(K)ein bisschen Wärme?

Lesenswerter Beitrag der Kolumnistin Christina Pohl auf SPON, die sich mit der Situation von ›gealterten Singles in Zeiten der Berührungsprohibition› auseinandersetzt: »Schwinden mit der Verödung auch meine Emotionen?«

»Was passiert, wenn Menschen kaum noch Körperkontakt haben und sich isolieren? Sie drehen durch. Abseits jedes Klopapierhamster-Index und der pandemischen Panik hat die Welt sich viel zu wenig darum gekümmert.«

Stimmt. Auch mein Augenmerk liegt darauf, einerseits keine Viren bei Familie und Freunden einzuschleppen und zugleich mich selbst zu schützen
⇒ sämtliche Besuchs- und Veranstaltungspläne liegen erstmal auf Eis. Arztbesuche nur, ›wenn wirklich was anliegt‹.
Mögliche Spätfolgen? Kommen später in den Fokus… wohl erst dann, wenn sie spür- und unübersehbar werden.

Frau Pohl ist im selben Alter wie ich; auch meine Gefahrenbewertung geht in die Richtung ›Lieber No Fun statt vermeidbare Risks‹; auch ich ziehe den defizitären Kuschelfaktor einem möglicherweise schweren Covid19-Verlauf vor. Sie spricht von emotionaler Verödung als Folge ausbleibender sozialer (und körperlicher) Kontakte – also Schwund …ähnlich einem Muskel, der nicht länger trainiert wird?
»Die Abwesenheit körperlicher Zuneigung scheint beim Menschen verheerende Auswirkungen zu haben.»
Vermutlich, ja. Wobei die furchtbaren Hospitalismus-Experimente von René Spitz nahe legen1, dass erwachsene Personen eine diesbezügliche ›Durststrecke‹ deutlich anders verkraften als Kleinkinder und Säuglinge.

Den beschriebenen Effekt nehme ich als Tendenz schon auch bei mir wahr: »Bei banalen Serienszenen schießen mir Tränen in die Augen« – tjaja, auf vieles reagiere auch ich weitaus sentimentaler als in früheren Jahren; die Corona-Krise hat dies noch deutlicher sichtbar werden lassen.
Andererseits werden die sich anbietenden Möglichkeiten zur (teilweisen) Kompensation und Ablenkung genutzt: Kommuniziert wird telefonisch und online und in meiner Freizeit vertiefe ich mich vorwiegend in Bücher, nicht selten begleitet von harmonischer Musik.
Für dieses vielfältige Angebot
bin ich überaus dankbar – was hätte ich bei einer vergleichbaren Pandemielage in den 1990er Jahren gemacht… oder noch früher, ganz ohne Internet samt Online-Beschaffung von Romanen und Hörbüchern sowie mit maximal 3-7 TV-Programmen? (Womöglich wäre ein partnerschaftliches Verhältnis mit einem Gummibaum zumindest in Betracht gezogen worden…;)

Allerdings sehe ich nicht, dass die Emotionen infolge erzwungener Verödung wirklich schwinden – jedenfalls nicht schon nach 6 – 9 Monaten. Eher werden sie zurückgestellt und einstweilen vom veränderten Alltagsgeschehen überlagert …nicht wenige von uns dürfte auch der medial konsequent begleitete »Zustand ständiger Hypervigilanz« vorrangig in Beschlag nehmen: stets wachsam, »reagieren wir überproportional auf die unbedeutendsten Dinge, …und rechnen mit Dingen, die noch nicht geschehen sind«. (Anders verhält es sich mit sozialer Kompetenz…die schwindet tatsächlich, wenn sie über Jahre nicht genutzt und geübt wird.)

Und wie mag sich Social Distance auf das allgemeine Balz- und Partnersuche-Verhalten auswirken? Für einen ergiebigen Flirt mit Mund-Nasenschutz können Sie auf YT eine Fülle von Ratschlägen und sogar Coachings finden. Der Erstkontakt mag ja klappen: ›Gnädigste, würden Sie mir zuliebe für einen gesegneten Moment Ihre Maske abnehmen? Ein wundervolles Design übrigens… ich halte so lange gebührenden Abstand, ja?‹ oder im zeitgemäßeren Sprachcode: ›Ey Püppi, mach‘ mal kurz den bunten Lappen runter‹. Doch wie soll’s nach erfolgreichem Telefonnummerntausch weitergehen – Verabredung zum gemeinsamen Entenfüttern? Früher oder später würden die maskiert Flirtenden sich vermutlich etwas näher kommen wollen.
Ganz offensichtlich mangelt es mir in dieser Hinsicht an Phantasie; so gesehen finde ich es gerade im Interesse der Jüngeren gut, dass Coach Marko Mitrovic auf diese Thematik eingeht. Wie er im verlinkten Video andeutungsweise einräumt, fehlt vielen Frauen (und sicherlich auch Männern) schlicht die Offenheit, sich derzeit auf neue Kontakte überhaupt einzulassen – außer halt dort, wo die Vorsichtsregeln ohnehin stumpf ignoriert werden.

Diesbezüglich spricht Frau Pohl mir aus der Seele:
»Ich bin auch wütend. Auf alle, die auf die AHA-Plus-Irgendwas-Regeln scheißen und das ganze Land in den nächsten Lockdown feiern.«
(Tatsächlich erklärte RKI-Chf Wieler in der heutigen PK [22.10.2020], dass solche gewollt engen und intensiven Begegnungen zahlreicher Personen mit eine Hauptursache für die massenhaft steigenden Infektionszahlen bilden.)

Aus eigenem Erleben kann ich eine weit, sehr weit verbreitete Halbherzigkeit hinsichtlich der allgemein bekannten Regeln bestätigen: zumeist wird zwar eine Maske getragen – doch damit sei jeglicher Sicherheitsabstand komplett überflüssig, scheinen viele Leute (jeden Alters) beim Einkaufen zu denken.

Nächste Frage: »wie müssen sich erst die wirklich alten Menschen in den Heimen fühlen?«
Den Betrieb in Altenheimen kenne ich nur von länger zurückliegenden Besuchen bei der Urgroßmutter einer Partnerin, darum kann ich mich in die dortigen Empfindungswelten kaum hinein versetzen.
Doch schon für jene Uroma stellten die Besuche aus dem Familienkreis damals das ultimative Highlight dar – insofern habe ich eine vage Ahnung, was das erzwungene Ausbleiben von Besuchen für viele Heimbewohner bedeutet.-


Anmerkung

  1. Der Begriff Hospitalismus fasst man alle negativen körperlichen und psychischen Begleitfolgen eines Entzuges sozialer Interaktionen zusammen.
    Zu den schlimmsten Ursachen gehören mangelnde Umsorgung und lieblose Behandlung von Säuglingen und Kindern durch ihre primären Bezugspersonen (Eltern), da die hierdurch verursachten Störungen ein Leben lang fortbestehen und nur sehr eingeschränkt behandelbar sind. 
    Im Erwachsenenalter kann z.B. Isolationshaft ebenfalls gravierende Folgen nach sich ziehen. Im Vordergrund steht hier allerdings der Entzug  optischer und akustischer Reize – zusätzlich zur  sozialen Isolation.
  2. Damit will ich – als totaler Laie – keinesfalls die Behauptung aufstellen, das Covid19-Virus könne komplett zum Verschwinden gebracht erden. Gemeint ist eine Zeit nach diesem Krisenzustand, in der das Infektionsgeschehen deutlich besser beherrscht werden kann.
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Über Käfige und das Warten auf Chancen

»Tausend Chancen, doch nur theoretisch.
Denn niemand kommt und öffnet diesen Käfig.«
Es müsste ein Ruck durch die gesamte Menschheit gehen…


Der Song »Andere Welt« berührt mich, obwohl er nicht wirklich viel mit meiner Person zu tun hat – da sind keine Drogen- und Milieuprobleme, vorhandene Schwierigkeiten (wie sie in jedem Leben auftreten) sind weitgehend selbst gemacht und begründen keinerlei Opferstatus.

Was mich an diesem Song ›triggert‹, sobald ich ihn aus seinem Kontext löse, ist eine kollektive Dimension – wieder einmal gestatte ich mir einen Eindruck zu äußern, ohne einen umfassenden Lösungsvorschlag präsentieren zu können…:
Mehr und mehr kommt es mir so vor, als befinde sich die gesamte Menschheit in so einem unsichtbaren und doch eisenharten Käfig. Theoretisch haben ›wir‹ jede Menge Chancen und auch das Potenzial, um diese Welt zu einem stabilen, sicheren Ort zu machen. Tatsache ist: etliche Probleme kriegen ›wir‹ nicht geregelt, bleiben entweder auf halber Strecke stehen oder fallen in alte, schädliche Verhaltensmuster zurück.
Wie der österreichische Tiefenpsychologe Alfred Adler erkannte, sind Neurosen eine Ausdrucksform entmutigter Menschen. Vereinfacht ausgedrückt:
Wir machen immer wieder das gleiche; und dann erwarten wir andere Resultate.
Das ist Wahnsinn.

Es kommt (soweit absehbar) niemand, der diesen Käfig von außen öffnet und die Menschheit zu größerer Lösungskompetenz anleitet.
Wer sollte das auch sein?

  • Die Aliens?
    Ach, die hat kaum einer gesehen und zudem sind sie weit, sehr weit weg. 
  • Gott/die Götter?
    Nun, ich denke so funktioniert das nicht: letztlich haben ›wir‹ einen großen Teil der bestehenden Probleme (also jene, die eine existenzielle Bedrohung darstellen) selbst verursacht. Oder wir haben sie zumindest kommen sehen und uns nicht beizeiten darum gekümmert. Falls Gott als eine Art übernatürlicher Pädagoge gesehen werden kann, so wird er vermutlich wünschen, dass wir endlich aus den oft genug wiederholten Fehlern lernen.

Andere Welt (Capital Bra & KC Rebell ft. Clueso)

Eine andere Welt – aber wie?

»Aber ich gebe mir doch Mühe und versuche, vieles richtig zu machen.«
Tjaha, dies nehme ich gelegentlich auch für mich in Anspruch. Nur, leider reicht Selbstbezogenheit nicht aus: was Bundespräsident Roman Herzog seinerzeit den Deutschen ins Stammbuch schrieb, lässt sich längst auf uns alle anwenden, egal wo: es müsste »ein Ruck« durch die Menschheit gehen:

»Was sehe ich dagegen…? Hier herrscht ganz überwiegend Mutlosigkeit, Krisenszenarien werden gepflegt. Ein Gefühl der Lähmung liegt über unserer Gesellschaft. […]
Lassen wir uns nicht täuschen: Wer immer noch glaubt, das alles gehe ihn nichts an, weil es ihm selbst noch relativ gut geht, der steckt den Kopf in den Sand.«
(Seine berühmteste Rede als Bundespräsident hielt Roman Herzog 1997. Es lohnt sich wirklich, die Rede erneut zu lesen und auf die heutige Zeit anzuwenden.

Vollständige Rede im Wortlaut auf SPON)

Wenngleich er im Jahr 1997 vor allem die Modernisierung der Wirtschaft im Blick hatte, konstatierte Herzog schon damals »die Erstarrung der Gesellschaft, eine unglaubliche mentale Depression«. Doch er erkannte auch:

»Wer heute in unsere Medien schaut, der gewinnt den Eindruck, dass Pessimismus das allgemeine Lebensgefühl bei uns geworden ist. Das ist ungeheuer gefährlich; denn nur zu leicht verführt Angst zu dem Reflex, alles Bestehende erhalten zu wollen, koste es was es wolle.
Eine von Ängsten erfüllte Gesellschaft wird unfähig zu Reformen und damit zur Gestaltung der Zukunft.«

Eben darauf beziehe ich das Bild vom Käfig, der sich anscheinend nur mir äußerster Anstrengung von innen aufbrechen ließe.

Das allabendliche ›Was soll nur werden?‹

So ergeht es mir auch heute: Nahezu jede Ausgabe der Abendnachrichten erzeugt negative Emotionen, gerade seit Beginn der Corona-Zeit. Sind es nicht erschreckende Infektionszahlen, dann eben Hiobsbotschaften und düsterste Visionen: die Wirtschaft am Boden und die Klimakatastrophe rast anscheinend ungebremst auf uns zu…

Auch hierauf sind weitere Einwände möglich: ›Nun ja, aber für die Pandemie können wir schließlich nix.‹
Das ist richtig, doch es liegt in unserer Verantwortung, in geeigneter Weise zu reagieren… und die Gesundheitsgefahren nicht durch rücksichtsloses Verhalten noch zu vergrößern.
Zudem ist die hier allenfalls erahnte Problematik viel älter als die Covid19-Pandemie – diesen Eindruck ›wir kriegen das nicht (mehr) geregelt‹ habe ich deutlich länger; so richtig bewusst wurde er mir mit der nie wirklich beigelegten Finanzkrise ab 2007: Politik und Gesellschaft scheinen zunehmend ratlos, es werden mehr Workarounds gefunden als echte, dauerhaft tragfähige Lösungen.

Beispiel für ein Workaround (dieses hier funktioniert bei Tageslicht, aber nachts?)

Ja, Verallgemeinerungen sind stets kritisierbar und Schuldzuweisungen bewirken selten Positives. Doch ist es so falsch zu mutmaßen, viele von uns flüchten in einen ge- oder übersteigerten Individualismus und blenden die zunehmend bedrohliche (globale) Außenwelt zunehmend aus?
Bei mir selbst nehme ich diese Tendenz in erschreckendem Ausmaß wahr: Zuweilen wird es zu viel… ich mag ‚das alles‘ nicht mehr hören und ziehe angenehm ruhige Musik den News und Dokumentationen vor.

Eine andere, bessere Welt?

Nochmalige ‚Ausleihe‘ bei Roman Herzog:

  • »Innovationsfähigkeit fängt im Kopf an… 20 Jahre haben wir gebraucht, um den Ladenschluss zu reformieren. Die zentralen Herausforderungen unserer Zeit werden wir mit diesem Tempo ganz gewiss nicht bewältigen
  • »Die Jungen beobachten uns Alte sehr genau. Wirklich überzeugen werden wir sie nur, wenn wir ihnen unsere eigene Verantwortung glaubhaft vorleben

Kurzum, in diesem unsichtbaren Käfig wird es zunehmend ungemütlich. Weiterhin darauf hoffen, die bestehenden Herausforderungen könnten sich mit der Zeit in Wohlgefallen auflösen?
Eine andere, bessere Welt herbeizuführen, würde aus meiner Sicht einen globalen Aufbruch in ungewohnter Einmütigkeit erfordern:
Anstatt sich auf linke/rechte/grüne/religiöse/… Ideologie zu fokussieren (und ausschließlich deren Vertreter zu mobilisieren), sollte ein solcher Aufbruch so pragmatisch wie nie zuvor ausfallen: die Herausforderungen – Klima, Umwelt, geopolitische Konflikte, Wachstumswahn, Migration als Folge drastisch divergierender Lebensqualität – sind hinreichend bekannt, dokumentiert und analysiert.
Zumeist ist uns
auch klar, wie ein persönlicher Beitrag aussehen könnte…

Wer etwas will, findet Wege.
Wer etwas nicht will, findet Gründe.

Quellenangabe

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Wie ist die Stimmung?

Es ist schwer, das Glück in uns selbst zu finden,
und es ist ganz unmöglich, es anderswo zu finden.

Nicolas Chamfort

Es hat mehrere Monate gedauert, bevor ich mich nun wieder zu Wort melde. Der Grund dafür ist rasch erklärt: die aktuellen Themen und Diskurse unterliegen einer drastischen Emotionalisierung bei sichtbar schwindender Zuversicht… was angesichts der Pandemie sowie der vermutlich noch vor uns liegenden Schwierigkeiten durchaus zu verstehen ist.
Dieser Schwund an Zuversicht hatte auch mich zeitweilig erfasst – eine Stimmungslage, in der ich nur wenig Sinnvolles ‚zu Papier‘ bringe.-

Die Nachrichtenlage bleibt weiterhin reichlich be- oder sogar erdrückend. Auch mit der ‚allgemeine Stimmungslage‘ steht es weiterhin nicht zum Besten.
Was kann man da tun? Mir sind besonders zwei Tendenzen unangenehmen aufgefallen, welche sich durch eigenes Verhalten ein Stück weit beeinflussen lassen:

„Wenn zwei sich streiten, lächelt die Wahrheit.“

Es steht uns frei, tagtäglich in die endlosen, zusehends verbissener geführten Diskussionen auf den Seiten und Apps sozialer Medien einzutreten. Damit hat man einen effizienten Timewaster gefunden – sowie eventuell noch die Zustimmung von Unbekannten in Form von Likes und Retweets – mehr aber auch nicht.
Denn, so ist jedenfalls mein Eindruck, dort geführte Streits sind denkbar unproduktiv: vielfach geht es allein darum, eigene Ansichten und ‚daraus erwachsende Identitäten‘ zu artikulieren.
Das Anliegen, den eigenen Horizont zu erweitern und ggf. auch selbstkritisch zu verändern, scheint hingegen aus dem Blick zu geraten. Dazu passt auch, dass Vertreter abweichende Ansichten immer häufiger geblockt werden.

Momentaufnahme: Das Gezänk über den „Maskenzwang“ nimmt gerade etwas ab, denn es werden Rettungspakete und ein Wiederaufbaufonds verabschiedet – und lange bevor die Tinte unter den Verträgen getrocknet ist, beharken sich gefühlt 80 Millionen Ökonomie-Experten allein in Deutschland sogleich über das Warum. Und das Für Wen.
Natürlich ist manches kritisierbar, wenn ausgabefreudige EU-Länder nun Milliarden an nicht rückzahlbaren Zuwendungen erhalten… und sich einige der Empfänger-Staaten sich immer weiter von den rechtsstaatlichen Prinzipien der EU-Verfassung entfernen.

Doch angesichts reflexhafter Urteile mit Schaum vor dem Mund fehlt mir oft ein Innehalten und Bewusstwerden: 

„Wir denken selten an das, was wir haben,
aber immer an das, was uns fehlt“

…stellte Arthur Schopenhauer fest. Permanente Fokussierung auf das Unvollkommene mündet in ebenso permanente Unzufriedenheit… gesund ist das nicht und innerlich ausgeglichen wird man dadurch auch nicht.-

Nostalgie

Meine Generation, die ‚Boomer‘, tappen mit Vorliebe in eine etwas andere Falle: „§ 1. Die Vergangenheit war immer besser.“
Unsere Erinnerung ist gefärbt von dem Umstand, dass wir uns ‚damals‘ mit 25 oder 30 eben jünger und oftmals auch besser gefühlt haben. Folglich erscheint uns die Musik der 80er origineller, die Politik der 90er klüger,  und die D-Mark hatte viel mehr Kaufkraft als der €  (letzteres stimmt ja auch;)

Obgleich ich mir nicht einrede, früher sei alles besser gewesen, ist diese Sehnsucht nach Vergangenem häufig präsent. Das emotionale Gedächtnis funktioniert fehlerhaft, denn negative Emotionen geraten mit der Zeit in Vergessenheit. (Vgl. Warum früher alles besser war“ auf SPON)

Auch hier gilt: Weder Rechthabenwollen noch Besserwisserei verbessern die gegenwärtige Situation auch nur minimal. Selbst wenn man für einen Moment so tut, als wäre früher alles besser gewesen – meine Oma war übrigens auch dieser Ansicht, bezog sich aber auf die 1930er Jahre – was nützt uns das jetzt?
Wir als ‚Ältere‘ sind dennoch gut beraten, uns an die eigene Jugend zu erinnern – aber selbstkritisch und ehrlich:
Was konnten wir seinerzeit partout nicht ausstehen?

→ Altkluge, herablassende Belehrungen derer, die wir damals für alt hielten.
Könnte es sich also als zweckmäßig erweisen, wenn wir heute auf eben dieselbe Überheblichkeit verzichten? Hilfreiche Ratschläge sind gut und schön, doch angenommen werden sie wohl nur da, wo sie nicht ungebeten erteilt werden.-

Alternativ zu dem niemals endenden Gezerre und der Flucht in vergangene Zeiten bietet sich an, gezielt nach kleinen Orten und Momenten der Besinnung zu suchen. Ideal zum Erholen und Auftanken sind stille Orte mitten in der Natur, fernab von all dem Gekeife, dem Geschrei und dem Sich-gehetzt-fühlen. Doch zur Not tut es auch die ‚innere Einkehr‘, welche mir persönlich am besten mit Musik gelingt.

***

Look To The Morning Light – Mike Terry

***

A New Day Has Come

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Das Letzte Virus? Der Letzte Sommer?

«Da Weltuntergänge äußerst selten stattfinden, kann man sie so oft herbeireden, wie man will.»1

Erinnern Sie sich noch an die ’spirituelle Unruhe‘ im Jahre 2012, als ein paar Leute unbedingt den Weltuntergang (exakt terminiert für den 21.12.12) herbeireden wollten? Einige zeigten sich überzeugt: der Aufstieg in die 5. Dimension sei ja wohl das Mindeste, das man sich erhoffen dürfe. Andere verschenkten ihr ganzes Vermögen und packten den Rucksack für ihre Entrückung. Die Axe-Werbung 2012 („Final Edition„) war immerhin originell.-

Als dann am Untergangstage buchstäblich nichts passierte, verfielen unermüdlich hellsichtige Propheten darauf, das Datum zu korrigieren. Weltuntergangsapologetik geht nämlich immer.

Und nun? Mit dem Andauern der Coronakrise geht erneut so eine merkwürdige Stimmung einher: „Corona-Apokalypse“ bleibt ungeachtet vorsichtiger Lockerungen ein heißes Thema; inzwischen richtet sich der Blick vermehrt auf die ökonomischen Auswirkungen der Krise: „viele bedeutende Denker sagen voraus, dass, wenn die apokalyptischen Reiter erst einmal vorbeigaloppiert sind, just das passieren wird, was sie sich ohnehin schon immer gewünscht haben:“3

  • Beim ‚Niedergang des Kapitalismus‘ sind sich viele sehr sicher – und verschweigen  zumeist die Kollateralschäden, die eine weitere große Depression oder noch Schlimmeres mit sich brächten. Die Zahl der Corona-Todesfälle (bislang 251.718) nähme sich demgegenüber „verschwindend“ aus.
    Sogar
    von der sofortigen Einführung des Kommunismus wird nun wieder geträumt. 
  • Da geraten die Begrifflichkeiten auch schon mal durcheinander: → „Ein Virus namens Apokalypse“ (dieser DLF-Artikel setzt sich freilich kritisch auseinander mit der „Idee, dass die Veranlagung zur apokalyptischen Deutung von Krisenzeiten zutiefst menschlich sei“.)
  • Wer auf YT oder Facebook berühmt werden will, hat weiterhin gute Chancen: einfach eine These aufstellen, die vielen Menschen (noch mehr) Angst macht. Das klingt dann ungefähr so:
    Eine dunkle Wesenheit von entsetzlicher Macht, die reptiloide Angela M. habe sich mit weiteren bösen Alien-Echsen verbündet, um die Menschheit zu zerstören / uns als Sklaven an einen multinationalen Konzern ausliefern oder sie wolle uns als Fischstäbchen (bzw. Human McNuggets) an die Unterwelt verfüttern – die Erfindung der Corona-Viren Nr. 1 bis Nr. 19 sei dafür erst die Ouvertüre..
    ⇒ Nichts ist so schwurbelig, als dass es nicht von ein paar Uninformierten geglaubt würde. Warum muss es immer was mit Echsen sein?

Und was soll das alles?

Klar, jedem von uns ist es gestattet, so zu tun als sterbe die Menschheit bis spätestens zum Herbst 2020 aus oder die ganze Welt ginge den Bach runter – mit geeigneter Lektüre und schwermütiger Musikbegleitung kann man in sich eine endzeitliche Wehmut wachrufen …das ist nicht schwer.

Gesund ist das Abgleiten ins Morbide sicher nicht in einer Zeit, die ja durchaus als ernst bezeichnet werden kann. Eine sich ausbreitende Weltuntergangsstimmung wirkt fast so lähmend wie ein echter Weltuntergang …besonders dort, wo dieses Gift in hohen Dosen verabreicht und konsumiert wird. Wer davon profitiert? Nun, sicher nicht die gutgläubigen Konsumenten:

  • „Angstmache ist zu einer kulturellen Ressource geworden aus der sich verschiedene Leute und Interessengruppen nähren, um daraus Anerkennung für ihre [eigentlichen] Botschaften oder Argumente zu ziehen.“2
  • Kollektive „Angst… ist sozial konstruiert und wird dann von denen manipuliert, die sich davon Vorteile versprechen.“2
    Es wäre ein spannendes Forschungsthema zu untersuchen, inwieweit die Angstmacher selbst auch in ihren düsteren Zukunftsvisionen und -stimmungen gefangen sind – oder ob sie insgeheim ihre bibbernde Jüngerschar verachten.-

Irgendwas Apokalyptisches ist ja immer

Wirklich neu ist dieses kollektive Warten auf das Ende nicht: Gerhard Henschel präsentierte in seinem Buch „Menetekel: 3000 Jahre Untergang des Abendlandes“ eine schillernde „Parade der Unheilsverkünder“ aus 3 Jahrtausenden. Zumindest in historischer Zeit sei jede Generation davon überzeugt gewesen sei, die Apokalypse stehe unmittelbar bevor.

Ein kurzer Blick auf die letzten 50 – 70 Jahre soll hier genügen:
Im Angesicht des nuklearen Overkills der Atommächte wuchs die Nachkriegsgeneration in dem Bewusstsein auf, dass unablässig das Damoklesschwert eines globalen Atomkrieges über ihr schwebte. Waren Ängste vor der Apokalypse noch bis etwa 1995 auf die nuklearen Bedrohung gerichtet, sind heute der Klimawandel, ein Cyberkrieg sowie derzeit die Gefahr einer weltweiten Pandemie stärker ins Bewusstsein gerückt.

Einrichtungen wie die „Doomsday Clock“ oder „→ Weltuntergangsuhr“ stellen zudem sicher, dass das nahende Ende niemals und niemandem wirklich in Vergessenheit gerät. Allerdings liegt die Intention hier weniger im Angstmachen als in einer ernsten Mahnung an Entscheider und Eliten, endlich „diese bedrohlichen Probleme in Angriff zu nehmen und in den Griff zu bekommen“. Ob die Einschätzungen der zuständigen Wissenschaftler in ihrer vergleichenden Gewichtung immer zutreffen (während der Kubakrise 1962 war es ‚erst 7 vor 12‘, während die Gegenwartslage 2019/2020 mit nur noch ‚100 Sekunden vor 12‘ beurteilt wird…), vermag ich indes nicht zu sagen.

Seit etwa 20 Jahren wurden uns „alljährlich neue apokalyptische Bedrohungen präsentiert, meist, wenn auch nicht immer, sehr vorübergehender Natur“: AIDS, BSE, Vogel- und Schweinegrippe, mögliche Auswirkungen der Gentechnik, das von Umweltzerstörung und Klimawandel, das Y2K-Problem sowie nach dem 11. September 2001 der global agierende Terrorismus…
wem schwirrt da nicht der Kopf?

Merkwürdig: Positive, erfreuliche Nachrichten stoßen eher selten auf Interesse (und finden, so mein Eindruck, auch weitaus weniger Verbreitung). Negative Informationen werden im Alarmareal unseres Gehirns verarbeitet und besitzen „einen höheren Aufmerksamkeitswert als positive Meldungen, da sie archaische Fluchtimpulse steuern“.
Allerdings kann dabei auch eine Reizschwelle überschritten werden: „Es wird uns zu viel“ mit dem ständigen Alarmismus → so etabliert sich ein Zustand bleibender Resignation, der dem Phänomen „Erlernte Hilflosigkeit“A recht nahe kommt: immer mehr Menschen entwickeln die Überzeugung, dem großen Weltgeschehen chancen- und rettungslos ausgeliefert zu sein:

  • „Ich schaue mir keine Nachrichten mehr, das ist zu deprimierend.“
  • „Ja, es sieht schlimm aus in der Welt. Darin ist leider, leider nichts zu ändern.“
  • „Da kannste dich nur noch besaufen.“

Solche Äußerungen hat es schon immer gegeben. Doch sie scheinen in der momentanen Zuspitzung deutlich mehr zu werden. Nun, wem könnte ein erheblicher Anteil der Menschheit, der komplett resigniert hat und in dumpfer Passivität verharrt, prima ins Konzept passen?

„Wir werden alle sterben“ – Der eigene Tod reicht nicht?

Der eigene Tod – jene unvermeidliche persönliche Apokalypse2 – bedürfe des Trostes und der Erklärung. Mit der Suche nach einem geeigneten Erklärungs- und Zukunftsmodell, welches den persönlichen Tod weder ausklammert noch als unausweichliches Ende des Bewusstseins betrachtet, hätte man doch eigentlich auf Jahre, nein auf Jahrzehnte genug zu tun. Zumindest mir ergeht es so – statt endgültiger, zeitloser Wahrheiten tun sich immer wieder neue Fragen (und alte Zweifel) auf.

Nicht ganz unwesentlich: der eigene Tod im biologischen Sinne ist sicher – im Gegensatz zu dem, was der Menschheit als Spezies bevorstehen könnte. Weshalb brauchen wir also zusätzlich zu all den persönlichen Wohin-, Wozu- und Was-kommt-danach-Fragen noch kollektive Dimension des (Aus)Sterbens? Fühlen wir uns weniger alleingelassen, sobald wir uns einreden können: ‚es wird ein furioses Massensterben geben‘?

Die biblisch-christliche Apokalypse (→ Offenbarung des Johannes) kommt zwar in grausam-erschreckender Weise daher; sie bleibt jedoch nicht ohne Hoffnung: auf das das Ende folgt ein Neubeginn (nun, immerhin für die gehorsam Glaubenden).
Diese positive Perspektive sei in zahlreichen Apokalypse-Phantasien der Moderne entfallen: „Sie hat sich reduziert auf die bloße Zerstörung, was diese so verhängnisvoll macht“.

Die eigene Perspektive schärfen

„Nichts ist schwerer zu ertragen als eine Reihe von guten Tagen“? Momentan spricht überhaupt nichts dagegen, unser Augenmerk auf die Lebensaspekte und -momente zu richten, die ‚eigentlich gar nicht so schlimm sind‘ – und sich die Faktenlage (und wirklich nur die Fakten) deutlich bewusst zu machen:

  • Covid-19 ist eine ansteckende, potenziell tödlich verlaufende Erkrankung. Das Ergreifen empfohlener Vorsichtsmaßnahmen (Hygiene, Abstand halten, Mundschutz tragen etc.) bleibt also sinnvoll und wichtig.
  • Das große Ganze?
    →“Irgendwann einmal wird der Weltuntergang, das Ende der Menschheit kommen – genauso unvermeidlich wie unser individueller Tod. Nur: wann das sein wird und auf welche Art und Weise – dies wird niemand vorhersagen können.“ So, wie alle bisherigen Weltuntergangs-Termine verstrichen sind, besteht kein Grund zu der Annahme, dass der ‚echte‘ Untergang in naher Zukunft bevorsteht.
    Folglich muss sich man nicht ausdauernd mit den Untergangsphantasien und Alarmorgien der anderen beschäftigen. „In den eigenen Routinen bleiben, neue Routinen aufbauen und aus der Zeit einfach das Beste machen, scheint die beste Strategie zu sein.“4

Quellenangaben

  1. Der nächste Weltuntergang wird der letzte sein„, Die Welt vom 2.12.2019
  2. Apokalypse aus psychologischer Sicht – Angst und Faszination„,
    Bundeszentrale f. politische Bildung,
  3. Corona-Krise: Die Apokalypse ist nicht der Weltuntergang„,
    Die Welt vom 19.04.2020
  4. Ein Virus namens Apokalypse„, DLF

Anmerkung

A = Erlernte Hilflosigkeit ist die aufgrund negativer Erfahrung entwickelte Überzeugung, die Fähigkeit zur Veränderung der eigenen Lebenssituation verloren zu haben. Der Begriff bezeichnet ein (individual-)psychologisches Konzept zur Erklärung von Depressionen, Diese gedankliche Selbstbeschränkung bzw. Passivität wird auf frühere Erfahrungen der Hilf- und Machtlosigkeit zurückgeführt.

 

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Corona – wo informiere ich mich?

Unterschiedliche, zuweilen ganz widersprüchliche Informationen und Mutmaßungen über Covid-19 geistern durchs Netz. Nicht nur von ‚den üblichen Verdächtigen‘, das wäre ja auch zu einfach.
Nein, sogar Mediziner und Biologen veröffentlichen ihre Privatmeinung in Videos – oftmals, um die Auswirkungen der infektiösen Lungenkrankheit zu verharmlosen und gleichzeitig die neuen Regeln – Kontaktverbot bzw. Ausgangsbeschränkung, Schließung von Geschäften, Kneipen, Cafés etc. – zu diskreditieren.
Solche privaten Statements und Unkenrufe sind zulässig, doch sie können ganz schön verunsichern.

Nun fühle ich mich bestimmt nicht berufen, anderen Menschen Vorgaben zu machen, wo sie sich informieren sollten und wo nicht. Statt dessen fasse ich einfach mal zusammen, was ich mir in Bezug auf die Krise anschaue und -höre:

  • Auf Zusammengegencorona.de hat das Bundesministerium für Gesundheit die wesentlichen Informationen über das Virus, die Übertragungswege sowie das gegenwärtige Regelwerk in dieser Ausnahmesituation zusammengestellt.
    Zusätzlich ist es zweckmäßig, auch einen Blick auf ggf. bestehende zusätzliche Bestimmungen der Länder, Landkreise/kreisfreien Städte zu werfen – also jeweils den eigenen Wohnort betreffend.
  • Auf der Webseite des Robert-Koch-Institutes findet sich eine ganze Linksammlung in Bezug auf Hintergrundinformationen zu Covid-19
    (um das alles zu studieren, braucht man schon etliche Stunden)
  • Eine vom RKI autorisierte Grafik visualisiert die Anzahl von Infektionen nach Bundesländern und Landkreisen.
    (Wer sich fragt, warum die Angaben mitunter deutlich schwanken und ‚Ausreißer‘ zu sehen sind, findet auf dem Reiter ‚Disclaimer‘ (rechts unten auf dieser Seite) eine verständliche Erklärung.)
  • Ausführlichere Erläuterungen sind dem werktäglichen Podcast des Virologen Prof. Drosten beim NDR zu entnehmen.
  • Etwas spezieller: warum es sich bei Sars2-Cov-2 nicht um eine Biowaffe handeln kann:
    DLF nova vom 17.3.2020
    → „
    Coronavirus kommt nicht aus dem Labor“, auf Scinexx.de am 19.03.2020

  • Angaben über Wirtschaftshilfe für Unternehmen und Arbeitnehmer in der Coronakrise finden sich gleich auf der Startseite des Bundesministeriums für Wirtschaft. Dort wird auch auf eine Hotline verwiesen.

  • Ferner bieten die großen Kirchen eigene religiös-spirituelle Betrachtungen, aber auch seelsorgerliche Hilfestellung in dieser Krise an.

Diese paar Links sind weder vollständig noch handelt es sich um ‚Geheimtipps‘ oder um Lieferanten von ‚alternativen Fakten‘ – vielmehr möchte ich darauf hinaus: seriöse Quellen bieten mehr als genug Infos sowie Hilfestellungen an, darunter auch abwägende Erörterungen zu verschiedenen Szenarien und der mitschwingenden Frage ‹Krisenmodus – wie lange denn noch?›:

Corona: Sinkt die Zahl der neu Infizierten? (BR, 24.3.2020)

Im Grunde besteht also keine Veranlassung, sich durch Sonderlehren und Einzelmeinungen verunsichern zu lassen – doch wie gesagt, wir sind alle erwachsen und auch für unsere ‚Informations-Hygiene‘ selber verantwortlich.

Um was es letztendlich geht, dürfte jeder von uns verstanden haben: auch wenn die Ausbreitung des Virus sich letztlich nicht verhindern lassen sollte, so kann sie doch verlangsamt werden. Und das ist lebenswichtig, damit nicht zu viele Erkrankte zeitgleich in Krankenhäusern aufgenommen und ggf. beatmet werden müssen. Denn, auch das ist nicht neu, die Anzahl der Intensivplätze und Beatmungsgeräte ist begrenzt – selbst wenn sie durch gewaltige Anstrengungen im Gesundheitswesen vergrößert wird.-

Bleiben Sie gesund oder werden Sie schnell wieder gesund.

PS: Bereits jetzt wird viel über die Zeit nach Corona fabuliert, und was man alles anders machen müsste. Na, eventuell werden einige Lehren dauerhaft gezogen. Womöglich könnte es aber auch so sein wie in diesem kurzen Gedicht:

Die Frösche
(Johann Wolfgang v. Goethe)

Ein großer Teich war zugefroren;
Die Fröschlein, in der Tiefe verloren,
Durften nicht ferner quaken, noch springen,
Versprachen sich aber, im halben Traum,
Fänden sie nur da oben Raum,
Wie Nachtigallen wollten sie singen.

Der Tauwind kam, das Eis zerschmolz,
Nun ruderten sie und landeten stolz
Und saßen am Ufer weit und breit
Und quakten, wie vor alter Zeit.

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„Das ist gar nich‘ mehr muckelig jetzt…“ – Ablenkung früher & heute

Derzeit fehlen mir ziemlich die Worte in dieser Coronakrise …einer Pandemie mit der vermutlich kaum einer von uns gerechnet hat, obwohl damit zu rechnen war. Viele Themen, die derzeit laufend hin- und hergewälzt werden, erscheinen mir so wohlfeil:

  • Politikerschelte geht eigentlich immer – doch bis das Gröbste überstanden ist, nützt das Meckern herzlich wenig.
  • Statistiken über infizierte Personen je Staat/Bundesland finde ich nicht sehr hilfreich, solange nicht auch die Gesamtzahl getesteter Personen gegenübergestellt wird.
  • Dass sich unter meinen Landsleuten gefühlt 20 Millionen Virologen befinden, hätte ich auch nicht vermutet. Als Nichtmediziner halte ich mich bei fachlichen und zudem sensiblen Fragen komplett zurück.
  • Über rücksichtsloses Hamstern rege auch ich mich auf. Doch was erreiche ich denn damit, wenn ich nun ebenfalls das leere Brotregal im einzigen zu Fuß erreichbaren Supermarkt fotografiere und in den sozialen Medien verteile?
    ⇒ Mit dieser Momentaufnahme (am nächsten Tag habe ich eigentlich alles Benötigte einkaufen können) vergrößere lediglich ich noch die Beklemmungen anderer Menschen, die dann erst recht unreflektierte Panikkäufe starten. Diesbezüglich würde ich mir etwas mehr Mitdenken und dafür weniger Drang zur Selbstdarstellung bei meinen Zeitgenossen wünschen.

Sich unablässig mit Hiobsbotschaften berieseln lassen, ist mehr bedrückend als informativ. Darum höre ich mir das werktägliche Corona-Update (→ NDR-Podcast mit Prof. Drosten) an und anschließend vielleicht noch eine Pressekonferenz, aber dann ist es auch gut.

Ansonsten: Wer wie ich nicht zum systemrelevanten Teil der Bevölkerung zählt, bleibt am besten mit seinem Hintern daheim (kurze Spaziergänge alleine oder mit Hund sind ja noch erlaubt und eigentlich auch sinnvoll) und lenkt sich so gut es geht ab.
Das ist gar nicht immer einfach… für Ablenkung zu sorgen, wo die Lage und die beständige Ungewissheit doch ziemlich bedrückend und angstauslösend ist.

Strafe Gottes??

Ach ja, die Prepper haben es schon immer gewusst und auch Endzeitpropheten wittern nun Morgenluft, auf eine mitunter schäbige Weise:
Wer verkündet, die Pandemie mit womöglich vielen Todesopfern sei als Strafe von Gott gesandt, meint damit doch: ‚Ihr anderen werdet nun gestraft, weil ihr nicht so gottesfürchtig, fromm (und randvoll mit moralischer Überheblichkeit) gelebt habt wie ich‘.
Was solche Tiraden, die dieser Tage immer schriller und aufdringlicher werden, über den Charakter des jeweiligen Verkünders besagen? Nun, dazu möchte ich mich nicht auslassen.

Wer sich laut oder nur insgeheim fragt, ob Gott nicht (wieder einmal) genug von der Menschheit habe – oder warum Er denn solches Leid zulasse – steht damit vor einem grundsätzlichen (theologischen) Problem. Jene Theodizee lässt sich nicht sinnvoll in wenigen Worten abhandeln. Dieser Blog geht an anderer Stelle auf diese Fragestellung ein:

Das Prinzip von Ursache und Wirkung mag Unverständnis und Bitterkeit auslösen: ‚Was habe ich denn falsch gemacht …weshalb werde ich gewissermaßen in Mithaftung genommen?‘ Nun, es handelt sich dabei eben nicht um eine Sanktion, die willentlich über uns verhängt wird. Vielmehr zeigen sich die Folgen von Handlungen und Versäumnissen der Menschheit insgesamt sowie einzelner Staaten (in den jeweiligen Ausprägungen dieser Krise).
Für die kausalen Zusammenhänge (warum ist dieses Virus so ansteckend und so tödlich und warum verbreitet es sich dermaßen rasch?) lassen sich medizinische und epidemiologische Gründe finden, ganz ohne Theologie.

(→ Vgl. „Corona-Pandemie zeigt die Kehrseite der Globalisierung“ auf tagesspiegel.de)

Und die Endzeit? Nun ja, bereits die Apostel und Jünger Jesu waren überzeugt, viele von ihnen würden noch das Ende der Welt und das Zweite Kommen Christi miterleben. Zur ersten Jahrtausendwende waren sich viele Kleriker und Theologen sicher, das Ende stehe unmittelbar bevor.
Und im Grunde gab es in jeder schweren Zeit eine wachsende Zahl endzeitlicher Visionen – dass solche auch jetzt im Zuge der Corona-Pandemie laut werden, ist also nicht verwunderlich.
Nur, derzeit bestehen für einen ‚biblischen Weltuntergang‘ (also das Ende der gesamten Schöpfung) kaum sichtbare Anzeichen – diese Pandemie stellt eher einen harschen Stresstest für die menschliche Zivilisation dar.

Wer dennoch allen Ernstes die in der Johannes-Apokalypse beschriebenen Zustände verwirklicht oder unmittelbar bevorstehend sieht, sollte dies auch durch einen Vergleich Bibel – Realität der Genwart belegen können. Ein  solcher Beleg wurde meines Erachtens bislang noch nirgends glaubhaft erbracht – die in der Offenbarung skizzierten Naturkatastrophen weisen völlig andere Charakteristika auf.

Gebete?
Persönlich bin ich der Ansicht, der Vorgang des Betens entfaltet eine positive, stärkende und nicht selten auch beruhigende Wirkung. Ähnliches dürfte auf mediale Gottesdienste zutreffen, die nun (zum Beispiel → hier) angeboten werden. Was man sich konkret davon erhofft – etwa im Hinblick auf die Infektionsrate, die Suche nach einem Wirkstoff oder die ökonomischen Folgen der Coronakrise – obliegt dem persönlichen Hintergrund.

Früher war alles besser??

Frage mich gelegentlich, wie die Generationen vor uns damit in Kriegs- und Hungerzeiten umgegangen sind, welche sich über Jahre hinzogen. Meine Großeltern besaßen in den 1940er Jahren kaum Bücher und waren auch nicht musikalisch. Tagsüber arbeiteten sie im eigenen Gemüsegarten, der zum Überleben der Familie einen essenziellen Beitrag leistete. Laut meinem Opa war „im Garten immer etwas zu tun“, solange keine Minusgrade herrschten. Zusätzlich gab es noch einen kleinen Stall mit Kaninchen und etwa 15 Hühner, die auch versorgt werden mussten.
Entsprechend waren sie viel an der frischen Luft und am Abend von der körperlichen Arbeit beizeiten müde. Auch das mag als Ablenkung gewirkt haben und so war die Familie tagsüber beschäftigt, die Kids halfen fleißig mit.  Doch irgendwann, spätestens mit Einbruch der Dämmerung waren die anstehenden Arbeiten auch fertig und bis zum Schlafengehen blieben noch mindestens fünf Stunden.

TV gab es damals noch nicht und der Volksempfänger war, nun ja, eben begrenzt. Also wurden Brettspiele wieder und wieder gespielt – Mühle, Dame, wohl auch Mensch-ärgere-dich …die Kinder (in diesem Falle mein Alter Herr) wollten ja auch noch bespaßt werden. Richtig schwierig wurde es am Abend. Ich erinnere mich nicht, ab wann es im Haus meiner Großeltern elektrischen Strom gab, doch der war erstens begrenzt und zudem herrschte in Kriegszeiten ein striktes Verdunkelungsgebot (wg. Luftschutz).

In einer Großstadt existierten auch damals schon weitreichende Freizeitangebote wie Kinos, Gastronomie, Tanzveranstaltungen und sogar Fußballspiele in prall gefüllten Stadien (erstaunlich, mitten im Krieg, aber wohl zutreffend). Doch dazu musste erst mal das nötige Budget vorhanden sein und auf dem Lande gab es bestenfalls eine Dorfkneipe, die auch nicht ewig lange geöffnet hatte. Sofern also kein Luftalarm herrschte, saßen Oma und Opa am Abend bei spärlichem Kerzenlicht zusammen – und konnten genau was tun, um die Zeit bis zur Nachtruhe totzuschlagen?

Ganz ehrlich, im einzelnen weiß ich es nicht. Über ‚die schlimmen Jahre‘ wurde mit uns Enkeln nicht sehr gerne gesprochen. Und meine Eltern waren noch zu jung, um viele Erinnerungen berichten zu können. Doch wenn ich dieser Tage Sprüche wie „das ist ja wie im Krieg“ höre, beschleicht mich ein ganz ungutes Gefühl: kann es sein, dass wir ‚Jüngeren‘ völlig falsche Vorstellungen besitzen, auch wenn wir nun erstmalig mit einer echten Ausnahmesituation konfrontiert sind?

Jedenfalls haben wir (jedenfalls die meisten von uns) heute doch erheblich mehr Möglichkeiten, für unsere Ablenkung und Unterhaltung zu sorgen: 50 – 100 TV-Programme, vor allem aber das Internet und einstweilen auch noch Streamingdienste. Im Web finden sich zahllose Angebote zum kostenlosen Download von Literatur (nicht Schund-, sondern klassische Literatur;).

    • Projekt Gutenberg DE mit weit mehr als 10.000 online lesbaren Büchern
    • Linkliste für Gratis-Sachbücher auf chip.de
    • Auf YT und weiteren Videoportalen findet man Musik für jeden Geschmack,
    • Besonders geschätzt von mir wird das „Kaminzimmer des alten Poeten„, dem größten deutschsprachigen Klassik-Hörbuch-Archiv auf YouTube: „täglich neue Geschichten, Gedichte, Krimis, Detektivromane, Balladen aus der klassischen Literatur und Selbstgeschriebenes aus meiner eigenen Feder und der von Freunden“.
      Gerade entdecke ich dort alte Sagen und Geschichten, welche eher regional bekannt und für mich daher Neuland sind. Zum Beispiel die Wiener Sage vom Dämon Wind:
  • Kommunikation (Email, Telefon, VoIP-Telefonie mit Screen-Sharing-Funktion) ist weiterhin erlaubt …und wird so intensiv genutzt, dass Internet-Provider schon mal an Grenzen kommen können.
  • Bewegung ist weiterhin wichtig.

⇒ Heute sollte es uns etwas leichter fallen, uns ‚auf andere Gedanken zu bringen‘ – auch und gerade in einer Zeit, die wir als wahrlich niederdrückend erleben.
Damit möchte ich dieses Bedrückende, all die Angstauslöser keinesfalls relativieren oder kleinreden …sondern ggf. den Blick auf das Positive lenken, auf das weiterhin zugegriffen werden kann.

Ihnen, liebe Leser, wünsche ich viel Kraft für die vor uns liegenden Tage.
Bleiben Sie gesund!


PS: Was Freizeit-Philosoph Ditsche (weltbekannt durch seine Aussage „das muss perlen“) über die momentane Lage denkt und wie er die komische, bedrückende Stimmung beschreibt, kommt meinen eigenen Eindrücken recht nahe.

Siehe auch

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»Wenn die Furcht für mich denkt…« – Corona und die Angst

Nun ist unversehens ein sehr realer Anlass für Furcht entstanden: Die Corona-Pandemie ist längst nicht mehr nur ein Thema in Asien, sie hat auch Europa fest im Griff. Den gesundheitlichen Aspekt betrachte ich mit einem Mix aus Zuversicht und Fatalismus: einerseits verhalte ich mich so umsichtig wie möglich – social distancing bereitet mir weniger Probleme als den meisten Mitmenschen. Sollte mich das Virus trotz Einhaltung aller empfohlenen Vorsichtsmaßnahmen erwischen – naja, dass ist das eben so und ewiges Leben hatte ich mir ohnehin nie erhofft. Damit will ich die möglichen Krankheitsfolgen nicht etwa relativieren – Lungenentzündung ist kein Spaß. Aber mehr als mich vorsehen (wozu auch gesunde, abwechslungsreiche Ernährung zählt) kann ich eben nicht machen.

Was mir persönlich mehr Sorge und inzwischen auch Angst macht: wie wirken sich die idiotischen, weil nicht am Bedarf orientierten Panikkäufe auf die Versorgungslage aus? Und was mag einzelnen Mitbürgern in ihrer Panik noch an Verrücktheiten einfallen, sobald das Horten von Küchenrolle, Tempo und (natürlich) Bergen von Klopapier als Kompensationshandlung nicht mehr ausreicht?

Irreale Ängste erkennen und analysieren

Bereits ohne konkrete, sichtbare Veranlassung kann Furcht aufkommen. Vielfach maßgeblich dafür sind

  • Befürchtungen, die zwar einen realen Ausgangspunkt haben, der zu unguten Szenarien ‚weitergesponnen‘ wird: was ist, wenn das Klopapier alle ist?
    (Dies scheint ja für viele eine Horrorvorstellung zu sein. Für mich selbst nur, wenn auch noch Wasser abgestellt würde und die Flüssigseife alle ist.)
  • Zurückliegende, schmerzhafte Erfahrungen, welche das assoziative Denken in unguter Weise prägen: dass ‚gebranntes Kind das Feuer scheut‘, weiß jeder.
    Ein Beispiel, das : Die ›Röhre‹, also das MRT (Magnetresonanztomographie) bereitet mir immer wieder mächtiges Unbehagen – so eng so laut. Das geht schon Tage vorher los: ‹Wenn nun ein Feuer ausbräche…wenn dadurch der Strom ausfiele und der Alarmknopf nutzlos würde…und wenn das anwesende Personal vor Rauch und Feuer fliehen würde… wenn der eingepferchte Patient allein in dem Inferno zurück bliebe.‹
    Man kann diese Vorstellung noch weiter treiben, doch die Anzahl der ins Absurde abgleitenden Und-wenn’s ist schon groß genug. Fakt ist: So ein Szenario ist äußerst unwahrscheinlich.

Verständnis hinsichtlich eigener Befürchtungen sollte bei anderen sogar in der akuten Lage nicht vorausgesetzt werden – weil die Verarbeitungsmechanismen eben sehr verschieden sind. Die subjektiven Gegenstände und Ausmaße meiner Furcht sind dem Gegenüber weder bekannt noch wären sie in jedem Falle nachvollziehbar. Auch in diesem Zusammenhang hilft es, das eigene ‚Angstprofil‘ selbstkritisch zu durchleuchten:

  • Was ist es genau, wodurch ich im Augenblick beunruhigt bin – die Gesundheitsfolgen im Falle einer Ansteckung? Die drastischen Schilderungen schwerster Verläufe (»wie Ertrinken, nur langsamer«)? Die vielen Nachrichten aus aller Welt, etwa der tägliche Anstieg infizierter und verstorbener Personen?
    Oder womöglich die gedankliche Vorwegnahme einer späteren Entwicklung, welche zwar eintreten kann, aber nicht muss – Arbeitslosigkeit, Geldmangel, eine drastische Veränderung der bisherigen Lebensumstände bis hin zu bitterer Not?

Mitunter wird die Antwort lauten: »Ja genau, von alledem etwas.« Selbstbeobachtung ist ein erster, wichtiger Schritt – dabei kann es helfen, eine Art ‚Corona-Tagebuch‘ oder ‚Krisenjournal‘ anzulegen, worin die täglichen Befindlichkeiten und Furchtmomente notiert werden. Der Vorgang des Schreibens ermöglicht mitunter schon ein Loslassen, eine innere Distanzierung von dem, was Angst macht.

Was kann man tun im Angesicht der Angst?

Wer das gar nicht von sich kennt, ist zu beneiden: jene schillernden Szenarien eines (vermeintlich oder real heraufziehenden) Schreckens, die zuerst in der eigenen Gedankenwelt wuchern und zunehmend die Gefühlslage bestimmen – sich bei ‚optimalen‘ Bedingungen steigernd bis zum Kontrollverlust – oder der tiefen Angst, einen inneren Zustand nicht länger beherrschen zu können.
Bezug sind hier nicht irreale Ängste und Phobien, sondern die (Vorwegnahme von nicht so unwahrscheinlichen) Situationen, die einen in wachsende Unruhe versetzen.

Angst vor Kontrollverlust ist dabei nicht zwangsläufig, doch sie kann sich einschleichen – wenn man nicht aufpasst und beizeiten ‚etwas unternimmt‘. Eine andere Form von Kontrollverlust kann jedoch auch befürchten, wer sich einer Bedrohung ausgesetzt glaubt, die in der subjektiven Wahrnehmung −immer näher kommt‹. Gegenstand der Furcht ist dann nicht Verlust eigener Contenance (nervöses Umherlaufen, mit den Händen fuchteln, Weinen – what ever) – vielmehr entsteht die Vision einer zukünftigen Konstellation, welche sich womöglich nicht mehr aktiv steuern und gestalten lässt: Hilflosigkeit und Autonomieverlust.

Der Autor des verlinkten Artikels2) spricht von Emotionen, die sich verselbständigen und »dann das Ruder übernehmen, während aufdringliche Gedanken ein bedrohliches Szenario für uns heraufbeschwören, vor dem wir uns verteidigen müssen.«

»Auch wenn es in unserem täglichen Leben …der Faktor ›Angst‹ …präsent ist, dürfen wir ihm nicht die volle Macht geben.«

Gelingt dieses Bewachen und Eindämmen von Gedanken (die Emotionen erst auslösen bzw. verstärken) nicht, sind unsere Schlussfolgerungen und Urteile sind »nicht mehr rational und wir geben dem instinktiveren, weniger nachdenklichen und nicht logischen Autopiloten das Kommando«.

Die Folge davon ist permanenter Stress: ein »Zustand ständiger Hypervigilanz, immer in der Defensive, [wir] reagieren überproportional auf die unbedeutendsten Dinge, …und rechnen mit Dingen, die noch nicht geschehen sind«.

Derartige Anspannung macht sich nun auch im Zeichen von Covid-19 bemerkbar: wir sind uns ständig angespannt der neuen Gefahr bewusst (spätestens beim Verlassen des häusliche Umfelds): warum ließ diese Frau zu, dass ihr Kind mit rasselndem Husten und Schnupfnase auf mich zu rennt und prustend direkt vor mir stehen bleibt? Muss der Mann in der Kassenschlange mir spürbar auf die Pelle rücken?
Trotz eigener Vorsicht lassen sich solche Momente eben nicht immer vermeiden …diese immer wieder anzutreffende Unbesonnenheit (oder bewusste Ignoranz?) ist ein Punkt, der mich gerade in den letzten Tagen ziemlich irritiert hat… inzwischen müsste doch eigentlich jede/r begriffen haben, wie ernst diese Lungenkrankheit ist.

Und dann sind da auch noch die längerfristigen Gedanken und Furchtauslöser: Was soll nur werden? Was wird mit der Wirtschaft, wenn nun über Wochen (oder Monate?) das Land praktisch stillsteht und der Konsum auf ein Minimum reduziert ist?
Vom Typ her bin ich einer, der beängstigende Sachverhalte rationalisiert und äußerlich ruhig bleibt …nur, mit ‚Coolness‘ hat das nicht das geringste zu tun. Auch ich nehme wahr, wie ich von Tag zu Tag dünnhäutiger werde.

Nicht lähmen lassen – aber wie geht das?

Vorab: Dass diese ungewohnte Situation Furcht auslöst – ist völlig normal. Einigen wird ›ein bisschen mulmig zumute‹, während es anderen zunehmend schwer fällt, überhaupt noch einen klaren Gedanken zu fassen.

Mich selbst sehe ich da eher im Mittelfeld: Eine paranoide, sich verselbständigende Ausprägung der Corona-Angst hat sich meiner (noch) nicht bemächtigt, doch mir ist schon bewusst: ich sollte achtsam bleiben, damit ich mich auch künftig nicht auf diesen abschüssigen Pfad begebe.
Denn in normalen, ruhigen Zeiten klappte es recht gut mit der vorausschauenden Gestaltung von Lebensumständen …erst gar keine Lage eintreten zu lassen, in welcher ich mich über längere Zeit unterlegen, bedroht oder gar ausgeliefert fühlen könnte. Aber jetzt?

Der kurze Beitrag »Nicht lähmen lassen: Vom richtigen Umgang mit der Corona-Angst« gibt wichtige Hinweise:

  • Bevor die Angst einen so richtig packt, wird ein Realitätscheck empfohlen: ›Wie ist meine Gefahrenlage, wie sieht mein Alltag aus, mit wem habe ich Kontakt?‹
  • Die Flut der Bilder und Meldungen kann einen schon übermannen. Als zum ersten Mal über Hamsterkäufe berichtet wurde, kam ich an meinen persönlichen Tiefpunkt in dieser Krise, denn das war gänzlich neu und traf mich darum unerwartet.
    Alles was ich tun konnte: mir eigenen Überblick über die Lage verschaffen, die Passivität ablegen. Also suchte ich den nahe gelegenen Supermarkt auf und stellte fest: fast alle Artikel waren noch vorhanden.
  • Im o.a. Beitrag wird zudem empfohlen, sich anhand offizieller Quellen zu informieren, beim Robert-Koch-Institut oder der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (→ BZgA).
    Das sind dann weder Fakenews noch Verharmlosungen, sondern »gesicherte Erkenntnisse und klare Empfehlungen, darauf kann man sich verlassen – und das gibt dann auch wieder Sicherheit.«

Hinsichtlich konkreter Ratschläge empfehle ich auch die Lektüre des Artikels ›Angst vor Kontrollverlust: wenn die Furcht für mich denkt‹. Zwei grundsätzliche Überlegungen daraus:

  • Gute Absichten zu haben, ist löblich – das bloße Wollen & Können reicht aber bei weitem nicht aus, sofern „in uns ein Knoten ist, der uns daran hindert, durchzuatmen und nachzudenken“.

»Die Wahrheit einer Absicht ist die Tat.« (Hegel)

  • »In jeder Situation haben wir alle die Möglichkeit, auf die eine oder andere Weise zu reagieren. Die Wahl des besten Weges liegt in unserer Verantwortung.«
    Es kommt also drauf an, die innere Ruhe wieder zu finden (→ Entspannungsübungen, z.B. nach Jacobson), die eigene Situation so nüchtern und klar wie möglich zu definieren und dann geeignete Korrekturen vorzunehmen.

⇒ »etwas Kathartisches und Befreiendes tun, um einen Anfang zu machen.«⇐

Abschließend sei vermerkt: Einerseits führt ein Übermaß an gewollter Kontrolle über jede Lebenssituation zwangsläufig zu Disharmonie. Andererseits zeigt sich in dieser Krise: Es ist eine pure Illusion, vollständig und immer die Kontrolle behalten zu können.
Selbst wenn ich mich ‚richtig‘ verhalte, bleibt unweigerlich ein Restrisiko an Covid-19 zu erkranken (oder beim nächsten Sturm von einem herabfallenden Dachziegel getroffen zu werden).


›Litanei gegen die Furcht‹ und Meditation zur Angstbewältigung

Apropos Furcht… als begeisterter Leser von Science-Fiction-Literatur kam ich recht frühzeitig mit dieser auto-suggestiven Methode in Berührung, durch die sich ein lähmendes Aufkeimen von Angst bewältigen lassen soll. Jedenfalls sind die fiktiven Ordensfrauen der Bene Gesserit aus Frank Herbert’s Dune-Zyklus (auch ‚Der Wüstenplanet‘ gibt es als Hörbuch – für lau) überzeugt, dass sie funktioniert:

Ich darf mich nicht fürchten.
Die Furcht tötet das Bewusstsein.
Die Furcht führt zu völliger Zerstörung.
Ich werde ihr ins Gesicht sehen.
Sie soll mich völlig durchdringen.
Und wenn sie von mir gegangen ist,
wird nichts zurückbleiben.

Nichts außer mir.

Und warum auch nicht …jedenfalls in Situationen akuter Furcht? Indem man sich auf die Bedeutung der Worte konzentriert, während diese lautlos rezitiert werden, lässt sich die ggf. ungut beschleunigte Atmung leichter kontrollieren – um damit auch die übrigen Regungen abzumildern.
In der Zeit mündlicher Prüfungen, denen ich mehr mit Nervosität als mit echter Angst entgegensah, probierte ich dies (mit einem Schmunzeln von wegen Science Fiction) aus: jedenfalls gelang es mir, mich abzulenken und mir nicht länger die Folgen eines möglichen Misserfolges auszumalen. Von daher: Problem so gut wie gelöst.

Der Grundgedanke – Meditation zur inneren Festigung und Stärkung – ist nicht verkehrt, soweit man sich darauf einlassen kann. Warum nicht versuchsweise eine ›Traumreise Waldspaziergang‹ unternehmen? …erinnert mich ein wenig an autogenes Training. Jeder von uns wird selbst herausfinden, welche Methoden individuell er/sie als hilfreich befunden werden.
Ein wenig damit zu experimentieren ist ebenfalls ein Weg, um vom Gelähmtsein und ständig wiederkehrenden Gedanken ins Tun zu kommen.


Quellenangaben

  1. »Nicht lähmen lassen: Vom richtigen Umgang mit der Corona-Angst«
  2. »Angst vor Kontrollverlust: wenn die Furcht für mich denkt«
    auf gedankenwelt.de
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