Glückliches Sterben? Gespräch mit Hans Küng über Sterbehilfe

Kann Sterben glücklich sein?

Gedanken an meinen eigenen Tod verdränge ich derzeit noch aus meinem Denken – ich bin innerlich noch ’nicht bereit‘: In vielen Fragen zu Gott und dem fraglichen Jenseits ringe ich noch um Antworten, so vieles in meinem Leben ist noch nicht abgeschlossen, oder schlicht unerledigt. Gleichwohl ist mir durchaus bewusst, diese Entscheidung könnte mir von einem Tag auf den nächsten aus der Hand gerissen werden; die wenigsten von uns wissen, wann ihre Zeit gekommen ist. Plötzlicher Autonomie-Verlust etwa als Folge eines Unfalls kann jeden von uns treffen.
Dieser Beitrag geht nicht der Frage nach, wann/warum wir sterben müssen – sondern er wirft einzelne Gedanken darüber auf, wie wir sterben möchten und welche Konsequenzen daraus für uns erwachsen können. Der Wunsch, das eigene Leben vorzeitig zu beenden, mag für diejenigen unter uns, die noch nicht unmittelbar mit extremen Krankheits-/Leidzuständen bis hin zum Verlust jeglicher Kontrolle konfrontiert waren, wenig nachvollziehbar erscheinen. Eine gedankliche Hinführung entsteht eventuell durch die gegenteilige Fragestellung: Wie möchte ich auf keinen Fall sterben?

Lässt sich eine positive, gelassene Grundhaltung bis hinein in den Sterbeprozess durchhalten? Meine spontane Antwort: ‚kommt drauf an.‘ Die Grundhaltung vieler Menschen dürfte in ihren letzten Lebensjahren wesentlich davon abhängen, wie sehr sie durch zunehmende Gebrechen und Erkrankungen beeinträchtigt werden… ob ihnen ein weitgehend selbstbestimmtes Leben ermöglicht bleibt. Die Problematik eines u.U. auch gegen den Willen des sterbenden Patienten immer weiter künstlich hinausgeschobenen Lebensendes entscheidet mit darüber.

Anne Will hat Ende 2013 ein halbstündiges Gespräch mit Hans Küng geführt, der als Theologe und katholischer Priester stets im Widerspruch zu seiner Kirche stand: Der damals 85-Jährige war zu diesem Zeitpunkt bereits an Parkinson erkrankt und litt an weiteren Beschwerden, die seine Lebensqualität einschränken. Küng möchte selbst bestimmen, wann sein Leben zu Ende geht. Zugleich möchte er eine Debatte über aktive Sterbehilfe in Deutschland anstoßen. Er kritisiert die unzureichende Gesetzeslage, die seiner Ansicht nach den Sterbetourismus in die Schweiz erst nötig macht.

„Ich möchte so sterben, dass ich noch voll Mensch bin.“

Mit Entschiedenheit erklärt er: „Ich will auf keinen Fall den Moment verpassen.“ Jenen Moment, nach dessen Verstreichen ihm ein selbstbestimmter Sterbeprozess in Würde nicht mehr möglich sei. „Wir haben alle eine Verantwortung für unser Leben. Und warum soll die in der letzten Phase aufhören, diese Verantwortung?“


Vorab: Anmerkung zu den Begrifflichkeiten

  • Aktive Sterbehilfe → Tötung eines Menschen auf dessen Verlangen, in Deutschland strafbar. Jede Form der „Zwangs-Euthanasie“ ohne ausdrückliche Einwilligung des Betroffenen ist schlicht Mord.
  • Beihilfe zur Selbsttötung (assistierter Suizid) → letztlich wird der Tod selber herbeigeführt. Die Assistenz beschränkt sich auf die Beschaffung des Tötungsmittels, etwa eines Medikaments in tödlicher Dosis, welches aber vom Sterbewilligen selbständig eingenommen wird.
  • Indirekte Sterbehilfe → Lebensverkürzung durch palliative Maßnahmen, d.h. ein vorzeitiger Tod wird durch eine durch eine medizinische Behandlung in Kauf genommen, welche primär der Schmerzlinderung dient.
  • Passive Sterbehilfe → Verzicht auf lebensverlängernde Maßnahmen, wie z.B. eine künstliche Beatmung, entsprechend dem verfügten Willen des Patienten entspricht

Der 66. Deutsche Juristentag (2006) empfiehlt, die verwirrenden Begriffe aktive, passive und indirekte Sterbehilfe durch die Bezeichnungen „Tötung auf Verlangen“, „Abbruch lebensverlängernder Behandlungsmaßnahmen“ und „Durchführung einer leidenslindernden Maßnahme“ zu ersetzen (Küng).


In seinem Buch „Glücklich sterben“ erklärt Küng unter Bezugnahme auf das o.a. Gespräch, das Thema beschäftige ihn seit fast 60 Jahren, seit einem Schlüsselerlebnis: 1955 verstarb sein Bruder Georg an einem Gehirntumor, er war erst 23 Jahre alt und erstickte nach Monaten der Qual am Wasser in seiner Lunge. So wolle er selbst nicht enden, dachte sich Hans Küng schon damals.
Doch gerade weil „die menschliche Person unendlich kostbar und unbedingt zu schützen“ sei – bis an ihr Ende – müsse genau überlegt werden, was dies angesichts einer Hochleistungsmedizin bedeute, die das Sterben weitgehend schmerzlos herbeizuführen, aber auch in vielen Fällen beträchtlich hinauszuzögern vermag.

Hans Küng schreibt: „Es gehört für mich zur Lebenskunst und zu meinem Glauben an ein ewiges Leben, mein zeitliches Leben nicht endlos hinauszuzögern. (…) Wenn es mir geschenkt sein sollte, möchte ich gerne bewusst sterben und mich menschenwürdig von meinen Lieben verabschieden. Glücklich sterben heißt (…) ein Sterben in völligem Einverständnis, in tiefster Zufriedenheit und in innerem Frieden.“
Ein allein zwecks Provokation der kirchlichen Autorität geplanter Suizid liege ganz und gar nicht in seiner Absicht. Vielmehr nehme er deutliche Anzeichen wahr, dass „die letzte Periode begonnen hat und dass mein Leben auch nicht ewig dauert“.

Beginnende Demenz werde für ihn persönlich eine klare Indikation darstellen, um konkrete Schritte zur aktiven Beendigung seines Lebens einzuleiten. Diesen Zeitpunkt halte er in Übereinstimmung mit seiner Glaubens-überzeugung für geeignet: er werde nicht in ein Nichts hineinsterben, sondern in eine letzte Wirklichkeit hinübergleiten.
Obgleich meine eigenen Überzeugungen wenig gefestigt sind, ob und wohin ich dereinst gleiten werde, die Wahl dieses Zeitpunktes vermag ich recht gut nachzuvollziehen: Zeitlebens war und ist der Geist und mein Potenzial zur geistigen Betätigung ein unverzichtbarer Baustein, durch den ich mich definiere und aus dem mein subjektiver Selbstwert erwächst. In völliger Abhängigkeit und reduziert auf ein vegetatives Dasein zu existieren, erscheint mir als Schreckensvision, auf welche ich nach Möglichkeit verzichten möchte.

Für mich persönlich kommt ein weiterer Aspekt dazu: Die Menschen in meinem persönlichen Umfeld sind gleichaltrig oder älter als ich. Damit entsteht für mich eine konkrete Aussicht, in einer möglichen Phase von völliger Hilflosigkeit und Verwirrtheit gänzlich fremden Personen zur Last zu fallen, die bis in die intimsten Lebensbereiche an der Ausdehnung meines an sich abgeschlossenen Lebens mitwirken müssten, meine Ausscheidungen beseitigen, mein zusammenhangloses Gestammel ertragen oder schlimmstenfalls sogar meine Wutausbrüche.
Will ich das? Falls die Antwort Nein lautet, müsste konsequenterweise die nächste Frage lauten: Welche Vorkehrungen werde ich treffen, um m.E.  würdeloses Vegetieren ausschließen zu können?

Da ist aber noch eine andere Seite: Suizid ist in meinem Denken und Fühlen tabuisiert, als ein absolutes NoGo verdrahtet. Für mich ist passive Sterbehilfe (Beendigung lebenserhaltender Maßnahmen auf Wunsch des Patienten bzw. auf Grundlage seiner zuvor erlassenen Patientenverfügung) durchaus denkbar, vor dem aktiven Schritt schrecke ich zurück.
Allerdings darf die Auflösung dieser Ambivalenz nicht darin bestehen, die Verantwortung unausgesprochen auf einen Mediziner abzuschieben, von dem ggf. die Gabe einer erhöhten Morphiumdosis erhofft würde. Im Sterben nach einer verantwortungsvollen Hilfe suchen, ist indessen unter der Voraussetzung angemessen, dass der Entschluss nicht auf den Helfenden verlagert wird, sondern eigenverantwortlich eine Verfügung (s.u.) getroffen wird bzw. rechtzeitig getroffen wurde.

Aus dieser Sichtweise ließe sich eine Geringschätzung kranken und gebrechlichen Lebens nur dann ableiten, wenn sie verallgemeinernd geäußert würde, anstatt sich ausschließlich auf das eigene Leben und Sterben zu fokussieren. Auch Küng betont mehrfach sehr eindringlich, hierbei handele es sich um sehr persönliche Fragestellungen. Ja, das muss ein(e) jede(r) von uns für und mit sich selbst ausmachen.
Deutlich wird auch: Suizid als Flucht vor Lebensproblemen kommt für Küng nicht in Betracht → „Wenn ich ein Mann wäre in seinen 40er-Jahren, mit Familie, Frau und Kindern, und hätte ein Missgeschick, etwa einen Kollaps im Berufsleben, erlebt, dann kann ich mich ja nicht einfach aus dem Leben verabschieden, unbekümmert darum, wer da noch übrig bleibt.“

Küng erklärt, er sei bei der Sterbehilfeorganisation EXIT (ein vereinsmäßiger, nicht gewinnorientierter Anbieter von Freitodbegleitung mit Sitz in der Schweiz): „Man hat früher immer angenommen, wenn jemand bei so einer Organisation ist, dann ist er Materialist oder Atheist. Nein, im Gegenteil. Man kann aus Gottvertrauen heraus freiwillig sterben. Ein durchaus nicht rationalistisches, aber rationales, vernunftgemäßes Gottvertrauen.“

Er habe aber auch dagegen protestiert, den Sterbetourismus den Eidgenossen vorzuwerfen: „Nein, es liegt an den Deutschen, die keine Gesetze machen können, damit solch ein Sterbetourismus nicht notwendig ist.“

Mit Zuversicht ans eigene Sterben denken?

Sich gewissermaßen prophylaktisch umbringen, noch bevor der Verfall des eigenen Körpers/Geistes weit fortgeschritten ist oder eine unheilbare Krankheit zu unerträglichem Leid führt? Nein, das ich mir für mich nicht vorstellen. Aus den Reaktionen auf Küngs Interview möchte ich dazu die Antwort einer pensionierten Ärztin herausgreifen:
Sie habe vor Jahren den Entschluss gefasst, im Laufe ihres 8. Lebensjahr-zehnts selbstverantwortlich mit menschlicher Begleitung ihr Leben durch Suizid beenden.
Und nun: Je näher dieser Zeitpunkt rückt, umso stärker ist in mir der Lebenstrieb, der Lebenswille. Ich empfinde Angst vor dem Nicht-mehr-Sein, vor dem völlig Ungewissen und Unbekanntem nach dem Sterben. Die Ungeheuerlichkeit des selbstbewirkten Todes steht dann drohend vor der Seele. Die Gefühle wechseln.“

Dass die RKK eine deutlich abweichende Haltung einnimmt, geht schon aus dem o.a KKK-Auszug hervor. So hatte auch der Pressesprecher der Diözese Rottenburg-Stuttgart kategorisch erklärt: „Küng spricht für sich selbst, nicht für die katholische Kirche.“

Diesen immerwährenden Dissens zwischen Küng und seiner Kirche mag ich hier nicht eingehender beleuchten, denn für eine so persönliche Gewissensentscheidung besitzt die zeitgeist-verzögernde Haltung von Glaubenswächtern keine Relevanz, soweit es mich betrifft: Kein Kirchenfunktionär und auch kein Politiker wird mir diese Entscheidung abnehmen können, sollte ich sie einst für mich zu treffen haben.

„…für wen, außer für sich selbst, sollte wohl ein Mensch sprechen, wenn es ums eigene Sterben geht?“

Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht

Es klingt schon ein wenig paradox: Eine freie Entscheidung über mein Lebensende kann bzw. sollte ich nicht erst am Lebensende treffen oder kurz davor.
Fest steht aber auch: Ich werde nicht zu lange warten. Und ich werde mich nicht darauf verlassen, dass ich ’schon irgendwie‘ meinen Willen werde kundtun und glaubhaft machen können, wenn es an der Zeit. Eine solche Haltung würde sich allein auf naive Verdrängung gründen.

In diesem Zusammenhang sind zwei Dokumente relevant:

  • Mit einer Patientenverfügung wird geregelt, welche ärztlichen Maßnahmen ich zu meiner medizinischen Versorgung wünsche und welche von mir abgelehnt werden. So übe ich vorab mein Selbstbestimmungsrecht für den Fall aus, dass ich bei einer schweren Krankheit oder nach einem Unfall meinen Willen nicht mehr artikulieren kann.
    Patientenverfügungen sind verbindlich: Sie müssen von Ärzten umgesetzt werden, wenn die Behandlungs- und Lebenssituation eintritt, für die sie ausgestellt wurden. Damit die Verfügung anerkannt wird, muss sie schriftlich vorliegen und konkrete inhaltliche Vorgaben erfüllen:
  • Mit einer Vorsorgevollmacht wird eine Person Ihres Vertrauens beauftragt stellvertretend für mich zu handeln, zu entscheiden und Verträge abzuschließen – entweder umfassend oder in abgegrenzten Bereichen. Die Vollmacht gilt nur, wenn ich diese Dinge nicht mehr selbst bewältigen kann. Die Vollmacht kann dem Beauftragten jederzeit entzogen oder inhaltlich verändert werden.
    Hintergrund: Ehepartner oder Kinder können nicht automatisch für Sie im Alter entscheiden. Fehlt eine solche Vollmacht, wenn Sie wichtige Entscheidungen nicht mehr selbst treffen können, wird das Amtsgericht dafür einen rechtlichen Betreuer einsetzen – dabei kann es sich auch um eine fremde Person handeln.

Theologische Aspekte?

Tja nun, darüber könnte man etliche Bücher verfassen und käme dennoch nicht zu einem zufriedenstellenden, allgemein verbindlichen Ende.

Die Studie „Haltung der Ärzteschaft zur Suizidhilfe“1) greift die ablehnende Haltung von Ärzten gegenüber Suizidhilfe (=Sterbehilfe) auf. Diese seien in einem Beispiel 2stark geprägt von seinem christlichen (katholischen) Glauben und ’seinem Menschsein'“.
Danach dürfe man nicht „Hand an das eigene Leben legen“. Dieses allgemeine Verbot von Suizid werde verknüpft mit dem Gebot, sein „Schicksal zu akzeptieren“ und der Überzeugung, dass das Leben in allen Phasen lebenswert sei.

Aus dieser Überzeugung werde das Verbot von Suizidhilfe gefolgert, denn man enthalte einem Patienten  „unter Umständen […] einen wertvollen Teil des Lebens“ vor.
„Einem konkreten Leiden sei nicht vorzugreifen, denn niemand dürfe von sich auf andere schließen. Weil Sterben etwas Natürliches sei und Leiden zum Leben dazugehöre, sei der Suizid letztlich widernatürlich. (…) Außerdem bestehe die Gefahr des Irrtums, wenn die Lebensqualität durch eine Drittperson eingeschätzt werde.“
Diese subjektive Äußerung lasse ich unkommentiert, auch weil es sich hier nur um einen winzigen Auszug aus der mehr als 160 Seiten umfassenden Studie handelt.

Indem er sich als katholischer Theologe auf die emotional wie politisch schwer belastete und entsprechend kontrovers diskutierte Frage der Sterbehilfe einlässt, tritt Küng in einen letzten Widerspruch zu seiner Kirche ein. Der Katechismus der RKK nimmt dazu eine gänzlich andere Position ein.

[→ Vgl. Abschnitt „Selbstmord“ im KKK:
„2280 Jeder ist vor Gott für sein Leben verantwortlich. Gott hat es ihm geschenkt. Gott ist und bleibt der höchste Herr des Lebens. Wir sind verpflichtet, es dankbar entgegenzunehmen und (…) zu bewahren. Wir sind nur Verwalter, nicht Eigentümer des Lebens, das Gott uns anvertraut hat. Wir dürfen darüber nicht verfügen.

2281 Der Selbstmord widerspricht der natürlichen Neigung des Menschen, sein Leben zu bewahren und zu erhalten. Er ist eine schwere Verfehlung gegen die rechte Eigenliebe. Selbstmord verstößt auch gegen die Nächstenliebe, denn er zerreißt zu Unrecht die Bande der Solidarität mit der Familie, der Nation und der Menschheit, denen wir immer verpflichtet sind. Der Selbstmord widerspricht zudem der Liebe zum lebendigen Gott. (…)
Schwere psychische Störungen, Angst oder schwere Furcht vor einem Schicksalsschlag, vor Qual oder Folterung können die Verantwortlichkeit des Selbstmörders vermindern.(…)“]

Hat Gott unser Dasein mit Vorbedacht so eingerichtet, dass Leid darin vorkommt, für die einen in erträglichem, für andere in für sie unerträglichem Ausmaß? Verlangt Gott von uns, am unvermeidbaren Ende unseres irdischen Daseins einen von ihm eigens zubereiteten Kelch aus Leid und Würdeverlust auch ja bis zum letzten bitteren Tropfen auszukosten?

Dazu kann ich nur sagen: Meinem Gottesbild entspricht dies nicht! Von Gott stammen nach meiner Überzeugung die Rahmenparameter dieses Daseins, zu denen auch die Naturgesetze zählen. Kausalität – Ursache und Wirkung – ist eines dieser Gesetze; es macht deutlich: ein erheblicher Anteil des sichtbaren Leids geht auf ebenso ’sichtbare‘ (wissenschaftlich beschreibbare) Ursachen zurück. Ein Beispiel: Sollte ich als langjähriger, inzwischen entwöhnter Raucher trotzdem noch an Lungenkrebs erkranken, werde ich die Schuld dafür ganz sicher nicht bei Gott suchen. Weshalb sollte ich also annehmen, Gott verlange aber von mir, im Endstadium einen langsamen, qualvollen Erstickungstod bis zuletzt bewusst zu durchleben – als Bestrafung, Läuterung oder was auch immer?

Bei anderen Erkrankungen und altersbedingten Gebrechen sind die Ursachen vielleicht nicht so offensichtlich. Dennoch ist eine Sichtweise, welche alles Leid auf einen göttlichen Willen projiziert und dementsprechend ein Verbot folgert, sich diesem Willen z.B. durch passive Sterbehilfe zu widersetzen, in meinen Augen nicht plausibel.
Ich bin überzeugt, Gott ist kreativer. Da wir ‚mehrmals‘ leben, finden sich zweifelsohne geeignetere Gelegenheiten für Lern- und Reifeimpulse als unvorstellbare Qualen…

Fazit

Eine entschiedene Pro- oder Contra-Haltung nehme ich auch nach der Lektüre nicht ein. Das Buch „Glücklich sterben“ von Hans Küng zu lesen, war für mich gleichwohl eine Bereicherung. Der Autor bleibt weder in einer kaltherzigen materialistischen Logik stecken noch in der autoritären, lebensfernen Dogmatik seiner Kirche. Er diskutiert, welche Form der Sterbehilfe (besser: „Hilfe beim Sterben“) ethisch verantwortbar ist und benennt klare Voraussetzungen. „Sowohl die Humanitätsregel wie die Goldene Regel der Gegenseitigkeit ist zu beachten und alles der Ehrfurcht vor dem Leben untergeordnet. Die meisten Menschen würden eine Sterbehilfe verabscheuen, die sie als inhuman oder gar bestialisch empfinden.“

Aus heutiger Sicht kann ich mir eher die Sterbebegleitung in einem Hospiz vorstellen, als einen mich behandelnden Mediziner um den „Gnadentod“ zu ersuchen. Wirklich urteilen in dieser Frage kann ich wohl erst dann, wenn sie mich unmittelbar betreffen sollte. Der Wunsch, bis zur letzten Sekunde die Kontrolle über sein Leben zu behalten, ist eine Idealvorstellung, wie auch Küng feststellen musste. Seine jüngsten Erfahrungen, hätten ihn darin bestärkt, dass jeder Mensch zunächst einmal auch in einer gesundheitlich schweren Krise alles medizinisch Mögliche zur Wiederherstellung seiner Gesundheit und seiner Heilung unternehmen sollte.


Quellenangaben

  1.  Studie: Haltung der Ärzteschaft zur Suizidhilfe (Pdf, 164 S.), 2014, Zürich. Beauftragt von der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW). Eine kurze Zusammenfassung ist hier zu finden.
    Nach aktuellem Standesrecht ist Suizidhilfe in der Schweiz prinzipiell zulässig, wenn die Erkrankung die Annahme rechtfertigt, dass das Lebensende im Zeitraum von Tagen bis einigen Wochen eintritt. Beim auszugsweisen Lesen dieser Studie verfestigte sich mein Eindruck, wonach die Eidgenossen uns in Deutschland in mehr als einem zentralen Lebensbereich um einiges voraus.
  2. Linksammlung „Ärztliche Suizidhilfe“ der SAMW
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Sommers Geisterstunde

Und wieder ist’s des Sommers Geisterstunde

von Wilhelm Jensen (1837-1911), gefunden auf lyrikmond.de

Und wieder ist’s des Sommers Geisterstunde,
Da stumm das Haus im heißen Mittag schweigt,
Geschloss’ne Läden füll’n die Saalesrunde
Mit goldnem Dämmern; nur, von Laub umzweigt,
Trägt fernher durch des Nebenraumes Dunkel
Ein Fenster blitzend sonnengrünes Licht:
Kein Schall, kein Regen in dem Glanzgefunkel,
Das wie von ausgestorbnem Leben spricht.

Und schön und schaurig fühlt mein eignes Leben
Sich angerührt von leisem Geisterstab:
Ein Kommen ist’s, ein Schwinden und ein Schweben
In jenen stillen Strahlen auf und ab.
Ein Nichts, und alles, was ich je besessen,
In mir, und doch zugleich unendlich fern,
Ein Allgedenken und ein Allvergessen,
Ein Lebenstraum auf einem andern Stern.

Auf dieses nachdenklich-schöne Gedicht bin ich auf der Suche nach etwas gestoßen, das mir inmitten der Stadt tagsüber oftmals fehlt: Stille.
Echte Stille, nicht diesen dumpfen, wenig natürlichen Zustand, welcher sich an jedem Ort durch Schließen der modernen isolierverglasten Fenster herstellen lässt…die Geräusche von draußen werden vermindert, doch es bleibt ein störendes Grundrauschen. Da erscheint der Wunsch nach wirklicher Stille bisweilen tatsächlich als ein Lebenstraum von einem andern Stern…

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Der Tanz zweier Außenseiter

Zwei Außenseiter – beide riesengroß und in vielerlei Hinsicht ‚anders‘ – tanzen zum Kanon in D von Johann Pachelbel.
In diesem unvergleichlich schönen Stück (wann hat Musik mich zuletzt zu Tränen gerührt?…das muss Jahrzehnte her sein) finden sie einander…nur sie beide – losgelöst, getrennt von der Welt, ja, aber das ist ganz und gar ohne Bedeutung – denn sie haben einander, wenigstens für diesen einen Tanz.

„Die Musik begann leise, das Vibrieren von langsam gezupften Baßsaiten floß aus den Lautsprechern; dann kamen die Trompeten, glatt und glänzend über den schimmernden Tönen eines Cembalo stiegen sie in derselben melodischen Reihe von Tönen herab und übernahmen dann die Führung, so daß die Streicher folgen mussten.

Sofort führte Ash seine Partnerin mit großen, anmutigen Schritten in einen sanften Kreis.

Es war der Kanon von Pachelbel, Michael erkannte es sofort, gespielt, wie er ihn noch nie gespielt gehört hatte, in einer meisterlichen Wiedergabe, mit dem vollen Bläsersatz, wie ihn der Komponist vielleicht gedacht hatte.

Hatte es je klagendere Töne in der Musik gegeben, irgend etwas, das sich der Romantik so vorbehaltlos hingab? Die Musik schwoll an, ließ die Beschränkungen des Barock hinter sich; Trompeten, Streicher und Cembalo sangen ihre einander überlagernden Melodien mit einer herzzerreißenden Fülle, so dass die Musik zeitlos klang, ganz und gar aus dem Herzen kommend.
Sie trieb das Paar vor sich her; die beiden hatten die Köpfe leicht geneigt, und ihre großen Schritte waren anmutig und langsam und in perfektem Gleichtakt mit den Instrumenten.

Ash lächelte jetzt ebenso wie Tessa. Und als das Tempo schneller wurde, als die Trompeten ihre Noten gefühlvoll und mit vollkommener Beherrschung zu trillern begannen, als die einzelnen Stimmen sich prachtvoll zum Augenblick des größten Jubels vereinten, tanzten sie schneller und immer schneller. Ash schwenkte Tessa beinahe spielerisch umher, in immer kühneren Kreisen. Ihr Rock wehte frei um sie herum, ihre kleinen Füße drehten sich mit vollkommener Anmut, Absätze klapperten leise auf dem Holzboden, und ihr Lächeln war strahlender denn je.

Und noch ein anderer Klang schmolz in diesen Tanz hinein denn wenn der Kanon so gespielt wurde, war er ohne Zweifel ein Tanz -, und allmählich erkannte Michael, dass es Ash war, der sang. Keine Worte, nur ein süßes Summen mit offenem Mund, in das Tessa rasch einfiel, und ihre makellosen Stimmen erhoben sich über die dunkel glänzenden Trompeten, reisten mühelos durch die Crescendi, und als sie sich jetzt mit kerzengeradem Rücken immer schneller drehte, war es fast, als lachten sie in ihrer scheinbar reinen Glückseligkeit.

Ihre Augen hatten sich mit Tränen gefüllt, während sie die beiden beobachtete, den großen, königlichen Mann und die geschmeidige, anmutige Feenkönigin, und ebenso die Augen des alten Herrn.

Ashs Blick war jetzt verspielt und anbetungsvoll, als er den Kopf wiegte, immer hemmungsloser umherschwang und sich schneller und schneller bewegte. Sie tanzten immer weiter, kreisten zusammen am Rande des Lichtscheins, in den Schatten und wieder ins Helle, und sie sangen einander ihre Serenade. Tessas Gesicht war begeistert wie das eines kleinen Mädchens, dem sein größter Wunsch erfüllt worden ist.

…der Tanz ging immer weiter, bis der Rhythmus sich verlangsamte, bis die Instrumente leiser spielten und ankündigten, dass sie sich bald verabschieden würden. Die einander überlagernden Stränge des Kanons verschmolzen letztmals zu einer volltönenden Stimme, ließen dann nach, zogen sich zurück, die Trompete spielte eine letzte wehmütige Note, und dann war Stille.
Das Paar blieb in der Mitte des Raumes stehen, und das Licht flutete über ihre Gesichter und ihr schimmerndes Haar.
…Solche Musik konnte weh tun. Sie konnte einen an seine Enttäuschungen erinnern, an seine Leere. Sie konnte sagen: So kann das Leben sein. Vergiss das nicht.

Stille.“

Der Text ist dem Roman ‚Die Mayfair-Hexen‘ von Anne Rice entnommen, eigentlich ein Genre, von dem ich solche Tiefe (für mich jedenfalls) nicht erwartet hätte. Der Tanz, ein Walzer(?), intensiviert das Erlebnis, klar, doch mit geschlossenen Augen, in der noch zarten Frühlingssonne ist das Stück gleichfalls ein Genuss.

Unter den zahllosen Variationen findet sich auch manch moderne Interpretation (→ „Canon Rock„), doch da kommt für mein Empfinden die Harmonie kaum zum Tragen. Eine E-Gitarre ist für so vieles gut, nur hier passt sie sich nicht recht ein.

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Marie Collins: Die Stimme der Opfer muss weiter gehört werden

Die Irin Marie Collins hat angekündigt, die Kinderschutz-Kommission im Vatikan zu verlassen. Collins, die selbst als Dreizehnjährige von einem Kleriker missbraucht wurde, hatte seit der Einsetzung der Kommission 2014 durch Papst Franziskus mitgearbeitet.
Ihr Beweggrund: „Mangelnde Zusammenarbeit“ durch Dikasterien der Römischen Kurie, wie Collins in ihrem Kündigungsschreiben an den Papst erklärte. Somit arbeitet derzeit kein Opfervertreter mehr in der Kommission, der es doch vor allem um die Opfer geht/gehen sollte.

Collins:“…erst kürzlich hat es eine sehr konkrete Weigerung durch ein vatikanisches Amt gegeben, mit der Kinderschutz-Kommission zusammen zu arbeiten, die ich einfach inakzeptabel fand.“
Es sei „herzzerbrechend“, wenn einige Menschen dies „im Jahr 2017 schwierig finden, wenn wir doch die Geschichte kennen und nicht wollen, dass sie sich wiederholt.“

→ Weiterlesen: „Marie Collins: Die Stimme der Opfer muss weiter gehört werden!“ auf radiovaticana.va.

Nachtrag (1.7.2017): Kardinal Müller verliert sein Amt als Chef der Glaubenskongregation der katholischen Kirche. Zwischen ihm und dem Papst gab es immer wieder inhaltliche Differenzen. „Im März hatte eines der Missbrauchsopfer katholischer Geistlicher, Marie Collins, Müllers Kongregation beschuldigt, sich der Arbeit der päpstlichen Kommission zum Schutz von Kindern zu widersetzen“, berichtet die ZEIT.

Ein Leserkommentar („dorok“) erzgänzt: Unerwähnt bleibt in dem Artikel, dass Gerhard Ludwig Müller auch wiederholt in der Kritik stand und steht, die Aufklärung von jahrelangen schweren Misshandlungen bei den Regensburger Domspatzen verschleppt und behindert zu haben.
→Vgl. „Die geklitterte Chronologie – Die Legende vom furchtlosen Hirten und dem Fuchs, der die Gans nicht gestohlen, sondern gebracht hat“ auf regensburg-digital.de. Im März 2010 habe „GLM“, Bischof Gerhard L. Müller, „mit einer beispiellosen Abwehrschlacht“ auf das Bekanntwerden von sexuellen Übergriffen in den Einrichtungen der Domspatzen reagiert.

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Gottes hidden agenda?

Armin Risi: Der verbotene Baum im Garten Eden

Manche Themen lassen einen wohl nie los, wie in meinem Fall das Leben von Adam und Eva – irgendwas an dieser Story provoziert mich und lässt mich wieder und wieder Entgegnungen im Geiste formulieren. Nennenswerte Fortschritt bleiben aus …wer nicht einmal die ‚richtigen‘ (= weiterführenden) Fragen stellt, kommt schwerlich auf befriedigende Antworten.

„Gäb’s keine Eva, wäre der Mann noch im Paradies.“
Nein, das ist noch nicht die erlösende Antwort …hmm, obwohl? …nee 😉


„Was ist denn an der Story so schwer zu verstehen?“
Nee, nicht der Inhalt an sich …das dahinter stehende Konzept – Gottes hidden agenda, wenn man so will – wurmt mich: Im jüdisch christlichen Kontext wird JHWH letztlich als erbarmungsloser Diktator inszeniert: Wer nicht entsprechend seiner apodiktischen Anordnung glaubt, hat bereits mit der Geburt (→ Erbsünde) verloren und wird nach seinem Tod für immer in der Hölle braten. Zugegeben, das ist nun sehr verkürzt …doch seit Martin Luther wissen auch, das die Entstehung des rechten Glaubens ein Geschenk sei, das man sich allein durch Eifer und Gehorsam erarbeiten könne. In diesem Punkt unterscheiden sich die Auslegungen und Handreichungen der christlichen Denominationen durchaus, im Kern steht jedoch die Aussage: Ohne Glaube keine Erlösung.

Jedesmal beiße ich mich an diesem Entweder-Oder fest: Ein ‚Friss oder verrotte in der Verdammnis‘ erscheint mir ausgesprochen unfair – meine Intuition sagt mir, so etwas kommt nicht von Gott. Sondern von Menschen, die kaum weniger fehlbar sind als ich selbst.
Auf der Suche nach einer rational wie intuitiv nachvollziehbaren Auflösung dieses Dilemmas stieß ich auf den u.a. Vortrag des schweizerischen Buchautors Armin Risi3. Risi geht in seiner Betrachtung weit über den jüdisch-christlichen Kontext hinaus und nimmt

Berthold Furtmeyr, „Baum des Todes und des Lebens“, Salzburger Missale (15. Jh.)

eine eigenständige Einordnung der Erzählung von Adam und Eva vor. Er verweist zunächst auf den zweiten Baum im Garten Eden – den Genesis 3 als Baum des Lebens bezeichnet; Früchte von diesem Baum hätte das erste Menschenpaar durchaus verzehren dürfen, verboten war ihnen allein der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse. Erst im Anschluss an die erste Übertretung wollte Gott verhindern, dass „der Mensch“ auch noch von diesem Lebensbaum koste und dadurch so werde „wie wir“.
Über die gematrische (die Zahlensymbolik beteffende) Herleitung von YHWH (Jahwe) erläutert Risi, nach hebräischem Verständnis stehe Gott für Einheit (ehad) und Liebe (ahava) – von ihm gedeutet als Nondualität und Individualität.
In diesem Kontext sei zu differenzieren zwischen Polarität und Dualität:

  • Polarität = Zweiheit der gleichwertigen, sich gegenseitig ergänzenden Gegenteile.
    (das ‚Sowohl als auch‘-Prinzip, lässt auf Gleichgewicht/Harmonie schließen),
  • Dualität = Zweiheit der nicht gleichwertigen, sich gegenseitig ausschließenden Gegensätze
    (das ‚Entweder-Oder-Prinzip‘, das auf Spaltung, Einseitigkeiten, Zuviel/Zuwenig schließen lässt, zB ‚Licht und Dunkelheit‘ im symbolischen Sinne, )

Sobald der Fehler begangen wird, Dualität gleichzusetzen mit Polarität, kommt es zu problematischen Relativierungen – etwa wenn Gut und Böse als ausschließlich subjektive und damit ’neutrale‘, ausstauschbare Wertmaßstäbe betrachtet werden. Mit einer dergestalt monistischen Philosophie gelange man zu Aussagen wie

  • ‚der Frieden bedingt den Krieg‘,
  • ‚das Gute erzwingt das Böse‘, oder
  • ‚das Böse ist der Dünger des Guten‘ (kennt man von Mephisto im Faust I: „Ich bin ein Teil von jener Kraft…“)

Der Monismus ist eine philosophische oder metaphysische Position, wonach sich alle Vorgänge und Phänomene der Welt auf ein einziges Grundprinzip zurückführen lassen. Er nimmt damit die Gegenposition zum Dualismus und Pluralismus ein, die die von mindestens zwei Grundprinzipien ausgehen. In der Religion stehen monistische Lehren oft dem Pantheismus oder dem Panentheismus nahe, die eine Gegenwart (Immanenz) des Göttlichen in allen Erscheinungen der Welt sehen.

Einer der größten Fehler, die Menschen machen, wenn sie über Gott nachdenken, ist, sich Gott als unpersönliches Wesen vorzustellen„.
Zwar sei Gott einerseits hinter den Naturgesetzen und -mechanismen im gesamten Universum ‚verborgen‘. Doch andererseits sei Gott auch persönlich, ja „menschlich“. Fraglos ein Paradoxon, mit dem viele Christen im Hinblick auf die Position Christi kaum ein Verständnisproblem haben dürften. Für mich leuchtet immerhin ein, dass jede Entweder-Oder-Vorstellung von Gott eine unzutreffende Reduzierung seiner Gesamtheit impliziert.

(An dieser Stelle begann ich immerhin zu erahnen, was dieser Exkurs überhaupt mit dem Baum im Garten Eden zu tun haben könnte…diese Frage hatte mich durchaus gestreift…;)

Risi leitet nun zu seinem theistischen Verständnis des Karma-Prinzips über: Erkenntnis bedeute im hebräischen Kontext auch Empfängnis (‚Adam erkannte Eva’…, Gen. 4.1) und Verschmelzung – sodass der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse auch als Konzept aufgefasst werden könne: die Verschmelzung oder Vermischung von Gut und Böse:

„In Jewish tradition, the Tree of Knowledge and the eating of its fruit represents the beginning of the mixture of good and evil together. Before that time, the two were separate, and evil had only a nebulous existence in potential.
While free choice did exist before eating the fruit, evil existed as an entity separate from the human psyche, and it was not in human nature to desire it. Eating and internalizing the forbidden fruit changed this and thus was born the yeitzer hara, the Evil Inclination…“ (engl. Wikipedia, „Tree of the knowledge of good and evil„)

Sinngemäß übersetzt: „In der jüdischen Tradition repräsentieren der Baum der Erkenntnis und der Verzehr seiner Früchte den Beginn einer Vermischung von Gut und Böse/Übel. Vor dieser Zeit waren beide getrennt, das Böse hatte lediglich eine nebulöse Existenz im Sinne eines Potenzials.
Der freie Wille existierte als Wahlmöglichkeit bereits vor dem Verzehr der Frucht als etwas von der menschlichen Psyche Getrenntes – es lag somit nicht in der menschlichen Natur, vom Bösen angezogen zu werden. Mit dem Verzehr und der ‚Verinnerlichung‘ der verbotenen Frucht (doppeldeutig: auch ‚Aufnahme‘ des Fruchtfleisches) entstand das Yetzer hara.“
Dieser hebräische Terminus wird im Englischen übersetzt mit „the indefinite ‚an evil inclination’… refers to the congenital inclination to do evil, by violating the will of God, also einer dem Menschen innewohnende Neigung zum Bösen, eine „üble Variante der Antriebe, die der Mensch zum physischen Überleben grundsätzlich braucht“.

Eine Folge dieser Vermischung zeige sich in der Tendenz bei Menschen, wenn sie der Illusion erlägen, mehr zu sein als Gott. Sofern der ‚Hang zum Bösen‘ jedoch nicht als Automatismus zu verstehen ist, hätte der Mensch immerhin die Chance, von seinem freien Willen Gebrauch zu machen und sich diesem Drang zu widersetzen, anstatt den immerwährenden Versuchungen  nachzugeben?

„Sobald der Mensch vom Baum der Erkenntnis nimmt, ist der Weg zum Baum des Lebens verschlossen.“

Wofür steht dieser zweite Baum? Ein Lebensbaum als Symbol für immerwährenden Friede und Harmonie? Die Bedeutungszusammenhänge und Interpretation in der jüdischen Tradition (→ Sephiroth, → Kabbala) sind zu komplex, als dass sie sich mit ein paar Schlagworten und einem knappen Zahlenspiel abhandeln ließen. Damit verbinde ich keine keine Kritik an Armin Risi; um hier zu einem zufriedenstellen Verständnis zu gelangen, müsste man sich wohl mit Gematrie befassen; zu dieser Interpretation von Worten mit Hilfe von Zahlen (jedem Buchstaben wird eine Zahl zugeordnet) fehlt mir jeder Zugang.

Bis hierhin ist mir immerhin klar geworden, dass Jahwe den ersten Menschen nicht verbot, Gut und Böse zu unterscheiden.


Die Rolle der Schlange

Einigkeit besteht in der Einschätzung, die Schlange sei mehr als Schlange – für wen oder was steht sie? In christlichen Kreisen scheint festzustehen: Schlange = Satan/Teufel/das Böse. Doch was hatte der/das Böse im Paradies zu suchen und woher kam es überhaupt?
Konkret:  „Gott ist Licht, und es ist keinerlei Finsternis in ihm“, befand schon Augustinus – wenn nicht von Gott, woher kommt das Übel dann?

„Gnostisch-esoterische Kreise glauben, dass die Schlange in Wirklichkeit der wahre Freund der Menschen sei – und Jahwe sei ein falscher Gott, der die Menschen unterdrücken wolle und nur deshalb den Menschen verbot, vom ‚Baum der Erkenntnis von Gut und Böse‘ zu essen.“
Ophitisches Denken, also Schlangenanbetung? Nicht, wenn man allein die heutige Zeit betrachtet. Die Ophiten oder Naassener waren freilich eine Richtung innerhalb der frühen Gnosis, welche der Schlange im Paradies eine göttliche Natur zuschrieb. Folglich wird JHWH in diesem dualistischen Denkmodell die Rolle des ‚Bösen‘ bzw. des unvollkommenen Schöpfers der materiellen Welt (→ Demiurg) zugewiesen.

Andere ‚Theorien‘ beschreiben  die „Götter von Eden“ (→ Elohim, auch im A.T. in Pluralform gebraucht) als Außerirdische, die an den Menschen der früheren Zeitalter genetische Manipulationen durchführten.
Risi spricht hier vom Eintritt in einem weiteren, namentlich den sumerischen „Verwirrgarten“; seine eigene Rolle sei die eines konstruktiven Kritikers der Präastronautik.
Diesbezüglich gaaanz neue „schockierende Enthüllungen“ gehen mehr oder weniger alle auf die Veröffentlichungen von Zecharia Sitchin zurück – taugen sie gewissermaßen als Upgrade für Darwinisten? Ärgerlich ist jedenfalls, wenn wieder und wieder „Beweise“ versprochen werden – was den Absatz der Anunnaki-Frankenstein-Bücher („Alien + Schimpanse = Mensch 😉 ) fördert, aber nach wie vor nicht der Wahrheit entspricht. (→ Vgl. „Wie plausibel sind die Thesen von Zecharia Sitchin?„)

Für Armin Risi steht fest: Mit ‚wirklichem Urwissen‘ haben diese auf Yellowpress-Niveau verbreiteten „Ihr seid Sklaven“-Behauptungen nur sehr wenig zu tun. Seine diametrale Aussage „Ihr seid Lichtwesen“ (oder ‚Götter‘) bezieht Risi übrigens auf Joh. 10,34, wo Jesus seinerseits die Tora zitiert:

Ich habe gesagt: Ihr seid Götter, und Söhne des Höchsten ihr alle!

Eingerahmt wird dieser Vers freilich von zwei Mahnungen zur Umkehr, vielleicht an jene, die sich als falsche Götter inszenieren: „Sie wissen nichts und verstehen nichts, in Finsternis gehen sie umher (…)“ [Ps 82,5] und „Doch wie ein Mensch werdet ihr sterben, und wie einer der Fürsten werdet ihr fallen.“ [Ps 82,5-7]

Eine unterschiedslose Gleichsetzung der Menschen mit Gott bzw. ‚den Elohim‘ war von den Autoren des A.T. sicherlich nicht intendiert. Lässt sich hier eher Gottes besonderer Anspruch an den Menschen – den er nach seinem Ebenbild erschuf (1 Mose 1,26) – hier erahnen, bezogen auf den Umgang des Menschen mit der ihm anvertrauten Schöpfung wie auch mit seinesgleichen?
Wie wir mit dieser Verantwortung umgehen, erweise sich in der „kannibalistischen Weltordnung“.

Dieser Begriff einer ‚kannibalistischen Weltordnung‘ beschreibt Auswüchse eines zunehmend unkontrollierten Raubtierkapitalismus; er wurde von dem Schweizer Soziologen Jean Ziegler geprägt, den Trend.at anlässlich der Erscheinung seines Buches „Ändere die Welt!“ interviewte:
„Es geht nicht um Gut und Böse, es ist ein System der strukturellen Gewalt. […]
Wir leben in einer kannibalischen Weltordnung, die sich durch zwei Dinge auszeichnet: eine unglaublichen Monopolisierung von politischer, ökonomischer und ideologischer Macht in den Händen weniger Oligarchen, die niemand kontrolliert, und enorme Ungleichheit unter den Menschen. Vergangenes Jahr haben die 500 größten Konzerne 52 Prozent des Weltbruttosozialprodukts kontrolliert. (…) Weder Nationalstaaten noch internationale Institutionen können sie kontrollieren.“1)

Ziegler betonte, heute bestehe weltweit kein objektiver Mangel an Nahrung mehr. Wo aber die Verteilung der ausreichend verfügbaren Nahrung verweigert werde, „wird ein Kind, das an Hunger stirbt, ermordet. Diese absurde Weltordnung ist von Menschen gemacht, also kann sie von Menschen gestürzt werden“.

Gerade jetzt, in diesen Tagen (März 2017) herrscht in vier afrikanischen Ländern eine schwere Hungerkrise, bis zu 20 Millionen Menschen sind akut vom Tod bedroht. Dass in diesen Ländern Krieg herrscht, mag die fürchterlichen Zustände dort erklären – zeigt aber doch um so deutlicher unser Versagen als Spezies.

Falsch abgebogen?

Die allegorische Erzählung von Adam und Eva im Garten Eden kann auch in der heutigen Zeit noch aufzeigen, dass die Menschheit an einem entscheidenden Punkt ihrer Zivilisationsgeschichte in eine ‚falsche Richtung‘ abbog und von da an zunehmend schädliche Konzepte verfolgte. Kennzeichnend hierfür mag sein, „dass die heutige Gesellschaft in zwei Arten von Einseitigkeiten gefallen ist, einerseits im Namen von Gott (religiöse Machtansprüche), andererseits im Namen von Wissenschaft (atheistische/monistische Weltbilder)“3) – insbesondere da, wo Vertreter beides Seiten sich das das Recht anmaßen, die Menschheit manipulativ oder gar mit Gewalt in ihre Richtung zu zwingen.
Die Differenzierung zwischen der Menschheit als Spezies und uns selbst als einzelnen Individuen fällt nicht immer leicht: Einerseits müssen wir uns als Teil dieser Zivilisation begreifen, der laufende Kriege und schwerste Versäumnisse im humanitären Sektor anzulasten sind – doch auf der anderen Seite verstehen wir uns als Einzelwesen, welche auf die globalen Strukturen und Ereignisse nur sehr minimalen Einfluss haben.

Als Alibi oder Ausrede taugt der Rückzug auf die Position ‚Was kann ich schon tun?‘ eher selten: Zuvor müsste sich das Individuum über eine vorrangige Frage Klarheit verschaffen: Tue ich denn das Wenige, das in meiner Macht liegt, um diese Welt zu einem besseren Ort zu machen?
Jedesmal, wenn ich mir diese Frage stelle, werde ich ziemlich kleinlaut und nachdenklich…

Vortrag von Armin Risi: Der verbotene Baum im Garten Eden

Teil 1 (ca. 60 Min.):

Teil 2 (ca. 48 Min.)

Risi kommt im Laufe seines Vortrages mehrfach auf die Freimaurerei und ihre Philosophie zu sprechen, die er als monistisch beschreibt.

Quellenangaben:

  1. Jean Ziegler: „Die Weltordnung ist kannibalistisch“, Trend.at, 11/2015
  2. Krieg treibt den Hunger„, ZEIT, 13.3.2017
  3. Webseite von Armin Risi: ‚Zur Person
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Reisebericht ins Jenseits? Der ‚Himmelsbeweis‘ von Dr.med. Eben Alexander

Buchtipp: „Blick in die Ewigkeit – Die faszinierende  Nahtoderfahrung“, Dr. med. Eben Alexander – (→ Leseprobe als Pdf)

Wann immer Menschen über ihr ‚Leben nach dem Tod‘ schreiben, landen sie damit weit oben in den Bestsellerlisten. Dieser Bericht eignet sich vor allem für Skeptiker („Um ein echter Skeptiker zu sein, muss man etwas tatsächlich untersuchen und es ernst nehmen.“), denn er wurde von einem erfahrenen Neurochirurgen verfasst, der seiner eigenen NTE (Nahtod-Erfahrung) nicht mal skeptisch war. Sondern überzeugt, solche Erlebnisse seien zwar subjektiv real, aber halt nur ein Produkt des Gehirns.

Erst im Zuge einer überaus seltenen (bakteriellen) E.-coli- Meningitis sei er infolge seiner persönlichen Erlebnisse zu einer völlig gegenteiligen Auffassung gelangt. Sein medizinisch-fachliche Hintergrund gab für mich überhaupt erst den Ausschlag, dieses Buch zu lesen: auf dem riesigen Markt esoterischer Eitelkeiten finden sich heute zahllose Berichte über Nahtoderlebnisse, doch stammen diese oftmals von Personen, die aufgrund ihres weltanschaulich-religiösen Hintergrundes für solche Erfahrungen prädestiniert sowie deren anschließende Vermarktung sein könnten …was auf Dr. E. Alexander halt nicht anwendbar schien.

Je intensiver ich mich freilich mit der Lebensgeschichte Alexanders befasse, um so deutlicher wird die fast zwangsläufig anmutende Verschränkung von Licht- und Schattenseite im Leben eines Menschen. Leider kommen die nachteiligen Aspekte in Proof of Heaven nur unzureichend zum Ausdruck …dabei hätte gerade dieses Typische dem eigentlichen Anliegen zusätzliche Glaubwürdigkeit verleihen können.

Kausalität und Spekulation – Wie kommt eine NTE zustande?

Ich behaupte, dass das menschliche Mysterium unglaublich erniedrigt wird durch den wissenschaftlichen Reduktionismus mit seinem Anspruch, der promissorische Materialismus erkläre letztlich die ganze spirituelle Welt in Form von Mustern der neuronalen Aktivität. Diese Annahme muss als Aberglaube eingestuft werden … wir müssen erkennen, dass wir sowohl spirituelle Wesen mit Seelen sind, die in einer spirituellen Welt existieren, als auch materielle Wesen mit Körpern und Gehirnen, die in einer materiellen Welt leben.“ Sir John C. Eccles4)

„Das Gehirn gehört dem Ich und nicht umgekehrt“. Eccles prägte einen „trialistischen Interaktionismus“: Nicht nur der Geist wirke auf das Gehirn. Das Gehirn und seine darin gespeicherten Erfahrungen beeinflussen auch das Bewusstsein. –

Im Anschluss an dieses Zitat, das so bemerkenswert ist wie sein 1997 verstorbener Urheber, stellt Dr. Alexander eigene Überlegungen vor, wie seine NTE zustande gekommen sein möge:
„…ein verzerrter Rückgriff auf Erinnerungen aus tieferen Teilen meines limbischen Systems, dem Teil des Gehirns, der die emotionale Wahrnehmung anregt? Wieder nein. Ohne einen funktionierenden Neokortex konnte das limbische System keine Visionen von derartiger Klarheit und Logik hervorbringen, wie ich sie gehabt hatte.“
Auch bewusstseinsverändernde Medikamente hatten ohne einen funktionierenden Neokortex keinen Boden, auf dem sie wirken konnten. Selbiges betrifft auch weitere Phänomene, wie REM-IntrusionA) oder DMT-AusschüttungB).

Spannender ist da schon das sog „Neustart-Phänomen“. Dieser Hypothese zufolge wäre eine Ansammlung von weitgehend zusammenhanglosen Erinnerungen und Gedanken ‚übriggeblieben‘, bevor sich der Kortex verabschiedete. Wie ein Computer, der nach einem Absturz bei einem Neustart möglichst viel an Daten rettet, hätte das Gehirn demnach die erlebte Erfahrung (d.h. die NTE), aus diesen verbliebenen Fragmenten zusammengesetzt. (→ Vgl. „Streich des Gehirns oder Seelenbeweis?„, Focus, Jan. 2016)

„Doch das scheint höchst unwahrscheinlich angesichts der Feinheit und der Interaktivität meiner vielschichtigen und in sich stimmigen Erinnerungen.“

Das ist je der entscheidende Punkt: Sofern allein das Gehirn Bewusstsein produziert, wie kommen dann solche Produkte‘ in komplexer Form und Anordnung zustande, obwohl alle höheren Teile des Gehirns deaktiviert sind, was sich ja auch anhand von Messungen belegen lässt?
Hier ließe sich höchstens noch einwenden, die neurophysiologische Forschung sei halt noch nicht so weit, diese Prozesse (gewissermaßen auf einem kaum messbaren ‚Reststrom‘ beruhend) in ihrer Gesamtheit darzustellen …nette Ausflucht. Wer als Wissenschaftler so argumentiert, muss vom logischen Standpunkt aus betrachtet die Möglichkeit eines nicht vom Gehirn abhängenden Bewusstseins und Erinnerns immerhin offenlassen.

“ Weil ich die nicht lineare Natur der Zeit in der spirituellen Welt so intensiv erlebt habe, kann ich jetzt verstehen, warum so viel, was über die spirituelle Dimension geschrieben wird, aus unserer irdischen Sicht verdreht oder einfach nur unsinnig erscheint.“

Für mich absolut glaubhaft. Schon meine ganz ‚normalen Träume‘ (welche vom Inhalt her soo normal gar nicht immer sind) finden in einem von der im Wachszustand wahrnehmbaren zeitlichen Realität abweichenden Kontext statt: Mitunter nicke ich am Abend schon mal kurz vor dem TV ein, meistens wenn gerade Werbung läuft.
Diese Naps dauern oft keine 10 Minuten, doch das Erlebte (Erträumte) darin dauerte gefühlte 2-3 Stunden. Und, anders als nach vielen nächtlichen Träumereien, an diese Sequenzen kann ich mich anschließend gut erinnern…ich schreibe sie dann in mein Tagebuch, weil die Erinnerung andernfalls nach wenigen Tagen verblassen würde.
Andererseits bin ich bislang weit davon entfernt, von meinen eigenen Traumerlebnissen auf eine solche Dimension außerhalb der Raumzeit schlussfolgern zu können – weshalb ich Alexander’s Bericht zwar Glauben schenke, ihn dennoch nur zum Teil in meine Vorstellungswelt integrieren kann.

Was Dr. Alexander en detail durchlebte? Nun, davon möchte ich nicht allzu viel verraten – um nicht nolens volens zu relativieren.
Folgendes sei aber dazu gesagt. So schockierend und bedrohlich die medizinischen Einzelheiten und die Vorstellung vom nahe bevorstehenden Tod eines Familienvaters, der noch mitten im Leben steht, auch auf mich wirken- die Worte von Dr. Eben enthalten viel Tröstliches:

„Letztlich ist niemand von uns ein Waisenkind. Wir sind alle in der Position, in der ich war (…): Wesen, die uns beobachten und über uns wachen; Wesen, die wir zeitweise vergessen haben, die aber, wenn wir für ihre Anwesenheit offen sind, nur darauf warten, uns während unserer Zeit hier auf der Erde zur Seite zu stehen. Keiner von uns ist je ungeliebt. Der Schöpfer, der uns mehr liebt, als wir überhaupt begreifen können, kennt jeden Einzelnen von uns ganz genau und kümmert sich um uns. Dieses Wissen darf nicht länger ein Geheimnis bleiben.“

Als Mediziner sei er sich natürlich über die Schwierigkeiten im Klaren, diese neue Sicht seinen Kollegen sowie Wissenschaftlern im allgemeinen nahe zu bringen.Als er sich mit ‚wissenschaftlichen‘ Erklärungen von Nahtoderlebnissen befasste, sei er schockiert über deren Fadenscheinigkeit gewesen. „Und doch musste ich zähneknirschend zugeben, dass es genau die Erklärungen waren, auf die mein altes „Ich“ vage verwiesen hätte, wenn mich jemand gebeten hätte zu „erklären“, was ein Nahtoderlebnis ist.“

Aber mal ehrlich – „proof of heaven“?

Die Amis lieben solche Wortkreationen, doch für einen renommierten Harvard-Wissenschaftler und ‚Hirnexperten‘, der zuvor ähnliche Erlebnisse häufig von Patienten zu hören bekam und als Phantasie abtat, mag eine Selbsterfahrung – zunächst „nicht als Person, sondern wie ein Wurm, oder ganz körperlos, einfach nur seiend“ – durchaus Beweischarakter besitzen. Seine Erfahrungen hätten ihm gezeigt, „dass der Tod des Körpers und des Hirns nicht das Ende des Bewusstseins sind, dass der Mensch Erfahrungen macht über den Tod hinaus.“
Für viele von uns, die bisher noch nicht durch dieses Nadelöhr (und wieder zurück) mussten, wäre es mutmaßlich sehr ähnlich …ob wir auch einen wunderschönen, weiblichen Engel an unserer Seite hätten muss freilich offen bleiben.
Drei zentrale Wissensbausteine seien ihm von diesem engelsgleichen Wesen („the girl on the butterfly wing“) mitgegeben worden:

„Du wird geliebt, für immer.
Du musst nichts fürchten.
Du kannst nichts falsch machen.“

Ich weiß ja nicht wie es Ihnen damit geht, doch sobald ich diese Aussagen höre, türmt sich in meinem Denken reflexhaft die leidige Warum? – Frage auf: Wenn „alles gut“ ist, warum und wozu sind wir dann hier und werden in beinahe jeder Stunde unseres irdischen Erwachsenendaseins mit menschlicher Unzulänglichkeit (oft bei uns selbst) und auch Boshaftigkeit konfrontiert?

Hier „ist es unsere Aufgabe,
dem Göttlichen entgegenzuwachsen“.

Diese Lehre vom seelischen Reifungsprozess findet sich in vielen spirituellen Lehren wieder. „Denken Sie an jede Enttäuschung, die Sie jemals erlebten. Ich spüre, dass alle Verluste, die wir hier auf Erden erdulden müssen, in Wahrheiten Varianten eines sehr zentralen Verlustes sind; dem Verlust des Himmels.“

Eine Objektivierbarkeit der Erfahrungen des Neurochirurgen sowie seiner späteren Interpretation ist natürlich nicht gegeben – es handelt sich um eine sehr persönliche Schilderung, die mit den reduktionistischen Methoden der Wissenschaft weder beschreibbar ist noch reproduzierbar.

„Den Himmel und die Engel hat nur Eben Alexander gesehen. Für die Leser beginnt hier das weite Feld von Glauben oder Nichtglauben.“1

Dr.Eben Alexander talks about his Near Death Experience

Wer solche Wörter kennt, kann kein Spinner sein? – Kritik und Glaubwürdigkeit

Zuerst stieß ich auf den Artikel von Lucas Wiegelmann (WELT) – Überschrift „Eben Alexander und die Leere Gottes“ – der sich in launig-humoriger Weise mit Esoterikautoren beschäftigt. Deren Glaubwürdigkeitsproblem überwinde Alexander mit Leichtigkeit: „…da Klappentexte lügen können, benutzt er viele Neurochirurgenvokabeln zur Beglaubigung. Zerebraler Vasopasmus, Status epilepticus, Hyponatriämie, zack! Wer solche Wörter kennt, kann kein Spinner sein.“

Okay, ein paar mal geschmunzelt, aber nichts Handfestes, um richtig meckern zu können, oder? Das Magazin Esquire berichtete in seiner August-Ausgabe 2013, vor der Herausgabe des Buches Blick in die Ewigkeit sei Dr.Alexander von einigen seiner Stellen entlassen worden; mehrfach sei er wegen Fehlbehandlungen (5 innerhalb von 10 Jahren) sowie Aktenfälschung medizinischer Unterlagen angeklagt worden. Die Verfahren wurden jeweils durch Vergleiche und Bußgelder beigelegt. 2007 wurde ihm die Erlaubnis zu operieren vorübergehend entzogen.Vor diesem Hintergrund habe Dr.Alexander ‚eine Neuerfindung‘ gebraucht. Die Beschreibung seiner Person als ein „Experte auf dem Gipfel der säkularen Wissenschaft“ relativiere sich insoweit.C)

Auch widerspreche Alexanders Darstellung, dass sein Koma durch eine schwere bakterielle Meningitis hervorgerufen war und er keine höheren Hirnfunktionen mehr hatte, der Aussage seiner behandelnden Ärztin Laura Potter: durch Medikamente sei er zeitweilig in ein künstliches Koma versetzt worden. Eine absolute Bewusstlosigkeit zum Zeitpunkt seiner Nahtoderfahrung wird von der Ärztin nicht bestätigt. Stattdessen soll er ansprechbar, aber im Delirium gewesenen sein („Conscious but delirious“)2.
Als Alexander seine Kollegin Potter um ein Feedback zum Buchentwurf bat, habe auf einzelne Bedenken die Antwort erhalten, im Rahmen der ‚künstlerischen Freiheit‘ seien Passagen seines Buches ‚dramatisiert und dadurch für die Leser interessanter gestaltet worden‘.

Es ist klar – an solch einem Fall scheiden sich die Geister. Dass im Zuge einer derartigen Auseinandersetzung zwischen kollidierenden Weltbildern auch die Glaubwürdigkeit von ‚Zeugen‘ in Zweifel gezogen wird, ist wenig überraschend. Andererseits wäre schon zu wünschen, dass ein Buchautor, der seine Fachkompetenz als Mediziner in nahezu jedem Kapitel betont, diese Schattenseite seiner beruflichen Karriere nicht ganz verschweigt. Seine zeitweilig durchaus ernsten Alkoholprobleme finden im Buch eingehende Erwähnung, wäre Dr. Alexander ähnlich off en mit den zurücklegenden Rechtsstreitigkeiten umgegangen, müsste er sich dann nicht mit boshaft-sarkastischen Charakterisierungen auseinandersetzen, wie sie im systematischen Demontagebemühen des Esquire zu lesen sind?

→ „Dr. Eben Alexander looks less like a messenger from heaven and more like a true son of America, a country where men have always found ways to escape the rubble of their old lives through audacious acts of reinvention.“2 Sinngemäß übersetzt: „Dr. Eben Alexander sieht weniger wie ein Himmelsbote und mehr wie ein echter Sohn Amerikas – einem Land, wo Menschen immer Wege fanden, den Trümmern ihres alten Lebens durch kühne Taten der Neuerfindung zu entkommen.“

Tja, und dann sah er das Licht.-

Was mich betrifft, so neige ich zu einer etwas anders gelagerten Kritik: Wie beschrieben, schildert Alexander seine Herausforderung, die eigene NTE im Kreis seiner Mediziner-Kollegen glaubhaft zu vermitteln. Dabei rennt er des öfteren gegen unsichtbare Wände an, was lt. seiner Darstellung ausschließlich dem materialistischen Weltanschauung seiner Kollegen geschuldet war. Die ganze Wahrheit hätte womöglich lauten müssen: Auch sein durchaus angekratztes Renommee als Neurochirurg mag mitgeschwungen haben, falls andere Mediziner seiner Schilderung nicht eben ungeteilte Begeisterung entgegen brachten.
Ein objektiver Gottes- oder Himmelsbeweis kann durch die subjektiv geschilderten Erlebnisse einer Einzelperson natürlich nicht erbracht werden …auch habe ich Zweifel, ob ein derartiger Beweis, könnte er jemals bewerkstelligt werden, überhaupt wünschenswert ist…

„Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben“?

Na jaa, ganz umsonst …ohne einen klitzekleinen Obolus zu verlangen?

Um etwas klarer zu sehen, lohnt sich auch ein Blick auf das kommerzielle Leistungsspektrum von Dr. Alexander – Webinare und Meditationen („Discover Your Own Proof of Heaven“) zum Schleuderpreis von nur 60,00 US$ laut dem o.a. Esquire-Artikel2. Neuere Angebote sind Veranstaltungen zur „Befreiung des Bewusstseins vom Gehirn“ (echt jetzt?) und Schalltherapie …bei Interesse an Geistheilung und so Sachen überhaupt nicht schwer zu finden…aber vorher bitte noch die Ratschläge und Hinweise des Dalai Lama5 lesen, ja?

Nun ja, Propheten wollen halt auch leben.

Für ‚Suchende‘, zu denen ich mich ungeachtet zeitweiliger Schübe von Zynismus weiterhin zähle, stellt sich dennoch eine Frage, wie sie weiter vorgehen wollen: Muss es jeweils der neuste Schrei sein, ein weitere Live-Reportage aus dem Nirwana, idealerweise mit Om-Bastelset nach alter YPS-Manier?
Oder macht es vielleicht mehr Sinn, sich den alten, dafür verlässlicheren Wurzeln zu widmen? → Tipp: auf rabhupada-books.de finden Sie genug Lesestoff über die Veda für Jahre. Darunter Bhagavad-gita und Srimad Bhagavatam – vollständig, auf deutsch + Sanskrit + Sanskrit-Transliteration – und mit einem Vers-für-Vers-Kommentar, den sogar ich verstehe.
Und alles für umsonst zum PDF-Downloas, aber bestimmt nicht vergeblich 😉


Anmerkunken/Erläuterungen

  • A) Während der REM-Phase im Schlaf, der an den schnellen Augenbewegungen (rapid eye movement) zu erkennenden Traumphase, kann es ebenfalls zu außerkörperlichen Erfahrungen (OBE) und anderen NDE-Phänomenen kommen, die heute niemand mehr für paranormal hält. Bei einigen Menschen treten diese REM-Phasen auch im halbwachen Zustand auf. Die Neurologen sprechen von einer REM-Intrusion.
    Vgl.: Todesnahe Erlebnisse nur ein Traum – Studie vermutet REM-Phänomen„,
    aerzteblatt.de 2006
  • B) Die Substanz DMT, N,N-Dimethyltryptamin, ist ein Tryptamin-Alkaloid, welches sich einerseits in Pflanzen und dem Hautdrüsensekreten einiger Kröten findet und in geringen Konzentrationen auch auch dem menschlichen Körper „fast allgegenwärtig“ erscheint. Die These der DMT-Ausschüttung geht davon aus, in besonderen Stress-Situationen könne der Körper diese Substanz freisetzen und ‚psychedelische Erlebnisse‚ auslösen.
  • C) Mit ärztlichen Fehlbehandlungen und „Kunstfehlern“ kenne ich mich nicht aus. Als medizinischer Laie ist mir immerhin so viel klar: Trotz besonderer Sorgfaltspflichten lassen sich Fehler in keinem Berufszweig ganz ausschließen. Der Fairness halber wäre ein statistischer Kontext zu betrachten: Welcher prozentuale Anteil von Fehlern ist denn im Bereich der Gehirn- und Neurochirurgie ‚üblicherweise zu erwarten‘? War die Erfolgs- bzw. Misserfolgsquote von Dr. Alexander signifikant anders als die seiner Fachkollegen auf dem Sektor der stereotaktischen RadiochirurgieD) ?
  • D) Die stereotaktische Bestrahlung ist eine technisch aufwendige Sonderform der Strahlentherapie. Hierbei wird ein relativ kleines, klar gegen benachbartes gesundes Gewebe abgrenzbares Volumen, z.B. ein Tumor oder eine Gefäßmissbildung, hochdosiert bestrahlt. Dabei können Zielpunkte im Körper des Patienten mit einer Präzision von wenigen Millimetern definiert werden. Nach dreidimensionaler computergestützter Bestrahlungsplanung wird der Tumor punktgenau aus mehreren Raumrichtungen bestrahlt. Im Zielbereich treffen alle Strahlen aufeinander und addieren sich nur hier zur Gesamtdosis, so dass das umgebende Gewebe optimal geschont wird.
    Soweit ersichtlich, handelt es sich hierbei zwar nicht mehr um völliges Neuland, aber doch um eine sehr moderne Therapiemehode, deren Technologie laufender Optimierung unterliegt – auch dies ist bei der Betrachtung von Behandlungsfehlern sicherlich zu berücksichtigen.

Quellenangaben/Literaturhinweise:

  1. 7 Tage im Koma – Die betörende Erfahrung eines Hirnexperten„,
    Die Welt, 2012,
  2. The Prophet -Before Proof of Heaven made Dr. Eben Alexander rich and famous as a „man of science“ who’d experienced the afterlife, he was something else: a neurosurgeon with a troubled history and a man in need of reinvention“, Esquire, August 2013,
  3. „The Doctor Whose Story Debunked Proof of Heaven“, Esquire, Juli 2013,
  4. Wanderer zwischen drei Welten“ – Mit John C. Eccles starb der letzte Neurophysiologe, der noch an die Seele glaubte, ZEIT v. 16.5.1997.Als Katholik beschäftigte sich Dr. Eccles mit der Frage, wie denn der von Gott geschaffene Geist auf das materielle Gehirn einwirken könne. Des Rätsels Lösung lag in der Reizleitung zwischen den Neuronen: „Jede Zelle besitzt bis zu 10 000 Schaltstellen (Synapsen) zu Nachbarzellen. Erreicht ein Nervenreiz eine Zelle, öffnen sich winzige Säckchen (sogenannte Vesikel) und setzen chemische Botenstoffe (Neurotransmitter) frei. Diese Transmitter durchqueren den Spalt, der die Synapsen zweier Nachbarzellen trennt und leiten den Reiz weiter.“Allerdings führe nicht jeder einlaufende Nervenimpuls zwangsläufig zur Ausschüttung eines Transmitterbläschens. Eccles deutete diese Tatsache so: Das Bewusstsein modifiziere die Wahrscheinlichkeit, mit der die Botenstoffe freigesetzt werden – auf diese Weise wirke der Geist auf das Gehirn ein.
  5. Wer Interesse und Geduld hat, mag sich auch das Symposium with scientists and scholars entitled „Life and After Life“ am Maitripa College in Portland vom 10.5.2013 anschauen. Teilnehmer waren u.a. der Dalai Lama und Alexander Eben. Etwa ab der 45. Minute kommentiert der Dalai Lama, der kein native english speaker ist, den zuvor gehörten Vortrag von Alexander in auf seine  Weise:
    Der Buddhismus kenne drei Kategorien beobachtbarer Phänomene: 1. Evidente Ereignisse, welche objektiv feststellbar und messbar sind. 2. ‚versteckte‘ Phänomene, welche sich aber auf Basis der 1. Kategorie begründen und darlegen lassen. 3. Die Dritte Kategorie aber sei „extremely hidden phenomena“ vorbehalten, also äußerst schwer zugänglichen, bisweilen obskuren und kaum objektivierbaren Erscheinungen. Der einzige Zugang zu ihnen bestehe in persönlicher (Selbst-)Erfahrung oder einem Zeugnis einer dritten Person.

    „For him [E. Alexander] it’s something reality. Real. But those people who never sort of experienced that, still, his mind is a little bit sort of…“ Er zeigt mit dem Finger an seinen Kopf „…different!“ Also anders, sagt er. Lacht herzlich und seine Zuhörer lachen mit ihm. Das Lächeln im Gesicht Alexanders ist eher schmal.

    „For that also, we must investigate,“ spricht der Dalai Lama weiter, „Through investigation we must get sure that person is truly reliable ….When a man makes extraordinary claims, a thorough investigation is required, to ensure that person reliable, never telling lie,“ and has „no reason to lie.“ Es bedürfe eine sogfältigen Untersuchung, um sicher zu ehen, dass diese Person verlässlich sei, nicht/niemals lüge – und dass sie auch keinen Anlass zur Lüge hat. Die Körpersprache des Dalai Lama lässt keinen Zweifel daran, auf wen sich diese Worte beziehen.
    Bestimmte Erscheinungen lägen nun einmal außerhalb der Zuständigkeit von (Natur-)Wissenschaft – hierbei müsse unterschieden werden zwischen noch unerforschten Bereichen und solchen Dingen, die bereits klar widerlegt werden konnten.

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Friedrich Schiller und die ersten Menschen

Bezug: „Etwas über die erste Menschengesellschaft nach dem Leitfaden der mosaischen Urkunde„, Friedrich Schiller (um 1879, auf Projekt Gutenberg-DE)

Worauf Schiller mit dieser Abhandlung hinaus wollte, erschließt sich zum Teil anhand des Subtitels „Uebergang des Menschen zur Freiheit und Humanität„. Im Zentrum stehen der Ungehorsam von Adam und Eva im Garten Eden nach – sowie die Fragestellung, ob ein anderer Ausgang des ‚Sündenfalls‘ 1. überhaupt möglich uns 2. im Sinne des Schöpfers gewesen wäre.
Diese Frage finde ich durchaus spannend: Hätte es überhaupt anders laufen können, als mit der Vertreibung aus Eden zu enden?

„Sanft und lachend war also der Anfang des Menschen, und dies mußte sein, wenn er sich zu dem Kampfe stärken sollte, der ihm bevorstand.“

„Setzen wir also, die Vorsehung wäre auf dieser Stufe mit ihm still gestanden, so wäre aus dem Menschen das glücklichste und geistreichste aller Thiere geworden, – aber aus der Vormundschaft des Naturtriebs wär‘ er niemals getreten, frei und also moralisch wären seine Handlungen niemals geworden, über die Grenze der Thierheit wär‘ er niemals gestiegen.
In einer wollüstigen Ruhe hätte er eine ewige Kindheit verlebt – und der Kreis, in welchem er sich bewegt hätte, wäre der kleinstmöglichste gewesen, von der Begierde zum Genuß, vom Genuß zu der Ruhe und von der Ruhe wieder zur Begierde.“

Aber der Mensch war zu ganz etwas anderm bestimmt, und die Kräfte, die in ihm lagen, riefen ihn zu einer ganz andern Glückseligkeit. Was die Natur in seiner Wiegenzeit für ihn übernommen hatte, sollte er jetzt selbst für sich übernehmen, sobald er mündig war. Er selbst sollte der Schöpfer seiner Glückseligkeit werden … sollte den Stand der Unschuld, den er jetzt verlor, wieder aufsuchen lernen durch seine Vernunft und als ein freier, vernünftiger Geist dahin zurück kommen, wovon er als Pflanze und als eine Creatur des Instinkts ausgegangen war“

„…aus einem Paradies der Unwissenheit und Knechtschaft sollte er sich, wär‘ es auch nach späten Jahrtausenden, zu einem Paradies der Erkenntniß und der Freiheit hinauf arbeiten, einem solchen nämlich, wo er dem moralischen Gesetze in seiner Brust eben so unwandelbar gehorchen würde, als er anfangs dem Instinkte gedient hatte, als die Pflanze und die Thiere diesem noch dienen.

Was war also unvermeidlich? Was mußte geschehen, wenn er diesem weitgesteckten Ziel entgegen rücken sollte?

Mein spontaner Gedanke bis hierhin: Um welchen Preis! Nach biblisch-christlich Lesart kamen durch die Bestrafung und Verfluchung für die Ur-Sünde (vom Baum der Erkenntnis gekostet zu haben) erst Tod und Leid in die Welt …Krankheiten, Schmerzen, unerklärlich grausame und sinnlose Schicksale (z.B. der allzu frühe Tod kleiner Kinder). Denn nach der Lehre von der Erbsünde geht Adams und Evas Strafe auf ihre sämtlichen Nachkommen über, d.h. alle Menschen die jemals gelebt haben und jemals leben werden.

Schiller nimmt eine andere Sichtweise ein: Der Mensch habe sich wissentlich und willentlich auf diesen Weg begeben:

„…er selbst riß ab von dem leitenden Bande, und mit seiner noch schwachen Vernunft, von dem Instinkte nur von ferne begleitet, warf er sich in das wilde Spiel des Lebens, machte er sich auf den gefährlichen Weg zur moralischen Freiheit.“

Dabei scheint aus dem biblischen Text im 1. Buch Mose hervorzugehen, wie wenig das erste Menschenpaar sich der Konsequenzen ihrer Handlung bewusst war, zudem noch verwirrt (und sicherlich auch betört) von dieser sprachbegabten „Schlange“. Diese wurde und wird gerne mit Satan identifiziert, ohne dass der Text auch nur einen Hinweis darauf liefert. Adams „vermeintlicher Ungehorsam“ gegen das göttliche Verbot sei „nichts anders, als – ein Abfall von seinem Instinkte – also erste Äußerung seiner Selbstthätigkeit, erstes Wagestück seiner Vernunft, erster Anfang seines moralischen Daseins.“

Hm, setzt Vernunft nicht die Fähigkeit und das Wissen voraus, die Auswirkungen der eigenen Entscheidung zu erkennen und einzuschätzen? Damit war es aber nicht weit her – weder bei Eva, die sich komplett vom Gesäusel der Schlange einlullen lässt – noch bei Adam, der seiner Frau bedenkenlos in den Ungehorsam folgt.
Vernunft um der Vernunft willen? Erst durch das moralische Übel werde auch das moralische Gute in die Schöpfung gebracht, findet Schiller – gewissermaßen handele es sich um die Grundsteinlegung zur menschlichen Moralität. Wer darin ohne Widerspruch die glücklichste und größte Begebenheit in der Menschengeschichte ausmachen will, muss wohl über die Abgründe menschlicher Un-Vernunft bis in unsere heutige Zeit und wohl noch weit darüber hinaus) hinwegsehen können und wollen.

Sicher, die von Schiller hochgelobte Freiheit impliziert auch das Potenzial zum Missbrauch derselben – bis hin zu Völkermord, jahrzehntelangen Kriegen und Atombombenabwürfen. Mir scheint, die millionenfach unverschuldet zu Tode gekommenen Träger dieser Freiheit wurden weder in diese Entscheidung einbezogen noch kamen sie wirklich in den Genuss ihrer persönlichen Freiheit.

„…der Mensch wurde aus einem unschuldigen Geschöpf ein schuldiges, aus einem vollkommenen Zögling der Natur ein unvollkommenes moralisches Wesen, aus einem glücklichen Instrumente ein unglücklicher Künstler.“

Der kollektive Charakter dieser fortschreitenden ‚Selbstbefreiung‘ behagt mir nicht, insoweit durch sie eine Masse von Mit-Gefangenen zu Opfern einer überschaubaren Anzahl von Tätern wurde. Zumindest bis zu Schillers Lebenszeit lässt sich dies sagen, da die große Mehrheit ein eher trostloses, von Leid geprägtes Dasein führten und nur ganz wenigen durch Geburt oder andere glückliche Umstände ein selbstbestimmtes Leben in relativem Wohlstand möglich war. Mit der Verbesserung der Lebensumstände für eine breite Mehrheit ab der Nachkriegszeit hat sich dies freilich geändert – zumindest in Europa. Nur, bis dahin dauerte es seit den Anfängen der Zivilisation gut 5.000 Jahre – wie Schiller ebenfalls einräumt:

„…der Mensch wurde dadurch aus einem Sklaven des Naturtriebes ein freihandelndes Geschöpf, aus einem Automat ein sittliches Wesen, und mit diesem Schritt trat er zuerst auf die Leiter, die ihn nach Verlauf von vielen Jahrtausenden zur Selbstherrschaft führen wird. Jetzt wurde der Weg länger, den er zum Genuß nehmen mußte.“

Schiller scheint die Bewertung des Weges, den die Menschheit genommen hat, von ihrem Zielpunkt her zu vorzunehmen. Wer auf der Strecke blieb, war halt „ein verdienstvolles Opfer für Freiheit und Fortschritt“. Und würde man heute annehmen dürfen, dass von nun an die goldenen Zeiten für das Geschlecht der Menschen erst so richtig beginnen? Ich bin mir unschlüssig: Hat die Menschheit bislang eine progressive oder eine regressive Entwicklung genommen – oder ein wenig von beidem, je nach den gewählten Kriterien?

Ein echter Fortschritt ist nach meinem Verständnis immer erst dann gegeben, wenn alle (die dies wünschen) in seinen Genuss kommen. Dazu braucht es einen Entwicklungsprozess – und Zeit. Doch was wir als ‚dominierende Spezies‘ gegenwärtig auf diesem Planeten irreversibel anrichten, kann nach meiner Ansicht keinesfalls als vorteilhaft/sinnvoll/vertretbar dargestellt werden:

  • „Tiere sind den Menschen wichtig, im Vergleich aber nicht so wichtig wie Essen, Arbeit, Geld und wirtschaftliche Entwicklung. (…) Solange wir Tiere in Ökosystemen weiter als irrelevant für diese Grundbedürfnisse halten, werden Tiere die Verlierer sein.“
    Resultat: Von den geschätzt – fünf bis neun Millionen Tierarten gehen jährlich weltweit 11.000 bis 58.000 verloren. Um dies einzuordnen: In den vergangenen 540 Millionen Jahren ereigneten fünf große Artensterben, jeweils infolge einer Naturkatastrophe (Vulkanausbruch, Meteoriteneinschlag u.ä). Wenn Forscher nun eine sechste Welle in vollem Gange sehen, liegt dies vornehmlich an uns Menschen. (Quelle: „Jedes Jahr verschwinden bis zu 58.000 Tierarten Spiegel Online, 2014)

Die Bezeichnung Anthropozän1) kann uns insofern kaum mit Stolz erfüllen – vielmehr scheint es doch so zu sein, dass wir Menschen mit unserer ’neu‘ erlangten Freiheit nicht umzugehen verstehen.

Anmerkung

  1. Anthropozän“ ist ein Vorschlag zur Benennung einer neuen geo-chronologischen irdischen Epoche: Sie soll den Zeitabschnitt umfassen, in dem der Mensch zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden ist. Siehe auch „Defaunation in the Anthropocene“ auf sciencemag.org
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