelagert haben. Ähnlichkeiten mit dem realen Gott sind bestenfalls zufällig und ich frage mich bis heute, wie ‚er‘ wohl über die böswilligen Zuschreibungen von Völker- uns Säuglingsmord, Naturkatastrophen und endlosen Hasstiraden auf seine Person denkt…


Von besonderem Interesse ist die Überschrift des Vortrages „Sie wissen nicht, was sie glauben“. Diese verallgemeinernde Aussage trifft meiner persönlichen Erfahrung nach natürlich nicht auf alle Christen zu, aber doch in erschreckendem Ausmaß: Unter katholischen wie auch evangelikalen Christen bin ich etlichen ’normalen Gläubigen‘ begegnet, die keine der heiklen Bibelpassagen jemals gelesen hatten und sich auch mit zentralen Dogmen ihres Glaubens nie auseinandergesetzt hatten.

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