Vom Stein zum Leben – Vortrag von Prof. Harald Lesch

Nach einer etwas langatmigen Einführung widmet sich der Erklärbär und Kosmologe Harry Lesch der Frage, wie das Leben aus unbelebter Materie entstanden sein mag. Dabei stellt er durchaus überraschende Thesen auf, z.B. „Heute kann kein Leben mehr entstehen!“ (weil die gegenwärtige Zusammensetzung der Erdatmosphäre dies nicht zulasse). Okay, so wie vor drei Milliarden Jahren würde eine Wiederholung dieses Prozesses nicht ablaufen können.

Wer primär an der Kernfrage – also wie Abiogenese und mikrobiologische Evolution abgelaufen sein könnten – interessiert sich wird sich in Geduld üben (oder vorspulen) müssen, denn Harry Lesch erläutert zunächst die Voraussetzungen zur Entstehung von Leben: Abkühlung der Erde, Vulkanismus, Wasserdampf→ Wasser, etc.

„Leben auf der Erde ist geronnenes Sonnenlicht, ist Manifestation kosmischer Energie. Auch eventuelles Leben anderswo im Universum braucht Sterne als Energiespender…“

Für Leser, de es kurz, knapp und präzise mögen, füge ich an dieser Stelle nochmals mein Lieblingsvideo zur Abiogenese ein, das die entscheidenden Vorgänge (genauer, ein Modell, wie Leben entstanden sein könnte) in nur 9 Minuten und 59 Sekunden skizziert.

Nun aber zurück zum Fabulierenden Harry (dessen ausführliche Art ich eigentlich schätze…nur in diesem Vortrag übertreibt er es für meinen Geschmack):

Dass lebende Materie aus unbelebter Materie hervorgegangen ist, sei mit der Theorie der Selbstorganisation zu erklären:

Der Physiker beschreibe Leben als Prozess der Selbstorganisation in einem dissipativen Nichtgleichgewicht-System, d.h. offenen offene Systemen, die in einem ständigen Materie- und Energieaustausch mit ihrer Umgebung stehen. Für solche Strukturen ist das Anwachsen von Entropie wesentlich: Energie wird der Außenwelt entzogen und gleichzeitig Abfallenergie in die Umwelt dissipiert (=verteilt). Mit anderen Worten, der Materie sei nach Vorliegen der o.a. Ausgangsbedingungen gar nichts anderes übrig geblieben, als sich zu organisieren.

Belebte Materie sei entstanden, weil die Einzelbausteine in diesem symbiotischen System Leben besser zusammenwirkten als vorher. Eingriffe eines Schöpfers (‚Gott‘) seien für diesen Organisationsprozess zu keiner Zeit notwendig gewesen; ein Merkmal selbstorganisierender Systeme, die durch solche Eigenschaften charakterisiert sind, nennt man Es können ohne externe Lenkung spontan neue Ordnungen entstehen.

Vortrag: Vom Stein zum Leben

Ergänzt und erklärt wird Leschs vermeintlich glaubensfeindliche Haltung durch ein etwas älteres Statement über Gott und die Wissenschaft (s.u.)

Die Theologie habe einen strategischen Fehler gemacht, als sie die Naturwissenschaften auf ihre Wissenslücken hinwiesen und dort Gott zu verorten. „Das ist dumm, denn jeden Tag, wo ein bisschen mehr gewusst wird, schrumpft Gott so Stück für Stück auf Bonsaigröße zusammen. Was soll das für eine Religion sein? Nein, beide Wissenschaften behandeln ganz unterschiedliche Probleme.

Ich verstehe seine Aussagen so, dass sowohl Gott als auch das uns nach dem Tod möglicherweise erwartende Jenseits außerhalb von Raum und Zeit, d.h. außerhalb dieser materiellen Welt stattfinden. Innerhalb dieses Universums könne allenfalls die Feinabstimmung von Naturgesetzen und Naturkonstanten Hinweise auf die mögliche Existenz Gottes (gewissermaßen als ‚externe erste Ursache von Allem-was-ist‘) liefern. Das Geschehen innerhalb der materiellen Welt ohne Einwirken Gottes erklären – nicht aber die Sinnfrage („wozu das alles?“).

Naturwissenschaftler sehen sich aufgrund ihrer Kirchenzugehörigkeit bisweilen einem gewissen Rechtfertigungsdruck seitens ihrer atheistisch/agnostisch orientierter Kollegen ausgesetzt. Der gläubige Christ Harald Lesch, der sich als „Protestant vom Scheitel bis zur Sohle“ outet, bestreitet dagegen einen Widerspruch zwischen Naturwissenschaft und Glaube, denn beide haben ihren eigenen, voneinander abgrenzbaren Zuständigkeitsbereich. An der Vereinbarkeit von Wissenschaft und Glauben besteht für ihn deshalb kein Zweifel.

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„Inquisition – ein Fortschritt?“

Ausgehend vom Schicksal der als Ketzer verfolgten Katharer habe ich mich etwas eingehender mit historischen Beurteilung der mittelalterlichen Inquisition in Südfrankreich (welche sich von der Spanischen/Portugiesischen Inquisition sowie den anti-reformatorischen Maßnahmen der RKK durchaus abhebt) wie auch Stellungnahmen seitens der Kirche beschäftigt.

Der häufig vorgetragene Einwand, man dürfe das mittelalterliche Europa nicht mit dem heutige gültigen pluralistischen, messen, hat seine Berechtigung. Welcher Maßstab ist also genehm und der damaligen Zeit gemäß? Wie wäre es mit dem Regelwerk des Christentums? Eignen sich die biblisch-christlichen Ideale wie Nächsten- und Feindesliebe sowie das Gebot „Du sollst nicht morden“ eher, zumal die Ketzerverfolgung schließlich im Dienste christlicher Überzeugungen stehen wollte? Auch nicht passgerecht angesichts der ‚theokratischen‘ Elemente mittelalterlicher Herrschaftsstrukturen? Nein, wohl kaum …zumal, diese Vorgänge lassen sich mit dem frühchristlichen Moralverständnis absolut nicht vereinbaren.
Tja, dann bleibt noch eine mit Wissenschaftsbegriffen aufpolierte Fassung des beliebten Statements „das war damals halt so, das haben alle so gehandhabt“.
Ein Beispiel: „Die Verfolgung Andersgläubiger gehört nicht zu den exklusiven Charakteristika der Papstkirche“. Stimmt, auch führende protestantische Theologen wie Philipp Melanchthon befürworteten die Todesstrafe für sog. Gotteslästerer; und im elisabethanischen England wurden katholische Geistliche zu Hunderten exekutiert. Die Bezeichnung der Vergehen variierte: mal Häresie, mal Blasphemie, dann wiederum Hochverrat. Kann der Hinweis auf ‚die anderen‘
irgendeinen religiös motivierten Mord eher rechtfertigen? Nein, aber wenigstens lässt sich das im Rückblick als peinlich und kompromittierend empfundene Geschehen so relativieren.
Oder wahlweise der statistisch-vergleichende Ansatz: ‚Soo viele Tote und Verstümmelte, wie sonst immer behauptet wird, hat die Inquisition gar nicht hervorgebracht. Die totalitären Regime des 20. Jahrhunderts ermordeten weit mehr Menschen.‘  Was wiederum zutrifft – Whataboutism geht eigentlich immer… Oh, wie lautete noch gleich der anfängliche Einwand – man dürfe doch nicht über Epochengrenzen hinweg unsachliche Vergleiche herstellen? Hmm…

Gerd Schwerhoff bekennt sich zur Notwendigkeit, moralisch falsches Handeln auch als falsch zu benennen: „Auch die Revisionen der neueren Forschung machen klare Werturteile über das Wirken der Inquisition nicht obsolet.

Zutreffend ist: Die Inquisitions-Geschichtsschreibung musste sich zunächst aus dem Sog konfessioneller Auseinandersetzungen befreien, um eine zwar nicht objektive, aber immerhin vorurteilsarme Untersuchung anstrengen zu können. Objektivität bleibt dagegen weiterhin eine Illusion, weil die notwendige persönliche Distanz bestenfalls teilweise hergestellt werden kann.

Die Frage nach dem ‚Fortschritt‘ wird in der Fachwelt durchaus mit Ernsthaftigkeit erörtert – worin könnte ein solcher wohl bestanden haben? Gemeint ist ein Modernisierungsphänomen in Verbindung mit allmählicher Professionalisierung: Aus rechtsgeschichtlicher Sicht lassen sich im Standardverfahren gegen Ketzer mitsamt der der nun eingeführten ausführlichen Dokumentation und Archivierung sämtlicher Ermittlungen und Verhandlungen durchaus Organisations- und verfahrenstechnische Vorteile ausmachen. [Die jüngsten politisch-religiösen Verwerfungen in weiten Teilen Europas lassen erahnen, dass zwei nicht so ganz kleine Minderheiten (einerseits rechtskonservative ‚Christen‘, andererseits dem Salafismus nahestehende Islamisten) ein möglichst effizientes System zur Bekämpfung Andersdenkender/ -gläubiger als notwendig oder gar als wünschenswert erachtet – weshalb sollte ihnen die Inquisition nicht geradezu als vorbildhaftes Ideal zur ‚Reinhaltung des Abendlandes‘ erscheinen… bzw. zur strikten Durchsetzung der Scharia? Okay, Folter geht diesen Leuten eventuell etwas weit, aber Menschen die anders sind/denken/glauben sozial isolieren oder ausweisen, wäre in deren Augen 1.angeraten und 2.machbar…]

Gemäß den römischen Prinzipien eines Prozesses unternahm der Richter eingehende Nachforschungen (inquisitiones), indem Zeugen zu befragten und dem Beschuldigten durch gezielte Fragen aufzeigte, worin sein mögliches Vergehen bestand. Nur dadurch konnte dieser ermessen, ob er sich dessen schuldig gemacht hatte. „Niemand sollte verurteilt werden, ohne dass er der Schuld überführt war.“[1]

Indessen nach zählt zur Beurteilung eines ‚fairen Verfahrens‘ nach unserem heutigen Verständnis von Recht und ethischer Integrität, inwieweit ein Beschuldigter von einem ordentlichen Gericht (bestehend aus Ankläger, Richter und qualifizierter Verteidigung – dergleichen sah der Inquisitionsprozess nicht vor) einer Straftat sicher überführt und anschließend gemäß einem feststehenden Strafkatalog verurteilt und sanktioniert wurde.

Bis zum 13. Jahrhundert stellte der Akkusationsprozeß den Normalfall dar: ‚Wo kein Kläger, da kein Richter‘; ohne Anklage durch eine Streitpartei unterblieb die rechtliche Überprüfung und Sanktionierung eines Sachverhaltes. Ein Richter konnte nicht aus eigenem Antrieb tätig werden, er hatte lediglich die formale Korrektheit des Gerichtsstreits überwachen. Der Inquisitionsprozess basierte auf einer völlig anderen Rechtsphilosophie: Richter konnten, falls eine Person einen schlechten Leumund besaß – von sich aus ein Verfahren in Gang setzen. In dessen Verlauf sollte er einerseits zur Wahrheitsfindung beitragen, d.h. versuchen, für die Schuld eines Angeklagten tatsächliche Beweise zu finden – und anschließend auf der Grundlage seiner selbst gewonnen Erkenntnisse ein Urteil fällen.

Der institutionelle Kern bestand in der Tradierung eines professionellen Know-Hows. Dazu gehörte zum einen das Spezialwissen über Merkmale, Erkennungszeichen und Gegenstrategien der einzelnen häretischen Bewegungen. Dieses Wissen der Inquisition einschließlich expliziter Ziele, Regeln und Praktiken in einer ganzen Reihe von Handbüchern überliefert.
Einen weiteren ‚Fortschritt‘ zur Professionalisierung der Ketzerverfolgung bildete die Einrichtung von Suchtrupps: Bestehend aus einem Priester und drei Laien, hatten diese sorgfältig nach Ketzern forschen und diese den kirchlichen Behörden anzeigen. Eine Art dauerhaft bestehende Spezialpolizei sollte einzig für die Verfolgung von Ketzern zuständig sein.

Die Zulässigkeit bzw. Anordnung der Folter zur Beweiserhebung lässt jede objektive Wahrheitsfindung unwahrscheinlich erscheinen – in Verbindung mit der ausdrücklich von der Inquisition eingeforderten Denunziation sogar im Familienkreis kommt sie einer Vorverurteilung gleich. Folter produziert zudem Schuldige, da Gefolterte alles gestehen werden, nur damit die Schmerzen aufhören.

Die Androhung der Folter, die Angst vor langer Kerkerhaft, vor dem Verlust der Ehre ließ viele etwas bekennen, was sie nie getan hatten.“(1)

Zwar findet sich bis heute zahlreiche Befürworter der Todesstrafe (für schwerste Vergehen wie Mord, Terrorismus und Misshandlung von Kindern), doch die Vorstellung einer absichtlichen Verlängerung der Vollstreckung zur Maximierung der Qualen für den Verurteilten ist uns heute (hoffentlich) gänzlich fremd. Eben darauf zielte die Hinrichtungsmethode der Verbrennung.

Im mittelalterlichen Europa erfolgte die erste bekannte Verbrennung von Ketzern im Jahr 1022 in Orléans. Bereits das von Kaiser Friedrichs II. 1224 für die Lombardei erlassene ‚Antiketzergesetz‘ sah den Feuertod für schwere Fälle von Häresie vor. 1231 übernahm Papst Gregor IX. das Gesetz für den kirchlichen Bereich. Auch die im Inquisitionsverfahren zum Tode verurteilte ‚Ketzer‘ wurden üblicherweise auf dem Scheiterhaufen verbrannt – öffentlich oft genug eine Art Zirkusfest für die ganze Familie (für die Kinder wohl als lehrreiche Erlebnis vorgesehen – Nowosadtko spricht in diesem Kontext von der „karnevalesken Atmosphäre“ öffentlicher Exekutionen). Das Todesurteil besagte zumeist, den verurteilten ‚Ketzer‘ „dem weltlichen Arm“ zu übergeben sei, da die Kirche nach dem Grundsatz ecclesia non sitit sanguinem die Exekution nicht selbst vollziehen durfte.

Vor Beginn der Exekution wurde ein Pfahl in die Erde gegraben. Um diesen herum schlichtete man Holz und Reisig, so dass der Holzstoß leicht entflammbar war. Der Verurteilte wurde dann, eskortiert von bewaffneten Soldaten, auf den Richtplatz gebracht oder geschleift. Nach Verlesung des Urteil fesselten diese ihn mit Eisenketten an den Pfahl. Bei manchen Hinrichtungen wurde das Holz um den Verurteilten herum aufgetürmt, so dass er den Blicken der Zuschauer entzogen war. Die Verbrennung erfolgte bei „lebendigem Leib“ – Ausnahme: Kam der sog. „Gnadenerweis“ zum Tragen, erdrosselte der Henker unbemerkt das Opfer mit einer Schnur. Dies musste aber insgeheim geschehen, „da sonst das Publikum rebellierte, weil sie sich um das Schauspiel einen Menschen bei lebendigem Leib brennen zu sehen, betrogen fühlten.“ Das Feuer wurde solange mit Holz bestückt, bis vom Toten nur noch Knochen und Asche zurückblieben. (vgl. → todesstrafe.de).

Das in der Öffentlichkeit vollzogene Quälen von Verurteilten folgte durchaus einer ‚Logik‘. Während moderne Todesstrafen einzig auf den Schutz der Gemeinschaft vor dem Aggressor abzielen und deshalb oft im Verborgenen und möglichst schmerzfrei vollzogen werden. Ganz anders wurde im Mittelalter und in der frühen Neuzeit „der Körper nicht als Mittler, sondern als Ziel der Strafe angesehen. Die dabei zugefügten Schmerzen wurden an der Schwere der Schuld bemessen. Die Legitimität physischer Gewaltanwendung manifestierte sich gerade in der demonstrativen Öffentlichkeit der Hinrichtungsrituale. Noch früher, etwa bei den Germanen, stellte die Exekution sowohl einen Rechtsakt als auch eine Kulthandlung dar, z.B. in Form eines Menschenopfers.

Die Funktion und der zeitgenössischen ‚Sinngehalt‘ von Exekutions-Ritualen habe sich aus der Perspektive der verantwortlichen Entscheidungsträger mit dem Eintritt in die frühe Neuzeit sukzessive von einem „‚Reinigungsritual’ der Gesellschaft zu einem ‚Abschreckungs- und Vergeltungsritual’“ gewandelt. (vgl. Nowosadtko[4])
Den weltlichen Eliten war demnach daran gelegen, die Zahl von Nachahmungstaten im Wege der Abschreckung im Strafvollzug möglichst gering zu halten – in Bezug auf schwerste Kriminalität mag dies nachvollziehbar erscheinen.

Eine rückblickende Betrachtung und Bewertung des Umgangs der Kirche mit Abweichlern wird freilich nur auf dem Hintergrund der historischen Gegebenheiten zu seriösen Ergebnissen gelangen. Insoweit führt jedes Anlagen moderner, pluralistischer Maßstäbe an die theozentrische Denkweise des Mittelalters in eine Sackgasse. Auch mutwillige Verbindungslinien „zwischen den Scheiterhaufen der mittelalterlichen Inquisition und den Krematorien faschistischer Konzentrationslager“ (Grigulevič [7]) erzeugen ein verzerrtes, ja oberflächliches Bild. Und Schlagworte wie „Gottes willige Vollstrecker“ empfinde ich schlicht als unfair; zu allen Zeiten haben Klerikale unterschiedlichster Provenienz ihre Anstrengungen und Motive auf Gottheiten) projiziert – sollten wir damit nicht aufhören, wo wir uns doch für äußerst modern und aufgeklärt halten?

Auf der anderen Seite gebietet sogar das Neue Testament den Gewaltverzicht gegenüber „falschen Brüdern“: Mt 13, 24-30, das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen, gesteht Gott selbst das letzte Urteil über tatsächliche und vermeintliche Häretiker zu: „Lasst beides wachsen.“ Und 1Kor 13, 4-7 stellt die Liebe in den Vordergrund:

Die Liebe ist langmütig, die Liebe ist gütig, sie neidet nicht, die Liebe tut nicht groß, sie bläht sich nicht auf, sie benimmt sich nicht unanständig, sie sucht nicht das Ihre, sie lässt sich nicht erbittern, sie rechnet Böses nicht zu, sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit; sondern sie freut sich mit der Wahrheit, sie erträgt alles, sie glaubt alles, sie hofft alles, sie erduldet alles.“

Im ursprünglichen, ‚reinen‘ Christentum war der Glaube eine Haltung des freien Willens; er durfte nicht erzwungen werden, da er sonst wertlos war. Zulässig war lediglich die Ablehnung (‚Verfluchung‘) einer Häresie, nicht aber des Häretikers. Diese frühchristliche Haltung ging nach der Wandlung des Christentums zur Staatsreligion verloren. Zwar wurden bereits um 385 wurden erstmals Häretiker – Priscillian und sechs Gefährten – hingerichtet, doch dies war im ersten Jahrtausend eher die Ausnahme. Für Häretiker waren Klosterhaft und Verbannung als Sanktionen vorgesehen. Die Todesstrafe bzw. der bewaffnete Kampf gegen die ‚Feinde Gottes‘ wurden ab dem 11.Jahrhundert ausdrücklich gefordert:

Wenn für den irdischen König rechtens gekämpft werden dürfe, dann entschiedener noch für den himmlischen, zumal gegen dessen Feinde, die Barbaren und Häretiker.[5]

Interkonfessionelle Feindesliebe war mit dem mittelalterlichen Gesellschaftsordnung nicht länger kompatibel, welche sich auf die enge Verbindung von staatlicher und kirchlicher Ordnung gründete. Eine exakte Abgrenzung säkularer von kirchlicher Machtausübung lässt sich insoweit kaum vornehmen:

Während das mittelalterliche System päpstlicher Legaten zur Ketzerbekämpfung vom Anspruch her universell war, stellte die Inquisition der Neuzeit eher staatliche Veranstaltungen dar; sie lassen sich als Behörden mit klarer Struktur und Hierarchien beschreiben.
Die oft kritisierte Instrumentalisierung der Religion, d.h. Vermischung von religiösem Dogmatismus mit politischen oder ökonomischen Anliegen –  weltliche Herrscher nutzten die päpstliche Ketzerverfolgung als Werkzug ihrer eigenen Interessen (zB die Beseitigung der Templer in Frankreich) – bezeichnet Schwerhoff als „Normalfall einer Epoche, in der Politik und Religion noch nicht funktional geschieden waren“. (Klingt wie das Statement ‚damals war das halt so‘ –

Die Historikerin Silvana Seidel Menchi hingegen bescheinigt der Inquisition „hohe Kompetenz und Unparteilichkeit“; sie habe „als ein Modell juristischer Präzision und Strenge schon das moderne Verständnis der Kriminaljustiz“ vorweg genommen. Wie sie zu dieser Einschätzung gelangt? Nun, es scheint Frau Seidel Menchi habe sich vorzugsweise mit den theoretischen Grundlagen des Inquisitionsprozesses befasst, weniger mit den konkreten Schicksalen von Verdächtigten…und in der Theorie klingt manches beinahe vernünftig.

In einem Handbuch der römischen Inquisitoren heißt es: „Behandle den Angeklagten
während der Vernehmung mit Rücksicht. Die Glaubensrichter müssen daran denken, dass auch sie Menschen sind, die, wäre nicht Gott ihnen gnädig, dieselben Irrtümer begehen könnten […] gib ihnen die Möglichkeit, Platz zu nehmen, selbst wenn sie von niedriger und gemeiner Herkunft sind […] Kein Inquisitor darf den Versuch machen, ihnen die Worte in den Mund zu legen. Kein Inquisitor darf Versprechungen oder Drohungen äußern in der Hoffnung, damit ein Geständnis zu erhalten. Du darfst nicht nur die Beweismittel aufzählen, die den Angeklagten belasten, sondern musst auch die erwähnen, die für ihn sprechen […] Unterbrich einen Beschuldigten nie, wenn er seine Version der Wahrheit vorträgt […]. Denk daran, dass du irren kannst. Denk an den angstgepeinigten Angeklagten.“ (5) (6)

Theoretisch stand auch die Folter unter strengster Kontrolle; sie durfte erst nach Anhörung sowie nach Begutachtung eines Arztes erfolgen – ebenso wie Vergewaltigungen der weiblichen Beschuldigten durch das Wachpersonal ‚eigentlich untersagt‘ waren (was generell für nicht autorisierte Übergriffe zutraf).

In dem o.a. Handbuch für Inquisitoren steht aber noch einiges mehr, das offensichtlich weniger bereitwillig zitiert wird z.B. in Bezug auf anzuordnende Vermögensstrafen:

„Teilnahme für die Kinder des Schuldigen, die man an den Bettelstab bringt, darf die Strenge des Gerichts nicht mildern, da die Kinder nach göttlichen und menschlichen Gesetzen für die Sünden der Väter gezüchtigt werden. […] Die rechtgläubigen Kinder der Ketzer sind von dieser Strafe nicht ausgenommen, und man darf ihnen nichts lassen, nicht einmal den Pflichtteil, der ihnen von Natur zu gebühren scheint. Das ist durchaus notwendig, um die Väter von dem großen Verbrechen der Ketzerei abzuschrecken. […]
Indessen, können die Inquisitoren aus Gnade für den Unterhalt der Ketzerkinder sorgen“(6)

Auch der Umgang mit Zeugenaussagen lässt am ‚großen Wurf‘ für Rechtsprechung und Wahrheitsfindung maßvolle Zweifel aufkommen:

„Wenn ein Zeuge, einen Meineid geleistet hat, so kann er seine erste Aussage zurücknehmen, und der Richter muss sich an die zweite halten, vorausgesetzt, daß sie den Gefangen neu belastet, denn wenn sie diesem günstig ist, so gilt die erste.“ Eine Gegenüberstellung der Zeugen und der Angeklagten fand ohnehin nicht statt.

Ausgewogenheit ist ein wünschenswertes Merkmal von Historikern – nur, handelt es sich nicht um pure Apologetik, insofern Denunziation und Folter als im zeitgenössischen Kontext unausweichliche „Instrumente der Beweiserhebung“ relativiert und dem Anschein eines ordnungsgemäßen Prozesses untergeordnet werden?
Auch darf der besondere Gegenstand dieser Verfahren keinesfalls unberücksichtigt bleiben: es wurde vorrangig über religiöse Überzeugungen geurteilt, selten über konkrete Verhaltensmängel und so gut wie gar nicht über exakt definierbare Fakten wie Mord oder Vergewaltigung. Ein bestimmter, äußerst eng umrissener Dogmatismus sollte um jeden Preis aufrechterhalten werden, indem man auf einfaches Hörensagen gestützt zahlreiche Existenzen vernichtete, Angst schürte und lebendige Menschen im Zuge einer entsetzlich grausamen Prozedur „wie quiekende Ferkel röstete“ und in verkohlte, schwarze Leiber verwandelte. Dass hierzu nun der Anschein eines geordneten Verfahrens mit Verhören und Protokollen erweckt wurde, leuchtet ein – ändert aber nicht das geringste.

Ferner sah das Verfahren nicht vor, gegebenenfalls die Unschuld eines Beschuldigten zu beweisen. Wer nicht verurteilt worden war, galt anschließend keineswegs als unschuldig: der Verdacht blieb bestehen; nur die Beweise fehlten. Schlimmer noch: Wer den eröffneten ‘Ausweg’ eines Geständnisses verweigerte, bewies je nach Auslegung seine ‘Bußunwilligkeit’ und wurde unbelehrbarer Ketzer der weltlichen Gerichtsbarkeit überstellt.

So drang E.Keil schon 1863 zum Kern des Systems der Inquisition vor:

„Man sieht also, daß die Lebenden wie die Todten durch nichts, weder durch den reinsten Glauben, noch durch die offenbarste Unschuld , vor der Inquisition geschützt wurden. […] Ein Institut dieser Art mußte die bürgerliche Rechtspflege, die politischen Körperschaften und selbst die königliche Gewalt weit überragen.[6]

Vor diesem Hintergrund steht für mich fest, worin ein echter Fortschritt besteht: Heute fehlt der Kirche fehlt heute die rechtliche Grundlage, Abweichler über innerkirchliche Maßnahmen hinausgehend zu sanktionieren: Weder kann eine religiöse Organisation im Deutschland der Gegenwart Menschen inhaftieren, noch töten oder und sich deren Vermögen aneignen.
Weiterhin verhängt werden kann der Entzug kirchlicher Rechte bis hin zur Exkommunikation, zudem können Lehr- und Sprechverbote erteilt werden. Bedienstete der RKK können suspendiert werden.

Ein gegenwartsnahes Beispiel zeigt, diese Sanktionsmöglichkeiten werden sehr wohl ausgeschöpft: Am Rande des ökumenischen Kirchentags 2003 in Berlin feierte der röm.-kath. Priester Gotthold Hasenhüttl einen „Abendmahlsgottesdienst nach katholischem Ritus“, bei dem er explizit auch Protestanten und Nicht-Katholiken zur Kommunion einlud, die sich unter den den etwa 2000 Anwesenden befanden. Wegen dieser Interzelebration wurde er durch den damaligen Trierer Bischof Reinhard Marx am 17. Juli 2003 vom Priesteramt suspendiert.
Am  2. Januar 2006 wurde Hasenhüttl durch Bischof Marx dann auch die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen.
Im Mai 2010  feierte er in München trotz Verbots erneut ein ökumenisches Abendmahl, bevor er am 28. September 2010 aus der römisch-katholischen Kirche austrat.

 

 Quellenangaben/Literaturhinweise

  1. „Ketzer – Katharer, Waldenser und andere religiöse Bewegungen“, Christoph Auffarth (Verlag Ch.Beck)
  2. „Montaillou – Ein Dorf vor dem Inquisitor 1294 bis 1324“, Emmanuel LeRoy Ladurie
  3. „Guilhem Bélibaste – ein Verbrecher ist Parfait geworden“
  4. Hinrichtungsrituale: Funktion und Logik öffentlicher Exekutionen„, Jutta Nowosadtko
  5. Vortrag: „Die Inquisition – Terrorregime oder Wendepunkt in einer barbarischen
    Gerichtsbarkeit?„, J.Kämpf, 2014
  6. Das Handbuch der Inquisition„, Ernst Keil (1863)
  7. Die Inquisition. Ketzerverfolgung in Mittelalter und Neuzeit‚, Gerd Schwerhoff

Siehe auch:

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Kirchenkritik – „Verbloggung führt zur Verblödung“?

Kardinal Marx über innerkatholische Kritik am Kurs der Kirche

Dem Vorsitzenden der Dt. Bischofskonferenz, Reinhard Kardinal Marx, wurde am 24.9.15 in Fulda eine Frage gestellt: „Werden Sie auch seitens der Deutschen Bischofskonferenz entschiedener gegen innerkirchliche Fundamentalisten vorgehen, wie sie zum Beispiel bei solchen Seiten wie ‚katholisches.info‘ oder anderen Bereichen sich austoben? Es wird ja immer so getan, als wenn es nur im Islam Fundamentalismus gibt, beide christliche Kirchen kennen den ja nun auch in allen möglichen Formen.

Des Kardinals‘ Antwort zeig das u.a. Video. Persönlich lasse er das gar nicht an sich heran, aber „Verbloggung führt auch zur Verblödung„:  Er vermisse, dass bestimmte Szenen, die sich untereinander träfen, gegenseitig hochjubelten und in ihrer eigenen Auffassung bestätigten, nicht argumentativ in den Diskurs mit Andersdenkenden einträten.

Ob die unterstellte Nabelschau auf die betreffenden Blogs zutrifft, wäre im Einzelfall zu prüfen. Doch selbst wenn: seit wann führt einseitige Positionierung automatisch zur Verblödung? Die betreffenden Blogs (sie werden im Video benannt, darum muss ich sie nicht auch noch verlinken) kenne ich selber auch kaum, darum gebe ich kein eigenes Urteil über sie ab.

Soweit Autoren sich auf diesen Blogseiten für die Verteidigung der klassisch-konservativen katholischen Ehe- und Morallehre einsetzen, sehe ich ich darin aber noch keinen Fundamentalismus, der mit radikal-islamisischen Strömungen gleichzusetzen wäre. Die ‚gut-katholische‘ Moral war bis vor wenigen Jahrzehnten das Normale, womit Kinder und Jugendliche aufwuchsen. Ein grob orientierter Blick auf katholisches.info zeigt mir, dass man dort gegen die Zulassung wiederverheiratet Geschiedener zu den Sakramenten eintritt – und natürlich gegen „Gender-Ideologie“ und erst recht gegen jede kirchliche Anerkennung von Homosexualität.

Solche Meinungsäußerungen müssen niemandem zusagen (mir gefallen sie jedenfalls nicht), aber an ihrer Zulässigkeit kann kein Zweifel bestehen: Unser Strafrecht verbietet es nicht, weiterhin jene konservativen Positionen zu vertreten, die über die  Adenauerzeit hinaus den moralischen Quasi-Standard in Deutschland bildeten.

Dass den konservativen Kreisen innerhalb der katholischen Kirche die Linie des amtierenden Papstes sowie der sog. „Franziskus-Geist“ missfallen, war absehbar. Meine Haltung dazu ist: ‚Dass sollen sie unter sich ausmachen …ich bin froh und erleichtert, mich von diesem Verein losgelöst zu haben‘.

Die Kritik von Kardinal Marx enthält durchaus auch ein konstruktives Element – die Mahnung, sich an der Diskussion über wesentliche Kirchenfragen zu beteiligen. Davon würden die Vereinsmitglieder fraglos am meisten profitieren…

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Ist das Christentum monotheistisch?

Meine Intuition und mein Verstand sagen mir, es gibt einen Gott. Einen, nicht drei, nicht 30 und auch nicht 33 Millionen. Diese „Entität“, Wesenheit oder Intelligenz mag allgegenwärtig sein und unzählige Erscheinungsformen annehmen, doch nach meiner Überzeugung besitzt sie eine Identität. Zu meinen persönlichen Schwierigkeiten mit der christlichen Trinitätslehre habe ich mich bereits an anderer Stelle ausgelassen.

„Über Jesus heißt es: Er ist nicht nur Mensch, sondern Gott von Gott, Licht von Licht. Hatte er dann nur einen lästigen Körper angenommen, und innen brannte eine göttliche Lampe?“ (Heiner Wilmer, „Gott ist nicht nett“)

Wenn ich an der im Christentum vorgegebenen Fusion eines Gottvaters mit Jesus sowie dem „Geist Gottes“ (oder Heiligen Geist) zu einem göttlichen Wesen zweifele, gewinne ich dadurch zwar ‚klarere Konturen‘ meines persönlichen Gottesbildes – welches wohl allein den transzendenten Geist Gottes sieht. Zugleich habe ich mir jedoch die Frage zu stellen: Wie sehe ich Jesus, wenn er nicht der eine Gott ist?

Mit dieser Frage habe ich mich lange beschäftigt, und währenddessen jeweils auch mit den Gewissensbissen infolge meiner katholischen Erziehung. Jesus ist für mich eine historische Persönlichkeit, deren (ursprüngliche) Lehre den Kern einer weltweit konsensfähigen Sozialethik enthält. Seine Beziehung zu Gott vermag  ich nicht zu ergründen, im Islam gilt Jesus von Nazareth als Gesandter Gottes, als einer von mehreren seiner Propheten. Die Sichtweise ‚er war einer von vielen‘ teile ich nicht unbedingt, weil ich in seinen Worten durchaus Einzigartiges entdecke.

Der Bereitschaft Jesu, für seine Überzeugung Spott, Folter und Tod zu ertragen, bringe ich wirklich sehr großen Respekt entgegen – im Bewusstsein, meine eigenen Feigheit würde sofort auflodern, falls mir körperlicher Schmerz drohte. Dieses Wissen hatte allerdings auch einen weiteren Effekt: ’neben‘ Jesus fühle ich mich klein, unzulänglich und mies; das ist wohl der Grund, weshalb ich seine Nähe nie wirklich gesucht habe. Bei Gott ist dies etwas anderes, mit ihm vergleiche ich mich ja nicht – doch der Mensch Jesus von Nazareth war zu dem willens und imstande, was ich niemals zuwege bringen würde.

Folgt man den Dogmen der römisch-katholischen und auch der evangelischen Kirche, erscheint die Dreieinigkeit Gottes als unverrückbare Selbstverständlichkeit im christlichen Glauben.

Demgegenüber steht die Auffassung Thomas von Aquins, zwar könne die Existenz Gottes mittels menschlicher Vernunft bewiesen – nicht aber die Existenz dreier göttlicher Personen, die könne nur durch Offenbarung gewusst werden. Liegt darin der Grund, dass heute die Vorstellung von Gott als ‘ein Gott in drei Personen, nämlich Vater, Sohn und Heiliger Geist’ vielen Menschen so fremdartig erscheint, das sie hilflos davor kapitulieren? Der ‚gesunde Menschenverstand‘ scheint hier von einem Entweder-Oder auszugehen: Gott sei entweder Der Eine oder er sei ‚Drei‘.
In diesem Sinne übt der Islam deutliche Kritik am christlichen Gottesbild und insbesondere an der Gottessohnschaft Jesu, welche er als unzulässige Beigesellung (weiterer Götter zu dem Einen Gott) kategorisch ablehnt.

Diese und weitere Überlegungen greift Johannes Seidel in seiner Abhandlung „Ist das Christentum noch monotheistisch?“ auf. Der von Seidel zitierte Altkanzler Helmut Schmidt spricht mir aus der Seele, wenn er schreibt:

“Ich bin einer von den vielen, die sich als Christen bekennen. (…) Ich glaube, Gott ist der Herr allen Geschehens. Aber mit der Trinität habe ich ganz große Schwierigkeiten. (…)
Bin ich vielleicht deshalb kein Christ?  (…)
Ich nenne mich gleichwohl einen Christen. Denn ich bin überzeugt von der Moral, die das Christentum im Laufe von Jahrhunderten entfaltet hat.”

Nun ja, ob man sich als Christ bezeichnen ‚darf‘, obwohl man die Vorstellung von ‚dem einen Gott in drei Personen‘ ablehnt – diese ist immerhin ein essenzieller Teil des christlichen Credo – sei dahingestellt. Vielleicht existiert für den guten Helmut Schmidt eine Sonderregelung – ähnlich der exklusiven Aufhebung des Rauchverbotes?

Seidel bringt die theologische Problematik mit zwei Fragen auf den Punkt:

„Steht der “trinitarische Monotheismus” des Christentums im Gegensatz zum Alten Testament?

Bei der Lektüre des A.T. entsteht tatsächlich der Eindruck, im trinitarischen Glauben der Kirche werde dem einen und einzigen Gott nicht der Mensch Jesus‘ beigesellt’ – nach alttestamentlichen Verständnis ein Verstoß gegen das erste Gebot übertreten. Dagegen lasse sich argumentieren,  der jenseitige Gott sei in seiner gesamten Schöpfung gegenwärtig, so ist er auch in ’seinem Sohn‘. Somit könne die “christliche Trinitätslehre als Konkretisierung des hebräischen Monotheismus gesehen werden, welche „die Offenbarungsgestalt der Gegenwart Gottes in der Welt als eins mit seiner jenseitigen Wirklichkeit bekennt“.

Darüber lohnt sich nachzudenken. Allerdings scheint das A.T., insbesondere die 5 Bücher Mose, auf einen deutlichen Abstand zwischen Gott und seiner gesamten Schöpfung hinzuweisen – dem damit Rechnung getragen werde, dass nur dieser Eine Gott angebetet werden dürfe, nicht aber Personen bzw. Elemente seiner Schöpfung.

In der christlichen Theologie wird die Bezeichnung Jesu als ‘Sohn’ einseitig ein Titel aufgefasst, der exklusiv nur Jesus in seinem Verhältnis zum Vater zukommt. Im A.T. hingegen begegnen wir der Verheißung an alle Glieder des Volkes, einst ‘Kinder des lebendigen Gottes’ genannt zu werden (vgl. Hos 2,1)
Zugleich verdankt auch Jesus „alles, was er hat und ist, vollständig dem, von dem er herkommt, der ihn gesandt, ‘gezeugt’ hat“.

Im Johannesevangelium werde Jesus zwar ‘Gott’ genannt, aber nicht ‘der Gott’, nämlich ‘der einzige Gott und Vater’, erklärt Seidel:

„Im Griechischen des Johannesevangeliums bedeutet ‘Gott’ eben nur ‘von Gottes Art’, ‘aus Gott’, ‘wie Gott’. Im Deutschen dagegen ist ‘Gott’ nur eine einzige Größe bzw. Person.
Aber wenn Jesus im Griechischen ‘Gott’ genannt wird, gibt es damit nicht zwei Götter […] Wie Juden und Muslime halten Christen an dem einen und einzigen Gott fest […] Nur hat – und das ist die christliche Besonderheit – dieser eine Gott sich Jesus Christus – den Sohn also, und den Heiligen Geist – als einzigartige ‘Orte seiner Gegenwart’ erwählt.“

Und wieder ist die Verwirrung perfekt, für mich jedenfalls: Bedeutet dies, der Sohn und der Hl.Geist seien als alternative Erscheinungsformen aufzufassen – etwa so, wie Zeus sich in einen Adler ‚verwandelte‘? Ich nehme an, der Vergleich ist für Theologen unbefriedigend – doch in diesem Fall wäre wohl nur Zeus, nicht aber der Adler anzubeten…

Wird ein “unitarischer Monotheismus” dem Gott der Bibel gerecht?“

Seidel führt hier ein interessantes Argument an:

Wird Gott im Gegensatz zur Welt gedacht, so bleibe er in solcher Entgegensetzung zur Welt von der Welt abhängig. Damit aber würde er nicht als Gott gedacht. Durch die Trinitätslehre aber werde „vermieden, Gott in Abhängigkeit von der Welt zu denken, weil Gott als Vater primär nicht im Gegenüber zur Welt, sondern im Verhältnis zum Sohn gedacht wird.”

Die klassische Trinitätslehre habe dem gemeinsamen göttlichen Wesen keine eigene Personalität neben der der drei Personen zugesprochen. Von daher sei der Gott des Christentums streng genommen kein “persönlicher Gott”.
Zwar ist ‚der eine‘ Gott im christlich Glauben nicht unpersönlich. Aber Person sei er nur in Gestalt jeweils einer der trinitarischen Personen, wobei „jede der Personen der Trinität nicht allein ihr Personsein, sondern auch ihre Gottheit nur durch Vermittlung ihres Verhältnisses zu den beiden anderen hat.“

Benötigt Zeus (lt. dem o.a. ‚Vergleich‘) den Adler, um von uns Menschen als göttlich wahrgenommen zu werden?

Es hat sicher einen guten Grund, dass alle mosaischen Religionen betonen, der Mensch solle sich „kein Bild“ von Gott entwerfen. Denn jedes Bild kommt zwangsläufig einer Begrenzung Gottes gleich: alles, was nicht in dem jeweiligen Gottesbild enthalten ist, wird nicht als Erscheinungsform Gottes dargestellt. Tatsächlich sehen wir, dass im A.T. Gott nicht nur die drei Erscheinungsformen der Trinität annimmt – er erscheint auch als Feuer, Wolke oder ‚Säuseln im Wind‘.

Andererseits können viele von uns nicht aus ihrer Haut heraus: Es liegt im Naturell des Menschen, sich einen ‚Begriff‘ von seinem Gegenüber zu machen. Wer ihrer Existenz nicht gleichgültig gegenübersteht, wird auch mit Gott bzw. den Göttern bestimmte Eigenschaften assoziieren.

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Kurioses – ‚Menschen denken nicht über das Unmögliche nach‘

Im Bemühen, die Existenz Gottes als ‚logisch‘ zu argumentieren, werden bisweilen erstaunliche Wege beschritten. Auf bibelstudium.de las ich nachfolgend zitierte ‚Herleitung‘:

„In den 80-er Jahren des vorigen Jahrhunderts hatten viele Menschen Angst vor einem Atomkrieg. Wenn man die Menschen in unserem Umfeld gefragt hätte: „Wer soll denn die Atomraketen abschießen?“, dann hätten sie geantwortet: „Die Russen.“ Niemand wäre auf die Idee gekommen, zu sagen: „Die Afrikaner.“ Warum nicht? Weil die Leute sich über das Mögliche und nicht über das Unmögliche Gedanken machen. Die Atomwaffen standen nun mal in den Staaten des Warschauer Paktes und nicht auf dem Schwarzen Kontinent.“

Was soll dies besagen?

Die Tatsache, dass der Mensch „unheilbar religiös“ ist, bilde in sich selbst doch einen Beweis dafür, dass es mehr geben muss als nur Materie: „So viele Menschen grübeln nicht über ein Phantom und zittern nicht vor einem Nichts.“

Aus dem Umstand, dass die meisten Menschen über Gott nachdenken – und weil man schließlich nicht über das Unmögliche nachdenkt (s.o.) – sei die Existenz Gottes zwingend zu schlussfolgern: „Gott existiert. Er hat das Verlangen nach ihm in seine Geschöpfe hineingelegt.“

Woran haben zurückliegende Generationen nicht alles gedacht…? In Ermangelung einer natürlichen Erklärung für viele unverstandene Phänomene wurde viel über Zauberei und Magie nachgedacht – nicht im Sinne von Tricksereien: Vielmehr wurde den Magiern zugetraut, sie besäßen eine Art ‚Cheatcode für die Realität‘. Von solchen Überlegungen war es nur ein winziger Schritt zu haarsträubendem Aberglauben, der sich bis in unsere Gegenwart fortgesetzt hat.

An diesen ‚Wunschbaum‘ auf dem Pfullinger Berg hängt man Zettel mit seinen Wünschen,  damit die Magie des Baumes sie erfüllt

War also die Schlussfolgerung glaubhaft,auch  Magie müsse existieren, weil die Leute sich ihre Köpfe ja nicht über Unmögliches zerbrechen? Und falls nun die Mehrzahl der Menschen einen ‚Wunschbaum‘ (oder ein vergleichbares Konstrukt) nutzen, was würde dies über die Wahrscheinlichkeit aussagen, dass zwischen Bäumen und dem Wahrwerden von Wünschen ein kausaler Zusammenhang besteht? (Diese Tradition ist anscheinend wirklich recht verbreitet: auch in Japan schreibt man seine sehnlichsten Wünsche auf einen Zettel, den man an die Äste eines geeigneten Baums hängt…)

Darüber zu spotten, liegt mir fern. Statt dessen denke ich den ’natürlichen Spannungszustand‘ zwischen religiösen Lehren und volkstümlichem Aberglauben: Zumindest ‚heidnische‘ Vorstellungen, so verbreitet sie auch waren, wurden von christlichen Klerikern stets verworfen (sofern sie nicht ‚chrisianisiert‘ und mit einem neuen Bedeutungszusammenhang versehen wurden).

Aberglaube kann durch die falsche Verknüpfung von Ursache und Wirkung entstehen. Eie das Magazin für Psychologie und Hirnforschung Gehirn & Geist schrieb, neigen Menschen neigen zu der „Vorstellung, gleichzeitige Ereignisse seien kausal miteinander verknüpft, obwohl sie in Wirklichkeit voneinander unabhängig sind“. Bei mehrmaligem zeitlichen Zusammentreffen von zwei Ereignissen würde eine ursächliche Verbindung angenommen, so dass abergläubisches Verhalten relativ schnell entstehe. Umgekehrt benötige es viele Male des Nichtzusammentreffens, um diesen Verdacht wieder zu zerstreuen. (vgl. WELT, 2009)

Der Gedankengang „Ich denke, also bin ich“ trifft zweifellos zu, das Subjekt findet seine Bestätigung in sich selbst. Doch die Überlegung „Wir denken an Gott, also ist Gott“ lässt sich daraus kaum konstruieren, weil sie den Radius der Evidenz durch Beobachtung (des ‚Ich‘) verlässt.
Auch aus dem Umkehrschluss wird kein Schuh: Aus der Tatsache, dass die Zahl derer abnimmt, in deren Denken Gott eine Bedeutung einnimmt, lässt sich keineswegs die Nichtexistenz einer schöpferischen Intelligenz schließen.

Atheisten und streng gläubige Personen sind vielleicht um ihre subjektive, innere Glaubensgewissheit zu beneiden. Wir anderen werden weiterhin mit der Ungewissheit und unseren Zweifeln leben müssen, fürchte ich.

 

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Katholische Kirche: Austritte nahmen 2014 weiter zu

Wie die Statistik der Kirchenaustritte zeigt, wuchs deren Anzahl auch  weiter an: 217.716 Deutsche kehrten im Jahr 2014 der röm.-katholischen Kirche den Rücken – knapp 39.000 mehr als im Vorjahr. Damit wurde das bisherige Rekordniveau von 2010, zum Höhepunkt des Missbrauchsskandals (181.193 Austritte), nochmals übertroffen (SZ, Juli 2015).
Wie die Dt. Bischofskonferenz mitteilte, sank zudem die Zahl der Eintritte und Wiederaufnahmen um mehr als 900 auf gut 9100.

Die Gründe lassen sich nur vermuten. führt der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, erklärt für die vielen Austritte als „persönliche Lebensentscheidungen, die wir in jedem einzelnen Fall zutiefst bedauern, aber auch als freie Entscheidung respektieren.“ (kath.net, 17.7.15)
Sicher, nur wie kommt es zu dieser Häufung?

  • Den investitionsfreudigen Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst (im Feb. 2015 durften Journalisten die 6 Millionen € teure und 280 m2 große Privatwohnung im Limburger Bischofssitz bewundern) hat sein Boss längst im Päpstl. Rat für Neuevangelisierung geparkt und damit dem ständigen Blick der Presse entzogen. Formal bleibt er weiterhin (emeritierter) Bischof. Die Verärgerung über ein ver(w)irrtes Schaf taugt meiner Ansicht nach auch nicht wirklich als Beweggrund, die Kirche ganz zu verlassen.
  • Zu mancher Austrittsentscheidung könnte die Verwirrung um ein neues Einzugsverfahren für die Kirchensteuer auf Kapitalerträge beigetragen haben: Seit Anfang 2015 leiten Banken und Sparkassen die Kirchensteuer auf Kapitalerträge oberhalb des Sparerfreibetrags automatisch an die Finanzämter weiter. Dies sei von vielen irrtümlich als ’neue Steuer‘ aufgefasst worden.
  • Christian Weisner, der Sprecher der katholischen Laienorganisation „Wir sind Kirche“, vermutet noch eine andere Ursache: Der Franziskus-Effekt sei in Deutschland noch nicht hinreichend spürbar. „Diese Kontrollwut, wie wir sie auch von Papst Benedikt erlebt haben – das muss vorbei sein.“ (SPON, 17.7.15)

Solche singulären Ereignisse mögen den letzten Anlass zu einer Entscheidung bieten, die schon lange zuvor gereift ist…eine innere Verabschiedung sozusagen: Dominik Meiering, Generalvikar des Erzbistums Köln: „Der Kirchenaustritt ist nur der letzte Schritt auf einem langen Weg, auf dem einem Menschen die Kirche immer fremder wird. Wer in der Kirche keine Heimat mehr hat, dem fällt es leichter, bei einem akuten Anlass förmlich den Austritt zu erklären.“
Damit trifft Meiering den Nagel auf den Kopf.

Der Theologe und Buchautor Norbert Reck sieht die „massenhaften“ Austritte in einem Wandel im religiösen Selbstverständnis der Menschen begründet:

„Bevor dieser Wandel einsetzte, bestimmten die Menschen ihre Identität in erster Linie durch die Zugehörigkeit zu ihrer Familie, zu ihrer gesellschaftlichen Klasse, zur Heimatregion, zu einer Kirche oder auch zu einer Partei.“
Heute werde Selbstwertgefühl nicht mehr aus der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe gewonnen, sondern aus sich selbst heraus: „aus dem, was sie können, was sie wollen, was sie ablehnen“ (Vgl. „Das Ende der Kirchewie wir sie kennen„, BR)

Glaubt man langfristig angelegten Studien über die Gründe für Kirchentritte, stehen meist ‚Gleichgültigkeit gegenüber der Kirche‚ und Aussagen wie ‚Ich brauche keine Religion in meinem Leben‚ oder ‚Ich kann mit dem Glauben nichts mehr anfangen‚ im Vordergrund. Selten seien dagegen Übertritte zu einer anderen großen Konfession oder der Wechsel in kleinere Glaubensgemeinschaften wie z.B. Freikirchen.

Wir leben einer Zeit, in der Medien wie nie zuvor die Meinungsbildung der Menschen beeinflussen. Trotzdem, wenn die taz im Jahr 2009 eine Anleitung zum Kirchenaustritt („Ausstieg leicht gemacht„) herausgibt, mag dies zum Ausstiegsklima zusätzlich beitragen, aber mehr auch nicht.

 

Die andere Seite der Medaille: Im Jahr 2014 wurden 164.833 Säuglinge katholisch getauft …was den Mitgliederschwund ziemlich relativiert. Zudem gab es 188.342 „Kommunionkinder“. Dass Kirchen an dieser rücksichtslosen Vereinnahmung unmündiger Kinder festhalten, wiegt für mich als Kritikpunkt weitaus schwerer als Protzbauten oder unklare Kommunikation von Steuerfragen.
Der Anspruch, wie ihn Kardinal Reinhard Marx formuliert – den Auftrag der Kirche glaubwürdig zu erfüllen – wird durch diese dem Gedanken der Religionsfreiheit und -mündigkeit klar widersprechende Praxis ad absurdum geführt.

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Scobel – Aberglaube

Schnee von gestern?

Von wegen! Noch vor fünf Jahren fieberten Teile der aufgeklärten deutschen Nation den ‚Vorhersagen‘ eines wohlschmeckenden Orakels entgegen: „Krake Paul – Oktopus sagt Spanien Deutschland WM 2010 voraus. Sogar die durch Zwangsabgaben finanzierten öffentlich-rechtlichen Medien ver(sch)wendeten einiges an Sendezeit darauf, ‚Paul‘ bei seinen Ziehungen von WM-Resultaten zu begleiten. Tisch → Kopf.

Kurzum, in der modernen Welt ist Aberglaube längst nicht ausgestorben …er wurde lediglich den Erfordernissen der Zeit angepasst. Dank medialer Reizüberflutung wenden sich immer mehr Menschen ‚esoterischen‘ Angeboten zu: Serviceleistungen wie Kartenlegen und Kaffeesatzlesen lassen sich nun bequem per TV-Bildschirm ’nutzen‘ und bezahlen. Wie erklärt es sich, dass sich Aberglaube in unserer Gesellschaft weiter ausbreitet? Scobel geht dieser Frage nach und erörtert die Geschichte des Aberglaubens:

Freilich wird die Bezeichnung Aberglaube wird in der Regel polemisch auf sämtliche Glaubensformen und religiöse Praktiken angewandt, die nicht den eigenen (zu oft als ‚allgemeingültig‘ empfundenen) Überzeugungen und Lehrmeinungen entsprechen: „Da sich der Begriff von der jeweils herrschenden Welt- und Glaubenssicht her definiert, wird der Inhalt von dem jeweiligen wissenschaftlichen oder religiösen Standpunkt des Darstellers bestimmt.

Gerne werden Gegner in einem spirituellen/religiösen Dissens mit diesem Begriff belegt, um deren Mangel an theologischer Bildung ‚aufzuzeigen‘ sowie volkstümlicher und okkulter Glaubensrichtungen herabzuwürdigen.

  • Die ‚Hart Aber Fair‘ -Ausgabe vom 23.03.2015 („Von Impfgegnern bis zu Geistheilern – alles nur Aberglaube?„) befasste sich mit ‚zeitgenössischem‘ Aberglauben, wobei dieser Begriff mir hier gänzlich unangemessen erscheint. Eher ging es in dieser Talkrunde darum, den Risiken moderner Legendenbildung auf den Grund zu gehen: Wenn unreflektierter Glaube an wirklichkeitsferne Gerüchte sich auf die ‚Volksgesundheit‘ auswirkt, tut Aufklärung Not.
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